Sie befinden sich hier: Start |Themen |Sozialpolitik |

vorgänge: Artikel, Arbeitslosigkeit - 26.09.79

Problem Arbeitslosigkeit

Von: Manfred Bosch

aus vorgänge Nr. 40/41 (Heft 4/5/1979), S. 161-163

Klaus Heinemann: Arbeitslose Jugendliche. Ursache und individuelle Bewältigung eines sozialen Problems. Eine empirische Untersuchung, Luchterhand Darmstadt/Neuwied 1978, 236 Seiten, DM 19,80 (Soziologische Texte 107).
Projektgruppe Arbeitsmarktpolitik/Claus Offe (Hrsg.).: Opfer des Arbeitsmarktes. Zur Theorie der strukturierten Arbeitslosigkeit, Luchterhand Darmstadt/Neuwied, 1977, 280 Seiten 19,80 DM (Kritische Texte: Sozialarbeit Sozialpädagogik Soziale Probleme).
Karl Heinz Balon/Joseph Dehler/Bernhard Schön (Hrsg.): Arbeitslose: Abgeschoben, diffamiert, verwaltet. Arbeitsbuch für eine alternative Praxis. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 1978, 356 Seiten 7,80 DM (Informationen zur Zeit 4204).
Elke Stark-von der Haar: Arbeiterjugend heute. Jugend ohne Zukunft? Luchterhand Darmstadt/ Neuwied, 1977, 220 Seiten, 19,80 DM (Kritische Texte: Sozialarbeit Sozialpädagogik. Soziale Probleme).
Axel Bolder: Bildungsentscheidungen im Arbeitermilieu. Campus Verlag Frankfurt/New York, 1978, 291 Seiten 29,— DM (Untersuchungen des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen, Köln).

 

Die wissenschaftlichen Bemühungen um die Arbeitslosigkeit scheinen weithin im umgekehrten Verhältnis zur Bedeutung des Problems zu stehen; jedenfalls bestand bis vor kurzem ein eklatanter Mangel an verläßlichen empirischen Untersuchungen. Erst in letzter Zeit hat eine Reihe von Publikationen dieses Versäumnis im Ansatz auszugleichen versucht.

Für den Bereich des Arbeitsamtes Trier beispielsweise hat Klaus Heinemann in „Arbeitslose Jugendliche” eine Erhebung unter Betroffenen zu Ursachen und individueller Bewältigung des Arbeitslosigkeitsproblems veröffentlicht. Dabei geht Heinemann von der Voraussetzung aus, daß Jugendarbeitslosigkeit nicht einfach ein Unterproblem allgemeiner Arbeitslosigkeit darstellt, weil „berufliche Wertorientierung und Leistungsmotivation, wie sie in der ersten Phase des Erwerbslebens vermittelt werden, zugleich die künftige Wirtschaftskraft unserer Gesellschaft bestimmen” — ohne die „reibungslose Integration der Jugendlichen in den beruflichen Prozeß” seien „Stabilität und Erhalt der gesamtgesellschaftlichen Ordnung” nicht gewährleistet. Die sozialintegrativen Leistungen dieser „Enkulturation” durch die Arbeit sieht Heinemann vorallem in der Strukturierung unseres Lebens durch die berufliche Tätigkeit, die Vermittlung sozialer Kontakte sowie die Zuweisung von Status und Prestige, den Erwerb unseres Lebensunterhalts sowie die Entwicklung unserer personalen Identität. Demgegenüber ist der Verlust all dieser Erfahrungen als Krise, als Prozeß der Entstrukturierung darstellbar, „in dem die Lebensbedingungen sowohl in ihrer Reichhaltigkeit, Binnendifferenzierung und Spannungsgeladenheit, in ihrer zeitlichen Tiefe und Strukturiertheit und ihrem Realitätsgehalt zunehmend aufgelöst werden.”
Diese empirische Untersuchung war auf männliche jugendliche Arbeitslose abgestellt, wobei interessierte, „warum einzelne Jugendliche aufgrund individueller Merkmale ihrer Biographie, ihrer Berufsausbildung, aufgrund der Struktur der Elternfamilie, ihrer Arbeitsorientierung ... arbeitslos werden, während andere ihre Beschäftigung behalten.” Die Interpretation der Ergebnisse zeigt, daß es sich bei arbeitslosen Jugendlichen um eine in sich heterogene Gruppe handelt, die durch sehr verschiedenartige Qualifikationen und Wertorientierungen ausgewiesen ist. Heinemann unterschied nach dem Grad von Qualifikation und Anpassungsbereitschaft vier Problemgruppen, innerhalb derer sich differenzierte Erlebens- und Bewältigungsformen von Arbeitslosigkeit ausmachen lassen; entsprechend unterschiedlich müßten hier auch die sozial- und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen ansetzen.

Was sich hinsichtlich der Differenziertheit von Arbeitslosigkeitsproblemen in der Gruppe „Arbeitslose Jugendliche” zeigte, gilt erst recht für die besonderen Problemgruppen des Arbeitslosenmarktes: für Frauen und ältere Arbeitende, Behinderte und Ausländer sowie für Arbeitslose in strukturschwachen (ländlichen) Regionen. Diesen Problemgruppen haben Claus Offe und die Projektgruppe Arbeitsmarktpolitik einen eigenen Band gewidmet, in dem es um das Phänomen der „gruppenspezifischen Verteilung” von „Arbeitsmarktrisiken” geht. Ausgangs- und Ansatzpunkt dieser Untersuchungsreihe ist die empirische Beobachtung, daß sich Arbeitsmarktkrisen bei bestimmten Gruppen wechselseitig verstärken.
Auf eine dieser Problemgruppen, die Behinderten, sei hier kurz eingegangen, weil sie — ohnehin
unterprivilegiert — partiell aus der Betrachtung der wichtigen Arbeitslosengruppen herausfallen. Für den Bereich der Rehabilitationseinrichtungen stellen Leppin/Ritz eine verstärkte Leistungs- und Konkurrenzorientierung fest, was seinen Grund unter anderem darin hat, daß diese Einrichtungen auf die „Bewährung” auf dem Markt angewiesen sind; im Interesse der Vermittlungsfähigkeit ihrer Absolventen auf dem Arbeitsmarkt kommt es ferner zu einer mehr oder weniger ausgeprägten Selektion der Behinderten. Hierdurch und aufgrund der Öffnung dieser Einrichtungen in Richtung auf „normale Leistungsfähigkeit” droht den Schwerbehinderten besonders in Krisenzeiten Verdrängung. Während diese Selektionsprozesse für die eine Gruppe der Behinderten mit vollwertiger beruflicher Rehabilitation enden, ist eine andere weithin von Behinderung, Armut und Unterprivilegiertheit betroffen. Faktisch wird das Problem der beruflichen (Wieder-)Eingliederung von Behinderten also auf die unspektakulärste Weise gelöst: auf kosten und zulasten der Schwerbehinderten, die zu einer Vertretung ihrer Interessen und Belange weniger fähig, also für die Sozialstaatsillusion zugleich ungefährlich sind ...

Boten die Veröffentlichungen von Heinemann und Offe/Projektgruppe Arbeitsmarktpolitik vorallem entscheidungsrelevantes Material inbezugauf verschiedene Gruppen Arbeitsloser in der sozialpolitischen Diskussion, so wendet sich das Arbeitsbuch „Arbeitslose: Abgeschoben, diffamiert, verwaltet” an die Betroffenen selbst bzw. an engere Kontaktpersonen — dies vorallem in der Absicht einer „Gegenwehr”, der Selbsthilfe, um den Arbeitslosen zu beweisen, daß, wer arbeitslos ist, deswegen nicht abgestempelt sein muß. Zwar schätzen die Herausgeber und Autoren Arbeitsverwaltungen, Sozial- und Jugendämter sowie Verbände als „weitgehend hilflos” ein, aber die Beiträge setzen dennoch auf eine im Ansatz alternativer Praxis, die — wie bescheiden auch immer — selbst innerhalb der institutionellen Möglichkeiten ansetzen kann. Dies bezieht sich einmal auf die Vertretung und Unterstützung von Ansprüchen Arbeitsloser gegenüber dem Arbeitsamt, auf die Durchsetzung von Sozialhilfeansprüchen, vorallem aber auf handlungsorientierte Information über berufliche Weiterbildung nach dem Arbeitsförderungsgesetz.
Den wichtigsten Aspekt innerhalb der Überlegungen zu einer alternativen Praxis jedoch bildet nebem dem Materialteil das Kapitel „Praktische Alternativen zum Arbeitslosenalltag” von Reinhold Rühl, in dem über Selbsthilfealternativen berichtet wird. Dem größten Teil der staatlichen Maßnahmen kann nach Rühl zwar nicht die Absicht abgesprochen werden, die Jugendlichen von der Straße holen zu wollen, aber ihr Bedürfnis nach einer „konkret erfahrbaren, kurzfristigen Veränderung ihrer Lebenssituation” werde dadurch nicht erfüllt; die psychosozialen Probleme wie Isolierung, materielle Misere und unbegrenzte Freizeit bestehen weiter. Die „selbstentwickelten solidarischen Formen der Bewältigung des Arbeitslosenalltags” gewinnen deshalb besonders dort an Bedeutung, wo selbst die ihre Hilflosigkeit spüren, die vonberufswegen mit diesen Jugendlichen zu tun haben.
Insbesondere seit der Rezession 1974/75 ist einiges an solchen Selbsthilfe-Initiativen entstanden — erinnert sei nur an die bekannte Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK). Solche Initiativen werden insbesondere dort zu einer real erlebten Möglichkeit und Alternative, wo Jugendliche durch die Mühlen des Lohnarbeiteralltags noch nicht soweit angepaßt sind, daß sie die „Lebensperspektive Lohnarbeit” überhaupt verweigern. Diese Jugendlichen haben sich „durch Übernahme von wichtigen Funktionen im Jugendfreizeitheim bis hin zur Entwicklung von Selbstverwaltungsversuchen einen Tätigkeitsbereich geschaffen, der sie weitgehend ausfüllt und von ihnen als vollwertige Arbeit begriffen wird. Hier entwickeln sie Fähigkeiten, die für die kapitalistische Arbeitsorganisation geradezu disfunktional sind: Planungsvermögen, Umsicht und Eigeninitiative, Ordnungstalent und Phantasie, Artikulationsmöglichkeiten und einen Grad an Zuverlässigkeit, der von diversen Defizit-Theorien der bürgerlichen Psychologie gerade diesen Jugendlichen bestritten wird”, wie es M. Kappeler 1976 in der deutschen jugend formulierte. Rühl stellt in seinem Beitrag das ganze Spektrum dieser Selbsthilfeorganisationen vor, von auf eigene Rechnung Entrümpelungsaktionen durchführenden Kooperativen bis hin zu ökologischen und Sponti-Gruppen, die ihre eigenen Handwerksbetriebe aufbauen. Damit werden zugleich Verweigerungsformen gegenüber entfremdender Lohnarbeit praktiziert, deren Berechtigung in der Darstellung Heinemanns bestritten wird — vermengt dieser doch mit seinen Formulierungen von der „reibungslosen Integration der Jugendlichen in den beruflichen Prozeß” und vom „Erhalt der gesamtgesellschaftlichen Ordnung” unerlaubt das Recht auf Arbeit mit der Sanktion kapitalistischer Herrschaftsformen. Doch auch an Rühls Einschätzung erscheint Kritik notwendig, wenn er diesen Selbsthilfemaßnahmen eine gesellschaftliche Perspektive abspricht. Zwar halte ich mit Rühl dafür, daß „eine Mitarbeit von arbeitslosen Jugendlichen in diesen Gruppen Übergangscharakter haben und die Wiedereingliederung in den Produktionsprozeß deren wichtigstes Ziel" bilden sollte; aber unterschlagen werden dürfte auch nicht, daß die Selbsthilfeorganisation wichtige Erfahrungen mit nichtentfremdeter Arbeit ermöglichen, die innerhalb einer antikapitalistischen Perspektive ihren genuinen Erkenntnis-Beitrag und damit ihre Berechtigung und Bedeutung haben.

Um die Arbeiterjugend insgesamt geht es Elke Stark-von der Haar in ihrem engagierten Buch „Arbeiterjugend heute”. Sie versteht ihre Veröffentlichung als „Beitrag zur theoretischen Bestimmung der grundlegenden Verhältnisse der Arbeiterjugend”; zumandern will sie den „Abwehrkampf der Jugendlichen gegen das Ziel der Unternehmer” stärken, „die Krisenlast voll auf den Rücken der arbeitenden Jugend abzuladen”. Für die Darstellung ist die Krise und damit der ökonomische Bezugsrahmen verbindlich, denn „die konkrete Entwicklung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Jugend ... können nur vor dem Hintergrund der ökonomischen Entwicklung begriffen werden”. Diese Lebens- und Arbeitsverhältnisse werden in den Bereichen physischer und psychischer Gesundheit, bei den Arbeitsbedingungen, im Kampf um verbesserten Jugendarbeitsschutz, Kinderarbeit und betriebliche Berufsausbildung umfassend geschildert. In sämtlichen Bereichen verzeichnet die Autorin eine krisenbedingte Verschlechterung von Lebens- und Arbeitslage bis hin zu Verelendungserscheinungen, die empirisch belegt werden durch umfangreiches Zahlenmaterial. Diesem Befund stellt Elke Stark die Notwendigkeit einer gewerkschaftlichen Gegenmachtbildung entgegen, ohne freilich zu verschweigen, daß es hier ungleich mehr Energie der Gewerkschaften als bisher bedarf. Den Begriff Arbeiterjugend setzt Elke Stark-von der Haar dabei dem der bürgerlichen Jugend entgegen, weil sie das Klassen- gegenüber dem Altersmerkmal als sozial dominant und damit ausschlaggebend betrachtet: „Im Durchschnitt gesehen realisiert die Jugend der Bourgoisie völlig andere soziale Funktionen und Verhaltensweisen als die Jugend der Arbeiterklasse. Die Sozialen Funktionen und Verhaltensweisen stehen im antagonistischen Klassengegensatz zu denen der anderen, nicht, weil sie Jugendliche sind, sondern weil sie der jugendliche Teil entgegengesetzter Klassen sind.”

Daß dieses antagonistische Erklärungsmuster „trägt”, beweist für den Bildungsbereich die Untersuchung „Bildungsentscheidungen im Arbeitermilieu” von Axel Bolde. Weniger auf einen marxistischen Klassenbegriff als auf die Disparitätentheorie Claus Offes zurückgehend, interpretiert Bolder die Ergebnisse einer empirischen Erhebung, die 1971/ 72 in fünf nordrhein-westfälischen Regionen bei allen Eltern veranstaltet wurde, deren Kinder soeben in den Sekundarschulbereich übergewechselt waren.
Im Zusammenhang mit der Bildungsdiskussion und der Reformeuphorie im Bildungswesen noch Anfang der 70er Jahre war dem Begriff der (regionalen wie qualifikatorischen) Mobilität eine gewisse Bedeutung zugekommen. Bolders Ergebnisse zeigen nun, daß es eine spezifische Zurückhaltung in dieser Mobilitätsbereitschaft gibt, deren Gründe vorallem in den Lebensformen und Lebensanforderungen des Arbeitermilieus liegen; der Autor spricht im Zusammenhang mit der geforderten Mobilität gar von einer Zumutung: „... in weiten Kreisen der Bevölkerung existieren Erfahrungssysteme, die Verhaltenszumutung (die Zumutung der Mobilität eben, MB) und versprochene Gratifikationen nicht auf einen Nenner bringen können ... Dies trifft gerade in den Bevölkerungskreisen zu, wo die behaupteten positiven Effekte von Arbeitskraftmobilität am ehesten akut gefragt sind: in der Arbeiterschaft.”
Soziale Mobilität als Strukturprinzip aber, so Bolders Ergebnis, beschränkt sich auf den Mittelbereich der Schichtenzwiebel. „Je marginaler die soziale Lage, desto geringer die Mobilitätsraten, desto verbindlicher sind Kultur- und Sozialisationsmuster.”