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	<title>Alexander Cammann Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Auf der Suche nach dem DDR-Gefühl</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2026 12:46:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>&#160; Zwei Neuerscheinungen stürmten im vergangenen Herbst die Sachbuch-Bestsellerlisten: Dieter Bohlens Nichts als die Wahrheit und Jana Hensels Zonenkinder. Dieter Bohlen lag wochenlang unangefochten an erster Stelle und fand über 500.000 Käufer. Aber die Zonenkinder waren ausdauernder. Nie lagen sie wie Bohlen ganz vorn, doch im Februar 2003 rutschte dieser weit nach hinten auf Platz [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/vorg-161/publikation/auf-der-suche-nach-dem-ddr-gefuehl/">Auf der Suche nach dem DDR-Gefühl</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<p>Zwei Neuerscheinungen stürmten im vergangenen Herbst die Sachbuch-Bestsellerlisten: Dieter Bohlens <em>Nichts als die Wahrheit</em> und Jana Hensels <em>Zonenkinder.</em> Dieter Bohlen lag wochenlang unangefochten an erster Stelle und fand über 500.000 Käufer. Aber die Zonenkinder waren ausdauernder. Nie lagen sie wie Bohlen ganz vorn, doch im Februar 2003 rutschte dieser weit nach hinten auf Platz 11 der <em>Spiegel</em>-Bestsellerliste, während Hensels Buch immer noch den fünften Platz innehatte. Über 115.000 Exemplare verkaufte der Rowohlt Verlag &#8211; und das fast ohne Werbung.</p>
<p>Bohlens und Hensels auf den ersten Blick so unterschiedliche Bücher eint jedoch noch mehr als ihr Verkaufserfolg. Beide Autoren haben Identifikationsbücher geschrieben. Sie erzählen Geschichten vom Aufstieg und Ankommen in der bundesdeutschen Gesellschaft aus einer ursprünglichen Außenseiterposition heraus &#8211; von unten nach oben oder doch zumindest von außen hinein in die Mitte. Es geht um erfolgreich gemeisterte, vielfach krisenhafte Leben, um Siege und Niederlagen. Den Leser zwingen sie dazu, Position zu beziehen. Man kann nur zustimmen oder ablehnen; in beiden Fällen definiert man sich selbst. Darin besteht das Geheimnis ihrer außerordentlichen Erfolge. Vielleicht spendet gerade solcherart Lesestoff in gesamtdeutschen Krisenzeiten besonderen Trost?</p>
<p>Nun mag es beim &#8222;erfolgreichsten Komponisten seit Mozart&#8220; (Bohlen über Bohlen) noch einigermaßen erklärlich sein, weshalb eine halbe Million Menschen bereit ist, Geld für intime Details aus seinem Leben zu bezahlen. Dem omnipräsenten Dieter Bohlen kann man zwischen <em>Superstar</em> und BILD-Schlagzeilen schlecht entkommen. Im Falle einer unbekannten, 1976 geborenen Leipzigerin ist das anders &#8211; ihr plötzlicher Erfolg aus dem Nichts heraus ist in der deutschen Verlagsgeschichte nahezu beispiellos.</p>
<h3 class="">
<em>Zonenkinder</em> im Medienrummel</h3>
<p>Kaum ein halbes Jahr nach ihrem Erscheinen können die <em>Zonenkinder</em> schon eine beachtliche Rezeptionsgeschichte vorweisen. Sie begann im Osten: Das September 2002-Heft des <em>Magazins</em>, jener ob ihrer erotischen Fotos legendären ostdeutschen Zeitschrift, machte die <em>Zonenkinder</em> zum Titelthema und stellte das &#8222;widersprüchliche Lebensgefühl der 20- bis 30jährigen&#8220; anhand der Autorinnen Jana Hensel, Jana Simon (geb. 1972) und Ines Langelüddecke (geb. 1976) vor (<em>Das Magazin</em>, September 2002: 14-19). Doch rasch wurden die <em>Zonenkinder</em> auch in Hamburg, Zürich, Frankfurt/Main und München entdeckt: <em>Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung</em> begrüßte enthusiastisch die &#8222;Generation Golf des Ostens&#8220; (FAS vom 8. September 2002). Ähnlich begeistert war der <em>Spiegel</em> vom &#8222;Höhepunkt in der Menge der Lebensbilder auf der Buchmesse&#8220;: Er fand das Buch &#8222;unprätentiös und unverschmockt, präzise und klar, mit lyrischen Passagen und literarischen Ambitionen&#8220; (Der Spiegel Nr. 41 vom 7. Oktober 2002: 196-199).</p>
<p>Das sah die <em>Neue Zürcher Zeitung</em> ganz anders: Sie attestierte dem Buch eine krude &#8222;Mischung aus Selbstbezichtigung und Ostalgie, Selbstironie und pubertärem Mitteilungsdrang&#8220; voller Platitüden (NZZ vom 26. September 2002). Auch in der <em>Frankfurter Allgemeinen</em> ging der ostdeutsche Rezensent Peter Richter mit den <em>Zonenkindern</em> ins Gericht: Es handele sich &#8222;um den hektisch zusammengeschriebenen Anführer der Sachbuchliste eines Verlages&#8220;, der &#8222;rechtzeitig zur DDR-Erinnerungswelle auf dem Markt sein wollte&#8220; &#8211; &#8222;eine inhaltliche Fehlleistung&#8220; (FAZ vom 5. November 2002, Literaturbeilage). Für die <em>Süddeutsche Zeitung</em> deutete deren ostdeutscher Feuilletonredakteur Jens Bisky Wolfgang Englers <em>Die Ostdeutschen als Avantgarde</em> und Jana Hensels <em>Zonenkinder</em> gemeinsam aus. Auch Bisky konstatierte: &#8222;Das greisenhaft kindlich geschriebene Buch interessiert als Symptom&#8220;; die &#8222;Wende hat die Vielfalt des Lebens im Osten enthüllt, die &#8218;Zonenkinder&#8216; werden als einfältige Gruppe gezeichnet.&#8220; (SZ vom 9. Oktober 2002)</p>
<p>Bald schon setzte der Metadiskurs ein: die Deutung der Rezeptionsgeschichte. Der <em>Spiegel</em> thematisierte zuerst die vehemente Kritik an den <em>Zonenkindern</em>, angeblich vorwiegend von ostdeutschen Kritikern vorgebracht, entdeckte bei ihnen gar &#8222;geballte Wut&#8220;. Sowohl Verleger als auch Autorin meinten hilflos, dass sich wohl die Ostdeutschen am Henselschen &#8218;Wir&#8216; stören würden, da ihnen solcherart Zwangsvereinnahmung noch aus DDR-Zeiten verhasst sei (<em>Der Spiegel</em> Nr. 2 vom 6. Januar 2003: S. 138-140).[1]</p>
<p>Die ungewöhnlich polarisierte Debatte verschaffte dem Buch die nötige Aufmerksamkeit. Zahlreiche Interviews der Autorin und ihre souveränen Auftritte in vielen Talkshows, so in der denkbar westlichsten aller Fernsehsendungen, in der <em>Harald Schmidt Show</em>, taten ihr übriges.</p>
<h3 class="">
Schwierigkeiten mit den Zonenkindern</h3>
<p>Der Vorzug, kaum jemanden gleichgültig zu lassen, ist ebenso Teil des Buchkonzepts wie der Drang, möglichst viele anzusprechen. Das Buch ist vor allem auf Wirkung kalkuliert. Die knapp über 150 Textseiten plus fünf Seiten Glossar lesen sich rasch. Gegliedert ist das Buch in acht Kapitel: Kindheit, Heimatgefühl, Geschmacksfragen, die Beziehung zu den Eltern, Schule in der DDR und nach 1989, Freundschaften und Liebesbeziehungen, Sport und zuletzt Gegenwart und Zukunft der Zonenkinder. All das erinnert an Florian Illies&#8216; <em>Generation Golf,</em> weshalb beide Bücher häufig miteinander verglichen wurden &#8211; zu Recht. Das Buch des ehemaligen FAZ-Redakteurs endete in auch auf den Henselschen Versuch passender Selbstironie: &#8222;Wir haben, obwohl kaum erwachsen, schon jetzt einen merkwürdigen Hang zur Retrospektive, und manche von uns schreiben schon mit 28 Jahren ein Buch über ihre eigene Kindheit, im eitlen Glauben, daran lasse sich die Geschichte einer ganzen Generation erzählen.&#8220; Fragwürdig und angreifbar wird Jana Hensels Adaption des Prinzips Illies allerdings durch etwas anderes:</p>
<p>Während in der <em>Generation Golf</em> der geschlossene Raum der Bundesrepublik der 1980er Jahre beschrieben wird, will Jana Hensel Kindheit und Jugend in der DDR/Ostdeutschland vor und nach 1989, also mithin in zwei verschiedenen Welten, schildern. Hinzu tritt noch die eigene Entdeckung des Westens. Drei Orte hat also dieses Buch &#8211; diese drei Erfahrungen und heterogenen Welten auf einen Nenner für möglichst viele junge Ostdeutsche bringen zu wollen, ist ein kaum zu bewältigendes Unterfangen. Zudem hat die Generationenkonstruktion bekanntlich ihre Tücken: Die alle einende Umbruchserfahrung läßt sich mit dem Wasser vergleichen, das für alle Schwimmer die gemeinsame Erfahrung ist &#8211; wobei letzteres auch noch zu klären wäre. Umbruch ist also nicht gleich Umbruch.</p>
<p>An diesem Maßstab gemessen, musste das Buch zu einem problematischen Fall werden. Hensels Handwerkszeug ist das Schleifpapier für die Oberflächenbearbeitung, nicht das Bohrgerät zum Vordringen in tiefere Schichten. Im Buch weckt sie zwar anfänglich die schönsten Hoffnungen: &#8222;Ich möchte wieder wissen, wo wir herkommen, und so werde ich mich auf die Suche nach den verlorenen Erinnerungen machen&#8220; (14). Doch die werden rasch enttäuscht: Zu oft schon hat man sich an die Produktpalette der untergegangenen DDR erinnert, als dass man sich mit Beobachtungen wie &#8222;statt Puffreis aßen wir Popkorn, die &#8218;Bravo&#8216; ersetzte die &#8218;Trommel'&#8220; (20) zufrieden geben würde. Mit wachsendem Ärger stellt man fest, dass Jana Hensels Erinnerungsarbeit nicht gerade intensiv war, obwohl oder besser gerade weil sie viel in alten Frösi-Ausgaben herumgestöbert hat: Oft genug reduziert sie das Kindsein im Osten auf die Erinnerung an ihre alljährliche Aufregung in der Nacht auf den 13. Dezember, dem Pioniergeburtstag (113). So östlich wie bei Hensel war der Osten zu DDR-Zeiten nie. Erstaunlich ist auch die eigentümliche Sterilität des Buches: Zwar ist andauernd von den Produkten, Orten und Erlebnissen einer Kindheit in der DDR die Rede, doch es entsteht kein Zusammenhang; alles wird hintereinander weg kurz angerissen. Diese andere Kindheit bleibt seltsam geruchlos, ohne Intensität.</p>
<p>Für die Zeit nach 1989/90 fallen ihre Beobachtungen deutlich reflektierter aus. Doch auch hier findet sich Abstruses, so die Verklärung Franziska van Almsicks zum größten Vorbild der Zonenkinder (147ff.) &#8211; von ihr selbst als &#8222;essayistische Idee&#8220; entschuldigt (<em>Berliner Zeitung</em> vom 9./10. November 2002). Franzi dürfte ihre identifikatorischen Qualitäten, im Unterschied zu Britney Spears oder Robbie Williams, an nicht allzu vielen Zonenkinder-Wänden entfaltet haben. Zudem gibt es selbst noch in der fünften Auflage Fehler: beispielsweise die Verwandlung des Kirchenjuristen Manfred Stolpe in einen Pfarrer oder die von Rolf Schwanitz, Staatsminister im Kanzleramt, in einen &#8222;Carsten Schwanitz&#8220; (73). Die Schwierigkeiten von Politik und Moral sind Hensels Sache ohnehin nicht: &#8222;Die Stasi-Diskussion geht uns am Arsch vorbei&#8220;, so ihr knackiges Statement (<em>Saarbrücker Zeitung</em> vom 2. November 2002).</p>
<h3 class="">
DDR-Gefühl oder DDR-Erinnerung</h3>
<p>Ein Trugschluss offenbart sich somit schnell: Es geht in Jana Hensels Text nicht um die Erinnerung an die DDR oder um die Umbrucherfahrung nach 1989. Denn sie erinnert sich nicht an ihre DDR-Kindheit, sondern versucht sie zu empfinden. Dieser Unterschied ist nicht zu unterschätzen: Die DDR mutiert im Rückblick zu einem DDR-Gefühl. Durch dieses DDR-Gefühl, das naturgemäß noch diffuser und schwankender als die Erinnerung ausfällt, ist das Andocken an vielfältige Erfahrungen möglich. Deshalb müssen die <em>Zonenkinder</em> auch an der Oberfläche bleiben, um diese allseitige Anschlussfähigkeit nicht zu gefährden. Das hat mit Erinnerungsliteratur im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Jana Hensel selbst hat oft darauf verwiesen, dass sie 1989 erst dreizehn Jahre alt war und somit viele Erfahrungen des DDR-Alltags nicht in ihr Buch hätte aufnehmen können. Umso drängender hätte sich ihr eigentlich die Frage nach der Prägekraft früher Bummi-Lektüre stellen müssen. Sehr schnell wäre sie dann bei anderen Dingen gelandet, die wichtiger für eine DDR-Kindheit gewesen sind, in ihrem Buch aber wenn überhaupt, dann nur schemenhaft vorkommen: Kinder, Eltern, Schule, Konflikte und Glücksmomente. Das wäre jedoch Erinnerungsarbeit gewesen, die das Risiko geringerer Kompatibilität eingegangen wäre.</p>
<p>Es bleibt ein erstaunliches Phänomen, dass Mitzwanziger glauben, ihre autobiographisch gefärbten Texte könnten unter solchen Umständen interessant genug für eine Veröffentlichung sein. Das spricht für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Eine gewisse Erfahrungslosigkeit scheint das Verfassen solcher Erzählungen zu befördern. Die Erinnerungen eines jeden 60- oder 70jährigen Ostdeutschen wären allerdings um einiges spannender. Hensels nicht sonderlich interessante Geschichten profitierten vom Wissen um das Ereignis von 1989, das hinter ihnen lag: Dessen Licht würde auch noch dem Unbedeutendsten den Glanz historischer Wichtigkeit verleihen, so Jens Bisky in der <em>Süddeutschen Zeitung</em> (9. Oktober 2002).</p>
<p>Diese Entscheidung hätte Jana Hensel treffen sollen: schreibt man ein Generationenporträt, dann muss man mehr Inhalt bieten als schon oft gelesene Problemkonstellationen á la &#8222;Die Kaufhalle hieß jetzt Supermarkt&#8220; (21), erst recht, wenn diese Generation vor dem Hintergrund der späten DDR inszeniert wird. Oder man schreibt die persönliche Erinnerung auf, vielleicht an das Leipzig vor und nach 1989, mit den Augen eines Kindes betrachtet. Dies hätte dann mit der dafür notwendigen Lust an der seelischen Tiefenbohrung indirekt sogar tatsächlich eine Generation kreieren können. Was für eine Chance wurde hier verpasst!</p>
<h3 class="">
Die Strategien der Integrationsliteratur</h3>
<p>Doch all diese Kritik kann die Autorin kaum treffen, denn sie verfehlt deren eigentliches Anliegen. Im Grunde bestätigen vielmehr alle Einwände ihr Konzept: Sie hätte beim Schreiben ihre Schulklasse vor Augen gehabt, Kinder von &#8211; in der DDR-Terminologie &#8211; &#8218;Asozialen&#8216;, Funktionärskinder, Arbeiterkinder, Kinder aus bürgerlichen Elternhäusern. &#8222;Die sollen das Buch lesen können.&#8220; (<em>Berliner Zeitung</em> vom 9./10. November 2002) Wer dieses heterogene Publikum erreichen will, darf sich um Genauigkeit nicht scheren. Daher ist auch das eigentümliche Changieren zwischen &#8222;Ich&#8220; und &#8222;Wir&#8220; ein genialer Schachzug des Buches: Er suggeriert immer eine Position der Autorin, wo für sie doch in Wirklichkeit die Resonanz beim Publikum zählt. Genau dies macht das Buch zu Integrationsliteratur: Der Erfolg misst sich hier nicht mehr an der Stimmigkeit oder Authentizität der Erinnerung, sondern an der medialen Resonanz. Die Zonenkinder sind ein Produkt, das als Konfektionsware Integrationsfunktionen erfüllt, ganz nach dem aus der Parteienwerbung bekannten Prinzip der Stimmenmaximierung. Es geht um die Integration in den Westen: östlich angehauchte Geschichtchen werden in die Formen und Farben des Westens übersetzt. Ihre Leistung besteht eben nicht in der Erinnerungsarbeit. Ostdeutsche können sehen, dass es eine der ihren mit den gleichen Geschichten, die auch sie hätten erzählen können, geschafft hat &#8211; sogar bis zu Harald Schmidt. Diese Literatur ist im doppelten Wortsinne angekommen. Jana Hensel hat verstanden, dass ihre Herkunft ihr Kapital ist, das, den Marktgegebenheiten angepasst, eine schöne Rendite abwirft: &#8222;Wir wollen Geld verdienen und allen zeigen, dass wir die Spielregeln des Westens gelernt haben und damit umgehen können&#8220; (80). &#8222;Ich denke viel intellektueller, als mein Buch geschrieben ist&#8220; &#8211; gerne glaubt man ihre nachträgliche Rechtfertigung (zit. n. Der Spiegel Nr. 2 vom 6. Januar 2003: 140).</p>
<p>Indem sie virtuos die Klaviatur der westdeutsch dominierten Öffentlichkeit mit scheinbar östlichen Geschichten bespielt, ist sie tatsächlich weniger ein &#8222;zwittriges Ostwestkind&#8220; (74), sondern ein &#8222;erster Wessi aus Ostdeutschland&#8220; (166). In diesem Sinne offenbart sich auch ein &#8222;Ich bin nie ganz angekommen in diesem neuen Deutschland&#8220; (Langelüddecke 2003: 75) bei näherem Hinsehen als Koketterie mit einer allseits goutierten Fremdheit, die in Wirklichkeit sehr wohl anschlussfähig an westliche Rezeptionsmuster ist. Die &#8222;Verteidigung unserer Kindheit&#8220; (ebd.: 78) ist unnötig, weil es den öffentlichen Resonanzraum ohnehin nach den &#8222;anderen&#8220; Erinnerungen dürstet, solange die Form kompatibel ist. Doch dieser exotische Status bedeutet Anerkennung und Diskriminierung zugleich; in diesem Spannungsverhältnis liegt das eigentliche Problem.</p>
<p>Auch Hensels Sprache passt in ihr Konzept: Sie ist abgestimmt auf rasche Konsumierbarkeit und auf eine unbestimmte Sehnsucht nach Sentenzen. Wie sich östliche und westliche Diktion und sprachliche Motive mittlerweile ähneln können, illustriert folgender Vergleich: Jana Hensel teilt nicht nur ihre Initialen mit einer bekannten anderen jüngeren Autorin, sondern auch die Vorliebe für Inhalte von Jeans- oder Jackentaschen: &#8220; [&#8230;] die Jacke, die er immer trug und in deren unzähligen Taschen er früher alles Mögliche aufbewahrt hatte, Angelhaken, Vogelfedern, Nüsse und eine Paketschnur, einen kleinen, blauen Stein von der französischen Atlantikküste, ein Token für die Untergrundbahn in New York [usw.]&#8220;, heißt es bei der einen, und bei der anderen liest man: &#8222;und so habe ich keine Tasche mitgenommen, in der Jeans aber alle meine Sachen verteilt, Hausschlüssel, Zigaretten, Feuerzeug, ein paar Euro, einen Hühnergott.&#8220; Es ist schwer zu erraten, von wem welcher klischeebeladene Text stammt &#8211; der erste findet sich bei Judith Hermann (Hermann 2003: 166f.), der zweite ist dem Schlusssatz der Zonenkinder entnommen (168). Auch die Sprache ist im Westen angekommen.</p>
<h3 class="">
Der Osten als Traumlandschaft deutscher Gegenwartsliteratur</h3>
<p>Jana Hensels Buch bedurfte eines Vorlaufs, um Resonanz zu erreichen. Vielerorts wurde schon auf den Boom der jungen ostdeutschen Literatur verwiesen, welcher den Zonenkindern vorangegangen war. Seit Mitte der 1990er Jahre reüssierten DDR-Retro-Parties, wurden Bücher wie Thomas Brussigs <em>Helden wie wir</em> zu Verkaufsschlagern, später dann Filme wie <em>Sonnenallee</em> von Brussig und Regisseur Leander Haußmann. Spätestens mit diesem Film war die DDR Pop geworden, auch für die Generation Golf. Dasselbe gilt in gewissem Sinne für die Berliner Lesebühnenbewegung: Witzige Geschichten aus dem Alltagsleben der späten DDR konnte man da hören, vorgetragen von den jungen Ostautoren Falko Hennig, Jakob Hein oder Jochen Schmidt &#8211; auch dies vor einem gemischten Ost-West-Publikum. Es war das Unernste an diesen Geschichten, das auch dem jungen Westler Spaß machte. Bücher wie<em> Mein erstes T-Shirt</em> oder <em>Trabanten</em> folgten &#8211; Integrationsliteratur, die eigene Absonderlichkeiten zur Resonanzverstärkung benutzte, um so in West und Ost anzukommen.</p>
<p>Doch auch hier lohnt ein genauerer Blick: Im Grunde ist das westdeutsche Interesse für den Osten ein altes Phänomen. Der Soziologe Heinz Bude hat 1996 mit Beispielen von Günter Grass bis Günter Gaus auf die DDR &#8222;als realexistierende Traum- und Trostlandschaft&#8220; für bundesrepublikanische Bildungsbürger vor 1989 verwiesen: &#8222;Der Osten wird zum geheimen Wunschbild einer kulturellen Heimat, die der Nationalsozialismus zerstört hat.&#8220; Bude weiter: &#8222;Da waren noch Geschichten möglich, die man sich im großen Konsumverein nicht vorstellen konnte.&#8220; (Bude 1996) Diese Projektionsbeziehung setzte sich im bundesdeutschen Literaturbetrieb, der schon vor 1989 zu Recht großes Interesse an literarischen Erzeugnissen östlicher Provenienz hatte, auch nach dem Ende der DDR vielfach fort. Christa Wolfs Bücher verkauften sich weiterhin gesamtdeutsch blendend. Die ostdeutschen Dichter Volker Braun und Durs Grünbein erhielten den Büchner-Preis. Ingo Schulzes <em>Simple Storys</em> wurden zum gesamtdeutschen Bestseller. Doch allmählich wandelte sich das Rezeptionsverhalten, was am Beispiel einiger jüngerer Autoren sichtbar wird: Große Literatur wie das Debüt der 1971 in Ungarn geborenen Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Terézia Mora, ihre unter dem Titel <em>Seltsame Materie</em> (Reinbek 1999) gesammelten Erzählungen über ländliche Kindheiten, verkaufte sich nurmehr mäßig. Die nachwachsende westdeutsche Generation, nicht zuletzt in den Feuilletonredaktionen und Rundfunkanstalten, hatte Mitte der 1990er Jahre mittlerweile ihre eigene östliche Trostlandschaft auf der Sonnenallee entdeckt. Das waren die popromankompatiblen Formate, die Jungredakteuren die Abgrenzung zur ach so altmodischen Ästhetik der Altvorderen ermöglichten. Der Büchner-Preisträger des letzten Jahres ragt da als ein einsamer Fremdkörper aus dem Literaturbetrieb: Wolfgang Hilbig, 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren, musste unter solchen Umständen mit seinem großen, verstörenden Roman <em>Das Provisorium (</em>Frankfurt/Main 2000), der Schilderung einer entwurzelten Schriftstellerexistenz zwischen beiden deutschen Staaten während der 1980er Jahre, auf weitgehendes Unverständnis bei den nötigen Multiplikatoren stoßen. Vielleicht war er auch nur zu alt?</p>
<p>In jüngster Zeit mehrten sich ein paar Hoffnungsschimmer, es könnte aus der jungen ostdeutschen Literatur doch noch etwas werden. An erster Stelle wäre da André Kubiczeks (geb. 1969) Debütroman <em>Junge Talente</em> zu nennen. Auch Jana Simon ist in ihren autobiographischen Beobachtungen ostdeutscher Heranwachsender genauer als Jana Hensel: &#8222;Früher, ein Wort, das diese Generation der in den siebziger Jahren Geborenen zusammenhält &#8211; das einzige vielleicht. Sie hatten dieses komische Land noch miterlebt, das später unterging, sie waren sich einig in ihrem Hass dagegen oder in ihrer Gleichgültigkeit.&#8220; (Simon 2002: 25) &#8222;Schließlich waren sie alle Kinder des Westens, die nur im Osten aufwuchsen, vorübergehend&#8220;, so ihre Beschreibung einer DDR-Kindheit (ebd.: 42; zu Kubiczek und Simon vgl. den Literaturbericht in diesem Heft). Man kann nur hoffen, dass diese zarten Pflänzchen durch das heftige <em>Zonenkindergetrampel</em> nicht zertreten werden. Vielleicht böte ihnen ein Abflauen der medialen Aufregungen einen Schutzraum; die Nischenexistenzen haben sie ja noch in ihren Genen.</p>
<p>Im Westen tauchen jene wieder auf, die auch jenseits der Sonnenallee <em>Ostsucht</em> entwickeln: Der Münchner Schriftsteller Hans Pleschinski hatte unter diesem Titel schon vor zehn Jahren ein schönes Büchlein über seine Jugenderlebnisse als Westdeutscher mit und in der DDR geschrieben. Zwischenzeitlich bezeichnenderweise fast vergessen, wird es in diesem Frühjahr neuaufgelegt: &#8222;Ost-Deutschland ist schließlich ein Teil meiner Seele&#8220;, so der Autor, der in einem kleinen Ort drei Kilometer entfernt von der Grenze zur DDR in der Lüneburger Heide aufwuchs (Pleschinski 1993: 8). Ähnliches findet sich im Buch der 1968 geborenen Berliner Journalistin Susanne Leinemann, das im vergangenen Jahr unter dem Titel <em>Aufgewacht. Mauer weg</em> erschien (vgl. den Literaturbericht in diesem Heft). Natürlich schimmert auch hier das Traumbild Heinz Budes hindurch: Der Osten wird zur Projektionsfläche für westliche Wünsche und Forderungen. Dennoch beeindrucken diese Annäherungsversuche durch ihre Intensität.</p>
<h3 class="">
Im Wartesaal: die Zukunft der östlichen Erinnerungsliteratur</h3>
<p>&#8222;Die Zeit wäre also reif für eine Ost-Berliner Kindheit um 1980&#8220;, diagnostizierte der FAZ-Literaturredakteur Richard Kämmerlings in Anlehnung an Walter Benjamins Erinnerungswerk noch vor der Veröffentlichung der <em>Zonenkinder</em> (Kämmerlings 2002: 109). Er verwies auf den besonderen Erfahrungsraum Ost, der zu autobiographisch grundierter Literatur prädestiniere. Lenkt der billige Erfolg der <em>Zonenkinder</em> diese Ansätze nicht dauerhaft in eine falsche Richtung? Gut sieht es jedenfalls im Moment nicht aus. Jana Hensels Verlag hat soeben die Lebenserinnerungen der Popmusikredakteurin der<em> Berliner Zeitung</em> &#8211; Jahrgang 1967, farbig und aus dem Osten &#8211; auf den Markt geworfen: <em>Schokoladenkind. Meine Familie und andere Wunder</em> von Abini Zöllner.</p>
<p>Erinnerung, sprich: Im Januar 1996 war die Geschichte der jungen ostdeutschen Literatur noch offen. In den tristen Tagen nach seinem Tod schien es einen Moment so, als ob der Geschichtsmystiker Heiner Müller zur neuen Ikone einer jungen Generation werden könnte. Auf den viele Tage dauernden Non-Stop-Trauer-Lesungen aus seinem Werk saßen zu Füßen der lesenden Schauspieler im <em>Berliner Ensemble</em> viele andächtige, junge, ernste Menschen, Ost und West bunt durcheinander gemischt. Auch Jana Hensel hätte sich dort schön gemacht, in ihren weißen, hohen Lederstiefeln. Vielleicht hätte sie sich von dort aus ernsthaft auf die Suche nach ihrer Geschichte begeben. Es sah zumindest damals so aus, als ob sich einige von dort aus an die fällige Arbeit an der Geschichte machen würden. Der utopische Augenblick verstrich allzu rasch.</p>
<p>Im diesem Herbst wird die Epochenscheide 1989 vierzehn Jahre zurückliegen. Vierzehn Jahre waren auch 1959 seit dem letzte Epochenbruch vergangen. Jenes Jahr sollte das wichtigste der deutschen Nachkriegsliteratur werden: Es erschienen Die <em>Blechtrommel</em> von Günter Grass und die <em>Mutmaßungen über Jakob</em> von Uwe Johnson. Der eine Roman drang tief in die deutsche NS-Geschichte vor 1945 ein, der andere sezierte die deutsche Gegenwart der DDR. Grass war 32 Jahre alt, so alt wie Judith Hermann heute, Johnson 25, ein Jahr jünger als Jana Hensel. Heute, im Jahr 2003, scheint die Auseinandersetzung mit dem, was vor vierzehn Jahren war und noch immer währt, keine vergleichbaren Ergebnisse zu zeitigen. Wir werden uns diesmal wohl noch etwas gedulden müssen.</p>
<p>1 Aus der Vielzahl weiterer Rezensionen seien besonders erwähnt: Der Tagesspiegel vom 15. September 2002 (Steffen Richter: Als die Dinge noch so hießen, wie sie waren); Die Welt vom 2. Oktober 2002 (Michael Pilz: Generation Zone); Rheinischer Merkur Nr. 45 vom 7. November 2002 (Marion Lühe: Oden auf den Goldbroiler); Freitag Nr. 46 vom 8. November 2002 (Ingo Arend: Der Setzkasten der Erinnerung); Literaturen 11/2002 (Martin Z. Schröder: Die DDR war gar nicht lustig); die tageszeitung vom 26. November 2002 (Jan Brandt: Mit der Krise steigt die Sehnsucht); Berliner Zeitung vom 2. Dezember 2002 (Natascha Freundel: Wir gehen ins Museum); Die Zeit Nr. 51/2002, Dezember-Literaturbeilage, S. 36 (Nadja Geer: DDR-Safari)</p>
<h3 class="">
Literatur</h3>
<p><em>Bude, Heinz 1996:</em> Das Land, das an Gott grenzt. Sibirien, Auschwitz, Weimar, Bitterfeld: Der Mythos des Ostens und seine Spuren im deutschen Nachkriegsbewußtsein; in: <em>die tageszeitung</em> vom 18./19. Mai, S. 12-13</p>
<p><em>Hensel, Jana </em>2002: Zonenkinder, Reinbek</p>
<p><em>Hermann, Judith </em>2003<em>:</em> Nichts als Gespenster. Erzählungen, Frankfurt/Main</p>
<p><em>Kämmerlings, Richard</em> 2002: Das Ich und seine Gesamtausgabe. Zum Problem der Autobiographie; in: Kursbuch 148, Juni, S. 99-109</p>
<p><em>Kubiczek, André</em> 2002: Junge Talente, Berlin</p>
<p><em>Langelüddecke, Ines</em> 2003: Gehen oder bleiben; in<em>: Merkur</em> 645, 57. Jg., H. 1, S. 75-78</p>
<p><em>Leinemann, Susanne</em> 2002: Aufgewacht. Mauer weg, Stuttgart/München</p>
<p>Pleschinski, Hans 1993: Ostsucht. Eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland, München</p>
<p><em>Simon, Jana</em> 2002: Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S., Berlin</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Linke Perspektiven. Ein aktueller Literaturbericht</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/linke-perspektiven-ein-aktueller-literaturbericht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Dec 2005 11:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 171/172: Die Zukunft der Linken, S. 221-234 Die Zukunft der Linken beginnt mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Diese Sonntagsredensentenz bekommt nach einem weitreichenden Machtverlust wie bei der Bundestagswahl im September 2005 eine innere Logik. Was sind die tieferen Ursachen für die Abwahl der rot-grünen Regierung nach sieben Jahren im Amt? Welche Konsequenzen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/171-172/publikation/linke-perspektiven-ein-aktueller-literaturbericht/">Linke Perspektiven. Ein aktueller Literaturbericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 171/172: Die Zukunft der Linken, S. 221-234</p>
<p>Die Zukunft der Linken beginnt mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Diese Sonntagsredensentenz bekommt nach einem weitreichenden Machtverlust wie bei der Bundestagswahl im September 2005 eine innere Logik. Was sind die tieferen Ursachen für die Abwahl der rot-grünen Regierung nach sieben Jahren im Amt? Welche Konsequenzen lassen sich daraus ziehen? Schon am Ende der ersten Legislaturperiode analysierten die vorgänge die Politik von SPD und Grünen (vorgänge 157, Heft 1/2002: &#8222;Rot-Grün &#8211; eine Bilanz&#8220;). Seither halten sich grundsätzlich neue Deutungsversuche in Grenzen, was sich jedoch mit wachsendem Abstand alsbald ändern dürfte. Eine historische Einordnung jener ersten vier rot-grünen Jahre versuchte bereits ein junger Politikwissenschaftler, Jahrgang 1971:</p>
<p><i>Hans Jörg Hennecke</i>: Die dritte Republik. Aufbruch und Ernüchterung, Propyläen: München 2003, 400 S., ISBN 3-549-07194-9; 24 Euro</p>
<p>Hinter einem großsprecherisch-irrigen Titel verbirgt sich eine nüchterne, leicht lesbare Nacherzählung der Jahre 1998 bis 2002; Thesenfreude und Interpretationsfähigkeit des Autors überschreiten an keiner Stelle mittleres Leitartikelniveau. Noch einmal kann man die Ereignisse von Lafontaines Abgang bis zum Kosovo-Krieg Revue passieren lassen; Neues erfährt man über all das nicht. Sinnvoll ist die Einbeziehung der intellektuellen Debatten in dieser zusammenfassenden Politikgeschichte.</p>
<p>Die konkreten Themenfelder der ersten Legislaturperiode nimmt dagegen ein sehr gelungener Sammelband Tübinger und Heidelberger Politikwissenschaftler unter die Lupe:</p>
<p><i>Christoph Egle</i> u.a. (Hgg.): Das rot-grüne Projekt. Eine Bilanz der Regierung Schröder 1998-2002, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 452 S., ISBN 3-531-13791-3; 32,90 Euro</p>
<p>Manfred G. Schmidt bilanziert die kritisch Sozialpolitik, Lutz Mez führt die positiven Veränderungen in der Energie- und Umweltpolitik auf. In einem spannenden und theoretisch ambitionierten Beitrag wendet Wolfgang Merkel die &#8222;Vetospieler&#8220;-Theorie von George Tsebelis auf Steuer-, Renten- und Arbeitsmarktreform an. Andere Autoren beschäftigen sich mit dem Regierungsstil des Kanzlers, Rolf G. Heinze mit dem Bündnis für Arbeit, Frank R. Pfetsch positiv-sachlich mit der Außenpolitik &#8211; kein wesentliches Politikfeld wird vernachlässigt.<br />Wer sich speziell für die Sozial- und Wirtschaftspolitik zwischen 1998 und 2002 interessiert, sollte zu folgendem Sammelband greifen:</p>
<p><i>Antonie Gohr/Martin Seeleib-Kaiser</i> (Hgg.): Sozial- und Wirtschaftspolitik unter Rot-Grün, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 361 S., 3-531-14064-7; 34 Euro</p>
<p>Nach theoretischen Beiträgen zu Beginn, die auch die Veränderungen der Sozialsstaatsprogrammatik in den Parteien spiegeln, steht die Empirie der vielen politischen Teilbereiche, von Finanz- bis Armutspolitik, aber auch Bildung und Migration. Eine Fortsetzung beider Sammelbände für die Zeit bis 2005 wäre zu wünschen (vgl. auch den Beitrag von Stephan Lessenich in diesem Heft).</p>
<p>Der tragenden Regierungspartei folgte über die Jahre stets ein kritischer Schatten: Franz Walter, der bekannte Parteienforscher in Göttingen, hat seine zahllosen Aufsätze über die deutsche Sozialdemokratie seit 1999 in einem Band vereint:</p>
<p><i>Franz Walter</i>: Abschied von der Toskana. Die SPD in der Ära Schröder, 2. erw. Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005, 205 S., ISBN 3-531-34268-1; 21,90 Euro</p>
<p>Rechtmachen kann es der &#8222;Tanker&#8220; (Peter Glotz) dem rastlos kommentierenden Beobachter Walter nie; sichtlich leidet der Autor am Zustand seines Objekts: Mal ist es zu unbeweglich-starr, mal zu wenig traditionsbewusst-verwurzelt; mal zu modern, mal zu unmodern. Insofern liegt Walter mit seinen Analysen fast immer richtig &#8211; es kommt eben auf den Moment an (vgl. den Beitrag von Franz Walter in diesem Heft). Der Autor erweist sich darin unter den politischen Analytikern hierzulande als immer anregender Situationist á la Gerhard Schröder, wissenschaftlich gewappnet mit Milieutheorien und parteiensoziologischer Unterfütterung.</p>
<p>Die SPD von unten schildert der amüsante Erlebnisbericht eines jungen Berliner Journalisten, der sich eines grauen Oktobertages 2003 zum Eintritt in die Partei entschloss:</p>
<p><i>Nicol Ljubic</i>: Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt verändern wollte, DVA: München 2004, ISBN 3-421-05775-3; 17,90 Euro</p>
<p>Sein Porträt schildert die Krise. Misserfolge auf Delegiertenkonferenzen, widerspenstige Wähler, Mühsal der Ebene im Wahlkampf &#8211; eine Partei regiert das Land und ist dennoch verzagt. Wenn die Justizministerin zur Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen nach Wedding kommt, interessiert das nur vier Zuhörerinnen. Gänzlich abschrecken lässt sich der Autor nicht: immer wieder findet er junge Mitglieder und Funktionäre, die für ihn Aufbruch und Veränderung verkörpern.</p>
<p>Eine Werbung für Rot-Grün ist der folgende Reportageband des Spiegels mitnichten. Viel ist in den letzten Jahren über das Verhältnis des Hamburger Nachrichtenmagazins zum Kabinett Schröder/Fischer gerätselt worden. Immerhin hatte Begründer Augstein sein Kind einst als &#8222;im Zweifel links&#8220; bezeichnet, wovon zuletzt kaum etwas zu spüren war. Die vielen Szenen, die die drei Reporter des Blattes aus den rot-grünen Jahren zusammenfügen, sind daher vor allem auch ein Protokoll der eigenen Desillusionierung:</p>
<p><i>Matthias Geyer/Dirk Kurbjuweit/Cordt Schnibben</i>: Operation Rot-Grün. Geschichte eines politischen Abenteuers, DVA: München 2005, 335 S., ISBN 3-421-05782-6; 17,90 Euro</p>
<p>Unfreiwillig offenbart der Band, wie schwer selbst in der &#8222;deutenden Klasse&#8220; die Ankunft in der Regierungsrealität war, wie stark auch hier der utopische Überschuss der Generation von 68 fortwirkte und Erwartungen an Rot-Grün weckte, die schwerlich einzulösen waren. Das hinter die Kulissen blickende Buch ist hilfreich für eine Phänomenologie dieser Jahre; originelle Deutungen der präsentierten Snap-Shots sucht man vergebens.</p>
<p>Noch verliert sich die rot-grüne Vorgeschichte gerne in Anekdoten, von Joschkas Turnschuhen bis zur Kabinettslistenspielchen in der Bonner Kneipe Provinz zu Beginn der 1980er Jahre. Eine Marburger politikwissenschaftliche Dissertation geht andere Wege:</p>
<p><i>Thomas Krumm</i>: Politische Vergemeinschaftung durch symbolische Politik. Die Formierung der rot-grünen Zusammenarbeit in Hessen von 1983 bis 1991, Deutscher Universitäts-Verlag: Wiesbaden 2004, 287 S., ISBN 3-8244-4601-4; 35,90 Euro</p>
<p>Auf der Grundlage von offiziellen Reden und Dokumenten, Presseartikeln und Politikerbriefwechseln rekonstruiert Krumm, ob und wie sich damals eine rot-grüne Identität herausbildete, während der ersten Phase 1985 bis 1987 (Ministerpräsident Börner) sowie beim zweiten Anlauf 1991 (Ministerpräsident Eichel). Da es sich um den ersten Versuch einer Regierung dieser Art in Deutschland handelte, käme diesem Prozess zentrale Bedeutung zu, um auch später bei den Wählern ggf. abrufbar zu sein. Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser theoretisch reflektierten Untersuchung: Der kleine grüne Partner war durch seine Medienwirksamkeit eminent erfolgreich bei der Schaffung einer rot-grünen Identität.</p>
<p>Regieren geht über studieren: So hieß das politische Sponti-Tagebuch, das der ehemalige hessische Umweltminister Joschka Fischer 1987 über seine Amtszeit publizierte. Fast zwanzig Jahre und ein paar Ämter und Bücher später verfasste der Außenminister erneut eine Bilanz einer Amtszeit, wenn auch nicht in Tagebuchform:</p>
<p><i>Joschka Fischer</i>: Die Rückkehr der Geschichte. Die Welt nach dem 11. September und die Erneuerung des Westens, Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln 2005, 304 S., ISBN 3-462-03035-3; 19,90 Euro</p>
<p>Den belesenen Autodidakten Fischer erkennt man am massiven Hang zu sentenziösen Zitaten kluger Denker. Die Weltpolitik hat sich der lebenslang Lernende mit der ihm eigenen Energie gedanklich erschlossen; zwischen Hegel und HIV-Virus bekommen sämtliche Phänomene der Moderne ihren gebührenden Platz. Ein genuin rot-grünes Erbe, eine spezifisch linke Idee von Weltinnenpolitik vermag man nur schwerlich aus dieser Schrift herauszudestillieren; zu sehr dominiert der intellektuell reflektierte Pragmatismus der Tat dieses Buch. &#8222;&#8218;Ich habe verstanden&#8216;, lautet das Credo aller Bücher von Fischer&#8220; (Heinz Bude): In diesem Sinne liegt hier das Vermächtnis eines verwandelten einstigen Linksradikalen vor.</p>
<p>Drei sozialdemokratische Kanzler hat die deutsche Linke seit 1949 gestellt &#8211; und alle drei haben ihre eigene Visualisierung, ja Ikonisierung erlebt. Gerhard Schröder hatte einen Hoffotografen, der schon von Machtmenschen wie Mitterand und Kohl geschätzt wurde. Er machte auch vor Doris und dem Ohr des Kanzlers in edel stilisierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen nicht halt:</p>
<p><i>Konrad Rufus Müller</i>: Gerhard Schröder. Fotografien, Steidl: Göttingen 2003, 108 S., ISBN 3-88243-887-8; 28 Euro</p>
<p>Schröders rot-grüne Jahre werden in den Bildern von Müller auf eine eigentümliche Art und Weise mit Patina überzogen, gleichsam schon in der Gegenwart historisiert. Der Inszenierungswille erscheint so auch in den Szenen des Regierungsalltags und privaten Momenten; eine zusätzliche Bedeutungsebene unterlegt Müller auch noch der beiläufigen Zeitungslektüre des Kanzlers: Fotos für die Geschichtsbücher.</p>
<p>Ein zweisprachiger Bildband für Fans wurde dem Kanzler im Sommer 2005 gleichsam als Abschiedsgeschenk zuteil. Hier wird Schrödermanie hemmungslos ausgelebt:</p>
<p>W<i>olfgang Behnken</i> (Hg.): Mensch, Schröder. Der Acker. Der Gerhard. Der Kanzler, teNeues: Kempen 2005, 240 S., ISBN 3-8327-9084-5; 29,90 Euro</p>
<p>Die Szenen einer demokratischen Regentschaft fangen wiederum Müller sowie Dieter Blum ein; kurze Essays von Weggefährten von Bodo Hombach bis Klaus Uwe Benneter machen Propaganda. Kopfschüttelnd registriert man, dass auch renommierte Hauptstadt-Korrespondenten u.a. von Stern, ZDF und Süddeutscher Zeitung sich für diese Macht Mensch-Inszenierung mitten im Wahlkampf nicht zu schade waren und willige Mitspieler in diesem Musterbeispiel für Mediokratie wurden. Dass Schröders sozialdemokratische Vorgänger keine schlechtere Figur in der visuellen Welt machten, offenbaren die drei folgenden Bände. Aus den Beständen des Spiegel-Archivs wurde ein Bildband über Helmut Schmidt zusammengestellt, der die Karriere des Hamburgers seit seinen Bonner Anfängen verfolgt:</p>
<p><i>Stefan Aust/Robert Fleck</i> (Hgg.): Helmut Schmidt. Ein Leben in Bildern des Spiegel-Archivs, DVA: München 2005, 208 S., ISBN 3-421-05888-1; 29,90 Euro</p>
<p>Ob rauchend in der Kellerbar in seinem Privathaus oder im Regen mit Giscard d&#8217;Estaing, beim Segeln, in der Garage oder von Augstein mit der Axt bedroht: Die Fotos sollen den angeblich sachlichen Pragmatiker menschlich machen. Die Bildsprache hebt Schmidt nicht auf den Sockel, sondern inszeniert warme Nähe.</p>
<p>Willy Brandt war zweifellos derjenige unter allen linken deutschen Politikern im 20. Jahrhundert, der am meisten die Phantasie seiner Mitmenschen angeregt hat. Zwei Bände versuchen, seinen visuellen Reizen auf die Spur zu kommen. Andy Warhol, Gerhard Marcks, Johannes und Berhard Heisig, Rainer Fetting und Georg Meistermann haben den Kanzler in berühmten Werken zur Kunstfigur und Ikone gemacht:</p>
<p><i>Mirja Linnekugel/Klaus Wettig</i> (Hgg.): Willy Brandt &#8211; Porträts, Parthas: Berlin 2002, 93 S., ISBN 3-932529-47-2; 17,80 Euro</p>
<p>Georg Meistermann hat in seinem Porträt aus dem Jahr 1977 jene inspirative Verschwommenheit Brandts vielleicht am besten eingefangen. Neben den Skulpturen und Bildern stehen in diesem Band Essays von und über den Entstehungsprozess der einzelnen Werke, die offenbaren, wie stark Brandts Wesenszüge kreatives Potential gebunden und entzündet haben.</p>
<p>Der langjährige Spiegel-Fotograf Jupp Darchinger ist diesen Eigenschaften Brandts ebenfalls desöfteren verfallen; viele berühmte Fotos des Kanzlers stammen von ihm, so vom Kniefall in Warschau oder des legendären Auftritts am Fenster seines Hotels in Erfurt:</p>
<p><i>Mirja Linnekugel/Klaus Wettig</i> (Hgg.): Willy Brandt &#8211; Kämpfer und Visionär. Fotografien von Jupp Darchinger, Parthas: Berlin 2004, ISBN 3-936324-08-5; 29 Euro</p>
<p>Angesichts dieser drei Bildbände scheint zumindest nach 1945 die politische Linke visuell an- und aufregender als ihr politisches Gegenüber gewesen zu sein. Wie wird künftig das nationale Bildgedächtnis mit dieser Hinterlassenschaft umgehen?</p>
<p>Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen führen auch zurück in die drei Jahre, in der die linke Volkspartei schon einmal Juniorpartner in einer Bundesregierung war. 1966 bis 1969 war Brandt Vizekanzler und Außenminister in der Großen Koalition. In einem voluminösen Synthese hat der Mannheimer Historiker Klaus Schönhoven die SPD jener Jahre untersucht:</p>
<p><i>Klaus Schönhoven</i>: Wendejahre. Die Sozialdemokratie in der Zeit der Großen Koalition 1966-1969, Dietz: Bonn 2004, 734 S., ISBN 3-8012-5021-0; 58 Euro</p>
<p>Das Buch wird zum Standardwerk jener bundesrepublikanischen Sattelzeit werden. Beeindruckend ist die stupende Sachkenntnis, mit der das komplizierte Manövrieren der SPD auf dem Weg zur Macht in allen Details anschaulich geschildert wird. Es bleibt auch im Rückblick ein Phänomen, wie zwei Partner mit sehr unterschiedlichen Auffassungen auf fast allen Politikfeldern drei Jahre lang vergleichsweise erfolgreich regieren konnten. Erklärbar ist dies vor allem durch den unbedingten Machtwillen einer nach langen Durststrecken endlich in Regierungsämtern gelangten sozialdemokratischen Politikerriege: sie wollten den Erfolg, um irgendwann den Kanzler zu stellen. Es war eine SPD im Aufstieg &#8211; und gerade das ist es, was die SPD gegenwärtig in der zweiten Großen Koalition nicht ist. Eine Erfolgsgeschichte mag man unter diesen Umständen kaum prophezeien.</p>
<p>Einen schonungslosen Blick für die Schwächen seiner Partei hatte von jeher einer der bedeutendsten intellektuellen Köpfe der SPD: ihr ehemaliger Bundesgeschäftsführer Peter Glotz, der im August 2005 verstarb.</p>
<p><i>Peter Glotz</i>: Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers, Econ: Berlin 2005, 342 S., 3-430-13258-4; 24,90 Euro</p>
<p>In seinen kurz vor seinem Tod fertiggestellten Memoiren überlagert die kühle Nüchternheit oft die Sympathie des Autors für seine Genossen, zu denen er 44 Jahre gehörte; in den letzten Jahren hatte er sich von der herrschenden &#8222;Enkelei&#8220; (Glotz) mehr und mehr zurückgezogen. Brillant sind seine umstandslosen, zugespitzten Skizzen, so das durchaus positive, genaue Porträt von Hans-Jochen Vogel. Peter Glotz verkörperte beides: die Erfolgsgeschichte der linken Volkspartei, der es gelang, Wissenschaftler und kluge Köpfe wie ihn an sich zu binden, wie auch die Grenzen, die dem Einfluss solcher Gestalten innerparteilich letztlich gesetzt waren. Glotz&#8216; Erinnerungen gehören sicher zu den aussagekräftigsten Dokumenten über linke Werdegänge nach 1945.</p>
<p>Die meisten Linken schlugen in den 1960er Jahren einen radikaleren Weg als Glotz ein: 1968 ist die Chiffre, unter die Geschichte der Außerparlamentarischen Linken in Deutschland firmiert &#8211; diese war in wesentlichen Teilen zudem eine antiparlamentarische Linke. Nun hatte die Überwindung der parlamentarisch bemäntelten Klassenherrschaft seit jeher auf der linken Agenda gestanden. In der krisengeschüttelten Weimarer Republik war das antiparlamentarische Denken nicht nur auf der Rechten eine Selbstverständlichkeit, sondern auch die Linke kämpfte gegen die Republik. Deren Denken zusammenfassend zu interpretieren, ist das Verdienst einer Bonner Dissertation:</p>
<p><i>Riccardo Bavaj</i>: Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik, Dietz: Bonn 2005, 535 S., ISBN 3-8012-4155-6; 36 Euro</p>
<p>Als Komplementärstück zur klassischen Studie von Kurt Sontheimer über das antidemokratische Denken auf der Rechten stellt der Autor zunächst den linken Antiparlamentarismus in der Politik (Kommunisten, Anarchisten, USPD u.a.), dann im Kulturleben vor (u.a. Gustav Landauer, Ossietzkys Weltbühne, Kurt Tucholsky, der Malik-Verlag, Johannes R. Becher). Zwar ist die ideelle Mitschuld am Untergang der Demokratie nicht von der Hand zu weisen. Jedoch wäre die historisierende Frage nach den Ursachen, warum in Deutschland der intellektuelle Radikalismus jener Jahre stärker ausgeprägt war als in anderen Ländern, wichtig gewesen. Anlass zur linken Selbstkritik bietet jedoch diese Studie einmal mehr: Denn die strukturelle Schwäche der deutschen Linken in den vergangenen Jahrzehnten hat sicher auch etwas mit dem frühen und weit verbreiteten Radikalismus zu tun, den es beispielsweise in Großbritannien nie gab, und wo Labour daher weitaus häufiger Vertrauen der Wähler erwerben konnte.</p>
<p>Die deutsche außerparlamentarische Linke der 1960er Jahre knüpfte jedenfalls wieder in vielem an ihre radikalen Vorläufer an: Georg Lukács&#8216; Geschichte und Klassenbewußtsein von 1923 wurde eifrig studiert. Einen schönen Überblick über die damalige Diskurslandschaft vermittelt ein Kompendium aus dem Hause Suhrkamp:</p>
<p><i>Rudolf Sievers</i> (Hg.): 1968. Eine Enzyklopädie, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2004, 490 S., ISBN 3-518-12241-x; 15 Euro</p>
<p>Die damals (wieder) wichtigen Texte finden sich hier in Auszügen, neben Lukács Peter Weiss&#8216; Ermittlung, vieles von Adorno bis Habermas und Wilhelm Reich, von Dutschke, Krahl bis Enzensberger. Nostalgie mag nicht recht aufkommen; zu historisch erscheinen den Nachlebenden die aufgeregten Debatten. Ob die Zukunft der Linken sich erneut an einer aktualisierenden Lektüre von Herbert Marcuses Repressiver Toleranz entzünden könnte, darf füglich bezweifelt werden. Dass es ein Jahr des Aufbruchs war, von dem &#8211; gewollt oder ungewollt &#8211; nachhaltige Liberalisierungsschübe in den westlichen Gesellschaften ausgingen, ist mittlerweile jedoch unstrittig. Der amerikanische Autor Mark Kurlansky hat die Aufregungen jenes Jahres zusammengedacht und ein brillantes Hohelied der Emanzipation angestimmt:</p>
<p><i>Mark Kurlansky</i>: 1968. Das Jahr, das die Welt veränderte, Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln 2005, 461 S., ISBN 3-462-03618-1; 22,90 Euro</p>
<p>Modisches 68er-Bashing will es hierzulande oft verdrängen: Hinter der Chiffre &#8222;1968&#8220; versammeln sich nicht nur ideologische Eiferer, sondern auch die weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg oder der Prager Frühling und dessen Niederschlagung durch die Armeen des Warschauer Pakts. Kurlansky inszeniert folgerichtig eine globale Kultur- und Gesellschaftsgeschichte jenes Jahres, zwischen Chicago, Warschau, dem Wenzelsplatz in Prag und den Olympischen Spielen in Mexiko, LSD, Panzern und Rock &#8217;n &#8218;Roll.</p>
<p>Die zentrale Figur der APO hierzulande wurde rasch zur Pop-Ikone: Rudi Dutschke. Ein Journal der taz möchte das Charisma von Rudi für die Nachlebenden reaktivieren:</p>
<p><i>Tazjournal</i> 1/2006: Dutschke und Du. Verändern, kämpfen, leben: Was wir von Rudi Dutschke lernen können, taz Verlag: Berlin 2006, ISBN 3-937683-04-6; 8 Euro</p>
<p>Interviews mit Klaus Theweleit, Beate Klarsfeld und Gretchen Dutschke sollen das Phänomen Dutschke erklären, der Autor Joachim Lottmann darf Rudis legendären Strickpulli deuten (eine Strickanleitung findet sich ebenso dort). Allzuviel Erkenntnisgewinn darf man sich bei der Lektüre nicht versprechen, zumal die Gewaltfrage nonchalant abgehandelt wird &#8211; die gelungene Anmutung des Heftes wird für eine ironisch angestrebte Dutschke-Renaissance unter den Jüngeren nicht ausreichen. Nachdenklich stimmt die Lektüre des Briefwechsels zwischen Dutschke und seinem im Gefängnis sitzenden Attentäter Josef Bachmann: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Bachmann in seinem primitiven, fehlerhaften Schreiben der klügere politische Kopf ist.</p>
<p>Ein Zeitzeuge hat seine Erinnerungen an jene Jahre aufgeschrieben: Ulrich Enzensberger, jüngerer Bruder von Hans Magnus, war Mitbegründer der legendären Kommune I und schildert deren Existenz im aufgeregten West-Berlin jener Jahre in einem launig gehaltenen Rückblick, dessen detailfreudige Anekdotenseligkeit auf Dauer stört:</p>
<p><i>Ulrich Enzensberger</i>: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969, Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln 2004, 415 S., ISBN 3-462-03413-8; 24,90 Euro</p>
<p>Verfremdungseffekte bei der Lektüre treten ein: die Relevanz all der (theoretischen wie praktischen, zudem in Grundzügen lange bekannten) Windungen jener Truppe erschließt sich nur schwer. Die legendären Figuren Kunzelmann, Dutschke, Teufel, Obermaier, Langhans haben alle ihren mehrfachen Auftritt. Eine Groteske war es ebenso wie eine Farce: Doch Enzensberger kann durch seine ironische Distanz kaum kenntlich machen, welche Bedeutung dieses Lebensformexperiment für die Bundesrepublik hatte.</p>
<p>Ein bemerkenswertes, ebenfalls autobiographisches Buch über jene Jahre hat der Schriftsteller Uwe Timm verfasst. Er war Anfang der 1960er Jahre mit Benno Ohnesorg befreundet, als beide in Braunschweig das Abitur nachholten. Jahre später hört er im Radio in Paris, dass der Freund erschossen wurde:</p>
<p><i>Uwe Timm</i>: Der Freund und der Fremde. Eine Erzählung, Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln 2005, 173 S., ISBN 3-462-03609-2; 16,90 Euro</p>
<p>Es ist ein später Freundschaftsdienst, den Timm mit seinen persönlichen Erinnerungen an Ohnesorg in diesem Bändchen leistet. Gemeinsame Gespräche über Literatur und Liebe tauchen auf, gemeinsame Museumsbesuche; Rodins Kuß wird gemeinsam angeschaut und diskutiert. Timm forscht heute nochmals nach, fährt in ihr gemeinsames Kolleg und stellt die Frage, wer dieser junge Mann hätte werden können. Manchmal stört Pathos, doch auch das gehört wohl zum Nachhall jener Jahre.</p>
<p>Zur nötigen aktuellen Selbstaufklärung der Linken gehört die historisierende Frage nach der Gewalt innerhalb der 68er-Bewegung. Am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeitet sich Wolfgang Kraushaar seit Jahren ausdauernd an ihr ab (vgl. auch seinen Beitrag in diesem Heft). Seine jüngste Untersuchung ist eine mit kriminalistischem Spürsinn verfasste Milieustudie, die offenbart, wie es in der West-Berliner Szene schon 1969 eine Bereitschaft zum Bombenattentat gab, lange vor der RAF:</p>
<p><i>Wolfgang Kraushaar</i>: Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 300 S., ISBN 3-936096-53-8; 20 Euro</p>
<p>Jenseits der Frage, inwiefern der Verfassungsschutz über seinen Spitzel Peter Urbach beteiligt war, erkennt Kraushaar antisemitische Züge in der linksradikalen Subkultur, vor allem bei Dieter Kunzelmann. Der &#8222;antisemitische Latenzzusammenhang&#8220; bewirkte, dass die Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 im Jüdischen Gemeindehaus eine Bombe &#8222;gegen den Zionismus&#8220; explodieren lassen wollten (was durch Zufall verhindert wurde). Minutiös rekonstruiert Kraushaar ein Milieu, das einen kumulativen Radikalisierungsprozess erlebte.</p>
<p>Ein kleines Bändchen des Hamburger Instituts hat 2005 für Aufsehen gesorgt:</p>
<p><i>Wolfgang Kraushaar/Karin Wieland/Jan Philipp Reemtsma</i>: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 143 S., ISBN 3-936096-54-6; 12 Euro</p>
<p>Gibt es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen 1968 und dem Abgleiten in die Gewalt der RAF? Karin Wieland schildert in einem brillanten Psychogramm die &#8211; rückblickend so schwer erklärliche &#8211; Aura von Baader, die wesentlich zur Formierung der RAF beitrug, Wolfgang Kraushaar belegt die Gewaltoption im politischen Horizont Dutschkes, um die Revolution mithilfe der Stadtguerilla herbeizukämpfen. Dass der Dutschke-Mythos zur Revitalisierung einer demokratischen linken Bewegung hierzulande kaum taugt, wird überdeutlich.</p>
<p>Die Gewalt kulminierte ein Jahrzehnt später im &#8222;Deutschen Herbst&#8220; 1977. Dass die Zeitgeschichte noch raucht, selbst im Gewand der Kunst, belegte zuletzt die eigenartige Vorab-Kontroverse um die Berliner RAF-Ausstellung, die zu Beginn des Jahres 2005 in den Kunstwerken gezeigt wurde:</p>
<p><i>Klaus Biesenbach</i> (Hg.): Zur Vorstellung des Terrors. Die RAF. 2 Bde., Steidl: Göttingen 2005, 710 u. 278 S., ISBN 3-86521-102-X; 50,40 Euro</p>
<p>Der umfangreiche Dokumentationsband führt anhand der faksimilierten Presseberichte die Geschichte von Gewalt und Gegengewalt in Deutschland von den Schüssen auf Benno Ohnsorg 1967 bis zur Auflösungserklärung der RAF 1998 vor Augen &#8211; eine eindrucksvolle Inszenierung um die jeweiligen Entführungen und Anschläge im &#8222;roten Jahrzehnt&#8220; (Gerd Koenen). Der zweite Band präsentiert die Werke, die Künstler in Auseinandersetzung mit der RAF (u.a. Polke, Kippenberger, Gerhard Richter, Beuys) schufen, sowie zahlreiche kunsthistorische und zeitgeschichtliche Essays. Große Kunst sucht man weitgehend vergeblich, dazu war die RAF offenbar doch nicht inspirierend genug. Der zeithistorische Geleitschutz für die Ausstellung ist ohnehin unnötig gewesen. Zu den Figuren des 68er-Milieus, deren Leben dereinst verfilmt werden dürfte, gehört nicht nur Joschka Fischer. Sein Freund Otto Schily verkörpert mit seinem politischen Werdegang vom Anwalt der RAF-Terroristen bis zu seiner 7jährigen Amtszeit als in Sachen Bürgerrechten unempfindlicher Innenminister eine spezielle Entwicklung der deutschen Linken nach 1945. Der taz-Redakteur Stefan Reinecke hat diese facettenreiche Lebensgeschichte aufgeschrieben:</p>
<p><i>Stefan Reinecke</i>: Otto Schily. Vom RAF-Anwalt zum Innenminister. Biografie, Hoffmann und Campe: Hamburg 2003, 399 S., ISBN 3-455-09415-5; 22,90 Euro</p>
<p>Als kultivierter Hobbypianist aus bürgerlichem Haus, mit anthroposophischem Hintergrund fremdelte &#8222;der Otto&#8220; Zeit seines Lebens: ob als Anwalt im Berliner linksradikalen Milieu, ob als grüner Bundestagsabgeordneter mit Krawatte, ob nach seinem Übertritt in die SPD unter den bayrischen Genossen seines Landesverbandes. Vielleicht hat er erst als autoritärer Innenminister zu seiner eigentlichen Rolle gefunden: endlich nicht mehr Kämpfer für das Recht, sondern dessen Verkörperung &#8211; wie auch immer das dann aussehen mag. Für Schily selbst, der sich erstaunlicherweise immer noch als grüner Linker in der SPD fühlt, gibt es übrigens keine Brüche in seiner Vita &#8211; eine Illusion zur Lebensbewältigung, wie sein Biograf treffend bemerkt. Auf ganz andere Art und Weise bruchlos dürfte sich ein linker Anwaltskollege Schilys fühlen: Klaus Staeck, geboren 1938, seit 1960 SPD-Mitglied, seit 1983 Beiratsmitglied der HUMANISTISCHEN UNION, ist bekannt geworden als der bedeutendste politische Plakatkünstler hierzulande. Nichts ist erledigt: so hieß programmatisch die jüngste Werkschau seiner jahrzehntelangen und unermüdlichen visuellen Gesellschaftskritik:</p>
<p><i>Klaus Staeck</i>: Nichts ist erledigt. Eine Retrospektive, Steidl: Göttingen 2004, 183 S., ISBN 3-86521-096-1; 25 Euro</p>
<p>Staecks Schaffen mag durch viele wiederholte Veröffentlichungen einen gewissen Übersättigungseffekt ausgelöst haben. Umso angenehmer überrascht wird man von Vielfältigkeit und Formenreichtum seiner Montagen und Fotografien, sobald man diesen Band zur Hand nimmt. Er beherrscht viele Register: von knalliger Propaganda bis zur subtilen Anspielung. Oskar Negt, ein linker Weggefährte Staecks, schildert in dem Katalog, wie er ihn 1962 im Heidelberger SDS kennenlernte.</p>
<p>Die Freunde Negt und Staeck arbeiten seit Jahrzehnten unverdrossen an linken Perspektiven. Dazu gehört auch der Kampf gegen die Krise der Gewerkschaften, für den Negt mit einer kleinen Streitschrift mobil machen möchte:</p>
<p><i>Oskar Negt</i>: Wozu noch Gewerkschaften? Eine Streitschrift, Steidl: Göttingen 2005, 175 S., ISBN 3-86521-165-8; 5 Euro</p>
<p>Seit Jahrzehnten mit der Gewerkschaftsarbeit eng verbunden, plädiert Negt für eine Ausweitung gewerkschaftlicher Aktivitäten über die Mitgliederinteressen hinaus. Bildung und Kultur, lokale Verantwortung und Engagement, &#8222;außerbetriebliche Erfahrungsräume&#8220;: all das seien Aufgaben für Gewerkschaften heute. Da klingt doch recht viel Nostalgie hindurch, geprägt von einer vergangenen gewerkschaftlichen Reformarbeit. Wichtiger als eine inhaltliche scheint eine räumliche Ausweitung der Kampfzone, die konsequente Internationalisierung der Gewerkschaften, um auf Abwanderungen und Verdrängungen irgendwann einmal wirkungsvoll reagieren zu können. Haben die Gewerkschaften noch eine Zukunft? Die Frage wird im folgenden Buch bejaht &#8211; falls sie zu Reformmotoren mutieren:</p>
<p><i>Gabriele Stief</i>: Nur wer mitgestaltet, überlebt. Gewerkschaft als Motor, Aufbau: Berlin 2005, 202 S., ISBN 3-351-02604-8; 14,90 Euro</p>
<p>Die Autorin, Redakteurin bei der Hannoverschen Allgemeinen, hat ein eingängiges Mutmachbuch geschrieben, das vor allem die Erfahrungen der IG Bergbau, Energie, Chemie sehr gefällig-unkritisch vorstellt. Zu Beginn stehen Porträts von Hermann Rappe und Hubertus Schmoldt, dem &#8222;Lieblingsgewerkschafter&#8220; Schröders, den beiden pragmatisch-rechten Gewerkschaftsführern unterschiedlicher Generationen. In den folgenden Kapiteln werden die Auseinandersetzungen innerhalb des DGB, das Verhältnis zur Regierung, die Konsequenzen aus der Globalisierung der Märkte geschildert und die Pionierrolle der IGBCE bei der tariflichen Altersvorsorge geschildert. Am Ende streiten Schmoldt und Oskar Negt recht zahm miteinander.</p>
<p>Wer alles über Gewerkschaften wissen möchte, der sollte zu folgendem Handbuch greifen, in dem kein Aspekt der gewerkschaftlichen Realität der Gegenwart ausgespart bleibt:</p>
<p><i>Wolfgang Schroeder/Bernhard Weßels </i>(Hg.): Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 725 S., ISBN 3-531-13587-8; 42,90 Euro</p>
<p>Die durchweg profunden Beiträge sind allesamt von einschlägigen Experten verfasst: So schreibt Klaus Schönhoven einen Überblick zur Geschichte und Wolfgang Streeck vergleichend zur Entwicklung in den anderen Ländern Westeuropas. Tarif- und Mitbestimmungspolitik werden ebenso vorgestellt wie Rolle der Funktionäre sowie rechtliche Grundlagen, Fusionsprozessen und Mitgliederentwicklung. Am Ende beschäftigen sich mehrere Beiträge mit den Chancen und Möglichkeiten internationaler Gewerkschaftsarbeit.</p>
<p>Der langjährige Justitiar der IG Metall und Kasseler Emeritus Michael Kittner hat eine großangelegte Geschichte des Arbeitskampfes vom Alten Ägypten bis zur Gegenwart verfasst, angereichert mit über 65 Fallschilderungen. Sie verknüpft Rechts- und Sozialgeschichte mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den verschiedenen Ländern und Kulturen:</p>
<p><i>Michael Kittner</i>: Arbeitskampf. Geschichte &#8211; Recht &#8211; Gegenwart, C. H. Beck: München 2005, 784 S., ISBN 3-406-53580-1; 39,90 Euro</p>
<p>Trotz des Formwandels in den Arbeitskämpfen, den der Autor in einer beeindruckend fleißigen Anstrengung schildert, ist der Ausklang seiner Untersuchung nicht sonderlich optimistisch gestimmt: zu schwierig sei es für Massenorganisationen wie Gewerkschaften, sich auf die individualisierten Lebenswelten des 21. Jahrhunderts einzustellen. Doch gesellschaftliche Kämpfe um Anteil an erwirtschaftetem Vermögen wird es immer geben &#8211; sie werden nur auf neuartige Weise ausgetragen werden.</p>
<p>Auch in der Bundesrepublik waren Gewerkschaften einst Motor eines gesellschaftlichen Wandels: So sorgten sie in den 1950er Jahren parallel zur SPD für den Abschied vom alten Klassenkampfmodell, hin zu einem reformlinken Programm mit einer Akzeptanz der Marktwirtschaft. Die Historikerin Julia Angster kann belegen, wie dieser Prozess von der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung befördert wurde:</p>
<p><i>Julia Angster</i>: Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie. Die Westernisierung von SPD und DGB, Oldenbourg: München 2003, 538 S., ISBN 3-486-56676-8; 69,90 Euro</p>
<p>Ein transatlantisches Netzwerk war durch die Emigration von Gewerkschaftsfunktionären nach 1933 in die USA entstanden. Amerikanische Kollegen unterstützen nach 1945 den Aufbau der bundesdeutschen Gewerkschaften, nicht zuletzt um ein antikommunistisches Bollwerk zu schaffen. In der Folge jedoch gelang den Gewerkschaften eine Erfolgsgeschichte, weil sie im Unterschied zur Zersplitterung in der Weimarer Zeit zu einer weitgehend einheitlichen Kraft wurden, deren Rückhalt auch in der sich langsam entproletarisierenden Arbeitnehmergesellschaft des Wirtschaftswunders wuchs. In vergleichbarem Internationalismus könnte künftig das größte Gestaltungspotential der Gewerkschaften liegen.</p>
<p>Braucht es hierfür noch die gesellschaftliche Organisationsform Staat? Erhard Eppler, seit vielen Jahren einer der einflussreichsten klugen Köpfe innerhalb der SPD und 19 Jahre lang Vorsitzender ihrer Grundwertekommission, hat sich den Staat angeschaut, der unter Druck von Finanzmärkten und globalen Konzernen geraten ist:</p>
<p><i>Erhard Eppler</i>: Auslaufmodell Staat?, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2005, 230 S., ISBN 3-518-12462-5; 9 Euro</p>
<p>Nach dem weltweiten Siegeszug des Neoliberalismus bedarf es Eppler umso dringender einer Renaissance von Staatlichkeit. Er benennt dabei auch den Finger auf links-alternative Lebenslügen: Zu sehr hätte man dort auf die Zivilgesellschaft als sympathischen Akteur gesetzt und den Staat zu lange als Gegner betrachtet. Jedoch sei der Staat die einzige Organisationsform, die potentiell allen Beteiligten, gerade den Schwachen Teilhabe sichern könne. Epplers Plädoyer für die Zukunft des Staats als ziviler Notwendigkeit überzeugt &#8211; eine Instandbesetzung wäre ein lohnendes linkes Projekt.</p>
<p>Erschwerend mag dabei ins Gewicht fallen, dass die großen sozialen Ideen in Deutschland oft in einer staatskritischen Tradition stehen. Davon zeugt auch ein tausendseitiges Handbuch, das die drei großen Ideenstränge umfassend vorstellt:</p>
<p><i>Helga Grebing</i> (Hg.): Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland. Sozialismus &#8211; Katholische Soziallehre &#8211; Protestantische Sozialethik. Ein Handbuch, 2. Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005, 1.158 S., ISBN 3-531-14752-8; 69,90 Euro</p>
<p>Über die Hälfte des Buches widmet sich in zwei großen Überblickskapiteln dem Sozialismus, von den Frühsozialisten über Marx, Engels, Lassalle bis zur sozialdemokratischen Programmdiskussion der Gegenwart. Den verbleibenden Raum teilen sich Abschnitte zur katholischen Soziallehre sowie zum sozialen Protestantismus. Ideengeschichte wird mit der Gesellschaftsgeschichte kombiniert; zahlreiche Hinweise zur aktuellen Forschungsliteratur erleichtern den Einstieg in die Debatten, ein Sachregister erschließt dieses Kompendium. Eine Große Koalition der sozialen Ideen entsteht vor den Augen des Lesers, passend zur politischen Lage &#8211; wobei nichtsozialdemokratische Ordnungsmodelle im Abschnitt über den Sozialismus leider zu kurz kommen.</p>
<p>Den Anspruch einer umfassenden Gesellschaftstheorie hat jüngst Thomas Meyer mit einem umfangreichen Werk formuliert. Meyer, seit kurzem Nachfolger des verstorbenen Peter Glotz als Herausgeber der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte, lässt für sein Ordnungsmodell &#8222;Soziale Demokratie&#8220; kein Feld unbearbeitet:</p>
<p><i>Thomas Meyer</i>: Theorie der Sozialen Demokratie. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005, 685 S., ISBN 3-531-14612-2; 39,90 Euro</p>
<p>Gegen die libertäre und liberale Demokratie, die von bloßer Rechtsgleichheit geprägt sind, setzt er ein Modell, das auch die wirtschaftliche und soziale Basis von Grundrechten in den Blick nimmt: eine Voraussetzung von demokratischer Teilhabe. Er dekliniert seinen Idealtypus durch die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche empirisch herunter: von Globalisierung, politische Ökonomie inklusive Sozialstaat bis zur politischen Kultur in einer sich wandelnden Mediengesellschaft. Es gehe künftig darum, die &#8222;Realwirkung von Grundrechten&#8220; gegenüber einer bloßen &#8222;Formalgeltung&#8220; universell gültig zu machen. Nach langen Jahren intellektueller Rückzugsgefechte geht hier eine aufgeklärte Linke &#8211; durchaus in Auseinandersetzung mit dem geistigen Gegner Liberalismus &#8211; zumindest theoretisch in die Offensive. Um linke Reaktivierung geht es auch im folgenden Sammelband, der sich mit der &#8211; um im sozialwissenschaftlichen Jargon zu bleiben &#8211; &#8222;Anschlussfähigkeit&#8220; verschiedener Theoreme Claus Offes beschäftigt:</p>
<p><i>Anna Geis/David Strecker </i>(Hgg.): Blockaden staatlicher Politik. Sozialwissenschaftliche Analyse im Anschluss an Claus Offe, Campus: Frankfurt/New York 2005, 302 S., ISBN 3-593-37586-9; 29,90 Euro</p>
<p>Claus Offe, an der Berliner Humboldt-Universität lehrend, gehört zu den einflussreichsten deutschen Sozialwissenschaftlern der vergangenen Jahrzehnte. Die jüngeren Sozial- und Politikwissenschaftler gehen nicht nur gnädig mit den Ansätzen des Altmeisters um, sondern machen sie sich meist gerne zu eigen. Man hätte sich den Band kontroverser gewünscht; vielleicht mit dem einen oder anderen Denkmalsturzversuch. So erkennen Jens Borchert und Stephan Lessenich erstaunlicherweise in Offes Strukturproblemen des kapitalistischen Staates (1972) die klügsten Ansätze für eine Krisendiagnose der Gegenwart. Es bleibt Heidrun Abromeit, Generationsgenossin Offes, vorbehalten, kritische Einwände gegen seine skeptische Demokratietheorie vorzubringen. Verdienstvoll und nachahmenswert ist der Band, weil er einen politischen Theoretiker der Gegenwart im Gespräch inszeniert: Offe geht in einer 30seitigen &#8222;Entgegnung&#8220; auf die Beiträge der Autoren detailliert ein.</p>
<p>Wenn dieser Band optimistisch in Sachen linker Gesellschaftstheorie in die Zukunft schaut, so lohnt es sich dabei allemal, mit den Beständen zu rechnen. Ein schöner Briefband schaut auf die kommunikative Seite der Kritischen Theorie, der vielleicht einflussreichsten und zukunftsträchtigsten Facette linken Denkens im 20. Jahrhundert:</p>
<p><i>Walter Benjamin/Gretel Adorno</i>: Briefwechsel 1930-1940, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2005, 434 S., ISBN 3-518-58430-8; 26,90 Euro</p>
<p>Benjamin war nach der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Paris emigriert, Gretel Skarplus folgte Theodor W. Adorno 1937 nach London, wo sie ihn heiratete. Der Briefwechsel ist ein ergreifendes Freundschaftsdokument, weil er die prekäre Lage Benjamins, sein verzweifeltes Bemühen um intellektuell-wissenschaftliche Arbeitsfähigkeit und seine finanzielle Not in der Emigration schildert: &#8222;nicht zum besten&#8220; stehe es mit ihm, schreibt Benjamin 1937. Gretel erweist sich als treue Freundin. Die enge intellektuelle Gemeinschaft, der ständige Schaffensprozess, die Diskussion von Manuskripten und Neuerscheinungen sind ein Faszinosum angesichts eines gerade für Benjamin deprimierenden Emigrationsschicksals. In einem seiner letzten Briefe vor seinem Selbstmord auf der Flucht über die Pyrenäen lässt er Gretel wissen: &#8222;Wir müssen sehen, unser Bestes in die Briefe zu legen; denn nichts deutet darauf hin daß der Augenblick unseres Wiedersehens nahe ist.&#8220;</p>
<p>&#8222;Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer&#8220;: das wissen wir seit Goyas berühmter gleichnamiger Radierung. In einer anderen Übersetzung heißt es &#8222;Schlaf der Vernunft&#8220;. Beide Varianten ergeben ihren Sinn im Falle Adornos, der lebenslang einzelne seiner Träume nach dem Erwachen notierte und eine Auswahl später zur Veröffentlichung vorsah. Sie sind nun erstmals erschienen, mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma:</p>
<p><i>Theodor W. Adorno</i>: Traumprotokolle, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2005, 121 S., ISBN 3-518-22385-2; 11,80 Euro</p>
<p>Der Emigrant träumt häufig Hinrichtungsszenen von Nazis oder seinen eigenen Tod; ihm erscheinen Prominente wie Trotzki oder Anatole France, desöfteren tauchen Lust- bzw. Bordellträume auf, Begegnungen in Frankfurt mit Roosevelt. Die Nachtseite der im Überlebenskampf oft gefährdeten Kritischen Theorie erscheint hier in einem psychologisch beziehungsreichen Licht. In seinem letzten Traum vom April 1969 erscheint ihm sein Erbe: Jürgen Habermas. Es ist ein Glücksfall, dass diese linken Träume überdauert haben.</p>
<p><i>Alexander Cammann</i></p>
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		<title>Zur Zukunft der vorgänge</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/190/publikation/zur-zukunft-der-vorgaenge/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[huadminuser]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Aug 2005 15:50:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Verbandsnachrichten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>MitteilungenNr. 190, S.17 Der Zeitschrift vorgänge stehen Veränderungen bevor. Lange Jahre im Verlag Leske + Budrich beheimatet, war die Zeitschrift nach einem Verlagsverkauf vor zwei Jahren unter das Dach des VS Verlags für Sozialwissenschaften in Wiesbaden gekommen. Trotz einer inhaltlich positiven Entwicklung der Zeitschrift war es dem neuen Verlag aus Kostengründen nicht möglich, die Zeitschrift [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>MitteilungenNr. 190, S.17</p>
<p>Der Zeitschrift<i> vorgänge</i> stehen Veränderungen bevor. Lange Jahre im Verlag Leske + Budrich beheimatet, war die Zeitschrift nach einem Verlagsverkauf vor zwei Jahren unter das Dach des VS Verlags für Sozialwissenschaften in Wiesbaden gekommen. Trotz einer inhaltlich positiven Entwicklung der Zeitschrift war es dem neuen Verlag aus Kostengründen nicht möglich, die Zeitschrift weiter zu den bisherigen Bedingungen zu halten. So erfolgte im Sommer die Kündigung des Verlagsvertrags mit dem vorgänge e.V. zum 31. Dezember 2005.</p>
<p>Wie also weiter mit den <i>vorgängen</i>?</p>
<p>Die <i>vorgänge</i> konnten in den letzten Jahren einige publizistische Erfolge verzeichnen. Die Qualität der Hefte ist besser geworden, die Themen waren aktueller und sind in der Tages- und Wochenpresse auf große (und positive) Resonanz gestoßen. Die <i>vorgänge</i> haben sich auf dem Markt der anspruchsvollen, intellektuellen Periodika etabliert. Sie sind zu einer Stimme geworden, die von vielen Multiplikatoren verfolgt wird und gesellschaftspolitisch engagierte Menschen erreicht, die ein Interesse an Hintergrundkenntnissen und fundierten Diskussionen haben.</p>
<p>Doch die finanzielle Basis ist dünn angesichts einer &#8211; seit Jahren rückläufigen &#8211; Zahl von 800 Abonnenten und einer verkauften Auflage von etwa 1.000 Exemplaren. Die wirtschaftliche Lage ist, wie bei solchen Zeitschriften üblich, prekär. Redaktion und die Herausgeberorganisationen GHI und HU haben sich auf die Suche nach neuen Publikationsmodellen gemacht. Derzeit gibt es verschiedene Gespräche und Modelle, die in jedem Fall die Zukunft der <i>vorgänge</i> gesichert erscheinen lassen &#8211; auch nach dem 1. Januar 2006 wird es die <i>vorgänge</i> als gesellschaftspolitische Vierteljahreszeitschrift geben. Momentan werden Verhandlungen mit verschiedenen Verlagen geführt, die ihr Interesse an einer Übernahme der <i>vorgänge</i> bekundet haben. Eine andere Option, die zur Zeit geprüft wird, ist es, die <i>vorgänge</i> künftig im Eigenverlag herauszugeben.</p>
<p>In diesem Zusammenhang wurde schon verschiedentlich erörtert, ob ein stärkerer Bezug der <i>vorgänge</i> durch die HU-Mitglieder bei einem ermäßigten Preis je Abonnement erreicht werden kann. Von den 1.100 Mitgliedern der HU haben bislang nur 80 Mitglieder die <i>vorgänge </i>abonniert. Dabei gibt es eine alte und starke Verbindung zwischen den <i>vorgängen</i> und der HU &#8211; immerhin sind die <i>vorgänge</i> 1961, vor mehr als vier Jahrzehnten, von der HU gegründet worden und haben seither die gesellschaftspolitischen Debatten begleitet und für die Sache der Bürgerrechte in Deutschland gestritten.</p>
<p>Für die <i>vorgänge</i> würde es jedenfalls eine erhebliche Stabilisierung bedeuten, wenn der Bezug der Zeitschrift zu einem Teil der Leistung würde, die in einer HU-Mitgliedschaft enthalten ist, so dass die Auflage auf rund 2.000 Exemplare verbreitert werden könnte. Die Produktionskosten je Heft wären damit deutlich geringer. Und die Mitgliedschaft in der HU würde deutlich an Attraktivität gewinnen. Ob dies allerdings realisierbar sein wird, wird eine Frage der konkreten Konditionen sein.</p>
<p>Inhaltlich werden die <i>vorgänge</i> künftig noch stärker bürgerrechtliche Kernthemen aufgreifen. Beispiele aus den letzten Jahren sind: Heft 3/2003 &#8222;Freiheitsrechte in Zeiten des Terrors&#8220;; Heft 3/2003 &#8222;Das Menschenrecht auf Bildung&#8220; und 2001 das große Sonderheft zum 40. Geburtstag der Humanistischen Union. Ziel ist es aber auch, die Zeitschrift auf einem erfolgreichen publizistischen Kurs zu halten. Daher wird sie sich auch künftig nicht ausschließlich auf bürgerrechtliche Themen beschränken, sondern die ganze Breite der Gesellschaft in den Blick nehmen &#8211; jedoch immer mit einem bürgerrechtlichen Herz bei den unterschiedlichsten Diskussionen und Zeitfragen.</p>
<p>Zugleich gilt es, die <i>vorgänge</i> wieder als Forum mit den gesellschaftstheoretischen und rechtspolitischen Hintergrunddebatten für die Arbeit der Bürgerrechtsorganisationen zu profilieren. Die Symbiose aus Wissenschaft und kritischer Öffentlichkeit, die in jedem Heft der <i>vorgänge</i> zueinander finden, bleibt auch künftig der Maßstab für die redaktionelle Arbeit. Für die nächsten Ausgaben sind Themenschwerpunkte zur Zukunft der Gewerkschaften, zur Frage &#8222;Was ist heute links?&#8220; (die nach der Bundestagswahl sicher heftig debattiert werden wird) und zum HU-Kernthema &#8222;Religion und Gesellschaft&#8220; geplant.</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/170-vorgaenge/publikation/editorial-4/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jun 2005 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 170: Rückkehr der Bürgerlichkeit, S. 1-2 Politische Gezeitenwechsel kündigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte Triumph des bürgerlichen Lagers aus, doch das Ende der rot-grünen Ära könnte &#8211; trotz Merkels Verlusten &#8211; ein Anfang für die [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 170: Rückkehr der Bürgerlichkeit, S. 1-2</p>
<p>Politische Gezeitenwechsel kündigen sich in gesellschaftlichen Phasenverschiebungen an. Dieses eherne Gesetz politischen Wandels galt auch bei der Bundestagswahl vom 18. September. Zwar blieb der prognostizierte Triumph des bürgerlichen Lagers aus, doch das Ende der rot-grünen Ära könnte &#8211; trotz Merkels Verlusten &#8211; ein Anfang für die bürgerlichen Parteien sein. Vorschnell riefen Lafontaine, Gysi und Konsorten eine &#8222;linke Mehrheit&#8220; im Lande aus: Die Grünen waren und sind, parteiensoziologisch betrachtet (und in diesem Heft analysiert), längst verbürgerlicht, auch wenn sich das politisch (noch) wenig auswirkt.</p>
<p>Die gesellschaftlichen Koordinaten verschieben sich jedenfalls seit Jahren. Im Rückblick wird man sich dereinst über die Paradoxie Gedanken machen, dass das rot-grüne Lager, kaum an der Regierung, allmählich die kulturelle Hegemonie verlor, die es zuvor allem Anschein nach besessen hatte. Talkshowthemen und Bestsellerlisten belegen eindrucksvoll die intellektuelle Vorherrschaft von Henkel, Merz und Steingart; sie haben die postmateriellen Stichwortgeber der 1980er Jahre von Franz Alt bis Hans Jonas abgelöst. Der Zeitgeist prägt die Semantik: &#8222;Eigenverantwortung&#8220; und &#8222;Leistungsbereitschaft&#8220; sind die konsensfähigen Kernbegriffe der öffentlichen Debatten &#8211; und Schlüsselterminologien für die bürgerliche Gesellschaft. Der Klimawandel hat offenkundig Folgen: Die Bürgerlichkeit kehrt zurück, mit all ihren Chancen und Risiken.</p>
<p>Ganz verschwunden war sie zwar nie. Doch un- oder antibürgerlich, wie sich vor einem Vierteljahrhundert viele gaben, will heute kaum jemand mehr sein. Aus Affekten gegen wurde Identifikation mit Bürgerlichkeit. Der bürgerliche Wertehimmel steht hoch im Kurs; Familie, Kinder und Erziehung sind im Mittelpunkt gellschaftspolitischer Diskussionen. Und bürgerliche Lebensart &#8211; das Betreiben von Salons, das Sammeln moderner Kunst, die Pflege von kulturellen Traditionen &#8211; beschäftigt mittlerweile auch 30jährige. Sind das bloße Äußerlichkeiten eines &#8222;Bürgerlichkeitsspiels&#8220;, eines &#8222;Bürgerlichkeitsrevivals als Retro unter vielen anderen&#8220;, das ohne Verbindlichkeit einfach zur &#8222;reichen Angebotspalette ästhetisierter Lebensstillagen&#8220; gehört (Gustav Seibt)? Wenn wir tatsächlich eine Rückkehr der Klassengesellschaft mit neuen und tiefen Spaltungen erleben, wie der Historiker Paul Nolte meint, so könnten solche Phänomene des Lebensstils Klassenbewusstsein gegenüber den Unterschichten schaffen. Der deutsche Bürger wird künftig in seiner Seele wieder den citoyen gegen den bourgeois verteidigen müssen.</p>
<p>Die vorgänge machen sich auf die Suche nach der Bürgerlichkeit: Ralf Dahrendorf und Paul Nolte diskutieren miteinander die Frage, wie bürgerlich die deutsche Gesellschaft der Gegenwart ist. Michael Th. Greven schaut mit einem von Dolf Sternberger inspirierten Blick auf die Wandlungen des Bürgers nach 1945. Die Spuren, die Joachim Ritter, Odo Marquard und deren Philosophie der Bürgerlichkeit im politischen Denken der Bundesrepublik hinterlassen haben, verfolgt Jens Hacke. Das Wechselspiel von gegenwärtigen Zivilgesellschaftsdebatten und Bürgertumsdiskursen präsentiert Stefan Meißner. So gegensätzliche Köpfe wie Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann werden von Joachim Fischer als Theoretiker der bürgerlichen Gesellschaft zusammengedacht. Die Grünen wandelten sich hinsichtlich Mitgliedschaft und Wählern zu einer Partei des Bürgertums: so die &#8211; die Bundestagswahl noch nicht miteinbeziehende &#8211; Analyse von Melanie Haas. In der schweizerischen Bundeshauptstadt Bern hat Daniel Schläppi das Fortleben elitärer bürgerlicher Assoziationsformen bis in die Gegenwart erforscht, während Elisabeth Conradi Haushalt und Wohngemeinschaft mit Hilfe von Aristoteles, Hegel und aktuellen Zivilgesellschaftstheorien untersucht. Jens Nordalm zeigt, wie fragwürdig gängige Formeln von &#8222;Verlust&#8220; oder &#8222;Renaissance&#8220; der Bürgerlichkeit im Grunde sind.</p>
<p>Ein aktueller Literaturbericht steht wie immer am Ende des Thementeils.</p>
<p>Den Imperativen von Imperien widmet sich anhand des US-amerikanischen Beispiels der Essay von Herfried Münkler, während Jutta Roitsch in ihrem Essay die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seziert, die den föderalen Bundesstaat immer weiter unterminiert. Kommentare und Kolumnen sowie Rezensionen beschließen das Heft.</p>
<p>Am 4. Juni 2005 ist in Hannover 77jährig unser langjähriges Redaktionsmitglied Jürgen Seifert gestorben &#8211; für die vorgänge der schmerzliche Verlust eines leidenschaftlichen Mitstreiters und Mentors, dessen offener, kritischer Geist ohne Konventionen uns Vermächtnis bleibt. Wir würdigen ihn ausführlich in diesem und im nächsten Heft. In der Hoffnung, dass diese Ausgabe der vorgänge im Sinne des citoyen Jürgen Seifert intellektuelle Brücken zu bauen vermag, wünscht anregende Lektüre</p>
<p>Alexander Cammann</p>
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		<title>Auf der Suche nach dem Bürger. Ein aktueller Literaturbericht</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/170-vorgaenge/publikation/auf-der-suche-nach-dem-buerger-ein-aktueller-literaturbericht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jun 2005 17:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 170: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit, S.94-104 Wer heute nach dem Schicksal deutscher Bürgerlichkeit fragt, findet in der Geschichte einer Schriftstellerfamilie jenen Glanz und jene Gebrochenheit, die diese Bürgerlichkeit während der letzten beiden Jahrhunderte kennzeichneten. Die aus einem Lübecker Kaufmannsgeschlecht stammende Familie Mann, in den vergangenen Jahren in alle Verästelungen hinein erforscht und [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 170: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit, S.94-104</p>
<p><i>Wer heute nach dem Schicksal deutscher Bürgerlichkeit fragt, findet in der Geschichte einer Schriftstellerfamilie jenen Glanz und jene Gebrochenheit, die diese Bürgerlichkeit während der letzten beiden Jahrhunderte kennzeichneten. Die aus einem Lübecker Kaufmannsgeschlecht stammende Familie Mann, in den vergangenen Jahren in alle Verästelungen hinein erforscht und sogar verfilmt, bietet eine symbolische Verdichtung bürgerlicher Werdegänge. Exemplarisch gilt das für die Brüder Thomas und Heinrich Mann, deren lebenslang konfliktgeladene Beziehung zueinander nun von Helmut Koopmann mit beeindruckender Detailversessenheit nachgezeichnet wurde:</i></p>
<p>Helmut Koopmann: Thomas Mann &#8211; Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder, C.H. Beck: München 2005, 531 S., ISBN 3-406-52730-2, 29,90 Euro</p>
<p>Der emeritierter Professor für Neuere Deutsche Literatur in Augsburg ist einer der besten Kenner von Leben und Werk der Brüder. Heinrich, der ältere, früh als Schriftsteller erfolgreich und produktiv, stand politisch Zeit seines Lebens links; Thomas dagegen, der jüngere, durch diszipliniertes Arbeiten die Schwierigkeiten mit seinen Werken bekämpfend, durchlebte mehrere politische Metamorphosen &#8211; &#8222;in wütender Leidenschaft für das eigene Ich&#8220;, wie Heinrich es einmal nannte. Es sind zwei Wege deutscher Bürgerlichkeit, die hier repräsentativ werden: der frankophile Heinrich wird zum vehementen Kritiker des wilhelminischen Obrigkeitsstaates und Fürsprecher westlicher demokratischer Gesinnung. Thomas kämpft mit Hass und Ressentiment in den <i>Betrachtungen eines Unpolitischen</i> 1918 gegen undeutschen Republikanismus und<br />oberflächliche Zivilisation, für tiefsinnige deutsche Kultur und &#8222;machtgeschützte Innerlichkeit&#8220;, wie er es selber später kritisieren sollte.</p>
<p>Es gehört zu den Paradoxien dieser politischen Brudergeschichte, dass sich der linke Westler Heinrich Mann später im kalifornischen Exil so viel schwerer akkultierte als sein einst national-konservativ gesinnter Bruder. Die ideologischen Wandlungen des Bruders Thomas sind oft beschrieben worden, bis hin zu seiner späten Öffnung für einen Sozialismus als geistig-politische Möglichkeit. Bürgerlichkeit war für ihn ein Lebensthema, ob in den <i>Betrachtungen</i> oder den <i>Buddenbrooks</i>. Die Studie von</p>
<p>Manfred Görtemaker: Thomas Mann und die Politik, S. Fischer: Frankfurt/Main 2005, 284 S., ISBN 3-10-028710-X; 19,90 Euro</p>
<p>vermag da kaum etwas hinzuzufügen. Konventionell referiert der Potsdamer Historiker die sich verändernden Haltungen Manns &#8211; zwar ganz aus den Quellen geschrieben, die zahllosen Briefe und Selbstauskünfte auswertend, jedoch ohne Einordnung in die<br />Ideengeschichte, ohne Antworten auf die Frage, wie repräsentativ dieser Schriftstellerrepräsentant in seinen Positionswechseln gewesen ist.</p>
<p>Gelitten hat Mann erklärtermaßen darunter, wie stark sich das Klima in seiner Wahlheimat München veränderte: von der liberalen Metropole vor dem Ersten Weltkrieg hin zur Stadt des Hitler-Ludendorff-Putsches 1923. Detailliert kann man sich nun<br />darüber informieren, welche intensive Bindung der Norddeutsche Thomas Mann zu Bayern aufgebaut hatte:</p>
<p>Dirk Heißerer: Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern, C. H. Beck: München 2005, 303 S., ISBN 3-406-52871-6; 22,90 Euro</p>
<p>Umso schmerzlicher war es für ihn, dass München ihn 1933 ins Exil trieb: <i>Der Protest der Richard-Wagner-Stadt München</i>, mit dem Künstler und Kulturfunktionäre ihn im April 1933 scharf wegen seines großen Essays <i>Leiden und Größe Richard Wagners</i> attackierten, offenbarte, dass der Bürger Thomas Mann im NS-Deutschland keine Heimat mehr hatte.</p>
<p>Die bürgerliche Kultur, für die Thomas Mann stand, ist ein hervorstechendes Wesensmerkmal einer sozialen Schicht, über die sich die Sozialwissenschaften bis heute den Kopf zerbrechen: das Bürgertum. Einen profunden Überblick über die Forschungen<br />der vergangenen Jahrzehnte, vor allem in den Geschichtswissenschaften, verschafft der Band von</p>
<p>Andreas Schulz: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, Oldenbourg: München 2005, 144 S., ISBN 3-486-55790-4; 19,80 Euro</p>
<p>In der bewährten konzentrierten Form der Reihe <i>Enzyklopädie deutscher Geschichte</i> liefert der Autor, Professor an der Universität Frankfurt/Main, zunächst einen 50seitigen Überblick über die Grundtendenzen zur Geschichte des Bürgertums, um danach mit<br />großer Sachkenntnis die Diskussionen innerhalb der Forschung vorzustellen. Am Ende findet sich eine thematisch gegliederte, über 450 Titel umfassende Bibliographie zum Thema. Bürgerlichkeit erweist sich über alle Brüche und Wandlungen hinweg als eine<br />erstaunlich dauerhafte Haltung &#8211; und dieser Band als ein brillantes, preiswertes und keine Wünsche offenlassendes Arbeitsmittel.</p>
<p>Der Berliner Historiker Wolfgang Hardtwig hat 15 seiner Aufsätze über die bürgerliche Epoche aus 25 Jahren in einem Sammelband vereint und mit einer elegante Arbeit am Begriff &#8222;bürgerliche Hochkultur&#8220; leistenden Einleitung versehen:</p>
<p>Wolfgang Hardtwig: Hochkultur des bürgerlichen Zeitalters, Vandenhoeck &#038; Ruprecht: Göttingen 2005, 387 S., ISBN 3-525-35146-1; 46,90 Euro</p>
<p>Über historisches Erzählen, Historismus und Ästhetisierung der Geschichtsschreibung in jener Zeit, über bürgerliche Kunstkompetenz die Rolle von Sammlern und Mäzenaten wie Harry Graf Kessler und Wilhelm von Bode finden sich hier Texte, ebenso über Architektur und Stadtverwaltung, Landschaftsdarstellungen in der Kunst. Das Panorama, das Hardtwig hier in dieser Zusammenstellung entfaltet, ist weitgespannt, die Verbindung zwischen den verschiedenen Formen der Kulturproduktion und dem Bürgertum immer sichtbar. Melancholischer Empfindungen bei der Betrachtung dieser &#8211; unbestechlich analysierten &#8211; Hochkulturformen kann man sich kaum erwehren.</p>
<p>Ein schmaler Sammelband, der sich ebenfalls der bürgerlichen Kultur widmet, enttäuscht dagegen, weil er den Mindestanforderungen an eine Publikation kaum genügt:</p>
<p>Clemens Albrecht (Hg.): Die bürgerliche Kultur und ihre Avantgarden, Ergon: Würzburg 2004, 119 S., ISBN 3-89913-368-4; 19 Euro</p>
<p>Diverse Beiträge nicht zustande gekommener Tagungsbände sind hier vereint, die teilweise nicht aktualisierten Referate basieren auf Konferenzen aus den Jahren 1996 oder 2000. Dabei finden sich anregende Texte in dieser disparaten akademischen Resteverwertung: Clemens Albrecht deutet den Salon als Keimzelle der bürgerlichen Kultur in Frankreich, Volker Kalisch variiert recht freihändig über die musikalischen Werke der vergangenen Jahrhunderte, die man unter &#8222;bürgerlicher Musik&#8220; subsumieren<br />könnte, Joachim Fischers Draufsicht auf die Gegenwart gerät zu einem überzeugenden, umfassend belegten Plädoyer, diese immer noch als &#8222;bürgerliche Gesellschaft&#8220; zu analysieren (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft).</p>
<p>Das Leben deutscher Bildungsbürger im Zeitalter der Extreme: Die Historikerin Helga Grebing hat sich nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin 1998 daran gemacht, die Geschichte von deren Eltern zu erforschen:</p>
<p>Helga Grebing: Die Worringers. Bildungsbürgerlichkeit als Lebenssinn &#8211; Wilhelm und Marta Worringer (1881-1965), Parthas: Berlin 2004, 317 S., ISBN 3-936324-23-9; 38 Euro</p>
<p>Beide geboren 1881 im Rheinland in bürgerlichen Verhältnissen, schlug Wilhelm nicht sonderlich systematisch die akademische Laufbahn als Kunsthistoriker ein, mit Karrierestationen in Bonn und dann in Königsberg, Marta wurde Künstlerin. Es ist eine unorthodoxe bürgerliche Familiengeschichte: Befreundet mit Gelehrten wie Martin<br />Buber, Ernst Robert Curtius, Erich von Kahler oder der Dichterin Marie-Luise Kaschnitz, überstehen die linksliberale Intellektuellen paar mit ihren Kindern die NS-Zeit in Königsberg, wo sie einen Kreis mit antinazistische gesonnenen Freunden unterhielten und er als populärer Professor lehrte. Das Kriegsende überlebten sie in Berlin, von 1946 bis 1950 lehrte er in Halle, um dann in den Westen zu gehen. Ein kurviger, facettenreicher Lebensweg inmitten dramatischer Umbrüche erschließt sich dem Leser &#8211; und das wunderschön gestaltete Buch hätte einen Preis verdient.</p>
<p>Königsberg, die Stadt, in der Worringer lehrte, hat seine definitive intellektuelle Biographie erhalten:</p>
<p>Jürgen Manthey: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik, Hanser: München 2005, 736 S., ISBN 3-446-20619-1; 29,90 Euro</p>
<p>Ihrem Autor kommt das Verdienst zu, diese Stadt als Gedächtnisort deutscher Geistesgeschichte &#8211; wie Heidelberg, wie Tübingen oder Weimar &#8211; rehabilitiert zu haben. Die bürgerliche Welt wurde hierzulande entscheidend von Königsbergern geprägt: Neben Kant, Hamann und Herder auch E.T.A. Hoffmann, der linksliberale 1848er<br />Demokrat Johann Jacoby, später Hannah Arendt oder Rudolf Borchardt, die hier aufwuchsen. Es ist eine liberale bürgerliche Welt, die Mantheys brillant geschriebenes Stadtporträt erstehen lässt, deren republikanisches Bürgertum bourgeois und citoyen lange Zeit bestens in sich vereinte. Dass diese Geschichte sich im Nationalsozialismus verdüstert, mit antiliberalen Gelehrten wie Arnold Gehlen, Konrad Lorenz, jungen NS-affinen Wissenschaftlern wie Theodor Oberländer, Werner Conze oder Theodor Schieder, wird als Menetekel der Bürgerlichkeit vom Autor ebenfalls minutiös<br />rekonstruiert.</p>
<p>Wie bürgerlich war Deutschland nach 1945? Dieser Frage geht ein sehr gelungener Sammelband nach, der rasch zum Standardwerk avancieren dürfte:</p>
<p>Manfred Hettling/Bernd Ulrich (Hg.): Bürgertum nach 1945, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 438 S., ISBN 3-936096-50-3; 35 Euro</p>
<p>Auf die profunde Einleitung durch Manfred Hettling, der die wesentlichen Figurationen von Bürgerlichkeit theoretisch reflektiert und zusammenfassend vorstellt, folgt ein großes, biographisch angelegtes Interview mit Reinhart Koselleck, Jahrgang 1923 und<br />einer der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart, über seinen bildungsbürgerlichen Lebensweg in der Bundesrepublik. Heinz Bude will bürgerliche Generationen in der Bundesrepublik herausarbeiten, Josef Mooser stellt die Marktwirtschaftskonzeptionen des Ordoliberalen Wilhelm Röpkes vor, Ulrich Bielefeld das allmähliche Ankommen des Soziologen Hans Freyer in der Bundesrepublik. Beiträge über das Selbstverständnis der Bundeswehroffiziere, die Verbürgerlichung von Facharbeitern und Stadtbürgerlichkeit in Bremen finden sich hier ebenso wie Aufsätze zur Frage, wie entbürgerlicht die DDR war oder Wolfgang Kraushaars Betrachtungen über die Antibürgerlichkeit der 68er.</p>
<p>Gab es das von den 68ern so heftig attackierte &#8222;bürgerliche Denken&#8220; in der Bundesrepublik überhaupt? Am ehesten mag diese Zuschreibung auf die sogenannte Ritter-Schule zutreffen, jenen Kreis um den Münsteraner Philosophen Joachim Ritter, dem liberalkonservative Denker wie Odo Marquard, Hermann Lübbe, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Robert Spaemann u.a. entstammen (vgl. auch den Beitrag von Jens Hacke in diesem Heft). Die wichtigsten Aufsätze des 1903 geborenen und 1925 bei Cassirer<br />promovierten Ritters liegen in einer erweiterten Neuausgabe als Suhrkamp-Taschenbuch vor:</p>
<p>Joachim Ritter: Metaphysik und Politik. Studien zu Aristoteles und Hegel. Erweiterte Neuausgabe, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003, 458 S., ISBN 3-518-29253-6; 16 Euro</p>
<p>In seinem Aufsatz von 1956 über Aristoteles unter dem Titel &#8222;Das bürgerliche Leben&#8220; stellt Ritter die griechische polis als &#8222;bürgerlichen Staat&#8220; in den Mittelpunkt; Gesellschaft der Individuen sei hier erstmals möglich gewesen, von hier tradiere sie sich bis heute. Aus der Beschäftigung mit Hegel erwächst Ritters Idee der &#8222;Entzweiung&#8220; der bürgerlichen Welt: Zukunft und Herkunft seien auseinandergefallen, sie gehörten jedoch in &#8222;positivierter&#8220; Form zusammen: in der Akzeptanz unseres Doppellebens als<br />Herkunftsmensch und Zukunftsmensch.</p>
<p>In einer Gedenkschrift für ihren Lehrer haben Schüler Joachim Ritters Aufsätze über ihn versammelt:</p>
<p>Ulrich Dierse (Hg.): Joachim Ritter zum Gedenken, Franz Steiner: Stuttgart 2004, 185 S., ISBN 3-515-08626-9; 26 Euro</p>
<p>Hermann Lübbe erinnert sich an die intellektuellen Eindrücke, die man bei Ritter und in dessen Klassikervergegenwärtigung erleben konnte (nicht ohne die üblichen Seitenhiebe gegen die &#8222;manifest überschätzte&#8220; Kritische Theorie). Odo Marquard präsentiert seine Bilanz der Philosophie Ritters inklusive vieler persönlicher Reminiszenzen; Gunter Scholtz stellt den Linkshegelianer Ritter und dessen Beschäftigung mit Marx Anfang der 1930er Jahre vor. Am Ende tönt das Archiv: Die Fundamentalkantate, ein musikalischer<br />Geburtstagsspaß der Schüler von 1957, der den Gehalt der Ritter-Philosophie &#8211; zur Musik von der Carmina burana bis zu Weills Mackie-Messer-Song &#8211; ironisch zusammenfasst: &#8222;Und wir alle sind ja Bürger, die am Freitag hegeln gehen&#8220;.</p>
<p>Odo Marquard, der den Text jener Kantate verfasste, hat das Projekt einer Philosophie der Bürgerlichkeit in seinem Werk sich zu eigen gemacht. Wichtige Arbeiten hierzu von ihm liegen jetzt gesammelt vor:</p>
<p>Odo Marquard: Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Reclam: Stuttgart 2004, 172 S., ISBN 3-15-018306-5; 4,80 Euro</p>
<p>Nach den großen Totalitarismen des Jahrhunderts sei das &#8222;Nein zur Bürgerlichkeit&#8220;, die &#8222;Bürgerlichkeitsverweigerung&#8220;, das Übel, das es zu bekämpfen gelte, so der Gießener Emeritus. In pointierter Verdichtung und gewohntem Sinn für Sentenzen und schöne Formulierungen betreibt er in seinen Aufsätzen eine &#8222;Apologie der Bürgerlichkeit&#8220;: Denn es steht nicht deswegen schlimm in der Welt, weil es zu viel, sondern deswegen, weil es zu wenig bürgerliche Gesellschaft in ihr gibt.&#8220; An dieser knackig-klaren Haltung kann man sich in diesem klugen Bändchen Seite um Seite ergötzen.</p>
<p>Doch man kann auch als Nicht-Hegelianer in der Bundesrepublik nach 1945 für die bürgerliche Gesellschaft streiten: Ralf Dahrendorf, als Popper-Schüler hegelskeptisch, hat in seinem fundamentalen Werk Gesellschaft und Demokratie in Deutschland 1965 den Weg der Deutschen hin zu einer demokratischen Gesellschaft verfolgt. In drei Büchern kann man sich einen Überblick über die gegenwärtigen Positionen des Soziologen verschaffen, in denen Deutschland nicht mehr im Zentrum liegt, sondern der Blick immer mehr auf eine künftige Weltgesellschaft gerichtet ist (vgl. auch das Gespräch mit Ralf Dahrendorf und Paul Nolte in diesem Heft). In sechs Vorlesungen in Essen 2002 hat Dahrendorf die moderne Gesellschaft einführend vermessen:</p>
<p>Ralf Dahrendorf: Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert, C. H. Beck: München 2003, 157 S., ISBN 3-406-50540-6; 14,90 Euro</p>
<p>In der Globalisierung nehmen die Lebenschancen wie Risiken zu, die liberale Ordnung ist institutionell unter Druck, die &#8222;globale Klasse&#8220; entfremdet sich immer mehr von den Unterschichten ihrer jeweiligen Länder. Verblüffend wirkt angesichts der geballten Krisenszenarien, die das Mitglied des britischen Oberhauses entwirft, der liberale<br />Optimismus, der gleichzeitig durchklingt: die aktivierende Bürgergesellschaft ist die Lösung für alle institutionellen Überforderungen. Ist diese unermüdliche Ausdauer des 1929 geborenen Dahrendorf ein Wesensmerkmal seiner kraftvollen Flakhelfer-Generation?</p>
<p>In einem Gesprächsband stellt Dahrendorf diese Probleme noch einmal im Dialog vor:</p>
<p>Ralf Dahrendorf: Die Krisen der Demokratie. Ein Gespräch mit Antonio Polito, C. H. Beck: München 2003, 116 S., ISBN 3-406-49460-9; 7,90 Euro</p>
<p>Wieder begegnet man dem weitgespannten Geist dieses leidenschaftlichen Soziologen, der scheinbar sämtliche Phänomene der Weltgesellschaft in seinen Kosmos integriert. Skeptisch ist der Optimist gegenüber Gentechnik, Volksentscheiden und der Demokratiefähigkeit der Europäischen Union. Die Herrschaft des Rechts bleibe Voraussetzung, um die liberale Ordnung auch anderswo durchzusetzen.</p>
<p>Dies geschah 1989 in den Ländern Ostmitteleuropas; Ralf Dahrendorf hat die (Wieder-)Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft dort mit Enthusiasmus begleitet. Seine wichtigsten Aufsätze aus den Jahren 1990 bis 2003 sind nun gesammelt erschienen:</p>
<p>Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak, C. H. Beck: München 2004, 350 S., ISBN 3-406-51879-6; 24,90 Euro</p>
<p>Vom Autor mit erläutern Zwischenbemerkungen aus heutiger Sicht versehen, offenbaren die chronologisch geordneten Beiträge die Bedeutung, die Dahrendorf der Epochenscheide 1989 zumisst &#8211; auch wenn in ihr letztlich &#8222;nur&#8220; die bürgerlichen Gesellschaft des Westens auf der historischen Tagesordnung stand. Der Themenköcher ist wie immer weit: Braucht Politik Intellektuelle? Warum ist der Dritte Weg New Labours problematisch? Welche Institutionen braucht die Bürgergesellschaft? Welche Werte und wieviel Gemeinschaft braucht das bürgerliche Individuum? Entscheidend ist letztlich das Engagement des Einzelnen, mit dem die liberale bürgerliche Welt ihre Krisen und Konflikte überstehen wird.</p>
<p>Ein anderer Denker der bürgerlichen Gesellschaft nach 1945 ist heute den meisten nur noch durch den von ihm geprägten, von Habermas adaptierten Begriff &#8222;Verfassungspatriotismus&#8220; präsent: Dolf Sternberger (vgl. den Beitrag von Michael Th. Greven in diesem Heft). Verdienstvoll also, wenn eine Dissertation diesem Missstand abhelfen will:</p>
<p>Claudia Kinkela: Die Rehabilitierung des Bürgerlichen im Werk Dolf Sternbergers, Könighausen &#038; Neumann: Würzburg 2001, 334 S., ISBN 3-8260-1787-0; 35 Euro</p>
<p>Doch die gespannte Erwartung wird enttäuscht. Zu sehr konzentriert sich die Autorin auf eine textimmanente Werkexegese, zudem in einer Diktion, die dem Stilisten Sternberger nicht gerecht werden kann. Der Lebensweg wird zu sehr nebenbei abgehandelt &#8211; was<br />schon deshalb problematisch ist, weil der mit einer Jüdin verheiratete Sternberger bekennt, Politik von Hitler gelernt zu haben. Nur durch die Gefährdungen nach seiner Entlassung als Redakteur der Frankfurter Zeitung 1943, die Verhinderung einer wissenschaftlichen Karriere des 1907 geborenen Sternbergers nach 1933 durch den<br />Nationalsozialismus lassen sich die emphatische Hinwendung zum Bürger-Begriff in seiner politischen Philosophie nach 1945 erklären. Aristoteles und die polis bilden den Anknüpfungspunkt für seine Idee der Bürgerlichkeit, darin Hannah Arendt &#8211; seiner Kommilitonin und Trauzeugin &#8211; und Joachim Ritter ähnlich. Die Konflikte mit Adorno,<br />Horkheimer und der Kritischen Theorie hätten bei einem der Gründerväter der deutschen Politikwissenschaften eine Ausleuchtung verdient; zu untergewichtet bleiben auch seine<br />publizistischen Aktivitäten für die FAZ, deren einstiger Herausgeber Joachim Fest in seinem Erinnerungsband Begegnungen ein intensives Sternberger-Porträt gezeichnet hat.</p>
<p>Auch für Fest war Hitler ein Ausgangspunkt, an dem er sich wieder und wieder abgearbeitet hat, auf der Suche nach Möglichkeiten für das deutsche Bürgertum nach 1945. Daher mag auch die eigentümliche Faszination herrühren, die die Gestalt von Hitlers Architekten und Rüstungsminister Albert Speer auf ihn ausübt, und der Heinrich Breyellers TV-Doku-Drama &#8222;Speer und Er&#8220; zu Jahresbeginn. Es ist die bürgerliche Nachtseite, die dunkle Seite einer Künstlernatur, die den Bürger Fest herausfordert und die sich nach lebenslanger Beschäftigung u.a. in einer Biographie niederschlug. Nun hat Fest seine Beziehung zu Speer nochmals selbstreflexiv thematisiert und seine Notizen über ihn veröffentlicht:</p>
<p>Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Notizen über Gespräche mit Albert Speer zwischen Ende 1966 und 1981, Rowohlt: Reinbek 2005, 270 S., ISBN 3-498-021114-1; 19,90 Euro</p>
<p>Es geht um die Verführbarkeit (historisch bekanntlich ein problematischer Begriff) und jene Motive, die einen kultivierten Sohn aus großbürgerlichem Hause dazu brachten, Hitler zu dienen &#8211; also die Grundfrage, wenn es um das Scheitern bürgerlicher Eliten hierzulande im 20. Jahrhundert geht. In den Skizzen, die Fest vor allem während seiner Mitarbeit an Speers Erinnerungen verfasste, scheint eine Neigung zur psychologischen Beobachtung durch, die spannend ist, mit der man jedoch das Rätsel Speer letztlich auch<br />nicht lösen kann. Als Selbstauskunft, über Fests jahrzehntelangen Umgang mit der Schuldfrage des Bürgers Speer, sind diese Notizen aufschlussreich; über die Faszination des Nationalsozialismus für viele bis zum bitteren Ende sagen sie nicht viel Neues.</p>
<p>Wolf Jobst Siedler, der Verleger von Speers Erinnerungen und langjähriger Freund von Fest, hat den zweiten Band seiner Memoiren vorgelegt:</p>
<p>Wolf Jobst Siedler: Wir waren noch einmal davongekommen. Erinnerungen, Siedler: München 2004, 495 S., ISBN 3-88680-790-8; 24,90 Euro</p>
<p>Es ist die Welt des Berliner Westens nach 1945, die dieser 1926 geborene konservative Bürger Revue passieren lässt. Leider ist es ein dem Alter abgerungener, recht ungeordneter Band geworden, der zudem zeitlich zu Beginn der 1960er Jahre endet. Doch eindrucksvolle Passagen finden sich gleichwohl: über die Anfangsjahre der Freien Universität, über die ersten Gehversuche als Journalist, als Sekretär des Congress for Cultural Freedom mitten in den geistigen Debatten des Kalten Kriegs, die Lebenswelt der Berliner Restaurants und Hotels, Begegnungen mit Thomas Mann, Ernst Jünger, Carl Schmitt, Adenauer und Hannah Arend, die Arbeit als 29jähriger Feuilleton-Chef des Tagesspiegels. Durchzogen sind diese Seiten vom melancholischen Ton des Verlusts: die alte bürgerliche Welt, so Siedlers Statements seit vielen Jahren, sie ist nicht mehr. In diesem Herbst werden er und sein Jahrgangsgenosse Fest &#8211; die beide übrigens ganz unbürgerlich nicht zu Ende studiert haben, wie Siedler zugibt &#8211; noch einmal ein gemeinsames Gesprächsbüchlein über das Ende des Bürgertums publizieren.</p>
<p>So manche ehrwürdige bürgerliche Familie durchwehen ab und an unbürgerliche Züge. An einigen prominenten Beispielen wie den Wagners und den Manns kann man das studieren. Ein Sammelband stellt diese und andere deutsche Familien vor, die historische<br />Bedeutung erlangten:</p>
<p>Volker Reinhardt (Hg.): Deutsche Familien. Historische Portraits von Bismarck bis Weizsäcker, C.H. Beck: München 2005, 384 S., ISBN 3-406-52905-4; 24,90 Euro</p>
<p>Neben adligen Sippen wie den Bismarcks, den Hohenzollern, den Wittelsbachern, dem Haus Thurn und Taxis gibt es Porträts der Manns und der Mommsens, den Wagners und den Warburgs, den Thyssens und Krupps: Bürgerdynastien, die über Jahrzehnte,<br />manchmal bis heute, Wirtschaft, Politik und Künste prägten. Die kenntnisreich und sehr gut lesbaren Aufsätze vermitteln die intergenerationellen Zusammenhänge eines Clans, den auf einzelne Figuren konzentrierte Biographien oft nicht leisten können. Die Familie als bürgerlicher Lebensraum wird noch einmal aufgerufen; gegenwärtig scheint sie wieder eine Renaissance zu erleben.</p>
<p>In der DDR war 1945/49 ein Regime an die Macht gekommen, dass das Fernziel der Abschaffung des Bürgertums als Klasse offen anstrebte. Viele der 3 Millionen Flüchtlinge in den Westen bis 1989 stammten wegen der damit verbundenen politischen Repressionen aus den bürgerlichen Schichten. In ihrer Habilitationsschrift hat die<br />Historikerin Gunilla-Friederike Budde nunmehr untersucht, wie die beruflichen Karrieren weiblicher Akademikerinnen (Ärztinnen, Richterinnen, Lehrerinnen usw.) aussahen:</p>
<p>Gunilla-Friederike Budde: Frauen der Intelligenz. Akademikerinnen in der DDR 1945 bis 1975, Vandenhoeck &#038; Ruprecht 2003, 446 S., ISBN 3-525-35143-7; 49,90 Euro</p>
<p>Zwar entdeckte die DDR-Regierung in den Bildungsbürgerfrauen zunächst in den 1950er Jahren harmonische Elemente, mit denen man erwünschte Bürgertraditionen wie der Klassik in den sozialistischen Kanon integrieren konnte; die Emanzipationskämpfe<br />der Weimarer Republik wurden für obsolet erklärt. Doch andererseits sah man die Schwierigkeiten, die Dominanz der bildungsbürgerlichen Frauen an Universitäten zu brechen, trotz aller Benachteiligungen und der Bevorzugung von Studentinnen aus &#8222;Arbeiterfamilien&#8220;. Gerade Arztfamilien kultivierten einen bildungsbürgerlichen Lebensstil mit Hausmusik und Klinikchor, der vor allem deswegen überwintern konnte, weil der Staat der Ärzteabwanderung in den Westen durch Entspannungsmaßnahmen wie fest zugesagte Studienplätze für Arztkinder entgegenarbeiten wollte. Akademikerinnen versuchten ebenso wie ihre männlichen Kollegen, die Nischen im System für sich zu finden.</p>
<p>In die Gegenwart deutscher Bürgerlichkeit: Dass das &#8222;planetarische Kleinbürgertum&#8220; (Giorgio Agamben) sich in Zeiten ökonomischer Flaute auf wärmende Innerlichkeit verlegt hat, ist eigentlich naheliegend. Nicht nur Familie und Kinder erfahren wieder neue Wertschätzung; katholische Liturgie, Spiritualität im allgemeinen, literarischer Kanon, Benimmbücher und Ratgeber für das einfache Leben boomen. Von diesem Trend profitierte &#8211; neben belanglosen Bestsellern, die stilvolles Verarmen predigen &#8211; auch ein feines Buch, das sich gut verkaufte und mit seinem Erfolg als Symptom für eine<br />Sehnsucht nach bürgerlicher Form gelten kann:</p>
<p>Asfa-Wossen Asserate: Manieren, Eichborn: Frankfurt/Main 2003, 388 S., ISBN 3-8218-4739-5; 22,90 Euro</p>
<p>Der Autor, äthiopischer Prinz und seit 1974 in Deutschland lebend, offenbart in eleganter Manier diejenigen Manieren, auf die seiner Meinung eine bürgerliche Gesellschaft nicht verzichten sollte. Das ganze ist in einem gelehrten und vergnüglichen Plauderton geschrieben, immer mit dem weltläufigen Blick auf die Nachbarn und andere Kulturen. Die Themenpalette dieses dezidierten Nicht-Anstands-Buches ist breitgefächert: Letzte Handkussfragen werden ebenso geklärt wie Tauf-, Geschenk- und Hochzeitsprobleme, aber auch ein Loblied auf den Spießer gesungen. Sollten jene Fragen am Ende die Residuen von Bürgerlichkeit hierzulande sein? Wir wollen es nicht hoffen.</p>
<p>&#8222;Bürger auf die Barrikaden&#8220;, rief vor ein paar Jahren ein enthemmter Arnulf Baring seinesgleichen zu, um die angeblich egalitär erstarrten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Mit Stilfragen als Zeitproblem will sich ein Artverwandter des Berliner Emeritus ebenfalls nicht zufrieden geben. Der Verfassungsrichter Udo di Fabio hat aufgeschrieben, was ihm an den Gesellschaften des Westens gegenwärtig nicht gefällt und was sich ändern müsste &#8211; das Manifest zum Barrikadenkampf:</p>
<p>Udo di Fabio: Die Kultur der Freiheit, C.H. Beck: München 2005, 295 S., ISBN 3-406-53745-6; 19,90 Euro</p>
<p>Das ehrwürdige Genre der Kulturkritik wird durch dieses Pamphlet höchstens um eine Skurrilität bereichert. Di Fabios Diagnosen, die so ziemlich alle Bereiche der modernen Gesellschaft betreffen (Jugendkult, Kindermangel und Familie, Wertefragen, Nationen, Menschenrechte, Kulturräume und Religion) stehen neben atemberaubend naiven Stammtischparolen: &#8222;Beherrschen nicht auf Vernissagen, in den In-Lokalen und in den Rathäusern der Großstädte inzwischen die von der generativen Last befreiten Singles das Geschehen?&#8220; Schuld an solchen Auswüchsen ist natürlich immer wieder 1968, ebenso am &#8222;Verlust der erotischen Spannung&#8220; zwischen Mann und Frau; deren Verhältnis hätte sich zur &#8222;androgynen Fahlheit entdifferenzierter und politisch korrekt verformter Geschlechterbeziehungen gewandelt. Unsäglich wird es im Kapitel über die Identität der Deutschen, nach dessen Lektüre man an der Eignung di Fabios für das Amt des Verfassungshüters ernstlich zweifeln muss: Der Österreicher Hitler sei schon deshalb<br />kein Deutscher gewesen, weil er u.a. &#8222;keinerlei Neigung für Fleiß und harte Arbeit, keinen Sinn für deutsche Lebensart, bürgerliche Traditionen und christliche Traditionen&#8220; hatte. Komplexitätsreduktion durchzieht das ganze Buch; es wird nicht argumentiert, sondern postuliert. Die Freiheit, um die es dem Autor angeblich geht, wird mit diesen Ressentiments gar nicht erst entstehen, im Gegenteil: sie unterminieren jede Bürgerlichkeit. Solch extremistische Polit-Essayistik, zumal eines Verfassungsrichters, mag hochproblematisch sein; der Belletristik hat der radikale Gestus nicht selten gut getan, man denke an Celine oder Jünger.</p>
<p>Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geborener Arzt, Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preisträger 2004, hat sich jüngst an einer Prosavision radikalisierter Bürgerlichkeit versucht:</p>
<p>Uwe Tellkamp: Der Eisvogel. Roman, Rowohlt Berlin: Berlin 2005, 318 S., ISBN 3-87134-522-9; 19,90 Euro</p>
<p>Wiggo Ritter, Philosoph und Sohn eines erfolgreichen, liberalen Bankiers, ist mit seiner akademischen Karriere gescheitert und trifft als Ausgestoßener bei seiner Drift durch die Nachtseiten der deutschen Gesellschaft auf eine mysteriöse &#8222;Organisation Wiedergeburt&#8220;. In ihr planen, inspiriert vom Geschwisterpaar Mauritz und Manuela, ein Industrieller, ein Bischof, ein CDU-Staatssekretär, eine Freifrau und ein Bundeswehrsoldat das Herbeibomben eines elitären Ständestaates. Auch wenn Wiggo den Taten dieser Truppe letztlich nicht verfällt: ihren Geist teilt er, vom Autor in unangenehm dröhnenden Pathos in Szene gesetzt. Entfesselte Bürger im Kampf gegen die mediokre, wert- und sinnfreie Konsumgesellschaft der Berliner Republik? Die alte Sehnsucht nach der alles umstürzenden Tat agiert sich auf diesen Seiten ungehemmt aus. Der radikalisierte Bürger auf den Barrikaden bleibt offenbar bis auf weiteres die reizvoll-riskante Figur für die offene Gesellschaft, vor dem sie verteidigt werden muss.</p>
<p><i>Alexander Cammann</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/170-vorgaenge/publikation/auf-der-suche-nach-dem-buerger-ein-aktueller-literaturbericht/">Auf der Suche nach dem Bürger. Ein aktueller Literaturbericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Über die Zäune und Sperren hinweg. Zum Tod von Jürgen Seifert</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/170-vorgaenge/publikation/ueber-die-zaeune-und-sperren-hinweg-zum-tod-von-juergen-seifert/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 01 Jun 2005 14:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 170: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit, S. 128-129 Lab&#8216; Dich an Macht und Ohnmacht nicht. J.S., 1959 Kulturanalyse lebt von Großbegriffen, die mancher das Glück hat zu prägen. Sie sind die Epizentren historischer, diskursiver und symbolischer Perspektivierungen darauf, was sich innerhalb der kulturellen und gesellschaftlichen Gemengelage an Phänomenen formiert, das Leben der Menschen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/170-vorgaenge/publikation/ueber-die-zaeune-und-sperren-hinweg-zum-tod-von-juergen-seifert/">Über die Zäune und Sperren hinweg. Zum Tod von Jürgen Seifert</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorgänge Nr. 170: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit, S. 128-129</p>
<p><i>Lab&#8216; Dich an Macht und Ohnmacht nicht.<br />
J.S., 1959</i></p>
<p><i>Kulturanalyse lebt von Großbegriffen, die mancher das Glück hat zu prägen. Sie sind die Epizentren historischer, diskursiver und symbolischer Perspektivierungen darauf, was sich innerhalb der kulturellen und gesellschaftlichen Gemengelage an Phänomenen formiert, das Leben der Menschen beeinflusst, sich langfristig tradiert oder nur kurz aufblitzt. Die kardinalen Begriffe, an denen sich die Praxis der Theoriebildung ebenso orientiert wie eine eher gegenstandsorientierte Forschung, sind rar und kostbar. In der Regel sind sie außerdem heiß umkämpft, da sie sich immer in einem Feld der Konkurrenz um Deutungsmacht bewegen. (Dennoch ist es auch möglich, sie umstandslos zu synthetisieren, wie diese Sätze zeigen.) Die sogenannten „Klassiker zu Lebzeiten” in den Humanwissenschaften zehren allzu oft davon, dass sie derartige Begriffe geprägt und ganzen Generationen von Wissenschaftlern und Interessierten an die Hand gegeben haben. Michel Foucault, der 1984 früh verstarb und um sich erfolgreich ein Rätsel installiert hatte, wie er zu nennen sei: Philosoph oder Historiker, gehört in die Reihe dieser Großintellektuellen. Nicht nur, dass er eine ganze Reihe von Begrifflichkeiten erfand, die verschiedenste Disziplinen von der Literatur-bis zur Geschichtswissenschaft anhaltend Kritik prägten; er hat auch bedeutende Untersuchungen vorgelegt, die von bleibender Originalität sind. Das ist nicht selbstverständlich: Den Terminus der „Risikogesellschaft” zum Beispiel wird es auch dann noch geben, wenn das Buch, worin er erfunden wurde, vollends vergessen ist.</i></p>
<p>Nun legt der Suhrkamp Verlag seit einiger Zeit die nachgelassenen Schriften und Vorlesungen Foucaults vor. Darunter findet sich auch ein im vergangenen Herbst erschienener zweiteiliger Vorlesungszyklus, gehalten <i>1977/78 am College de France</i>. In ihm werden gleich zwei der Großbegriffe aufgerufen, die Foucaults Deutungsimperium markieren: „Gouvernementalität” und „Biopolitik”.</p>
<p>Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität I: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung, 600 S.; Geschichte der Gouvernementalität II: Die Geburt der Biopolitik, 518 S., Frankfurt/Main 2004, geb., ISBN 3-518-58392-1(1), 3-518-58393-X (II); 69,80 Euro</p>
<p>Foucaults Methode gemäß versprechen diese Bände ein weit ausholendes, detailliertes Panorama zu den beiden ansonsten wenig expliziten, aber dennoch bemerkenswert einflussreichen Begrifflichkeiten. So kannte man in Deutschland das Konzept der „Gouvernementalität” nur aus einem Aufsatz, nachgedruckt in einem Sammelband, der u.a. von Thomas Lemke herausgegeben wurde, welcher den Terminus wiederum Mitte der 1990er Jahre mit einer Monographie zum Thema bekannt gemacht hatte (Bröckling et al. 2000; Lemke 1997). Anders verhält es sich mit der „Biopolitik”, die bereits in Sexualität und Wahrheit 1 als Exkurs am Ende auftaucht, einen Forschungshorizont umreißt, dort aber gleichwohl nebulös bleibt. Schon bald darauf kursierte in verschiedenen Publikationen diejenige Vorlesung, worin der Begriff in einen größeren historischen, methodischen Kontext eingebettet wird; seit einigen Jahren liegt die gesamte Vorlesungsreihe vor, deren Abschluss sie bildet (Foucault 1999).</p>
<p>Die Gouvernementalität stellt ein Konzept dar, das es erlaubt, verschiedene Techniken zur Regierung von Individuen zusammenzufassen und zu untersuchen. Bekanntlich vermerkt Foucault etwa für das 17. Jahrhundert das Ende des klassischen Souveränitätsprinzips, das sich ihm zufolge durch die Konzentration der Tötungsmacht in der Figur des Souveräns auszeichnet. Wurde bis dahin also vor allem über die Drohung geherrscht, der Souverän könne dem Einzelnen das Leben nehmen, so werden mit zunehmender gesellschaftlicher Ausdifferenzierung, Individualisierung und der Etablierung des Nationalstaats neue Techniken der Herrschaftsausübung erforderlich. Die Gouvernementalität bezeichnet entsprechend das Ensemble dieser neuen, „weichen” Technologien der Herrschaft. Biopolitik wiederum meint eine besondere Spielart dieser Technologien, die sich grundsätzlich auf die Regierung ganzer Bevölkerungsgruppen konzentriert, sich der Körper der Individuen bemächtigt und Praktiken von der Hygienepolitik bis hin zur Exklusion spezifischer Bevölkerungssegmente einschließen kann.</p>
<p>Erwartungsgemäß führt der erste Band der 1977/78 gehaltenen Vorlesungen Foucaults in die verschiedenen Felder der Gouvemementa-lität ein, die laut Foucault in etwa seit dem 16. Jahrhundert Gestalt und konzeptionelle Kontur annimmt; sie kann also als die politische Praxis der klassischen Moderne bezeichnet wer-den. Keineswegs banal ist es, wenn Foucault schreibt: „Das, was man regiert, sind die Menschen.” (183) Hier ist zum einen der Bezug auf einsetzende Individualisierungstendenzen zu verzeichnen, zum anderen die Idee einer christlich geprägten Tradition des „Pastorats”, worin externe Autorität und internalisierte Moral zusammenfließen. Damit schließt sich Foucault in einem an Max Weber erinnernden Sinne der Ansicht an, „dass es in den modernen westlichen Gesellschaften eine Beziehung zwischen Religion und Politik gibt” (278), die sich nicht in einem bloß pseudoreligiösen Verständnis von Politik erschöpft, sondern auf strukturelle Überschneidungen beider Bereiche verweist. Jedoch spart Foucault die Ökonomie an dieser Stelle keineswegs aus, sondern betont sie vielmehr als dritte Domäne moderner Herrschaft. Im Typus des Pastorats als „spezifischem Machttypus” (282) vereinen sich schließlich alle drei Attribute; das Pastorat liefert somit den institutionellen Rahmen einer politischen Praxis der Gouvernementalität.</p>
<p>Unter dieser konzeptionellen Prämisse zeichnet Foucault schließlich die wesentlichen gouvernementalen Techniken nach. Zunächst schält sich im 17. Jahrhundert ein neuartiger Typus der Staatsraison als einer „Beziehung des Staates zu sich selbst” heraus (401). In diesem Zusammenhang erscheint es für den Staat erforderlich, sowohl über ein spezifisches Wissen über seine Bevölkerung zu verfügen, als sich auch deren Gehorsams auf eine Weise zu versichern, der sich nicht in herkömmlichen Gesten der Unterwerfung er-schöpft, sondern auf Identifikation und Offenbarung abzielt. Damit etabliert sich ein Verständnis politischer Wahrheitspraktiken, das zwar unmittelbar anknüpft an religiöse Praktiken des Pastorats, wie etwa die Beichte, das aber im politischen und bald nationalen Kontext seinen spezifisch modernen Anstrich erhält. Was Foucault gemeinhin als „Wahrheitsproduktion” bezeichnet, meint genau diese Verbindung zwischen einem Bedürfnis des Staates nach Sicherheit und einer politischen Praxis, die die einzelnen Subjekte in den Blick nimmt. Ihrer Verantwortung obliegt die Pflicht zum eigenen Gehorsam, die schließlich zur Gewissensfrage wird. Wenn daher von Bevölkerung zwar die Rede ist und sich auch eine ganze Reihe von Politiken herausschälen, die auf die Bevölkerung als ganzer zielen, so fokussieren diese Politikpraxen tatsächlich doch immer das einzelne Individuum, und hier vor allem seinen Körper. Das neue, moderne Instrument zur Durchsetzung einer derartigen pastoralen Herrschaft bildet die Polizei, die im 17. und 18. Jahrhundert eine neue Konzeption und Aufgabenstellung erfährt und mit überaus subtilen Aufgaben betraut wird.</p>
<p>So bietet dieser erste Band der Vorlesungen zur Gouvernementalität eine Art Generaleinführung, einen fundamentalen Überblick über Foucaults Konzept der Gouvernementalität, deren Entstehung und Anatomie. Anders der zweite Band, der — sogar für Foucault selbst, wie sich am Ende zeigt &#8211; mit einer Überraschung aufwartet. Denn anstatt, wie man er-warten dürfte, die Geburt der Biopolitik an-hand des am Ende der vorangehenden Vorlesung bereitgelegten Themas der Bevölkerungspolitik auszuführen, ihrer Genese im 19. Jahrhundert und ihrer Bezüge zu den beiden zeitgleich sich etablierenden Disziplinen der Biologie und Soziologie, vollzieht Foucault eine überraschende Wendung und liefert eine Hinführung zu ökonomischen Prozessen und Programmatiken des 20. Jahrhunderts ab. Noch überraschender aber ist, dass es sich in der Hauptsache sogar um eine Geschichte der Anfänge des bundesdeutschen Wirtschaftssystems zwischen 1948 und 1962 handelt, überdie sich Foucault erstaunlich gut informiert zeigt. Daneben geht er ausführlich auch auf die amerikanische Chicago-Schule ein. Foucault führt hier insbesondere in die Geschichte und das Selbstverständnis des modernen Liberalismus ein, der, kaum dass jene Gouvernementalitätspraktiken umfassend installiert gewesen wären, als deren radikale Kritik und Korrektiv auftritt. Das Credo des Liberalismus lautet zwar, es werde stets zuviel regiert; dennoch gelingt es ihm, den Staat für sich zu vereinnahmen und sich zu einer „liberalen Regierungstechnologie” (440) zu transformieren. Fast nebenbei sind hier zudem interessante Einsichten zu finden, die von der Gesamtanlage deutlich abweichen, durch die Analyse ökonomischer Prozesse den Band jedoch über weite Strecken dominieren. So trifft Foucault — etwa 25 Jahre vor der gegenwärtigen Diskussion um Flexibilität und „Selbstverantwortung” in den Arbeitsverhältnissen &#8211; Aussagen zum „Homo oeconomicus” als dem „Unternehmer seiner selbst” (314), die die Untersuchungen Richard Sennets zum<i> Flexiblen Menschen </i>als bloße Illustration erscheinen lassen. Gerade der zweite Band seiner Vorlesungen erweist sich damit als unerwartet aktuell &#8211; was eine schöne Überraschung ist, nachdem sich zunächst Enttäuschung darüber breitgemacht hatte, der Autor habe sein Vorlesungsthema verfehlt.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Bröckling, Ulrich u.a. (Hg.), 2000: Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonominierung des Sozialen, Frankfurt/Main<br />
Foucault, Michel 1999: In Verteidigung der Gesellschaft, Frankfurt/Main<br />
Lemke, Thomas 1997: Eine Kritik der politischen Vernunft: Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/editorial-39/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S. 1 Die Hiobsbotschaften aus der Medienlandschaft wollten in den letzten Jahren kein Ende nehmen: Redakteure wurden entlassen, Qualitätszeitungen reduzierten ihre Umfänge und gaben ganze Zeitungsteile völlig auf. Die SPD wurde Eigentümerin der Frankfurter Rundschau, nachdem diese linke Tageszeitung zuvor eine Bürgschaft von der Regierung Roland Kochs annehmen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/editorial-39/">Editorial</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 169 ( Heft 1/2005), S. 1</p>
<p>Die Hiobsbotschaften aus der Medienlandschaft wollten in den letzten Jahren kein Ende nehmen: Redakteure wurden entlassen, Qualitätszeitungen reduzierten ihre Umfänge und gaben ganze Zeitungsteile völlig auf. Die SPD wurde Eigentümerin der<i> Frankfurter Rundschau</i>, nachdem diese linke Tageszeitung zuvor eine Bürgschaft von der Regierung Roland Kochs annehmen musste, um zu überleben. Medienkonzerne wollen Kartellregelungen aushebeln und ringen um eine Ministererlaubnis für geplante Fusionen, die mit der Zeitungskrise begründet werden. Textlieferanten ersetzen Redaktionen, der Anzeigenmarkt bricht als Folge der ökonomischen Krise zusammen. Anspruchsvolle intellektuelle Nischenprodukte mit Tradition werden abgestoßen: der Rowohlt Verlag trennte sich vom <i>Kursbuch</i>, der DGB stellte die <i>Gewerkschaftlichen Monatshefte </i>ein. Die Lage der &#132;Vierten Gewalt&#148; scheint gefährdet wie kaum je zuvor.</p>
<p>Jedoch relativiert sich das Bild bei genauerem Hinsehen: Die Krise der Tageszeitungen folgte auf einen beispiellosen Boom Ende der 1990er Jahre; Qualitätsmedien wie die <i>Zeit oder der Spiegel </i>stehen zudem weiterhin ökonomisch gut da. Zwar beklagen kulturkritisch gefärbte Diagnosen &#8211; die übrigens die Medien seit jeher begleiten &#8211; einen Verfall der öffentlichen Kommunikation und verweisen dabei mit Recht auf die ebenso unbestreitbare und wie unaufhaltsame Trivialisierung der Medienwelt <i>ä la Dschungelcamp </i>oder Schönheits-OP-Shows im Fernsehen. Doch zugleich waren die Möglichkeiten, sich fundiert und tiefschürfend zu informieren, noch nie so gut wie heute; die Zugangsmöglichkeiten zu hochwertigem Wissen haben sich enorm demokratisiert. Solche scheinbar gegenläufigen Tendenzen sind zum einen Indizien für reale gesellschaftliche Spaltungsprozesse zwischen bildungsorientierten Medieneliten und zappenden Dauerkonsumenten. Zum anderen spiegeln sie das eherne Gesetz der Moderne: Zunehmende Individualisierung emanzipiert und ermöglicht die freie Wahl; dauerhafte Bindung über den Moment hinaus nimmt dadurch jedoch ab. Die Ressource Aufmerksamkeit wird nicht mehr kontinuierlich und längerfristig verteilt, intellektuelle Konzentration erfolgt situativ. Ist damit der &#132;kritische Aufklärungsjournalismus überholt&#148;, müssen Journalisten endlich &#132;Abschied nehmen von ihrem alten Aufklärungsideal&#148;, wie der Medienwissenschaftler Norbert Bolz jüngst forderte?</p>
<p>Die <i>vorgänge </i>verteidigen unverdrossen das alte kritische Aufklärungsideal: Die Philosophin<i> Simone Dietz </i>überprüft das Potential, das die Fernsehkritik in Günter Anders&#8216; <i>Antiquiertheit des Menschen </i>(1956) für eine Analyse der heutigen Medienlandschaft besitzt. <i>Thomas Jäger </i>und <i>Henrike Viehrig </i>interpretieren in ihrem empirisch fundierten Beitrag die Berichterstattung über die Flutkatastrophe Ende 2004, die eine veränderte Politik bewirkt habe. Dem komplexen Wechselverhältnis zwischen massen-medialem System und Journalismus geht <i>Garsten Brosda </i>nach; er betont die autonome Eigenlogik des Journalismus, die auch künftig Chancen für kommunikative Qualität böte. Aus journalistischer Sicht fasst <i>Rüdiger Soldt</i> die Wandlungsprozesse in der Realität überregionaler Tageszeitungen zusammen. <i>Thomas Leif </i>verweist auf die Gefahren für die Rolle der Medien als &#132;Vierte Gewalt&#148;: wachsender PR-Einfluss, Dauerinszenierungen und Verlust kritischer Recherchekompetenz. Schließlich wirft <i>Gottfried Oy </i>einen differenzierten Blick auf Alternativmedien, deren Krise schon Ende der 1970er Jahre einsetzte und die dennoch ihre Rolle als Produzenten eines kritischen Gegendiskurses erfüllten. Ein aktueller Literaturbericht steht wie immer am Ende des Thementeils.</p>
<p>Der<i> Essay </i>von Reinhard Rürup beschäftigt sich sechzig Jahre nach Kriegsende mit einem besonderen Erinnerungsort: der Topographie des Terrors in Berlin. Als langjähriger Direktor schildert er anhand eigener Erfahrungen ihren bis heute schwierigen Werdegang vor dem Hintergrund deutscher Gedenkkultur. In den Kommentaren und Kolumnen plädiert Robin Celikates für die gesellschaftskritische Funktion von Sozial-und Kulturwissenschaften; <i>Ulrich Finckh </i>fordert eine Vereidigung der Soldatinnen und Soldaten auf die Verfassung; <i>Mischa Bechberger </i>und Danyel Reiche erklären die Instrumente zur Förderung erneuerbarer Energien. Am Ende erinnert die Schriftstellerin Inge Deutschkron in einem großen Porträt an Gustav Heinemann. Rezensionen beschließen wie gewohnt das Heft.</p>
<p>Intellektuell anregende und aufklärende Lektüre wünscht</p>
<p>Alexander Lammann</p>
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		<title>Strukturwandel der Medienwelt</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/169-vorgaenge/publikation/strukturwandel-der-medienwelt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2005 15:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorg&#228;nge Nr. 169 (Heft 1/2005), S. 58-74 Die Rettung der Schriftkultur vor der totalen Visualisierung erw&#228;chst aus der Analyse ihrer Anf&#228;nge. W&#252;rde dieser Einstiegssatz Sie zum Weiterlesen des Literaturberichts animieren? Dieser Frage ist Dorothee Krings in ihrer empirischen Untersuchung &#252;ber die Wirkungen von Anfangss&#228;tzen in Pressekommentaren und Reportagen nachgegangen: Dorothee Krings: [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 169  (Heft 1/2005), S. 58-74</p>
<p><i>Die Rettung der Schriftkultur vor der totalen Visualisierung erw&auml;chst aus der Analyse ihrer Anf&auml;nge. W&uuml;rde dieser Einstiegssatz Sie zum Weiterlesen des Literaturberichts animieren? Dieser Frage ist Dorothee Krings in ihrer empirischen Untersuchung &uuml;ber die Wirkungen von Anfangss&auml;tzen in Pressekommentaren und Reportagen nachgegangen:</i></p>
<p><i>Dorothee Krings</i>: Den Anfang machen. Einstiegss&auml;tze in Reportage und Kommentar und ihr Einfluss auf die Rezeptionsentscheidung von Lesern, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissensch&auml;ften: Wiesbaden 2004, 164 S., ISBN 3-531-14254-2; 19,90 Euro</p>
<p>Sie ordnete Einstiegss&auml;tze beider Genres aus der S&uuml;ddeutschen Zeitung und lie&szlig; sie von Probanden bewerten. Die Konzentration auf die Pr&auml;ferenzen der Rezipienten, also der Leser, ergibt allerdings kein grunds&auml;tzlich neues Bild: Viele Leser w&uuml;nschen informative, nur in Ma&szlig;en verr&auml;tselte Anf&auml;nge, die Information statt Sch&ouml;nheit in den Mittelpunkt stellen, um die Entscheidung &uuml;ber das Weiterlesen rasch f&auml;llen zu k&ouml;nnen. Derart prosaische Erkenntnisse werden nicht alle von Krings nach praktischen Schreiberfahrungen mit &bdquo;Ersten S&auml;tzen&rdquo; befragten SZ-Redakteure erfreuen, zumal jene &#8211; wie wohl jeder Schreibende &#8211; von schlaflosen N&auml;chten berichten k&ouml;nnen, die ihnen Gr&uuml;beleien &uuml;ber passende Anf&auml;nge bereiteten.</p>
<p>Welche Rolle spielen &#8211; gut oder schlecht begonnene &#8211; Pressekommentare f&uuml;r die politische &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland? Diese Frage r&uuml;hrt an das Herz der demokratischen Ordnung, weil in der Demokratie nach herk&ouml;mmlicher Interpretation der &bdquo;Vierten Gewalt&rdquo; entscheidende Kontrollfunktion zukommt. K&ouml;nnen Kommentare angesichts von Trivialisierung und Krisenanf&auml;lligkeit der Medien &uuml;berhaupt noch ihre kritische Rolle wahrnehmen? Der Sammelband von Christiane Eilders/Friedhelm Neidhardt/Barbara Pfetsch (Hgg.): Die Stimme der Medien. Pressekommentare und politische &Ouml;ffentlichkeit in der Bundesrepublik, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 431 S., ISBN 3-531-14217-8; 39,90 Euro pr&auml;sentiert dazu die mehrj&auml;hrige Forschungsarbeit der Abteilung &Ouml;ffentlichkeit und soziale Bewegungen am Berliner Wissenschaftszentrum. Anhand von f&uuml;nf &uuml;berregionalen Tageszeitungen von rechts bis links (Welt, Frankfurter Allgemeine, S&uuml;ddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, taz) wurden f&uuml;r den Untersuchungszeitraum 1994 und 1998 8.946 politische Kommentare gesammelt und ausgewertet. Der Band stellt somit eine empirisch ges&auml;ttigte, einzigartige Fundgrube dar: So r&uuml;cken die Herausgeber in Kapitel 2 der zahlenm&auml;&szlig;ig kleinen, aber redaktionell einflussreichen Gruppe von meinungsf&uuml;hrenden Kommentatoren <br />(der &bdquo;&Ouml;ffentlichkeitselite&rdquo;) zu Leibe, inklusive ihrer wechselseitigen kollegialen Wahrnehmungen. In Kapitel 4 untersucht Neidhardt die Kommentare auf die dominanten Themen und Inhalte. Im zweiten Teil des Buches finden sich dann umfassende Abschnitte zur Kommentierung der Schwerpunkte Recht und Justiz, Medienpolitik, Wissenschaft, Rechtsextremismus oder zur Gemeinwohlrhetorik. Wen der Einfluss der Qualit&auml;tspresse auf die politische &Ouml;ffentlichkeit interessiert, muss k&uuml;nftig diesen Band studieren.</p>
<p>Barbara Pfetsch, Professorin f&uuml;r Kommunikationswissenschaft an der Universit&auml;t Stuttgart-Hohenheim, hat &uuml;ber mehrere Jahr hinweg die Politikvermittlungsprozesse in Amerika und Deutschland vergleichend untersucht. Aufgrund von 112 Interviews (leider bereits aus den Jahren 1992-95 stammend), die auf insgesamt 3.000 Seiten transkribiert wurden, stellt sie die Rolle von Pressekonferenzen und Hintergrundkreisen, von Meinungsumfragen und den Einfluss der Pressesprecher sowie regierungsamtlicher Kommunikationsinstitutionen in beiden L&auml;ndern dar:</p>
<p><i>Barbara Pfetsch</i>: Politische Kommunikationskultur. Politische Sprecher und Journalisten in der Bundesrepublik und den USA im Vergleich, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 273 S., ISBN 3-531-13708-5; 32,90 Euro</p>
<p>Es ist ein theoretisch wie empirisch anspruchsvolles Projekt, das &uuml;berzeugend und detailliert das N&auml;hverh&auml;ltnis zwischen Journalismus und politischen Sprechern hierzulande belegt; die Autorin konstatiert ein &bdquo;Harmoniebed&uuml;rfnis auf beiden Seiten&rdquo;. In Amerika dagegen sei das Verh&auml;ltnis distanzierter, wenngleich die Sprecher dort sich von vorneherein den Eigenlogiken des medialen Systems viel st&auml;rker unterordneten. Noch st&uuml;nden aber einer oft voreilig als &bdquo;Amerikanisierung&rdquo; begriffenen Ver&auml;nderung in der deutschen politischen Kommunikationskultur wesentliche Faktoren entgegen: die verfassungsrechtlich gesicherte, starke Rolle der Parteien sowie die differenzierte Medienlandschaft mit einem starken Anteil &ouml;ffentlich-rechtlicher Strukturen.</p>
<p>Einer, der dieses Wechselspiel zwischen Politik und Journalisten lange Jahrzehnte miterlebte (und mit betrieb), hat nun ein dickes Buch &uuml;ber seine Erfahrungen geschrieben. J&uuml;rgen Leinemann, Reporter des Spiegel in Bonn und Berlin, kennt die politische Klasse wie kaum ein zweiter und hat viele ihrer zentralen Figuren portr&auml;tiert:</p>
<p><i>J&uuml;rgen Leinemann</i>: H&ouml;henrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker, Blessing: M&uuml;nchen 2004, 491 S., ISBN 3-89667-156-1; 20 Euro</p>
<p>Es ist ein ambivalentes Buch mit einem f&auml;lschlicherweise ein Pamphlet verhei&szlig;enden Titel geworden: Stellenweise liest es sich wie ein &ndash; passend nach Generationen gegliederter &ndash;&bdquo;Kurzer Lehrgang&#8220; in bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte. Die vielen raumgreifenden Exkurse in Kultur und Zeitgeist hat man allerdings anderswo schon pr&auml;ziser beschrieben gefunden. Zuviele Lesefr&uuml;chte aus dem Zettelkasten (von Jacob Burckhardt bis Sloterdijk), vielleicht einem zu ehrgeizigen Deutungsanspruch geschuldet, d&auml;mpfen die Lust am Notizblock des Reporters, aus dem oft brillante Erz&auml;hlungen und kluge Interpretationen stammen. Auch wenn sich der Autor an manchen Stellen autobiographisch einbringt, h&auml;tte ein wenig mehr Selbstanalyse dem Buch gut getan: Denn was w&auml;re die Welt der Politiker ohne ihre medialen Interpreten wie Leinemann?</p>
<p>Wissenschaftler und Praktiker beider Seiten (Journalisten, Politikberater, Untemehmenssprecher) f&uuml;hrt der Sammelband<br />Lothar RolkeNolker Wolff (Hgg.): Die Meinungsmacher in der Meinungsgesellschaft. Deutschlands Kommunikationseliten aus der Innensicht, Westdeutscher Verlag: Wies-baden 2003, 189 S., ISBN 3-531-14089-2; 22,90 Euro zusammen.</p>
<p>In den Aufs&auml;tzen von Miriam Meckel und Walter Bajohr treffen wir noch einmal auf die Fernsehduelle zwischen Schr&ouml;der und Stoiber 2002; die Interaktionen von Politik und Medien werden anhand dieses Beispiels oberfl&auml;chlich rekapituliert. Der ehemalige Chefredakteur des Spiegels und des manager magazins, Wolfgang Kaden verweist auf die hermetische bis irref&uuml;hrende &Ouml;ffentlichkeitsarbeit deutscher Unternehmen, die Wirtschaftsjournalisten die Arbeit erschweren. Martin L&ouml;ffelholz fordert die st&auml;rkere Verkn&uuml;pfung von handlungs- und systemtheoretischen Modellen, um die Funktion und Organisation von Politik- und Wirtschaftsjournalismus besser zu beschreiben. Hans Matthias Kepplinger versucht empirisch, die Unterschiede zwischen den medialen Kompetenzen von Managern und Politikern herauszuarbeiten.</p>
<p>Passen die wesentlichen Befunde der Journalismus- und Medienforschung auf knapp 600 Seiten zwischen zwei Buchdeckel? Obwohl dies kaum vorstellbar erscheint, ist es den Herausgebern des Handbuchs G&uuml;nter Bentele/Hans-Bernd Brosius/Otfried Jarren (Hg.): &Ouml;ffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003, 607 S., ISBN 3-531-13532-5; 38,90 Euro gelungen, den Stand der neueren Kommunikationsforschung mit beeindruckender Vollst&auml;ndigkeit abzubilden. Alle wesentlichen kommunikationsgeschichtlichen Teildisziplinen werden hier mit ihrer Forschungsprogrammatik und ihren leitenden Fragen skizziert, die wesentlichen Forschungsfelder &ndash; etwa: Kommunikatorforschung, Medienwirkungsforschung, Medieninhaltsforschung &ndash; beschrieben. Meist stammen die ca. 15 Seiten langen Eintr&auml;ge aus der Feder der f&uuml;r das jeweilige Gebiet wichtigsten Fachvertreter, so dass die Darstellung durchgehend kompetent und souver&auml;n ist. F&uuml;r jeden Leser auch au&szlig;erhalb der Kommunikationswissenschaft, der sich ein Bild vom Forschungsstand dieser Disziplin machen will, ist dieser Band eine mehr als lohnenswerte Anschaffung.</p>
<p>Die deutsche Medienwirtschaft ist sp&auml;testens seit der gro&szlig;en Medienkrise von 2001 Gegenstand zahlreicher Debatten. Wer sich mit dem Gebiet Medien&ouml;konomie systematisch befassen will, kommt um die folgende Publikation nicht herum:</p>
<p><i>Klaus-Dieter </i>Altmeppen/Matthias Karmasin (Hg.): Medien und &Ouml;konomie. Bd. 1/l: Grundlagen der Medien&ouml;konomie. Kommunikations- und Medienwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft; Bd. 1/2: Grundlagen der Medien&ouml;konomie. Soziologie, Kultur, Politik, Philosophie; Bd. 2: Problemfelder der Medien&ouml;konomie (Bd. 3 u. 4 in Vorbereitung), VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003ff., ISBN 3-531-13631-3; je 22,90 Euro (112; 2) bzw. 24,90 Euro (1/1)</p>
<p>In den insgesamt vier B&auml;nden werden die Grundlagen der Medien&ouml;konomie als einer Hybrid-Disziplin aus Medien- und Wirtschaftswisssenschaften dargestellt. Ausgehend von der Charakterisierung von Medien als meritorische G&uuml;ter (sowohl Kulturgut als auch Ware) wird die Medien&ouml;konomie als eigenst&auml;ndige Wissenschaft entwickelt und auf aktuelle Problemfelder des Medienmanagements angewandt.</p>
<p>Wer nach detaillierten Informationen zur wirtschaftlichen Krise der Tageszeitungen sucht, kann sich durch eine ebenso umfassende wie n&uuml;tzliche Artikel- und Interviewsammlung der taz arbeiten, die deren Recherchedienst anhand der in den letzten sechs Jahren in der taz zum Thema erschienenen Artikel zusammengestellt hat:</p>
<p>Zeitungsd&auml;mmerung. Die Presse, die Krise und der ganze Rest, hg. v. RechercheDienst der taz, taz: Berlin, September 2004, 136 S., Bestellm&ouml;glichkeiten: <a href="http://www.taz.de/" target="_blank" rel="noopener">www.taz.de</a>; e-mail: <a href="mailto:recherche%40taz.de">recherche@taz.de</a>; Tel. 030/2590 2284; Fax: 030/2590 2684;10 Euro zuz&uuml;gl. Versand<br />Vom Boom am Ende der 1990er Jahre, als alle &uuml;berregionalen Bl&auml;tter ihre Berlin-Seiten lancierten, &uuml;ber den beinharten Kampf einiger Verleger gegen die bisherigen Kartellrichtlinien, die Fusionen verhindern sollen, um noch gr&ouml;&szlig;ere Pressekonzentrationen zu vermeiden, bis zum Zusammenbruch des Anzeigenmarktes finden sich hier alle Tendenzen der letzten Jahre in thematischen Kapiteln geordnet. Am Ende steht ein umfangreicher Statistikteil, der Orientierung &uuml;ber die Werbeeinnahmen und Auflagenh&ouml;hen der letzten Jahre, die Beteiligungen der diversen Verlagsgruppen an der regionalen und &uuml;berregionalen Presse u.v.m. verschafft.</p>
<p>Trotz einiger Krisensymptome waren bis vor kurzem die Regionalzeitungen ein festes Standbein der deutschen Presselandschaft. Doch auch hier k&uuml;ndigen sich dramatische Ver&auml;nderungen an: Bereits Mitte der 1990er Jahre abonnierte nur ein Drittel aller 20- bis 29j&auml;hrigen eine regionale Tageszeitung, in Gro&szlig;st&auml;dten gar nur jeder sechste aus dieser Altersgruppe. Da Leser in sp&auml;teren Jahren kaum hinzugewonnen werden k&ouml;nnen, stehen auch hier unvermeidlich empfindliche Einbu&szlig;en in der Leserschaft bevor. Welche Gr&uuml;nde nun f&uuml;r jene aussterbende junge Minderheit an Abonnenten entscheidend sind, versucht die Dortmunder Dissertation von <i>Lars Rinsdorf</i>: Einflussfaktoren auf die Abonnemententscheidung bei lokalen Tageszeitungen, LIT Verlag: M&uuml;nster/Hamburg/London 2003, 201 S., ISBN 3-8258-6753-6; 19,90 Euro u.a. anhand von Interviews mit Probanden aus unterschiedlichsten Lebenswelten herauszufinden. Wichtig sind vor allem die einstigen Leseerfahrungen im Elternhaus. Je-doch erschwert eine wachsende Mobilit&auml;t die Entscheidung, dann im ersten eigenen Haushalt eine Zeitung zu abonnieren; der Preis ist &uuml;berraschenderweise eher nebens&auml;chlich. Genutzt wird die Regionalzeitung &ndash; entgegen landl&auml;ufigen Vorstellungen &ndash; weniger als lokales Servicemedium. Vielmehr steht die &uuml;berregionale Information in Mittelpunkt des Interesses; die im Vergleich zu den &Uuml;berregionalen einfachere Sprache wird hier offenbar goutiert.</p>
<p>Wer sich einen ersten &Uuml;berblick &uuml;ber die Geschichte deutscher Tageszeitungen in den letzten zweihundert Jahren verschaffen m&ouml;chte, kann sich in der ausf&uuml;hrlich bebilderten Einf&uuml;hrung von Konrad Dussel: Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jahrhundert, LIT Verlag: M&uuml;nster 2004, 272 S., ISBN 3-8258-6811-7; 19,90 Euro informieren. In zehn historisch angelegten Kapiteln (nur Kapitel 4 widmet sich systematisch den technischen Umw&auml;lzungen Ende des 19. Jahrhunderts) schildert der Mannheimer Lehrstuhlinhaber mitunter etwas betulich die Entwicklung der Zeitungslandschaft hierzulande. Die Parallelisierung mit der politischen Geschichte macht Sinn, doch h&auml;tte man sich einige vergleichende Betrachtungen &uuml;ber andere L&auml;nder gew&uuml;nscht. Ebenso f&auml;llt die weiterf&uuml;hrende Literatur am Ende jedes Kapitels zu kursorisch aus; die konkrete Nennung einiger Titel w&auml;re sinnvoller gewesen. Doch im ganzen kann man den Band f&uuml;r einen ersten Einstieg in die Pressegeschichte gut verwenden.</p>
<p>Zur harten Theoriearbeit: Ein Standard-Referenztitel k&ouml;nnte Bertram Scheufele: Frames &ndash; Framing &ndash; Framing-Effekte. Theoretische und methodische Grundlegung des Framing-Ansatzes sowie empirische Befunde zur Nachrichtenproduktion, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2003, 248 S., ISBN 3-531-14040-X; 25,90 Euro werden. Denn auch wenn der Autor mit dem sperrigen Titel dieses Bandes wohl kaum einen Preis zur Sprachpflege in den Sozialwissenschaften gewinnen wird, leistet er doch mit diesem Buch erstaunliches. Framing ist ein relativ neues Konzept der Medienwirkungsforschung und bedeutet, dass Medienberichterstattung in den K&ouml;pfen der Zuschauer und Leser &bdquo;rahmende&rdquo; Effekte hat. Kulturelle und politische Vorlieben werden &uuml;ber Jahre und kontinuierlich durch Medienberichterstattung aufgebaut und bestimmen dann auch, wie ein aktuelles Ereignis von den Rezipienten aufgenommen wird. Das ist insoweit sehr plausibel &ndash; und erinnert schon als Walter Lippmanns ber&uuml;hmte pictures in their heads &ndash;, hatte aber bislang den Nachteil, dass die verschiedenen Framing-Modelle unterschiedlicher Wissenschaftszweige nie zu einem Konzept zusammengef&uuml;hrt wurden. Diese Arbeit hat nun Scheufele unternommen und seine systematischen Ergebnisse auch noch empirisch unterlegt. Die produktive Diskussion um die verschiedenen Framing-Modelle und ihre Effekte kann dadurch nur befl&uuml;gelt werden.</p>
<p>Der Zusammenhang zwischen der jeweils vorherrschenden Medienkultur und ihrer Reflexion in der Kulturkritik ist sp&auml;testens seit G&uuml;nter Anders&#8216; Antiquiertheit des Menschen ein g&auml;ngiger Topos auch der kommunikationswissenschaftlichen Diskussion:<br />Klaus Neumann-Braun (Hg.): Medienkultur und Kulturkritik. VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2002, 234 S., ISBN 3-531-13772-7; 24,90 Euro</p>
<p>Der vorliegende Sammelband beleuchtet dieses Wechselspiel aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Im Zentrum der Beitr&auml;ge stehen Studien zur gegenw&auml;rtigen Medienkultur, aber auch zu literaturwissenschaftlichen Themen wie &bdquo;Novalis und die Reflexivit&auml;t des H&ouml;rens&rdquo; (Harro Zimmermann). Interessant vor allem der Beitrag von J&ouml;rn Ahrens zum Thema &bdquo;Code &ndash; Anmerkungen zu einer ubiquit&auml;ren Kategorie&rdquo;, die einen ersten Versuch darstellt, eine Ordnung in die diversen Code-Begriffe der Medienwissenschaften zu bringen. Insgesamt jedoch fehlt dem Band &ndash; der als Festschrift f&uuml;r Stefan M&uuml;ller-Doohm konzipiert wurde &ndash; ein klares thematisches Zentrum. Die klassische Kulturkritik, die ja eine starke und wichtige Denkrichtung eigenen Rechts darstellt, findet hier &ndash; obwohl titelgebend &ndash; so gut wie keine Erw&auml;hnung.</p>
<p>Ein ubiquit&auml;rer Allgemeinplatz gegenw&auml;rtiger Kulturkritik ist jedenfalls das laute Klagelied &uuml;ber die ARD-Polit-Talkshow Sabine Christiansen. Das demokratiegef&auml;hrdende Potential dieses Sendeformats ist innerhalb der gebildeten St&auml;nde unumstritten (&bdquo;Parlamentsersatz&#8220;). Wer in der Hoffnung auf eine Erkl&auml;rung von Wesen und Erfolg, oder wenigstens auf eine intelligent-demaskierende Kritik dieser Sendung nach dem Buch Walter van Rossum: Meine Sonntage mit &bdquo;Sabine Christiansen&rdquo;. Wie das Palaver uns regiert, Kiepenheuer &amp; Witsch: K&ouml;ln 2004, 185 S., ISBN 3-462-03394-8; 8,90 Euro greift, wird entt&auml;uscht. Es ist ein Pamphlet, das in weiten Teilen nur am Rande mit der Sendung zu tun hat. Stattdessen breitet der Autor aus, was er ohnehin zum Zustand der Republik schon immer einmal sagen wollte oder sich hier und dort zusammengelesen hat &ndash; und das auch noch h&ouml;chst unoriginell, weil man die Kritik an Sozialabbau, Steuerflucht, Gro&szlig;kapital und neoliberalen Meinungseliten in dieser inhaltsfreien Form schon zu oft vernommen hat, als dass sie nicht irgendwann erm&uuml;dete. R&auml;tselhaft bleibt vor allem, wie der Autor, der immerhin 1988 den Ernst-Robert-Curtius-Preis f&uuml;r Essayistik erhielt, stilistisch auf das niedrige Niveau seines attackierten Objekts herabsinken konnte: eine Einladung als Gast in die Sendung w&auml;re allemal gerechtfertigt.<br />Wenn Journalisten &uuml;ber die T&auml;tigkeit von Journalisten schreiben, dient das auf der einen Seite dem Branchenklatsch und der Selbstbeweihr&auml;ucherung. Zunehmend ist aber in den letzten Jahren erkannt worden, dass &bdquo;Journalismusjournalismus&rdquo; auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion einnimmt: Wenn Medien der Gesellschaft die Selbstbeobachtung und -korrektur erm&ouml;glichen, muss auch die Beobachtungsinstanz Beobachtungen ausgesetzt sein, um einwandfrei zu funktionieren. Es geht um die Frage, wer die Kontrolleure kontrolliert.</p>
<p><i>Maja Malik</i>: Journalismusjournalismus. Funktionen, Strukturen und Strategien der journalistischen Selbstthematisierung, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 429 S., ISBN 3-531-14205-4; 38,90 Euro</p>
<p><i>Die Autorin</i> legt mit dieser preisgekr&ouml;nten Dissertation die erste gro&szlig;e Studie &uuml;ber den deutschen Medienjournalismus vor. Sie untersucht die Kommunikationsmechanismen des Journalismus &uuml;ber Journalismus im Kontext einer allgemeinen, funktionalen Journalismustheorie, kn&uuml;pft dabei an kognitionstheoretische und sozialpsychologische Erkenntnisse zur Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung an und fundiert ihre theoretischen Konzepte empirisch.</p>
<p>Vielleicht ist dem Forschungsfeld des Medienjournalismus mit Werken wie dem von Malik eine bessere Zukunft zu prophezeien als einer anderen kommunikationswissenschaftlichen Disziplin, der Zeitschriftenforschung:</p>
<p><i>Andreas Vogel</i>/Christina Holtz-Bacha (Hg.): Zeitschriften- und Zeitschrifteinforschung, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2002 (= Sonderheft 3/2002 der Publizistik. Vierteljahreshefte f&uuml;r Kommunikationsforschung), 291 S., ISBN 3-531-13661-5; 28 Euro</p>
<p>Bei dem vorliegenden Heft handelt es sich um einen neuerlichen Versuch, einer zentralen, doch wenig erforschten Pressegattung zu einer systematischen Begleitforschung zu verhelfen. In zumeist sehr &uuml;berzeugenden Aufs&auml;tzen pl&auml;dieren Autoren wie Hans Bohrmann, Rudolf St&ouml;ber, Ulrike R&ouml;ttger, Michael Schmolke und Patrick R&ouml;ssler f&uuml;r eine Integration der Zeitschriftenforschung in die Kommunikationswissenschaft, skizzieren den Forschungsstand, untersuchen einzelne Gattungen wie die Kirchenpresse oder Kundenzeitschriften und pr&auml;sentieren empirische Forschungsergebnisse. Es ist verdienstvoll, dass so der Blick einmal mehr auf den Komplex der Zeitschriften gelenkt wird. Ob dies aber zu einer nachhaltigen Vitalisierung des Forschungsfeldes f&uuml;hrt, muss angesichts des Schicksals vorheriger Versuche bezweifelt werden.</p>
<p>&bdquo;Mannsein ist kein Zuckerschlecken.&rdquo; Dieser universellen Erkenntnis f&uuml;hlen sich die Macher von Men&#8217;s Health verpflichtet, die als f&uuml;hrende deutsche M&auml;nnerzeitschrift gelten kann und immerhin mehr als 280.000 Exemplare verkaufte, &uuml;brigens zu 61 Prozent an Angestellte und Beamte (Stand: Ende 2001). Eine Dortmunder Examensarbeit hat sich nun den M&auml;nnlichkeits- und Weiblichkeitsbildern dieser Zeitschrift sowie deren Folgen f&uuml;r die dort verhandelten Liebe-und-Sexualit&auml;t-Fragen gewidmet:</p>
<p><i>Lars Bregenstroh</i>: Tipps f&uuml;r den modernen Mann. M&auml;nnlichkeit und Geschlechterverh&auml;ltnis in der Men&#8217;s Health, LIT Verlag: M&uuml;nster/Hamburg/London 2003, 175 S., ISBN 3-8258-6831-1;19,90 Euro</p>
<p>Vorbildlich wird hier Theorie mit empirischer Analyse verkn&uuml;pft: Die drei umfassenden einleitenden Kapitel referieren im Schnelldurchgang die Konstruiertheit und historische Bedingtheit der Geschlechterverh&auml;ltnisse sowie deren Widerspiegelung in den Massenmedien. Dann werden vier Ausgaben des Jahres 2001 detailliert untersucht, was dem Leser viele komische Momente verschafft. Sichtbar wird, wie dieses Produkt bekannte Vorbilder von Frauenzeitschriften erfolgreich auf eine neue Zielgruppe &uuml;bertr&auml;gt: M&auml;nner seien durch die Irritationen der Geschlechterfragen &bdquo;reif&rdquo; f&uuml;r eine solche Zeitschrift geworden &ndash; was traditionelle, allenfalls geringf&uuml;gig modernisierte M&auml;nnlichkeitsstereotype hinsichtlich K&ouml;rperlichkeit und Sexualit&auml;t gerade nicht ausschlie&szlig;t.<br />Medien und bewaffnete Konflikte: In den vergangenen Jahren wird in Fachkreisen viel &uuml;ber den Sinn und das Probleml&ouml;sungspotenzial eines &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; diskutiert. Dass die klassische Kriegsberichterstattung, in der Reporter von Krisenschauplatz zu Krisenschauplatz ziehen, nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; ist, wird anhand der Lekt&uuml;re von <i>Bettina Gaus</i>: Frontberichte. Die Macht der Medien in Zeiten des Krieges, Campus Verlag: Frankfurt/Main/New York 2004, 193 S., ISBN 3-593-37543-5;19,90 Euro mehr als deutlich. Auf Grundlage eigener Beobachtungen weist die langj&auml;hrige Afrika-Korrespondentin der taz detailliert nach, wie Kriegsberichterstatter aus Krisenregionen durch kulturelles und politisches Unwissen, unzureichende Arbeitsbedingungen und Beeinflussung durch Kriegsparteien immer wieder ein falsches Bild vom Krieg zeichnen, das dann den Diskurs in der Heimat pr&auml;gt.</p>
<p>Ob allerdings wie auch immer gearteter &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; eine bessere Berichterstattung garantieren kann, ist umstritten. Den bislang existierenden normativen Bestimmungen des Begriffs &bdquo;Friedensjournalismus&rdquo; zumindest erteilt Martin L&ouml;ffelholz eine klare Absage. Dahinter stecke ein medienp&auml;dagogisches Konzept, das weder mit den realen Aufgaben und Arbeitsbedingungen von Kriegsberichterstattern noch mit der theoretischen Aufgabenzuweisungen an den Journalismus in Einklang zu bringen sei, schreibt der Ilmenauer Kommunikationswissenschaftler in der Einleitung zu:</p>
<p><i>Martin L&ouml;ffelholz </i>(Hg.): Krieg als Medienereignis II. Krisenkommunikation im 21. Jahrhundert, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-13997-5; 34,90 Euro</p>
<p>Dieser Band, Nachfolger eines &auml;hnlich angelegten Werkes aus den fr&uuml;hen 1990er Jahren, enth&auml;lt viele bemerkenswerte Beitr&auml;ge zum Verh&auml;ltnis von Journalismus und Krieg aus historischer und systematischer Perspektive, die naturgem&auml;&szlig; in ihrer Qualit&auml;t stark differieren. Herausragend der einleitende Beitrag aus L&ouml;ffelholz&#8216; Feder, in der systematisch in das Forschungsfeld Kriegs- und Krisenkommunikation eingef&uuml;hrt wird und Perspektiven f&uuml;r die Forschung aufgezeigt werden.</p>
<p>Zur&uuml;ck in die Vergangenheit: Die bundesdeutsche Nachkriegsmediengeschichte zehrt bis heute von ihren Gr&uuml;ndungsmythen. Hier waren Aufstiege aus dem scheinbaren Nichts m&ouml;glich, die in anderen, st&auml;rker von Kontinuit&auml;ten gepr&auml;gten Wirtschaftszweigen so nicht denkbar waren. Zwanzig Jahre nach dem Tod eines der umstrittensten deutschen Medienunternehmer widmet sich eine Biographie dem Wirken seiner Witwe:</p>
<p><i>Inge Kloepfer</i>: Friede Springer. Die Biographie, Hoffmann und Campe: Hamburg 2005, 319 5., ISBN 3-455-09489-9; 22 Euro</p>
<p>Das Erbe Axel Springers, das viele Konkurrenten von Kirch bis Burda gerne unter sich aufgeteilt h&auml;tten, wurde von der oft untersch&auml;tzten Friede Springer gesichert &ndash; zumindest bis auf weiteres. Der Werdegang des friesischen Kinderm&auml;dchens im Hause Springer zur M&auml;tresse, dann f&uuml;nften und letzten Ehefrau des Verlegers bis hin zur heutigen Mehrheitseignerin der AG tr&auml;gt zweifellos filmreife Z&uuml;ge. Ihre Biographin, Wirtschaftskorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat denn auch tief in die Farbeimer gelangt und manche Passage penetrant-blumig ausgemalt. Das liest sich unterhaltsam, doch h&auml;tte man die Medienmacht des Weltanschauungskonzerns Springer unter Friedes &Auml;gide &ndash; und mit Mathias D&ouml;pfner an der Spitze &ndash; gerne einmal jenseits von &bdquo;Wer gegen Wen&#8220;-Betrachtungen pr&auml;sentiert bekommen.</p>
<p>Geschickt ausge&uuml;bte Medienmacht (und eine mindestens so ambitionierte Vergangenheitspolitik) l&auml;sst sich am Beispiel des Bertelsmann-Konzerns demonstrieren. In ihrem Buch &uuml;ber die Geschichte des Mediengiganten skandalisieren Frank B&ouml;ckelmann und Hersch Fischler den aus ihrer Sicht bislang geschickt camouflierten politischen Einfluss des ostwestf&auml;lischen Konzerns. Dabei kultivieren die Autoren den aufkl&auml;rerischen Gestus:</p>
<p><i>Frank B&ouml;ckelmann/Hersch Fischler</i>: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums, Eichborn Verlag: Frankfurt/Main 2004, 348 S., ISBN 3-8218-5551-7; 19,90 Euro</p>
<p>So sehr der Einfluss von Bertelsmann ein spannendes, allemal diskutierenswertes Thema ist, so sehr verfehlt B&ouml;ckelmanns und Fischlers Enth&uuml;llungsst&uuml;ck sein Ziel. Statt den heutigen Einfluss des Medienhauses in den Mittelpunkt des Buches zu stellen, referieren sie langatmig die Unternehmensgeschichte, wobei sie sich vornehmlich auf den erst vor wenigen Jahren publizierten Bericht der Unabh&auml;ngigen Historikerkommission zur Geschichte von Bertelsmann im &bdquo;Dritten Reich&rdquo; st&uuml;tzen. Zwar gelingt es ihnen dabei, dem Konzern zahlreiche kleine und gr&ouml;&szlig;ere L&uuml;gen im Umgang mit seiner Historie nachzuweisen, doch zu einer Erhellung der Frage, wie und zu welchem Nutzen Bertelsmann heute wirtschaftlichen mit politischem Einfluss kombiniert, tr&auml;gt diese Darstellung wenig bei. Dort dagegen, wo man gerne mehr &uuml;ber die Netzwerke der G&uuml;tersloher erfahren h&auml;tte &ndash; vor allem die T&auml;tigkeit der Bertelsmann Stiftung &ndash;, verharrt die Darstellung an der Oberfl&auml;che und wird oft geradezu peinlich d&uuml;nn.</p>
<p>&bdquo;Fahl, staubgrau, dazu noch ungenau bis schlampig&rdquo; &ndash; Fritz J. Raddatz&#8216; Verdikt &uuml;ber ein Portr&auml;t des gro&szlig;en Verlegerantipoden Springers, Rudolf Augstein, f&auml;llt viel-leicht &uuml;bertrieben eindeutig aus. Jedoch ist Dieter Schr&ouml;der, einstiger Spiegel-Reporter und sp&auml;ter Chefredakteur der S&uuml;ddeutschen Zeitung, tats&auml;chlich der erratischen R&auml;tsel-natur Augsteins nicht wirklich auf den Grund gegangen:</p>
<p><i>Dieter Schr&ouml;der: </i>Augstein. Siedler: M&uuml;nchen 2004, 319 S., ISBN 3-88680-782-7; 22,90 Euro</p>
<p>Viele der zahllosen Legenden um den Spiegel-Gr&uuml;nder, die der Autor mitteilt, sind schon l&auml;nger bekannt. Zu kl&auml;ren w&auml;ren Wandel und Kontinuit&auml;ten im Leben des Verlegers gewesen, des &bdquo;Nationalliberalen&rdquo; (Ralf Dahrendorf) und &bdquo;Nationalisten&rdquo; (Erich<br />Kuby), den man &bdquo;linker gelesen [habe], als er war&rdquo; (Iring Fetscher). Interessant w&auml;re auch ein Vergleich des fr&uuml;hen mit dem sp&auml;ten Augstein: Sind die Marotten, Unberechenbarkeiten, Unsicherheiten und Unsinnigkeiten nicht erst Ausw&uuml;chse desjenigen, der alles erreicht hat und nicht mehr m&auml;chtiger und kaum noch reicher werden kann? Augsteins multipler Pers&ouml;nlichkeit kam jedenfalls j&uuml;ngst Joachim Fest in der Portr&auml;tskizze in seinem Erinnerungsbuch Begegnungen um vieles n&auml;her.</p>
<p>Augstein hatte der Sportwagenliebhaberin Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff einst einen Porsche zum Geburtstag geschenkt, den sie jedoch l&auml;chelnd zur&uuml;ckwies. Bei ihrem Arbeitgeber war sie da weniger ablehnend: Verleger Gerd Bucerius schenkte ihr ein Haus, zu ihrem 70. Geburtstag 70.000 DM und zu ihrem 80. entsprechend 80.000 Mark. Auch ansonsten ist beider Beziehung nicht unbedingt von hanseatischer bzw. preu&szlig;ischer Zur&uuml;ckhaltung gepr&auml;gt, wie man dem Briefwechsel der beiden entnehmen kann:<br />Ein wenig betr&uuml;bt, Ihre Marion. Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff und Gerd Bucerius. Ein Briefwechsel aus f&uuml;nf Jahrzehnten, hg. v. Haug von Kuenheim u. Theo Sommer, Siedler: Berlin 2003, 303 S., ISBN 3-88680-798-3; 22 Euro</p>
<p>Immer intensiv, zumeist herzlich, nicht selten aber auch leidenschaftlichemp&ouml;rt &uuml;bereinander haben beide gemeinsam das Schicksal ihrer Wochenzeitung, der Zeit, er&ouml;rtert. Rund 160 der 280 erhaltenen, zwischen 1954 und 1993 gewechselten Briefe haben die Herausgeber mit knappen Erkl&auml;rungen versehen und ver&ouml;ffentlicht, einige wohl gek&uuml;rzt um die heftigsten Invektiven &uuml;ber Redakteure des Blattes oder sonstige Personalia, von denen sich ohnehin viel in den Briefen finden. &bdquo;Was blo&szlig; ist mit der Zeitung los?&rdquo;, sorgt sich der Verleger st&auml;ndig, nicht nur in 20seitigen Blattkritiken einzelner Zeit-Ausgaben: &bdquo;wir k&ouml;nnen zwischen Spiegel und FAZ zerrieben werden.&rdquo; Beide schenkten sich nichts: &bdquo;Warum hassen Sie mich?&rdquo;, fragte er die Gr&auml;fin, die nach &bdquo;Gutsherrinnenart&rdquo; herrschen wolle, was sie mit dem Vorwurf des &bdquo;Schlotbarons&rdquo; konterte. Fast vierzig Jahre deutscher Pressegeschichte spiegeln sich in diesem ebenso sch&ouml;nen wie wichtigen Buch.</p>
<p>Zweifellos geh&ouml;ren die einzigartigen Gestalten Augstein, Axel Springer, D&ouml;nhoff einer unwiederbringlich vergangenen Epoche an. Wie sehen die heute und k&uuml;nftig pr&auml;genden Figuren des Medienbetriebs aus? 24 Studierende des Hamburger Instituts f&uuml;r Journalistik und Kommunikationswissenschaft haben erfolgreiche Journalisten interviewt, nach ihren Erfahrungen in der Branche befragt und diese Gespr&auml;che in gut gestreuter Pressearbeit schon vorab in vielen Medien untergebracht:</p>
<p><i>Bernhard P&ouml;rksen </i>(Hg.): Trendbuch Journalismus. Erfolgreiche Medienmacher &uuml;ber Ausbildung, Berufseinstieg und die Zukunft der Branche, Herbert von Halem Verlag: K&ouml;ln 2005, 299 S., ISBN 3-9311606-87-2; 16 Euro</p>
<p>Das &Uuml;berschriftenmachen will zwar noch gelernt werden: selten ist ein Buch so irref&uuml;hrend, ja resonanzverhindernd betitelt worden, da die von den Profis offerierten Trends selten &uuml;ber Allgemeinpl&auml;tze hinaus kommen. Dennoch ist es ein h&ouml;chst interessantes und &auml;u&szlig;erst kurzweiliges Buch geworden, das facettenreiche biographische Selbstausk&uuml;nfte bietet. Vergn&uuml;gt liest man, wie die Mode- und Lifestyle-Redakteurin der SZ-Wochenendbeilage Rebecca Casati von ihren unwesentlich j&uuml;ngeren Gespr&auml;chspartnerinnen mit dem fragw&uuml;rdigem Sinn ihres Schreibens konfrontiert wird oder mit ihrer Liaison mit FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Nicht alle Interviews sind derart anregend-aggressiv, trotzdem verm&ouml;gen Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, Bild-Chef Kai Diekmann, Zeit-Herausgeber Michael Naumann, Tagesthemen-Moderatorin Anne Will, Talkmasterin Sandra Maischberger und ihr Kollege Reinhold Beckmann, taz-Chefin Bascha Mika, die Reporter Cordt Schnibben und Helge Timmerberg, Klatsch-Kolumnistin Katja Ke&szlig;ler, Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg, Politik- und Medienberater wie Michael Spreng und viele andere die Probleme und Un&uuml;bersichtlichkeiten der Medienlandschaft sowie die Krisenanf&auml;lligkeit des journalistischen Berufslebens vor Augen zu f&uuml;hren.</p>
<p>Von der Krise der Tagespresse besonders betroffen scheint das Feuilleton &ndash; oder vermag es nur theatralischer als andere zu wehklagen? Schon war von Subventionierung die Rede, da es unverzichtbares Kulturgut sei. Dass es tats&auml;chlich einmal ein intellektuelles Leitmedium des Kulturjournalismus gab, das unabh&auml;ngig von den Pressionen des Marktes das geistige Bewusstsein Deutschlands nach 1945 pr&auml;gen konnte, daran erinnert die verdienstvolle und zudem gut geschriebene zeitgeschichtliche Untersuchung von <i>Monika Boll</i>: Nachtprogramm. Intellektuelle Gr&uuml;ndungsdebatten in der fr&uuml;hen Bundesrepublik, LIT Verlag: M&uuml;nster 2004, 270 S., ISBN 3-8258-7108-8; 24,90 Euro</p>
<p>Nach 22 Uhr sendeten die &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten NWDR, HR, SWF, BR und der RIAS bis in die 1960er Jahre hinein sogenannte Nachtprogramme, die den Kulturhunger der geistigen Eliten nach 1945 befriedigen sollten. Zwar blieb dieses Radioprogramm naturgem&auml;&szlig; eine Minderheitenveranstaltung, doch immerhin erreichte es beispielsweise im Sendegebiet des NWDR 100.000 Personen. Die Autorin stellt zum einen mit dem Instrumentarium der intellectual history die geistigen Traditionen der Redaktionen und Redakteure dar, wobei sie wenig &uuml;berzeugend eine &uuml;berkommene elit&auml;r-kulturkritische Dominanz herausarbeiten will. Zum anderen geht es ihr um die intellektuellen Diskurse, die via Nachtstudio in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft wirkten und in denen sich vorzugsweise Soziologen tummelten: Plessner, Gehlen, Adorno, K&ouml;nig, Schelsky machten erst durch ihre Radiodiskussionen und -vortr&auml;ge die Soziologie zur Leitwissenschaft, so k&ouml;nnte man zugespitzt formulieren. Ihre wirksamsten Unterst&uuml;tzer sind dabei die KuIturredakteure der Rundfunkanstalten, was Boll anhand zahlreicher Archivmaterialien illustriert &ndash; nicht zuletzt der einflussreiche Nachtstudioleiter des Bayrischen Rundfunks und Gr&uuml;nder der vorg&auml;nge, Gerhard Szczesny.<br />Kulturkritik erscheint da als einziger Ausweg, wenn man nach dieser Lekt&uuml;re zur&uuml;ck aus l&auml;ngst versunkenen Zeiten in der tristen Gegenwart des Kulturjournalismus angelangt ist. In einem Sammelband reflektieren Praktiker und Theoretiker dessen aktuelle Bedeutung:</p>
<p><i>Michael Haller </i>(Hg.): Die Kultur der Medien. Untersuchungen zum Rollen- und Funktionswandel des Kulturjournalismus in der Mediengesellschaft, LIT Verlag: M&uuml;nster 2002, 234 S., ISBN 3-8258-5907-x; 20,90 Euro</p>
<p>R&uuml;diger Steinmetz deutet noch einmal die Trash-Fernsehshow Big Brother als endg&uuml;ltigen Beleg f&uuml;r den Wandel der Fernseh-Programms vom Kulturgut zur Ware; Hans-J&uuml;rgen Bucher beschreibt in einem klugen, weit in die Geschichte ausgreifenden Aufsatz den Wandel der journalistischen Schriftkultur hin zur gegenw&auml;rtig immer st&auml;rker werdenden Visualisierung von Texten durch Grafiken usw. &ndash; diese m&uuml;ssten endlich in eine Kommunikationstheorie miteinbezogen werden. Manfred Eichel, Verantwortlicher f&uuml;r Kultur beim ZDF, zeichnet das durchwachsene Schicksal der Kulturmagazine im Fernsehen nach. Und Jens Jessen, Feuilleton-Chef der Zeit, vermag in der kurzen Bl&uuml;te-zeit des Feuilletons in den 1990er Jahren nur die Glanzzeit einer seiner Untergruppen, des politischen Feuilletons, zu entdecken. Doch die Anfeindungen durch alles Popul&auml;re seien existenzgef&auml;hrdend f&uuml;r ein Genre, das Kenntnisse, Bildung und Tradition zur Voraussetzung hat: &bdquo;Wenn die Vorstellung um sich greift, Kultur m&uuml;sse anstrengungslos und Vorbildungslos f&uuml;r alle zug&auml;nglich sein, beginnt das Totengl&ouml;cklein f&uuml;r das Feuilleton zu l&auml;uten&rdquo;; es solle eine Sporenform annehmen, um im &bdquo;Dauerfrost des eskalierenden Populismus&rdquo; zu &uuml;berleben.</p>
<p>Um sich gegen diese sibirische K&auml;lte ein wenig zu w&auml;rmen, hilft auch dem individualistischen Feuilletonisten das Wir-Gef&uuml;hl, zumal wenn es mit staatlichen Finanzmitteln, in diesem Falle der Bundeskulturstiftung, wenigstens f&uuml;r ein Wochenende erzeugt wird. Eine Tagung im September 2003 wurde zum Klassentreffen des deutschen Kulturjournalismus, auf dem intensiv die Krise des Feuilletons diskutiert wurde; Vor-tr&auml;ge und Diskussionen kann man jetzt in einem ebenso intelligenten wie preiswerten Taschenbuch nachlesen:<br />Thomas Steinfeld (Hg.): Was vom Tage bleibt. Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland, Fischer Taschenbuch: Frankfurt/Main 2004, 190 S., ISBN 3-59b-16329-3;10,90 Euro</p>
<p>Die illustre Schar der Referenten &ndash; Redakteure (u.a. Patrick Bahners, Ina Hartwig, Gustav Seibt, J&uuml;rgen Kaube, Jens Jessen, Eckhard Fuhr, Thomas Steinfeld, Stephan Speicher, Lothar M&uuml;ller), publizistisch pr&auml;sente Wissenschaftler (Heinrich Detering, Heinz Bude, Moritz Ba&szlig;ler) und auch essayistisch t&auml;tige Schriftsteller (Martin Mosebach, Feridun Zaimoglu, Georg Klein) &ndash; weist wie zu erwarten kaum Auswege, aber bietet &ndash; ebenso erwartbar &ndash; zahlreiche lohnende Reflektionen. Gustav Seibts unschwer zu akzeptierende conclusio am Ende des Bandes und seiner Ausf&uuml;hrungen zur verschwindenden Bildungsb&uuml;rgerlichkeit: &bdquo;Das Feuilleton lebt von Grundlagen, die es nicht garantieren kann.&rdquo;</p>
<p>Die Grenzen werden heute vielfach &uuml;berschritten: Attackiert wurde und wird auch das herk&ouml;mmliche Feuilleton formal und stilistisch von einer relativ &bdquo;hei&szlig;en&rdquo; Spielart des Schreibens, die als New Journalism eher umschrieben denn definiert ist.</p>
<p>In Amerika aufgekommen, mit Autoren wie Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson verkn&uuml;pft, bedeutet der Begriff am ehesten wohl die Neuverkn&uuml;pfung literarischer mit journalistischen Arbeitsweisen; zugleich unter Einbeziehung fiktionaler und stark subjektiv gef&auml;rbter Momente. In einem ausgezeichneten Sammelband mit durchweg lesenswerten, oft brillanten Beitr&auml;gen kann man sich einen umfassenden &Uuml;berblick verschaffen:</p>
<p><i>Joan Kristin Bleicher/Bernhard P&ouml;rksen (Hg.): </i>Grenzg&auml;nger. Formen des New Journalism, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004; 443 S., ISBN 3-531-14096-5; 39,90 Euro</p>
<p>Bernhard P&ouml;rksen erz&auml;hlt die Geschichte des Magazins Tempo, das hierzulande einen deutschsprachigen New Journalism zu kreieren versuchte; die Popliteratur und deren Zwitterstellung zwischen Journalismus und Literatur analysiert Dirk Frank; Hans J. Kleinsteuber dekonstruiert ebenso energisch wie nachhaltig den Mythos Tom Wolfe, Niels Werber untersucht aus systemtheoretischer Perspektive die lange Geschichte der Factual Fiction, bis hin zu Daniel Defoe.</p>
<p>Verschiedenen &Uuml;berg&auml;ngen bzw. Ber&uuml;hrungspunkten zwischen Literatur und Journalismus widmet sich auch der instruktive Sammelband<br />Bernd Bl&ouml;baum/Stefan Neuhaus (Hg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 341 S., ISBN 3-531-13850-2; 34,90 Euro</p>
<p>Neben systematischen Beitr&auml;gen, u.a. zum Bild des Journalisten in der Literatur, zur Theorie und Praxis von Literaturkritik und von Hans J. Kleinsteuber &uuml;ber die Gattung des Medienthrillers, st&ouml;&szlig;t man hier auf Texte zu den Fallbeispielen Erasmus und Montaigne, Defoe, Heinrich Heine, Egon Erwin Kisch, Erich K&auml;stner u.a. Literarisch inspirierte Journalisten und Feuilletonisten von einst scheinen gegenw&auml;rtig ohnehin eine Renaissance zu erleben, werden gar in den Rang von Klassikern erhoben &ndash; vielleicht weil sich in ihren Texten Qualit&auml;ten entdecken lassen, die unter den schwierigen journalistischen Bedingungen heute nur noch selten anzutreffen sind? Das bewundernswerte und verdienstvolle Gro&szlig;projekt einer Tucholsky-Gesamtausgabe, die im Rowohlt Verlag erscheint, hat hier vor Jahren einen Anfang gemacht. Zuletzt er-schien Band 8 mit Tucholskys Texten aus dem Jahr 1926, der knapp 550 Seiten Text und 450 Seiten Anhang mit ausf&uuml;hrlichen Stellenkommentaren und Registern umfasst:</p>
<p><i>Kurt Tucholsky</i>: Gesamtausgabe Bd. 8: Texte 1926, hg. v. Gisela Enzmann-Kraiker u. Christa Wetzel, Rowohlt: Reinbek 2004, 1.012 S., ISBN 3-498-06531-9; 49,90 Euro</p>
<p>In jenem Jahr der Weimarer Republik, das der Romanist Hans Ulrich Gumbrecht vor einiger Zeit als Jahr am Rande der Zeit portr&auml;tiert hat, weilt Tucholsky in Paris als Korrespondent f&uuml;r Ullstein; die meisten seiner Feuilletons ver&ouml;ffentlicht er als Peter Panter in der Vossischen Zeitung, aber auch in der Weltb&uuml;hne. Die szenisch starken 218 Texte aus diesem Jahr, grundiert von lauter Ironie, wirken f&uuml;r eine deutsch-franz&ouml;sischen Auss&ouml;hnung, kommentieren scharf die Verh&auml;ltnisse in der Weimarer Republik. Der l&auml;rmend-scheppernde Tonfall mag heute befremden, vermittelt jedoch stilistisches Zeitkolorit aus einer umk&auml;mpften Epoche.</p>
<p>Im gleichen Verlag wurden als preiswerte Taschenb&uuml;cher die Schriften Alfred Polgars wiederaufgelegt, jenes 1873 in Wien geborenen, legend&auml;ren Gro&szlig;meisters der kleinen Form:</p>
<p><i>Alfred Polgar: Kleine Schriften</i>. Bd. 1: Musterung, Bd. 2: Kreislauf, Bd. 3: Irrlicht, hg. v. Marcel Reich-Ranicki in Zusammenarbeit mit Ulrich Weinzierl, Rowohlt Taschen-buch: Reinbek 2003/2004 [EA: 1982], 461 S., 416 S. 451 S., ISBN 3-499-13506-X, 3-499-23808-X, ISBN 3-499-23809-8; je 9,50 bzw. 9,90 Euro</p>
<p>Keine Facette des Daseins scheint Polgar in der hier dargebotenen F&uuml;lle an Texten aus den 1920er bis 1950er Jahren zu &uuml;bersehen, ob es nun Schlafwagen, sp&auml;te Geburtstage oder die verschiedenen Abschiede im Leben sind. Hier verteidigt er brillant jene &bdquo;kleine Form&rdquo;: sie sei &bdquo;mit mancher Qual verkn&uuml;pftes schriftstellerisches Bem&uuml;hen, aus hundert Zeilen zehn zu machen&rdquo;, was ungerechterweise dazu gef&uuml;hrt h&auml;tte, zum &bdquo;Autor f&uuml;r Nachspeise- und Vorschlummerst&uuml;ndchen&rdquo; degradiert zu werden. Tats&auml;chlich ist es schwer, den Zauber seiner Texte zu beschreiben, der auf einer extremen Verdichtung, dem Weglassen jenes &bdquo;Schw&auml;nzelns&rdquo; beruhte, das sein Kollege Victor Auburtin doch als die wichtigste Technik des Feuilletonisten benannt hatte. Polgars Licht dagegen &bdquo;erhellt, ohne je zu blenden&rdquo;, wie Herausgeber Reich-Ranicki treffend formuliert.</p>
<p>Zu den bemerkenswertesten Wiederentdeckungen der Feuilletongeschichte geh&ouml;ren die fr&uuml;hen Texte von Sebastian Haffner, die dieser in den 1930er Jahren f&uuml;r solche Magazine wie Die Koralle oder Die Dame, aber auch die Vossische Zeitung verfasste:<br />Sebastian Haffner: Das Leben der Fu&szlig;g&auml;nger. Feuilletons 1933-1938, hg. v.<i> J&uuml;rgen Peter Schmied</i>, Hanser : M&uuml;nchen 2004, 397 S., ISBN 3-446-20490-3; 23,50 Euro</p>
<p>Einer der einflussreichsten Starpublizisten der Bundesrepublik, der erst in der Welt, dann im Stern vorzugsweise die Weltpolitik kommentierte, zudem aufsehenerregende B&uuml;cher wie seine Anmerkungen zu Hitler schrieb, hatte sich in den Anf&auml;ngen seiner journalistischen Arbeit mit Themen wie der Zigarette, der Ansichtspostkarte, der Hose, den Vorteilen der Geldverschwendung sowie den Unterschieden zwischen Fensterschlie&szlig;ern und Fenster&ouml;ffnern in Zugabteilen besch&auml;ftigt. Die Wiederentdeckung dieser Texte, von denen manche nie erschienen, ist ein Gl&uuml;cksfall, auch weil sich in ihren scheinbaren Abseitigkeiten eine &bdquo;subversive Geste&rdquo; gegen den NS-Zeitgeist verbarg: das &bdquo;Beharren auf der privaten Perspektive&rdquo; (S&uuml;ddeutsche Zeitung). &bdquo;Mit der Zigarette zwischen den Fingern ist es unm&ouml;glich, den &Uuml;bermenschen zu spielen&rdquo; &ndash; mancher oberfl&auml;chliche Rezensent hat solche und &auml;hnliche Anspielungen Haffners &uuml;berlesen. F&uuml;r die Medienlandschaft der Bundesrepublik war es dennoch eine List der Vernunft, dass Haffner 1938 in die Emigration gezwungen wurde: Er endete vielleicht ihretwegen nicht als &bdquo;Redakteur in der R&auml;tselecke&rdquo;, wie er Joachim Fest das Schicksal junger Genies beschrieb.</p>
<p>Ein Medium f&uuml;r eine solche feuilletonistisch-literarische Kultur war klassischerweise die intellektuelle Zeitschrift. Sie hat sich im Laufe der Zeit grundlegend gewandelt, bis hin zur heutigen prek&auml;ren Situation angesichts sinkender Abonnentenzahlen und eines schwindenden Lesepublikums; die Einstellung der Gewerkschaftlichen Monatshefte oder die unklare Zukunft des Kursbuchs mag das illustrieren. Tr&ouml;stlich ist hier einmal mehr der Blick in die Vergangenheit. So hat beispielsweise Sylvia Kall in ihrer Bochumer Dissertation die vier ma&szlig;geblichen literarischen Zeitschriften Ende des 18. Jahrhunderts (Allgemeine Literatur-Zeitung, Horen, Deutschland, Athenaeum) und deren explosionsartigen Boom untersucht &ndash; und ihr jeweiliges Ende nicht ausgespart:</p>
<p><i>Sylvia Kall:</i> &bdquo;Wir leben jetzt recht in Zeiten der Fehde&rdquo;. Zeitschriften am Ende des 18. Jahrhunderts als Medien und Kristallisationspunkte literarischer Auseinandersetzung, Peter Lang: Frankfurt/Main 2004, 420 S., ISBN 3-631-52396-3; 68,50 Euro</p>
<p>Das Zeitschriftengr&uuml;ndungsfieber profitierte vom &bdquo;Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; (Habermas) in jenen Jahrzehnten, den es zugleich bef&ouml;rderte. Ein interessiertes Publikum entstand, das lebhaften Anteil an den zwischen den Zeitschriften und ihren Autoren ausgetragenen heftigen Kontroversen nahm. Die Autorin widmet sich neben den literarischen Inhalten auch den finanziellen Aspekten und der Redaktionsorganisation der Zeitschriften.</p>
<p>Goethe hatte sich mit vielen Beitr&auml;gen an den Horen, dem Zeitschriftenprojekt seines Freundes Schiller, beteiligt und diesen ermutigt, auf die heftige Kritik an der Zeitschrift mit einem gemeinsamen Rundumschlag gegen literarisch-kritische Zeitgenossen, den ber&uuml;hmten Xenien, zu antworten. Hansj&uuml;rgen Koschwitz, emeritierter Professor f&uuml;r Kommunikationswissenschaft in G&ouml;ttingen, hat nun Goethes Umgang mit der Presse untersucht:</p>
<p><i>Hansj&uuml;rgen Koschwitz</i>: Wider das &bdquo;Journal- und Tageblattverzeddeln&rdquo;. Goethes Pressesicht und Pressenutzung, LIT Verlag: M&uuml;nster 2002, 284 S., ISBN 3-8258-4896-5; 25,90 Euro</p>
<p>In einer immensen Flei&szlig;arbeit hat der Autor alle denkbaren &Auml;u&szlig;erungen des Klassikers zur Presse zusammengetragen, wobei auch die t&auml;gliche Lekt&uuml;repraxis ber&uuml;cksichtigt wird. Dass der Geheimrat und Minister eine &bdquo;weise und kr&auml;ftige Diktatur&rdquo; gegen&uuml;ber der &bdquo;Press-Anarchie&rdquo; bef&uuml;rwortete und den &bdquo;Unfug der Pressfreiheit&rdquo; monierte, erstaunt nicht wirklich. Bei seiner privaten Lekt&uuml;re sto&szlig;en wir dagegen auf bekannte Parallelempfindungen: einerseits die Klage &uuml;ber unsinnig mit Zeitungsstudium vergeudete Zeit, andererseits die lebenslange neugierige Begeisterung f&uuml;r alles, was die Journale t&auml;glich, w&ouml;chentlich oder monatlich aus der Welt berichten.</p>
<p>Der kleine Hamburger Verlag Edition Nautilus erinnert durch Wiederankn&uuml;pfung und Fortf&uuml;hrung an ein legend&auml;res linksradikales Zeitschriftenprojekt der 1920er Jahre:</p>
<p>Die Aktion. Zeitschrift f&uuml;r Politik, Literatur, Kunst, Edition Nautilus: Hamburg, ISSN 0516-340X, Vier Lieferungen im Jahr zu je 8 Euro (23. Jg., Zweite Lieferung 2004, Heft 209: Franz Pfemfert. Zur Erinnerung an einen revolution&auml;ren Intellektuellen) Heft 209 widmet sich dem einstigen Herausgeber der Zeitschrift, dem revolution&auml;ren Irrlicht Franz Pfemfert (1879-1954), der die Aktion 1911 gr&uuml;ndete und bis 1918 auf ihren Seiten gegen den Krieg und die Sozialdemokratie k&auml;mpfte, um nach 1918 bis zur letzten Ausgabe 1932 von links gegen Lenin und die Moskauer Parteidiktatur zu agitieren. Lutz Schulenburg, der aktuelle Herausgeber, schildert mit durch N&auml;he getr&uuml;btem Blick das umtriebige Leben Pfemferts, zitiert leider viel zu ausf&uuml;hrlich aus den Pamphleten dieses Feuerkopfs. Sein Verdienst bleibt es dennoch, diese wilde Episode deutscher Zeitschriftengeschichte zwischen Expressionismus und zunehmend dogmatischerem Anarchismus ins Ged&auml;chtnis zur&uuml;ckzurufen.</p>
<p>Einer Legende der deutschen Nachkriegspublizistik hat sich der Schriftsteller und Publizist Marko Martin verschrieben: der zwischen 1948 und 1971 (mit einem kurzzeitigem Wiederaufleben 1978-1986) erschienenen Zeitschrift Der Monat:</p>
<p><i>Marko Martin: </i>&bdquo;Eine Zeitschrift gegen das Vergessen&rdquo;. Bundesrepublikanische Traditionen und Umbr&uuml;che im Spiegel der Kulturzeitschrift Der Monat, Peter Lang: Frankfurt/Main u.a. 2003, 106 S., ISBN 3-631-51105-1; 24,50 Euro</p>
<p>Martin st&uuml;tzt sich in seiner Magisterarbeit auf die ver&ouml;ffentlichten Artikel im Monat sowie Gespr&auml;che mit den ehemaligen Redakteuren Melvin Lasky, Peter H&auml;rtling und Klaus Harpprecht. Einerseits war die Zeitschrift ein Produkt der Nachkriegskultureuphorie, die geistige Erzeugnisse aller Art befl&uuml;gelte. Andererseits formierte sich hier eine breite Str&ouml;mung einer liberal grundierten, antitotalit&auml;ren Ausrichtung: Im offenen Monat schrieben Emigranten wie Hans Sahl, Siegfried Kracauer, Golo Mann und Peter de Mendelssohn; internationale Autoren wie W. H. Auden, Ignazio Silone, Raymond Aron und Isaiah Berlin und viele andere. Der Geist des amerikanischen Pragmatismus im Sinne des Philosophen John Dewey pr&auml;gte die weltoffene Zeitschrift und machte sie unter der &Auml;gide von Lasky und Hellmut Jaesrich zum Instrument von Verwestlichung und Reeducation. Melancholischer Anwandlungen vermag sich der heutige Leser nicht zu erwehren, angesichts des Themenspektrums und der glanzvollen Autorenschaft (und nicht zuletzt angesichts einer Auflage von 25.000 Exemplaren in den 1950er Jahren).</p>
<p>Die Kollegen vom seit 1947 erscheinenden und traditioneller, weniger politisch orientierten Merkur bem&uuml;hten sich um einen Autor ganz besonders: den Dichter Gottfried Benn. Wer die gemeinhin nicht immer spannungsfreie Beziehung zwischen Autor und Redakteur in all ihren Nuancen studieren m&ouml;chte, dem sei dringend geraten, exemplarisch den k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlichten Briefwechsel zwischen Benn und den Merkur-Herausgebern zu lesen:</p>
<p><i>Gottfried Benn</i>: Briefwechsel mit den Merkur-Herausgebern Hans Paeschke und Joachim Moras 1948-1956 (Briefe, Bd. 7), Klett-Cotta: Stuttgart 2004, 253 S., ISBN 3-608-93697-1; 23 Euro</p>
<p>Da wird beiderseits verf&uuml;hrt, geworben, gedroht, geschmeichelt, gew&auml;hrt, gebettelt, gez&uuml;rnt, gewedelt, gehuldigt und gelobt. Verstimmungen bleiben nicht aus, denn die Konkurrenz will auch mit Texten bedacht werden. Die Redakteure dr&auml;ngen stets untert&auml;nig, gieren h&ouml;flich nach Neuem und nach exklusiver Bindung; der Dichter ziert sich. Bald streift die Korrespondenz neben den Zeitl&auml;uften viel Privates und Branchentratsch. Dieser Briefwechsel ist, abgesehen von seiner Benns R&uuml;ckkehr in die Nachkriegs&ouml;ffentlichkeit geschuldeten literaturgeschichtlichen Bedeutung, ein wundersch&ouml;nes Beispiel interner Zeitschriftenkommunikation.</p>
<p>Doch wer das wahre Geheimnis einer Intellektuellenzeitschrift entschl&uuml;sseln m&ouml;chte, der sollte den kurzen Roman des amerikanischen Schriftstellers Charles Simmons lesen. Der Autor war drei&szlig;ig Jahre Redakteur der New York Times Book Review und hat als Bilanz eine hinrei&szlig;end komische Mediensatire vorgelegt:</p>
<p><i>Charles Simmons</i>: Beiles Lettres. Roman, C.H. Beck : M&uuml;nchen 2003, 183 S., ISBN 3-406-50870-3 ; 17,90 Euro</p>
<p>Frank Page, junger Redakteur bei der bedeutenden New Yorker Literaturzeitschrift Belles Lettres, erlebt kautzige Kollegen, borniert-ignorante Eigent&uuml;mer, die auf Rendite dr&auml;ngen, B&uuml;roboten, die Rezensionsexemplare verkaufen und die Bestsellerlisten manipulieren, einen Illiteraten Sanierer als neuen Chef, der den vertr&auml;umt-zynischen Alten abl&ouml;st, un&uuml;bersichtliche Aff&auml;ren und Intrigen sowie all die sonstigen Unsinnigkeiten eines Redaktionsalltags. Dieser intelligente und feinsinnige Roman offenbart das Wesen der Medien: Es ist selbstreferentielles interpersonales Chaos.</p>
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		<title>Editorial</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/168-vorgaenge/publikation/editorial-43/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Dec 2004 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 168 ( Heft 4/2004 ), S. 1 Im Zeichen der Krise kehrt die Ungleichheit in die öffentlichen Debatten zurück. Lange Jahre war sie von der Agenda wahrgenommener gesellschaftlicher Probleme verschwunden; selbst ernstzunehmende Soziologen wähnten die Deutschen im immerwährenden Fahrstuhl nach oben. Diese Illusion ist mit den gegenwärtigen Abstiegsängsten und -erfahrungen der Mittelschichten [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge Nr. 168 ( Heft 4/2004 ), S. 1</p>
<p>Im Zeichen der Krise kehrt die Ungleichheit in die öffentlichen Debatten zurück. Lange Jahre war sie von der Agenda wahrgenommener gesellschaftlicher Probleme verschwunden; selbst ernstzunehmende Soziologen wähnten die Deutschen im immerwährenden Fahrstuhl nach oben. Diese Illusion ist mit den gegenwärtigen Abstiegsängsten und -erfahrungen der Mittelschichten endgültig zerstoben: <i>Die fetten Jahre sind vorbei </i>&#151; so lautet der passende Titel eines Kinofilms in diesem Winter. Der 32. Soziologentag in München versammelte sich Anfang Oktober unter dem Motto Soziale Ungleichheit &#151; kulturelle <i>Unterschiede</i>; einstige Fachbegriffe wie Inklusion, Exklusion, Marginalisierung, Ausschluss, Fragmentierung halten Einzug in Leitartikel und Feuilletons. Viele Indikatoren verweisen auf veränderte Realitäten: Der Armutsbericht der Bundesregierung belegt, dass sich unter Rot-Grün die Ungleichheit verschärft hat. Konnte man 1998 noch 12,1 Prozent der Bevölkerung nach EU-Kriterien als arm bezeichnen, so sind es gegenwärtig 13,5 Prozent. Wer hat, dem wird gegeben: 10 Prozent der Haushalte verfügen über 47 Prozent des Vermögens im Land &#8211; vor sechs Jahren besaßen sie noch 45 Prozent. Doch selbst diese Zahlen können die künftigen Spaltungslinien innerhalb der Gesellschaft kaum widerspiegeln. Die Tatsache, dass gegenwärtig 50 Prozent der Berliner Einwanderer arbeitslos sind, lässt diese Konflikte wenigstens erahnen.</p>
<p>Die Wiederkehr des klassischen &#132;Oben-Unten&#8220;-Konflikts in die Diskussionen darf freilich nicht darüber hinweg täuschen, dass auf lange Sicht und im interkulturellen Vergleich die westlichen Länder seit dem 19. Jahrhundert eine beispiellose Zunahme von Gleichheit erlebt haben. Und aus den Auf- und Abstiegen in fragmentierten Erfahrungswelten erwächst wichtiges gesellschaftliches Innovationspotenzial: Die Chancen der Ausgeschlossenen und Überflüssigen bestehen im Regelbruch, der die Mehrheitsgesellschaft kreativ stört. &#132;Ungleiches niemals gleich [zu] machen&#148; &#8211; das forderte daher schon der Individualitätsdenker Nietzsche. Und für den Soziologen Georg Simmel war der Mensch im Kern ein &#132;Unterschiedswesen&#148;.</p>
<p>Die<i> vorgänge </i>haben Ungleichheit in der Vergangenheit &#151; im Gegensatz zu den öffentlichen Konjunkturen &#151; häufig analysiert (vgl. zuletzt Bude 2003 und Vester 2003). Mit diesem Heft wollen wir nunmehr unterschiedliche Perspektiven auf dieses Phänomen bündeln. Der Berliner Kultursoziologe <i>Wolfgang Engler </i>verteidigt in seinem Bei-trag mit Verve die Gleichheit als das, worum es in den gesellschaftlichen Stellungskämpfen eigentlich gehen sollte. Ganz anders dagegen die Sicht des Kieler Philosophen <i>Wolfgang Kersting</i>: Er warnt vor der normativen Überforderung des Sozialstaats und schaut auf die institutionellen und ökonomischen Grundlagen jedweder Gerechtigkeit, die er gegenwärtig gefährdet sieht. <i>Hanno Scholtz</i>, Volkswirt in Zürich, stellt in einer spannenden empirischen Untersuchung verschiedener westlicher Länder den Zusammenhang zwischen den politischen Einstellungen zum Thema Ungleichheit und der tatsächlich vorhandenen sozialen Ungleichheit her. Am Ende des 19. Jahrhundert bildete sich in Großbritannien, so der Berliner Politikwissenschaftler Matthias Bohlender, allmählich der Begriff der Arbeitslosigkeit heraus, deren Einhegung dann alsbald geplant wurde. Der Politikwissenschaftler <i>Lars Castellucci </i>schaut noch einmal genauer auf den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Exklusionserfahrung, während die Sozialwissenschaftlerin Gesa Reisz die sozialdemokratische Begriffsgeschichte des Wortes Solidarität kritisch reflektiert. Ein Literaturbericht steht wie immer am Ende des Themen teils.<br />Der <i>Essay </i>von <i>Franz Walter </i>widmet sich dem Karrieremuster des FDP-Vorsitzenden Guido Westenwelle. In den Kommentaren und Kolumnen gibt es von <i>Gudrun Heinrich </i>eine Analyse der PDS als Regierungspartei in Mecklenburg-Vorpommern;<i> Joachim Perels </i>schaut anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz auf die historischen Verdrängungsstrategien in der Bundesrepublik;<i> Jürgen Seifert </i>gratuliert dem Hannoveraner Soziologen Oskar Negt zu dessen 70. Geburtstag; und <i>Detlef Josczok </i>stimmt ein kleines Loblied des Mittelmaßes an. Rezensionen sowie eine Dokumentation, diesmal zu den Protesten in der Ukraine, beschließen wie gewohnt das Heft.</p>
<p>Intellektuell anregende Lektüre wünscht</p>
<p>Alexander Lammann</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Bude, Heinz 2003: Selbständigkeit und Sorge. Gemeinsinn in der Gesellschaft der Individuen; in: vorgänge 164 &#132;Von der APO zu ATTAC: Politischer Protest im Wandel&#148; (Heft 4/2003 &#8211; Dezember), 5. 103-112<br />Vesten, Michael 2003: Bildungsmodernisierung und soziale Ungleichheit; in: vorgänge 163 &#132;Das Menschenrecht auf Bildung&#148; (Heft 3/2003 &#8211; September), S. 4-14</p>
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		<title>Ordnungen der Ungleichheit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/168-vorgaenge/publikation/ordnungen-der-ungleichheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Dec 2004 18:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorgänge Nr. 168 ( Heft 4/2004 ); S.65-76 &#132;Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und ob sie durch das natürliche Gesetz autorisiert wird&#148;: Diese Preisfrage der Akademie von Dijon veranlasste Jean-Jacques Rousseau, seinen Diskurs über die Ungleichheit vorzulegen, der1755 in Amsterdam erschien. Der damals in Paris lebende Denker [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein aktueller Literaturbericht</p>
<p>aus: Vorgänge Nr. 168 ( Heft 4/2004 ); S.65-76</p>
<p><i>&#132;Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und ob sie durch das natürliche Gesetz autorisiert wird&#148;: Diese Preisfrage der Akademie von Dijon veranlasste Jean-Jacques Rousseau, seinen Diskurs über die Ungleichheit vorzulegen, der<br />1755 in Amsterdam erschien. Der damals in Paris lebende Denker war nicht der erste, der sich über dieses Problem den Kopf zerbrach &#8211; und sollte nicht der letzte sein. Doch seine Antworten sind bis heute die wirksamste Inspirationsquelle für eine Theorie der Gleichheit gewesen; fast alle späteren Versuche, sie politisch umzusetzen, glaubten sich in der Nachfolge des Aufklärers.</i></p>
<p>In der 1984 erschienenen bewundernswerten zweisprachigen Edition des damals 31jährigen Heinrich Meier kann man Rousseaus Ungleichheitsdiskurs am besten studieren, inklusive zahlreicher Fragmente und Briefe der Entstehungszeit:</p>
<p><i>Jean-Jacques Rousseau:</i> Diskurs über die Ungleichheit. Discours sur 1&#8217;inegalite, kritische Ausgabe des integralen Textes, ed., übers. u, komm, v. Heinrich Meier, verbess. 5. Aufl. UTB (Schöningh): Paderborn u.a. 2001 [frz. 1755], 546 S., ISBN 3-8252-0725-0; 20,90 Euro</p>
<p>Rousseau ging vom natürlichen Menschen in seinem glücklichen Urzustand aus: Erst durch die Geschichte sei die Ungleichheit in die Welt gekommen. Durch die Entdeckung seiner eigenen Vervollkommnungsmöglichkeiten wäre der Mensch auf seinen eigenen Ehrgeiz, sich von anderen abzuheben, gestoßen, zumal durch stetig wachsende Anzahl der Menschen Konkurrenz aufgetaucht sei. Anerkennung durch andere entstünde nunmehr durch Besitz, jener Ungleichheit bewirkenden Ursünde. In seinem Contrat social (1762) entwickelte Rousseau dann die Idee vom Gesellschaftsvertrag, der die Unterschiede zwischen den Menschen wieder zu beheben vermöge. Doch der Diskurs über die Ungleichheit blieb für ihn das Werk, in dem seine Prinzipien &#132;mit der größten Kühnheit, um nicht zu sagen Verwegenheit zu erkennen gegeben sind&#148;, wie Rousseau in seinen Confessions&#8217;späterschrleb.</p>
<p>Mehr als zweihundert Jahre später trat ein Werk seinen Siegeszug an, das die Theorie des Gesellschaftsvertrags auf seine Weise erneuerte. Der 2002 verstorbene, jahrzehntelang in Harvard lehrende John Rawls hatte 1971 seine Theory of Justice vorgelegt, die zum wirkungsmächtigsten, wenngleich umstrittenen philosophischen Buch der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde:</p>
<p><i>John Rawls: </i>Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003 [engl. 1971; dt. 1975], 674 S., ISBN 3-518-27871-1; 18 Euro</p>
<p>Für Rawls ergab sich eine gerechte Gesellschaft aus dem Zusammenklang strikter Gleichverteilung der Freiheitsrechte und einer Gleichverteilung der sozialen Güter, so eine Ungleichverteilung die Lage der sozial Schlechtgestelltesten nicht verbesserte. Dieses Rechtfertigungsgebot jeder Ungleichheit, &#132;Differenzprinzip&#148; genannt, gehört zu den bedeutendsten Denkfiguren der modernen politischen Philosophie.</p>
<p>In den drei Jahrzehnten nach Erscheinen seines Hauptwerks hat Rawls auf viele Einwände seiner Kritiker reagiert. Sie gingen 1993 in sein Buch Politischer Liberalismus ein, in dem er Gerechtigkeit eher politisch begründete statt zuvor moralphilosophisch. Im Jahr vor seinem Tod griff er dies in einer von ihm so bezeichneten Weiterentwicklung seiner Theorie noch einmal auf:</p>
<p><i>John Rawls: </i>Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003 [engl. 2001], 316 S., ISBN 3-518-58366-2; 24,90 Euro</p>
<p>Doch im wesentlichen finden sich hier Reformulierungen, Präzisierungen und Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern &#150; der Kern der Rawlschen Argumentation bleibt unverändert, wenn auch mit frischerem Farbanstrich versehen. Es ist wie zuvor der &#132;Schleier des Nichtwissens&#148; (Rawls) über die eigene Stellung, hinter dem sich die An-gehörigen einer Gesellschaft versammeln, um sich hier fair auf die gerechte Institutionenordnung zu einigen. Doch fällt die diesem Modell zugrundeliegende, gleichsam konstruktivistische Betonung des zur Erlangung von Gerechtigkeit nötigen Verfahrens akzentuierter aus als Jahrzehnte zuvor.</p>
<p>In Deutschland liefern sich philosophische Angreifer und Verteidiger der Gleichheit immer wieder ihre Scharmützel &#150; auch wenn sie alle sich mehr oder weniger auf Rawls beziehen. Einer der kämpferischsten Attackierer, der in Kiel lehrende Philosoph Wolfgang Kersting (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft), bezeichnete einmal Rawls&#8216; späte Wendung von der Gerechtigkeitstheorie hin zu einem politischen Liberalismus als &#132;Hegelsche Kehre&#148;, da dieser in späteren Jahren die politisch-institutionellen Rahmenbedingungen für Rechtsgleichheit und Allgemeinwohl betont hätte. Nun hat Kersting sieben Abhandlungen vorgelegt, die ein liberales Modell des Sozialstaats befördern wollen, das er dem seiner Meinung nach vorherrschenden egalitär ausgerichteten Sozialstaatsverständnis entgegensetzen will:</p>
<p><i>Wolfgang Kersting: </i>Kritik der Gleichheit. Über die Grenzen der Gerechtigkeit und der Moral, Velbrück: Weilerswist 2002, 341 S., ISBN 3-934730-47-7; 40 Euro</p>
<p>Kerstings Sozialstaat, der neben den Rechtstaat tritt, soll weniger gleichheitsbefördernd, mehr freiheitssichernd ausgerichtet sein. Der Autor widmet sich den Notwendigkeiten einer gerechten Gesundheitsversorgung ebenso wie den Problemen zwischenstaatlichen Gerechtigkeitshandelns, dem er eine Verpflichtung zur Solidarität auferlegt, die auch andere kulturelle Herrschaftsbestände antasten dürfe. &#132;Grenzziehung, Zurückweisung von Alleinvertretungsansprüchen und unangemessenen Verheißungen&#148;: so umschreibt Kersting seine klugen, inhaltlich sympathisch zurückhaltenden, dafür aber rhetorisch umso vehementer vertretenen Ideen. Lösungen stehen seltener im Mittelpunkt; eher geht es um die prinzipielle Klärung der normativen Voraussetzungen politischen Agierens liberaler Bürger und die Erlernung von Tugenden, um den Liberalismus, &#132;diese komplizierteste Lebensform, die in der Weltgeschichte bislang entwickelt worden ist&#148;, gegen Fundamentalismus jedweder Couleur zu verteidigen.<br />Die Gegenseite sieht das ganz anders: &#132;Gleichheit ist der Inbegriff der Gerechtigkeit&#148; &#150; mit diesem Fanal endet eine voluminöse, an der Berliner Freien Universität entstandene philosophische Habilitationsschrift, die minutiös zu belegen versucht, dass je-de Theorie der Gerechtigkeit auf die Idee der Gleichheit nicht verzichten darf:</p>
<p><i>Stefan Gosepath</i>: Gleiche Gerechtigkeit. Grundlagen eines libertären Egalitarismus, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2004, 507 S., ISBN 3-518-29265-X; 18 Euro</p>
<p>Der Autor vertritt hier einen Egalitarismus, der nach Gleichheit aus ethischen Gründen strebt: Denn bestimmte Ungleichheiten hätten unmoralische Konsequenzen, wohingegen Gleichheit moralische Ideale befördern würde. Gosepaths feinziselierte, trennscharfe Begriffsarbeit vollzieht sich in den luftigen Höhen des Geistes; der Zusammenhang zwischen Verteilungsgerechtigkeit, Grundfreiheiten, egalitären Prinzipien und den im Ausnahmefall zulässigen Ungleichheiten bleibt bei ihm zumeist ohne enge Verbindung zu den sozialen Gegebenheiten, Institutionen, individuellem Handeln und gesellschaftlichen Prozessen.<br />Wilfried Hinsch, Professor für Praktische Philosophie in Saarbrücken, wandelt eben-falls auf egalitären Pfaden: In seiner überarbeiteten Habilitationsschrift nimmt er mögliche soziale Ungleichheiten streng unter die Lupe. Er befindet eine Gesellschaft nur dann für gerecht, wenn den Schwachen ein an deren Bedürfnissen orientiertes Minimum an Ressourcen gesichert wird und zudem alle über Bedürfnisbefriedigung hinausreichenden Güter so verteilt werden, dass die am wenigsten Begünstigten den größten Anteil bekommen:</p>
<p><i>Wilfried Hinsch: </i>Gerechtfertigte Ungleichheiten. Grundsätze sozialer Gerechtigkeit, de Gruyter: BerlinlNew York 2002, 341 S.; ISBN 3-11-017626-2; 29,95 Euro</p>
<p>Auch Hinsch unternimmt eine intensive Rawls-Lektüre im ersten Teil seines Buches, um im zweiten Teil ein komplexes System gerechtfertigter Ungleichheiten zu entwickeln, das &#150; im Unterschied zu Rawls, der ja ein Modell des unwissenden Urzustands beschreibt, nach dem die Menschen sich auf (Un)Gerechtigkeitsgrundsätze einigen müssen &#150; von der notwendigen öffentlichen Begründbarkeit dieser Ungleichbehandlung ausgeht.</p>
<p>Doch kann man sich heute Gerechtigkeit und Gleichheit in einer globalisierten, differenzierten Welt überhaupt annähern? Diesseits philosophischer Normendiskussionen kann da vielleicht der politische Begriff Solidarität weiterhelfen (vgl. zur linken Tradition des Begriffs den Beitrag von Gesa Reisz in diesem Heft). Hauke Brunkhorst, Professor für Soziologie an der Universität Flensburg, hat sich zuletzt mit der Solidarität beschäftigt:</p>
<p><i>Hauke Brunkhorst: </i>Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2002, 247 S., ISBN 3-518-29160-2; 10 Euro</p>
<p>In einer kenntnisreichen Mischung aus systematischen Überlegungen und begriffsgeschichtlichen Betrachtungen plädiert der Autor dafür, Solidarität als inhärenten Bestandteil des modernen Demokratiebegriffs zu verstehen. Er zeigt, wie die beiden großen Inklusionsprobleme der Neuzeit &#150; die soziale Frage und die zunehmende Trennung von Individuum und Gesellschaft &#150; auf nationalstaatlicher Ebene durch Solidarität ein-gehegt wurden. Die eigentliche Herausforderung stehe uns jedoch noch bevor: die &#132;Globalisierung demokratischer Solidarität&#148;. Deren widerstrebende Tendenzen in der Gegenwart veranschaulicht er an einer Fülle von Beispielen &#150; in seinen recht leidenschaftlichen Argumentationen nicht immer frei von normativem Überschuss.<br />Im Januar 2004 machte sich eine gemeinsame Berliner Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der dort angesiedelten Jungen Akademie sowie des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung auf die Suche nach der transnationalen Solidarität. In einem anregenden Sammelband, der den gängigen Vorurteilen gegenüber diesem Genre auf erfrischende Weise widerspricht, kann man die Ergebnisse nun nachlesen:</p>
<p><i>Jens Beckert</i> u.a. (Hg.): Transnationale Solidarität. Chancen und Grenzen, Campus: Frankfurt/Main 2004, 298 S., ISBN 3-593-37594-X; 19,90 Euro</p>
<p>Juristen, Soziologen, Politikwissenschaftler; Nachwuchswissenschaftler und international renommierte Gelehrte (u.a. Jürgen Habermas, Franz-Xaver Kaufmann, Christian Tomuschat, Wolfgang Streeck, Claus Offe, Herfried Münkler, M. Rainer Lepsius) diskutieren aus unterschiedlichen Perspektiven die Zusammenhänge von Weltmarkt und Solidarität, Möglichkeiten von NGOs bei globaler politischer Institutionalisierung, internationalen Abkommen als Solidaritätsgaranten, sozialstaatliche Solidarität und Umverteilungsprozesse im globalen Wettbewerb, Solidarität in Familien, die Aktivitäten bewaffneter Gruppierungen und islamischer Netzwerke und vieles andere. Die spannende Diskussion im Anschluss an das letzte Panel Braucht soziale Ordnung Solidarität? wird in Auszügen dokumentiert; eine Auswahlbibliographie rundet den Band ab.</p>
<p>Die drei Körper des Bürgers in der globalisierten Weltgesellschaft meint der in Tübingen lehrende Philosoph Otfried Höffe entdeckt zu haben und baut darauf seinen Versuch einer politischen Ethik:</p>
<p><i>Otfried Höffe:</i> Wirtschaftsbürger, Staatsbürger, Weltbürger. Politische Ethik im Zeitalter der Globalisierung, C.H.Beck: München 2004, 309 S.; ISBN 3-406-52208-4; 22,90 Euro</p>
<p>Seine problemorientierte, gut lesbare Übersicht ist stets anschaulich, weil Höffe Bei-spiele diskutiert, die jeder aus der Zeitung kennt: u.a. Managergehälter, Eliteuniversitäten, Kopftuch, Türkei-Beitritt der EU, direkte Demokratie (die er ausbauen möchte), Präventivkriege, ökologische Fragen und US-Hegemonie. So entsteht eine philosophische Momentaufnahme unserer Gegenwart. Stellenweise erinnert der Text jedoch sehr an ein Sammelsurium kluger Gedanken. Zu Recht betont Höffe in einem Soziale Gerechtigkeit: ein politisches Zauberwort überschriebenen Abschnitt den zweiseitigen Charakter jeder Gerechtigkeitsbeziehung: &#132;Wer nur Recht und Gaben in Anspruch nimmt, hat sich von der Gerechtigkeit verabschiedet&#148;.</p>
<p>Nach den großen philosophischen Entwürfen zu den irdischen soziologischen Theorien? Seit jeher wird jedenfalls innerhalb der Soziologie die Frage nach der sozialen Ungleichheit intensiv diskutiert. Einen Überblick über wesentliche Modelle, die die Ungleichheit in der modernen Gesellschaft erklären wollen, bietet Nicole Burzan: Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 209 S., ISBN 3-531-14145-7; 17,90 Euro</p>
<p>Die seit dem 19. Jahrhundert entwickelten Klassen- und Schichtmodelle werden vorgestellt: von Marx, Weber, Theodor Geiger hin zu Schelsky und Dahrendorf. Im zweiten Teil widmet sich die Autorin den seit den 1980er Jahren diskutierten Ansätzen: dem Individualisierungskonzept Ulrich Becks, der Zusammenschau von Klasse und Lebensstil bei Pierre Bourdieu, Schichtungstheorien wie bei Rainer Geißler, Lebensstil- und Milieutheorien wie in Gerhard Schulzes Erlebnisgesellschaft (1992). Positiv hervorzuheben ist an dieser Einführung, dass die Konzepte hier nicht einfach nebeneinander stehen, sondern einzelne Aspekte im übergreifenden Zusammenhang diskutiert, Ideen gegeneinander abgewogen und verschiedene Fragen immer wieder aufgegriffen werden.</p>
<p>Zentrum und Peripherie sind die zentralen Begriffe in der 1992 erstmals vorgelegten Ungleichheitstheorie des in Halle lehrenden Soziologen Reinhard Kreckel, die nun in überarbeiteter Auflage erschienen ist:</p>
<p><i>Reinhard Kreckel: </i>Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, 3. überarb. u. erw. Aufl. Campus: Frankfurt/Main 2004, 409 S., ISBN 3-593-37598-2; 19,90 Euro</p>
<p>Stärker als viele Kultursoziologien der Gegenwart bleibt Kreckel einem Klassenmodell verpflichtet, das die vertikalen Ungleichheiten, Asymmetrien zwischen Kapital und Arbeit sowie innerhalb der Geschlechterverhältnisse betont. Die Peripherie bilden dabei benachteiligte Lagen, in denen die Zugangsmöglichkeiten zu gesellschaftlichen Gütern eingeschränkt ist. Kreckel ergänzt die dritte Auflage um eine Ungleichheitsbilanz für das vereinte Deutschland sowie um einen Ausblick auf die Verteilungsungleichheiten der kommenden Weltgesellschaft.</p>
<p>Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft: Mit dem eher deskriptiven Modell der sozialen Lage hat Stefan Hradil, Professor für Soziologie in Mainz, in den letzten Jahren versucht, ein Konzept jenseits von Klassen- und Schichtentheorien zu entwickeln:</p>
<p><i>Stefan Hradil</i>: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Aufl., UTB (Leske + Budrich): Opladen 2001, 546 S., ISBN 3-8252-1809-0; 13,90 Euro</p>
<p>Nach einer ausführlichen Einführung in Grundbegriffe und verschiedene Theorien der sozialen Ungleichheit sowie einem historischen Überblick über die Entwicklung von Ungleichheit unternimmt der Autor in diesem klassischen Lehrbuch durch die Unterscheidung und Untersuchung von Lebensbedingungen und Lebensweisen eine empirisch gesättigte Beschreibung der deutschen Gesellschaft seit 1945 bis in die Gegenwart &#150; durchaus mit enzyklopädischem Anspruch, immer nah an der Lebenswelt.</p>
<p>Eine vergleichende Perspektive wählt Hradil in einer Mainzer Einführungsvorlesung, die er nun in erweiterter Form als Buch präsentiert:</p>
<p><i>Stefan Hradil: </i>Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 304 S., ISBN 3-8100-4210-2; 24,90 Euro</p>
<p>Aufbauend auf einer allgemeinen Modernisierungstheorie blickt er auf den Weg der Industriegesellschaften des Westens. Schwerpunkt bleibt dabei Deutschland; ständig wer-den jedoch die Entwicklungen in anderen Länder mit einbezogen, unterstützt durch zahlreiche Diagramme und Tabellen: Eine rasche und umfassende Orientierung erhält man über Bevölkerungsentwicklung, Bildung, Lebensformen, Kultur, soziale Sicherungssysteme bis hin zum Vergleich von Formen sozialer Ungleichheit. Neuere Ansätze der Ungleichheitsforschung wurden 2002 auf einer Tagung in Rostock diskutiert, deren Ergebnisse man nunmehr in einem Sammelband studieren kann:</p>
<p><i>Peter A. Berger/Volker H. Schmidt (Hg.):</i> Welche Gleichheit, welche Ungleichheit? Grundlagen der Ungleichheitsforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 244 S., ISBN 3-8100-4200-5; 26,90 Euro</p>
<p>Raphael Beer betont die Bedeutung von Demokratie als politischer Voraussetzung im Kampf gegen Ungleichheit und Exklusion; ungleiche politische Beteiligungsmöglichkeiten seien daher zuallererst abzubauen. Volker H. Schmidt plädiert, ausgehend von einer Gewichtung von Ungleichheiten nach Rawls, für kontroverse, aber nicht unplausible sozialpolitische Konsequenzen: Umstellung der Sicherungssysteme auf Steuerfinanzierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes, um bisher Ausgeschlossenen Zugangschancen zu ermöglichen. Um sich über die Prinzipien von Ungleichheitsforschung zu einigen, schlägt Steffen Mau das Konzept einer Moralökonomie vor: als Impfstoff gegen eine einseitige Ökonomisierung der Gesellschaft. Dagegen sollten auch andere all-gemeine Normen und Werte mit in die Überlegungen einbezogen werden, weil verbreitete Einstellungsmuster deren Bedarf belegen würden.</p>
<p>Mit vier wichtigen theoretischen Modellen der Ungleichheitsforschung beschäftigt sich <i>Eva Barlösiüs</i>, Professorin am Wissenschaftszentrum in Berlin:</p>
<p><i>Eva Barlösius:</i> Kämpfe um soziale Ungleichheit. Machttheoretische Perspektiven, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 255 S., ISBN 3-531-14311-5; 19,90 Euro</p>
<p>Ihr Buch versteht sich auch als Vertiefung des Einführungsbandes von Nicole Burzan; sie konzentriert sich hier jedoch &#150; nach ausführlichen Vorüberlegungen zu den Fragen, die die Ungleichheitssoziologie stellen und beantworten sollte &#150; auf die Theorien von Norbert Elias, Reinhard Kreckel, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann, um am Ende deren unterschiedlichen Folgerungen grundsätzlich zu vergleichen. Verdienstvoll ist hier vor allem ihre Rehabilitierung von Norbert Elias als Theoretiker der Ungleichheit mit dessen zu Unrecht weitgehend vergessener Etablierte-Außenseiter-Figuration, in der dieser 1964 die Ungleichheit gesellschaftlicher Machtbeziehungen beschrieb.</p>
<p>Soziale Schließung umschreibt einen Ansatz, der in der Nachfolge Max Webers stärker als der klassische Begriffe Exklusion den prozesshaften Charakter von sozialen Ausschlussmechanismen betont. Diese können sich im Laufe der Zeit verstärken oder abschwächen sowie unterschiedlich weit reichen. Die im überaus gelungenen, weil in seiner Zusammenstellung überzeugenden Sammelband</p>
<p><i>Jürgen Mackert</i> (Hg.): Die Theorie sozialer Schließung. Tradition, Analysen, Perspektiven, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 275 S., ISBN 3-8100-3970-5; 29,90 Euro</p>
<p>So untersuchte u.a. Sighard Neckel politische Ethnizität in den USA, der Herausgeber Schließungsmechanismen in Staatsbürgerschaftskonzepten, June Edmunds und Bryan Turner analysieren die Schließungen in Großbritannien seit 1945 und deren Wirkungen auf die verschiedenen Generationen. Loic Wacquant entdeckt eine fortgeschrittene Marginalität großer Bevölkerungskreise als Kennzeichnen moderner Großstädte beiderseits des Atlantiks.</p>
<p>Welche Verbindungen bestehen zwischen Generationen und sozialer Ungleichheit? Ein Sammelband, der auf eine Tagung im Frühjahr 2003 zurückgeht, stellt verschiedene Überlegungen vor:</p>
<p><i>Marc Szydlik (Hg.):</i> Generation und Ungleichheit, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 276 S., ISBN 3-8100-4219-6; 24,90 Euro</p>
<p>Olaf Struck unternimmt nochmals einen Ausflug in die scheinbar ewig reizvollen Gefilde der verschiedenen Generationentheorien im Gefolge Karl Mannheims, um dann Kohortendominanzen als Ursache für Generationsbildung herauszuarbeiten. Die Weitergabe von Bildung zwischen den Familiengenerationen spielt bei der Frage nach Ungleichheitsdimensionen eine entscheidende Rolle: das belegen die Aufsätze über den Einfluss der Herkunft auf die Wahl des Schultyps, den Zusammenhang von Bildung und Erwerbstätigkeit bei jungen Migranten sowie über den Zeitpunkt des Auszugs aus dem Elternhaus im Vergleich verschiedener Generationskohorten. Bemerkenswert ist sicherlich der Beitrag von Martin Schmeiser über sozialen Abstieg in Akademikerfamilien im Genetationenwandel.</p>
<p>Die Agentur zur Ungleichheitsbereinigung hat traditionell einen Namen: Sozialstaat. Doch allenthalben wird dessen Überlastung, Überdehnung respektive Aushöhlung und Abschaffung beklagt. Welchen Ansprüchen kann er noch gerecht werden? Einen trotz enormer Faktenfülle brillanten Überblick über das historische Werden des Sozialstaats hat der Bielefelder Emeritus für Sozialpolitik und Soziologie Franz-Xaver Kaufmann verfasst:</p>
<p><i>Franz-Xaver Kaufmann:</i> Varianten des Wohlfahrtsstaats. Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003, 329 S., ISBN 3-518-12301-7; 12 Euro</p>
<p>Der deutsche Weg wird dort mit anderen nationalen Entwicklungen verglichen: mit den USA, der Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und Schweden. Dabei werden die Unterschiede sehr deutlich: Die Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme ist abhängig von kulturellen Traditionen, der jeweiligen Stärke der Arbeiterbewegung, dem Verhalten gesellschaftlicher Eliten ebenso wie allgemeinen Loyalitätsbedürfnissen des Staates. Für den deutschen Fall entpuppt sich vor allem die Trennlinie von Bildungs und Sozialpolitik als schwerwiegende Belastung. Nach der Lektüre erkennt man deutlicher als zuvor, dass das angebliche &#132;europäische Sozialstaatsmodell&#148; (meist in Abgrenzung zum angelsächsischem &#132;Manchesterkapitalismus&#148; beschworen) eine Fiktion ist, weil es die bestehenden Trennlinien verwischt. Ein künftiger europäischer Sozialstaat setzt in den nationalen Wohlfahrtsstaatskulturen beträchtliche, ungewohnte und auch unangenehme Veränderungen voraus.</p>
<p>War der Sozialstaat die konkrete Utopie der alten Bundesrepublik, nachdem 1945 der Nationalstaat verloren war? Vieles spricht dafür, dass ein Großteil der westdeutschen Identität auf dem funktionierenden, sich immer weiter entwickelnden Sozialstaat beruhte. Die Tübinger Zeithistorikerin Gabriele Metzler schaut auf diese spezifisch deutsche Geschichte zurück, von den Anfängen unter Bismarck bis zu Gerhard Schröder:</p>
<p><i>Gabriele Metzler: </i>Der deutsche Sozialstaat. Vom bismarckschen Erfolgsmodell zum Pflegefall, DVA: München 2003, 269 S., ISBN 3-421-05489-4; 22,90 Euro</p>
<p>Ob Diktatur oder Demokratie: Für alle politischen Systeme in Deutschland seit dem Kaiserreich war der Sozialstaat von entscheidender Bedeutung. Gesellschaftliche Integration sollte durch die Einebnung der Klassenunterschiede geleistet werden &#150; damit das politische System erhalten blieb. Das gilt auch für den Nationalsozialismus: Euthanasie und Zwangssterilisation waren hier Bestandteil einer angestrebten &#132;Endlösung der sozialen Frage&#148; (Götz Aly). Der seit Bismarck existierende paternalistische Grundzug deutscher Sozialstaatlichkeit erweist sich bis in die Gegenwart als Belastung, so die Autorin. Sie sieht den &#132;Sozialstaat konservativer Prägung&#148; von der Globalisierung bedroht und setzt ihre Hoffnungen auf andere Traditionen, die im Zuge der europäischen Einigung wirken könnten.</p>
<p>Durch einen deutsch-französischen Vergleich versuchte eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern aus beiden Ländern, Antworten auf die Krise des Sozialstaats zu finden:</p>
<p><i>Wolfgang Neumann (Häg.): </i>Welche Zukunft für den Sozialstaat? Reformpolitik in Frank-reich und Deutschland, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 264 S., ISBN 3-531-14424-3; 39,90 Euro</p>
<p>Auf ersten Blick scheinen beide Länder zur gleichen Familie &#150; den &#132;Sozialversicherungsstaaten&#148; &#150; zu gehören. Doch der genaue Blick, den die einzelnen Beiträge leisten, offenbart auch gewichtige Unterschiede: Frankreich setzt neben der Absicherung des beruflichen Status (das Bismarck-Modell) auch stark auf die Fürsorgekonzepte (das Beveridge-Modell; zu Beveridge vgl. auch den Beitrag von Matthias Bohlender in diesem Heft). Es wird deutlich, dass die Reformansätze in beiden Ländern, die in den letzten zwanzig Jahren entwickelt wurden und allmählich umgesetzt werden, in der Perspektive zu einem anderen, neuen Sozialstaatsverständnis führen: Privatisierung und stärkere Einbeziehung des Steuerstaates sind die Folge, hier im einzelnen vergleichend untersucht hinsichtlich der Rentensysteme, Beschäftigung und Arbeitsmarkt, Gesundheitspolitik, Familienpolitik und sozialen Mindestsicherungen.</p>
<p>Wer sich umfassend sowohl über die Geschichte der deutschen Sozialpolitik (und deren institutionelle Ausprägung Sozialstaat) als auch über die sozialpolitischen Probleme und Methoden informieren möchte, der greife zu dem ausgezeichneten Kompendium</p>
<p><i>Jürgen Boeckh/Erich Huster/Benjamin Benz: </i>Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung, UTB (VS Verlag für Sozialwissenschaften): Wiesbaden 2004,</p>
<p>464 S., ISBN 3-8252-2558-5; 24,90 Euro Keine Frage bleibt hier unbeantwortet: Man wird ebenso umfassend über die Bettel -ordnungen in deutschen Städten im 14. Jahrhundert informiert wie über die Leistungsumfänge der Gesetzlichen und der Privaten Krankenversicherung. Selten ist der Moloch Sozialstaat so einfach zugänglich gewesen: Auf den 140 seitigen historischen Überblick folgen 200 Seiten Einführung in die ideellen Grundlagen, staatlichen Instrumente sowie in die einzelnen Politikfelder Arbeitsmarkt, Gesundheit/Pflege, Familie, Altersversicherungen, aber auch Verteilungswirkungen. Anschließend wird die europäische Politik im &#132;Sozialraum&#148; Europa in den Blick genommen und zum Schluss noch einmal die Rolle der Sozialpolitik gegen ihre Kritiker verteidigt: Sie sei Friedenssicherung &#132;im Inneren und außen&#148; (Willy Brandt).</p>
<p>Knapper fällt die Überblicksdarstellung</p>
<p><i>Bernhard Frevel/Berthold Dietz:</i> Sozialpolitik kompakt, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 241 S., ISBN 3-531-13873-1;16,90 Euro aus, die explizit für Weiterbildung sowie für Studenten geschrieben wurde. Themen und Gliederung ähneln dem vorher vorgestellten Band; ergänzt um einen abschließenden vergleichenden Abschnitt, der die verschiedenen Formen von Wohlfahrtstaaten präsentiert. Für eine erste Lektüre mag das sehr didaktisch gehaltene Buch geeignet sein; wer es genauer wissen will, kommt um die (leider wenigen) weiterführenden Literaturhinweise nicht herum.</p>
<p>Zunehmende Marginalisierung und das Ende des sozialpolitischen Grundkonsenses &#8211; &#132;was hat das alles mit Luhmanns Systemtheorie zu tun?&#148; So fragen die Herausgeber des Sammelbandes Roland</p>
<p><i>MertenlAlbert Scherr (Hg.): </i>Inklusion und Exklusion in der Sozialen Arbeit, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 192 S., ISBN 3-8100-3710-9; 24,90 Euro</p>
<p>Luhmann hat, was erstaunlicherweise immer noch häufig übersehen wird, mit seiner Inklusions/Exklusion-Terminologie wichtige Stichworte für die Debatten um soziale Ungleichheit geliefert. Die Autorinnen und Autoren setzen sich mit den systemtheoretischen Perspektiven auf Chancen und Grenzen Sozialer Arbeit auseinander &#150; was zu-meist, wie nicht anders zu erwarten, eine durchaus komplexe Angelegenheit ist. Von einer unter theoretisierten Sozialarbeit bzw. -pädagogik kann man zumindest nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr sprechen. Frank Hillebrand glaubt, dass Luhmanns Begriffe für eine Theorie sozialer Ungleichheit nicht wirklich helfen und man mit Bourdieu da weiterkommt. Inklusionsmechanismen von Familie und Sozialarbeit vergleicht Bettina Hünersdorf, Praktische Sozialarbeit hat in den letzten Jahrzehnten eine immense Ausdehnung erlebt, was sich in Theoriebemühungen ebenso niederschlägt wie in hilfreichen empirischen Studien. Die Lebenschancen junger Menschen in den sozialen Brennpunkten großer deutscher und französischer Städte untersucht eine schmale Studie des Soziologen Markus Ottersbach:</p>
<p><i>Markus Ottersbach:</i> Jugendliche in marginalisierten Quartieren. Ein deutsch-französischer Vergleich, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 133 S., ISBN 3-531-14299-2; 14,90 Euro</p>
<p>Ausgrenzungsprozesse und Abstiegsentwicklungen betreffen vor allem junge Menschen; es verbreitet sich Hoffnungslosigkeit, verstärkte Kriminalität und Gewaltbereitschaft. In beiden Ländern wird durch verschiedene staatliche Programme versucht, diesen Tendenzen entgegenzuwirken. Der Autor warnt jedoch vor einer rein defizitären Wahrnehmung der Probleme; das würde eine spiralförmige Abwärtsentwicklung weiter verstärken. Demgegenüber müssten Aktivitätspotenziale vor Ort gestärkt werden; Selbstorganisationsformen und politische Partizipation könnten durchaus gefördert werden.</p>
<p>Ähnliche Probleme schildert ein materialreicher Sammelband, der auf eine gemeinsame Tagung der Schader-Stiftung und der Sektion &#132;Stadt- und Regionalsoziologie&#148; der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im April 2004 zurückgeht:</p>
<p><i>Uwe-Jens Walther/Kirsten Mensch (Hg.): </i>Armut und Ausgrenzung in der &#132;Sozialen Stadt&#148;. Konzepte und Rezepte auf dem Prüfstand, Schader-Stiftung: Darmstadt 2004, 312 S., ISBN 3-932736-13-3; 13 Euro</p>
<p>Interessante Fallstudien schildern die sozialen Brennpunkte und Gegenstrategien: Migrantenviertel werden porträtiert, die Armutsstrukturen in Eisenhüttenstadt analysiert, Quartiersmanagement und neue Partizipationsformen als Antiarmutskonzepte vorgestellt. Daneben gibt es zwei Seitenblicke nach Großbritannien und Frankreich; im umfangreichen letzten Abschnitt stehen die Evaluationsergebnisse des Bund-Länder-Programms &#132;Soziale Stadt&#148; im Mittelpunkt (vgl. auch vorgänge 165 &#132;Zwischen Krise und Kreativität: Die Stadt im Wandel&#8220;). Stadtsoziologische Deutungen finden sich hier ebenso wie praktische politische Folgerungen.</p>
<p>Szenenwechsel zum Schluss: Eine Laune des Schicksals hat dazu geführt, dass in dem Moment, als dem traditionsreichen Kursbuch von Rowohlt-Verleger Alexander Fest die Solidarität aufgekündigt wurde, gerade ein Heft unter dem Titel Die große Entsolidarisierung produziert wurde:</p>
<p>Kursbuch 157: &#132;Die große Entsolidarisierung&#148; (September 2004), Rowohlt Berlin: Berlin, 165 S., ISBN 3-87134-157-6; 10 Euro<br />Unter diesen Umständen ist es verzeihlich, dass es nicht das inspirierteste Heft geworden ist. Doch vielleicht spiegelt sich in Inhalt und Komposition nur die allgemeine gesellschaftliche Unsicherheit wider, mit der man ratlos auf die Krise in Deutschland reagiert. Unverständlich ist zum Beispiel, was hier der Beitrag von Hermann Scheer über das Scheitern der Internationalen Konferenz über Erneuerbare Energien zu suchen hat. Das gilt auch für Herfried Münklers Text über das Verhältnis von Militär und Gesellschaft nach dem absehbaren Ende der Wehrpflicht; gewollt witzig erscheint Paul Noltes Glossar des Reformvokabulars.</p>
<p>Originell dagegen ist der Text der Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders über den scheinbar gemeinschaftsstiftenden Charakter jedweden Kanons, klug auch die Beobachtungen der ostdeutschen FAZ-Redakteurin Regina Mönch, die die Fehlwahrnehmungen ihrer östlichen Landsleute offenlegt: &#132;Seltsam wurzellos schwebt diese Übergangsgesellschaft durchs Leben.&#148; Doch im ganzen wollen die spielerischen Stärken dieser Zeitschrift bei diesem ernsten Thema offenbar nicht so recht zum Zuge kommen. Schöner Scheitern im Deutschland der Gegenwart: 15 zumeist Berliner Jungunternehmer haben dem Autor Ingo Niermann ihre Lebensgeschichten erzählt, die allesamt vorerst mit ökonomischen Niederlagen endeten:</p>
<p><i>Ingo Niermann:</i> Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld. Protokolle, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2003; 299 S., ISBN 3-518-12327-0; 12 Euro.</p>
<p>In diesen heiter-melancholischen Protokollen erlebt man noch einmal die kleinen und großen Träume und Pleiten jener seltsam fern zurückliegenden New-Economy-Ära. Natürlich steckt im biographischen Auf und Ab, das hier in verschiedenen Variationen zu erleben ist, enorme Kraft und Kreativität, die verbrannt werden. Ob man jedoch die Ansammlung zerplatzter Hoffnungen westdeutscher Wohlstandkinder gleich als &#132;euphorisches Buch&#148; (Süddeutsche Zeitung) umschreiben kann, sei hier bezweifelt. Vielleicht schärft aber die Abstiegserfahrung auf längere Sicht wieder den Sinn für die Schattenseiten unserer Gesellschaft; vielleicht erhält so die am eigenen Leib verspürte Ungleichheit rückblickend ihren Sinn.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/168-vorgaenge/publikation/ordnungen-der-ungleichheit/">Ordnungen der Ungleichheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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