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	<title>Günter P. Stummvoll Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Ordnungskrise und Sicherheitspluralisierung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2007 13:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kriminalpolitik in der Reflexiven Moderne, Aus: vorg&#228;nge Nr.178, Heft 2/2007, S.110-117 Ein Artikel zu &#8220; Governance of Crime&#8220; jagt den anderen. Verfolgt man die Literatur in einschl&#228;&#173;gigen krimi&#173;no&#173;lo&#173;gi&#173;schen Journalen, so erkennt man insbe&#173;son&#173;dere in der englisch&#173;spra&#173;chigen Literatur eine intensive Ausein&#173;an&#173;der&#173;set&#173;zung mit den politischen Steue&#173;rungs&#173;formen, die der Vorkehrung vor kleinen und gro&#223;en Verbrechen (Stenson 2001) dienen. [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/178-vorgaenge/publikation/ordnungskrise-und-sicherheitspluralisierung/">Ordnungskrise und Sicherheitspluralisierung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Kriminalpolitik in der Reflexiven Moderne,</p>
<p>Aus: vorg&auml;nge Nr.178, Heft 2/2007, S.110-117</p>
<h2 class="auto-created">Ein Artikel zu &ldquo; Governance of Crime&ldquo; jagt den anderen. Verfolgt man die Literatur in einschl&auml;&shy;gigen krimi&shy;no&shy;lo&shy;gi&shy;schen Journalen, so erkennt man insbe&shy;son&shy;dere in der englisch&shy;spra&shy;chigen Literatur eine intensive Ausein&shy;an&shy;der&shy;set&shy;zung mit den politischen Steue&shy;rungs&shy;formen, die der Vorkehrung vor kleinen und gro&szlig;en Verbrechen (Stenson 2001) dienen. In den Kommentaren zur Explikation der gegen&shy;w&auml;r&shy;tigen Krimi&shy;nal&shy;po&shy;li&shy;tiken l&auml;sst sich ein Foucaul&shy;t-&shy;Ef&shy;fekt erkennen; man bedient sich gerne des Begriffes der Gouver&shy;n&shy;men&shy;ta&shy;lit&auml;t, einer Verkn&uuml;pfung von &bdquo;Regieren&ldquo; (gouverner) und bestimmten &bdquo;Geis&shy;tes&shy;hal&shy;tungen&ldquo; (mentalit&eacute;) (Crawford 2006). Auch in der Krimi&shy;no&shy;logie hat die wechsel&shy;sei&shy;tige Bedingtheit von aktuellen Macht&shy;tech&shy;niken und Wissens&shy;formen Hochkon&shy;junk&shy;tur. Autoren best&auml;tigen einander in der Perspektive, dass Sicher&shy;heits&shy;po&shy;litik eine Vielzahl an F&uuml;hrungs&shy;in&shy;sti&shy;tu&shy;ti&shy;onen, F&uuml;hrungs&shy;tech&shy;niken und Rechts&shy;formen umfasst, und der Leviathan der Moderne entmachtet wurde. Krimi&shy;nal&shy;po&shy;litik und andere Sozial&shy;po&shy;li&shy;tiken lassen sich dar&uuml;ber hinaus weder auf politisch-recht&shy;liche noch auf &ouml;konomische Prinzipien reduzieren. Die Insti&shy;tu&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rung von Versi&shy;che&shy;rungs&shy;sys&shy;temen, die Durch&shy;drin&shy;gung von &ouml;kono&shy;mi&shy;schem und sozialem Kapital, der Technik&shy;fa&shy;na&shy;tismus der Sicher&shy;heits&shy;in&shy;dus&shy;trie und die Konsti&shy;tu&shy;ie&shy;rung neuer Formen demokra&shy;ti&shy;schen Handelns wirbeln die Sicher&shy;heits&shy;po&shy;litik der westlich-&shy;li&shy;be&shy;ralen Staaten geh&ouml;rig durch&shy;ein&shy;an&shy;der. </h2>
<p>In Beitr&auml;gen zur Kriminalpolitik wird versucht, Ordnung in dieses Regierungschaos zu bringen (Stenson &amp; Sullivan 2001, Loader 2000). Dabei er&ouml;ffnet der Bezug auf die Gouvernmentalit&auml;tsdiskurse die Fragen, wie sich die politischen R&auml;ume zwischen &Ouml;ffentlichkeit und Privatsph&auml;re und zwischen der Dom&auml;ne des Staates und jener der Gesellschaft schlie&szlig;en lassen. Es stellt sich kurz gesagt die Frage: Wie wird Sicherheit in der neoliberalen Gesellschaft produziert?</p>
<p>Kriminologische Governance-Analysen sind systematische Beschreibungen zur Unterscheidung von Sicherheitspolitiken. Sie orientieren sich an Kriterien wie jenen, die Johnston und Shearing (2003) aufgestellt haben: Ein gemeinsames, normatives Verst&auml;ndnis von <i>Ordnung </i>in der Form von rechtlichen Bestimmungen oder impliziten, informellen &Uuml;bereink&uuml;nften; die Definition von beteiligten <i>Autorit&auml;ten</i>, die bestimmte Politiken steuern; bestimmte <i>Techniken </i>und <i>Institutionen </i>zur Durchsetzung der Politiken; <i>Mentalit&auml;ten</i>, die f&uuml;r die soziale Konstruktion von Sicherheit und Ordnung herangezogen werden.</p>
<p>Auf der Basis dieses Ger&uuml;sts lassen sich dann konkrete <i>Praktiken </i>wie &#8222;Gated Communities&#8220;, &#8222;Zero Tolerance&#8220;, &#8222;Intelligence-led Policing&#8220; oder kommunale Sicherheitspartnerschaften in der Form von kriminalpr&auml;ventiven R&auml;ten beschreiben und interpretieren. Ebenso l&auml;sst sich die Aufl&ouml;sung von eindeutigen Zust&auml;ndigkeiten der Polizei und die Durchdringung von privaten und &ouml;ffentlichen sozialen Kontrollpraktiken nachvollziehen. Dar&uuml;ber hinaus wird auf die Verbreitung von &Uuml;berwachungstechnologien im Rahmen von privatwirtschaftlich gef&uuml;hrten Einkaufszentren, Flugh&auml;fen und Bahnh&ouml;fen, die unter dem Begriff &#8222;mass private property&#8220; zusammengefasst werden, hingewiesen. Die sozialen Konsequenzen aus diesem Patchwork an Sicherheitspolitiken werden in vielen Arbeiten zu &#8220; Governance of Security&#8220; thematisiert.</p>
<h2 class="auto-created">Reflexive Moder&shy;ni&shy;sie&shy;rung </h2>
<p>Diesen politologisch orientierten Arbeiten, die auf die Reg(ul)ierung von Sicherheit im weitesten Sinn abzielen, soll in dieser Arbeit ein soziologischer Ansatz in der Form einer sozialen Gegenwartsdiagnose zur Seite gestellt werden. Ziel dieses Beitrags ist die fundierte Auseinandersetzung mit Sicherheitspolitiken unter Bezug auf Ideen und empirische Befunde, die aus dem Sonderforschungsbereich &#8222;Reflexive Modernisierung &#8220; resultieren. Reflexive Modernisierung meint zweierlei: Erstens wurde schon in der Konzeption der &#8222;Risikogesellschaft &#8220; von Ulrich Beck (Beck 1986) auf einen grundlegenden Strukturwandel, auf einen &Uuml;bergang zu einer neuen Zeitepoche nach der Moderne hingewiesen. Zweitens wurden im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre Anstrengungen unternommen, um im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs jene Thesen zur &#8222;Zweiten Moderne&#8220; mit Arbeiten aus verschiedenen Wissensgebieten empirisch zu belegen (Beck und Lau 2004). Der Strukturbruch wurde anhand von Beispielen zur Familiensoziologie, Arbeitssoziologie, Umweltsoziologie, Medizinsoziologie und in verschiedenen Bereichen der Techniksoziologie er&ouml;rtert (Beck 1993; Beck/Giddens/Lash 1996; Beck/Bon&szlig; 2001; Beck/Lau 2004). Eine Anwendung der Thesen auf die Kriminalsoziologie fehlt bis heute. Daher soll mit dieser Arbeit ein erster Versuch unternommen werden, die Diskurse zur &#8222;Reflexiven Modernisierung&#8220; auch auf kriminalpolitische Entwicklungen anzuwenden. &#8220; Die Theorie Reflexiver Modernisierung versteht sich als empirisch-analytische Theorie, mit deren Hilfe neuartige gesellschaftliche Entwicklungen identifiziert, kausal erkl&auml;rt &#8211; und nicht zuletzt prognostiziert und m&ouml;glicherweise in ihrem Verlauf ver&auml;ndert werden k&ouml;nnen.&#8220; (Beck/Lau 2005, S. 109)</p>
<p>Auch Sicherheitspolitiken sind unter anderem die Folge von sozialstrukturellen Transformationsvorg&auml;ngen. Unter Bezug auf jene Modernisierungstheorien kann gezeigt werden, wie sich neue Sicherheitspraktiken herausbilden konnten. Kern der Theorie Reflexiver Modernisierung ist eine gesellschaftliche Dynamik, die als Enttraditionalisierung im Sinne eines Meta-Wandels beschrieben wird.</p>
<h2 class="auto-created">Sozialer Wandel und nicht-in&shy;ten&shy;dierte Neben&shy;wir&shy;kungen </h2>
<p>Eine zweite Grundannahme der Theorie Reflexiver Modernisierung ist, dass der gesellschaftliche Pluralismus durch den Modernisierungsprozess im Sinne einer Radikalisierung selbst hergestellt wird. Hier liegt eine Theorie sozialen Wandels vor, die den Prozess keineswegs bewusst oder gewollt, sondern eher unreflektiert und unbeabsichtigt als Nebenfolge einer Radikalisierung der Modernisierung beschreibt. Den Autoren, die sich mit diesem Ansatz befassen, erscheint es notwendig, die strukturellen Folgen des Modernisierungsprozesses in ein neues begriffliches Konzept der Moderne &#8211; eben der &#8222;Zweiten&#8220; oder &#8222;Reflexiven&#8220; Moderne &#8211; zu kleiden. Ulrich Beck spricht von einer &#8222;unreflektierten, gleichsam mechanisch &#8211; eigen dynamischen Grundlagenver&auml;nderung der entfalteten Industriegesellschaft, die sich im Zuge normaler Modernisierung ungeplant und schleichend vollzieht&#8220; (Beck et al. 1996, S. 29). Der &Uuml;bergang von einer Gesellschaftsepoche zur n&auml;chsten vollzieht sich unpolitisch, vorbei an allen politischen Entscheidungsforen und parteipolitischen Tagesordnungen. In dieser Interpretation der Modernisierung der Moderne (Beck und Bon&szlig; 2001) tritt der Gesellschaftswandel auch nicht aufgrund von Krisen oder wachsender Armut ein, sondern im Gegenteil &#8211; und wahrscheinlich deshalb so schleichend &#8211; durch wachsenden Reichtum und wirtschaftliche Prosperit&auml;t. Er erfolgt weder durch einen &ouml;ffentlichen Diskurs, noch durch eine revolution&auml;re politische Gegenbewegung, sondern durch die Potenzierung der modernen Entwicklung in den Industriegesellschaften. Folgt man diesem Gedanken, so kommt man zum Schluss, dass auch die neo -liberalen Sicherheitspolitiken in den westlichen Demokratien nur zum Teil auf rationale, parteipolitische Ideologien beruhen. Sie beschreiben vielmehr Nebeneffekte eines komplexen Gesellschaftswandels, der gewisserma&szlig;en &uuml;ber dem speziellen Politikfeld Sicherheit steht.</p>
<h2 class="auto-created">Aufl&ouml;sung von Eindeu&shy;tig&shy;keiten </h2>
<p>Im Gegensatz zur industriellen Hochmoderne sind trennscharfe Grenzen zwischen Zust&auml;ndigkeiten, Kompetenz und Verantwortung im Aufl&ouml;sen begriffen. Auf den Wohlfahrtsstaat ist ebenso wenig Verlass wie auf Handlungs- und Lebensformen seiner Gesellschaftsmitglieder. Lebensweisen, Arbeitsverh&auml;ltnisse und wissenschaftliche Wahrheiten k&ouml;nnen unter dem neuen Schlagwort &#8222;prek&auml;r&#8220; am besten erfasst werden. Menschen sind besch&auml;ftigt und trotzdem arbeitslos, sie arbeiten zu Hause und machen es sich in der Arbeit bequem. Die industrielle, fordistische Marktlogik ist mit der Durchdringung von privaten Unternehmungen und globalen M&auml;rkten nicht mehr aufrecht zu erhalten.</p>
<p>Die Prekarit&auml;t des Sozialen hat alle Lebensbereiche erfasst: MigrantInnen der zweiten und dritten Generation sind Mitglieder mehrerer Gesellschaften und Kulturen. Die Prekarit&auml;t des Wissens spiegelt sich in der Frage nach der Abgrenzung von nat&uuml;rlichen und gesellschaftlichen Ph&auml;nomenen: Sportdoping, Klimawandel, Genfood und Pr&auml;nataldiagnostik (Vieh&ouml;fer et.al 2004) sind nur einige Beispiele f&uuml;r die verunsicherten Wissenschaften. Die Entweder-oder-Logik der Moderne wird zunehmend ersetzt durch eine<br />Sowohl-als-auch-Logik. Der gelebte Pluralismus scheint das Resultat von nebeneinander gelebten M&ouml;glichkeiten zu sein, wobei der Aushandlungsprozess sowohl politisch als auch gesellschaftlich-praktisch langwierig und un&uuml;bersichtlich bleibt.</p>
<p>Auch f&uuml;r die Sicherheitspolitik gilt: Den politischen Herausforderungen kann nicht mehr mit den alten Antworten der Moderne begegnet werden: Sicherheit kann nicht mehr allein durch noch mehr Technik, mehr M&auml;rkte, mehr Konsum, mehr Wissensproduktion hergestellt werden. Auch in diesem politischen Segment haben die Grundinstitutionen der Moderne, also Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft und Wohlstandsgesellschaft mit Massenkonsum keine ewige Bestandsgarantie mehr. Die politische Herausforderung liegt dabei im Aushandlungsprozess. Allerdings, und das unterscheidet diesen soziologischen Ansatz von den Governance-Ans&auml;tzen, handelt es sich nicht um eine zeitgeschichtliche Momentaufnahme zur Sicherheitspolitik, sondern um eine gesellschaftliche Dynamik, deren Ausgang in den Gesellschaften noch unklar ist. Im Gegensatz zu einer Marginalisierung der Pluralit&auml;t in der Ersten Moderne wird Pluralit&auml;t heute normalisiert, und das findet insbesondere seinen Ausdruck im gesamten Rechtssystem: im Arbeitsrecht, Familienrecht, Scheidungsrecht, in der Anerkennung homosexueller Partnerschaften.</p>
<p>Die Pluralisierung von Sicherheitspolitiken in der Form einer Fusion von verschiedenen Strategien zeigt sich am Beispiel des Wiener Karlsplatzes, der seit Jahrzehnten als Lebensraum und zentraler Treffpunkt der Drogenszene bekannt ist: Dem St&uuml;tzpunkt f&uuml;r Sozialarbeit wurde ein neues Polizeikommissariat zur Seite gestellt, und dar&uuml;ber hinaus der Vorplatz zur Schule und der Park beim Kinderspielplatz zur Schutzzone erkl&auml;rt. In dieser Schutzzone d&uuml;rfen sich &#8222;verd&auml;chtige Personen&#8220; nicht mehr aufhalten (Stummvoll 2006). Dazu wurde der Park von LandschaftsplanerInnen entsprechend den Ergebnissen international diskutierten Sicherheitskonzepte der Raumplanung nach den Gesichtspunkten der Transparenz und &Uuml;bersichtlichkeit umgestaltet. Sicherheit am Karlsplatz ist damit ein Produkt aus Sozialarbeit, Polizeiarbeit, Justiz und Raumplanung. Die Pluralisierungstendenzen machen einen offenen Dialog zwischen Proponenten von situativen, kommunalen, partizipativen und repressiven Kriminalpr&auml;ventionspraktiken erforderlich. Das sicherheitspolitische Patchwork am Wiener Karlsplatz ist das Produkt eines langen Aushandlungsprozesses, und keineswegs ein Einzelfall, sondern eine Konsequenz des sozialen Strukturwandels in vielen Europ&auml;ischen Metropolen.</p>
<h2 class="auto-created">Sicher&shy;heits&shy;po&shy;litik als Suche nach neuen Ordnungen </h2>
<p>Sicherheitsarbeit wird im Verst&auml;ndnis vieler LokalpolitikerInnen mit Ordnungsarbeit gleichgesetzt. Es geht dabei nicht mehr nur um die Aufrechterhaltung und die Wiederherstellung von altbekannten Verhaltensmustern, die durch die gesetzliche Regelung bestimmt werden. Nicht, dass die Gesetze an Bedeutung verloren h&auml;tten, aber hinzugekommen ist die Variabilit&auml;t von informellen Normen, die <i>neben </i>den gesetzlichen (formellen) Normen bedeutsam werden. Der Hilfeschrei nach Gesetz und Ordnung ist nur als verzweifelter Versuch zu verstehen, an <i>einem </i>Ordnungsmuster festzuhalten. W&auml;hrend in der Ersten Moderne noch von Ordnungsst&ouml;rungen die Rede war, ist die ununterbrochene Neuordnung und Umordnung symptomatisch f&uuml;r die sich abzeichnenden Strukturen der Reflexiven Moderne. Von einem einheitlichen Ordnungsbegriff ist prinzipiell Abstand zu nehmen, denn Ordnungen sind einem permanenten Fluss unterworfen, sie bilden sich, l&ouml;sen sich auf und bilden sich wieder neu durch neue Ordnungstr&auml;ger, die auf dem sozialen Markt auftauchen. Wenn man noch vor einiger Zeit meinte, die Mode w&uuml;rde sich immer schneller &auml;ndern, so wird es heute immer undurchsichtiger, was gerade in Mode ist. So ist das auch mit den Ordnungsstrukturen. Noch k&ouml;nnen sich die konservativen Ordnungsfanatiker gegen&uuml;ber neuen Ordnungstr&auml;gern, wie z.B. kulturelle Minderheiten, behaupten. Der Ordnungsfanatismus ist unter dem Vorzeichen des Kulturkonservatismus ein &auml;hnliches soziales Ph&auml;nomen wie der neu aufkeimende Nationalismus, der ebenso lediglich an alten (Welt-) Ordnungsstrukturen festzuhalten versucht.</p>
<p>An die Stelle vereinzelter Ordnungsst&ouml;rungen ist eine generelle Ordnungskrise getreten, in der sich die Welt als unberechenbar pr&auml;sentiert. In Anbetracht der zunehmenden Ber&uuml;cksichtigung von globalen Unsicherheitsgef&uuml;hlen wird Sicherheitsarbeit mehr und mehr zur Ordnungsarbeit. Mehr noch: Sicherheitsarbeit wird zur Suche nach neuen Ordnungen. Die alten rationalen Praktiken zur Herstellung der Erwartungssicherheit durch die Berechenbarkeit von Risiko sind immer weniger wirkungsvoll, was dazu f&uuml;hrt, dass wir uns einem generellen Risiko gegen&uuml;ber sehen. Wir m&uuml;ssen lernen, dass absolute Sicherheit grunds&auml;tzlich nicht herstellbar ist, ein Grundsatz, der an die vormoderne Zeit erinnert, als man noch von &#8220; Gefahren&#8220; und &#8222;Schicksal&#8220; sprach (Douglas und Wildavsky 1982).</p>
<h2 class="auto-created">Die Risiko&shy;men&shy;ta&shy;lit&auml;t der Reflexiven Moderne </h2>
<p>Die organisierte Produktion von Wissen &uuml;ber Risiken im Rahmen von Wissenschaft und Forschung und die Vermittlung durch Massenmedien f&uuml;hrt insgesamt zu mehr Unsicherheit. Je st&auml;rker die reale Vernetzung der Welt voranschreitet und je mehr man &uuml;ber die Vernetzung von Ereignissen wei&szlig;, je l&auml;nger und komplexer die Kausalketten werden, die in der Handlungsplanung und bei Entscheidungen in Rechnung gestellt werden, desto unberechenbarer wird die Zukunft (Kreissl 2007).</p>
<p>Entscheidend f&uuml;r die Erfahrung von Unsicherheiten ist, dass der Risikodiskurs nicht nur auf so genannte Expertenkreise beschr&auml;nkt bleibt, sondern f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung transparent wird, eben weil sich das Grundverst&auml;ndnis von Experten und Laien in der Reflexiven Moderne aufl&ouml;st. Wir sind Zeitzeugen einer Berichterstattungsinflation aufgrund einer Informationsflut &uuml;ber Gef&auml;hrdungen, die letztlich eine Potenzierung des Zerst&ouml;rungspotentials und der Verletzlichkeit hervorruft. Die Folge ist eine Inflation der Warnhinweise die entweder die Menschen in v&ouml;llige Ratlosigkeit st&uuml;rzt, oder aber dazu f&uuml;hrt, dass Warnhinweise tendenziell nicht mehr ernst genommen werden und ihre Wirkung verlieren.</p>
<p>Vorl&auml;ufig besteht jedoch noch der Versuch, Risiken in den Griff zu bekommen. Risikomanagement ist der Reflex auf die Prekarisierung der sozialen Welt, die umso riskanter erscheint, je mehr Wissensfaktoren aufeinander treffen. Der Prekarit&auml;t am Arbeitsmarkt, in der Wissenschaft und in der eigenen Lebensbiografie werden Anstrengungen zum Risikomanagement in allen gesellschaftlichen Lebenslagen gegen &uuml;ber gestellt. Risikomanagement ist das Zauberwort, mit dem alle erdenklichen Zukunftssorgen abgefedert werden sollen. Dazu werden Sicherheitspartnerschaften zwischen &ouml;ffentlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen gegr&uuml;ndet, es werden neue gesetzliche Regelungen zur Aneignung von Orten im &ouml;ffentlichen Raum getroffen, die Polizei bedient sich ausgefeilter Datenverarbeitungsprogramme zur Analyse von T&auml;tergruppen und Tath&auml;ufungspunkten (Hot Spots), und die Sicherheitstechnologie bietet ihre Innovationen zur l&uuml;ckenlosen &Uuml;berwachung und Kontrolle der Gesellschaftsmitglieder an.</p>
<p>Das konstruierte Bed&uuml;rfnis nach Sicherheit verlangt pausenlos, dass das gemacht wird, was auf dem Wissensstand gerade machbar ist. Mit G&uuml;nther Anders (2002, S. 17, Original 1980) k&ouml;nnte man meinen, die Politik des Risikomanagements ist im modernen Grundsatz &#8222;Das Gekonnte ist das Gesollte&#8220; stecken geblieben. &#8222;Lass nichts Verwendbares unverwendet!&#8220;, lautete das Postulat der Ersten Moderne und so scheint das auch in der Reflexiven Moderne in der Entwicklung von Risikovermeidungstechnologien und deren Einsatzm&ouml;glichkeiten zu sein.</p>
<p>Die Reflexive Moderne zeigt ihr kriminalsoziologisches Gesicht im &Uuml;bergang von der Disziplinargesellschaft zur Sicherheits- und Kontrollgesellschaft. W&auml;hrend in der Ersten Moderne Vertrauen und Ordnung kraft traditionellen Handelns hergestellt wurden, werden in der Reflexiven Moderne geltende Routinen au&szlig;er Kraft gesetzt. Im Stra&szlig;enverkehr w&uuml;rde die Aufk&uuml;ndigung des Vertrauensgrundsatzes zum v&ouml;lligen Stillstand und zu einem Verkehrschaos f&uuml;hren. Das Sicherheitsmanagement ist auf dem besten Weg dazu, gleichsam das soziale Leben lahm zu legen, indem grunds&auml;tzlich alle Menschen verd&auml;chtigt werden, sich nicht an die gesellschaftlichen Regeln zu halten. Die Folge des exzessiven Risikomanagements, ausgel&ouml;st durch die mediale Risikohysterie, ist die Umkehr der Beweislast. Man akzeptiert stillschweigend jegliche &Uuml;berwachung an Flugh&auml;fen, Bahnh&ouml;fen, in U-Bahnen, in Verwaltungsgeb&auml;uden, in Einkaufszentren, um zu beweisen, dass man unschuldig ist.</p>
<p>Neben der strafrechtlichen Generalpr&auml;vention der Ersten Moderne hat sich mit dem Risikomanagement eine zweite Ideologie zur Spezialpr&auml;vention breit gemacht. W&auml;hrend das Strafrecht repressiv wirkt und T&auml;ter zur Rechenschaft zieht bzw. potentielle T&auml;ter abschrecken soll, fokussiert eine proaktive Politik der Risikovermeidung alleine auf die Wahrscheinlichkeit von zuk&uuml;nftigen Ereignissen. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse den gr&ouml;&szlig;ten Schaden anrichten, aber dennoch zumindest seit 9/11 als reale Gefahren wahrgenommen werden. Bei der Einsch&auml;tzung von Risiken sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, denn m&ouml;glich erscheint alles, was in Science Fiction Filmen thematisiert wird. Folgt man dem Risikoparadigma, so wird die Fiktion real.</p>
<p>Eine weitere Eigenschaft des Risikoparadigmas ist, dass die Sicherheitsproduktion nicht mehr alleine Aufgabe des Staates ist, sondern plurale Verantwortlichkeiten vorliegen, die je nach Situation Sicherheit f&uuml;r bestimmte NutzerInnen garantiert. Angestellte und KundInnen geh&ouml;ren zur Klientel der Kontrollpraktiken in Einkaufszentren und Freizeitparks, Passagiere sind die Sicherheitskonsumenten der Bahn und der Fluggesellschaften, AnrainerInnen sind vor Fremden in Siedlungen zu sch&uuml;tzen, die als &#8222;Gated Communities&#8220; Zugangskontrollen und interne Verhaltensregeln festlegen und &#8222;Exklusivit&auml;t&#8220; garantieren. F&uuml;r jede Situation gibt es gesonderte Sicherheitsregime, Sicherheitsregeln, Ressourcen und Kontrollpraktiken um das spezifische Verst&auml;ndnis von Ordnung zu gew&auml;hrleisten. In diesen F&auml;llen bestehen andere Kontrollmentalit&auml;ten als jene des Strafrechtssystems. Sie sind proaktiv, prospektiv und agieren nach den wirtschaftspolitischen Grunds&auml;tzen des Risikomanagements anstelle von moralischen Grunds&auml;tzen des Staatsrechts.</p>
<p>Im Zusammenhang mit Modernisierungsthesen der Reflexiven Moderne ist als wesentlich festzuhalten, dass es nicht um einen Prozess geht, in dem ein politisches Paradigma durch ein anderes abgel&ouml;st wird, sondern um eine Pluralisierung von Politiken und eine Zerstreuung bzw. ein Ineinandergreifen von Eindeutigkeiten (vgl. Johnston und Shearing 2003). Konkret hat nicht die Risikomentalit&auml;t die Strafrechtsmentalit&auml;t abgel&ouml;st, sondern Praktiken des Risikomanagements werden als Nebenfolge unbemerkt in das Rechtssystem infiltriert, wenn zum Beispiel die Polizei die Schutzzone kontrollieren muss, oder Normen f&uuml;r kriminalpr&auml;ventive Architektur und Raumplanung in das Baurecht einflie&szlig;en. Neben den traditionellen repressiven Aufgaben &uuml;bernimmt die Polizei zunehmend unternehmerische Aufgaben und setzt dazu selbst &Uuml;berwachungstechnologien zur Risikovermeidung ein. F&uuml;r den kriminologischen Diskurs bleibt der Schluss, dass Governance-Analysen zur Sicherheitspolitik nicht ausschlie&szlig;lich politisch verstanden werden sollten, sondern unter dem sozialwissenschaftlichen Aspekt des sozialen Strukturwandels von der Moderne zu einer aktuelleren Epoche betrachtet werden sollten.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Anders G&uuml;nther</i> 2002: Die Antiquiertheit des Menschen. &Uuml;ber die Zerst&ouml;rung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. Band 1 und 2. Beck Verlag. M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Beck, Ulrich</i> 1986: Risikogesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Beck, Ulrich </i>1993: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Beck Ulrich / Bon&szlig; Wolfgang / Lau Christoph </i>(2001): Theorie Reflexiver Modernisierung &#8211; Fragestellungen, Hypothesen, Forschungsprogramme. In: Beck U./Bon&szlig; W. (Hg): Die Modernisierung der Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/Main.</p>
<p><i>Beck Ulrich / Bon&szlig; Wolfgang </i>(Hg.) (2001): Die Modernisierung der Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/Main.</p>
<p><i>Beck Ulrich / Giddens Anthony / Lash Scott </i>1996: Reflexive Modernisierung &#8211; Eine Kontroverse. Suhrkamp; Frankfurt/Main.</p>
<p><i>Beck Ulrich / Lau Christoph </i>(Hg.) 2004: Entgrenzung und Entscheidung. Edition Zweite Moderne. Suhrkamp. Frankfurt/Main.</p>
<p><i>Beck Ulrich / Lau Christoph </i>2005: Theorie und Empirie reflexiver Modernisierung. In: Beck / Braun / Nassehi (Hg): Soziale Welt &#8211; Zeitschrift f&uuml;r sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis. S. 103342; 56. Jahrgang, 2/3. Nomos.</p>
<p><i>Bon&szlig; Wolfgang </i>1997: Die gesellschaftliche Konstruktion von Sicherheit. In: Lippert E./Pr&uuml;fert A./Wachtler G. (Hg.): Sicherheit in der unsicheren Gesellschaft. Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.</p>
<p><i>Crawford Adam </i>2006: Networked governance and the post-regulatory state? Theoretical Criminology. Sage. London, Thousand Oaks, New Delhi.</p>
<p><i>Douglas Mary / Wildavsky Aaron</i>: Risk and Culture. An Essay on the Selection of Technological and Environmental Dangers. Berkeley, Los Angeles, London; University of California Press, 1983.</p>
<p><i>Douglas Mary / Wildavsky Aaron</i>: Risiko und Kultur. K&ouml;nnen wir wissen, welchen Risiken wir gegen&uuml;ber stehen? In: Krohn W. und Kr&uuml;cken G. (Hg.): Riskante Technologien: Reflexion und Regulation. Einf&uuml;hrung in die Sozialwissenschaftliche Risikoforschung. Suhrkamp, 1983.</p>
<p><i>Ericson Richard V. / Haggerty Kevin D.</i> 1997: Policing the Risk Society. University of Toronto Press.</p>
<p><i>Johnston, Les / Shearing, Clifford </i>2003: Governing Security. Explorations in Policing and Justice. Routledge. London, New York.</p>
<p><i>Kreissl Reinhard </i>2007: Paradoxien der Sicherheitspolitik. IRKS Working Paper Nr. 1. <a href="http://www.irks.at/" target="_blank" rel="noopener">www.irks.at</a>.</p>
<p><i>Loader Ian </i>2000: Plural policing and democratic governance. Social and Legal Studies. 93, 3: 323-45.</p>
<p><i>Stenson Kevin </i>2001: The new politics of crime control. In: Stenson K. und Sullivan R.R.: Crime, Risk and Justice &#8211; The politics of crime control in liberal democracies . Willan Publishing, Cullompton.</p>
<p><i>Stenson Kevin / Sullivan Robert R.</i> 2001: Crime, Risk and Justice &#8211; The politics of crime control in liberal democracies. Willan Publishing, Cullompton.</p>
<p><i>Stummvoll G&uuml;nter P.</i> 2006: Junkie-Jogging am Karlsplatz: Die Schutzzone und der Verrechtlichte &Ouml;ffentliche Raum. In: Derive &#8211; Zeitschrift f&uuml;r Stadtforschung. Sonderheft Sicherheit &#8211; Ideologie und Ware. Heft 24, Juli-September 2006.</p>
<p><i>Vieh&ouml;fer Willy / Gugutzer Robert / Keller Rainer / Lau Christoph </i>2004: Vergesellschaftung der Natur &#8211; Naturalisierung der Gesellschaft. In: Beck und Lau 2004: Entgrenzung und Entscheidung. Edition Zweite Moderne. Suhrkamp. Frankfurt/Main.</p>
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