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	<title>Felix Butzlaff Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Der europapolitische Januskopf der Sozialdemokratie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 17:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorg&#228;nge 196 ( Heft 4/2011), S.78-85 Die Folgen der Wirtscharts- und Finanzkrise sind paradox, zumindest mit Blick auf Europa. Nachweislich hat durch die anhaltende Berichtsschwemme &#252;ber die drohende Pleite von immer weiteren Mitgliedsstaaten der Europ&#228;ischen Union und die Gefahren, die davon auch f&#252;r die einheimischen Sparer ausgehen, durch die Krisengipfelkonjunktur der Staats- und Regierungschefs [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/196-vorgaenge/publikation/der-europapolitische-januskopf-der-sozialdemokratie/">Der europapolitische Januskopf der Sozialdemokratie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorg&auml;nge 196 ( Heft 4/2011), S.78-85</p>
<p>Die Folgen der Wirtscharts- und Finanzkrise sind paradox, zumindest mit Blick auf Europa. Nachweislich hat durch die anhaltende Berichtsschwemme &uuml;ber die drohende Pleite von immer weiteren Mitgliedsstaaten der Europ&auml;ischen Union und die Gefahren, die davon auch f&uuml;r die einheimischen Sparer ausgehen, durch die Krisengipfelkonjunktur der Staats- und Regierungschefs sowie die Undurchschaubarkeit der gesamten Diskussion f&uuml;r den einfachen Durchschnittsb&uuml;rger, das Misstrauen gegen&uuml;ber der europ&auml;ischen Integration zugenommen. Am Nutzen des Einigungsprojektes zweifelt selbst die Bev&ouml;lkerung der Krisenstaaten, da sie sich durch ein drastisches, von au&szlig;en aufoktroyiertes Sanierungsprogramm kujoniert sieht.</p>
<p>Gleichzeitig aber ist das Interesse an Europa markant gewachsen. [1] Der Staatenverbund ist seiner politischen Schattenexistenz entwachsen, er ist in der &ouml;ffentlichen Debatte wichtig geworden &#8211; und im wettbewerbsdemokratischen Parteienstaat ist wichtig gleichbedeutend mit umstritten. Vielleicht wird das nirgendwo deutlicher als in Deutschland. Jahrzehntelang waren hierzulande europ&auml;ische Fragen insgesamt und grunds&auml;tzlich wenig kontrovers. Die Europapolitik eignete sich nicht zur Mobilisierung, sie spielte daher in Wahlk&auml;mpfen allenfalls eine nachrangige Rolle, Weichen stellende europ&auml;ische Vertragswerke passierten den Bundestag regelm&auml;&szlig;ig mit breiter, Lager &uuml;bergreifender Zustimmung.</p>
<h5>Die Schim&auml;re des Inter&shy;na&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lismus</h5>
<p>Das ist nun sp&uuml;rbar anders geworden, wie nicht zuletzt der j&uuml;ngste Bundesparteitag der SPD und die dort gezeigte, teilweise irrationale, jedenfalls g&auml;nzlich unkritische Begeisterung, mit der die Delegierten Helmut Schmidts Europa-Rede zu Beginn der Zusammenkunft quittierten, indizieren. Die Europapolitik nahm auf dem sozialdemokratischen Delegiertentreffen &#8211; und vielleicht noch st&auml;rker in der Berichterstattung &uuml;ber den Parteikonvent &#8211; eine prominente Rolle ein. Unverkennbar war der Versuch der Sozial demokraten, sich als Europapartei zu profilieren. Mit der Idee des Internationalismus verf&uuml;gt die sozialdemokratische Parteienfamilie zudem &uuml;ber eine Traditionslinie, die ihre Rolle als nat&uuml;rliche Sachwalterin europ&auml;ischer Gemeinschaftsinteressen historisch zu verb&uuml;rgen und die Solidarit&auml;t mit in Not geratenen EU-Mitgliedsstaaten nahe zu legen scheint.</p>
<p>Indes: Wirklich transnational gesinnt war die Sozialdemokratie nur in Zeiten der Machtlosigkeit, dezidiert internationalistisch erst recht war ihr Reden und vor allem Tun blo&szlig; dann, wenn sie von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt wurde und in Fundamentalopposition zum bestehenden System stand. Diese Regel zeigte sich nicht blo&szlig; im Vorfeld des Ersten Weltkrieges, sie best&auml;tigte sich auch in der j&uuml;ngeren Vergangenheit &#8211; und zwar in Deutschland nicht anders als im europ&auml;ischen Ausland. In den Regierungsjahren, res&uuml;miert Christian Krell seine Analyse &uuml;ber die Europapolitik der britischen, franz&ouml;sischen und deutschen Sozialdemokratie in den 1980er und 1990er Jahren, &#8222;zeigt sich bei allen drei Parteien eine st&auml;rker instrumentell gepr&auml;gte Perzeption der EG/EU, als dies &uuml;ber weite Strecken der Oppositionsphasen der Fall war.&#8220;[2] Nun k&ouml;nnte ketzerisch formuliert werden, dass die Zeit gegenw&auml;rtig f&uuml;r mutige pro-europ&auml;ische Visionen und ganzheitliche sozialdemokratische Forderungskataloge zur Vertiefung der europ&auml;ischen Integration insofern wieder g&uuml;nstig sei. Schlie&szlig;lich sind Sozialdemokraten im Dezember des Jahres 2011 nur in drei von 27 EU-Mitgliedsstaaten an der Regierung beteiligt.</p>
<p>An einen m&ouml;glicherweise bevorstehenden Pendelr&uuml;ckschlag aber, der in den kommenden Jahren wieder vermehrt Sozialdemokraten in Regierungs&auml;mter tragen und binnen zwei Jahren mit Deutschland und Frankreich auch in europ&auml;ischen Leitstaaten die Exekutive politisch umf&auml;rben k&ouml;nnte, sollten dennoch allenfalls sehr moderate Erwartungen gerichtet werden. Jedenfalls belegt eine vergleichende Betrachtung der Europapolitiken sozialdemokratischer Parteien, dass sie &#8211; durch internationalistische Ideale aus der Fr&uuml;hzeit der Arbeiterbewegung unber&uuml;hrt &#8211; in den letzten drei Jahrzehnten Souver&auml;nit&auml;ts&uuml;bertragungen an die europ&auml;ische Ebene verl&auml;sslich abgelehnt haben, dass sie stattdessen europapolitisch Bef&uuml;rworter des Subsidiarit&auml;tsprinzipsnnd also Proponenten der Regelungskompetenz m&ouml;glichst kleiner Einheiten waren &#8211; und insofern folgerichtig nicht selten auch mit der Forderung hervortraten, einzelne Politikbereiche wieder zu renationalisieren, d. h, in den Einflussbereich der Nationalstaaten zur&uuml;ck zu &uuml;bertragen.</p>
<p>In der historischen R&uuml;ckschau zeigen sich weitere Charakteristika sozialdemokratischer Europapolitik, welche die aktuell zur Schau gestellte Europaeuphorie relativieren: Mit Stellungnahmen zugunsten der EU wurden von sozialdemokratischen Parteien h&auml;ufig europafremde Zwecke verfolgt, sei es, dass eine w&auml;hlerwirksame Abgrenzung vom politischen Gegner aus der Oppositionsrolle heraus gesucht oder die europ&auml;ische Integration als n&uuml;tzlicher Rahmen zur besseren Verfolgung nationaler Interessen instrumentalisiert wurde. Letzteres war dann zumeist bei sozialdemokratischen Parteien in Regierungsverantwortung der Fall. Einmal abgesehen davon, dass die europ&auml;ische B&uuml;hne nicht selten schlicht als Rahmen f&uuml;r &ouml;ffentlichkeitswirksame Auftritte diente &#8211; und unabh&auml;ngig auch von der Tatsache, dass Europapolitiker bzw. Mandatare des Europaparlamentes in ihren nationalen sozialdemokratischen Parteien nur in den seltensten F&auml;llen Gewicht, Relevanz, Machtressourcen besa&szlig;en. Jedenfalls: Dass &#8222;sozialdemokratische Parteien aufgrund ihrer programmatischen und organisatorischen Tradition besonders geeignet sind, in &auml;hnlicher Weise eine integrationsbef&ouml;rdernde Rolle im europ&auml;ischen Einigungsprozess einzunehmen&#8220;, wird durch Krells schon zitierte Studie &#8222;deutlich in Frage gestellt&#8220;.[3] Stattdessen erweisen sich sozialdemokratische Parteien europapolitisch als weitgehend austauschbar mit den anderen etablierten Parteien ihrer L&auml;nder, scheinen die gr&ouml;&szlig;ten Differenzen nicht von der Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Parteifamilie oder einem politischen Lager auszugehen, sondern von den Eigenarten der staatlichen Institutionenordnung, den pr&auml;genden Z&uuml;gen der nationalen politischen Kultur und zentralen Aspekten des Parteienwettbewerbs.</p>
<p>Im &Uuml;brigen ist es selbst mit den Gemeinsamkeiten zwischen den sozialdemokratischen Parteien nicht so weit her. Je n&auml;her man hinschaut, umso weiter reichend sind die Differenzen selbst dort, wo sich die Sozialdemokratien auf ein gemeinsames Wertefundament berufen. Die Vorstellungen, die sie etwa mit dem Schlagwort &#8222;Internationalismus&#8221; verbinden, variieren deutlich voneinander, einheitliche Politikpr&auml;ferenzen schon gar ergeben sich aus der Berufung auf eine internationalistische Perspektive nicht. So muss die gegebene Form der europ&auml;ischen Einigung aus internationalistischer Perspektive keinesfalls begr&uuml;&szlig;t werden, was bei der britischen Labour Party besonders signifikant ist, deren Repr&auml;sentanten die integrationskritische Haltung der Partei zu Beginn der 1980er Jahre gerade mit dem Verweis auf ihren Internationalismus begr&uuml;ndeten.</p>
<h5>Britische Bremser&shy;rolle</h5>
<p>&Uuml;berhaupt zeigt sich mit Blick auf die Labour Party, wie schwierig eine europ&auml;ische Handlungseinheit auch von sozialdemokratischen Regierungen herzustellen w&auml;re. Die britischen W&auml;hler sind ausgesprochen europaskeptisch, die Gr&uuml;nde f&uuml;r ihre Abwehrhaltung gegen Europa reichen von der Ablehnung der Br&uuml;sseler B&uuml;rokratie und Arroganz bis hin zu gegens&auml;tzlichen Auffassungen zwischen England und Europa &uuml;ber die eigene Lage in der globalisierten Welt. Die Briten sind sich vielfach selbst genug, sie haben &uuml;ber den Wandel der Zeitl&auml;ufe ein insulares Selbstbewusstsein konserviert, das keine Marginalisierungs&auml;ngste kennt, die denen der politischen Eliten Kontinentaleuropas vergleichbar w&auml;ren, denen eine europ&auml;ische Gemeinsamkeit die Verteidigung der gewohnten globalen Bedeutung auch in Zukunft zu garantieren verspricht[4] Zwar gilt die Labour Party in Gro&szlig;britannien selbst als europafreundlich, dieser Eindruck ist aber ganz wesentlich dem politisch-kulturellen Umfeld geschuldet, einer weit &uuml;berwiegend europakritischen Bev&ouml;lkerung und dezidiert EU-aversen Tones. Wenn sich Labour-Politiker f&uuml;r die europ&auml;ische Integration aussprechen, dann ist diese F&uuml;rsprache stets mit starken nationalen Beikl&auml;ngen verbunden. So wie im Programm f&uuml;r die Unterhauswahlen im Jahr 2010, wo es hie&szlig;: &#8222;Wir glauben, dass Gro&szlig;britannien in der Welt st&auml;rker ist, wenn die Europ&auml;ische Union stark ist, und dass Gro&szlig;britannien Erfolg hat, wenn es in Europa f&uuml;hrt&#8220;[5].</p>
<p>Daher &#8211; und obwohl namentlich Tony Blair zu seiner Zeit als der &#8222;europafreundlichste britische Premierminister seit Jahrzehnten&#8220;[6] galt &#8211; ist die britische Labour Party bis heute in vielfacher Hinsicht eine Ausrei&szlig;erin aus der europafreundlichen Durch-schnittslinie der Sozialdemokratien. W&auml;hrend aktuelle Umfragen zu dem Ergebnis kommen, dass die franz&ouml;sische PS und die deutsche SPD der EU eine hohe Bedeutung zuschreiben und verl&auml;sslich pro-europ&auml;isch sind, ist Labour die sozialdemokratische Partei, die zum einen in der EU am st&auml;rksten eine reine Wirtschaftsinstitution sieht, und zum anderen die einzige Sozialdemokratie, die eine Verhandlung der Sozialrechte auf europ&auml;ischer Ebene ausdr&uuml;cklich ablehnt.[7] Gegen eine fortschreitende Vertiefung der europ&auml;ischen Integration sind auch Labours beinahe schon traditionelle Pl&auml;doyers f&uuml;r eine Erweiterung der EU nach dem Motto &#8222;Weiter, aber nicht tiefer&#8221; gerichtet .[8] Es verwundert insofern nicht, wenn im Herbst 2011 &uuml;ber die gegenw&auml;rtige Europapolitik Labours geurteilt wurde, in den vergangenen zw&ouml;lf Monaten sei von der Partei &uuml;ber die Zukunft Europas und der Eurozone wenig bis nichts zu h&ouml;ren gewesen &#8211; und zu europarelevanten Fragen, wie dem ungesunden Verh&auml;ltnis von (aufgeblasener) Finanzindustrie und (verk&uuml;mmertem) Industriesektor in der britischen Wirtschaft, habe Labour nur unklare Phrasen zu bieten.[9]</p>
<h5>Europa&shy;di&shy;stanz der Arbeiter&shy;schaft</h5>
<p>Die Differenzen zwischen den sozialdemokratischen Parteien in Deutschland, Frank-reich und Gro&szlig;britannien sind aufschlussreich. Sie weisen darauf hin, dass die Unter-schiede in den Auffassungen &uuml;ber Europa und seine Bedeutung nicht nur mit Bezug auf die Oppositions- oder Regierungsphasen bestehen. Auch die Sozialstruktur der nationalen Parteien dr&uuml;ckt sich in den greifbaren Variationen der europapolitischen Positionen und Priorit&auml;ten aus. Denn mit den verschiedenen sozialen Gruppen, die in einer Partei besonders pr&auml;gend oder f&uuml;r diese besonders wichtig sind, verschieben sich zwangsl&auml;ufig auch die Wahrnehmungen von Europa. W&auml;hrend f&uuml;r gut ausgebildete Hochverdiener der europ&auml;ische Wettbewerbsraum grunds&auml;tzlich und auch f&uuml;r das eigene Leben positiv konnotiert und angenommen wird und die von einem national &uuml;bergreifendem Wirtschaftszusammenhang geforderten Flexibilit&auml;ten im Privaten schon l&auml;ngst gelebt werden, sieht dies aus der Perspektive der gesellschaftlichen Souterrains ganz anders aus. Denn hier befindet man sich oft am unteren Ende des &ouml;konomischen Kreislaufs, f&uuml;hlt sich subjektiv den Wettern der wirtschaftlichen Krisen schutzlos ausgesetzt. Und so sehr auch die sozialdemokratischen Politikrhetoriken bez&uuml;glich einer Erweiterung und Erg&auml;nzung der europ&auml;ischen Einigung um eine soziale und politische Union diese &Auml;ngste zu adressieren versuchen &#8211; die Europ&auml;ische Union steht gerade in Arbeiter- und Arbeitslosenkreisen, bei den niedrig Gebildeten und sozial schlechter Abgesicherten immer noch im Verdacht, ein neoliberales Projekt zu sein, welches auf Flexibilisierung und Liberalisierung der Arbeits-, Finanz- und Steuerpolitik abzielt und das mit sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit das eigene Auskommen der Konkurrenz durch immer mehr andere &#8222;Europ&auml;er&#8221; aussetzt.[10]</p>
<p>Die Schicht- und Statusunterschiede in den Wahrnehmungen Europas spiegeln sich auch in den unterschiedlichen Europa-Positionen der sozialdemokratischen Parteien wider. Je st&auml;rker sich eine nationale Sozialdemokratie noch in einer Traditionslinie mit der Arbeiterbewegung und als deren Organ betrachtet, je mehr sie in ihrer Mitglieder- und W&auml;hlerstruktur (noch) von Arbeitern und niedrig Gebildeten gepr&auml;gt ist, umso st&auml;rker r&uuml;cken die Schutzaspekte in den Vordergrund, mit denen besonders sozial schwache Gruppen im europ&auml;ischen Einigungsprozess begleitet und abgesichert werden sollen. Und umso st&auml;rker bleiben auch europaskeptische T&ouml;ne sichtbar, die sich gegen eine fortschreitende Integration wenden.</p>
<p>Die vergleichsweise starke Verflechtung mit ihrer Traditionsklientel d&uuml;rfte insofern einer der wesentlichen Gr&uuml;nde f&uuml;r die diagnostizierte Distanz der britischen Sozialdemokratie zum europ&auml;ischen Staatenverbund sein. Jedenfalls ist diesseits aller auch f&uuml;r die Labour Party konstatierten Bedeutungsgewinne der mittleren bis gehobenen Bildungs-, Berufs- und Einkommensgruppen in der Parteimitgliedschaft der Einfluss der Gewerkschaften auf die Politikformulierung durchweg h&ouml;her als in den Schwesterparteien Deutschlands und Frankreichs. Auch ist der Anteil der Arbeiter unter den Labour-Mitgliedern mit 15 Prozent unver&auml;ndert h&ouml;her als in der deutschen SPD mit knapp zehn und schon gar in der franz&ouml;sischen PS mit nur f&uuml;nf Prozent. Zumal f&uuml;r die britische Sozialdemokratie eine deutliche Diskrepanz zwischen mittigen Mitgliedern und einer viel traditionelleren, formal geringer gebildeten, arbeiterlastigeren und status&auml;rmeren W&auml;hlerschaft kennzeichnend ist.</p>
<p>Auf der anderen Seite bleiben Parteien mit in Politikorientierung, Mitgliedersozialstruktur und W&auml;hlerschaft deutlich &#8222;mittigeren&#8221; Charakteristika offener und affirmativer gegen&uuml;ber dem Themenkomplex Europa. Dies aber nicht aus dem Traditionsargument des Demokratischen Sozialismus heraus, dass nur internationale Zusammenschl&uuml;sse der Unterdr&uuml;ckten Druck auf das ebenfalls international organisierte Kapital auszu&uuml;ben verm&ouml;gen, sondern aus der Lebenssituation und Daseinserfahrung ihrer Mit-glieder und Anh&auml;nger begr&uuml;ndet: Die franz&ouml;sische PS beispielsweise ist nie eine Partei der Arbeiter im Wortsinne gewesen, sie ist es allerdings heute weniger denn je, da sich in ihr &uuml;berwiegend leitende Angestellte und die Angeh&ouml;rigen des &ouml;ffentlichen Dienstes sammeln. Zu den gerade einmal f&uuml;nf Prozent Arbeiter in der Mitgliedschaft kommen nur etwa zehn weitere Prozent einfache Angestellte hinzu.[11] Eine Partei der &#8222;Neue[n] Mittelschichten mit Tendenz zum Elitismus&#8221; &#8211; so charakterisierte die Politikwissenschaftlerin Ina Stephan auf pr&auml;gnante Weise die PS.[12]</p>
<p>Diesen Menschen ist Europa aber kaum je zur Bedrohung, ist die EU nicht als Rationalisierungsagent und Flexibilit&auml;tsapostel gef&auml;hrlich geworden. F&uuml;r sie bedeuteten die Erweiterung des Wirtschaftsraumes, die Zollunion und das Schengen-Abkommen alle-samt Zuw&auml;chse an M&ouml;glichkeiten, sei es zum Reisen, zum Studieren in anderen L&auml;ndern oder eben mit Blick auf die Freiheit zur Auswahl der m&ouml;glichen Arbeitgeber. Und so verwundert es nicht, dass gerade die PS mit oft prononciert europafreundlichen Positionen auftritt.</p>
<p>Auch die SPD l&auml;sst an ihrer Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die europ&auml;ische Integration nicht zuletzt aus sozialstrukturellen Gr&uuml;nden keine Zweifel aufkommen, denn auch f&uuml;r die deutschen Genossen haben die Wurzeln in der Arbeiterbewegung nurmehr eine folkloristische Funktion zur Besinnung bei Parteiabenden und geselligen Veteranentreffen. Als Schutzpatron der einfachen Leute, Geringqualifizierten und Facharbeiter vor den Unw&auml;gbarkeiten der &ouml;konomischen Krisen und Entwicklungen au&szlig;erhalb des eigenen Horizonts jedenfalls tritt die SPD kaum noch auf- es gibt mittlerweile auch einfach viel zuwenige Parteimitglieder, welche Einblicke in die Lebenswirklichkeiten, N&ouml;te und Sozialmoralen im gesellschaftlichen Unten besitzen und die dort grassierenden, individuell oft v&ouml;llig rationalen &Auml;ngste nachvollziehen k&ouml;nnen.</p>
<h5>Eine neue Erz&auml;hlung f&uuml;r Europas Sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;tie?</h5>
<p>Gleichzeitig aber war es in den letzten zwei Jahrzehnten unver&auml;ndert so, dass sich die Erfolgsrezepte sozialdemokratischer Wahlerfolge nicht grundlegend gewandelt haben. Alle gro&szlig;en sozialdemokratischen Wahlsiege der letzten Jahrzehnte gr&uuml;ndeten auf einer elektoralen Verbindung der sozialen Mitte mit den Unterschichten. Nur durch eine pro-grammatische, stilistische und rhetorische Verkn&uuml;pfung der Ansprache dieser beiden Bereiche der&#8217;Gesellschaft konnte die Sozialdemokratie mehrheitsf&auml;hig werden. Tony Blairs New Labour 1997, die &#8222;Innovation und Gerechtigkeit&#8221; Schr&ouml;ders und Lafontaines, die Wahlsiege Zapateros in Spanien &#8211; dies wurde erreicht durch eine Versicherung, &ouml;konomische Prosperit&auml;t schaffen zu k&ouml;nnen, sie zum Wohle des Einzelnen zu nutzen und durch Absicherung und Verteilung zu flankieren. Auch im Hinblick auf die Europapolitik in der Krise liegt ein politisches Erfolgsrezept f&uuml;r die Sozialdemokratie sicherlich in der Verkn&uuml;pfung der &Auml;ngste und Hoffnungen dieser beiden sozialen Pfeiler der europ&auml;ischen Gesellschaften, d. h. Sozialdemokraten m&uuml;ssen die &Auml;ngste in den sozialen Souterrains ebenso wie die Hoffnungen und Erwartungen in der gesellschaftlichen Mitte ansprechen.</p>
<p>Wie dies in den postmodernen und postindustriellen Gesellschaften zu leisten ist, dar&uuml;ber gibt es v. a. im Umfeld der britischen Labour Party intensive Diskussionen. Unter wechselnden Farb&uuml;berschriften &#8211; zun&auml;chst Blue Labour, sp&auml;ter kam Purple Labour hinzu &#8211; wurden zuletzt Aspekte konservativer, sozialdemokratischer, sozialistischer wie kommunitaristischer Politik aufgegriffen und zu neuen Synthesen vermischt.[13] Zum einen geht es bei diesen Konstrukten um eine zeitgem&auml;&szlig;e Definition von Freiheit als zentraler Vokabel sozialdemokratischer Politikanstrengungen. Gerade der Freiheitsbegriff ist in seiner &ouml;konomischen Bedeutung vom Neoliberalismus derart &uuml;berstrapaziert worden, dass man ihn letzten Endes kaum mehr als sozialdemokratischen Kernbegriff verstehen konnte. Die Verbindung der Capability-Ans&auml;tze des &Ouml;konomen und Philosophen Amartya Sen[14] mit dem positiven Freiheitsbegriff von Philip Pettit[15], der von Jose Luis Zapatero in Spanien aufgegriffen worden ist, besitzt f&uuml;r die Sozialdemokratien Europas Potential. Sen und Pettit definieren Freiheit (und Gerechtigkeit) nicht &#8211; wie die Neoliberalen &#8211; als Abwesenheit von Zw&auml;ngen, sondern als die M&ouml;glichkeit, selbstbestimmt und in W&uuml;rde, ohne Unterdr&uuml;ckung seine eigenen Lebensentw&uuml;rfe verwirklichen zu k&ouml;nnen. Auch Tristram Hunt greift in seinem Beitrag zu Purple Labour genau diese positive Begriffsf&uuml;llung auf und fordert, sich nicht mehr dr&auml;ngen zu lassen, zwischen Freiheit und Gleichheit zu entscheiden.[16] Auf die sozialdemokratische Aufgabe gem&uuml;nzt, die gesellschaftliche Mitte mit den sozial schw&auml;cheren Schichten zu verbinden, b&ouml;te eine solche Freiheitsdefinition die Chance, &ouml;konomische Prosperit&auml;tspolitiken mit einer Absicherungs- und Schutzpolitik f&uuml;r die &ouml;konomisch und sozial Exponierten zu verbinden.</p>
<p>Aber auch wirtschaftspolitisch und mit Blick auf die dem Staat zugewiesene Rolle im Gemeinwesen sind die britischen Diskussionen inspirierend. Denn eine heute und in Zukunft erfolgreiche sozialdemokratische Wirtschafts- und Haushaltspolitik m&uuml;sste &#8212; wiederum nach Hunt &#8212; in zwei Aspekten der ver&auml;nderten Weltlage nach der Wirtschafts- und Finanzkrise entsprechen. Zun&auml;chst sei der Staat als direkte Interventionsund Schutzkraft in der gegenw&auml;rtigen Krise an seine Leistungsgrenze gesto&szlig;en, vielleicht gar bereits &uuml;berdehnt worden. Eine glaubw&uuml;rdige und &uuml;berzeugende sozialdemokratische Politik m&uuml;sse dem Rechnung tragen und andere Wege und Formen der Absicherung und Schutzm&ouml;glichkeiten, aber eben auch der Wirtschaftsf&ouml;rderung suchen. Der Blick in die eigene Bewegungshistorie mit ihrer Vielzahl an Assoziationen und Genossenschaften sei da f&uuml;r eine erneuerte Wirtschaftsordnung viel versprechend, auch um Marktungleichgewichte auszugleichen. Es gehe freilich nicht darum, jeglichen staatlichen Eingriff aufzugeben, sondern um eine Konzentration auf das Wiederentdecken der eigenen &#8222;Mission&#8221;, des individuellen Beitrages zur w&uuml;nschenswerten Gesellschaft.[17] Bekenntnisse zur Subsidiarit&auml;t, die Erm&auml;chtigung kleiner Einheiten und Hilfestellungen bei der Selbstorganisation k&ouml;nnten f&uuml;r Europa einen gangbaren Weg aus der gegenw&auml;rtigen Zustimmungs- und Vertrauenskrise weisen.</p>
<p>Als zweites aber, und darin stimmen die meisten der Diskutanten &#8212; unabh&auml;ngig von ihrer Farbpr&auml;ferenz f&uuml;r eine blaue oder violette Sozialdemokratie &#8212; &uuml;berein, bleibt als Res&uuml;mee der Wirtschaftskrise, dass f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre &#8212; vielleicht Jahrzehnte &#8212; die Frage der Budgetpolitik der Dreh- und Angelpunkt einer glaubw&uuml;rdigen Wirtschaftspolitik sein wird. Hier die Emotionen und Unsicherheiten aufzugreifen und ernst zu nehmen, als Sozialdemokratie ein neues Konzept des Staates als Lender of last resort, als Kreditgeber letzter Instanz jenseits von expansiver Finanzpolitik zu entwickeln, scheint unabdingbar zu sein.</p>
<p>Insofern m&uuml;sste es f&uuml;r die sozialdemokratische Europapolitik der kommenden Zeit darum gehen, die Schutzfunktionen einer &uuml;bernationalen Einheit &#8212; wie bisher ja schon &#8212; zu betonen, sie aber auch neue Wege gehen und die alte Interventionsfixierung hinter sich zu lassen. Denn drei Dinge m&uuml;sste ein zuk&uuml;nftiges Europa f&uuml;r die Sozialdemokratie leisten k&ouml;nnen: Es m&uuml;sste den Schwachen Schutz garantieren; es m&uuml;sste eine Institution sein, die f&uuml;r eine prosperierende &ouml;konomische Zukunft b&uuml;rgt. Und es m&uuml;sste in einer Art und Weise verfasst sein, die eine &Uuml;berdehnung analog zur momentanen Schuldenkrise m&ouml;glichst verhindert. Viel Arbeit im (umstrittenen) Detail f&uuml;r Europas Sozialdemokraten.</p>
<p>[1] Vgl. Ulrich, Bernd: Oh Gott, die EU wird spannend! in: Zeit, 08.12.2011.<br />[2] Krell, Christian: Sozialdemokratie und Europa. Die Europapolitik von SPD, Labour Party und Parti Socialiste, Wiesbaden 2009, S.399.<br />[3] Krell, Christian: Sozialdemokratie und Europa. Die Europapolitik von SPD, Labour Party und Parti Socialiste, Wiesbaden 2009, S.487.<br />[4] Vgl. Leith&auml;user, Johannes: Gl&uuml;cklich isoliert, in: FAS, 11.12.2011.<br />[5] Zit. in o. V., Tones und Labour pr&auml;sentieren unterschiedliche Standpunkte zu EU, in: <a href="https://www.humanistische-union.de/http%3A/www" target="_blank" rel="noopener">http://www</a>. euractiv.com/de/prioritaten/tories-und-labour-praesentieren-unterschiedliche-standpunkte-zu-eunews-445005 [zuletzt eingesehen am 15.12.2011],<br />[6] Foa, Roberto: Ist ein Sieg der Labour Party auch ein Gewinn f&uuml;r Europa?, in: http;l/www.cafebabel.de/article/13699/ist-ein-sieg-der-labour-party-auch-ein-gewinn-fur-europa.html [zuletzt eingesehen am 15.12.2011]).<br />[7] Vgl. Schlote, Sara: Auf einer Linie? Vorstellungen der europ&auml;ischen Sozialdemokratie zur Gestaltung Europas und der Globalisierung, in: FES IPA, Dezember 2011.<br />[8] Kr&ouml;nig, J&uuml;rgen: Gro&szlig;britannien nach Labour, FES IPA, Mai 2010, S.7f.<br />[9] Vgl. Lawson, Neal/Spiegel, Karl-Heinz: Jahresbilanz f&uuml;r einen Hoffnungstr&auml;ger, FES IPA, Septem- &#8218; ber 2011, 5.4.<br />[10] Vgl. hierzu auch grundlegend J&uuml;rgen Habermas, Zur Verfassung Europas: ein Essay, Berlin 2011.<br />[11] Vgl. Udo Kempf, Das politische System Frankreichs, Wiesbaden 2007, S. 188; Ina Stephan, Die<br />Parti Socialiste, in: Sabine Ru&szlig; u. a. (Hrsg.): Parteien in Frankreich. Kontinuit&auml;t und Wandel in der<br />V. Republik, Opladen 2000, 5.147 &#8211; 171, hier 5. 165.<br />[12] Stephan, Die Parti Socialiste, S. 165.<br />[13] Vgl. dazu die B&uuml;cher: Philip Blond, Red Tory. How Left and Right have broken Britain and how we can fix it, London 2010; Robert Philpot (Hrsg.): The purple book. A progressive Future for Labour, London 2011; Rowenna Davis, Tangled up in Blue. Blue Labour and the Struggle for Labour&#8217;s So&uuml;l, 2011.<br />[14] Vgl, hierzu Amartya Sen, &Ouml;konomie f&uuml;r den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t in der Marktwirtschaft, M&uuml;nchen 2007, S. 94f.<br />[15] Vgl. Jose Luis Marti / Philip Pettit, A Political Philosophy in Public Life. Civic Republicanism in Zapatero&#8217;s Spain, Princeton 2010, S. 73.<br />[16] Vgl. Tristram Hunt, Reviving our sense of mission: designing a new political economy, in: Philpot, The purple book, S. 61 &#8211; 79.<br />[17] Vgl. ebenda.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/196-vorgaenge/publikation/der-europapolitische-januskopf-der-sozialdemokratie/">Der europapolitische Januskopf der Sozialdemokratie</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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