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	<title>Florian Beger Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Anmerkungen zur Beschneidungsdebatte</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/201-202/publikation/anmerkungen-zur-beschneidungsdebatte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jul 2013 02:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bioethik]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorg&#228;nge Nr. 201/202 (1/2-2013), S. 157-162 Im vergangenen Jahr debattierte die Bundesrepublik eifrig &#252;ber die Zul&#228;ssigkeit der Beschneidung minderj&#228;hriger Jungen. Das Thema polarisierte nicht nur die Gesellschaft, sondern hinterlie&#223; auch in Organisationen wie der Humanistische Union seine Spuren. Florian Beger wagt einen R&#252;ckblick, was eine B&#252;rgerrechtsorganisation aus dieser Debatte lernen kann. Die Debatte &#252;ber [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/201-202/publikation/anmerkungen-zur-beschneidungsdebatte/">Anmerkungen zur Beschneidungsdebatte</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 201/202 (1/2-2013), S. 157-162</p>
<p>Im vergangenen Jahr debattierte die Bundesrepublik eifrig &uuml;ber die Zul&auml;ssigkeit der Beschneidung minderj&auml;hriger Jungen. Das Thema polarisierte nicht nur die Gesellschaft, sondern hinterlie&szlig; auch in Organisationen wie der Humanistische Union seine Spuren. Florian Beger wagt einen R&uuml;ckblick, was eine B&uuml;rgerrechtsorganisation aus dieser Debatte lernen kann.</p>
<p>Die Debatte &uuml;ber Knabenbeschneidung ist ein gutes Beispiel f&uuml;r die seltsame Eigendynamik gesellschaftlicher Erregungsprozesse: Schien gestern gar niemand dem Problem gr&ouml;&szlig;ere Aufmerksamkeit zu schenken, geschweige denn davon &ouml;ffentlich zu reden, erregt der recht zuf&auml;llige Urteilsvorgang die Gem&uuml;ter zur Hitzk&ouml;pfigkeit, wird zum Anlass f&uuml;r Diskussionen, die dann gef&uuml;hrt werden wie heftige Schlachten, in denen R&uuml;ckzug oder Waffenstillstand f&uuml;r manche nicht infrage kommt.<br />Zur Frage, wie die Humanistische Union sich in dieser Diskussion zu positionieren h&auml;tte, l&auml;sst sich anhand der Qualit&auml;t der Debatte schon eine erste, interessante Beobachtung machen: Ist die Humanistische Union nicht ansonsten regelm&auml;&szlig;ig auf der oft quantitativ unterlegen erscheinenden Seite der ruhigen Mahner und Hinterfragenden, die dem aufgeregten Ruf etwa nach neuen &#8222;Sicherheitsgesetzen&#8220; angesichts konkreter Gefahrensituationen entgegentritt? Im Beschneidungsfall sollen wir uns hingegen diskursstrategisch neu positionieren.<br />Nicht nur dies: mit einem Male wird die f&uuml;r unseren Verband doch recht ungew&ouml;hnliche Auffassung vertreten, ein gesellschaftlicher Konfliktfall k&ouml;nne mit einem &#8222;Mehr&#8220; an strafrechtlicher Regulierung gel&ouml;st werden. Also auch politpragmatisch wird uns von einigen der sog. Beschneidungsgegner eine methodologische Neuorientierung empfohlen.<br />Bedenklich ist auch, dass einige Diskussionsteilnehmer sich nicht des Diskussionsniveaus der Kommentarspalten von &#8222;Spiegel Online&#8220; oder &#8222;Welt.de&#8220; enthalten m&ouml;chten. Unbelegte &#8222;Opferzahlen&#8220;, Vorw&uuml;rfe, der andere sei hinsichtlich der gemeinsamen Wertebasis Verr&auml;ter &#8211; eine solche Diskussion wird schnell anstrengend f&uuml;r denjenigen, der (offenbar mangels Prinzipientreue) die ganze Frage noch mit einem k&uuml;hlen Blick f&uuml;r Argumente unterschiedlicher Richtungen und kreative Streitl&ouml;sungsans&auml;tze<br />betrachten m&ouml;chte.<br />Ferner haben manche Bef&uuml;rworter einer Kriminalisierung der Knabenbeschneidung ein sehr unangenehmes Argument in die Debatte eingef&uuml;hrt: Sie behaupteten wiederholt, mit dem Verzicht auf eine Kriminalisierung reagiere man auf die Schoah. Das vor Jahrzehnten von Deutschen ausge&uuml;bte Unrecht d&uuml;rfe nicht zur Legitimierung neuen Unrechts dienen. Dieses &#8222;Argument&#8220; ist aus den primitiveren Str&auml;ngen der sog. Israel-Kritik aller sie betreibenden politischen Lager wohlbekannt und auch aus anderen Zusammenh&auml;ngen. Dem ist streng entgegenzuhalten: um f&uuml;r gesellschaftlichen Pluralismus zu sein und die Existenz eines vitalen Judentums in Deutschland als eine Bereicherung zu erfahren, angesichts der Geschichte zudem f&uuml;r ein gro&szlig;es historisches Gl&uuml;ck zu halten, muss man keineswegs st&auml;ndig von historischen Schuldgef&uuml;hlen geplagt sein. Die Behauptung, es gebe Denkverbote angesichts historischer Verantwortung ist dagegen eine Plage!<br />Soviel zur Qualit&auml;t der Debatte auch innerhalb des Verbands. &#8230; Ich will nun einige &Uuml;berlegungen skizzieren, die mich zu einer &uuml;berzeugten Anh&auml;ngerschaft einer moderaten Haltung in der Frage der Knabenbeschneidung bewegen. Zun&auml;chst einmal ist auf einen historischen Sachverhalt hinzuweisen, und zwar auf die Genese dessen, was man &#8222;B&uuml;rgerrechtsbewegung&#8220; in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg nennen kann. In internationaler Perspektive ging ihr wesentlicher Impuls von der revitalisierten Gleichstellungsbewegung der Afroamerikaner in den USA seit den 1950er Jahren aus. Jede zeitgen&ouml;ssische B&uuml;rgerrechtsbewegung ist von ihren Fundamenten her zugleich eine Bewegung f&uuml;r gesellschaftlichen Pluralismus. Die gesellschaftliche Gleichstellung der marginalisierten Minderheit musste aber &uuml;ber die rein rechtliche Gleichstellung hinausgehen! Sie konnte sich nicht auf die Beseitigung diskriminierender Gesetze beschr&auml;nken, sondern musste selbst Rechte Dritter einschr&auml;nken, um gesellschaftlich wirksam zu werden &#8211; etwa die Vertragsfreiheit, indem sie Diskriminierung aufgrund der Rasse im Gesch&auml;ftsleben einschr&auml;nkte. B&uuml;rgerrechtsbewegung hie&szlig; von Anfang an B&uuml;rgerrechtspolitik &#8211; sie musste Rechte Dritter beschr&auml;nken, um ihre Werte zu realisieren.<br />Aus dieser historischen Betrachtung lassen sich in meinen Augen f&uuml;r die Gegenwart zwei Schl&uuml;sse ziehen:<br />1. Grundanliegen einer B&uuml;rgerrechtsorganisation muss die <b>Wahrung des gesellschaftlichen Pluralismus</b> sein. In diesem Punkt sind beizeiten auch in unserem Verband Defizite erkennbar. Wenn &#8211; wie dem Autor mehrfach aufgefallen ist &#8211; etwa erst erkl&auml;rt werden muss, warum Behindertenpolitik B&uuml;rgerrechtspolitik und somit Teil unseres Zust&auml;ndigkeitsbereiches ist. In jedem Fall muss es uns ein Anliegen sein, dass Juden und Muslime selbstbewusst in Deutschland leben k&ouml;nnen.<br />2. B&uuml;rgerrechtspolitik bedeutet nicht (allein) die Definition eines unverletzlichen Kanons gewisser Grundrechte, sie ist von Anfang an zu einem <b>Prozess des Ausgleichs zwischen diesen Grundrechten</b> und ihren Tr&auml;gern &#8218;verurteilt&#8216;. Zwar ist der Grundrechtseingriff als solcher das problematisierende Alarmsignal f&uuml;r b&uuml;rgerrechtlich Engagierte &#8211; er kann aber einerseits nicht als rein formales Geschehen diskutiert werden, andererseits nicht leichtfertig als Legitimation f&uuml;r weitere Grundrechtseingriffe dienen. Das allen einleuchtende Beispiel muss in dieser Frage doch sein, dass wir zur Verteidigung des elementaren Grundrechts auf Leben gegen&uuml;ber Terroristen nicht jeden anderen Grundrechtseingriff (durch den Staat) legitimieren k&ouml;nnen, im Gegenteil, wir warnen davor! Umgekehrt setzen sich b&uuml;rgerrechtlich Bewegte aber durchaus auch f&uuml;r die Einschr&auml;nkung von Grundrechten ein, wenn sich dies als das schwierige, im Einzelfall vorl&auml;ufig unumg&auml;ngliche Ergebnis eines Abw&auml;gungsprozesses aufdr&auml;ngt &#8211; etwa zur Bek&auml;mpfung gesellschaftlicher Diskriminierungen gegen Minderheiten. Aber sicherlich auch zum Schutz der Kinder. Hier wird nur skizziert, dass wir uns in einem komplizierten, fortlaufenden Abw&auml;gungsprozess befinden, in dem die Vorstellung, eine letzte Wahrheit, einen unver&auml;u&szlig;erlichen Standpunkt gefunden zu haben, unangebracht ist.<br />Sicherlich ist die Formierung der Humanistischen Union als intellektuell ma&szlig;geblicher B&uuml;rgerrechtsorganisation im Nachkriegsdeutschland von den oben angesprochenen amerikanischen Entwicklungen verschieden. Von Anfang an war f&uuml;r sie, das zum Jubil&auml;um j&uuml;ngst re-publizierte Gr&uuml;ndungsmanifest deutet in seiner Schwerpunktsetzung darauf hin, stark kirchenkritisch gepr&auml;gt. Ich m&ouml;chte dies auch als eine Auspr&auml;gung des in &uuml;bergreifender Perspektive typisch deutschen zeitgen&ouml;ssischen Impuls zur Machtbeschr&auml;nkung gesellschaftlicher Institutionen deuten[1]. Es handelt sich bei diesem Grundanliegen um ein nach wie vor sehr positiv zu bewertendes Element der bundesrepublikanischen Tradition, das leider in Vergessenheit zu geraten scheint und durchaus engagiert in Erinnerung gehalten werden sollte. Aber von einem solchen Grundaxiom geleitete Vorstellungen m&uuml;ssen sich auch von empirisch feststellbaren gesellschaftlichen Entwicklungen tangieren lassen. Hinsichtlich etwa der Rolle der christlichen Kirchen ist im Vergleich zu den Verh&auml;ltnissen der 1950er bis 1960er Jahre eine deutliche Marginalisierung nicht zu leugnen, auch wenn anachronistische Privilegien nach wie vor bestehen, die der Kritik eines Verbandes wie der Humanistischen Union ausgesetzt werden m&uuml;ssen.<br />Wer aber von der Vermeidung von Machtkonzentrationen als einem zentralen Anliegen ausgeht, wird heute einr&auml;umen m&uuml;ssen, dass eine kirchen- oder gar religionskritische Haltung um ihrer selbst willen nicht (mehr) angebracht ist. Dies sage ich angesichts eines gewissen Unbehagens, dass zahlreiche Diskutanten die religi&ouml;se Begr&uuml;ndung der Knabenbeschneidung prinzipiell f&uuml;r illegitim halten. Es scheint manchen weniger um die Verletzung des Grundrechts auf Unversehrtheit zu gehen, als dessen religi&ouml;se Begr&uuml;ndung. Das ist allerdings eine problematische Argumentation, weil sie zugleich (ungewollt?) geeignet ist, vermeintlich rational begr&uuml;ndete Eingriffe zu legitimieren.<br />Es besteht die Gefahr, tats&auml;chlich bestehende Machtverh&auml;ltnisse auf diesem Wege (ungewollt) zu verschleiern. Etwa wenn gefordert wird, die Zirkumzision Minderj&auml;hriger nur in medizinisch indizierten F&auml;llen zu erlauben. In der Kritik an der religi&ouml;s motivierten Einschr&auml;nkung der k&ouml;rperlichen Unversehrtheit liegt die Legitimation einer der Kritik durchaus w&uuml;rdigen medizinischen, vermeintlich-rationalen Legitimation solcher Eingriffe verborgen. Ab welchem Punkt ist eine Beschneidung medizinisch angezeigt? Urologen werden auf diese Frage sehr unterschiedliche Antworten geben. Eine Phimose an sich stellt in den meisten F&auml;llen wohl keine tats&auml;chliche Einschr&auml;nkung dar. Ich behaupte, dass zahlreiche medizinisch indizierte Beschneidungen doch pr&auml;ventiven Charakter haben und medizinisch diskutabel sind. Die Kritiker der Beschneidung aus religi&ouml;sen Motiven w&auml;ren dann glaubw&uuml;rdiger, wenn sie forderten, diese auch aus medizinischen Gr&uuml;nden nur im Notfall durchzuf&uuml;hren, etwa bei vorliegender Paraphimose, was sicherlich nur in der Minderheit der medizinisch legitimierten Eingriffe der Fall ist.<br />Medizin ist kein Feld, das hinsichtlich seiner Potentiale der illegitimen Machtaus&uuml;bung auf Unterlegene, in diesem Falle der Knaben, unhinterfragt bleiben darf. Die verbreitete Knabenbeschneidung im S&auml;uglingsalter in den USA ist meines Erachtens auch Ergebnis eines im viktorianischen Zeitalter gef&uuml;hrten medizinischen Diskurses &uuml;ber die vermeintlichen Gefahren der Masturbation[2].<br />Neben der Knabenbeschneidung gibt es zahlreiche wesentlich gravierendere Eingriffe, die von den Anh&auml;ngern des Verbots der religi&ouml;s motivierten Beschneidung inkonsequenterweise oftmals unerw&auml;hnt bleiben: Wie stehen wir zur zwangsweise vorgenommenen anatomischen Festlegung der Geschlechtsmerkmale an Kleinkindern? Es ist zu hoffen, dass wir als Humanistische Union diese Praxis, gerade auch im Dialog mit den sich inzwischen gl&uuml;cklicherweise selbstbewusster &auml;u&szlig;ernden Betroffenen, kritisieren wollen! Aber werden wir in diesem wesentlich gravierenderen Falle gleich nach strafrechtlicher Verfolgung rufen? Wie steht es um das weite Feld &auml;sthetischer Eingriffe, die etwa mit psychologischen Folgen abweichenden Aussehens begr&uuml;ndet werden? In der Analyse gesellschaftlicher Machtverh&auml;ltnisse m&uuml;sste dringend die Marginalisierung und Diskriminierung des abweichend Aussehenden das entscheidende Feld der Problematisierung und Auseinandersetzung sein &#8211; aber wollen wir hier die strafrechtliche Verfolgung von Eltern und &Auml;rzten einfordern?<br />Die Quintessenz dieser &Uuml;berlegungen ist f&uuml;r mich folgende: Religi&ouml;s bedingte Verletzungen der Grundrechte bed&uuml;rfen der Kritik, aber das betrifft vermeintlich rational begr&uuml;ndete Verletzungen ebenfalls und vielleicht in zunehmendem Ma&szlig;e. Die Frage, wie sich diese Kritik in praktische Politik &uuml;bersetzt kann angesichts der angedeuteten Gefahr, inkonsequent und insofern ungerecht aufzutreten, nicht im proklamatorischen Ton gef&uuml;hrt werden. Der Schritt zur Kriminalisierung muss als ultima ratio angesehen und kann deswegen seltenst eindeutige Antwort auf gesellschaftliche Konfliktf&auml;lle darstellen.<br />Als letzten Gedanken m&ouml;chte ich anf&uuml;hren, dass ich es aus einer emanzipatorischen Sicht ebenfalls f&uuml;r problematisch halte, dass der durchaus m&ouml;gliche Wille des Knabens zu einer religi&ouml;s motivierten Beschneidung als Ergebnis elterlicher Au&szlig;enleitung diffamiert wird. Die Unm&uuml;ndigkeit des Knaben wird betont; es wird ihm aus einer eigentlich doch formalistischen Haltung heraus abgesprochen, sich etwa im Alter von zw&ouml;lf Jahren aus freien St&uuml;cken f&uuml;r eine religi&ouml;s begr&uuml;ndete Beschneidung zu entscheiden. Insofern ist es ja nicht nur das Elternrecht, das hier eingeschr&auml;nkt werden soll, sondern auch die m&ouml;gliche Entscheidung des heranwachsenden Jungen. Ich m&ouml;chte dagegen die Behauptung aufstellen, dass ein Zw&ouml;lfj&auml;hriger durchaus eine derartige Entscheidung aus eigenem Willen heraus fassen kann. Ebenso, wie ein M&auml;dchen sich f&uuml;r das Stechen von Ohrl&ouml;chern entscheiden k&ouml;nnte. Nat&uuml;rlich ist eine solche Argumentation aus guten Gr&uuml;nden eng zu begrenzen. Im Endeffekt befinden wir uns auf einem Feld, das sich moralisch nur im Einzelfall endg&uuml;ltig entscheiden l&auml;sst, da die individuelle Reife ein Feld gro&szlig;er Varianz darstellt. Gerade hinsichtlich der k&ouml;rperlichen und psychischen Unversehrtheit f&uuml;hrt kein Weg daran vorbei, im Zweifel davon auszugehen, dass Kind oder der Jugendliche sei zu einer eigenst&auml;ndigen Willensbildung nicht vollst&auml;ndig in der Lage. Wir bewegen uns aber auf einem sehr problematischen Feld, in dem die letzten Antworten selbst problematischen Charakter haben k&ouml;nnen.<br />Es ist daher zu bedauern, dass ein vom Abgeordneten Jerzy Montag zu dem im Bundestag verabschiedeten Gesetz eingebrachter &Auml;nderungsantrag[3] in der &ouml;ffentlichen Diskussion eine so geringe Resonanz gefunden hat. Ziel des &Auml;nderungsantrages war es zum einen, den Eingriff durch religi&ouml;se Beschneider auf eine Frist von 14 Tagen nach der Geburt zu beschr&auml;nken, denn in diesem Zeitraum werden auch medizinisch begr&uuml;ndete Eingriffe ohne Narkose durchgef&uuml;hrt, da dies in der Gesamtabw&auml;gung als das schonendere Verfahren gilt. Zudem sollte dem &Auml;nderungsantrag zufolge beim artikulationsf&auml;higen Jungen gegen dessen bekundeten Willen der Eingriff nicht erlaubt sein. Dieser &Auml;nderungsantrag schien mir deutlich differenzierter als die im Bundestag mehrheitlich verabschiedete Regelung.<br />Summarisch l&auml;sst sich festhalten, dass der vorliegende Fall eine Organisation wie die Humanistische Union vor Schwierigkeiten stellen musste, da mehrere Grundanliegen gegeneinanderstanden: individuelle Grundrechtswahrung, Machtbeschr&auml;nkung gesellschaftlicher Institutionen, Verteidigung der gesellschaftlichen Vielfalt (letzteres hei&szlig;t f&uuml;r j&uuml;disches und muslimisches Leben in Deutschland einzutreten). F&uuml;r &uuml;berzeugte Anh&auml;nger all dieser Werte kann es keine befriedigende L&ouml;sung des Problems geben. Dass f&uuml;r einige ein Kompromiss untragbar war, ist aus der Tatsache zu erkl&auml;ren, dass jeder Engagierte der Humanistischen Union die vorliegenden Grundwerte in einer individuell verschiedenen Gewichtung vertritt, was ja eine gute Sache ist und die Vielfalt einer Organisation ausmacht, die mehr als ein Einzelanliegen vertritt.<br />Die Frage ist, wie man in Zukunft mit derartigen Konfliktf&auml;llen umgehen mag, ohne einen st&auml;ndigen Aderlass der Organisation zu bef&uuml;rchten, weil sich einige Mitglieder nicht mehr reflektiert f&uuml;hlen. Es kann durchaus auch Ausdruck von St&auml;rke sein, im Zweifel innere Uneinigkeit im &ouml;ffentlichen Handeln auszudr&uuml;cken und anstelle von politischen Erkl&auml;rungen Einladungen f&uuml;r intensivere Diskussionen auszusprechen. Andererseits kann solch streng moderates Auftreten auch zu einer gewissen L&auml;hmung unserer Politikf&auml;higkeit f&uuml;hren. Es ist allerdings davor zu warnen, nun eine allzu detaillierte Grundwertediskussion zu beginnen, die zu allen m&ouml;glichen gesellschaftlichen Konfliktfeldern, die auch aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht differenziert zu betrachten sind, eine Letztentscheidung herbeif&uuml;hren soll. Im Endeffekt bedeutet zivilgesellschaftliches Engagement immer, dass dieses nicht v&ouml;llig autonom entsprechend der eigenen inhaltlichen Festlegungen im Detail stattfinden kann. Immer wird man durch Partizipation an vorhandenen Organisationen inhaltliche Kompromisse eingehen m&uuml;ssen. Eine Kultur des Respekts vor Minderheitenmeinungen innerhalb des Verbands kann aber dazu beitragen, diese unvermeidliche Zumutung aushaltbarer zu machen.</p>
<p><b>LITERATUR ZUM THEMA</b></p>
<p><b><br /></b>Z&uuml;lfukar &Ccedil;etin, Heinz-J&uuml;rgen Vo&szlig;, Salih Alexander Wolter: Interventionen gegen die deutsche &#8222;Beschneidungsdebatte&#8220;. Edition Assemblage, November 2012, 92 Seiten, 9.80 &#8364;. ISBN: 978-3942885423<br />Johannes Heil, Stephan J. Kramer (Hrsg.): Beschneidung &#8211; Das Zeichen des Bundes in der Kritik. Zur Debatte um das K&ouml;lner Urteil. Metropol-Verlag, Berlin 2012, 19.- &#8364;. ISBN 978-3863310981<br />Tilman Jens: Der S&uuml;ndenfall des Rechtsstaats: Eine Streitschrift zum neuen Religionskampf. Aus gegebenem Anlass. G&uuml;tersloher Verlagshaus, April 2013, 127 S. , 14.99 &#8364;. ISBN: 978-3579066325.<br />Heathcote Williams, Werner Pieper, Bill Levy: Aus den Vorhaut Akten. Verlag Gr&uuml;ne Kraft, Januar 1989, 100 S., 9.- &#8364;. ISBN: 978-3925817281.</p>
<p><b>FLORIAN BEGER</b> geb. 1984, katholischer Konfession, studiert seit 2007/2008 Geschichtswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften an der Universit&auml;t Siegen. Von 2004-2009 war er (j&uuml;ngstes) Mitglied des Rats der Stadt Bonn f&uuml;r die Fraktion B&#8217;90/Gr&uuml;ne. Er ist in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen t&auml;tig und bet&auml;tigt sich daneben auch journalistisch, u.a. seit Oktober 2010 als regelm&auml;&szlig;iger Autor des Stadtmagazins Schn&uuml;ss.</p>
<p>Anmerkungen</p>
<p>1Der Drang zur Beschr&auml;nkung der Machtkonzentration bei gesellschaftlichen Institutionen war meines Erachtens ein aus historischen Erfahrungen gewachsenes Grundgef&uuml;hl der Zeit, das sich auch anhand anderer intellektueller Diskurse nachvollziehen l&auml;sst: so bei den Theoretikern der Sozialen Marktwirtschaft, die eben in der Machtansammlung &ouml;konomischer Einheiten eine gro&szlig;e Gefahr f&uuml;r die Freiheit sahen.<br />2Siehe die Zitate aus zeitgen&ouml;ssischen &auml;rztlichen Traktaten: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision#Neuzeit" target="_blank" rel="noopener">http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision#Neuzeit</a>, Link gepr&uuml;ft 7.7.2013.<br />3BT-Drs. 17/11816 v. 11.12.2012, s. <a href="http://jerzy-montag.de/pressemitteilungen/volltext-pressemitteilungen/article/legal_oder_illegal_wie_geht_es_weiter_mit_der_beschneidungsdebatte/" target="_blank" rel="noopener">http://jerzy-montag.de/pressemitteilungen/volltext-pressemitteilungen/article/legal_oder_illegal_wie_geht_es_weiter_mit_der_beschneidungsdebatte/</a>, Link gepr&uuml;ft 7.7.2013.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>NRW: Bürgerrechts im Fokus &#8211; Diskussion mit den Parteien zur Landtagswahl</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/208-209/publikation/nrw-buergerrechts-im-fokus-diskussion-mit-den-parteien-zur-landtagswahl/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 15 Jul 2010 09:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mitteilungen Nr. 208/209 (1+2/2010), S. 41f. Die K&#246;ln-Bonner Regionalgruppe der HU, der Republikanische Anw&#228;ltinnen- und Anw&#228;lteverein sowie der &#246;rtliche AK Vorratsdatenspeicherung befragten am 28. April die Vertreter der Parteien anl&#228;sslich der bevorstehenden Landtagswahlen. Bis auf die CDU, die keinen Vertreter auf das Podium entsandte, beteiligten sich alle im Landtag vertretenen Parteien an der Runde, die [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Mitteilungen Nr. 208/209 (1+2/2010), S. 41f.</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428bw.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-4142 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428bw.jpg" alt="NRW: B&uuml;rgerrechts im Fokus - Diskussion mit den Parteien zur Landtagswahl" width="600" height="267" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428bw.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428bw-450x200.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p>Die K&ouml;ln-Bonner Regionalgruppe der HU, der Republikanische Anw&auml;ltinnen- und Anw&auml;lteverein sowie der &ouml;rtliche AK Vorratsdatenspeicherung befragten am 28. April die Vertreter der Parteien anl&auml;sslich der bevorstehenden Landtagswahlen. Bis auf die CDU, die keinen Vertreter auf das Podium entsandte, beteiligten sich alle im Landtag vertretenen Parteien an der Runde, die von dem Bonner Politologen Christoph L&ouml;venich moderiert wurde. Themen des Abends waren: die Demokratisierung der Polizei durch unabh&auml;ngige Beauftragte und der Verzicht auf private Sicherheitsdienste als Ersatzpolizisten (so die W&uuml;nsche der HU), die St&auml;rkung des Datenschutzes durch eingeschr&auml;nkte Erhebungsbefugnisse (AK Vorrat) und die Situation im Jugendstrafvollzug des Landes, der nicht erst seit dem &#8222;Foltermord&#8220; von Siegburg in der Kritik steht (RAV). Die Diskussionen des Abends boten interessante Einblicke in die programmatische Ausrichtung der Parteien. Inwiefern die Zusagen, sich bestimmter Misst&auml;nde anzunehmen, nun aber umgesetzt werden k&ouml;nnen, ist angesichts der schwierigen Koalitionsbildung nun aber offen.</p>
<p>Ein ausf&uuml;hrlicher Bericht von den Diskussionen findet sich in der Online-Ausgabe der Mitteilungen bzw. auf der HU-Webseite unter:<br /><a href="https://www.humanistische-union.de/veranstaltungen/berichte/">https://www.humanistische-union.de/veranstaltungen/berichte/</a>.</p>
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            	</item>
		<item>
		<title>Bürgerrechte im Fokus &#8211; Diskussion mit Kandidaten zur Landtagswahl</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/veranstaltungsberichte/2010/buergerrechte-im-fokus-diskussion-mit-kandidaten-zur-landtagswahl/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Apr 2010 11:17:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Veranstaltungsberichte]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen: Berichte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/veranstaltungen/termin/buergerrechte-im-fokus-diskussion-mit-kandidaten-zur-landtagswahl/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Podiumsdiskussion im Bonner Haus der Kirche am 28. April 2010 Auf Einladung der K&#246;ln-Bonner Regionalgruppe der Humanistischen Union, der &#246;rtlichen Gruppen des Republikanischen Anwaltsvereins und des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung hatten Landtagskandidaten bzw. Vertreter der kandidierenden Parteien die Gelegenheit, sich zu Fragen der Grund- und Freiheitsrechte zu &#228;u&#223;ern. Erschienen waren die Kandidaten Bernhard von Gr&#252;nberg (SPD), Eike [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/veranstaltungsberichte/2010/buergerrechte-im-fokus-diskussion-mit-kandidaten-zur-landtagswahl/">Bürgerrechte im Fokus &#8211; Diskussion mit Kandidaten zur Landtagswahl</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Podiumsdiskussion im Bonner Haus der Kirche am 28. April 2010</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-5962 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a-600x268.jpg" alt="B&uuml;rgerrechte im Fokus - Diskussion mit Kandidaten zur Landtagswahl" width="600" height="268" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a-600x268.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a-768x343.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a-1000x446.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a-800x357.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a-450x201.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/koeln20100428a.jpg 1127w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></span></p>
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<p>Auf Einladung der K&ouml;ln-Bonner Regionalgruppe der Humanistischen Union, der &ouml;rtlichen Gruppen des Republikanischen Anwaltsvereins und des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung hatten Landtagskandidaten bzw. Vertreter der kandidierenden Parteien die Gelegenheit, sich zu Fragen der Grund- und Freiheitsrechte zu &auml;u&szlig;ern. Erschienen waren die Kandidaten Bernhard von Gr&uuml;nberg (SPD), Eike Block (Gr&uuml;ne), Christian Horchert (Piraten) und Monika Dahl (Linke); die FDP wurde durch ihren Bonner Ratsherrn Achim Kansy vertreten, der selbst nicht f&uuml;r den Landtag kandidiert. Die CDU entsandte keinen Vertreter auf das Podium, wie sie es bei einer &auml;hnlichen Veranstaltung zur Europawahl 2009 ebenfalls gehandhabt hatte.</p>
<p>Die drei veranstaltenden Organisationen gestalteten je einen eigenen thematischen Abschnitt der Veranstaltung, mit Fragen zu spezielleren Themen. Dar&uuml;ber hinaus konnten sich die Zuh&ouml;rer mit eigenen Fragen einbringen. F&uuml;r den reibungslosen Ablauf sorgte als Moderator der Bonner Politologe Christoph L&ouml;venich.</p>
<p>Auf Vorschlag der Humanistischen Union wurde zun&auml;chst das Thema Polizeirecht befasst. Bennet Krebs stellte die Forderungen der Organisation vor: Demokratisierung der Polizei durch Schaffung von unabh&auml;ngigen Polizeibeauftragten als Ansprechpartner f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung bei Beschwerden sowie den Verzicht auf den Einsatz privater Sicherheitsdienste zur Durchf&uuml;hrung polizeilicher Aufgaben.</p>
<p>Alle auf dem Podium vertretenen Personen standen der Forderung nach unabh&auml;ngigen Polizeibeauftragten offen gegen&uuml;ber, waren aber zumeist der Meinung, dass dieses Instrument f&uuml;r eine Bek&auml;mpfung von Missst&auml;nden bei polizeilicher Arbeit nicht ausreiche. Von Gr&uuml;nberg forderte angesichts konkreter Vorf&auml;lle in der Vergangenheit auch eine Verbesserung der Ausbildung durch Problematisierung von Schwierigkeiten in M&auml;nnergesellschaften wie der Polizei. Block k&ouml;nnte sich auch andere Institutionen vorstellen um die Transparenz der Polizei zu verbessern, etwa eine Aufwertung bestehender Kreispolizeibeir&auml;te. Mit Horchert war er sich einig, das Polizisten im Einsatz durch individuelle Identifikationsnummern erkennbar sein sollten, besonders bei Demonstrationen und Gro&szlig;eins&auml;tzen h&auml;tte es in der Vergangenheit Kritik an polizeilichem Handeln gegeben. Kansy pl&auml;dierte daf&uuml;r, das positive Bild der Polizei nicht zu besch&auml;digen, wenngleich auch er einer Verbesserung von Transparenz und Beschwerdemanagement offen gegen&uuml;ber stand. Au&szlig;erdem habe die amtierende Landesregierung durch eine gro&szlig;z&uuml;gigere Personalpolitik schon f&uuml;r Verbesserungen bei der Polizei gesorgt. Die personelle Ausstattung nahm auch Dahl in den Blick, sah hier allerdings Anlass f&uuml;r Kritik. Der Druck, der durch mangelndes Personal und schlechte Arbeitsbedingungen auf den Beamten lastete, k&ouml;nnte sich durch &Uuml;berforderung und Fehlverhalten bei konkreten Eins&auml;tzen &auml;u&szlig;ern, hier sei also anzusetzen, so Dahl. Auch stimmte sie deshalb der zweiten Forderung nach Verzicht auf den Einsatz von privaten Sicherheitsdiensten zur Erledigung polizeilicher Aufgaben zu: Hier drohe zus&auml;tzlicher Druck auf Lohnniveau und Arbeitsbedingungen bei der Polizei. Auch die &uuml;brigen auf dem Podium vertretenen Kandidaten lehnten den Einsatz derartiger Sicherheitsdienste ab: Hoheitliche Aufgaben m&uuml;ssten durch staatliche Institutionen erledigt werden, waren sie sich einig.</p>
<p>Was kann die Landespolitik zur St&auml;rkung des Datenschutzes der B&uuml;rger unternehmen? Dies war die Fragestellung des zweiten Themenblockes, zu dem Gabriele Pohl vom AK Vorratsdatenspeicherung die Forderungen ihrer Organisation vorstellte: W&auml;ren die Politiker bereit, den Grundsatz der Datensparsamkeit zur Pr&auml;misse ihrer jeweiligen Landespolitik zu erheben? Sollte im Rahmen des F&ouml;deralismus nicht die Landespolitik f&uuml;r eine Verteidigung des Datenschutzes der B&uuml;rger eintreten, angesichts einer Bundesverwaltung, die mehr und mehr Merkmale &uuml;ber ihre B&uuml;rger sammele, etwa im Zuge des neuen Bundesmelderegisters, das ohnehin &uuml;berfl&uuml;ssig sei, da die bisherige Verwaltung der Meldedaten als Sache der L&auml;nder ausreichend gewesen sei?</p>
<p>Die Politiker reagierten insgesamt positiv auf diese Forderung, wiesen aber einstimmig darauf hin, dass es auch Handlungsbedarf angesichts umfangreicher werdender privatwirtschaftlicher Datensammlungen gebe.</p>
<p>Kansy behauptete, mit der Frage des Datenschutzes sei eine Kernkompetenz seiner Partei angesprochen &#8211; eine Darstellung, der seine Podiumskollegen mit Hinweis auf die etwa von FDP-Innenminister Wolf versuchte Einf&uuml;hrung der so genannten Online-Durchsuchung widersprachen. Hinsichtlich neuer Ma&szlig;nahmen verwies Kansy auf die geplante Einf&uuml;hrung eines Gesetzes zur Erschwerung des privatwirtschaftlichen Sammelns von Daten &#8211; ein Ansatz, dem Horchert zustimmte: Das private Datensammeln m&uuml;sse durch die Kosten, die bei einem verbesserten Auskunftsrecht der B&uuml;rger entst&uuml;nden, so verteuert werden, dass sich die ungebremste Datensammlung und ihr Missbrauch nicht mehr lohnen. Von Gr&uuml;nberg stimmte der Kritik am Bundesmelderegister zu. Schleichend w&uuml;rden entsprechende Landeskompetenzen an den Bund &uuml;bertragen. Aus seiner T&auml;tigkeit beim Mieterbund berichtete er &uuml;ber eine Versch&auml;rfung des Scorings und anderer Praktiken insbesondere gegen Menschen, die &uuml;ber geringe Einkommen verf&uuml;gten. Diese Praxis von Banken, Wohneigent&uuml;mern und anderen Anbietern gef&auml;hrde die Freiheit ebenfalls in hohem Ma&szlig;e. Block versprach, er wolle sich im Landtag f&uuml;r eine Verbesserung der Mediendidaktik in Schulen einsetzen. Junge Menschen sollten zum vorsichtigeren Umgang mit dem Internet bef&auml;higt werden.</p>
<p>Kontrovers wurde es bei der Frage nach dem Ankauf von Datens&auml;tzen mit gestohlenen Informationen &uuml;ber sogenannte &#8222;Steuers&uuml;nder&#8220;. Auch im Plenum schien hier das Meinungsbild geteilt. Block und Dahl verteidigten entsprechende Schritte in der Vergangenheit, wenn sie auch einr&auml;umten, dass der Kauf von geklauten Daten und somit der Handel mit Kriminellen seitens der Staates nicht zur Routine werden d&uuml;rfe. Kansy und Horchert lehnten entsprechende Aktionen mit Blick auf ihren Dammbruchcharakter und die Gefahr der Anstiftung zu weiteren Straftaten ab. Kansy erg&auml;nzte, dass auch das Bankgeheimnis st&auml;rker als Problem des Datenschutz diskutiert werden solle. Von Gr&uuml;nberg versuchte ein differenziertes Pl&auml;doyer: Wichtig sei, der Justiz die M&ouml;glichkeit zur G&uuml;terabw&auml;gung zu erhalten. &Uuml;ber die Verwendung entsprechender Datensammlungen sollten unabh&auml;ngige Gerichte im Einzelfall entscheiden.</p>
<p>Skandale im Strafvollzug in NRW gab es in den letzten Jahren einige. Besonders tragisch stellte sich der vor wenigen Jahren geschehene &#8222;Foltermord&#8220; an einem Insassen der Jugendhaftanstalt in Siegburg da, der durch Zellengenossen begangen wurde. Dieses Ereignis, f&uuml;r das die amtierende Justizministerin bis heute die politische Verantwortung nicht &uuml;bernommen hat, wurde von Anni Pues, Vertreterin des Republikanischen Anwaltsvereins, als Hintergrund f&uuml;r ihre Einleitung zum Thema &#8222;Jugendstrafvollzug&#8220; gew&auml;hlt. Im Rahmen der F&ouml;deralismusreform seien dem Bundesland zus&auml;tzliche Kompetenzen bei der Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs zugefallen, die in Richtung einer humaneren Ausrichtung genutzt werden sollten. R&uuml;ckschrittlich sei die von der gegebenen Landtagsmehrheit vorgenommene Einf&uuml;hrung der M&ouml;glichkeit des Schusswaffengebrauches bei Fluchtversuchen auch im Jugendstrafvollzug. Allgemein schade Inhaftierung bei der Resozialisierung von Jugendlichen oftmals mehr, als das sie n&uuml;tze. Daher sollten Alternativen im Umgang mit jugendlichen Straft&auml;tern gest&auml;rkt werden.</p>
<p>F&uuml;r mehr Pr&auml;vention von Jugendkriminalit&auml;t sprachen sich alle der auf dem Podium vertretenen Politiker aus. F&uuml;r Block schadet hier die mangelnde Finanzausstattung der Kommunen, die viele bestehende Pr&auml;ventionsprogramme gef&auml;hrde. Geschlossener Vollzug sei im Umgang mit jugendlichen Straft&auml;tern m&ouml;glichst zu vermeiden, Zukunftsperspektiven und soziale Kompetenzen st&auml;rker zu vermitteln. Von Gr&uuml;nberg konstatierte eine Explosion der Probleme im Bereich Jugendkriminalit&auml;t, die durch eine zunehmende Aufl&ouml;sung sozialer Strukturen versursacht werde. In seiner fr&uuml;heren Amtszeit als Landtagsabgeordneter habe er sich besonders gegen die zus&auml;tzliche Kriminalisierung von Roma-Kindern gewandt. Dahl versprach, sich gegen die angesprochene M&ouml;glichkeit des Schusswaffengebrauches im Jugendstrafvollzug einzusetzen, au&szlig;erdem m&uuml;ssten offene Formen des Strafvollzuges und psychologische Betreuung gest&auml;rkt werden. Horchert r&auml;umte ein, das Thema sei f&uuml;r ihn neu und sehr komplex; Haft im Jugendstrafvollzug f&uuml;hre zu einer h&ouml;heren R&uuml;ckf&auml;lligkeit als alternative Programme, entsprechend sollten bestehende Gesetze reformiert werden. Als Vertreter der Regierungspartei FDP zeigte sich Kansy von der M&ouml;glichkeit des Schusswaffengebrauches im Jugendstrafvollzug entsetzt, er wolle sich bei den Landtagsabgeordneten der FDP f&uuml;r eine &Auml;nderung der entsprechenden Passage einsetzen. Leider w&uuml;rden Jugendhaftanstalten auch in Zukunft eine Notwendigkeit darstellen, aber auch er sprach sich f&uuml;r eine st&auml;rker pr&auml;ventive Ausrichtung in diesem Bereich aus.</p>
<p>Aus dem Plenum wurde daraufhin grunds&auml;tzlicher auf die Ursachen von Jugendkriminalit&auml;t hingewiesen: Diese seien auch in einer verfehlten, zu repressiven Drogenpolitik zu sehen. Eine Bestandsaufnahme der von Gr&uuml;nberg zustimmte: Die H&auml;lfte aller Straft&auml;ter sei aufgrund von Taten in Haft, die im Zusammenhang mit ihrem Drogenkonsum begangen wurden. Deshalb solle im Umgang mit harten Drogen auf Entkriminalisierung gesetzt werden, etwa durch die kontrollierte Abgabe von Heroin. In den Gef&auml;ngnissen neigten viele der wegen Beschaffungsdelikten Verurteilten dazu, in schwerwiegendere kriminelle Aktivit&auml;ten erst verwickelt zu werden. Horchert stimmte dieser Darstellung weitgehend zu, obwohl er auf die insgesamt kontinuierlich nachlassenden Verurteilungen aufgrund des Bet&auml;ubungsmittelgesetzes verwies; grunds&auml;tzlich trete er f&uuml;r eine weitgehende Liberalisierung in der Drogenpolitik ein. Dahl und Block wollten diese Forderung immerhin hinsichtlich der sogenannten &#8222;weichen Drogen&#8220; unterst&uuml;tzen, Cannabis/Marihuana stellten geringere Risiken als legale Drogen wie Alkohol/Nikotin dar.</p>
<p>Insgesamt erm&ouml;glichte die Veranstaltung den interessierten Zuh&ouml;rern einen interessanten Einblick in die Programme der Parteien im Bereich der Innen- und Rechtspolitik dar. Somit war der Abend auch eine gelungene Entscheidungshilfe f&uuml;r die am 9. Mai 2010 stattfindende Landtagswahl.</p>
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		<title>Menschen- und Bürgerrechte in Europa. Eine gemeinsame Podiumsdiskussion von Amnesty International und Humanistischer Union</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Sep 2009 10:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Veranstaltungen: Berichte]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: Mitteilungen Nr. 205/206 (2+3/2009), S. 35-37 Die K&#246;ln-Bonner Regionalgruppe der Humanistischen Union (HU) und die &#246;rtliche Hochschulgruppe von Amnesty International (ai) hatten zur &#246;ffentlichen Podiumsdiskussion eingeladen: Am 22. Mai 2009 kamen die hiesigen Kandidaten zur Europawahl im Saal der evangelischen Studierendengemeinde in der Bonner S&#252;dstadt zusammen, um sich den Fragen der interessierten &#214;ffentlichkeit zu [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: Mitteilungen Nr. 205/206 (2+3/2009), S. 35-37</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/bonn1bw.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-4179 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/bonn1bw.jpg" alt="Menschen- und B&uuml;rgerrechte in Europa. Eine gemeinsame Podiumsdiskussion von Amnesty International und Humanistischer Union" width="600" height="376" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/bonn1bw.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/bonn1bw-450x282.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></span></p>
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<p>Die K&ouml;ln-Bonner Regionalgruppe der Humanistischen Union (HU) und die &ouml;rtliche Hochschulgruppe von Amnesty International (ai) hatten zur &ouml;ffentlichen Podiumsdiskussion eingeladen: Am 22. Mai 2009 kamen die hiesigen Kandidaten zur Europawahl im Saal der evangelischen Studierendengemeinde in der Bonner S&uuml;dstadt zusammen, um sich den Fragen der interessierten &Ouml;ffentlichkeit zu stellen. F&uuml;r die SPD war der stellvertretende Vorsitzende des Unterbezirks Bonn, Ole Erdmann, erschienen.</p>
<p>F&uuml;r die Gr&uuml;nen nahm die Aachener Kommunalpolitikerin und Bildungsexpertin Karin Schmitt-Promny teil. Die FDP wurde durch den Vizepr&auml;sidenten der Europ&auml;ischen Liberalen Jugend, Alexander Plahr aus Neuss, und die Linke durch die Vorsitzende ihres Bonner Kreisverbandes, Isabelle Casel, vertreten. Trotz intensiver Bem&uuml;hungen der Veranstalter fand sich kein Teilnehmer der CDU.</p>
<p>Den etwa 35 Teilnehmern bot die Diskussion einen hilfreichen Einblick in die Parteiprogramme. Mit der Teilnehmerzahl waren die Veranstalter &uuml;brigens durchaus zufrieden &#8211; Veranstaltungen zur Europawahl werden oft kaum angenommen. Die Moderation &uuml;bernahm der Bonner Politologe Christoph L&ouml;venich, der souver&auml;n und professionell durch den Abend f&uuml;hrte. Dass es unterhaltsam zuging, war auch den Kandidaten zu verdanken.</p>
<p>Obwohl sie alle von ihren Parteien auf Listenr&auml;ngen platziert wurden, die ihnen keine Chancen auf einen Einzug in das Europ&auml;ische Parlament einr&auml;umten, beteiligten sie sich leidenschaftlich an der Diskussion und boten ihr ganzes &Uuml;berzeugungsverm&ouml;gen auf.</p>
<h5>Das Sterben an den Au&szlig;en&shy;grenzen der EU: Fl&uuml;cht&shy;lings- und Asylpolitik</h5>
<p>Erstes Thema des Abends war die Asyl- und Fl&uuml;chtlingspolitik der EU.</p>
<p>Markus Schopp von der ai-Hochschulgruppe stellte die These in den Raum, dass die EU zur Zeit das Menschenrecht auf Schutz vor Verfolgung nicht hinreichend garantiere. Einer klaren Formulierung der UN-Menschenrechtskonvention st&uuml;nden sehr unterschiedliche Aufnahmekriterien der Mitgliedsstaaten gegen&uuml;ber, der Fl&uuml;chtlingsschutz gerate in der EU zum Gl&uuml;cksspiel f&uuml;r die Betroffenen.</p>
<p>Schopp skizzierte die Leerstellen der europ&auml;ischen Fl&uuml;chtlingspolitik: eine fehlende Verteilung der Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me auf alle europ&auml;ischen Staaten; menschenunw&uuml;rdige Zust&auml;nde in den s&uuml;dlichen Aufnahmel&auml;ndern; kein gemeinsames Aufnahmeverfahren; milit&auml;rische Aufr&uuml;stung der EU-Au&szlig;engrenze; das Abdr&auml;ngen von Bootsfl&uuml;chtlingen durch die EU-Grenzbeh&ouml;rden&#8230;<br />Alexander Plahr (FDP) stimmte mit dieser Zustandsbeschreibung weitgehend &uuml;berein.</p>
<p>Es sei &#8222;besch&auml;mend, dass an Europas S&uuml;dgrenze tausende Menschen ertrinken&#8220;. F&uuml;r Verbesserungen bed&uuml;rfe es einer gemeinsamen EU-Asylpolitik &#8211; ein Punkt, in dem sich alle Kandidaten einig waren. Aber: Viele der Ankommenden seien &#8218;Wohlstandsfl&uuml;chtlinge&#8216;. &#8222;Daher m&uuml;ssen wir uns bem&uuml;hen, die Lebensbedingungen der Menschen in den Herkunftsl&auml;ndern zu verbessern, und zwar mithilfe der Prinzipien des Freihandels&#8220;. Ein Ende der EU-Subventionen f&uuml;r landwirtschaftliche Exporte und eine andere Fischereipolitik k&ouml;nnten helfen, den Strom der Fl&uuml;chtlinge einzud&auml;mmen.</p>
<p>Karin Schmitt-Promny kritisierte die Rede von den &#8218;Wohlstandsfl&uuml;chtlingen&#8216; bei Plahr. Das Wohlstandsgef&auml;lle sei auch ein Erbe der kolonialen Vergangenheit Europas, deren negative Auswirkungen bis heute andauern. Daneben kritisierte sie die mangelhafte Abgrenzung zu Diktaturen in Afrika.<br />Ole Erdmann (SPD) sah in der Problemanalyse gro&szlig;e Einigkeit zwischen Amnesty International und den Parteien. Der Streit beginne bei der Frage, mit welchen praktischen Schritten eine Verbesserung der Situation zu erzielen sei.</p>
<p>In der EU setzten sich Kommission und Parlament f&uuml;r einen weniger restriktiven Umgang mit Fl&uuml;chtlingen ein, als dies in vielen nordeurop&auml;ischen Staaten der Fall sei. Eine St&auml;rkung der gesamteurop&auml;ischen Ebene sei deshalb f&uuml;r den Fl&uuml;chtlingsschutz gewinnbringend. Zugleich betonte er die Notwendigkeit einer umfassenden europ&auml;ischen Migrationspolitik: &#8222;Europa braucht Einwanderung.&#8220; Daf&uuml;r m&uuml;sste aber noch die n&ouml;tige Akzeptanz in der Bev&ouml;lkerung erreicht werden.</p>
<p>Isabelle Casel (Die Linke) sprach sich daf&uuml;r aus, dass alle Fl&uuml;chtlinge unabh&auml;ngig von ihren Fluchtgr&uuml;nden aufgenommen und gleichm&auml;&szlig;ig auf die Mitgliedsstaaten verteilt werden. Der derzeitige Zustand sei nicht hinnehmbar: &#8222;Die Linke steht konsequent f&uuml;r das Recht auf Asyl!&#8220; Um die Ursachen der Flucht zu bek&auml;mpfen, sollten die Mitgliedsstaaten ihre Etats f&uuml;r Entwicklungshilfe auf 0,7% des Bruttoinlandsprodukts anheben und einen umfassenden Schuldenerlass f&uuml;r die betroffenen Staaten gew&auml;hren.</p>
<p>Im Freihandel k&ouml;nne sie jedoch keine L&ouml;sung des Problems sehen; sie forderte im Gegenteil &#8222;Importz&ouml;lle in den Entwicklungsl&auml;ndern&#8220;, damit sich deren &Ouml;konomien ungehindert entwickeln k&ouml;nnen. Der Lissaboner Vertrag versch&auml;rfe die bisherige Abschottungspolitik der EU, denn in ihm sei sogar vorgesehen, dass &#8222;den Auswirkungen der Klimakrise mit milit&auml;rischen Ma&szlig;nahmen&#8220; begegnet werden k&ouml;nne, so Casel. Sie kritisierte des weiteren die milit&auml;rische, bisweilen geheimdienstlich operierende europ&auml;ische Grenzschutzagentur (FRONTEX).</p>
<p>Diese funktioniere als &#8222;Fl&uuml;chtlings-Abwehragentur&#8220; und geh&ouml;re abgeschafft bzw. in eine Aufnahmeagentur transformiert. <br />Zur Diskussion um die Fluchtgr&uuml;nde wurde aus dem Publikum heraus der ehemalige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, Jean Ziegler, mit der Forderung zitiert, man solle k&uuml;nftig Hunger als Asylgrund anerkennen &#8211; eine Forderung, die au&szlig;er Casels alle anderen Kandidaten ablehnten.</p>
<h5>Die demokra&shy;ti&shy;sche Legiti&shy;ma&shy;tion der EU</h5>
<p>Zweites Thema des Abends waren die Bedeutung der Grundrechte in Europa und die demokratische Legitimation der EU.</p>
<p>Hierbei wurden die Kandidaten zu den Grundlinien der Europapolitik befragt: Wie kann die europ&auml;ische Integration durch immer neue Vertragswerke gelingen? Welche Rolle spielt das Fehlen einer kritischen &Ouml;ffentlichkeit auf europ&auml;ischer Ebene? Warum gab es zum Vertrag von Lissabon keine Volksabstimmung in Deutschland? Wie k&ouml;nnen weitere Grundrechtseingriffe im Bereich der Innen- und Rechtspolitik verhindert werden?</p>
<p>Ole Erdmann sah im Lissaboner Vertrag einen gro&szlig;en Fortschritt, da er insbesondere zur &#8222;Beschleunigung k&uuml;nftiger Entscheidungsprozesse&#8220; beitragen werde. Neben der Legitimit&auml;t des politischen Handelns auf europ&auml;ischer Ebene gehe es vorrangig um &#8216;Output-Legitimation&#8217;: &#8222;Die Menschen m&uuml;ssen sehen, dass die EU ihnen hilft.&#8220; Der neue Vertrag schaffe erst jene politische Arena, in der dann um Mehrheiten &#8211; etwa f&uuml;r eine st&auml;rkere Beachtung der Grundrechte &#8211; geworben werden k&ouml;nne. Zudem w&uuml;rden die Zust&auml;ndigkeiten und Entscheidungswege durch den Vertrag von Lissabon vereinfacht, was neben der St&auml;rkung des Europaparlaments zur Bildung einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit beitragen k&ouml;nnte.</p>
<p>Karin Schmitt-Promny stimmte dieser hoffnungsvollen Sicht auf den Vertrag von Lissabon zu: Auch sie w&uuml;nsche sich eine st&auml;rkere kritische &Ouml;ffentlichkeit; auch sie sei eine leidenschaftliche Bef&uuml;rworterin des vorliegenden Vertragswerks, denn: &#8222;Dieser Vertrag stellt nicht das Ende, sondern eine Etappe der europ&auml;ischen Integration dar. Fortschritte in Sachen Demokratie und B&uuml;rgerrechte k&ouml;nnen bei weiteren Vertragswerken erzielt werden.&#8220;<br />Alexander Plahr ging noch einen Schritt weiter, indem er behauptete, dass das Thema &#8216;Lissabon-Vertrag&#8217; gar keine Rolle im Europawahlkampf mehr spiele: &#8222;Die Entscheidung ist gelaufen.</p>
<p>Der Lissabon-Vertrag steht hier nicht zur Abstimmung.&#8220; Nat&uuml;rlich k&ouml;nne man das Vertragswerk kritisieren, aber der derzeitige Zustand sei noch viel kritikw&uuml;rdiger. Zur St&auml;rkung der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit bedarf es aus seiner Sicht einer Harmonisierung des Wahlrechts. Wenn gleichsam 27 Einzelabstimmungen zum Europaparlament stattfinden, k&ouml;nnten die Gemeinsamkeiten nicht sichtbar werden, eine gesamteurop&auml;ische Diskussion sich nicht herausbilden.</p>
<p>Isabelle Casel wandte sich gegen ihre Vorredner, die den Vertrag als das kleinere &Uuml;bel zur jetzigen Situation akzeptierten. Sie kritisierte vor allem den zu geringen Stellenwert sozialer Grundrechte und eine Tendenz zur Militarisierung der gemeinsamen Au&szlig;enpolitik. Zudem forderte sie eine systemoffene Beschreibung der europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik, wohingegen der Vertrag die Marktwirtschaft als allein geltende Maxime festschreibe. Sie kritisierte die mangelhafte Gewaltenteilung in der EU und sprach sich f&uuml;r einen neuen Verfassungsentwurf aus, der von einem Konvent &#8222;im Dialog mit den B&uuml;rgern&#8220; erarbeitet werden solle.</p>
<p>In der anschlie&szlig;enden Fragerunde sprachen sich alle Kandidaten f&uuml;r die M&ouml;glichkeit eines europaweiten Volksentscheides aus. Bei der Frage, ob &uuml;ber weitere EU-Vertr&auml;ge durch einen Volksentscheid entschieden werden solle, legte sich jedoch nur Casel fest, die solche Abstimmungen f&uuml;r obligatorisch hielt. Plahr und Erdmann warnten hingegen, dass bei europ&auml;ischen Volksabstimmungen die B&uuml;rger oft nur aus Protest gegen ihre jeweiligen Regierungen die zur Abstimmung stehenden Vorschl&auml;ge ablehnten.</p>
<h5>Europ&auml;ische Politik und ihre Auswir&shy;kungen auf die B&uuml;rger&shy;rechte &ndash; Beispiel Datenschutz</h5>
<p>Im dritten thematischen Block folgte ein konkretes Fallbeispiel europ&auml;ischer Politik: die Vorratsdatenspeicherung und mit ihr die Auswirkungen innen- und rechtspolitischen Handelns der EU auf den Datenschutz der B&uuml;rger. Rainer Scholl von der Humanistischen Union kritisierte den Entscheidungsweg, der zur entsprechenden EU-Richtlinie gef&uuml;hrt hatte.</p>
<p>Ohne Beteiligung der &Ouml;ffentlichkeit, ohne R&uuml;cksicht auf die Bedenken hinsichtlich der Risiken und der mangelnden Wirksamkeit des Vorhabens sei das Vorhaben umgesetzt worden. Die deutsche Bundesregierung habe sich auf ihre Umsetzungspflicht berufen, dabei sei sie selbst auf europ&auml;ischer Ebene an der Entwicklung der Vorgaben beteiligt gewesen. Hier zeige sich, wie nationale Regierungen die europ&auml;ische Ebene missbrauchen k&ouml;nnten, indem sie unpopul&auml;re Ma&szlig;nahmen &#8218;durch die Hintert&uuml;r&#8216; durchsetzen.</p>
<p>Alexander Plahr betonte, dass die FDP die Vorratsdatenspeicherung auf nationaler und europ&auml;ischer Ebene &#8222;entschieden abgelehnt&#8220; habe. Die Europ&auml;ische Union d&uuml;rfe jedoch nicht als abstrakter Gegner der Grundrechte betrachtet werden. &#8222;Es gibt f&uuml;r derartige Ma&szlig;nahmen Politiker, die &#8211; wie die Bundesregierung &#8211; pers&ouml;nlich verantwortlich sind!&#8220;, so Plahr.</p>
<p>Problematisch sei, dass auf europ&auml;ischer Ebene keine klare Trennung von Regierung und Opposition bestehe, was die politische Verantwortlichkeit f&uuml;r einzelne Ma&szlig;nahmen verschleiere.<br />Isabelle Casel erinnerte daran, dass die Grundrechte nicht nur von der gro&szlig;en Koalition, sondern auch unter der rot-gr&uuml;nen Vorg&auml;ngerregierung &#8222;massiv beschnitten&#8220; wurden. Einig war sie sich mit Plahr, dass die Regierungen der Mitgliedsstaaten, und nicht die abstrakte Institution EU f&uuml;r diese Entwicklungen verantwortlich zu machen sei. &#8222;Wir sind heute die Partei des Grundgesetzes&#8220;, erkl&auml;rte sie augenzwinkernd und verwies auf die Forderungen der Linken, wonach die Speicherung biometrischer Daten abgeschafft und der Arbeitnehmerdatenschutz gesetzlich gest&auml;rkt werden sollen.</p>
<p>Ole Erdmann befand sich nach eigenen Angaben bei der Vorratsdatenspeicherung in einer unangenehmen Situation: Die Sozialisten im Europaparlament und die SPD im Bundestag h&auml;tten der Vorratsdatenspeicherung zugestimmt. &#8222;Aber wir sind als Sozialdemokraten in der Region anderer Meinung, deshalb hat unser Bonner Bundestagsabgeordneter Ulrich Kelber auch dagegen gestimmt&#8220;, so Erdmann.</p>
<p>Karin Schmitt-Promny wandte sich gegen die Angriffe an die Adresse der ehemaligen rot-gr&uuml;nen Bundesregierung: &#8222;Ich stehe zu den Fehlern von Rot-Gr&uuml;n, aber im Bereich des Datenschutzes und der B&uuml;rgerrechte habe ich ein reines Gewissen&#8220;. Schmitt-Promny betonte, dass es neben gesetzlichen Ma&szlig;nahmen f&uuml;r die St&auml;rkung des Datenschutzes auch darauf ankomme, den jungen Menschen Medienkompetenzen zu vermitteln. Niemand wolle auf das Internet verzichten, also m&uuml;sse man lernen, wie man sicher mit ihm umgehe.</p>
<h5>Mehr soziale B&uuml;rger&shy;rechte oder <br />mehr wirtschaft&shy;liche Freiheit?</h5>
<p>Zum Abschluss hatten die Zuh&ouml;rer Gelegenheit, weitere Fragen an die Kandidaten zu formulieren. Au&szlig;erdem sollten die Kandidaten pr&auml;gnant zusammenfassen, warum man ausgerechnet ihre Partei w&auml;hlen solle. Da alle Parteivertreter immer wieder betonten, dass sie die menschen- und b&uuml;rgerrechtlichen Anliegen von Organisationen wie Amnesty International und Humanistischer Union unterst&uuml;tzten, wurde eher allgemeine Priorit&auml;ten der Parteien sichtbar &#8211; mehr wirtschaftliche Freiheit oder mehr soziale B&uuml;rgerrechte als &#8222;zweite Seite der grundrechtlichen Medaille&#8220; war an diesem Abend die Frage.</p>
<p>Ole Erdmann war am ehesten bereit einzugestehen, dass er im politischen Alltagsgesch&auml;ft die B&uuml;rgerrechte als ein politisches Ziel unter anderen ansehe: &#8222;Die Sozialisten in Europa stehen f&uuml;r eine Ber&uuml;cksichtigung dieses Themas, aber wichtig sind uns auch die sozialen Rechte. Der Genuss sozialer Rechte ist f&uuml;r die Menschen geradezu Voraussetzung, um die b&uuml;rgerlichen Freiheitsrechte &uuml;berhaupt erst nutzen zu k&ouml;nnen.&#8220;<br />Karin Schmitt-Promny betonte den Wert der Zivilgesellschaft: &#8222;Initiativen wie die ihren sind Voraussetzung unseres politischen Handelns. Wir m&uuml;ssen f&uuml;r eine St&auml;rkung der au&szlig;erparlamentarischen Bewegungen eintreten und st&auml;rker zwischen Politik und Zivilgesellschaft kommunizieren.&#8220; Die Wahrung der Menschen- und B&uuml;rgerrechte sei eines von vier politischen Schwerpunkten, die die Gr&uuml;nen im Europawahlkampf neben der Wirtschafts-, Sozial-, und Umweltpolitik gesetzt h&auml;tten.</p>
<p>Alexander Plahr reagierte darauf, indem er die B&uuml;rgerrechte gleich in einem noch exklusiveren Kreis ansiedeln wollte: &#8222;Die B&uuml;rgerrechte sind eines zweier liberaler Schwerpunktthemen. Daneben steht die wirtschaftliche Leistung. Wirtschaftliche Leistung und b&uuml;rgerliche Freiheiten gehen nur zusammen!&#8220; Plahr sah im &Uuml;brigen eine Trendwende in der Diskussion um pers&ouml;nliche Freiheiten: &#8222;Den Sch&auml;ubles dieser Welt wird langsam Einhalt geboten.&#8220;</p>
<p>Isabelle Casel von der Linken betonte zum Abschluss, dass es notwendig sei, die sozialen B&uuml;rgerrechte st&auml;rker als in der Vergangenheit auf der europ&auml;ischen Ebene zu verankern. Ihre Partei stehe f&uuml;r ein B&uuml;ndnis mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und f&uuml;r eine demokratisch legitimierte Politik. &#8222;Die EU soll sich als B&uuml;ndnis f&uuml;r die Menschen und nicht als ein weiteres Verteidigungsb&uuml;ndnis verstehen&#8220;, so Casel, was unter anderem durch einen europaweiten Mindestlohn m&ouml;glich sei.</p>
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<p>Insgesamt verlief der Abend aus Sicht der Veranstalter erfolgreich. Neben dem Einblick in die Wahlprogramme und Positionen der Parteien, den das Publikum an diesem Abend erhielt, wurde umgekehrt auch den Kandidat/innen eine Botschaft mitgegeben: Wie wichtig Menschen- und B&uuml;rgerrechte f&uuml;r viele W&auml;hler sind. Eine Wiederholung des Veranstaltungsformates bei weiteren in diesem Jahr stattfindenden Wahlen ist deshalb nicht ausgeschlossen.</p>
<p><i>Florian Beger<br />vom Regionalverband K&ouml;ln/Bonn der Humanistischen Union</i> <br /><a href="http://www.florianbeger.de/" target="_blank" rel="noopener"><i>www.florianbeger.de</i></a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/205-206/publikation/menschen-und-buergerrechte-in-europa-eine-gemeinsame-podiumsdiskussion-von-amnesty-international-un/">Menschen- und Bürgerrechte in Europa. Eine gemeinsame Podiumsdiskussion von Amnesty International und Humanistischer Union</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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