28.01.1999

"Aufrechter Gang" 1998 für Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier

 

In Bayerischen Volksschulen gilt: "In jedem Klassenzimmer ist ein Kreuz anzubringen". Diese Vorschrift wurde am 16.5.1995 vom Bun­desverfassungsgericht verworfen, da "das Kreuz Symbol für eine bestimmte religiöse Überzeugung ist und ihm diese Wir­kung auf die anwesen­den Schüler nicht abgesprochen werden kann". Damit ist für Andersdenkende die Freiwilligkeit religiöser Ausübung verletzt. Die Reaktion des Bayerischen Gesetzgebers gebar eine "Widerstandsregelung", nach der ein Schulkreuzgegner gewichtige Gründe vorzubringen hat und im übrigen der Wille der Mehrheit zu berücksichtigen ist - obwohl ersteres dem Recht auf Nichtoffenbaren persönlicher Glaubensgründe widerspricht und letzteres den Minderheitenschutz der Grundrechte ins Gegenteil verkehrt.

Als Folge wurde die berechtigte Forderung von Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier nach Klassenzimmern ohne Kreuz für ihre Kinder vom Verwaltungsgericht München abgelehnt, während von den Fundamentalisten angezettelte Provokationen die Billigung des Amtsgerichts Bad Aibling fanden. Die Preisträger beugen sich diesem Druck nicht. Sie verteidigen mit großem Einsatz und Energie eines der wichtigsten demokratischen Grundprinzipien: Oberster Maßstab für öffentliches Handeln ist nicht die Mehrheitsmeinung, sondern der Schutz desjenigen, dessen berechtigte Ansprüche dieser Mehrheit mißfallen.

Die HUMANISTISCHE UNION München drückt Sepp Obermeier und Chung Yee Tang-Obermeier ihre Anerkennung für den Mut aus, mit dem sie sich gegen die Intoleranz der Stammtische und das Vorurteil der Obrigkeit zur Wehr setzen, nach dem besonders die öffentlich zur Schau gestellte christliche Symbolik den Werteverfall unserer Gesellschaft verhindern soll.

Diese Haltung der Preisträger ist eine Ermutigung zum Aufrechten Gang für alle Bürgerinnen und Bürger.

Die Preisverleihung fand am 28. 1. 1999 in München in der Seidlvilla statt. Die Laudatio hielt Dr. Klaus von Welser.

 

Weitere Informationen:

Laudatio von Dr. Klaus von Welser