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	<title>Dietrich Meyer-Ebrecht Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Besteht die Chance einer demokratischen Gestaltung und Kontrolle unserer Kommunikationsnetze?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Feb 2015 22:05:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorg&#228;nge Nr. 206/207 (Heft 2-3/2014), S. 87-94 (Red.)Edward Snowden hat uns mit seinen Enth&#252;llungen gelehrt: Geheimdienste, allen voran die NSA, sind mit der Massivit&#228;t ihrer personellen und finanziellen Mittel, mit ihrer Aggregation an Expertise und Kreativit&#228;t in der Lage, jeden Datenstrom anzuzapfen, sich Zugang zu jeder Datensammlung zu verschaffen. Nur mit einem unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig hohen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/206-207/publikation/besteht-die-chance-einer-demokratischen-gestaltung-und-kontrolle-unserer-kommunikationsnetze-3/">Besteht die Chance einer demokratischen Gestaltung und Kontrolle unserer Kommunikationsnetze?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 206/207 (Heft 2-3/2014), S. 87-94</p>
<p><i>(Red.)Edward Snowden hat uns mit seinen Enth&uuml;llungen gelehrt: Geheimdienste, allen voran die NSA, sind mit der Massivit&auml;t ihrer personellen und finanziellen Mittel, mit ihrer Aggregation an Expertise und Kreativit&auml;t in der Lage, jeden Datenstrom anzuzapfen, sich Zugang zu jeder Datensammlung zu verschaffen. Nur mit einem unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hohen Aufwand und mit erheblichen Einschr&auml;nkungen k&ouml;nnten wir uns dagegen sch&uuml;tzen, und es bleibt offen, ob ein hundertprozentiger Schutz &uuml;berhaupt erreicht werden kann. B&uuml;rgerrechte im Digitalen &#8211; so k&ouml;nnen wir Bruce Schneiers Statement interpretieren &#8211; sind nicht technisch zu haben, sie sind zwischen Politik und Gesellschaft auszuhandeln. </i></p>
<p><i>If you think technology can solve your security<br />&nbsp;problems, then you don&#8217;t understand the problems <br />and you don&#8217;t understand the technology. <br />(Bruce Schneier)(1)</i></p>
<p>Nicht verhandelbar in einer freiheitlichen Gesellschaft ist die Privatsph&auml;re. Der Schutz der informationellen Privatsph&auml;re stellt jedoch eine ganz besondere Herausforderung dar. Anderes als im Physischen gibt es im Digitalen zwischen &ouml;ffentlichem Raum und privatem Raum keine T&uuml;ren, die verriegelt werden k&ouml;nnen. Die Abgrenzung ist eher eine Art semipermeable Membran, vergleichbar mit der H&uuml;lle einer biologischen Zelle. Denn f&uuml;r den Informationsaustausch bedarf es einer selektiven Durchl&auml;ssigkeit, wenn die Optionen der Kommunikationsnetze sowohl einen individuellen als auch einen gesellschaftlichen Nutzen haben sollen. Schutz und Nutzen zugleich kann jedoch nur gew&auml;hrt werden, wenn die digitale Au&szlig;enwelt demokratischen Spielregeln folgt, einer demokratischen Kontrolle unterzogen wird. Dies fordert den Staat. Der Schutz seiner B&uuml;rger_innen muss durch eine angemessene Gesetzgebung &#8211; und ihre Durchsetzung! &#8211; garantiert sein. Dazu geh&ouml;rt ein politischer Wille. Unverzichtbar ist aber auch das gesellschaftliche Engagement. Beides ist derzeit schwer zu haben. Wollen wir die Chancen f&uuml;r eine demokratische Gestaltung und Kontrolle der Netze abw&auml;gen und L&ouml;sungswege skizzieren, m&uuml;ssen wir uns mit den Problemen und Missverst&auml;ndnissen auseinandersetzen, die diesem Ziel im Wege stehen, die gleichsam als &#8218;Bedrohung von innen&#8216; wirken.</p>
<h5>Die Politik &ndash; handlungs&shy;un&shy;f&auml;&shy;hig?</h5>
<p>Hier treffen wir auf drei Komplexe. Der erste ist die innen- und au&szlig;enpolitische Dimension: das Thema betrifft die Sicherheitspolitik. Aussp&auml;hung ist ein wesentliches Element des Cyberwarfare, der digitalen Kriegsf&uuml;hrung. Die wiederum ist eine zentrale S&auml;ule der strategischen Doktrin f&uuml;r eine neue, technologieorientierte Kriegsf&uuml;hrung. Aus dieser Sicht m&uuml;ssen wir die gegenw&auml;rtige ungebremste Aussp&auml;hung staatlicher Institutionen, Wirtschaft und Industrie, Forschungseinrichtungen und privater Personen bereits als &#8218;kalten&#8217; Cyberkrieg verstehen. Sie dient dem Erkennen der Absichten des potentiellen Gegners &#8211; oder auch Freundes &#8211; und dem Anlegen geheimer Zug&auml;nge zu dessen Netzwerken. Dies auch als Vorbereitung aggressiverer Ma&szlig;nahmen, die damit beginnen, dem Gegner mit sp&uuml;rbaren Operationen &#8218;die digitalen Muskeln zu zeigen&#8217; bis zu Operationen, die den Gegner schw&auml;chen sollen, wie Sabotageakte oder die &Uuml;bernahme der Kontrolle &uuml;ber kritische Systeme. All diese hoch geheim gehaltenen Operationen schwimmen gleichsam mit in den zivilen Informationsstr&ouml;men. Sie stellen ein Fundamentalrisiko f&uuml;r die Zivilgesellschaft dar!</p>
<p>Milit&auml;rische &Uuml;berlegungen waren zwar der Ursprung des Internet. L&auml;ngst ist es aber zu einem kaum verzichtbaren Instrument der Zivilgesellschaft geworden. Mit der regelm&auml;&szlig;igen Nutzung f&uuml;r milit&auml;rische Cyberoperationen unterliegt es sp&auml;testens heute wieder eindeutig milit&auml;rischen Herrschaftsanspr&uuml;chen und milit&auml;rischen Denkkategorien. Milit&auml;risches Denken bestimmt bereits die Aussp&auml;hungsaktivit&auml;ten. Kennzeichnend daf&uuml;r sind die Erfolgskriterien: Sie sind nicht wie im Zivilen orientiert am bestm&ouml;glichen Erreichen eines Zieles unter geringstm&ouml;glichen Sch&auml;den &#8211; der Erfolgsfall ist, wenn das Ziel &uuml;berhaupt erreicht wird, unter Inkaufnahme jedweder Kollateralsch&auml;den. Verst&auml;ndlich wird unter dem milit&auml;rischen Aspekt auch die &uuml;ppige Ausstattung der Geheimdienste; und auch die Freistellung von zivilrechtlichen Normen. Als US-Pr&auml;sident George W. Bush unmittelbar nach dem 9/11-Attentat den damaligen Direktor der NSA, Michael V. Hayden, fragte &#8222;was braucht ihr, damit so etwas nie wieder geschieht?&#8220;, war es unter anderem die Autorisierung, US-amerikanische B&uuml;rger auch gegen geltendes Recht aussp&auml;hen zu d&uuml;rfen. Und er bekam, was er sich w&uuml;nschte, an allen demokratischen Institutionen vorbei.</p>
<p>Einer wirksamen parlamentarischen Kontrolle entziehen sich auch unsere eigenen Geheimdienste. Aus Snowdens Enth&uuml;llungen wurde auch offensichtlich, dass sich BND und NSA gegenseitig darin zuarbeiten, B&uuml;rger_innen und Institutionen auszusp&auml;hen. Dies best&auml;tigte auch William Binney, fr&uuml;herer technischer Direktor der NSA, heute ihr vehementer Kritiker, in einer Anh&ouml;rung im NSA-Ausschuss des Deutschen Bundestages. Die Zusammenarbeit des BND mit US-Geheimdiensten hat historische Wurzeln. Sie st&uuml;tzt sich auf schon sehr alte bilaterale Vertr&auml;ge, Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut und, wie k&uuml;rzlich im SPIEGEL berichtet, auf Geheimvertr&auml;ge zwischen BND und NSA &#8211; ein Tabuthema f&uuml;r unsere Politik! &#8222;Deutschland braucht dringend einen Snowden aus dem BND&#8220;, empfahl in einem Interview k&uuml;rzlich Thomas Drake, als Whistleblower der NSA ein Vorg&auml;nger von Snowden.(2) Unsere Gesellschaft muss Aufkl&auml;rung einfordern, um einsch&auml;tzen zu k&ouml;nnen, wo politische Hebel angesetzt werden m&uuml;ssen. Derzeit kann unsere Regierung ihrem Schutzauftrag gegen&uuml;ber uns B&uuml;rger_innen gar nicht nachkommen, denn sie m&uuml;sste den Diensten die Arme binden und damit gegen&uuml;ber den amerikanischen Freunden vertragsbr&uuml;chig werden. Ohne sehr massiven gesellschaftlichen Druck wird sich eine Bewegung in der Politik auf diesem Feld nicht erzielen lassen.</p>
<h5>Die Gesell&shy;schaft &ndash; ver&auml;n&shy;de&shy;rungs&shy;un&shy;wil&shy;lig?</h5>
<p>Leider l&auml;sst sich auch die Gesellschaft dazu kaum bewegen &#8211; der zweite Komplex. Denn wir werden auch etwas aufgeben m&uuml;ssen. Zur Disposition stehen private Verhaltensmuster und wirtschaftliche Interessen. Wir haben uns an den Komfort und den Effizienzgewinn gew&ouml;hnt, die uns die Netze bieten, und wir str&auml;uben uns gegen jede Einschr&auml;nkung. Wir wollen ja nicht wieder Briefe schreiben m&uuml;ssen und versenden deshalb weiterhin vertrauliche Information unverschl&uuml;sselt, f&uuml;r den &#8218;man-in-the-middle&#8216; ohne gro&szlig;e M&uuml;he mitlesbar. Oder wir &#8218;posten&#8217; sie samt intimer Bildern gleichsam an Anschlagbrettern auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen. Schon wird es schwierig, sich dem sozialen Druck zu entziehen, die private Kommunikation nur noch &uuml;ber soziale Netze abzuwickeln, Bilder und Videos auf Plattformen wie Flickr oder YouTube zu &#8218;teilen&#8216;, regelm&auml;&szlig;ig &#8218;Lebenszeichen&#8216; zu tweeten.</p>
<p>Unsere pers&ouml;nlichsten Daten laden wir in die &#8218;Cloud&#8216;, um von &uuml;berall her darauf zugreifen zu k&ouml;nnen. Aber so wolkig wie der Name sind unsere Vorstellungen davon, wo und wie unsere Daten gespeichert werden, wie sicher unsere Daten dort bewahrt werden. Ein Beispiel, wie wohlfeil Aussp&auml;htechnologie ist: Auf ihren Webseiten bietet die russische Firma Elcomsoft ein Programm an, mit dem man in die Cloud-Backups von iOS- und Blackberry-Ger&auml;ten einbrechen kann, in der &#8218;forensischen&#8216; Version auch, ohne die Kontrolle &uuml;ber die Ger&auml;te zu besitzen &#8211; f&uuml;r nicht einmal 400 &#8364;.(3) Und wer unter den Smartphone-Besitzern jetzt noch keine weichen Knie hat und meint, in den Gigabytes an Songs, Fotos und Filmchen sind seine wenigen interessanten Dokumente doch gut versteckt: Elcomsoft bietet auch gleich die notwendigen Softwarewerkzeuge an, um f&uuml;r ein schnelles Herausziehen der vermutlich interessanten Dokumente die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch in der Wirtschaft kommen inzwischen viele Gesch&auml;ftsprozesse ohne die &#8218;Cloud&#8216;, ohne Plattformen f&uuml;r das kooperative Arbeiten und ohne Online-Datenbanken gar nicht mehr aus. Das sind hochergiebige Angriffsziele! Wir reichen den Geheimdiensten unsere vertraulichen Informationen quasi auf dem Silbertablett.</p>
<p>Und wenn wir schon bei den Tabletts sind: Smartphones und Tabletcomputer, demn&auml;chst auch Smartwatches, ausgestattet mit GPS-Lokalisation, Mikrofon, Kamera und Mobilfunkzugang, tragen wir als potentielle Taschenwanzen best&auml;ndig mit uns herum. Die NSA-Experten sollen, wie aus den von Snowden enth&uuml;llten NSA-Dokumenten hervorgeht, gejubelt haben, als die Smartphones den Markt eroberten, und kaum war das erste iPhone erschienen, war es bereits gehackt. Wer etwa die Babyphone- App einschaltet &#8211; mit Ton und Bild! &#8211; oder die App zum Auffinden des eigenen Telefons, macht sich vermutlich wenig Gedanken dar&uuml;ber, dass dabei u.a. gerade die technischen Eigenschafen dieser Ger&auml;te genutzt werden, die die Ger&auml;te bestens geeignet zur Aussp&auml;hung unserer Intimsph&auml;re und unserer Bewegungsmuster machen. Wer Heizung oder Herd per Smartphone aus der Ferne steuert, denkt vermutlich kaum daran, dass das heimische IT-Netz durch die daf&uuml;r notwendigen &Ouml;ffnungen in seiner Firewall angreifbarer wird.</p>
<p>Es muss aber gar nicht sofort in unsere Ger&auml;te und Systeme eingegriffen werden, f&uuml;r eine &#8218;aktive&#8217; &Uuml;berwachung. Die &#8218;passive&#8217; &Uuml;berwachung, die Beobachtung des aus den Netzen abgegriffenen Datenverkehrs unserer Mobiltelefone gibt bereits Auskunft &uuml;ber unsere Kommunikationspartner_innen, &uuml;ber unsere Aufenthaltsorte und mehr. Dazu kommen Suchanfragen, Internetk&auml;ufe, Finanztransaktionen und Schl&uuml;sselw&ouml;rter in unseren Emails. Allein die Auswertung dieser Metadaten und Datenspuren liefert bereits sehr detaillierte pers&ouml;nliche Profile.</p>
<p>Nun k&ouml;nnte auch der willigste Gesetzgeber uns nicht wirksam sch&uuml;tzen, wenn wir alle potentiellen Schutzma&szlig;nahmen durch leichtfertigen Umgang mit unseren Daten unterlaufen w&uuml;rden. Weil wir auf den privaten Komfort nicht verzichten wollen. Weil wir dem wirtschaftlichen Gewinn Priorit&auml;t einr&auml;umen. Weil wir uns den Kommunikationstrends nicht verweigern m&ouml;chten oder uns einem sozialen Druck schon nicht mehr entziehen k&ouml;nnen. Seinerseits wird der Gesetzgeber jedoch nicht t&auml;tig werden, solange der Wille der Gesellschaft nicht erkennbar wird, durch Ver&auml;nderung von Verhalten und Konsum ihrerseits einen Beitrag zum Schutz der Privatheit zu leisten.</p>
<h5>Unser Ego &ndash; im Selbst&shy;be&shy;trug bequem einge&shy;rich&shy;tet?</h5>
<p>Und dann ist da noch ein dritter Komplex: unsere Psyche. Was sich in den digitalen Netzen abspielt und dahinter, in den Superrechnern der Geheimdienste, entzieht sich weitgehend unseren Vorstellungen. &#8222;Wir h&auml;tten es wissen k&ouml;nnen, &#8230;&#8220; schreibt die Gesellschaft f&uuml;r Informatik (GI) in einem Aufruf an ihre Mitglieder. Aber nicht einmal wir InformatikerInnen und IngenieurInnen haben das Ausma&szlig; und die Tiefe der Aussp&auml;hung sehen wollen. Dabei lassen wir uns auf interessante Widerspr&uuml;chlichkeiten ein: Mit geschickt kombinierten Suchbegriffen lassen wir uns durch Google genau die gerade ben&ouml;tige Information in dem un&uuml;berschaubaren Datenuniversum des Internet suchen &#8211; und in Sekunden finden. Geht es aber um unsere eigenen Daten, verlassen wir uns gerne auf das Gef&uuml;hl, &#8222;je mehr Daten, desto unwahrscheinlicher, dass zuf&auml;llig unsere eigenen herausgefischt werden&#8220;. Und dieser Glaubenssatz ist falsch: Je umfassender die abgegriffenen Daten, desto gr&ouml;&szlig;er wird sogar die Wahrscheinlichkeit, dass Daten, die mit vorgegebenen Merkmalen und Mustern korrelieren, identifiziert werden &#8211; und dass wir durch das Zusammenspiel von Zuf&auml;llen unbescholten ins Fadenkreuz geraten k&ouml;nnen. Das widerspricht der Intuition, ist &#8218;counterintuitive&#8216;, und damit schwer vermittelbar.</p>
<p>Unsere Vorstellungen h&auml;ngen noch an Bildern aus Gestapo- und Stasi-Zeiten &#8211; Geheimdienstmitarbeiter, die Briefcouverts unter Wasserdampf &ouml;ffnen, um unsere Post zu lesen &#8211;, Bilder, die wir ins Digitale &uuml;bertragen. Mediale Darstellungen n&auml;hren diese Vorstellungen eher, als dass sie uns dar&uuml;ber aufkl&auml;ren, dass l&auml;ngst nicht mehr Analysten anhand von gegebenen Verdachtsmomenten ermitteln, sondern Big-Data-Tools mit hoch entwickelten Statistikmethoden und komplexen Mustererkennungsverfahren. Der Verdacht wird gleichsam erzeugt, konstruiert, von Automaten! Sie analysieren alle erfassten Daten unmittelbar, suchen nach Korrelationen, stellen Verkn&uuml;pfungen her, berechnen Gewichtsfaktoren f&uuml;r die Verd&auml;chtigkeit aller erfassten Personen. Diese &#8217;scores&#8216; h&auml;ngen z.B. von den &#8217;scores&#8216; der Personen ab, mit denen wir kommuniziert haben, und sogar von deren Kommunikationspartnern, die wir nicht einmal kennen m&uuml;ssen. Sie h&auml;ngen &#8211; &uuml;ber unsere Geodaten &#8211; von Personen ab, neben denen wir zuf&auml;llig im Caf&eacute; gesessen haben, von L&auml;ndern, die wir bereist haben, von den Suchbegriffen unserer Internetrecherchen.</p>
<p>Wir werden zu gewichteten Punkten in einem Beziehungsnetz, dem so genannten social graph, und je enger das Netz, desto ergiebiger wird es. Nachvollziehbar daher die Sammelwut der Dienste. &#8222;Mehr ist immer besser [&#8230;]. Da man Punkte, die man nicht besitzt, nicht verkn&uuml;pfen kann, versuchen wir grunds&auml;tzlich, alles zu sammeln und behalten es f&uuml;r immer,&#8220; sagt Ira Hunt, Chef-Techniker der CIA. Geheim bleibt, welche Faktoren relevant sind, mit welchen Algorithmen ausgewertet wird, welche Annahmen der &#8218;Verdachtskonstruktion&#8216; zu Grunde liegen.</p>
<p>Soweit sprechen wir von &#8218;passiver&#8216; &Uuml;berwachung, die wir nicht sp&uuml;ren, von der wir nicht erfahren &#8211; muss sie uns dann &uuml;berhaupt k&uuml;mmern? &#8222;Ich habe ja nichts zu verbergen&#8220;, das kann ein fataler Irrtum werden. Denn gezielt nehmen sich die Dienste Personen vor, die von den Automaten ausgesiebt werden, weil ihr &#8217;score&#8216; einen Schwellwert &uuml;berschritten hat. So kann jede_r von uns in die &#8218;aktive&#8216; &Uuml;berwachung geraten, ohne sein/ihr Wissen, einfach durch die Kombination von dummen Zuf&auml;lligkeiten &#8211; mit ziemlich ungem&uuml;tlichen Konsequenzen.</p>
<p>Wie ernst wir dieses pers&ouml;nliche Risiko nehmen, ist vielleicht jedes Einzelnen Sache. Ein allgemeines, die Gesellschaft betreffendes Risiko ist jedoch, dass Gleichg&uuml;ltigkeit und Unwissen dazu zu f&uuml;hren drohen, dass wir in einen totalen &Uuml;berwachungsstaat abgleiten. K&ouml;nnen wir wirklich davon ausgehen, dass unsere westlichen Demokratien immer stabil genug bleiben, reaktion&auml;ren Kr&auml;ften zu widerstehen, sich der &Uuml;berwachungseinrichtungen als willkommenes Werkzeug f&uuml;r eine Machtergreifung zu bedienen? Selbst wenn wir uns auf ein solches Szenario nicht einlassen wollen, f&uuml;hrt nicht, wie Rolf G&ouml;ssner anl&auml;sslich der Verleihung des Berliner Preises f&uuml;r Zivilcourage an Edward Snowden ausf&uuml;hrte, bereits das Bewusstsein, &uuml;berwacht zu werden, &uuml;ber eine allm&auml;hliche &Auml;nderung des kollektiven Verhaltens zu einer unfreien Gesellschaft?</p>
<h5>Und dennoch &ndash; es gibt Handlungs&shy;op&shy;ti&shy;onen!</h5>
<p>Was tun? Die Technik muss vor der &Uuml;bermacht des Angriffspotenzials passen, unsere Regierung will ihre innen- und au&szlig;enpolitischen Positionen nicht aufgeben, die Gesellschaft will auf das Gewohnte nicht verzichten. Hinzu kommen sozialer Druck und Unverst&auml;ndnis gegen&uuml;ber den Risiken. Die H&auml;nde in den Scho&szlig; legen? Ver&auml;nderung k&ouml;nnen wir erreichen, aber wir m&uuml;ssen dazu auf allen Ebenen ansetzen, konzertiert &#8211; Politik, Gesellschaft, Technik sind gleicherma&szlig;en aufgerufen.</p>
<p>Einmischen in die Politik, Kampagnenarbeit f&uuml;r eine gesellschaftliche Bewusstmachung sind zwei unverzichtbare Komponenten. Jedoch, genau wie die Politik sich nicht r&uuml;hren wird, bevor die Gesellschaft ihren Ver&auml;nderungswillen demonstriert, so wird sich die Gesellschaft nicht bewegen, ohne dass ihr technische und funktionale Alternativen an die Hand gegeben werden, die akzeptable Kompromisse zwischen dem &#8218;weiter so&#8216; und dem Verzicht auf eingespielte Prozeduren und lieb gewonnene Gewohnheiten bieten. Insofern muss Bruce Schneiers vorangestelltes Statement relativiert werden: Auch die Technik muss Beitr&auml;ge leisten, um Wege zu ihrer demokratischen Gestaltung und Kontrolle zu ebnen, auf mehreren Ebenen:</p>
<p>Offene Systeme sind die Grundlage f&uuml;r Kontrollierbarkeit. Erst wenn der Programmcode von Betriebssystemen und Anwendungsprogrammen offengelegt wird, kann Software wirkungsvoll auf Hintert&uuml;ren und versteckte Schadfunktionen gepr&uuml;ft werden.(4) Open-Source-Software ist mittlerweile etabliert, findet aber immer noch nicht die w&uuml;nschenswerte breite Akzeptanz. Mit komfortableren Installationspaketen f&uuml;r Betriebssysteme auf g&auml;ngigen PCs, Notebooks, Tablets und Smartphones k&ouml;nnte die Schwelle zum Umstieg reduziert werden. Besser noch, wenn Aufkl&auml;rung eine marktrelevante K&auml;ufer_innenschicht f&uuml;r Produkte entstehen l&auml;sst, die bereits mit einer kompletten Grundausstattung offener Software ausgeliefert werden. Dies gilt nicht nur f&uuml;r den privaten Konsum, sondern ebenso f&uuml;r Unternehmen, die schon aus wirtschaftlichen Erw&auml;gungen interessiert sein sollten, Sicherheitsrisiken zu reduzieren.</p>
<p><i>Wahlm&ouml;glichkeiten</i> innerhalb eines Angebots alternativer Dienste sind eine Voraussetzung f&uuml;r eine Abkehr von den derzeitigen monopolistischen sozialen Netzen, Suchmaschinen, Clouds, Appstores. Dass f&uuml;r alternative Dienste bereits heute Bedarf ist, beweist eine Vielzahl kleiner und mittlerer Unternehmen, die Email-Konten, Upload- Speicherplatz, Webhosting etc. anbieten. Wichtig ist die Etablierung &ouml;ffentlicher Kontrollinstanzen. Es sollte ein von den Kunden eingefordertes Qualit&auml;tskriterium werden, dass sich die Unternehmen freiwillig regelm&auml;&szlig;igen Sicherheitsaudits unterziehen.</p>
<p><i>Digitaler Selbstschutz</i> ist eine Sofortma&szlig;nahme. Er sollte so selbstverst&auml;ndlich werden wie das Anbringen eines Sicherheitsschlosses an der Wohnungst&uuml;r. Auch hier wieder obliegt es der K&auml;ufer_innengemeinde, eine Grundausstattung an Mitteln f&uuml;r den digitalen Selbstschutz bereits bei der Auslieferung von Neuger&auml;ten zu erwarten (kein/e Vermieter_in wird heute eine Wohnung ohne T&uuml;rschloss anbieten). Bis das erreicht ist, kann mit bereits heute erreichbaren Werkzeugen begonnen werden, wenigstens mit den einfachsten. Auch wenn gegen aktive Aussp&auml;hung vermutlich alle uns realistischerweise verf&uuml;gbaren Mittel versagen, erschweren &#8218;Hausmittel&#8216; zumindest die passive Aussp&auml;hung. &#8222;Macht es den Geheimdiensten schwer, verdunkelt das Netz!&#8220;, ist die Parole der Initiative &#8222;Reset the Net&#8220;, die dazu eine Grundausstattung an einfach zu handhabenden Schutzfunktionen anbietet.(5) Aufw&auml;ndiger, aber auch wirkungsvoller ist die Email-Verschl&uuml;sslung. Erforderlich ist jedoch die Installation der Verschl&uuml;sslungssoftware auf beiden Seiten der Kommunikation. F&uuml;r Verbreitung muss daher geworben werden. Dazu m&uuml;ssen Installation und Handhabung mit guten Anleitungen leicht gemacht werden. Einen hilfreichen Beitrag dazu leistete nun, gerade ein Jahr nach Snowdens Enth&uuml;llungen, die Free Software Foundation.(6)</p>
<h5>Wir haben es in der Hand &hellip;</h5>
<p>Es l&auml;ge an den B&uuml;rger_innen selbst, &Uuml;berwachung zu stoppen, schrieb Edward Snowden. Und dies sei mithilfe der Naturgesetze einfacher als mit staatlichen Gesetzen. Letztlich hat die Gesellschaft den Schl&uuml;ssel f&uuml;r eine Ver&auml;nderung in der Hand. Losl&ouml;sen m&uuml;ssen wir uns von der verf&uuml;hrerischen Annehmlichkeit des scheinbaren Umsonst von Internetdienstleistungen und -werkzeugen. Sicherheit kostet. Und auch ein St&uuml;ck Komfort m&uuml;ssen wir bereit sein aufzugeben. Denn, so schreibt Ulrike Meyer, Professorin f&uuml;r IT-Sicherheitsforschung an der RWTH Aachen, &#8222;Sicherheit kostet oft auch die Benutzerfreundlichkeit eines Programms.&#8220; Die erforderlichen neuen Produkte werden eine Herausforderung an die Wirtschaft sein. Und so wird vermutlich schneller als die Politik der Markt reagieren, sobald sich eine sicherheitsbewusste K&auml;uferschicht etabliert. Der politische Einfluss der betroffenen Wirtschaft wird daf&uuml;r sorgen, dass die Politik nachzieht. Aber beginnen m&uuml;ssen <i>wir! </i></p>
<p>Selbst t&auml;tig zu werden, andere dazu zu ermutigen, zu unterst&uuml;tzen &#8211; das hat mindestens zwei Effekte &uuml;ber den konkreten Nutzen hinaus: Wir erfahren Technik und ihre Mechanismen, wir holen die Technik ein St&uuml;ck heraus aus ihrer Abstraktheit. Und uns wird bewusst, dass wir uns ein St&uuml;ck Freiheit zur&uuml;ck erobern. Denn &#8222;beobachtet werden macht unfrei&#8220;, sagt uns Glenn Greenwald.</p>
<p><i>Bei dem Beitrag handelt es sich um die &uuml;berarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags auf dem 3. Gustav-Heinemann-Forum der Humanistischen Union am 21. Juni 2014 in Rastatt. Eine Audioaufzeichnung des Vortrags ist zu finden unter </i><a href="http://www.humanistische-union/" target="_blank" rel="noopener"><i>http://www.humanistische-union</i></a><i>. de/themen/rechtspolitik/ghf/. Der Beiitrag erschien vorab in der FIfF-Kommunikation 3/2014.</i></p>
<p>PROF.&nbsp;DR.&nbsp;DIETRICH&nbsp;MEYER-EBRECHT&nbsp;<i>&nbsp; Jahrgang 1939, hatte von 1984 bis 2004 einen Lehrstuhl f&uuml;r Bildverarbeitung an der RWTH Aachen inne. Er engagiert sich seit 1987 im Forum InformatikerInnen f&uuml;r Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF), dessen stellvertretender Vorsitzender er heute ist.</i></p>
<h5>Anmerkungen:</h5>
<p>(1) Bruce Schneier, US-amerikanischer Experte f&uuml;r Computersicherheit, im Vorwort seines Buches&nbsp; &#8222;Secrets and Lies&#8220;, 2000.</p>
<p>(2) Thomas Drake, &#8222;Ihr braucht einen Snowden aus dem BND!&#8220;, Interview in FR v. 10.06.2014.</p>
<p>(3) Elcomsoft Phone Password Breaker, <a href="http://www.elcomsoft.de/eppb.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.elcomsoft.de/eppb.html</a></p>
<p>(4) Siehe dazu die Beitr&auml;ge von Schaar und Neumann in diesem Heft.</p>
<p>(5) Initiator der Kampagne war Fred Barlow, Mitbegr&uuml;nder der Electronic Frontier Foundation (EFF), <a href="http://resetthenet.org/" target="_blank" rel="noopener">http://resetthenet.org</a>.</p>
<p>(6) Inzwischen ist unter Mitwirkung des Forum InformatikerInnen f&uuml;r Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) auch eine deutsche Fassung der Anleitung der FSF f&uuml;r die Installation und Handhabung der (freien!) GnuPG-Software f&uuml;r das heute standardm&auml;&szlig;ig verwendete PGP-Verfahren verf&uuml;gbar, <a href="https://emailselfdefense.fsf.org/de/" target="_blank" rel="noopener">https://emailselfdefense.fsf.org/de/</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/206-207/publikation/besteht-die-chance-einer-demokratischen-gestaltung-und-kontrolle-unserer-kommunikationsnetze-3/">Besteht die Chance einer demokratischen Gestaltung und Kontrolle unserer Kommunikationsnetze?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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