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	<title>G.Günter Voß Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Auf dem Weg zu einer neuen Verelendung ?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/191-vorgaenge/publikation/auf-dem-weg-zu-einer-neuen-verelendung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Sep 2010 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vorg&#228;nge 191 , S. 27-37 Psychosoziale Folgen der Entgrenzung und Subjektivierung der Arbeit I. Burnout, Depression, &#196;ngste &#8211; die neuen Volks&#173;krank&#173;hei&#173;ten? Inzwischen wird auch in der &#214;ffentlichkeit registriert, was Experten schon l&#228;nger mit Sorge beobachten: eine auff&#228;llige Zunahme von psychischen &#8211; vor allem depressiven&#160;&#8211; Erkrankungen. Spektakul&#228;r war in diesem Zusammenhang die gro&#223;e &#246;ffentliche Anteilnahme am [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/191-vorgaenge/publikation/auf-dem-weg-zu-einer-neuen-verelendung/">Auf dem Weg zu einer neuen Verelendung ?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vorg&auml;nge 191 , S. 27-37</p>
<p>Psychosoziale Folgen der Entgrenzung und Subjektivierung der Arbeit</p>
<h2 class="auto-created">I. Burnout, Depression, &Auml;ngste &ndash; die neuen Volks&shy;krank&shy;hei&shy;ten?</h2>
<p>Inzwischen wird auch in der &Ouml;ffentlichkeit registriert, was Experten schon l&auml;nger mit Sorge beobachten: eine auff&auml;llige Zunahme von psychischen &#8211; vor allem depressiven&nbsp;&#8211; Erkrankungen. Spektakul&auml;r war in diesem Zusammenhang die gro&szlig;e &ouml;ffentliche Anteilnahme am Suizid des Torwarts Robert Enke 2009, die weit &uuml;ber die erwartbare Trauer von Fans hinausging, so dass man den Eindruck bekommen konnte, dass sich im Schicksal des Sportlers nicht wenige mit eigenen &Auml;ngsten und Sorgen wiedererkannten. Einige ausgew&auml;hlte Daten aus einem inzwischen gro&szlig;en Bestand an Befunden sollen exemplarisch das Ausma&szlig; der Entwicklung erkennen lassen:</p>
<p>Eine Metastudie der Bundespsychotherapeutenkammer (2010), in der die Ergebnisse mehrerer Gesundheitsreports von Krankenkassen (z.B. BKK 2008, DAK 2005, 2009, 2010) bewertet werden, geht von einer Verdopplung der psychisch bedingten beruflichen Fehltage seit den 1990er Jahren aus, die nicht prim&auml;r durch gesteigerte Aufmerksamkeit (oder ein finanziell begr&uuml;ndetes neues Diagnoseverhalten) seitens der &Auml;rzte oder der Betroffenen erkl&auml;rbar seien &#8211; obwohl solche Faktoren, so soll hier nur angemerkt werden, vermutlich eine gewisse Rolle spielen. Das Statistische Bundesamt meldet ganz aktuell (2010), dass die Kosten f&uuml;r die Behandlung von psychischen Erkrankungen zwischen 2002 und 2008 um 32 Prozent gestiegen sind, und sch&auml;tzt die Aufwendungen allein im Bereich Depression auf ca. 5,2 Mrd. Euro/Jahr. Die DAK berichtet &auml;hnlich (2010) von einer Zunahme speziell depressiver Symptomatiken einschlie&szlig;lich Angsterkrankungen bei ihren Versicherten seit 2000 um 40 Prozent. Kein Wunder, dass die Depression inzwischen h&auml;ufig als neue &bdquo;Volkskrankheit&#8220; gesehen wird.[1]</p>
<h2 class="auto-created">II. Der Wandel der Arbeitswelt als entschei&shy;dende Ursache</h2>
<p>Die DAK hatte bereits in ihrem Report 2005 vermutet, dass ein Zusammenhang zwischen der schon damals erkennbaren Entwicklung und dem &bdquo;Wandel der Arbeitswelt&#8220; besteht. Es war daher kein Zufall, dass eine Serie von Selbstmorden in franz&ouml;sischen Gro&szlig;betrieben 2008/2009 auch hierzulande gro&szlig;e Aufmerksamkeit fand.[2] Bemerkenswert war dabei genau genommen weniger die H&auml;ufung der F&auml;lle (die rein statistisch gesehen gelegentlich als nur bedingt auff&auml;llig bewertet wird), als vielmehr die Tatsache, dass die Betroffenen, etwa in Abschiedsbriefen, explizit auf f&uuml;r sie nicht mehr aushaltbare Zust&auml;nde in den Betrieben hingewiesen hatten. Fast zeitgleich erlebte das schon l&auml;nger vor allem in Sozialberufen bekannte Thema Burnout eine erstaunliche Konjunktur, als inzwischen in die Internationale Klassifikation der Erkrankungen der WHO aufgenommene Syndromatik wie vor allem auch als Gegenstand von popul&auml;ren Ratgebern, Kursen und journalistischen Beitr&auml;gen aller Art.[3] So sehr hier manches medial dramatisiert und vorschnell verallgemeinert sein mag, die Studien &uuml;ber einen Zusammenhang von Arbeitswelt und psychischen Belastungen sprechen eine deutliche Sprache und die Entwicklung kann keinesfalls als reine &bdquo;Modeerscheinung&#8220; (so schon die DAK 2005) abgetan werden. Auch hierzu einige Beispiele:</p>
<p>Eine Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung 2009 zeigt, dass die befragten Betriebsr&auml;te bei 43 Prozent der Besch&auml;ftigten von erheblichen berufsbedingten &bdquo;psychischen Problemen&#8220; und in 67 Prozent der deutschen Betriebe von einem sehr &bdquo;hohen Leistungsdruck&#8220; ausgehen (Ahlers 2008). Die DAK best&auml;tigte in einem weiteren Report (2009) ihre fr&uuml;heren Daten (2005) zu den psychischen Folgen der modernen Arbeitswelt und erg&auml;nzte dies mit dem beunruhigenden Befund, dass zunehmend Psychopharmaka aller Art (v. a. sog. neurocognitive enhancer) von Berufst&auml;tigen nicht nur zur Bew&auml;ltigung von Belastungen, sondern gezielt zur allgemeinen Leistungssteigerung im Beruf verwendet werden. Das F&uuml;rstenberginstitut (2010) geht auf Basis einer von FORSA durch-gef&uuml;hrten Untersuchung von einer &bdquo;hohen Belastung&#8220; bei 60 Prozent der Berufst&auml;tigen und bei 53 Prozent von &bdquo;psychischen oder sozialen Probleme&#8220; aus und sch&auml;tzt den volkswirtschaftlichen Schaden auf bis zu 262 Mrd. Euro im Jahr. Die Technikerkrankenkasse berichtet ganz aktuell und weitgehend &uuml;bereinstimmend mit den Befunden anderer Kassen: &bdquo;Seit 2006 sind die Fehlzeiten unter der Diagnose psychischer St&ouml;rungen unter Erwerbspersonen (&#8230;) um 33 Prozent gestiegen, allein von 2008 auf 2009 (&#8230;) um 13,9 Prozent. (&#8230;) Die Ergebnisse deuten auf eine zunehmende psychische Belastung von Berufst&auml;tigen hin, die sich im Zug der Wirtschaftskrise 2009 noch merklich verst&auml;rkt hat&#8220; (Techniker-Krankenkasse 2010: 17). Eine vom Autor und Mitarbeitern in Kooperation mit einem Team um Ralf Haubl (Sigmund-Freud-Institut) durchgef&uuml;hrte Befragung von Beratern und Supervisoren im Auftrag der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Supervision (DGSv) ergab schon 2007/2008 (und damit vor der Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Entwicklung sicherlich versch&auml;rft hat) ein &auml;hnlich deprimierendes Bild (vgl. u.a. Haubl/Vo&szlig; 2009). Ein befragter Experte brachte dabei seine Erfahrungen mit verst&ouml;render Deutlichkeit auf den Punkt: &bdquo;Das psychische Elend in den Organisationen ist erschreckend&#8220;. Auff&auml;llig ist, dass von berufsbedingten neuen gesundheitlichen St&ouml;rungen und Erkrankungen in starkem Ma&szlig;e auch qualifizierte und hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und nicht zuletzt F&uuml;hrungskr&auml;fte betroffen sind&nbsp;&#8211; und &uuml;berproportional geh&auml;uft bei Frauen und Besch&auml;ftigten in modernen Dienstleistungsbereichen. Die beruflichen Gesundheitsgef&auml;hrdungen verschieben sich demnach von den klassischen k&ouml;rperlichen Problemen (die es nat&uuml;rlich nach wie vor gibt) tendenziell zu psychischen Erscheinungen und von produktionsnahen Bereichen der &bdquo;alten&#8220; Industrie hin zu wissensintensiven und kundennahen &bdquo;modernen&#8220; Bereichen, wobei nun auch statush&ouml;here Berufst&auml;tige erheblich betroffen sind. Dass daneben Langzeitarbeitslose gleichfalls mehr denn je eine stark betroffene Gruppe sind, sei hier nur erw&auml;hnt.[4]</p>
<p>Die DAK sah in einem fr&uuml;hen Versuch, Einzelursachen zu identifizieren, folgende Faktoren als entscheidend an (2005): zunehmend &uuml;berh&ouml;hte Anforderungen (Leistungsdruck, Terminstress, &uuml;berlange Arbeitszeiten, h&auml;ufige Reorganisationen, Vermischungen von Beruf und Privatsph&auml;re, emotionale Belastungen durch Kundenkontakt usw.) in Verbindung mit zu geringen Einflussm&ouml;glichkeiten auf die Gestaltung der Arbeit, geringe Chancen zur Begrenzung von Belastungen, nachlassende Unterst&uuml;tzung durch Kollegen und nicht zuletzt fehlende Anerkennung, Wertsch&auml;tzung und Hilfe durch Vorgesetzte.</p>
<h2 class="auto-created">III. Der Struk&shy;tur&shy;wandel der Arbeit</h2>
<p>Wenn man wissen will, was zu dieser Entwicklung gef&uuml;hrt hat, ist ein allgemeinerer historischer Blick hilfreich. Dieser zeigt, dass sich seit etwa Ende der 1980er Jahre ein grundlegender Strukturwandel der Arbeitswelt vollzieht, den eine Vielzahl popul&auml;rer Schlagworte zu beschreiben versucht: &bdquo;neoliberale Flexibilisierung&#8220; der Arbeits-, Organisations- und Besch&auml;ftigungsstrukturen, &bdquo;Sozialabbau&#8220;, &bdquo;Markt- und Kundenorientierung&#8220;, &bdquo;finanzmarktgetriebene &Ouml;konomisierung&#8220; der Betriebe usw. Dass das gewohnte &bdquo;Normalarbeitsverh&auml;ltnis&#8220; zum Auslaufmodell wird sowie Berufsbiographien zunehmend &bdquo;br&uuml;chig&#8220; und Lebenslagen f&uuml;r viele &bdquo;prek&auml;r&#8220; werden, ist gleichfalls selten strittig. H&auml;ufig wird auch darauf verwiesen, dass in Folge der Ver&auml;nderungen das bisherige Leitbild des &bdquo;Arbeitnehmers&#8220; tendenziell durch das neue Modell des &bdquo;Arbeitskraftunternehmers&#8220; verdr&auml;ngt wird, der als &bdquo;Unternehmer seiner selbst&#8220; in der Lage sein muss, sich im Arbeitsprozess aktiv selbst zu kontrollieren, seine Arbeitskraft gezielt zu &ouml;konomisieren und sein ganzes Leben wie einen Betrieb zu rationalisieren. Nicht selten werden solche Ver&auml;nderungen als &Uuml;bergang von der sich seit etwa den 1920 Jahren nach und nach durchsetzenden &bdquo;tayloristisch-fordistischen&#8220; Betriebsorganisation (hohe Arbeitsteilung, ausgepr&auml;gte Hierarchien; Dequalifizierung von Anforderungen u. a. m.) mit komplement&auml;rer Besch&auml;ftigungs- und Arbeitsmarktregulierung zu einem &bdquo;Post-Fordismus&#8220; interpretiert, den man als Grundlage eines sich abzeichnenden flexiblen &bdquo;Neo-Kapitalismus&#8220; verstehen kann.</p>
<p>All dies kann hier nicht vertieft werden. N&auml;her betrachtet werden soll eine in der Arbeits- und Industriesoziologie diskutierte Vorstellung &uuml;ber den Strukturwandel der Arbeit, die f&uuml;r die zunehmenden psychischen Belastungen von Berufst&auml;tigen eine Erkl&auml;rung anbieten kann.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Entgrenzung der Arbeit &hellip;</h2>
<p>Seit den 1990er Jahren ist &bdquo;Entgrenzung&#8220; ein wichtiges Thema der Sozialwissenschaften, wobei es zun&auml;chst meist um Fragen der Globalisierung ging. Vor allem in der Soziologie, die sich mit Arbeit und Betrieb befasst, wurde dies zu einem viel beachteten neuen Leitkonzept (vgl. Kratzer 2003, Minssen 1999, Vo&szlig; 1998).</p>
<p>Mit &bdquo;Entgrenzung&#8220; werden fast alle entscheidenden Ver&auml;nderungen in der gesellschaftlichen und insbesondere betrieblichen Organisation der Arbeit seit Mitte der 1980er Jahre angesprochen: die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, der &Uuml;bergang von starren Betriebsstrukturen zu einer dynamischen Projekt- und Teamorganisation mit reduzierten Hierarchien, die Deregulierung der Besch&auml;ftigungsformen und ihrer sozialpolitischen Sicherung sowie die abnehmende Bedeutung standardisierter beruflicher Spezialisierungen und ihre Folgen f&uuml;r die Berufswege usw. Bei diesen und vielen anderen Ph&auml;nomenen geraten bis dahin relativ stabile und verbindliche Strukturen der Organisation erwerbsf&ouml;rmiger Arbeit und Besch&auml;ftigung in Bewegung und werden &bdquo;entgrenzt&#8220;.</p>
<p>Mit &bdquo;Struktur&#8220; ist dabei gemeint, dass funktional ausdifferenzierte gesellschaftliche Bereiche mit entsprechend spezialisierten T&auml;tigkeitsprofilen bisher systematische Abgrenzungen aufwiesen und in ihren sozialen Leistungsbeitr&auml;gen unterschieden wurden. Die sich mit der Industrialisierung systematisch durchsetzende zeitliche, r&auml;umliche usw. Abtrennung von erwerbsf&ouml;rmiger &bdquo;Arbeit&#8220; und privatem &bdquo;Leben&#8220; und die dadurch bedingte jeweilige Begrenzung der Bereiche auf spezifische Funktionen ist daf&uuml;r ein anschauliches Beispiel. &bdquo;Entgrenzung&#8220; meint dem gegen&uuml;ber die immer deutlicher erkennbare &Ouml;ffnung und Flexibilisierung, wenn nicht sogar den Abbau der strukturellen Trennung und funktionalen Unterscheidung von Berufs- und Privatsph&auml;re in vielen Berufsfeldern. Dies zeigt sich beispielsweise, wenn Erwerbst&auml;tige zunehmend zu Hause oder auf Reisen berufliche Dinge erledigen oder fast st&auml;ndig beruflich erreichbar sein m&uuml;ssen und daher kaum mehr feste Arbeitszeiten kennen, die komplement&auml;r Zeiten eindeutiger &bdquo;Freizeit&#8220; im bisherigen Sinne definieren.</p>
<p>Eine Folge von Strukturbildungen und damit der Abgrenzung von klar unterschiedenen sozialen Feldern des Handelns, etwa im Bereich der Arbeit, ist aus soziologischer Sicht die Beschr&auml;nkung des T&auml;tigkeitsspektrums der Betroffenen, die auf der anderen Seite &uuml;berhaupt erst ein Handeln in qualifizierter Form erm&ouml;glicht und &uuml;ber dadurch m&ouml;gliche Spezialisierungen oft zu markanten Leistungssteigerungen f&uuml;hrt.</p>
<h2 class="auto-created">V. &hellip; und Subjek&shy;ti&shy;vie&shy;rung der Arbeit als Folge</h2>
<p>Durch die jetzt zu beobachtende Entgrenzung von Strukturen der Arbeitswelt ergeben sich einerseits eine tendenziell gr&ouml;&szlig;ere und vor allem flexiblere Handlungsvielfalt und damit mehr Chancen zur selbstgesteuerten Gestaltung der Arbeitst&auml;tigkeiten&nbsp;&#8211; was gegen&uuml;ber bisherigen starren Formen der Arbeits- und Betriebsorganisation eine nicht nur von Betrieben, sondern aufgrund der damit verbundenen tendenziell steigenden Freiheitsgrade des Handelns auch eine von den meisten Besch&auml;ftigten begr&uuml;&szlig;te Ver&auml;nderung bedeutet. Andererseits entsteht durch die damit verbundene Ausd&uuml;nnung von handlungsorientierenden und -erm&ouml;glichenden Strukturen zunehmend der Zwang, das Arbeitshandeln mehr als bisher aktiv selbstverantwortlich zu organisieren&nbsp;&#8211; was mehr Entscheidungsdruck und damit ein steigendes Risiko der &Uuml;berforderung oder gar des Scheiterns impliziert.</p>
<p>Eine Entgrenzung in der geschilderten Weise betrifft letztlich <i>alle Dimensionen der Gestaltung von Arbeit</i> (r&auml;umlich, zeitlich usw., vgl. Vo&szlig; 1998), mit der Folge, dass in all diesen Aspekten neue Anforderungen an die F&auml;higkeit von Betroffenen zur Selbstorganisation unter Einsatz all ihrer Potenziale entstehen (Gottschall/Vo&szlig; 2005). Die Berufst&auml;tigen m&uuml;ssen immer h&auml;ufiger&nbsp;&#8211; je nach Bereich mehr oder weniger weit gehend und je nach Funktion unterschiedlich &#8211; kontinuierlich f&uuml;r sich und ihre Arbeit kl&auml;ren,</p>
<p>wann, wie lange, wie schnell, also mit welcher <i>Zeitlogik</i> sie in einem Arbeitszusammenhang t&auml;tig sind;</p>
<p>an welchem Ort, mit welchen <i>Bewegungen</i> im Raum, mit welchem Grad und mit welchen <i>Medien der Mobilit&auml;t </i>(Verkehrsmittel) sie arbeiten;</p>
<p>mit welcher <i>Sachlogik </i>sie eine T&auml;tigkeit aus&uuml;ben, welche betriebliche und/oder berufliche <i>Funktion</i> sie wie &uuml;bernehmen, welche <i>Qualifikationen</i> dazu erforderlich sind, wann und wie diese erworben werden k&ouml;nnen und m&uuml;ssen;</p>
<p>mit welchen <i>technischen</i> Hilfsmitteln und anderen Artefakten gearbeitet wird, wie diese konfiguriert und dann benutzt werden, wie und wo sie beschafft werden, wer sie besitzt oder wer (und wie) die Verf&uuml;gung dar&uuml;ber hat;</p>
<p>mit welchen <i>sinnhaften Deutungen </i>gearbeitet wird, v. a. welche <i>Motivationen</i> und <i>Werte</i> f&uuml;r die Aus&uuml;bung der T&auml;tigkeit hilfreich, erforderlich oder zul&auml;ssig sind, welche sprachlichen und anderen symbolischen Ausdrucksformen zu verwenden sind;</p>
<p>mit welchen Personen konkret <i>zusammengearbeitet </i>wird (was etwa bei Team- und Projektarbeit h&auml;ufig wechselt), wie die <i>soziale Kooperation</i> organisiert wird, wer wof&uuml;r zust&auml;ndig ist;</p>
<p>mit welchen <i>Emotionen</i> (sachlich, technisch-rational, kreativ-expressiv, sorgend-einf&uuml;hlend usw.) gearbeitet werden muss, wie man sich <i>k&ouml;rperlich</i> ausdr&uuml;ckt (einschlie&szlig;lich des Outfits), welche <i>genderspezifischen</i> Momente man f&uuml;r sich in seiner Arbeit betont</p>
<p>In Bezug auf die Arbeitenden und ihre T&auml;tigkeiten bedeuten solche Ver&auml;nderungen eine systematische <i>Umstellung der betrieblichen Steuerungslogik</i>: Direkte auf die konkreten Aktivit&auml;ten bezogene Detailkontrollen der Arbeit (typisch f&uuml;r eine tayloristisch-fordistische Steuerung) werden tendenziell zur&uuml;ckgenommen&nbsp;&#8211; obwohl es das f&uuml;r nicht wenige Gruppen nach wie vor (und f&uuml;r manche sogar wieder zunehmend) gibt. Im Gegenzug werden <i>indirekte</i> Steuerungsformen ausgebaut, etwa durch mehr oder weniger harte Zielvereinbarungen und ein meist datentechnisch basiertes Ergebniscontrolling, die beide oft als &bdquo;marktf&ouml;rmige&#8220; Steuerungen verstanden werden. Nicht mehr die konkrete Aktivit&auml;t ist damit entscheidender Ansatzpunkt des betrieblichen Zugriffs auf die Arbeitenden (diese soll eher selbstorganisiert erfolgen), sondern das Ergebnis, also der &bdquo;Erfolg&#8220;&nbsp;&#8211; und dies sehr oft bei reduzierten T&auml;tigkeitsressourcen (Zeit, Personal usw.) und st&auml;ndig steigenden Erfolgserwartungen.</p>
<p>Eine Entgrenzung der Arbeit in diesem Sinne wird betrieblich (mit massiver politischer Flankierung) gezielt als langfristige &bdquo;Reform&#8220;-Strategie vorangetrieben, um Strukturen durchl&auml;ssiger und beweglicher zu machen und Prozesse zu beschleunigen. Dazu wird den Arbeitenden im begrenzten Umfang und je nach Situation h&ouml;chst verschiedenartig eine &uuml;beraus paradoxe neue &bdquo;Freiheit&#8220; in Form partiell erh&ouml;hter M&ouml;glichkeiten zur Selbstorganisation ihrer T&auml;tigkeit einger&auml;umt. Im Gegenzug erw&auml;chst daraus aber die unbedingte Notwendigkeit, unter Einsatz aller ihrer M&ouml;glichkeiten die Arbeit aktiv zu gestalten und die gesetzten Ziele zu erreichen, m&ouml;glichst sogar zu &uuml;bertreffen. Dabei lassen sich zwei Ebenen einer solchen &bdquo;Subjektivierung von Arbeit&#8220; (vgl. Kleemann/Matuschek/Vo&szlig; 2003, Moldaschl/Vo&szlig; 2003, Vo&szlig; 2007, Vo&szlig;/Weiss 2005, auch Gli&szlig;mann/Peters 2001) unterscheiden:</p>
<p>Zun&auml;chst geht es darum, dass arbeitende Personen mehr als bisher ihre <i>gesamten subjektiven Potenziale </i>systematisch in die Arbeitsprozesse einbringen m&uuml;ssen, und Betriebe auf diese Weise versuchen, die gesamte &bdquo;Subjektivit&auml;t&#8220; f&uuml;r ihre Zwecke zu nutzen. Neben den auf konkrete Funktionen bezogenen fachlichen Qualifikationen betrifft dies immer h&auml;ufiger auch tief liegende pers&ouml;nlich Kompetenzen und Eigenschaften wie etwa Kreativit&auml;t, Innovativit&auml;t, Verantwortlichkeit, Commitment, Kommunikativit&auml;t, Leistungswille, Loyalit&auml;t, Lernbereitschaft und anderes mehr.</p>
<p>Dar&uuml;ber hinaus meint &bdquo;Subjektivierung der Arbeit&#8220; jedoch vor allem, dass Arbeitende ihre <i>Subjekteigenschaft</i>, also die F&auml;higkeit, Subjekt ihrer selbst zu sein, verst&auml;rkt im Betrieb anwenden m&uuml;ssen&nbsp;&#8211; w&auml;hrend die bisherige Logik der Arbeitssteuerung genau dies meist explizit zu unterdr&uuml;cken versuchte. Sie sollen die Bereitschaft und die Kompetenz zur aktiven Selbstverantwortung und Selbststeuerung in und f&uuml;r ihre Arbeit in erweiterter Form entwickeln und den Betrieben als wichtiges, bisher nur wenig systematisch genutztes neues Leistungspotenzial f&uuml;r eine flexiblere Prozessgestaltung und zur Reduzierung von Leitungskosten zur Verf&uuml;gung stellen.</p>
<p>Beides zusammen gesehen kann zu der These f&uuml;hren, dass im Zuge der verst&auml;rkten Subjektivierung der Arbeit ein tendenziell totaler, d.h. ein nicht mehr begrenzter gesellschaftlicher <i>Zugriff auf die gesamte Person der Arbeitenden</i> zu beobachten ist.</p>
<h2 class="auto-created">VI. Die psychische Belastung durch die Subjek&shy;ti&shy;vie&shy;rung der Arbeit</h2>
<p>Aus dieser widerspr&uuml;chlichen Verbindung eigenartiger neuer Freiheiten mit gleichzeitig steigendem Handlungsdruck entstehen genau die Bedingungen, die weithin&nbsp;&#8211; je nach Gruppe und Situation unterschiedlich&nbsp;&#8211; zu &uuml;berlasteten Besch&auml;ftigten und psychischen Gef&auml;hrdungen f&uuml;hren. Dabei kann man, ohne hier einen systematischen diagnostischen Zugang entwickeln zu k&ouml;nnen, folgende Konstellationen unterscheiden, die potenziell krank machen:</p>
<p>Zum einen ist es zun&auml;chst die rein <i>quantitative &Uuml;berlastung mit st&auml;ndig steigenden Anforderungen</i> in allen Dimensionen (zeitlich, r&auml;umlich usw.), bei gleichzeitig schwindenden M&ouml;glichkeiten, die Anforderungen unkompliziert und mit gesicherten Rechten begrenzen zu k&ouml;nnen, die einen erheblichen Belastungsfaktor darstellt.</p>
<p>Zum zweiten wirken, sich die aus entgrenzten Arbeitsformen oft ergebenden <i>unklaren Anforderungen </i>als sehr belastend aus. Immer seltener wissen Besch&auml;ftigte, was eine &bdquo;normale&#8220; und damit ausreichende Arbeitsleistung ist oder was konkret von ihnen erwartet wird. H&auml;ufig ist deshalb die symbolische Pr&auml;sentation von vermeintlichen Erfolgen wichtiger als das Entstehen von wirklich produktiven Leistungen. Die neue Freiheit der entgrenzten Arbeit schl&auml;gt dabei nicht selten in Selbstgef&auml;hrdung um, da man in fast allen Belangen auf sich selbst verwiesen ist. Das gilt vor allem dann, wenn den Betroffenen <i>riskante Entscheidungen oder Regelverletzungen</i> (bis hin zu expliziten Rechtsverletzungen) zugemutet werden oder faktisch erwartet wird, dass sie berufsfachliche Standards und ethische Werte unterlaufen. Auch hier hat die Finanzkrise Erschreckendes zu Tage gef&ouml;rdert: viele Bankbesch&auml;ftige sehen sich gezwungen, ihren Kunden systematisch problematische Produkte verkaufen zu m&uuml;ssen bei einer gleichzeitigen unaufh&ouml;rlichen Betonung vermeintlicher &bdquo;Kundenorientierung&#8220;.</p>
<p>Zum dritten bedeutet Subjektivierung, dass man gezwungen, aber nicht selten auch gerne dazu bereit ist, die gesamte Person mit h&ouml;chstem Commitment einzusetzen, in der Hoffnung auf eine erf&uuml;llte T&auml;tigkeit, auf positive Kollegenbeziehungen oder auf pers&ouml;nliche Erfolgserlebnisse und soziale Anerkennung. Aber genau dies wird immer wieder entt&auml;uscht, wie viele Studien zeigen. <i>Man gibt &bdquo;alles&#8220;, bekommt aber wenig zur&uuml;ck</i>, vielleicht weil der Vorgesetzte seine Aufgabe in diesem Sinne nicht wahrnimmt oder selbst &uuml;berfordert ist. Vielleicht aber auch, weil die Struktur der Arbeit verhindert, dass man &uuml;berhaupt die Erfolge sieht oder, was zunehmend vorkommt, Erfolge obsolet werden, weil inzwischen der Bereich nicht mehr existiert. Es sind diese typischen Belastungskonstellationen, die h&auml;ufig zu Burnout, chronischer M&uuml;digkeit, Perspektivlosigkeit und &auml;hnlichen Symptomen f&uuml;hren.</p>
<p>Zum vierten wird immer deutlicher, in welch krasser Form Betriebe Selbstorganisation und -verantwortung ihrer Belegschaften durch &Uuml;berwachungen und Berichtspflichten selbst bei qualifizierten Mitarbeitern konterkarieren. Eine gr&ouml;&szlig;ere <i>Widerspr&uuml;chlichkeit der Anforderungen</i> kann man kaum aufbauen: Die Besch&auml;ftigten sollen selbst&auml;ndig, innovativ und mitdenkend verantwortlich im Sinne der Unternehmensziele sein und werden von Unternehmensleitlinien als das &bdquo;wichtigste Kapital&#8220; der Betriebe gepriesen; gleichzeitig werden sie kleinlichsten Controllings, Benchmarks und massiven Erfolgskonkurrenzen zwischen Kollegen unterworfen. Dass so etwas Mitarbeiter auf Dauer ausbrennt, ist gut nachzuvollziehen.</p>
<p>Schlie&szlig;lich ist es f&uuml;nftens die mit einer Subjektivierung der Arbeit verbundene systematische <i>Ambivalenz</i>, die Menschen massiv beintr&auml;chtigen kann. Keiner will auf die neuen Freiheiten der flexiblen Arbeitswelt verzichten, die neue Entfaltungsm&ouml;glichkeiten und Selbst&auml;ndigkeiten versprechen. Aber zugleich erleben viele schmerzhaft die Fallen der neuen Freiheiten und die daraus resultierenden &Uuml;berforderungsgefahren. Die Folge ist h&auml;ufig, dass man sich der widerspr&uuml;chlichen Situation resignativ ergibt und auf Gegenwehr verzichtet. Gegen wen sollte man sich auch wehren? Die Belastungen und ein m&ouml;gliches Scheitern werden oft sich selbst zugerechnet und die traditionellen Vertretungsorgane sind mit den neuen Verh&auml;ltnissen und den darin liegenden Ambivalenzen nicht selten &uuml;berfordert.</p>
<p>Hinzu kommen au&szlig;erdem die erheblichen <i>biographische Verunsicherungen</i>, die aus den zunehmend prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsbedingungen und der nach wie vor schwierigen Arbeitsmarktsituation entstehen. Dies wird durch die <i>generelle gesellschaftliche Verun</i><i>sicherung</i>, in Folge der politischen &bdquo;Reformen&#8220; der sozialen Sicherungssysteme und nicht zuletzt der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise, noch einmal erheblich forciert.</p>
<h2 class="auto-created">VII. Subjek&shy;ti&shy;vie&shy;rung als umfassender gesell&shy;schaft&shy;li&shy;cher Prozess mit gravie&shy;renden Folgen</h2>
<p>Bei der Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit handelt es sich in der Regel nicht um unintendierte Prozesse. Die beiden ineinander greifenden Ph&auml;nomene sind Ausdruck eines von langer Hand betriebenen Strategiewandels der Betriebe sowie des Umbaus der Gesellschafts- und Sozialverfassung in Richtung einer umfassenden Reduzierung sozialer Strukturen und Sicherungen. Ein wichtiges, aus Sicht einer subjektorientierten Soziologie vielleicht sogar das entscheidende Ziel ist dabei, die fundamentale gesellschaftliche &bdquo;Ressource&#8220; Subjektivit&auml;t oder das &bdquo;lebendige&nbsp; Arbeitsverm&ouml;gen&#8220; (Marx), genauer sogar: die &bdquo;Lebendigkeit&#8220; von Menschen &uuml;berhaupt in neuer Qualit&auml;t und Intensit&auml;t einer &ouml;konomischen Verwertung zuzuf&uuml;hren.</p>
<p>Dieser Prozess vollzieht sich nicht nur in der erwerbsf&ouml;rmigen Arbeit, sondern die Arbeitsgesellschaft insgesamt wird einem Subjektivierungsprozess unterzogen. Fast jedes Feld der Gesellschaft wird auf diese paradoxe Art und Weise mit &uuml;beraus ambivalenten Folgen auf eine prek&auml;re Selbstzust&auml;ndigkeit der Betroffenen umgestellt. Es ist ganz sicher nicht allein der Wandel der Arbeitswelt, der zu der registrierten Steigerung psychischer Belastungen in der Bev&ouml;lkerung fuhrt. Viele der nicht nur in Fachdiskursen er&ouml;rterten gesellschaftsdiagnostischen Begriffe zum Wandel der Sozialverh&auml;ltnisse kommen daher, bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven, zu &auml;hnlichen Schl&uuml;ssen: Ob &bdquo;Risikogesellschaft&#8220; oder &bdquo;Reflexive Moderne&#8220; (Beck 1986), ob &bdquo;Fl&uuml;chtige Moderne&#8220; (Bauman 2003) oder &bdquo;flexibler Kapitalismus&#8220; mit seinen &bdquo;flexiblen Menschen&#8220; (Sennett 1998, 2005), ob &bdquo;unternehmerisches Selbst&#8220; (Br&ouml;ckling 2007) bzw. &bdquo;Arbeitskraftunternehmer&#8220; (Vo&szlig;/Pongratz 1998) und sein Bruder, der &bdquo;arbeitende Kunde&#8220; (Vo&szlig;/Rieder 2006), ob &bdquo;Elend der Welt&#8220; im &bdquo;Neoliberalismus&#8220; (Bourdieu 1997, 1998) oder &bdquo;neuer Geist des Kapitalismus&#8220; (Boltanski/Chiapello 2003), in allen Konzepten wird davon ausgegangen, dass sich die fr&uuml;he Hoffnungen auf mehr Gestaltungschancen f&uuml;r die Menschen in Folge einer strukturellen &Ouml;ffnung der Gesellschaft inzwischen als zu optimistisch, oder sogar als verfehlte Prognosen herausstellen. Die These der &bdquo;Subjektivierung&#8220; betont genau in diesem Sinne eine ganz andere Seite der seit den 1980er Jahren diskutierten &bdquo;Individualisierung&#8220; der Gesellschaft: Statt einer neuen Vielfalt und Freiheit des Handelns (z. B. in den Betrieben) hat sich ein Zwang zur Selbstzust&auml;ndigkeit unter immer prek&auml;reren Lebensbedingungen bei keineswegs verschwindenden sozialen Kontrollen entwickelt, mit der Folge einer wachsenden &Uuml;berlastung und, wie sich jetzt zeigt, psychosozialen Gef&auml;hrdung gro&szlig;er Gruppen. Dass dies nicht nur den einzelnen Berufst&auml;tigen betrifft, sondern den sozialen Nahbereich der Menschen, vor allem Familie und Partnerschaft, mit hineinzieht und dort ebenfalls zu &Uuml;berlastungserscheinungen f&uuml;hrt, sollte nicht verwundern (vgl. Jurczyk u. a. 2009).</p>
<p>Ilja Ehrenburg hat ein allein schon aufgrund seines Titels viel beachtetes Buch vorgelegt, das perfekt zum Thema passt: &bdquo;Das ersch&ouml;pfte Selbst&#8220; (2004). Der Erfolg des Buchs ist ein weiteres Indiz f&uuml;r die wachsende Sensibilisierung der Gesellschaft f&uuml;r die psychosozialen Folgen des Wandels der Arbeit und der Arbeitsgesellschaft. Vor dem Hintergrund der geschilderten Zunahme psychischer Probleme k&ouml;nnte man sogar von einer <i>ersch&ouml;pften Gesellschaft</i> sprechen. Die Befunde jedenfalls lassen die Interpretation zu, dass wir uns m&ouml;glicherweise auf eine allgemeine gesellschaftliche &Uuml;berforderungssyndromatik zubewegen: nicht nur viele Einzelne sind &uuml;berlastet, sondern vermittelt dar&uuml;ber vermutlich der gesellschaftliche Zusammenhang insgesamt. Es deutet sich an, dass im ver&auml;nderten &bdquo;Krankheitsgeschehen&#8220; (BKK 2008) eine neue <i>Leiterkrankung</i> der Gesellschaft im &Uuml;bergang zum Kapitalismus des 21. Jahrhunderts erkennbar wird. Es gibt in jeder Epoche Krankheiten, in denen charakteristische gesellschaftliche Pathologien aufscheinen: Im ausgehenden 19. Jahrhundert zum Beispiel die Neurasthenie, im 20. Jahrhundert vor allem Herz- und Kreislauferkrankungen und jetzt m&ouml;glicherweise Depression, Burnout, generalisierte &Auml;ngste, chronische M&uuml;digkeit, Aufmerksamkeitsdefiziterkrankungen usw. In diesem Krankheitsbild, das die Gesellschaft in den n&auml;chsten Jahrzehnten m&ouml;glicherweise systematisch begleiten wird, k&ouml;nnten sich neuartige Grundprobleme des Gemeinwesens spiegeln.</p>
<p>Unter dem Eindruck des oben zitierte Erschreckens eines Beraters &uuml;ber das Ausma&szlig; des psychischen &bdquo;Elends&#8220; in den Organisationen, stellt sich die Frage, ob nicht erste Anzeichen einer erneuten (und neuartigen) breitfl&auml;chigen &bdquo;Verelendung&#8220; in der Gesellschaft wahrzunehmen sind&nbsp;&#8211; aber diesmal nicht so sehr die von Marx thematisierte materielle Verelendung (obwohl auch diese wieder zunimmt), sondern eine wachsende psychosoziale Verelendung&nbsp;&#8211; nicht nur am unteren Rand, sondern auch in der Mitte des Statusgef&uuml;ges. Vielleicht ist ja die unerwartete Bedrohlichkeit f&uuml;r die Mittelschichten und die &bdquo;Angst&#8220; selbst in diesen Milieus der Grund daf&uuml;r, dass die Entwicklung so gro&szlig;e Aufmerksamkeit findet (sogar bei wirtschaftsnahen Beobachtern [4]). Wie auch immer, die Gesellschaft wird sich dem Thema stellen m&uuml;ssen.</p>
<p>[1] Vgl. etwa Ch. St&ouml;cker am 12.11.2009 im Spiegel: &bdquo;Die verdr&auml;ngte Volkskrankheit&#8220;, <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0%2C1518" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518</a>, 660966,00.htm1.</p>
<p>[2] Vgl. F. Br&uuml;ning am 13.2.2010 in der S&uuml;ddeutschen Zeitung wo von 35 Suiziden in zwei Jahren bei France Telecom berichtet wird: &bdquo;Lieber tot als gemobbt&#8220;, <a href="http://www.sueddeutsche.de/karriere/selbstmordserie-in-frankreich-lieber-tot-als-gemobbt-1.64405" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/karriere/selbstmordserie-in-frankreich-lieber-tot-als-gemobbt-1.64405</a>.</p>
<p>[2] Bumout findet derzeit gro&szlig;e Beachtung. Einen Einstieg zur Recherche nach weiterf&uuml;hrender Literatur bietet <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Burnout-Syndrom" target="_blank" rel="noopener">de.wikipedia.org/wiki/Burnout-Syndrom</a>; siehe auch die differenzierte Unterscheidung von Erkrankungen im DAK Report 2005 (download auf der Seite der DAK).</p>
<p>[3] Siehe zu weiteren Befunden und m&ouml;glichen Interpretationen u.a. Doelfs 2010, Dunkel u. a. 2010, Lehnhardt u. a., Molitor 2010, Rau u. a. 2010; s. auch Giesert 2010, Windemuth/Jung/Petennann 2010.</p>
<p>[4] Siehe die Studie des DIW zur Einkommensentwicklung bei der Mittelschicht und den daraus entstehe n-den sozialen &Auml;ngsten (Goebel/Groning/H&auml;u&szlig;ennann 2010); vgl. auch die R+V/GFK Studie &#8222;Die &Auml;ngste der Deutschen 2010&#8220;, <a href="http://www.ruv.de/de/presse/%vinfocenter/studien/aengste-der-deutschen.jsp" target="_blank" rel="noopener">www.ruv.de/de/presse/%vinfocenter/studien/aengste-der-deutschen.jsp</a>.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Ahlers, Elke (2008): WSI-Betriebsr&auml;tebefragung. D&uuml;sseldorf: Hans-B&ouml;ckler-Stiftung (<a href="http://www." rel="nofollow noopener">http://www.</a> boeckler.de/3201495451.html).</p>
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<p>Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.</p>
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<p>Boltanski, Luc/ Chiapello, Eve (2003, zuerst 1999): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: Universit&auml;tsverlag Konstanz.</p>
<p>Bourdieu, Pierre (1997): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen des allt&auml;glichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK.</p>
<p>Bourdieu, Pierre (1998): Gegenfeuer. Argumente im Dienst des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: Universit&auml;tsverlag Konstanz.</p>
<p>Br&ouml;ckling, Ulrich (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.</p>
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<p>Deutsche Angestellten Krankenkasse (2005): DAK Gesundheitsreport 2005. Hamburg: DAK.</p>
<p>Deutsche Angestellten Krankenkasse (2009): DAK Gesundheitsreport 2009. Analyse der Arbeitsunf&auml;higkeitsdaten. Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz. Hamburg: DAK.</p>
<p>Deutsche Angestellten Krankenkasse (2010): DAK Gesundheitsreport 2010. Hamburg: DAK.</p>
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<p>Vo&szlig;, G. G&uuml;nter/Weiss, Cornelia (2005): Subjektivierung von Arbeit &#8211; Subjektivierung von Arbeitskraft. In I. Kurz-Scherf/L. Corell/S. Janczyk (Hg.), In Arbeit: Zukunft (S. 139-155). M&uuml;nster: Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>Windemuth, Dirk/ Jung, Detlev/ Petermann, Olaf (Hg.) (2010): Praxishandbuch psychische Belastungen im Beruf. Wiesbaden: Universum Verlag.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/191-vorgaenge/publikation/auf-dem-weg-zu-einer-neuen-verelendung/">Auf dem Weg zu einer neuen Verelendung ?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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