Sie befinden sich hier: Start |Publikationen |vorgänge |Online-Artikel |

vorgänge: Artikel, Generationen - 25.02.85

Armut und Menschenwürde

Dorothee Sölle

aus vorgänge Nr. 73 (Heft 1/1985), S. 23-31

Vor etwa zwei Jahren wurde Ronald Reagan von Reportern auf die sich immer noch verschlechternde Lage der Armen in den Vereinigten Staaten angesprochen. In seiner  Antwort vermied er das Wort »arm« und sprach stattdessen von den Nicht-reichen, the non-rich. Diese Ausdrucksweise hat mich schockiert, obwohl mir schon bekannt war, daß die einzige Fremdsprache, die Reagan beherrscht, das Orwellsch ist. Was bedeutet es; habe ich mich gefragt, wenn jemand das Wort »arm« nicht mehr in den Mund nimmt? Gehört es zu den schmutzigen Vier-Buchstaben-Wörtern, die man besser nicht benutzen sollte? Die Sprachverrenkung signalisiert ein neues politisches Paradigma. Vor allem drückt sie eine Verleugnung von Realität aus: die Armen sind gar nicht arm. Es gibt gar keine Armen in den USA. Es gibt keinen Hunger, wie der Präsident bei anderer Gelegenheit scherzte, die Leute sind nur gerade bei einer speziellen Diät. Die Realität darf nicht gesehen und benannt werden, und die wichtigsten Medien in den USA folgen diesem Szenario: Die Nichtreichen sind nicht sichtbar, sind Nichtpersonen. Reden von den »Nicht-reichen« enthält zugleich einen Angriff auf die Würde der Armen; das, was ich ihre spirituelle Wirklichkeit nennen möchte, muß ebenfalls »neutralisiert« werden.

 

Das Wort  »arm« enthält ja vielfältige Konnotationen und gefährliche Erinnerungen an eine andere Lebensform. In den germanischen Sprachen hängt »arm« mit »lieb« zusammen und wird auf »mitleidenswert« und »verlassen« zurückgeführt, wie wir das aus umgangssprachlichen Wendungen ('ein armer Tor', 'ein armer Hund') noch kennen. Im Kölschen gibt es eine schöne Wendung, um auszudrücken, daß es einem psychisch schlecht geht: »Ich han et arm Dier.« Diese Ausdrücke entsprechen einer jüdisch-christlichen Mitleidtradition, die im kalkulierten Sozialabbau der Wende keinen Platz mehr haben darf. Der Nationale Kirchenrat in den USA hat schon 1981 in seinem »Wort an die Kirchen« programmatisch erklärt:

»Die neue Regierung verlangt von uns, unser bisheriges Verständnis, nämlich daß eine Regierung grundsätzlich verantwortlich dafür sei, 'die allgemeine Wohlfahrt zu fördern', zu revidieren.... Die Politik der neuen Regierung zielt nicht nur darauf ab, die sozialen Leistungen zu beschneiden, sondern leugnet auch, daß die Menschen ein Recht darauf haben.« (FR 16.9.1981, S. 14).

Die USA hat in den letzten Jahren, was das soziale Netz angeht, allmählich einen vorrooseveltschen Zustand erreicht. Die Regierung erhebt gar nicht mehr den Anspruch,  die ganze Gesellschaft zu fördern und hat den nationalen Traum einer gerechten Gesellschaft, eines neuen Jerusalems ohne Ausbeutung und Sklaverei aufgegeben und sich  von seinen Wurzeln in Christentum und Aufklärung gelöst. Seit Beginn der 80er Jahre werden immer größere Anteile der Bevölkerung systematischer Verelendung unterworfen. (Siehe auch den Beitrag von Margit Mayer, Seite 15). Mitten im Überfluß, der die reichen Industrienationen weiter kennzeichnet, breiten sich in Europa und Nordamerika Armut und Hunger aus, während die Nahrungsmittelproduktion gleichzeitig mit Zuschüssen aus Steuergeldern reduziert wird. Aber diese wachsende Minorität darf nicht allzu sichtbar werden; es gibt keine Armen, nur einige Nicht-reiche.

 

Ohne Zweifel sind Armut und Reichtum außerordentlich relative Begriffe, die in verschiedenen Gesellschaften und zu anderen Zeiten sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Um sie sinnvoll zu verwenden, müssen wir lernen, kontextuell, relational und postmaterialistisch zu denken. Das sind methodische Voraussetzungen, die ein Diskurs über die neue Armut hoffentlich erfüllen wird. Mit 'kontextuell' meine ich den Lebenskontext, innerhalb dessen die kalkulierte Verarmung stattfindet, also z.B. den Unterschied zwischen entlassenen älteren Arbeiterinnen und Jugendlichen, die von der Arbeitserfahrung überhaupt ausgeschlossen werden. 'Relational' heißt 'in Beziehung stehend': man kann nicht über die neuen Armen reden und über die Reichen schweigen. Deswegen ist der karikative Ansatz mit staatlichen Hilfsprogrammen etwa so sinnvoll, als wolle man Schwerkranke mit Schmerztabletten heilen. Mit 'postmaterialistisch` möchte ich (vorsichtig) die herkömmliche Identifikation von Arbeit mit Lohnarbeit in Frage stellen; die Menschenwürde muß anders begründet werden als im Lohnerwerb, und die Menschenrechte müssen neu, den bürgerlichen Rahmen von Religions-, Presse-und Versammlungsfreiheit überschreitend, definiert werden.

 

Diese Vorüberlegungen sind notwendig, schon um uns vor dem alles nivellierenden Relativismus zu retten. »Was heißt schon arm? Gemessen an Kalkutta...« ist zynisches Gerede für beide Gruppen, den Verhungernden der Zweidrittelwelt wie den neuen Armen in der reichen Welt gegenüber.

 

Gehen wir von anerkannten sogenannten Grundbedürfnissen von Menschen aus: Nahrung, Gesundheit, Bildung, Wohnung, Kleidung, Arbeit und Kommunikation sind Bedürfnisse, deren Beeinträchtigung oder Verweigerung Menschen »arm« macht, sie verelenden läßt oder sie vernichtet. Bekanntlich gibt es »viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staate verboten.« (Bert Brecht, Gesammelte Werke 12, 466). In diesen Bemerkungen Brechts ist die Würde des Menschen vorausgesetzt. Ein kontextuelles Denken versucht, die Situation der Armut in Beziehung zu setzen zur menschlichen Würde. Der Vergleich mit Kalkutta ist für die Obdachlosensiedlung am Rand unserer Großstädte ganz unangebracht; die Fragen, die wir wirklich stellen müssen, sind: Wann wird Armut entwürdigend? Unter welchen Bedingungen zerstört sie die Würde des Menschen?

 

Nicht jede Form von Armut hat diese destruktive Qualität. Anfang November 1984 hielt der dann zum Staatspräsidenten gewählte Daniel Ortega in Nicaragua eine Rede, in der er den Zuhörern die ganze Härte des Krieges und der Vernichtungsdrohung durch die USA klarmachte. Er habe nichts zu versprechen als »Bohnen, Reis und menschliche Würde« sagte Ortega. Und eine der großen Faszinationen Nicaraguas für den Besucher aus der reichen Welt besteht gerade darin, daß er hier überall extreme Armut sieht, daß sie aber in den allermeisten Fällen nichts Entwürdigendes hat — vor  allem, weil sie kollektives Schicksal, nicht Bestrafung einzelner Individuen ist. Ein Drittel der Bevölkerung Managuas lebt in den oft aus Blech, Holz und ein paar Steinen aufgebauten Hütten der Armen. Es sind »slums«, aber nicht vergleichbar mit denen, die ich in Mexico City, in Santiago de Chile oder Buenos Aires gesehen habe. Im neuen Viertel El Retiro zum Beispiel haben alle Hütten Elektrizität, der Abfall liegt nicht auf den Lehmwegen; Wasserstellen sind über das ganze Gebiet verteilt; die meisten Leute tragen Schuhe. »Was bedeutet Revolution für dich?«, fragte ich eine junge Frau, Mutter von sechs Kindern, am Stadtrand von Managua. »Meine Kinder werden etwas lernen«, sagt sie, und ein barfüssiges schönes Kind vor der Einraumhütte aus ein bißchen Holz und Blech erklärt mit einer Arroganz, die Fünfjährige manchmal aufbringen, daß sie später studieren und Doktor werden wird.
Es gibt Formen von Armut, die die Würde des Menschen nicht zerstören, und die christliche Tradition läßt sich nur dann verstehen, wenn wir von dieser Möglichkeit ausgehen. Warum sind dann die bei uns auftauchenden Formen der neuen Verarmung, warum ist unsere Armut der Alten, der Frauen, der Kinderreichen, der Arbeitslosen, der Unbeschäftigbaren so anders und so zerstörerisch? Unter welchen sozialen und psychosozialen Bedingungen zerstört Armut die Würde des Menschen?
Ich will darauf mit einer Fallbeschreibung antworten.

 

Herbert, ein entfernter Verwandter von mir, jetzt 55 Jahre alt, war fast zwei Jahre arbeitslos. Er ist Gipser von Beruf, ein Rest von handwerklicher Tätigkeit im kleinen Team ist da, er hatte eine starke loyale Bindung an die Firma, für die er tätig war. Seine Angst, daß diese Firma pleite machen könnte, war so groß, daß er zu einem relativ späten Zeitpunkt noch Geld in das Unternehmen steckte, um es zu retten.
Das Unternehmen und sich selber, wollte er retten. Beides mißlang. Er hat in diesen 20 Monaten eine Erfahrung der Sinnlosigkeit gemacht, die anderen, die außer der Arbeit andere Formen des Selbstausdrucks gelernt haben, fremd bleiben muß. Herbert kannte nichts als seine Arbeit. Als sie weg war, war sein Leben weg. Es fand gar nichts mehr statt. Es war nicht in erster Linie ein finanzielles Problem, er arbeitete gelegentlich schwarz und kam einigermaßen hin, das Häuschen ist fast abbezahlt, die Kinder selbständig. Es war ein existenzielles Problem, eine Frage nach dem Sinn des Lebens. Herbert saß während dieser Zeit herum. Er rauchte mehr als je, eine nach der anderen. Er nahm ab. Er las früher nicht, warum sollte er jetzt lesen. Er ist früher nie in Urlaub gefahren, hielt es woanders immer nur zwei oder drei Tage aus, ohne Arbeit schon gar nicht, warum sollte er jetzt herumreisen. Er wurde zunehmend agressiver zu seiner Frau. Zu den beiden heranwachsenden Töchtern war er schon vorher agressiv; jetzt sprach er fast nicht mehr mit ihnen. In seiner kleinen Firma hatte er ein besonders gutes Verhältnis zu den dort arbeitenden Italienern und Jugoslawen. Er beschützte sie vor Ungerechtigkeiten. Seitdem er arbeitslos war, redete er nur noch verbal-agressiv gegen sie, schimpfte über die Ausländer. Ebenfalls verschärft hat sich sein Verhältnis zu den gesellschaftlichen Institutionen, er war zwar schon immer mißtrauisch, fühlt sich aber erst jetzt, als älterer Arbeitsloser, von allen Parteien gleichermaßen verraten. Fast könnte man das große Wort Staatsverdrossenheit auf ihn anwenden. Sicher handelt es sich um eine Sinnkrise.

 

Arbeit ist ein Teil unserer Sinnerfahrung. Sie stellt unsere Selbstachtung her. Für Her bert war die Selbstachtung massiv bedroht, als ihm die Arbeit genommen war. Sie hatte ihm Wert verliehen, vor anderen und vor sich selber, sie hatte ihn integriert in das Leben der Familie, ihm Beziehung gegeben zu den Kollegen am Arbeitsplatz und den größeren gesellschaftlichen Institutionen. Als die Arbeit weg war, war plötzlich der Zusammenhalt weg. Die Maschinerie seines Lebens funktionierte nicht mehr, der Rhythmus war weg, die gute Müdigkeit, das Miteinanderreden am Abend. Das Bier schmeckte anders. Als die Arbeit weg war, stellte sich plötzlich heraus, daß Herbert kein Mensch war ohne sie.


1

2

3

Vor