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vorgänge: Artikel - 1.12.06
Desintegration und Parallelgesellschaft
Dirk Halm, Martina Sauer
Aktuelle Befunde zur Integration türkeistämmiger Migranten,
aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 84-94
I. Einleitung
Die Diskussion um die Integration von Zuwanderern konzentriert sich in jüngster Zeit auf die Forderung nach mehr Anpassung und den vermeintlich fehlenden Anpassungswillen insbesondere der türkisch-muslimischen Migranten. Als Argument der Anpassungsunwilligkeit dient dabei häufig die vermeintlich verstärkte und bewusste Bildung parallelgesellschaftlicher Strukturen. Parallelgesellschaften werden in der öffentlichen Diskussion der Assimilierung als gescheiterte Integration entgegengesetzt. Was unter Parallelgesellschaften zu verstehen ist, bleibt zumeist diffus und wird nicht diskutiert, unklar bleibt dabei häufig auch, worauf sich Integration bezieht.
Die Debatte wirft jedoch zwei zentrale Fragen auf: Lassen sich in der türkischen Community zunehmende parallelgesellschaftliche Strukturen nachweisen? Und ist das Konzept der Parallelgesellschaften geeignet, Desintegration zu erfassen? [1]
Der vorliegende Text versucht hierauf Antworten zu geben. Nach theoretischen Überlegungen zu den Konzepten von Integration und Parallelgesellschaft wird anhand von Befragungsdaten der Stiftung Zentrum für Türkeistudien aus den Jahren 1999 bis 2005 [2] empirisch überprüft, ob eine Zunahme parallelgesellschaftlicher Strukturen zu beobachten ist und welche Auswirkungen solche Strukturen auf die Integrationsperspektive der Betroffenen haben.
2. Theoretische Überlegungen – Integrationstheorie und Parallelgesellschaft
Das zentrale Konzept, das bis heute die – vor allem öffentliche - Erwartung an die Integration von Zuwanderern prägt, ist die Theorie des „Race-Relations-Cycles“, die bereits in den 1930er Jahren in den USA entwickelt wurde. [3] Danach passen sich Zuwanderer über jede Generation ein Stück weiter an die Kultur der Aufnahmegesellschaft an und geben die Herkunftskultur in entsprechendem Maße auf. Die Nichterfüllung dieser Erwartung bei der zweiten und dritten Generation der Zuwanderer in Deutschland führt nun dazu, von gescheiterter Integration zu sprechen, obwohl auch im „Race-Relations-Cycle“-Ansatz erst nach mehreren Generationen (räumliche) Segregation dem „Melting-Pot“ weicht. Ebenfalls in den 1930er Jahren wurden dazu bereits alternative Theorien entwickelt, wie die des „Ethnic Revivals“. [4] Auch hier wurde von einer Zunahme des Assimilationsgrades von der ersten zur zweiten Generation ausgegangen, in der dritten Generation jedoch würde es typischerweise zu einer Rückbesinnung auf die kulturelle Tradition des jeweiligen Herkunftslandes kommen.
Neuere sozialwissenschaftliche Modelle der Migrationsforschung [5] stellen den eindimensionalen Ansätzen des Race-Relation-Cycles und des Ethnic Revivals ein Modell gegenüber, das auf die komplizierte Wechselbeziehung zwischen den in der Aufnahmegesellschaft vorfindbaren Handlungsoptionen oder -barrieren und den Orientierungen bzw. Ressourcen der Zuwanderer abhebt. Daraus ergeben sich verschiedene Integrationsverläufe und -ausgänge, die von den Migranten nicht einfach gewählt werden, da sie von zahlreichen Restriktionen der Aufnahmegesellschaft begrenzt sind. So setzt Assimilation voraus, dass in der Aufnahmegesellschaft keine soziale Schließung zu finden ist, also die Zugehörigkeit zur Minorität keinen Einfluss auf die sozialen Chancen und den Statuserwerb hat. Segregation ist dann wahrscheinlich, wenn hohe Zugangsbarrieren zur Aufnahmekultur oder starke Anreize, in der Herkunftskultur zu verbleiben, bestehen. Die Bereitschaft der Aufnahmegesellschaft, Partizipation über ethnische - oder auch kulturelle oder religiöse - Grenzen hinaus zuzulassen, zählt danach zu den wichtigsten Bedingungen erfolgreicher Integration. [6]
Esser (2001) macht vier Dimensionen der Integration aus, die sich wechselseitig bedingen und beeinflussen: Die kognitive Integration oder Akkulturation bezeichnet den Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten, die zumeist über Sozialisations- und Bildungsinstanzen übermittelt werden. Die strukturelle Integration bezieht sich auf die soziale Platzierung, d.h. Berufsrolle und Einkommen, aber auch Akzeptanz. Die soziale Integration oder Interaktion umfasst die Kontakte zur einheimischen Bevölkerung einschließlich der Teilhabe an gesellschaftlichen Organisationen. Die identifikative Integration bezieht sich auf das Zugehörigkeitsgefühl und die Verinnerlichung von Werten und Normen als selbstverständliche Handlungsregulative.
Die wirtschaftliche Teilhabe der Zuwanderer – ihre Platzierung - in der Gesellschaft gilt neben der Akkulturation, die für die strukturelle Integration eine zentrale Voraussetzung darstellt, als Schlüsselbereich der Integration. Soziale Integration und Identifikation sind dann eher Folge einer positiv erlebten wirtschaftlichen Integration. Die Orientierungen der Zuwanderer und ihre Teilhabechancen in der Mehrheitsgesellschaft stehen zwar im Zusammenhang, müssen aber nicht parallel verlaufen. Die enge Anbindung an die Aufnahmegesellschaft, Akkulturationsleistungen und rege Kontakte sind keine schlechte Voraussetzung für Chancengleichheit, aber auch längst keine Garantie. [7]
Wie verhält sich nun das Konzept der Parallelgesellschaft zu den Integrationstheorien der Migrationsforschung?
Der Begriff der Parallelgesellschaft wurde durch die öffentliche Debatte geprägt, ohne jedoch näher reflektiert worden zu sein. [8] Einzig Thomas Meyer (2002) hat sich aus wissenschaftlicher Perspektive mit der Definition von Parallelgesellschaft befasst und schlug fünf Merkmale der Existenz parallelgesellschaftlicher Strukturen in Migrantencommunities vor: kulturell-religiöse Homogenität, lebensweltliche und zivilgesellschaftliche Segregation sowie die Verdopplung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen, formal freiwillige Abschottung sowie siedlungsräumliche Segregation. Diese Definition legt die Messlatte für das Vorliegen parallelgesellschaftlicher Strukturen ausgesprochen hoch, in diesem Sinne können Parallelgesellschaften von Zuwanderern zumindest in Deutschland kaum in größerem Umfang existieren. Eine Operationalisierung der Indikatoren ist aber für eine dynamische Betrachtung dennoch sinnvoll: Gibt es eine Entwicklung hin zur oder weg von der Parallelgesellschaft?
Die Diskussion um Parallelgesellschaften konzentriert sich auf die Aspekte des interkulturellen Zusammenlebens. Damit umfasst er nur einen Ausschnitt dessen, was Integration bzw. Desintegration ausmacht. Der von der Migrationsforschung beschriebene Schlüsselbereich der Integration, die wirtschaftliche Teilhabe oder strukturelle Integration, blendet er aus. Debatten über Parallelgesellschaften von Migranten entzünden sich selten an ungleichen Bildungschancen oder überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit. Diese Teilhabedimension muss aber berücksichtigt werden, wenn es um die Einschätzung der gesellschaftlichen Folgen von Parallelegesellschaften geht.
3. Die Entwicklung parallelgesellschaftlicher Strukturen?
Aufgrund der großen politischen und gesellschaftlichen Brisanz des Themas lohnt sich dennoch ein genauerer Blick auf die empirische Evidenz der Entwicklung parallelgesellschaftlicher Strukturen türkeistämmiger Migranten in Deutschland.
Anhand einer Längsschnittuntersuchung zum interkulturellen Zusammenleben der türkeistämmigen Bevölkerung Nordrhein-Westfalens [9] können Meyers Indikatoren der Parallelgesellschaft operationalisiert und die Entwicklung dieser Indikatoren über die Zeit nachvollzogen werden. [10]
Religiöse Homogenität
Die überwiegende Mehrheit der türkischen Migrantinnen und Migranten gehört mit 97% dem muslimischen Glauben an, 91% hiervon sind Sunniten, 8% sind Aleviten und weniger als 1% gehören dem schiitischen Glauben an. Somit kann man von einer relativ ausgeprägten religiös-kulturellen Homogenität ausgehen. Nicht nur formal, sondern auch emotional definiert sich die Mehrheit der Befragten dem Islam zugehörig: Mehr als die Hälfte (54%) sehen sich selbst als eher religiös und gut jeder Fünfte als sehr religiös. Knapp ein Fünftel fühlt sich selbst als eher nicht religiös und 5% als gar nicht religiös.
Seit dem Jahr 2002 macht sich eine deutliche Zunahme der Religiosität bemerkbar. Im Jahr 2001 betrug der Anteil der sich sehr und eher religiös Definierenden nur 57%. Im Jahr 2005 ist er auf 76% gestiegen. Bei mehrheitlicher Zugehörigkeit zum sunnitischen Islam ist die türkische Gesellschaft in Deutschland damit zwar nicht homogen, aber doch stark religiös geprägt - und diese Prägung hat im Untersuchungszeitraum linear und deutlich zugenommen.
Über die Ursachen der Zunahme der Religiosität kann nur spekuliert werden, doch ergeben sich aus den Ergebnissen der Befragung von 2002 [11] der Zeitreihe, in die zusätzlich Fragen zum Zusammenleben von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft nach dem 11. September aufgenommen wurden, Hinweise darauf, dass die Anschläge in New York und die seitdem stattfindende – und gerade im letzten Jahr wieder verstärkt geführte – Diskussion um das Wesen des Islam, seiner Vereinbarkeit mit modernen Industriegesellschaften und die Position der Gläubigen zu einer Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft und einer verstärkten Auseinandersetzung der Muslime mit dem Islam, der Hinterfragung ihrer religiösen Identität und als Resultat zu einer verstärkten Identifikation damit geführt hat. Anzunehmen ist zudem, dass die stärkere Hinwendung zur Religion aus Angst vor einem Identitäts- und Werteverlust im Zuge der fortdauernden Migration erfolgt. [12] Die ethnische Identität als „Türke“ und die kulturellen Werte der Herkunftsgesellschaft verwischen, können aber nur bedingt durch positive Werte der Mehrheitsgesellschaft ersetzt werden. Um nicht in die Marginalisierung [13] abzufallen, wendet sich ein Teil der Migranten der Religion zu, die ein starker Identitätsstifter sein kann. Verstärkt wird diese Hinwendung durch den latenten, und durch die Diskussion um die „Gewissensprüfung“ bei der Einbürgerung und die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus gestiegenen Assimilations- und Rechtfertigungsdruck. [14]
Lebensweltliche Segregation
Als Indikator der lebensweltlichen Segregation dienen Angaben zu Kontakten zu Deutschen in verschiedenen Lebensbereichen und interethnischen Freizeitkontakten.
37% der Befragten unterhalten enge, freundschaftliche Beziehungen zu Deutschen, indem man sich fast täglich (18%) oder häufig – mindestens einmal in der Woche – (19%) trifft. 40% der türkeistämmigen Migranten haben jedoch nur wenig Kontakte; 19% treffen sich dabei selten (mehrmals im Jahr) und ein Fünftel so gut wie nie mit Deutschen auf privater Ebene. Daneben unterhalten mehr als 90% der Befragten Kontakte zu Deutschen in mindestens einem der abgefragten Lebensbereiche Nachbarschaft, Bekanntenkreis, Arbeit/Ausbildung und Familie, die über Grußkontakte hinausgehen. Kombiniert man Kontakte in den Lebensbereichen und interethnische Freizeitbeziehungen, ergibt sich ein Anteil von 6%, der als isoliert von der deutschen Gesellschaft bezeichnet werden kann.
Im Zeitvergleich zeigen sowohl die interethnischen Freundschaftsbeziehungen als auch die Kontakte in den Lebensbereichen einen leicht schwankendes, insgesamt jedoch relativ gleich bleibendes Niveau, der Anteil der Isolierten steigt ebenfalls nicht kontinuierlich. Eine zunehmende lebensweltliche Segregation ist insgesamt folglich nicht festzustellen.
Zivilgesellschaft und Verdoppelung der Institutionen
Die Entstehung eigenethnischer Organisationsstrukturen wird in der Öffentlichkeit häufig als das deutlichste Zeichen der Bildung von Parallelgesellschaften wahrgenommen. Die Forschung ist sich über die integratorische Wirkung von Selbstorganisationen uneins, sie werden jedoch nicht per se als Zeichen von Desintegration gekennzeichnet, sondern können auch ein Faktor sein, der die Identitätsbildung unterstützt. [15]
Insgesamt gaben 60% der Befragten eine Mitgliedschaft in einem Verein oder Verband an. 19% sind nur in deutschen und 21% sowohl in deutschen als auch in türkischen Vereinen organisiert. Somit sind 40% aller Befragten auch in deutschen Vereinen Mitglied. Neben den 21%, die sowohl in deutschen als auch in türkischen Vereinen organisiert sind, gehören 21% nur türkischen Vereinen an, insgesamt sind somit 42% auch in türkischen Vereinen Mitglied. Der Vergleich mit den Ergebnissen der letzten Jahre zeigt, dass die Mitgliedschaft generell leicht ansteigt und der Anteil der Nichtorganisierten sinkt. Die zunehmende Mitgliedschaft kommt dabei sowohl deutschen als auch türkischen Vereinen zugute. Auf dieser Datenbasis kann von einer zunehmenden zivilgesellschaftlichen Abschottung in eigenethnischen Vereinen in den letzten Jahren nicht gesprochen werden.
Zudem konzentriert sich das Engagement in eigenethnischen Organisationen im kulturellen und religiösen Bereich. Damit gründet sich die Mitgliedschaft in türkischen Organisationen auf das Bedürfnis religiöser und kultureller Anbindung, das deutsche Organisationen nicht erfüllen können. Damit erfüllen die türkischen Organisationen aber eine Komplementär- und keine Dopplungsfunktion zu deutschen Angeboten.