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	<title>Achim v. Borries Archive - Humanistische Union</title>
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	<lastBuildDate>Sat, 01 Oct 1977 11:00:00 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Zeitfragen, Kommentare</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/29-vorgaenge/publikation/editorial-3/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Oct 1977 20:10:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 29 (Heft 5/1977), S. 1-2 Liebe Vorgänge-Leser,das aktuelle Editorial des letzten Heftes war unter dem ganz frischen Eindruck der Ermordung Jürgen Pontos geschrieben worden. Dieses nun steht im Zeichen der Entführung Hanns-Martin Schleyers, deren Ausgang vier Wochen nach der Bluttat von Köln immer noch ungewiß ist. Der Verfasser des aktuellen Editorials wird, [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 29 (Heft 5/1977), S. 1-2</p>
<p>Liebe Vorgänge-Leser,<br />das aktuelle Editorial des letzten Heftes war unter dem ganz frischen Eindruck der Ermordung <i>Jürgen Pontos</i> geschrieben worden. Dieses nun steht im Zeichen der Entführung <i>Hanns-Martin Schleyers</i>, deren Ausgang vier Wochen nach der Bluttat von Köln immer noch ungewiß ist. Der Verfasser des aktuellen Editorials wird, eine traurige Pflicht, zum Chronisten des eskalierenden Terrors, aber auch der gleichfalls eskalierenden Reaktionen auf den Terror.<br />Die permanente Bedrohung durch den Terrorismus ließe sich eher bestehen, würde auf sie mit mehr Besonnenheit reagiert; einer Besonnenheit, die angesichts der schon geschehenen und der noch möglichen Untaten wohl jedermann schwer fällt, ohne die aber auch eine effektive Bekämpfung der Terroristen nicht möglich ist. Gewiß muß der Schutz vor neuen Anschlägen und die Fahndung nach Tätern weiter intensiviert werden. Eilfertige Gesetzesmacherei-um-jeden-Preis aber wird leicht zum Selbstbetrug.<br />Wie immer der Fall <i>Schleyer</i> ausgehen mag, betroffen muß man feststellen: Wieviel haben die Terroristen nicht schon erreicht! Ist es ihnen doch gelungen, durch diesen dritten Terrorakt binnen weniger Monate &#8211; nach der Ermordung des Generalbundesanwalts <i>Buback</i> und des Bankiers <i>Ponto </i>&#8211; die Bundesrepublik in einen Zustand bislang beispielloser innerer Unsicherheit, ja Hysterie zu versetzen. Mit dem nur allzu begreiflichen allgemeinen Entsetzen über den Terrorismus und dem notwendigen Kampf gegen ihn verbindet sich eine perfide Scharfmacherei gegen angebliche &#132;Sympathisanten&#148; (siehe dazu den Kommentar von <i>Joachim Perels </i>und auch den hinten im Heft abgedruckten Brief der <i>Humanistischen Union </i>an den Bundespräsidenten). Der Antiterrorismus wird zum willkommenen Vorwand für eine Generalabrechnung mit liberalem, linkem, kritisch-demokratischem Denken. Argwohn, Verdacht und blinder Haß gegen alles Liberale und Linke, alles Reformerische und Nonkonformistische sind (insbesondere von der <i>Springer</i>-Presse, doch keineswegs nur von ihr allein!) lange genug gesät worden: die Saat geht nun auf. Das &#132;gesunde Volksempfinden&#148; offenbart sich, und man ahnt, was diesbezüglich bei neuen Terroranschlägen zu erwarten ist. Die Kontinuität deutschnationalen und faschistoiden Ungeistes in diesem Lande war nie so offensichtlich wie in diesen Wochen. Und nie war die vielstrapazierte Forderung nach der &#132;Solidarität der Demokraten&#148; eine frechere Täuschung als heute, wo die, denen sie am leichtesten über die Lippen geht, zur großen Jagd auf andersdenkende Demokraten blasen! Jede auch nur indirekte Verharmlosung des Terrorismus ist unangebracht. Die Zeit eines gewissen leichtfertigen intellektuellen Kokettierens mit bestimmten Formen von (&#132;Gegen&#8220;-)Gewalt sollte einfürallemal vorbei sein. Und die Welle ruchloser &#132;Sympathisanten&#8220;- Hetze, die über die Bundesrepublik hinweggeht, sollte Niemanden von kritischer Selbstbefragung abhalten. Wenn denn freilich von &#132;Sympathisanten&#148; gesprochen werden soll &#151; dann rede man endlich auch mit dem notwendigen Nachdruck von den notorischen deutschen Sympathisanten der <i>Salazar </i>und<i> Franco</i>, der <i>Papadopoulos </i>und <i>Pinochet</i>, der <i>Vorster</i> und <i>Jan Smith</i>, beziehungsweise ihrer (und anderer) menschenfeindlichen, antidemokratischen Gewaltregime!<br />Soviel kann, ja muß man heute, vier Wochen nach der Entführung von <i>Hanns-Martin Schleyer</i>, bereits sagen: Jeder weitere Terroranschlag wird die antiliberale Hysterie in der Bundesrepublik weiter steigern. Diese brutale und selbstgerechte Antiliberalität aber wird der Nährboden neuer, noch schlimmerer Gewalt sein. Wer jetzt das Feuer schürt, ist kein demokratischer Biedermann, sondern ein antidemokratischer Brandstifter. &#151;<br />Daß das westliche Ausland über die Entwicklung in der Bundesrepublik beunruhigt ist, kann nicht verwundern und sollte von uns nicht einfach als &#132;Mißdeutung&#148; oder gar &#132;Deutschenhetze&#148; abgetan werden. <i>Hans Robinsohn </i>nimmt den Fall <i>Kappler</i> und die ausländischen Reaktionen auf ihn zum Anlaß, nach der Glaubwürdigkeit unserer sogenannten &#132;Vergangenheitsbewältigung&#148; zu fragen. Ein Kommentar der beiden Frankfurter Friedens- und Konfliktforscher <i>Gert Krell </i>und <i>Dieter Senghaas </i>beschäftigt sich mit dem amerikanischen Projekt einer Neutronenbombe. Es hat in der Bundesrepublik heftige Proteste hervorgerufen und ist von anderer Seite unangemessen verharmlost worden. Der Aufsatz von Krell und Senghaas dient zur Versachlichung der Diskussion über diese neueste Vernichtungswaffe. <i>Helga Schuchardt </i>hat den &#132;Vorgängen&#148; einen Beitrag zum Selbstverständnis der FDP als Reformpartei zur Verfügung gestellt, der uns im Hinblick auf die bevorstehenden Entscheidungen über die künftige Politik dieser Partei &#151; und der sozialliberalen Koalition &#151; besonders aktuell erscheint.<br />Heft 30, das letzte Heft des Jahrgangs 1977, wird das Schwerpunktthema &#132;Wachstum im Widerstreit&#148; haben.<br />(Anfang Oktober 1977)</p>
<blockquote>
<p align="right" class="bodytext">Ihr <i>Achim v. Borries</i></p>
</blockquote>
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		<title>Zeitfragen/Kommentare</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/26-vorgaenge/publikation/zeitfragenkommentare/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 28 Jan 1977 15:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr.26, (Heft 2/1977), S.1-2 Liebe Vorgänge-Leser, im Herbst des vergangenen Jahres verbreiteten sich Bundeskanzler Schmidt, Bundes-innenminister Maihofer und der CD U-Vorsitzende Kohl in der Katholischen Akademie Hamburg über den demokratischen Staat und die &#132;Grundwerte&#148;. Andere erlauchte Persönlichkeiten traten in ihre Fußstapfen. Christian Graf von Krockow hat im Hinblick auf diese &#132;Grundwerte&#8220;-Diskussion im Heft [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr.26, (Heft 2/1977), S.1-2</p>
<p>Liebe Vorgänge-Leser,</p>
<p>im Herbst des vergangenen Jahres verbreiteten sich Bundeskanzler Schmidt, Bundes-innenminister Maihofer und der CD U-Vorsitzende Kohl in der Katholischen Akademie Hamburg über den demokratischen Staat und die &#132;Grundwerte&#148;. Andere erlauchte Persönlichkeiten traten in ihre Fußstapfen. Christian Graf von Krockow hat im Hinblick auf diese &#132;Grundwerte&#8220;-Diskussion im Heft 24 der Vorgänge konstatiert: &#132;Wer redet eigentlich noch von Grund  r e c h t e n ? Radikale natürlich, die &#8211; gottlob vergeblich &#8211; auf sie sich berufen . . . &#8222;Der Herr von Welt trägt Grundwerte.&#8220;<br />Der Bonner Abhörskandal demonstriert, ein halbes Jahr später, wie berechtigt diese bittersarkastische Feststellung war. Wissen wir doch nun ziemlich genau was unsere &#132;Herren von Welt&#148; von den Grund r e c h t e n halten!<br />Der Verfall der Verfassungsmoral und der Rechtsstaatlichkeit in der Bundesrepublik vollzieht sich mit wahrhaft erschreckender Folgerichtigkeit, Etappe um Etappe. Das Schlimmste &#8211; und gewiß auch das Folgenschwerste &#8211; an diesem Abhörskandal scheint uns, daß er offensichtlich nicht wirklich auf gedeckt wird, nicht in Bonn, nicht in Stuttgart, nicht an all den anderen Orten, wo &#132;gewanzt&#148; wurde, &#132;ein bißchen außerhalb der Legalität&#148;. Spitzenpolitiker aller Parteien gebärden sich wie ertappte Komplizen &#8211; und sind es. Vorerst sprich vieles dafür, daß der Skandal &#132;staatstragend unter den Teppich gekehrt&#148; wer den soll, wie ein CSU-Bundestagsabgeordneter nach dem Spitzengespräch zwischen Schmidt und Kohl meinte.<br />Zu befürchten ist sodann, auf längere Sicht, daß legalisiert wird, was bisher zwar schon (wie wir nun wissen) ausgiebig praktiziert wurde, aber eben doch allen Rechtfertigungsversuchen zum Trotz, außerhalb der Legalität war. Man wird, wie es so schön heißt, Konsequenzen ziehen. Aber von diesen Konsequenzen ist, nach Lage der Dinge, eher Schlimmes als Gutes, eher eine weiten Gefährdung der Grundrechte und Grundfreiheiten als eine Rückkehr zur strikten Rechtsstaatlichkeit zu erwarten.<br />Und wo bleibt die große, die unüberhörbare Protestbewegung in der deutscher Öffentlichkeit, die man angesichts all dessen wohl erwarten müßte? Daß Politiker aller Couleur und Machtapparate (wie der Verfassungsschutz) über die rechtsstaatlichen Stränge schlagen, ist in der Demokratie nichts Ungewöhnliches; man muß stets damit rechnen. Das demokratische System schließt solche Fehltritte nicht von vornherein aus, sondern es schafft Mittel und Wege sie zu begrenzen, aufzudecken und zu ahnden. Die Demokratie lebt nicht vor der Machtlosigkeit der Exekutive, sondern von der Kontrolle ihrer Machtausübung, und zwar auf allen Ebenen derselben. Das demokratische System ist nicht mehr wirklich funktionsfähig, wo diese Kontrolle &#8211; durch Öffentlichkeit, Parlament, Justiz &#8211; nicht mehr gewährleistet ist; wo die Staatsmacht, unter Berufung auf vermeintliche akute &#132;Notstände&#148;, wider. Recht und Gesetz, wider die Grundrechte und Grundfreiheiten der Bürger handelt, ohne daß die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Gerade an diesem Punkt aber stehen wir heute.<br />Was die Sozialliberale Koalition betrifft, so mag sie das moralische Debakel dank des &#132;Unter-den-Teppich-kehrens&#148; zunächst überleben. Indes, sie hat eben damit ein für allemal ihre Lebenslüge, und an dieser Lebenslüge wird sie politisch über kurz oder lang zerbrechen. Man tröste sich nicht länger mit dem so bequemen wie trügerischen Dauertrost: diese Koalition sei eben doch, trotz allem, das &#132;kleinere Übel&#148;. Mag sie es noch sein &#8211; so, wie sie sich jetzt präsentiert, wird sie je länger desto mehr zum Wegbe-reiter des größeren! CDU/CSU, Dregger und Strauß, brauchen nur weiterzumachen, wo Sozialliberale begonnen haben. Und aufs &#132;Wanzen&#148; dürften sie sich gewiß noch weit besser verstehen, wenn das &#132;Wanzen&#148; erst einmal skrupellos-selbstverständliche Alltagspraxis sogenannter &#132;Verfassungsschützer&#148; geworden ist.<br />Doch geht es nicht mehr allein um die Sozialliberale Koalition und ihre Parteien oder um CDU und CSU: sondern um die rechtsstaatliche und demokratische Glaubwürdigkeit dieser Republik. Und diese Glaubwürdigkeit ist jetzt in einer Weise erschüttert wie nie zuvor seit 1949. Der freiheitlich-demokratische Verfassungsstaat wird an der Wurzel bedroht von der großen Koalition der Pfuscher, Kuscher und Vertuscher, quer durch alle Parteien.<br />Der Abhörskandal zeigt mit brutaler Deutlichkeit, daß der sogenannte &#132;Verfassungsschutz&#148; längst ein Staat im Staate geworden ist; er kontrolliert heute schon jene, die ihn kontrollieren sollten. Und er wird alsbald omnipotent und allgegenwärtig sein, wenn es nicht gelingt, ihn jetzt, keinen Augenblick später, in die Schranken zu weisen. (Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die beiden materialreichen Aufsätze von Dietheim Damm über &#132;Die Praktiken des Verfassungsschutzes&#148; in den Vorgänge-Heften 19 und 20.)<br />Es wird (im nächsten Heft) auf den Abhörskandal, seine Hintergründe und seine Folgen, noch zurückzukommen sein. Im Kommentarteil des vorliegenden Heftes geht Jürgen Seifert (,&#130;Rechtsstaat mit Grauzonen&#147;) auf den schrittweisen Abbau der Rechtsstaatlichkeit in der Bundesrepublik ein; dieser Aufsatz ist der Sache nach auch ein Kommentar zum Abhörskandal, erhellt er doch die Zusammenhänge, in denen dieser gesehen werden muß. Peter Bender nimmt Stellung zu den Ereignissen in und um Brokdorf und zur Situation im Ostblock. Jürgen Kellermeier setzt sich mit der Kampagne der Ärzte und ihrer Lobby auseinander, die, unter Vortäuschung falscher Tatsachen, die Privilegien dieses Berufsstandes quasi zum &#132;unverzichtbaren&#148; Essential unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung erklären. Der Bericht von Charlotte Maack über das große Stern-Symposium zum Thema &#132;Lebenslänglich&#148; ist über den unmittelbaren Anlaß hinaus von besonderer Aktualität: wird doch seit Mitte März vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Vereinbarkeit der lebenslangen Freiheitsstrafe mit dem Grundgesetz geprüft.<br />Das Thema des nächsten Heftes (27) heißt: Bürgerinitiativen.</p>
<p>Ihr <i>Achim v. Borries</i></p>
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		<title>Protestantische Kirche zwischen Kaiserreich und Drittem Reich</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/16/publikation/protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 1975 10:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 16 (Heft 4/1975), S. 101-103 J. R. C. Wright: &#132;Above Parties&#148; &#150; The Political Attitudes of the German Protestant Church Leadership 1918-1933. Oxford University Press, London 1974, 197 Seiten, 5 Pfund. Ernst Troeltsch sagt in seinem kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschienenen großen Werk über &#132;Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen&#148;: [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/16/publikation/protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich/">Protestantische Kirche zwischen Kaiserreich und Drittem Reich</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorgänge Nr. 16 (Heft 4/1975), S. 101-103</p>
<p><i>J. R. C. Wright: &#132;Above Parties&#148; &#150; The Political Attitudes of the German Protestant Church Leadership 1918-1933. Oxford University Press, London 1974, 197 Seiten, 5 Pfund.</i></p>
<p>Ernst Troeltsch sagt in seinem kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschienenen großen Werk über &#132;Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen&#148;: &#132;In der großen Angriffsstellung, welche nach der Auswirkung des 18. Jahrhunderts in der französischen Revolution die älteren Geistesmächte gegen die moderne Welt wieder einnahmen und in der sie unter Vereinigung ideologischer und praktischer politisch-sozialer Mächte siegreich gegen die neue Welt vorrückten, ist die Restauration des preußisch-deutschen Luthertums eines der sozialgeschichtlich wichtigsten Ereignisse. Es verband sich mit der Reaktion des monarchischen Gedankens, des agrarischen Patriarchalismus, der militärischen Machtinstinkte, gab der Restauration den ideellen und ethischen Rückhalt, wurde darum wieder von den sozial und politisch reaktionären Mächten mit allen Gewaltmitteln gestützt, heiligte den realistischen Machtsinn und die dem preußischen Militarismus unentbehrlichen ethischen Tugenden des Gehorsams, der Pietät und des Autoritätsgefühls. So wurde Christentum und konservative Staatsgesinnung identisch, verschwisterten sich Gläubigkeit und realistischer Machtsinn, reine Lehre und Verherrlichung des Krieges und des Herrenstandpunktes. So wurden die kirchlichen Reformbestrebungen gleichzeitig mit der liberalen Ideenwelt unterdrückt, die Anhänger der modernen sozialen und geistigen Tendenzen in eine schroffe Kirchenfeindschaft hineingetrieben und dem gegenüber dann alle christlich und religiös Fühlenden für den Konservativismus in Beschlag genommen. Als wesentliches Element in den Kräften der Restauration hat es seinen wichtigen Anteil an der aus den restaurativen Kräften hervorgegangenen politisch-militärischen Entwicklung Preußen-Deutschlands und findet es sich in schroffstem Gegensatz zu den andern Elementen, die an der Entstehung des neuen Deutschland gearbeitet haben, den demokratisch-unitarischen und modern-sozialen und wirtschaftlichen Bewegungen&#8220; (Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, 1912. Nachdruck Aalen 1961, Seite 603f).<br />So war das Luthertum ein Ferment jener gesellschaftlich-politischen Ordnung, die den Übergang Deutschlands zur modernen liberalen Demokratie bis 1918 hartnäckig blockierte. Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreiches aber verlor die protestantische Kirche den Rückhalt, den sie bis dahin an den herrschenden konservativen Mächten gehabt hatte.<br />Wie reagierte die protestantische Kirchenführung auf diese &#132;Systemveränderung&#148; von 1918? Wie weit trug sie zur Stabilisierung oder zur Aushöhlung der Weimarer Republik bei? Und wie verhielt sie sich 1933 angesichts der &#132;Machtergreifung&#148; des Nationalsozialismus? Differenzierte Antworten auf diese Fragen findet man in der 1974 erschienenen Untersuchung des englischen Historikers J. R. C. Wright. Der Verfasser knüpft an die schon vorliegende Literatur an (nicht zuletzt an die in der Bundesrepublik publizierten Arbeiten), er hat darüber hinaus aber auch aufschlußreiches kirchliches Quellenmaterial neu erschlossen und überdies eine Reihe von Kirchenführern der 20er und 30er Jahre persönlich interviewt. Zu den Vorzügen des auf relativ knappem Raum außerordentlich informativen Buches gehört die Sachlichkeit des Autors, der auf pauschale Anklage und Polemik verzichtet. Um so mehr Gewicht hat sein sehr kritisches Gesamturteil über die Haltung der protestantischen Kirchenführung zwischen 1918 und 1933.<br />Mit den November-Ereignissen 1918 war für die Kirche zunächst eine Zeit der Ungewißheit gekommen, die durch die neue Reichsverfassung beendet wurde. Die Kirche hatte, wie Wright betont, &#132;allen Grund, mit der Weimarer Verfassung zufrieden zu sein. Die Befürchtungen des November hinsichtlich eines feindlichen Trennungsprogramms waren zerstreut. Kirchliche Privilegien wurden bestätigt, während die staatliche Kontrolle über die Kirche reduziert war. Die SPD hatte recht, wenn sie geltend machte, das habe eine Situation geschaffen, in der die Kirche vom Staat frei war, der Staat aber nicht frei von der Kirche&#148; (19).<br />Diese für die Kirche durchaus günstige Entwicklung wurde von ihr nicht durch ein unzweideutiges Bekenntnis zur Republik honoriert. Sie erleichterte allerdings den gemäßigt-konservativen Kirchenführern das Bemühen um einen Modus vivendi mit dem Staat von Weimar; eine pragmatische Politik, die schließlich zum Preußischen Kirchenvertrag von 1931 führte. Wright bezeichnet ihn als &#132;die größte Errungenschaft der Kirchenführung in der Zeit der Weimarer Republik&#148;; der Vertrag &#132;markierte einen bedeutenden Schritt in Richtung auf eine Anerkennung der Republik durch die Kirche&#148; (33).<br />Die protestantische Kirchenführung akzeptierte in ihrer Mehrheit die Republik, solange es keine Alternative zu ihr gab. Die liberalen und demokratischen Grundprinzipien der Republik aber akzeptierte sie nicht. Sie beteuerte wiederholt die &#132;Überparteilichkeit&#148; der Kirche, nahm jedoch in weltanschaulichen und politischen Fragen eindeutig für die konservativen Parteien Stellung. Wright sagt treffend: &#132;Die Vorstellung eines erhabenen Bereichs des nationalen Lebens oberhalb der Parteipolitik war &#8230; ein Grundzug  r e c h t e r  politischer Einstellung. Sie entsprach dem Mythos vom Kaiser als dem unparteilichen Diener der ganzen Nation.&#148; Und: &#132;Die Situation wurde bündig zusammengefaßt in dem Reim: ,Die Kirche ist politisch neutral, aber sie wählt deutschnational!&#148; (49).<br />Auch in den Jahren der Republik blieb der deutsche Protestantismus, von Ausnahmen abgesehen, einem traditionalistischen antiliberalen und prononciert &#132;nationalen&#148; Ordnungs-Denken verhaftet. Die Kirchenführung identifizierte sich im allgemeinen nicht mit der aggressiven antirepublikanischen Rechten der späten 20er und frühen 30er Jahre. Die Zahl der protestantischen Pastoren, die vor 1933 Mitglieder der NSDAP wurden, hielt sich in engen Grenzen. Und es fehlte nicht an innerkirchlichen Warnungen vor dem erklärten Rassismus der Hitlerbewegung. Doch die meisten Kirchenführer waren, um wieder Wright zu zitieren, &#132;gegenüber der ,nationalen Opposition` nicht so feindlich wie gegenüber der sozialistischen Bewegung. Die Kirchenführer betrachteten die ,nationale Opposition` als in ihren Grundlagen gesund und machten für ihre ,Fehler` die Art und Weise verantwortlich, wie die früheren Gegner Deutschland hatten leiden lassen&#148; (74). Die NSDAP ihrerseits taktierte vor 1933 durchaus geschickt: sie betonte &#150; ungeachtet der aggressiven Kirchenfeindschaft, wie sie Alfred Rosenberg und andere proklamierten &#150; die nationale Bedeutung des positiven Christentums und versicherte der Kirche ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit.<br />Die positiven Reaktionen der protestantischen Kirchenführung auf die Ereignisse von 1933 standen in deutlichem Gegensatz zu ihrer distanzierten Haltung gegenüber der Republik 1918/19. Sie begrüßte die &#132;Machtergreifung&#148; der &#132;nationalen Opposition&#148; und bot dieser &#150; im Vertrauen auf die Beteuerungen der Hitlerpartei selbst &#150; ihre loyale Mitarbeit beim Aufbau eines &#132;neuen Deutschland&#148; an. Das war nicht bloßer Oppor- tunismus, nicht einfach taktische Anpassung an neue politische Realitäten, es entsprach vielmehr den politischen Grundüberzeugungen der Kirchenführung. Diese sah keine grundsätzlichen Hindernisse für eine vertrauensvolle Kooperation mit den neuen Machthabern, deren Programm einer &#132;nationalen Erneuerung&#148; sie im Prinzip durchaus zustimmte.<br />Wright bezeichnet die Grundhaltung der Kirchenführung gegenüber der Hitlerbewegung als .,,kritische Sympathie&#8220; (96). In einer Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse stellt er fest: &#132;Durch die NSDAP wurde das Ideal eines autoritären Staates das Programm einer Massenbewegung, und es schien möglich, daß die Hohenzollern-Dynastie wiedereingesetzt würde. Als Reichskanzler erklärte Hitler, er messe den beiden Kirchen größte Bedeutung bei und fordere ihre Mitarbeit. Die Kirchenführer antworteten, indem sie das Dritte Reich als ein Geschenk Gottes willkommen hießen&#148; (147).<br />So sanktionierte die Führung der protestantischen Kirche das neue Regime und nahm stillschweigend hin, was bereits in der Anfangsphase des Dritten Reiches geschah: &#132;Trotz ihrer Versicherung, der ganzen Nation zu dienen, opponierte die protestantische Führung keinem Aspekt der von den Nazis zwischen März und Juli 1933 durchgeführten politischen Revolution &#150; außer da, wo die Unabhängigkeit der Kirche direkt bedroht war. Sie ignorierten die Zerstörung der Gewerkschaften und politischen Parteien und die Säuberung von katholischen, sozialistischen und jüdischen Beamten. Sie versuchten nicht einmal protestantische Theologieprofessoren zu schützen, die liberale oder sozialistische Sympathien hatten. Sie schlossen auch die Augen vor der Gewalttätigkeit, die die Revolution begleitete. Selbst da, wo protestantische Führer über Reformmaßnahmen der Regierung unglücklich waren &#150; so waren sie zum Beispiel besorgt, das Ermächtigungs- gesetz könne dazu benutzt werden, die religiösen Garantien der Weimarer Verfassung zu annullieren &#150; fühlten sie sich zu schwach, eine Intervention zu riskieren. Sie akzeptierten auch die Aufhebung der Länderautonomie ohne Protest&#148; (112).<br />Protest und Widerstand regten sich erst, als dieneuen Machthaber seit Sommer 1933 die Kirche unter ihre unmittelbare ideologisch-politische . Kontrolle zu bringen suchten &#150; mit Hilfe er sogenannten &#132;Deutschen Christen&#148; innerhalb der protestantischen Kirchen. Dieser Gleichschaltungsversuch, dem indes kein voller Erfolg beschieden war, bildete den Auftakt zum &#132;Kirchenkampf&#148; . Im darauffolgenden Jahr konstituierte sich die &#132;Bekennende Kirche&#148;.<br />Wie Wright zeigt, war auch die Opposition der &#132;Bekennenden Kirche&#148; gegen das NS-Regime durchweg eine partielle, keine prinzipielle, eine theologisch und kirchlich, nicht aber politisch motivierte Opposition. &#132;In den ersten Jahren des Kirchenkampf es versicherte die Bekennende Kirche wiederholt ihre Loyalität gegenüber dem Staat. Martin Niemöller sandte Hitler ein Glückwunschtelegramm als Deutschland 1933 den Völkerbund verließ, und die Führer der Bekennenden Kirche wiederum gratulierten Hitler zum Ergebnis der Volksabstimmung an der Saar 1935&#148; (168), im letzteren Falle allerdings gegen den Willen Niemöllers. Auch die &#132;Bekennende Kirche&#148; blieb, nach Wright, &#132;in den Einstellungen befangen, die die protestantische Führung dazu gebracht hatten, der ,nationalen Revolution` von 1933 Beifall zu spenden&#148; (170). Am Arierparagraphen und später an der Euthanasie schieden sich dann freilich die Geister.<br />Wright rückt bei der skizzenhaften Darstellung der Anfänge des Kirchenkampfes die Proportionen zurecht :&#132;Es wird gewöhnlich angenommen, das Dritte Reich sei eine Zeit der Kirchenverfolgung und des Kirchenkampfes gewesen. Keine dieser beiden Beschreibungen gibt adäquat wieder, was geschah. Die christlichen Kirchen wurden nicht in der Weise verfolgt, wie deutsche Kommunisten, Juden oder Zeugen Jehovas&#8220; (148). Es wird deutlich, daß der &#132;Kirchenkampf&#148; keine prinzipielle Konfrontation zwischen NS-Regime und Kirche war, sondern ein begrenzter Konflikt, in dem es primär um die Unab- hängigkeit der Kirche im Dritten Reich ging. Es gab weder eine totale Kirchenfeindschaft des Regimes noch eine unzweideutige Regime-Kritik seitens der Kirche. Die Verfolgung der Kirche blieb ebenso partiell wie umgekehrt der kirchliche Protest gegen bestimmte Maßnahmen des Regimes. Wright spricht von einem &#132;unsicheren Modus vivendi&#148; von Drittem Reich und protestantischer Kirche bis in den Krieg hinein.</p>
<p>Eine baldige Übersetzung des Buches ins Deutsche wäre verdienstlich.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/16/publikation/protestantische-kirche-zwischen-kaiserreich-und-drittem-reich/">Protestantische Kirche zwischen Kaiserreich und Drittem Reich</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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