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vorgänge: Artikel, Verband: HU-Geschichte - 1.09.05

Über die Zäune und Sperren hinweg. Zum Tod von Jürgen Seifert

Alexander Cammann

aus vorgänge Nr. 170: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit, S. 128-129

Lab' Dich an Macht und Ohnmacht nicht.
J.S., 1959

 

Ende April 1956 erhielt der 28jährige Jürgen Seifert Post aus Plettenberg: "Vor allem ist es Ihnen gelungen, über die Zäune und Sperren der wissenschaftlichen Arbeitsteilung hinweg einen Zusammenhang sichtbar zu machen." So schrieb Carl Schmitt an den Studenten in Münster, der ihm sein Referat über die Nachkriegsschriften des Staatsrechtlers geschickt hatte. Vorgetragen hatte es der Student der Rechtswissenschaften im Collegium Philosophicum des Münsteraner Philosophen Joachim Ritter, jenem offenen Kreis junger Denker, dem er zwischen 1955 und 1959 angehörte und zu dem u.a. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Odo Marquard, Hermann Lübbe, Robert Spaemann und Ernst
Tugendhat gehörten - ein "Ort der Freiheit", ein "Ort des Denkens" (Seifert 2001: 195).

Über Zäune und Sperren hinweg Zusammenhänge sichtbar machen - besser als in den Worten Carl Schmitts ließe sich die intellektuelle und menschliche Natur Jürgen Seiferts kaum beschreiben. Geboren am 18. April 1928 in Berlin, war sein Vater als hoher Nachrichtendienstbeamter in Görings Reichsluftfahrtministerium für Telefon- und Fernmeldeüberwachung zuständig. Als Flakhelfer hatte Jürgen Seifert die letzte Kriegszeit erlebt, überzeugt vom Endsieg bis über Hitlers Selbstmord hinaus. Nach dem Kriegsende 1945 begann der lange Weg des Umdenkens (vgl. u.a. Seifert 1984): eine Lehre als Werkzeugmacher, IG Metall-Mitglied, Gemeinschaftserlebnisse in der bündischen Jugendbewegung, inklusive intensiver Ernst-Jünger-Lektüre. Seit 1951 studierte er in Münster Jura, mit Aufenthalten in Bristol und Bologna, mit dem prägenden Erlebnis des Ritter-Kreises und ausgedehnten Hegel-Studien. In die SPD war Seifert 1954 eingetreten; seit 1957 arbeitete er aktiv im Münsteraner SDS, wo er sich eng mit Ulrike Meinhof befreundete und mit ihr die studentische Anti-Atombewegung organisierte. Als Bundesvorstandsmitglied des SDS wurde er 1961, nachdem sich die Mutterpartei mit dem Verband
überworfen hatte, aus der SPD ausgeschlossen.

Schon diese frühen biographischen Facetten lassen die Figur Jürgen Seiferts schillern. "Der kommt am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht": dieses Wort aus dem Testament des Herzogs von Marlborough 1712 mag auch für den jungen Jürgen Seifert gegolten haben. Einerseits Assistent bei dem sozialdemokratischen Emigranten Arkadij Gurland an der TH Darmstadt, andererseits juristischer Experte der Gewerkschaften im Kampf gegen die Notstands-Gesetzgebung, 1963 mit Unterstützung und einem Vorwort des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer sein notstandskritisches Buch "Gefahr im Verzuge" veröffentlichend (vgl. u.a. Seifert 1993). Im gleichen Jahr erschien sein erster vorgänge-Artikel - natürlich über die geplanten Notstandsgesetze -; ihm sollten in den folgenden Jahrzehnten viele weitere folgen.

Wissenschaft und Politik: diese beiden unterschiedlichen Existenzweisen vereinte Jürgen Seifert zeitlebens in sich. Auf dem Weg zum "politischen Professor" hatten ihn so unterschiedliche Köpfe wie Wolfgang Abendroth, Peter von Oertzen und Carl Schmitt beeinflusst. Immer wieder setzte sich "Notstands-Seifert" mit den Schriften linker Juristen wie Otto Kirchheimer - auf seinen einstigen Schüler hatte Schmitt ihn 1958 aufmerksam gemacht - und Karl Korsch auseinander. 1971 erhielt er dann den Ruf auf einen Lehrstuhl für Politische Wissenschaft in Hannover, wo er bis zu seiner Emeritierung 1993 lehrte. Unverdrossen von Konjunkturen kämpfte Seifert den "Kampf um Verfassungspositionen", so der Titel seines für die linke rechtspolitische wie theoretische Diskussion eminent einflussreichen Aufsatzbandes (Seifert 1974). Um die Sache der Bürgerrechte kreiste stets sein Wirken, ob als langjähriges Redaktionsmitglied der Kritischen Justiz oder seit 1972 der vorgänge; bei ihm zu Hause in Hannover fanden über viele Jahre bis zuletzt die vorgänge-Redaktionssitzungen statt. 1964 trat Seifert in die HUMANISTISCHE UNION ein, deren Bundesvorsitzender er von 1983 bis 1987 war und deren bürgerrechtliches Engagement er viele Jahre maßgeblich bestimmte. Es lag in der Logik seines von
libertären Rechtsvorstellungen geprägten Lebenswegs, dass er seit 1998 für die Grünen der G-10-Kommission des Bundestags zur Kontrolle der Geheimdienste angehörte.

Unorthodoxes Infragestellen, bei scheinbaren Gewissheiten nicht verweilen und permanente Neugier kennzeichneten den akademischen Lehrer Jürgen Seifert. Dass ein Denker wie Carl Schmitt für ihn verführerisch war, sich Seifert ihm aber nicht hingab, sondern vielmehr lebenslang "strikt 'Feind in der Sache' blieb" (so Seifert im Manuskript seiner unvollendeten Erinnerungen), zeigt die intellektuelle Offenheit dieses aktivierenden Reflektierers. Für die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte war es ein Glücksfall, dass die Köpfe der Flakhelfer-Generation - wie Habermas, Dahrendorf, Luhmann, Grass oder Enzensberger - ihre ideellen Innenausstatter waren und die Demokratie hierzulande über Jahrzehnte hinweg geistig verankerten. Der kritische Linksintellektuelle Jürgen Seifert,
der am 4. Juni 2005 in Hannover verstorben ist, war einer von ihnen.

Alexander Cammann

 

Literatur

Buckmiller, Michael/Perels, Joachim (Hg.) 1998: Opposition als Triebkraft der Demokratie. Bilanz und Perspektiven der zweiten Republik. Jürgen Seifert zum 70. Geburtstag, Hannover
[vollständiges Verzeichnis der Schriften von Jürgen Seifert bis 1996: S. 533-560]

Seifert, Jürgen 2004 [1997]: Politik zwischen Destruktion und Gestaltung. Studien zur Veränderung der Politik, Hannover

Seifert, Jürgen 1974: Kampf um Verfassungspositionen. Materialien über Grenzen und Möglichkeiten von Rechtspolitik, Köln/Frankfurt/Main

Seifert, Jürgen 1984: Der lange Weg, Hitler in mir zu überwinden. Antworten an meine Tochter Anna; in: vorgänge 67, 23. Jg., H. 1, S. 34-42

Seifert, Jürgen 1993: Vom "58er" zum "68er". Ein biographischer Rückblick; in: vorgänge 124, 32. Jg., H. 4, S. 1-6

Seifert, Jürgen 2001: Joachim Ritters "Collegium Philosophicum". Ein Forum offenen Denkens; in: Richard Faber/Christine Holste (Hg.), Kreise - Gruppen - Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziation, Würzburg, S. 189-198