Vorwort

Jürgen Roth

Das Verhältnis von Staat und Kirche bereitet der Öffentlichkeit zunehmend Verdruß. Der Anspruch der beiden großen christlichen Kirchen, insbesondere der römisch-katholischen, jenseits gesellschaftlicher Bindungen in einem Naturrechtspark zu existieren und sich des Staates als Zahlmeister und Vollstrecker ihrer Vorstellungen zu bedienen, wird von immer weniger Menschen geteilt. Die steigende Zahl der Kirchenaustritte spricht eine deutliche Sprache.

Die Unruhe über das Gebahren einer sich von den Gläubigen immer weiter entfernenden Kirche geht längst über die traditionell kirchenkritischen Gruppen hinaus. Immer mehr Christinnen und Christen besinnen sich des ursprünglichen Anspruchs ihrer Kirche, für die Menschen da zu sein und nicht Teil des Staates zu werden. Sie haben erkannt, daß sich jede Lehre, jeder Gedanke, in seinem Inneren nachteilig verändert, wenn er sich der Staatsmacht bedient und sich ihr als Gegenleistung zur wohlfeilen ideologischen Rechtfertigung andient.

Im Mittelpunkt des Unbehagens über das Verhältnis von Staat und Kirche steht schon lange die leidige Kirchensteuer, aber auch die zahllosen versteckten Formen der staatlichen Finanzierung der großen Glaubensgemeinschaften. Niemand weiß genau, wie hoch die Zuwendungen aus den öffentlichen Haushalten insgesamt sind, die direkt oder indirekt den Kirchen zugute kommen.

Das in diesem kleinen Buch dokumentierte Fachgespräch hat sich zur Aufgabe gemacht, die außerordentlich unzureichenden Informationen über die finanziellen Verflechtungen und wechselseitigen Verpflichtungen aufzubereiten und nach Ansätzen für eine Lösung zu suchen. Die Bonner Gesprächsrunde war der erste Versuch eines Dialoges zwischen den verschiedenen Gruppen und Personen, die häufig schon seit Jahren oder gar seit Jahrzehnten außerhalb und innerhalb der Kirchen für ein Ende der Verklammerung von Kirche und Staat streiten. Dabei hat sich gezeigt, daß Menschen mit höchst unterschiedlichem geistigen Hintergrund im Gespräch in der Lage sind, Ansätze für zufriedenstellende Lösungen zu finden.

Die von der Bundestagsfraktion DIE GRÜNEN und der HUMANISTISCHEN UNION gemeinsam durchgeführte Anhörung im November 1990 war ein erster Ansatz, auch auf parlamentarischer Ebene die Trennung von Staat und Kirche in den Blickpunkt zu rücken.

Die Organisation der Veranstaltung wurde von Christa Nickels, Mitglied des Bundestages, ihren Mitarbeiterinnen und vom Autor dieser Zeilen, Mitglied des Bundesvorstands der HU, getragen. Zum Erfolg der Veranstaltung haben jedoch maßgeblich die Darlegungen der eingeladenen Experten und der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung beigetragen. Viele spontane Wortmeldungen aus dem Publikum waren zudem so wichtig, daß sie es verdienen, in dieser Broschüre festgehalten zu werden.

Die HUMANISTISCHE UNION hat sich entschlossen, diese Dokumentation herauszugeben, um so ihren seit nunmehr 30 Jahren bestehenden Einsatz für mehr Liberalität und Geistesfreiheit in das neu vereinigte Deutschland hinein zu tragen. In der gegenwärtig laufenden Diskussion über eine Verfassungsreform hat das Kuratorium für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder diese Anregungen aufgegriffen und in seinem Verfassungsentwurf festgeschrieben. Es wird aber wohl noch viel Wasser den Rhein und die Spree hinunterfließen, bis die in diesem kleinen Buch gemachten Anregungen Wirklichkeit werden. Zum Trost all derer, die sich dieser Aufgabe widmen, seien die Dombauherren des Mittelalters als Vorbild genannt. Diese Menschen wußten genau, daß sie die Fertigstellung der großen Kathedrale niemals erleben würden. Trotzdem haben sie mit ihrer Arbeit großartige Werke geschaffen, nicht für sich selbst, aber für nachkommende Generationen.

 

Bonn, den 5. Juni 1991