Fritz-Bauer-Preis 2004 an die Frauenrechtlerin Dr. Susanne von Paczensky

Begrüßungsrede von Rosemarie Will

 

Liebe Susanne von Paczensky,
liebe Mitglieder und Freunde der Humanistischen Union!

 

Nach diesem Auftakt begrüße ich Sie herzlich namens des Bundesvorstandes der Humanistischen Union. Wir wollen heute zum 27. Mal den Fritz-Bauer-Preis verleihen, das elfte Mal, es ist schon gesagt worden, an eine Frau. Aber zum ersten Mal an eine Frau wegen ihres frauenpolitischen Engagements. Das war für den Bundesvorsitzenden, Reinhard Mokros, der Anlass, unsere heutige Preisverleihung auch ausschließlich von Frauen organisieren und gestalten zu lassen. Wir sind Frau genug, dies zu tun, gestatten Sie mir vom Auftrag zum Sinn dieser Fritz-Bauer-Preis-Verleihung zurückzuleiten.

Wir verleihen den Bürgerrechtspreis in Gedenken an Dr. Fritz Bauer, den 1968 verstorbenen hessischen Generalstaatsanwalt, Mitbegründer und langjährigen Vorstand der Humanistischen Union. Fritz Bauer hat sich in beispielhafter Weise für die Humanisierung und Demokratisierung Deutschlands nach dem Kriege engagiert. Sein entschiedenes Eintreten für den Rechtsstaat und die Durchführung des Auschwitzprozesses gilt heute als bedeutender Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen NS-Vergangenheit.

Bevor wir zur diesjährigen Preisträgerin kommen, möchte ich kurz versuchen zu begründen, warum wir mit dieser Preisverleihung am Gedenken an Fritz Bauer festhalten. Im Nachkriegsdeutschland erlangte Fritz Bauer seine erste größere Bekanntheit als Braunschweiger Staatsanwalt 1952 durch den sogenannten Remer-Prozess. Otto Ernst Remer war Vorsitzender der später verbotenen rechtsradikalen Sozialistischen Reichspartei (SRP). Dieser hatte öffentlich die Beteiligten am fehlgeschlagenen Attentat vom 20. Juli 1944 als "Landesverräter" diffamiert. Der damalige Bundesinnenminister Robert Lehr, selbst Beteiligter an der Aktion vom 20. Juli 1944, stellte daraufhin Strafantrag. Das Verfahren endete unter großer Beachtung der Öffentlichkeit mit einer Verurteilung von Remer zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener.

Fritz Bauer als Staatsanwalt in diesem Prozess plädierte hier zum ersten Mal für das Widerstandsrecht als ein "ewig geltendes Menschenrecht", das über jedem gesetzten Recht und jedem Eid stünde. In einem Staat, der Menschenrechte missachte und verleugne, habe jeder Bürger das Recht, seine eigene Menschlichkeit und die seiner Mitmenschen zu verteidigen. Jeder Bürger verfüge darüber hinaus über eine passive Widerstandspflicht, das heißt, eine Pflicht, sich nicht an den Verletzungen der Menschlichkeit zu beteiligen.

Diese Verortung des Widerstandsrechtes hatte für die damalige Zeit zwei weit über die Zeit hinausragende Implikationen. Zur damaligen Zeit stand das Widerstandsrecht in offizieller Sicht nur den Führungseliten zu, und so war die Sicht auf den Widerstand des 20. Juli eine Sicht auf die einer nationalen Freiheitsbewegung, einer nationalen Erhebung. Dagegen wandte sich Fritz Bauer. Für ihn war Widerstandsrecht Bestandteil einer zivilen Bürgergesellschaft, ein allgemeines Bürgerrecht. Und er hat damit eine Verortung des Widerstandsrechtes vorgenommen, die nicht nach der Gesinnung der Widerständler fragte.

Der sozialistische und kommunistische Widerstand war nicht Gegenstand des Remer-Prozesses. Angesichts des aggressiv-dumpfen antikommunistischen Klimas jener Zeit – das KPD-Verbot von 1956 stand noch bevor – war an eine Legitimierung linken Widerstandes nicht zu denken. Fritz Bauer hat das aber bereits so propagiert und angesetzt. Die zweite wesentliche Implikation, die er vorgenommen hat mit seinem Bekenntnis zum Widerstandsrecht als allgemeinem Menschenrecht war die, dass ein solches Widerstandsrecht auch dem kleinen Mann zustünde. Er überschrieb 1962 einen Aufsatz mit dem Titel "Widerstandsrecht des kleinen Mannes".

Ich zitiere Fritz Bauer:

"Der große Widerstand im Unrechtsstaat bleibt nur möglich, wenn der kleine Widerstand gegen das Unrecht im staatlichen Alltag geübt und wie eine kostbare Pflanze gepflegt wird.
Normales Instrument des Widerstandes sind eine unerschrockene öffentliche politische, soziale und kulturelle Kritik und eine wache Opposition."

(aus: Widerstandsrecht und Widerstandspflicht des Staatsbürgers (1962), in: Fritz Bauer: Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main/New York (Campus) 1998, S. 196 f.)

Es ist dieser Brückenschlag, den Fritz Bauer sehr früh für die Bundesrepublik vorgenommen hat, der dazu geführt hat, dass wir bis heute in seinem Andenken Leute, die ihm nachgefolgt sind, wie heute Susanne von Paczensky ehren. Unsere Organisation tritt ein für die Durchsetzung der Bürgerrechte und damit für das Einüben von Widerstand im Alltag, damit auch ein großer Widerstand gelingen werde.

Rosemarie Will
stellvertretende Bundesvorsitzende
der Humanistischen Union

Fritz-Bauer-Preis 2004


Start     

Eröffnung     

Laudatio     

Rede Preisträgerin

Bild vom Saal in der Gemeinnützigen

Die Preisverleihung fand im Bildersaal der Gemeinnützigen in Lübeck statt