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vorgänge: Artikel - 20.12.95

Journalismus und Moral

Eckart Spoo

aus: vorgänge Nr. 132 (Heft 4/1995), S. 89-97)

Mir wurde das Thema gestellt: Journalismus und Moral. Kann ich das zusammenbringen? Ich fand keine Zeitung, die sich so moralisch gibt wie die „Bild"-Zeitung aus dem Hause Springer/Kirch. Keine, die in fetterer Schrift ihre moralische Empörung herausschreit. Sie prangert an, was schlecht, was böse ist bzw. was ihre zahlreiche Leserschaft für schlecht, für böse halten soll. Und sie läßt regelmäßig Tränen des Mitleids für die schwergeprüften Guten fließen: Ich habe mich in den Medien umgeschaut. Da steht kaum eine Geschichte, in der nicht klar unterschieden würde zwischen gut und schlecht, gut und böse. „Bild” zieht Fronten – mit allen erdenklichen Mitteln der Sprachmagie. Ausdauernd schafft dieses Blatt Freund- und Feindbilder. Grundregel: Unmoralisch, böse, schlecht sind immer die anderen. Wir dagegen – wenn auch leider oft unverstanden – sind gut.

 

Wir: die deutsche Volksgemeinschaft, für die „Bild” spricht. Als „die deutsche Volkszeitung” hat sich das Blatt einmal in einer Selbstdarstellung bezeichnet, und daran ist sicher etwas Wahres, jedenfalls hinsichtlich der Auflage, die um ein Mehrfaches höher liegt als die der zweitgrößten deutschen Tageszeitung. Die gemeinschaftsbildende Kraft der „Bild"-Zeitung zeigt sich besonders deutlich in ihrem zentralen Teil, dem Sportteil. Über eine ausländische Fußballmannschaft konnten wir da z.B. lesen, sie sei „ein Haufen giftiger Zwerge”. Deutsche Sportler dagegen, versteht sich, sind groß und edel, auch wenn es ihnen nicht immer gelingt, das verständlich zu machen. Nun besteht aber der Fußballsport (ich meine nicht den aktiven, sondern den medialen) nicht nur aus Nationalspielen, sondern hauptsächlich aus Spielen der Bundesliga. Dafür hat die „Bild"-Zeitung ihre Regionalausgaben. In der Frankfurter Ausgabe, versteht sich, wären die Spieler der Eintracht Frankfurt niemals ein „Haufen giftiger Zwerge”.

 

„Bild"-Gründer Axel Springer sagte einmal, es müsse gelingen, das Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es im Fußballstadion herrsche, auf den Alltag zu übertragen. Zur Herstellung und Festigung solchen Einverständnisses müssen die damit beauftragten Blätter wie „Bild” immerzu einen Feind evozieren, eine Bedrohung. Ich will das an einem einzigen Thema exemplifizieren, wie es in den letzten drei, vier Jahrgängen der „Bild"-Zeitung behandelt worden ist.

 

„Immer mehr Asylbewerber – immer mehr Kriminelle” lautete eine einprägsame fette Überschrift. Ausländer sind unmoralisch, kriminell, gefährlich, wir Deutschen dagegen anständig – das ist die vielfach variierte Botschaft. Es gibt zwar auch anständige Ausländer: die schwedische Königin (die aus Deutschland stammt), den Papst, Sir Yehudi Menuhin. Das sind Ausländer, die gelegentlich zu Besuch kommen dürfen. Weniger beliebt sind hier lebende Ausländer, selbst wenn sie für deutsche Fußballclubs spielen (dürfen, solange sie gut spielen). Der typische böse Ausländer ist der Drogendealer, der unsere Kinder verdirbt - ganz anders als ein deutscher Bierbrauer oder Schnapsfabrikant, der Fußballclubs sponsert und vor allem viele große Anzeigen aufgibt. Drogendealer als solche, speziell ausländische, geben keine Anzeigen auf.

 

„Miethai kündigt Deutschen für Asylanten”, lautete eine „Bild"-Schlagzeile, die fast die ganze obere Hälfte der Titelseite füllte. Das klassenkämpferisch klingende Wort „Miethai” gehört normalerweise nicht zum Vokabular dieses Blattes. Aber wenn ein Hausbesitzer (ob der Fall überhaupt zutreffend dargestellt wurde, lasse ich dahingestellt) Deutschen für Ausländer kündigt, gar für Asylbewerber, dann wird er zum „Miethai”. „Bild” stellt ihn an den Pranger. Überantwortet ihn der moralischen Empörung des Volkes von mehr als zehn Millionen „Bild"-Lesern. Mit der Schlagzeile beeinflußt das Blatt sogar noch viel mehr Menschen als seine Leser: Am Kiosk, im Supermarkt, in der U-Bahn, überall begegnen wir der täglichen „Bild"-Schlagzeile, einer Parole, der wir schwerlich ausweichen können. Und besonders wirksam wird eine Parole durch Wiederholung. „Deutsches Mietrecht: Rentner muß raus für Asylanten”, lautete die Schlagzeile an einem anderen Tag. Mit solchen Schlagzeilen wurden dem Volk Urängste eingeprügelt.

 

Die SPD hatte, wer erinnert sich noch daran? - eigens zu diesem Thema eine Broschüre verfaßt und verbreitet, in der der Parteivorstand unter der Überschrift „Grundrecht auf Asyl. Das anständige Deutschland zeigt Flagge” am Schluß versicherte: „Einer Änderung des Grundgesetzes stimmt die SPD nicht zu.” Kurz bevor die SPD umkippte, veröffentliche „Bild” eine Serie „Die Asylanten”. Aus einer Folge dieser Serie seien hier einige Sätze zitiert: „Stellen Sie sich diesen Fall vor: Ein Mann klingelt bei Ihnen, möchte hereinkommen. Der Mann sagt, daß er mächtige Feinde habe, die ihm ans Leben wollen. Sie gewähren ihm Unterschlupf. Doch schnell stellen Sie fest, der Mann wurde gar nicht verfolgt, er wollte nur in Ihrem Haus leben. Und er benimmt sich sehr, sehr schlecht, schlägt ihre Kinder, stiehlt Ihr Geld, putzt sich seine Schuhe an Ihren Gardinen. Sie würden ihn gerne los. Sie werden ihn aber nicht los. Deutsche Asyl-Wirklichkeit ...” Wenn so massiv an die Angst appelliert wird, daß Fremdheit, Unordnung, Unsauberkeit in das saubere, gepflegte Reich der deutschen Hausfrau eindringen, wenn sie also befürchten muß, daß alle Pflege, alles Säubern und alles Anschaffen umsonst waren, dann kann sie kaum anders reagieren als mit Aggressionen - und erst recht der Ehemann: Haustür zu, Hunde raus, Stacheldraht drum, Polizei. Die Wohnung wird zur Festung. Das Haus, die Siedlung, die Stadt, alles muß zur Festung werden.

 

In einer anderen Folge dieser Serie hieß es: „Was ist schlimmer: die Skinheads, die Brandsätze gegen Asylantenheime schleudern, oder die Politiker, die schlau reden und tatenlos zusehen? Die CDU schlägt auf die SPD ein, die SPD schlägt auf die CDU ein, die FDP schlägt auf beide ein, und inzwischen strömen jeden Tag 800 neue Asylanten ins Land. Die Ticker der Agenturen rattern ihre Meldungen auf Endlospapier, viele tragen den Zusatz ,Anschlag`, wenige den Zusatz ,Politik`. Das zeigt, wer in diesem Herbst handelt und wer abwartet.”

 

Diese Beispiele dürften schon genügen, um zu zeigen, mit welchen moralischen Maßstäben die größte deutsche Zeitung das Tagesgeschehen präsentiert Ich finde, es gibt nichts Unmoralischeres im Journalismus als das Produzieren von Feindbildern, das immer die Funktion hat, von gesellschaftlichen Mißständen abzulenken.
Quintessenz solcher Kampagnen ist allemal, daß wir strengere Gesetze brauche, mehr Polizei, mehr Vollmachten und Ausrüstung für die Sicherheitskräfte, einen stärkeren Staat. My horne is my castle. Deutschland, Europa aber müssen zur Festung werden gegen die Gefahren, die vorgeblich allemal von außen kommen.

 

1995 haben wir uns 50 Jahre zurückerinnert an das, was das Nazi-Regime damals zurückgelassen hatte. Nach meinem Eindruck blieb das öffentliche Gedenken meist oberflächlich. Ich hätte vor allem gewünscht, daß gründlich reflektiert worden wäre, was die einzelne gesellschaftliche Institution, die einzelne Profession, also in unserem Fall der Journalismus, dazu beigetragen hatten, das deutsche Volk zu jeglichen Verbrechen zu befähigen. Gewiß, 1933 waren jüdische Redakteure entlassen, kommunistische und bald auch sozialdemokratische Blätter verboten worden. Aber die Generalanzeigerpresse und ihre Redakteure waren geblieben, sie arbeiteten weiter, ohne sich plötzlich verrenken zu müssen. Sie schrieben, was sie schreiben durften und vor allem was von ihnen erwartet wurde. Sie gewöhnten sich daran, daß sie mit dem einen Thema mehr, mit dem anderen weniger Anklang fanden, daß einzelne Vokabeln aus der Mode kamen, andere dagegen flotter, frischer, zeitgemäßer wirkten. Sie verbreiteten, was die gesellschaftlichen Institutionen verlautbarten, und sie gaben sich Mühe, die Verlautbarungen möglichst verständlich, möglichst wirksam zu präsentieren. So beteiligten sie sich an der Propaganda des Nazi-Regimes - bis zum Ende, bis zu den letzten Durchhalteparolen. Sie halfen, dafür zu sorgen, daß sich das Volk mit der Führung identifizierte oder sie zumindest widerstandslos, widerspruchslos ertrug.
Nach der Kapitulation der Großdeutschen Wehrmacht 1945 waren sie alle schnell wieder da, auch die alerten jüngeren Männer, die in ihren Propagandakampagnien ihr journalistische Karriere begonnen hatten. Sie lernten schnell, auf welche Themen, welche Vokabeln es nun ankam. Nach kurzer Pause durften die alten Generalanzeiger-Verleger, die Goebbels dienstbar gewesen waren, ihre alten Blätter wieder verlegen; diejenigen Zeitungen dagegen, die 1933 verboten worden waren, hatten kaum Chancen wiederzuerstehen. (Für Kontinuität auch in der Publizistikwissenschaft sorgten Emil Dovifat, Elisabeth-Noelle-Neumann u.a.) Das Jahr 1933 hatte für die meisten deutschen Journalisten keinen Bruch markiert, das Jahr 1945 markierte für sie nur eine kurze Unterbrechung.
Die Propagandisten des Nazi-Regimes waren keine Unmenschen, keine Monster, keine Ausnahmeerscheinungen, die 1933 plötzlich aufgetaucht und 1945 ebenso plötzlich verschwunden wären, sondern ganz normale Journalisten, die sich je nach den Umständen zur äußersten Unmoral fähig und bereit zeigten. Darauf wies ich zu Beginn des Gedenkjahres 1995 in einer Kolumne der Zeitschrift „M” hin, des medienpolitischen Organs der IG Medien. Ich knüpfte daran die Frage, was uns heutige Journalisten hindere, uns ebenso konformistisch zu verhalten. Größeres Wissen? Bessere Einsicht? Höhere Moral? Oder was? Etwa strukturelle Hindernisse in den heutigen Medien? Irgendeine gesellschaftliche Institution? Ich schloß die Kolumne mit der Bitte um Zuschriften. Nach anderen Kolumnen in „M” bekam ich unaufgefordert Zuschriften, nach dieser dagegen trotz ausdrücklicher Aufforderung keine einzige. Warum gab keine Kollegin, kein Kollege Antwort auf meine Frage, was uns hindert, uns je nach Umständen ebenso für Propagandazwecke herzugeben wie die Journalisten in der Nazi-Zeit? Ich vermute, den Leserinnen und Lesern von „M” ging es wie mir: Ihnen fiel einfach keine Antwort ein.
Ich erwähne diese Erfahrung nicht in resignierter Haltung. Ich sehe darin vielmehr einen Anlaß zu intensiverem Nachdenken über die Bedingungen, unter den Journalistinnen und Journalisten arbeiten, und über die Zwecke journalistischer Arbeit. Beides soll mich im folgenden beschäftigen: Erst die Zwecke, davon ausgehend die Bedingungen und in diesem Zusammenhang auch ein wenig die Methoden.

 

Nach meinem Verständnis soll Journalismus Öffentlichkeit herstellen, Kommunikation ermöglichen, für Aufklärung sorgen.
Öffentlichkeit herstellen - wofür? Für einen Menschenfresser in Rußland? Für Selbstmorde von Kranken? Das geschieht täglich. In „Bild” und anderswo. Privatestes wird an die Öffentlichkeit gezerrt, Öffentliches aber wird privatisiert. Dienstgeheimnis, Amtsgeheimnis, Betriebsgeheimnis, Geschäftsgeheimnis. Angebliche Staats-, Standes- oder Konzerninteressen stehen angeblich der Veröffentlichung entgegen. Und es gibt Journalistinnen und Journalisten, die auch noch stolz darauf sind, wenn sie „unter 3” ins Vertrauen gezogen werden - mit der Selbstverpflichtung, nicht darüber zu berichten.


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