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	<title>Hannes Jaacks Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 18:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorg&#228;nge Heft 2/2012,S.93-103 Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&#252;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&#252;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/was-zum-gedenken-gesagt-werden-muss/">Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012,S.93-103</p>
<p>Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&uuml;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&uuml;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der Weltfrieden, den er durch Israel bedroht sieht. Den iranischen Pr&auml;sidenten Mahmoud Ahmadinejad verniedlicht er als &#8222;Maulhelden&#8220;, verkehrt dabei Ursache und Wirkung. Grass sieht sich aufgrund der R&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Deutschland und Israel zum Schreiben gezwungen. Seine Angst vor der m&ouml;glichen nuklearen Bewaffnung der aus Deutschland gelieferten Unterseeboote findet ihren Widerhall in der Geschichte, mit der zwei Monate sp&auml;ter der &#8222;Spiegel&#8220; aufmachte: &#8222;Geheim-Operation Samson. Wie Deutschland die Atommacht Israel aufr&uuml;stet&#8220;.(1) Das derartige Schlagzeilen und Gedichte viele Anh&auml;ngerinnen(2) finden, ist keine neue Entwicklung. 2003 ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage, dass 65 Prozent der Deutschen in Israel die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sehen.(3) Die Studie &#8222;Deutsche Zust&auml;nde&#8220; ermittelte eine Zustimmungsrate von 57 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung zu der Aussage &#8222;Israel f&uuml;hrt einen Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser&#8220;. In derselben Studie machten 38 Prozent der Gefragten ihr H&auml;kchen neben dem Satz &#8222;Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat&#8220;.(4)</p>
<p>Der Herausgeber der &#8222;Zeit&#8220; Josef Joffe befand denn auch zu Grass&#8216; Gedicht kurz und b&uuml;ndig: &#8222;Der Antisemitismus will raus&#8220;(5). Solcherlei &Auml;u&szlig;erungen seien einer gesellschaftlichen Latenz geschuldet, &#8222;der neue (oder abgeleitete) A[ntisemitismus], wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, &#8222;weil er sich aus einem Unterbewusst sein speist, das von m&auml;chtigen Tabus -Scham und Schuldgef&uuml;hle -eingezw&auml;ngt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege &ouml;ffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.&#8220;</p>
<p>Um auf die Titelfrage &#8222;Wozu gedenken?&#8220; dieser Ausgabe der &#8222;Vorg&auml;nge&#8220; einzugehen, m&ouml;chte ich im Folgenden in der Auseinandersetzung mit der Kultur des Gedenkens in Deutschland auf den Mechanismen der Abwehr eingehen, der auf einen darunter liegenden sekund&auml;ren Antisemitismus verweist. Im Anschluss will ich &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Gedenkens, seine Einschr&auml;nkungen und M&ouml;glichkeiten sprechen.</p>
<h2 class="auto-created">Von der Amnesie zur Hypermnesie</h2>
<p>Nachdem die Nachkriegs- und Wiederaufbaujahre durch ein kollektives Beschweigen der begangenen Verbrechen gepr&auml;gt waren, das Alexander und Margarete Mitscherlich pr&auml;gnant als &#8222;die Unf&auml;higkeit zu trauern&#8220; analysierten, setzte, initialisiert durch die Studentenbewegung, erst in den 1980er Jahren, besonders nach der Vereinigung 1990, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld ein. Als Stationen dieses Prozesses seien hier die Ausstrahlung der Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; 1979 in der BRD(6), die Bitburg-Kontroverse(7), der &#8222;Historikerstreit&#8220;(8), die Diskussion um den Spielfilm &#8222;Schindlers Liste&#8220;, das &#8222;Gedenkjahr 1995&#8243;(9), die Diskussionen um das &#8222;Mahnmal f&uuml;r die ermordeten Juden Europas&#8220;(10) und die Neue Wache (ll), die Kontroverse &uuml;ber die Entsch&auml;digung ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen(12), die Debatte &uuml;ber den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldat innen im Kosovo-Krieg 1999(13) und die Goldhagen-(14) Wehrmachtsausstellungs-(15), Walser-(16) und M&ouml;llemann-Debatten(l7) genannt. Dabei ist Walser-Debatte als ein Bruchpunkt eines vorherigen demokratischen Konsenses anzusehen, antisemitische Ausf&auml;lle gesellschaftlich zu sanktionieren.(18)</p>
<p>Als vorl&auml;ufig letztes Kapitel dieser Liste kann man das Grass-Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;(19) ansehen. Das kollektive Schweigen &uuml;ber die deutsche Schuld wurde seit den 1980-er Jahren von einer Beredsamkeit &uuml;ber die NS-Zeit, die &#8222;deutschen Diktaturen&#8220;(20) und Auschwitz abgel&ouml;st. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem spricht gar von einem Umschlag von Amnesie zur Hypermnesie der Gegenwart.(21) &#8222;Die unterschwellig immer pr&auml;sente Bedeutung der NS-Vergangenheit f&uuml;r die deutsche Gegenwartsgesellschaft wurde infolgedessen nachhaltig in die &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt.&#8220;(22) Dabei waren neben floskelhafter Rhetorik und Vereinnahmungsversuchen vor allem auch offene Abwehrreaktionen zu finden: &#8222;Die seit den 1980er Jahren vermehrt aggressiv artikulierte, ja hegemoniale &#8222;Schlussstrich- und Vers&ouml;hnungsideologie&#8220; (Bitburg, Gedenkjahr 1995, Walser-Debatte als &#8222;letzte Debatte&#8220;), die vor allem auf Vers&ouml;hnung der deutschen Nation mit sich selbst und ihrer Geschichte zielt, hat dazu beigetragen, die &ouml;ffentlichen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit teils geschichtsrevisionistisch zu versch&auml;rfen, aber auch insgesamt zu verst&auml;rken.(23)</p>
<p>Das gesellschaftliche Gespr&auml;ch &uuml;ber den Nationalsozialismus hat sich also intensiviert und, wie der Politikwissenschaftler Lars Rensmann bez&uuml;glich der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220;(24) 1995 feststellte, auch Risse im Abwehrkonsens hervorgebracht. Allerdings l&ouml;se sich der &#8222;Diskurs &uuml;ber den Holocaust in einer neuen Unbefangenheit, einer politischen Erinnerungsverwaltung oder einer Beliebigkeit auf, bei der das Grauen oberfl&auml;chlich thematisiert und in den Diskurs eingef&uuml;gt wird, ohne es an sich heranzulassen.&#8220;(25) Die intensivierten Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hren so also keineswegs notwendig zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigen auch teils subtile, teils sehr unverh&uuml;llte Abwehrformen.</p>
<h2 class="auto-created">Anerkennung oder Neutra&shy;li&shy;sie&shy;rung des Holocaust</h2>
<p>F&uuml;r Rensmann zeigten sich im Erinnerungsdiskurs die &#8222;Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie&#8220;(26): &#8222;Im politischen Diskurs zum Gedenken an Auschwitz selbst (findet) das Fortw&auml;hren heftiger Abwehraffekte wie nationaler Ressentiments erneuten Ausdruck.&#8220;(27) So h&auml;tten sich Deckdiskurse der Normalisierung und Verharmlosung der NS-Vergangenheit gebildet, bei denen bspw. in der Gleichsetzung von DDR und nationalsozialistischem Deutschland, Auschwitz und Dresden(28) oder den Vertreibungen von Deutschen(29) und ihren Opfern die Singularit&auml;t der NS-Verbrechen relativiert werden solle.</p>
<p>In Folge der intensivierten Vergangenheitsdiskurse zeigten sich drei Entwicklungen. Auf der einen Seite gebe es weitere Verarbeitungsprozesse bei einer Minderheit, die beispielsweise durch die Goldhagen-Debatte beeinflusst worden sei und sich nun an die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte machte. Dann folgten die &#8222;Unbek&uuml;mmert Indifferenten&#8220; und eine weitere Gruppe von besonders aggressiven, erinnerungsverweigernden Menschen, die sich apologetisch auf Familie und Nation bez&ouml;gen.</p>
<p>Diese haben zwei Wege, sich mit dem &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;(30) zu arrangieren. Zu-n&auml;chst gibt es eine Strategie, die der Soziologe Michael Schwab-Trap als eine &#8222;der Neutralisierung der Vergangenheit&#8220;(31) bezeichnet. Dabei werde die Wiedervereinigung als Z&auml;sur bezeichnet und Deutschland nun als normale Nation verstanden. &#8222;Die Abgrenzung vom Nationalsozialismus macht der Abgrenzung zu den Folgen des Nationalsozialismus Platz.&#8220;(32) Ein Zusammenhang mit der deutschen Nation und deren Geschichte wird geleugnet. Rensmann warnt, dass gerade dort, wo die &#8222;Normalit&auml;t&#8220; der Gesellschaft und die &#8222;gelungene Aufarbeitung&#8220; als &#8222;abgeschlossenes Geschichtskapitel&#8220; am energischsten beschworen w&uuml;rden, nicht selten alte, lange tabuierte Ressentiments Urst&auml;nd feierten.</p>
<p>Die Anerkennung des Holocaust als Bruchpunkt deutscher Geschichtsschreibung ist allerdings ebenfalls kein Zeichen eines annehmenden und empathischen Umgangs mit der Vergangenheit. Mit der Aussage &#8222;Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz&#8220;(33) begr&uuml;ndete der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer den Kriegseintritt Deutschlands in Jugoslawien, einem Land in dem, wie er noch drei Jahre zuvor betont hatte, &#8222;die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf grausamste Art und Weise gew&uuml;tet hat&#8220;(34). Auschwitz wurde vom Argument gegen deutsche Milit&auml;rintervention zu einem Argument f&uuml;r den Einsatz.(35) So &uuml;berschrieb der SPD-Abgeordnete Freimut Duve einen Artikel zum Milit&auml;reinsatz in der &#8222;Zeit&#8220; mit dem Satz &#8222;An der Rampe von Srebrenica.&#8220;(36)</p>
<p>Dazu res&uuml;mieren der Kulturwissenschaftler Thorben Fischer und Sprachwissenschaftler Matthias N. Lorenz im &#8222;Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland&#8220;: &#8222;Als ,das B&ouml;se&#8216; schlechthin bietet [Auschwitz] wie kaum ein anderes historisches Ereignis die M&ouml;glichkeit, in aktualisierende Sinnstiftungen einmontiert zu werden&#8220;, Es &#8222;verliert dabei aber [&#8230;] ebenso an Eindeutigkeit wie an &Uuml;berzeugungskraft.&#8220;(37)</p>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit wird solcherma&szlig;en offensiv als moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die nationale Einstellung genutzt. &#8222;Aus den gegenw&auml;rtigen geschichtspolitischen Debatten l&auml;sst sich auch h&auml;ufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schlie&szlig;lich aus den NS-Verbrechen die &#8222;Verpflichtung&#8220; ableitet, die deutsche Au&szlig;enpolitik -&#8220; aus historischer Verantwortung&#8220; &#8211; weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu best&auml;rken.&#8220;(38) Deutschland ist auf diese Weise nicht mehr nur eine Nation unter vielen, sondern pr&auml;sentiert sich unumwunden als diejenige, die aus der Massenvernichtung der J&uuml;dinnen Juden gelernt habe &#8211; die Sonderwegsthese der Geschichtswissenschaften kehrt sich um. Mit Adorno l&auml;sst sich betonen: &#8222;Man hat es nicht so eilig mit dem Schlu&szlig;strich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient.&#8220;(39) Der Wunsch, endlich als normalisierte Nation etwas f&uuml;r die eigene L&auml;uterung zu bekommen, steigert sich in der Konstruktion Deutschlands als moralisch &uuml;berlegener Nation, die eben wegen Auschwitz in der Lage sei, zu scheiden, was Recht und Unrecht ist.</p>
<p>Eine kritische Erforschung der Schuldabwehr ist heute somit &#8222;st&auml;rker im Kontext einer nationalstaatlichen, mentalit&auml;tsgeschichtlich orientierten politischen Kulturforschung zu konzipieren, die das Band von der deutschen Tat Auschwitz zur &#8222;zivilisatorischen Normalit&auml;t&#8220; und universellen Sph&auml;re des Allgemein-Menschlichen zerschneidet, ohne Verbindungslinien zur universellen modernen Logik der Herrschaft und Ausgrenzung zu ignorieren; nirgends sind dabei die Widerst&auml;nde vehementer als im Land der T&auml;ter.&#8220;(4o)</p>
<p>Am Bilde der ldentifikationen beim Fu&szlig;ball kommt der Politologe Daniel Keil zu dem Urteil, dass die &#8222;gelungene Entkoppelung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch eine kulturindustriell gepr&auml;gte permanente Bearbeitung, [] auf Banalisierung und Exkulpation hinausl&auml;uft.&#8220;(41) Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird nicht ernsthaft, im Sinne einer Selbstreflexion sondern eher wie im gleichnamigen Aufsatz Adornos angemahnt vollzogen: &#8222;Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da&szlig; man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu&szlig;tsein. Sondern man will einen Schlu&szlig;strich darunter ziehen und wom&ouml;glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen&#8220;.(42)</p>
<p>In der modernen Form wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zur Pflicht, eben um nicht &uuml;ber die Inhalte nachzudenken. Scham oder Schuld kommen dabei au&szlig;erhalb dieser intellektualisierenden Haltung nicht vor. So ist der Besuch bspw. einer Ausstellung verbunden mit dem Wunsch, diesem Selbstbild zu entsprechen. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald beschrieb dieses Vorgehen bereits 2009 innerhalb ihrer Studie zu Besucherinnen des Dokuzentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgel&auml;nde in N&uuml;rnberg: &#8222;This learning itself, however, is cast as what seems to be the most important motivation of many to visit. This is as a kind of moral duty to bear witness to an atrocious past; this being expressed by some simply as something that one &#8222;should do&#8220;. As such, attendance becomes as much an act of commemoration as of education&#8220;.(43)</p>
<p>F&uuml;r diese moralische Pflicht gelten dieselben Auswirkungen, wie f&uuml;r die starke Thematisierung des Nationalsozialismus generell. Sie schafft R&auml;ume, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, trivialisiert die Auseinandersetzung allerdings zeitgleich.(44) Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten.</p>
<h2 class="auto-created">Die Abwehr gegen die Schuld</h2>
<p>Bei einem solchen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kommt es anstatt zu einer empathischen Auseinandersetzung zu einer &#8222;Affektverleugnung und Affektisolation, was hei&szlig;t, da&szlig; [&#8230;] das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet.&#8220;(45) Dort allerdings, wo das Mitf&uuml;hlen und die Scham nicht zugelassen w&uuml;rden, k&ouml;nne auch ein authentisches Gedenken nicht funktionieren. Die Schuld wird entweder verleugnet und gemindert oder unter Deckerinnerungen unterdr&uuml;ckt. Das Wissen um die Schuld bleibt unangetastet und wird durch eine gewollte Alternativversion ersetzt.</p>
<p>Diese Deckerinnerungen bringen allerdings ein grundlegendes Problem mit sich: Es kann ihnen nicht restlos getraut werden, ein Rest Zweifel an ihnen bleibt bestehen und f&uuml;hrt zunehmend zum Dogmatismus.(46)Die eigene oder deutsche Schuld soll abgewehrt werden, es gibt das Bed&uuml;rfnis nach Auseinandersetzung. Dabei wird ein_e Ankl&auml;ger in ben&ouml;tigt, um die Position des zweifelnden Selbst zu &uuml;bernehmen. Die Ambivalenz der Apologie, also das Wissen um die Wahrheit, auf die durch die Leugnung Bezug genommen wird, muss auf zwei Personen aufgeteilt werden. Die zuvor selbst ausgesprochene Anklage gegen sich selbst wird von nun an durch den Widerpart vertreten, dem entgegen reagiert werden kann.</p>
<p>Es geht in der Abwehr also weder um Wahrheit oder ihr Gegenteil, sondern um den performativen Akt der Entschuldung in der Auseinandersetzung (47) Das Ziel ist das Streitgespr&auml;ch, in dem mit einer anderen Person als Widerpart sogar die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den die Apologet_in besteht, die Diskussion zu gewinnen. In dieser Diskussion soll Entlastung und eine unverstellte Identifikation mit dem Kollektiv herbeigef&uuml;hrt werden. Daraus erkl&auml;rt sich auch, wie gro&szlig; das Interesse ist, die Geschichte dauerhaft umzuschreiben. Dabei muss allerdings zun&auml;chst der bohrende Rest der Schuldanerkennung selbst vergessen werden, damit er im Folgenden den Anderen ausgeredet werden kann. Somit w&auml;re das Vergessen &#8222;eher eine Leistung des allzu wachen Bewu&szlig;tseins als dessen Schw&auml;che gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht unbewu&szlig;ter Prozesse&#8220;(48) und w&auml;re somit der Beginn einer geschichtsanpassenden Praxis, deren Ziel die Dekonstruktion von Auschwitz als Bruch der kollektiven Identifikation als &#8222;Deutscher&#8220; ist.</p>
<h2 class="auto-created">Sekund&auml;rer Antise&shy;mi&shy;tismus</h2>
<p>F&uuml;r dieses deutsche Bed&uuml;rfnis der Abwehr pr&auml;gte der Mitarbeiter des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung Peter Sch&ouml;nbach den Begriff des &#8222;sekund&auml;ren Antisemitismus&#8220;.(49) Entstanden aus dem Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit entsteht der Schuldabwehrantisemitismus &#8222;nicht trotz, sondern wegen Auschwitz&#8220;. so Dieser, so Theodor W. Adorno in einem Radiovortrags&#8216;, ergab sich aus den innerfamili&auml;ren Narrativen: Die Generation der T&auml;ter versuchte, ihr Verhalten w&auml;hrend der Nazi-Zeit zu rechtfertigen, und verwies dabei z. B. auf die &#8222;reichen Juden&#8220; oder deren angeblichen gro&szlig;en Einfluss w&auml;hrend der Weimarer Republik. Es geht also um Menschen, die sich selbst nicht als judenfeindlich verstehen &#8211; sie wollen sich distanzieren. Dieser Vorgang betrifft sowohl die T&auml;ter innen Generation, als auch deren Nachfahren. Er ist ein innerfamili&auml;res Narrativ: Stereotype, die als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Verhalten der Elterngeneration genutzt werden, verfestigen sich, werden von den Kindern &uuml;bernommen, um nicht in Konflikt mit der elterlichen Geschichtsschreibung und Schuldverarbeitung zu geraten. Adorno f&uuml;hrt weiter aus: &#8222;Wenn man Schuldgef&uuml;hle und Verantwortung gegen&uuml;ber dem von den Nazis Begangenen abwehrt, so bedeutet das nicht nur, da&szlig; man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, da&szlig; man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt. W&auml;re das nicht der Fall, so bed&uuml;rfte es nicht des Eifers der Distanzierung.&#8220;(52)</p>
<p>Die Scham und die Abscheu &uuml;ber die Verbrechen der Nazis treiben zum Wunsch, m&ouml;glichst nichts damit zu tun zu haben. Revidierung der Geschichte, Gleichsetzungen oder die Relativierung der Shoa sind die Methoden der Entlastung. In den Forschungen des Instituts zeige sich, dass &#8222;die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen Judenverfolgungen im allgemeinen nicht zu einer radikalen Abkehr vom Antisemitismus gef&uuml;hrt&#8220;(53), sondern eine neue Ausformung des Antisemitismus begr&uuml;ndet h&auml;tten. Die im Rahmen des sp&auml;teren Essays &#8222;Schuld und Abwehr&#8220; behandelten Personen sind somit mitunter keine &uuml;berzeugten Nazis, dennoch offenbarten sie in ihren Aussagen eine feindselige Haltung gegen J&uuml;dinnen_Juden, da die befragten Personen &Uuml;berlebende des Holocaust oder generell &#8222;Juden&#8220; als &#8222;Repr&auml;sentanten oder Verk&ouml;rperungen einer unerw&uuml;nschten oder verdr&auml;ngten Erinnerung&#8220;(54) wahrnahmen. Die Befragten, sei es die Generation der T&auml;ter innen oder deren Kinder, bef&auml;nden sich demnach in einem Dilemma: Einerseits seien sie &uuml;ber die millionenfachen Verbrechen erschrocken; andererseits versuchten sie ihr eigenes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu rechtfertigen oder f&uuml;hlten sich ihren Eltern oder ihrem eigenen nationalen Kollektiv verbunden &#8211; A-dorno spricht mehrmals von der blinden Identifikation mit der Nation und der Gewalt von Identifikationsmechanismen.</p>
<p>Wegen dieser Identifikation muss die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt oder relativiert werden. Denn das Wissen und der Schrecken dar&uuml;ber, wohin es mit der Kollektivierung als Deutschland f&uuml;hrte, gef&auml;hrdet ein Bild, auf dass eine_r sich irgendwie positiv beziehen kann. So entwickelte sich nach 1945 eine neue Form der Feindschaft gegen J&uuml;dinnen_Juden, weil sie bereits durch ihre Anwesenheit und durch die scheinbar f&uuml;r sie ge&auml;u&szlig;erte Forderung nach Aufkl&auml;rung und Erinnerung, den Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und die Nazizeit vergessen zu k&ouml;nnen, unterminierten. Das eigene Schuldgef&uuml;hl wird abgewehrt und auf die Juden projiziert. Diese Abwehr schl&auml;gt oftmals, so Horkheimer/Adorno, in aggressives Verhalten, bedingt durch antisemitische Projektionen, um: &#8222;Die Abwehr der Erinnerung an das Uns&auml;gliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.&#8220;55 Der j&uuml;dische Arzt Zvi Rex</p>
<p>brachte diesen von der kritischen Theorie begr&uuml;ndeten Zusammenhang knapp auf den Begriff: &#8222;Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen!&#8220;(56)</p>
<h2 class="auto-created">Wozu Gedenken?</h2>
<p>Diese intensivere Besch&auml;ftigung soll bereits die mit dem Begriff verbundenen Unm&ouml;glichkeiten aufzeigen. Die Frage nach Gedenken ist nicht nur ein &#8222;Wozu&#8220;. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit eines zulassenden Gedenkens. Die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken ist abh&auml;ngig vom Verh&auml;ltnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identifikation mit Deutschland. &#8222;Je n&auml;her und unverbr&uuml;chlicher man zu den Geschicken der eigenen Gemeinschaft steht, desto eher wird man die Erinnerung an deren Geschichte, die dann auch als eigene empfunden wird, zu bewahren suchen. Je ambivalenter, schwieriger und br&uuml;chiger die Vergangenheit des Volkes ist, dem man angeh&ouml;rt, desto mehr &Uuml;berwindung erfordert die Besch&auml;ftigung mit dessen Geschichte, die dann als eigene eher abgewehrt wird.&#8220; (57)</p>
<p>Die Konfrontation mit den Verbrechen gegen die Menschheit macht ein annehmen des Erinnern oder Gedenken zu einer schweren T&auml;tigkeit, die eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht. Erinnern und Gedenken bedeuten dann immer auch Auseinandersetzung mit den Biografien der eigenen Eltern, Gro&szlig;eltern, Vorfahren und denen, die so waren wie sie. Das gesellschaftliche Denken der Nationalsozialist_innen aufzuarbeiten und dessen Transformationen und Wandlungen zu verfolgen, ist ebenfalls notwendig, um Gedenken nicht als lediglich r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtete Rechtfertigungsfigur zu betrachten. So schrieb auch Salomon Korn: ,Die Bereitschaft, der nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig zu gedenken, h&auml;ngt von der Bereitschaft der nichtj&uuml;dischen Deutschen ab, nationale Identit&auml;t in ihren geschichtlich geformten Brechungen und Diskontinuit&auml;ten anzunehmen &#8211; sich eben nicht in eine scheinbar heile nationale Identit&auml;t zu fl&uuml;chten, die zwangsl&auml;ufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bed&uuml;rfnisse hin verbiegen, relativieren und schlie&szlig;lich verf&auml;lschen mu&szlig;.(58)</p>
<p>Die Ereignisse auf politischer Ebene, das Streben nach Normalisierung und erinnerungsverweigernder Vers&ouml;hnung konnte nur &uuml;ber das Einstampfen oder Neubesetzen der Besonderheit der Geschichtsschreibung Deutschlands funktionieren. Dieses Streben hat schleichend die Grundlagen des Antisemitismus erneuert bzw. reproduziert. &#8222;Die Politik flankiert die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen f&uuml;r solche Judenfeindlichkeit, die die Subjekte ins Innerste pr&auml;gen.&#8220;(59)</p>
<p>Zwar hat die intensivierte Diskussion &uuml;ber den Holocaust nicht nur dem Antisemitismus, sondern auch der Auseinandersetzung `mit der Geschichte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Die Folgen sind aber, wie im Text bereits aufgezeigt, keineswegs ableitbar. Es werden R&auml;ume geschaffen, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, dennoch wird die Auseinandersetzung zeitgleich trivialisiert. Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten. Diese k&ouml;nnen nur durch Eingedenken und den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ursachen bearbeitet werden.</p>
<p>Dabei wurde der Zusammenhang von Erinnerungsbereitschaft und nationaler Identifizierung bereits herausgearbeitet. Aus ihm wird deutlich, dass Erinnern und Gedenken der Nachfahren der Opfer und der Nachfahren der T&auml;ter innen sich ebenfalls unterscheiden m&uuml;ssen. &#8222;Die Nachfahren der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht in gleicher Intensit&auml;t um die ihnen ferner stehenden Opfer des V&ouml;lkermordes trauern wie die unmittelbar betroffenen Nachfahren der Ermordeten oder &Uuml;berlebenden. W&auml;hrend Letztere im Gedenken vor-wiegend die Erinnerung an die Ermordeten der eigenen Familie, des eigenen Volkes bewahren, m&uuml;&szlig;te das Gedenken der T&auml;ter-Nachfahren an die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes immer auch die Erinnerung an Verbrechen des eigenen Volkes sowie Fragen nach deren Ursachen und Folgen einschlie&szlig;en.&#8220;(60)</p>
<p>Dieses Verh&auml;ltnis l&auml;sst sich auch f&uuml;r den Vorstandsvorsitzenden der Rom und Cinti Union, Rudko Kawczynski, nicht zusammenf&uuml;gen. Er sagte in seiner Rede zur Er&ouml;ffnung der Ausstellung &#8222;In den Tod geschickt &#8211; die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940-1945&#8220;: &#8222;Ein, wirkliches, gemeinsames Gedenken als Nachfahren der Generationen der &Uuml;berlebenden und den Nachfahren der vermeintlichen T&auml;ter wird es wohl nicht geben k&ouml;nnen, dazu sind unsere Geschichten und Erfahrungen, unsere Erinnerungen an die Zeit der Hakenkreuze zu unterschiedlich. Eine gemeinsame Aufarbeitung und Mahnung jedoch ist nicht nur m&ouml;glich, sondern unabdingbar. Gerade heute, in einer Zeit, in der Folter und Internierungen ebenso zu Alltag zu werden drohen, wie der Abbau von zivilen Rechten, in der Menschenrechte auf dem Altar der Terrorbek&auml;mpfung einem &Uuml;berwachungswahn geopfert werden, ist es an uns, die Erinnerung an eine Zeit des Staatlichen Terrors lebendig zu erhalten.&#8220;(61)</p>
<p>In dieser Aussage findet sich eben der Umgang, den Adorno in &#8222;Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit&#8220; bereits als Grundlage einer tats&auml;chlichen Aufarbeitung der Vergangenheit formulierte: &#8222;Aufgearbeitet w&auml;re die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt w&auml;ren. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.&#8220;(62)</p>
<p>(1) Der Spiegel 23/2012. Url: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html</a> (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(2) Sprache wird in diesem Artikel als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverh&auml;ltnisse und damit auch als Ort an dem diese reproduziert werden verstanden. Mit der Schreibweise &#8222;mit Unterstrich&#8220; sollen all diejenigen Geschlechtsidentit&auml;ten mitgedacht werden, die sich jenseits der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit verorten. Einen Spezialfall in dieser Schreibform stellt allerdings der Begriff J&uuml;dinnen_Juden dar, da die eigentlich dieser Schreibweise entsprechende Bezeichnung &#8222;Jud_innen&#8220;, den nationalsozialistischen Begriff &#8222;Jud&#8220; beinhaltet und diesen somit reproduziert.</p>
<p>(3) IRAQ and PEACE IN THE WORLD. Url: <a href="http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf" target="_blank" rel="noopener">ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf</a>, 85. (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(4) Heitmeyer, Wilhelm 2007: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Joffe, Josef 2012: Der Antisemitismus will raus. Url: http:/Iwww.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israeUkomplettansicht (gesehen 10.06.2012).</p>
<p>(6) Vgl. Fischer, Torben/ Lorenz, Matthias N. Hg. 2007: Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld transcript, S. 243 ff;</p>
<p>Rensmann, Lars 2001: Politisch-psychologische Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Zum Verh&auml;ltnis von neueren Vergangenheitsdiskursen und gesellschaftlichen Einstellungen gegen&uuml;ber dem Holocaust in Deutschland. In: Lappin, Eleonore/Schneider, Bernhard (Hg): Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis-)Kontinuit&auml;ten in Diskursen &uuml;ber den Nationalsozialismus. St. Ingbert R&ouml;hrig Universit&auml;tsverlag, S. 357.</p>
<p>(7) Vgl. Postone, Moishe 2005a: Bitburg. 5. Mai 1985 und danach. Ein Brief an die westdeutsche Linke. In: Postone, Moishe (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 9a-ira-Verlag, S. 51-59, D&uuml;lffer, Jost 1999: Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur &#8211; Kein Ende der Geschichte. In: Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg Hamburger Edition, S 289-312; Hartmann, Geoffrey (Hg.) 1986: Bitburg in Moral and Political Perspective. Bloomington; Funke, Hajo 1988: Aufarbeitung der Vergangenheit. Zur Wirkung nationalsozialistischer Erziehung vor und nach 1945. In: Bar-On, Dan/Beiner, Friedhelm/Brusten Manfred (Hg.): Der Holocaust, familiale und gesellschaftliche Folgen &#8211; Aufarbeitung in Wissenschaft und Erziehung. Wuppertal Universit&auml;tsverlag.</p>
<p>(8) Vgl. Diner, Dan (Hg.) 1987: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(9) Vgl. Rensmann 2001 S. 359.</p>
<p>(10) Vgl. Brumlik, MichalFunke, Hajo/Rensmann, Lars (Hg.) 2000: Umk&auml;mpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Berlin Das Arabische Buch, D&uuml;lffer 1999.</p>
<p>(11) Ebd. S. 77 ff.</p>
<p>(12) Vgl. Schwab Trapp, Michael 2003: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs. In: Bergem, Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen Leske&amp;Budrich, S 323 f.</p>
<p>(13) Vgl. Schwab-Trapp 2003.</p>
<p>(14) Vgl. Fischer/Lorenz 2007: S. 295 ff.; Rensmann, Lars 1998: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t. Berlin und Hamburg Argument, S. 336 ff.; Rensmann, Lars 2001: S. 359 ff.; Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 334.</p>
<p>(15) Vgl. Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.) 1999: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung: &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg: Hamburger Edition, Rensmann 2001: S. 362 f.; Z&ouml;chmeister, Markus/Sauer, Joachim 2005: Langes Schweigen &#8211; Sp&auml;te Erinnerung. Die Wehrmachtsausstellung in Salzburg. Innsbruck Studienverlag.; Prantl, Heribert (Hg.) 1997: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Hamburg Hoffmann und Campe; Thiele, Hans-G&uuml;nther (Hg.) 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung.</p>
<p>(16) Vgl. Brumlik/Funke/Rensmann 2000; Rensmann 2001: S. 362 ff.; Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. S. 207 f&pound;; Dietzsch, Martin/J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.) 1999: Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verst&auml;ndnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung.</p>
<p>(17) Vgl. Funke, Hajo Friedensrede als Brandstiftung. In: Brumlik/Funke/Rensmann, S 212ff.</p>
<p>(18) Vgl. Habermas, J&uuml;rgen 2002: Tabuschranken. Eine semantische Anmerkung. F&uuml;r Marcel Reich-Ranicki, aus gegebenen Anl&auml;ssen. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 7.6.2002. S. 13; Salzborn 2010 S.208 f.</p>
<p>(19) Grass, G&uuml;nther 2012: Was gesagt werden muss. In: <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809</a> (Gesehen am 04.06.2012).</p>
<p>(20) Kritik bei Habermas, J&uuml;rgen 1995: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 26 f.</p>
<p>(21) Bergem, Wolfgang 2003: Barbarei als Sinnstiftung? Das NS-Regime in Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der Bundesrepublik. In: Bergem; Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. S. 81.</p>
<p>(22) Rensmann 2001 S. 357.</p>
<p>(23) Ebd. S. 366.</p>
<p>(24) Ebd.</p>
<p>(25) Ebd.</p>
<p>(26) Adorno, Theodor W. 1977: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften 10.2. Eingriffe, Stichworte, Anhang. Hrsg. von Rolf Tiedemann unter der Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 555 f.</p>
<p>(27) Rensmann 2001 S. 366.</p>
<p>(28) Vgl. Klunft, Michael (Hg.) 2003: Erinnern, verdr&auml;ngen, vergessen. Giessen: Netzwerk f&uuml;r politische Bildung, Kultur und Kommunikation, S. 167 ff.; Explizit zu Dresden Vgl. Fischer, Henning 2011: &#8222;Erinnerung&#8220; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik. M&uuml;nster Verlag Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>(29) Sp&auml;ter, Erich 2004: Siebzig Jahre v&ouml;lkischer Nationalismus: Von der &#8222;Sudetendeutschen Volksgemeinschaft&#8220; zur &#8222;Volksgruppe im Exil&#8220;. In: Klundt, Michael (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. K&ouml;ln PapyRossa, S. 104-133.</p>
<p>(30) Diner, Dan (Hg.) 1988: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(31) Schwab-Trapp 2003: S. 183.</p>
<p>(32) Ebd. S. 184.</p>
<p>(33) Zitat nach: S&uuml;ddeutsche Zeitung. 24. Januar 2005.</p>
<p>(34) Fischer, 30.6.1995 zitiert nach Schwab-Trapp 2003: S. 176.</p>
<p>(35) Vgl. Claussen, Detlev 2005: Grenzen der Aufkl&auml;rung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt a. M.</p>
<p>(36) Duve, Freimut 1995: An der Rampe von Srebrenica. In: Die Zeit 30/1995. Url: <a href="http://www.zeit.de/" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de</a> 1995/30/An_der_Rampe_von_Srebrenica (Gesehen: 06.10.2010).</p>
<p>(37) Vgl. Fischer/Lorenz 2007 S. 305.</p>
<p>(38) Klunft 2004 S. 175.</p>
<p>(39) Adorno, Theodor W. 1975: Schuld und Abwehr. In: Gesammelte Schriften. Band 9. Soziologische Schriften II, S. 237.</p>
<p>(40) Rensmann, Lars 2000: Aufgearbeitete Vergangenheit? Zur Erforschung gegenw&auml;rtiger Dynamiken von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland. In: J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.): Weiter auf unsicherem Grund: Rechtsextremismus &#8211; Rechtspopulismus &#8211; Rassismus. Kontinuit&auml;ten und Br&uuml;che. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung, S. 84.</p>
<p>(41) Keil, Daniel 2010: Die &#8222;zarte Wiederentdeckung des Deutschen&#8220; &#8211; Thesen zu Kritik der deutschen Nation und ihrer gegenw&auml;rtigen Entwicklung. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irrsinn der Normalit&auml;t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. M&uuml;nster Westf&auml;lisches Dampfboot, S.20-44.</p>
<p>(42) Ebd. S. 555.</p>
<p>(43) Macdonnald, Sharon 2009: Difficult heritage: negotiating the Nazi past in Nuremberg and beyond. London/New York Routledge, S. 169.</p>
<p>(44) Vgl. Adorno 1977 S. 555.</p>
<p>(45) Juelich, Dierk 1995: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Besch&auml;digungen bei den Urhebern der Shoah. In: Schreier, Helmut/Heyl, Mathias (Hg.): &#8222;Da&szlig; Auschwitz nicht noch einmal sei&#8230;&#8220; Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg Kr&auml;mer, S. 98.</p>
<p>(46) Vgl. Huppert, Daru 2003: Revisionismus als Einstellung und Klischee. In: B&uuml;ro trafo K./H&ouml;llwart, Renate/Martinez-Turek, Charlotte/Sternfeld, Nora/Pollak, Alexander (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia+Kant, S. 129.</p>
<p>(47) Vgl. ebd. S. 130.</p>
<p>(48) Adorno 1977 S. 558.</p>
<p>(49) Adorno, Zur Bek&auml;mpfung des Antisemitismus heute.</p>
<p>(50) Broder 1986 S. 11.</p>
<p>(51) Adorno, Theodor W. Gesammelte Schriften. Band 20.1.Vermischte Schriften I, S. 360-3 84.</p>
<p>(52) Adorno 1975 S. 149 f.</p>
<p>(53) Adorno 1975 S. 323.</p>
<p>(54) Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 91.</p>
<p>(55) Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1985: Vorwort zu Paul W. Massings &#8222;Vorgeschichte des politischen Antisemitismus&#8220;. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. S. 126 f.</p>
<p>(56) Zit. nach Juelich, Dierk 1994: Die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten. Sozialpsychologische Aspekte zur Identit&auml;t der Deutschen nach Auschwitz. In: Kulke, Christine (Hg.): Der gew&ouml;hnliche Antisemitismus: Zur politischen Psychologie der Verachtung. Pfaffenweiler Centaurus-Verlags-Gesellschaft, S. 86.</p>
<p>(57) Korn, Salomon 2001: Die zweigeteilte und die gemeinsame Erinnerung: Was es in Israel hei&szlig;t, des Holocaust zu gedenken, und was in Deutschland. Url: <a href="http://www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm" target="_blank" rel="noopener">www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm</a> (Stand 13.06.2012).</p>
<p>(58) Ebd.</p>
<p>(59) Rensmann 1998: S. 334.</p>
<p>(60) Ebd.</p>
<p>(61) Rudko Kawczynski 2009: Er&ouml;ffnungsrede. Url: <a href="http://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc" target="_blank" rel="noopener">hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc</a> (Stand 13.06.2012)</p>
<p>(62) Adorno 1977 S. 572.</p>
<p>Hannes Jaacks</p>
<p>Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</p>
<p>Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&uuml;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&uuml;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der Weltfrieden, den er durch Israel bedroht sieht. Den iranischen Pr&auml;sidenten Mahmoud Ahmadinejad verniedlicht er als &#8222;Maulhelden&#8220;, verkehrt dabei Ursache und Wirkung. Grass sieht sich aufgrund der R&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Deutschland und Israel zum Schreiben gezwungen. Seine Angst vor der m&ouml;glichen nuklearen Bewaffnung der aus Deutschland gelieferten Unterseeboote findet ihren Widerhall in der Geschichte, mit der zwei Monate sp&auml;ter der &#8222;Spiegel&#8220; aufmachte: &#8222;Geheim-Operation Samson. Wie Deutschland die Atommacht Israel aufr&uuml;stet&#8220;.(1) Das derartige Schlagzeilen und Gedichte viele Anh&auml;ngerinnen(2) finden, ist keine neue Entwicklung. 2003 ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage, dass 65 Prozent der Deutschen in Israel die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sehen.(3) Die Studie &#8222;Deutsche Zust&auml;nde&#8220; ermittelte eine Zustimmungsrate von 57 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung zu der Aussage &#8222;Israel f&uuml;hrt einen Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser&#8220;. In derselben Studie machten 38 Prozent der Gefragten ihr H&auml;kchen neben dem Satz &#8222;Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat&#8220;.(4)</p>
<p>Der Herausgeber der &#8222;Zeit&#8220; Josef Joffe befand denn auch zu Grass&#8216; Gedicht kurz und b&uuml;ndig: &#8222;Der Antisemitismus will raus&#8220;(5). Solcherlei &Auml;u&szlig;erungen seien einer gesellschaftlichen Latenz geschuldet, &#8222;der neue (oder abgeleitete) A[ntisemitismus], wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, &#8222;weil er sich aus einem Unterbewusst sein speist, das von m&auml;chtigen Tabus -Scham und Schuldgef&uuml;hle -eingezw&auml;ngt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege &ouml;ffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.&#8220;</p>
<p>Um auf die Titelfrage &#8222;Wozu gedenken?&#8220; dieser Ausgabe der &#8222;Vorg&auml;nge&#8220; einzugehen, m&ouml;chte ich im Folgenden in der Auseinandersetzung mit der Kultur des Gedenkens in Deutschland auf den Mechanismen der Abwehr eingehen, der auf einen darunter liegenden sekund&auml;ren Antisemitismus verweist. Im Anschluss will ich &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Gedenkens, seine Einschr&auml;nkungen und M&ouml;glichkeiten sprechen.</p>
<p>Von der Amnesie zur Hypermnesie</p>
<p>Nachdem die Nachkriegs- und Wiederaufbaujahre durch ein kollektives Beschweigen der begangenen Verbrechen gepr&auml;gt waren, das Alexander und Margarete Mitscherlich pr&auml;gnant als &#8222;die Unf&auml;higkeit zu trauern&#8220; analysierten, setzte, initialisiert durch die Studentenbewegung, erst in den 1980er Jahren, besonders nach der Vereinigung 1990, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld ein. Als Stationen dieses Prozesses seien hier die Ausstrahlung der Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; 1979 in der BRD(6), die Bitburg-Kontroverse(7), der &#8222;Historikerstreit&#8220;(8), die Diskussion um den Spielfilm &#8222;Schindlers Liste&#8220;, das &#8222;Gedenkjahr 1995&#8243;(9), die Diskussionen um das &#8222;Mahnmal f&uuml;r die ermordeten Juden Europas&#8220;(10) und die Neue Wache (ll), die Kontroverse &uuml;ber die Entsch&auml;digung ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen(12), die Debatte &uuml;ber den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldat innen im Kosovo-Krieg 1999(13) und die Goldhagen-(14) Wehrmachtsausstellungs-(15), Walser-(16) und M&ouml;llemann-Debatten(l7) genannt. Dabei ist Walser-Debatte als ein Bruchpunkt eines vorherigen demokratischen Konsenses anzusehen, antisemitische Ausf&auml;lle gesellschaftlich zu sanktionieren.(18)</p>
<p>Als vorl&auml;ufig letztes Kapitel dieser Liste kann man das Grass-Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;(19) ansehen. Das kollektive Schweigen &uuml;ber die deutsche Schuld wurde seit den 1980-er Jahren von einer Beredsamkeit &uuml;ber die NS-Zeit, die &#8222;deutschen Diktaturen&#8220;(20) und Auschwitz abgel&ouml;st. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem spricht gar von einem Umschlag von Amnesie zur Hypermnesie der Gegenwart.(21) &#8222;Die unterschwellig immer pr&auml;sente Bedeutung der NS-Vergangenheit f&uuml;r die deutsche Gegenwartsgesellschaft wurde infolgedessen nachhaltig in die &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt.&#8220;(22) Dabei waren neben floskelhafter Rhetorik und Vereinnahmungsversuchen vor allem auch offene Abwehrreaktionen zu finden: &#8222;Die seit den 1980er Jahren vermehrt aggressiv artikulierte, ja hegemoniale &#8222;Schlussstrich- und Vers&ouml;hnungsideologie&#8220; (Bitburg, Gedenkjahr 1995, Walser-Debatte als &#8222;letzte Debatte&#8220;), die vor allem auf Vers&ouml;hnung der deutschen Nation mit sich selbst und ihrer Geschichte zielt, hat dazu beigetragen, die &ouml;ffentlichen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit teils geschichtsrevisionistisch zu versch&auml;rfen, aber auch insgesamt zu verst&auml;rken.(23)</p>
<p>Das gesellschaftliche Gespr&auml;ch &uuml;ber den Nationalsozialismus hat sich also intensiviert und, wie der Politikwissenschaftler Lars Rensmann bez&uuml;glich der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220;(24) 1995 feststellte, auch Risse im Abwehrkonsens hervorgebracht. Allerdings l&ouml;se sich der &#8222;Diskurs &uuml;ber den Holocaust in einer neuen Unbefangenheit, einer politischen Erinnerungsverwaltung oder einer Beliebigkeit auf, bei der das Grauen oberfl&auml;chlich thematisiert und in den Diskurs eingef&uuml;gt wird, ohne es an sich heranzulassen.&#8220;(25) Die intensivierten Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hren so also keineswegs notwendig zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigen auch teils subtile, teils sehr unverh&uuml;llte Abwehrformen.</p>
<p>Anerkennung oder Neutralisierung des Holocaust</p>
<p>F&uuml;r Rensmann zeigten sich im Erinnerungsdiskurs die &#8222;Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie&#8220;(26): &#8222;Im politischen Diskurs zum Gedenken an Auschwitz selbst (findet) das Fortw&auml;hren heftiger Abwehraffekte wie nationaler Ressentiments erneuten Ausdruck.&#8220;(27) So h&auml;tten sich Deckdiskurse der Normalisierung und Verharmlosung der NS-Vergangenheit gebildet, bei denen bspw. in der Gleichsetzung von DDR und nationalsozialistischem Deutschland, Auschwitz und Dresden(28) oder den Vertreibungen von Deutschen(29) und ihren Opfern die Singularit&auml;t der NS-Verbrechen relativiert werden solle.</p>
<p>In Folge der intensivierten Vergangenheitsdiskurse zeigten sich drei Entwicklungen. Auf der einen Seite gebe es weitere Verarbeitungsprozesse bei einer Minderheit, die beispielsweise durch die Goldhagen-Debatte beeinflusst worden sei und sich nun an die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte machte. Dann folgten die &#8222;Unbek&uuml;mmert Indifferenten&#8220; und eine weitere Gruppe von besonders aggressiven, erinnerungsverweigernden Menschen, die sich apologetisch auf Familie und Nation bez&ouml;gen.</p>
<p>Diese haben zwei Wege, sich mit dem &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;(30) zu arrangieren. Zu-n&auml;chst gibt es eine Strategie, die der Soziologe Michael Schwab-Trap als eine &#8222;der Neutralisierung der Vergangenheit&#8220;(31) bezeichnet. Dabei werde die Wiedervereinigung als Z&auml;sur bezeichnet und Deutschland nun als normale Nation verstanden. &#8222;Die Abgrenzung vom Nationalsozialismus macht der Abgrenzung zu den Folgen des Nationalsozialismus Platz.&#8220;(32) Ein Zusammenhang mit der deutschen Nation und deren Geschichte wird geleugnet. Rensmann warnt, dass gerade dort, wo die &#8222;Normalit&auml;t&#8220; der Gesellschaft und die &#8222;gelungene Aufarbeitung&#8220; als &#8222;abgeschlossenes Geschichtskapitel&#8220; am energischsten beschworen w&uuml;rden, nicht selten alte, lange tabuierte Ressentiments Urst&auml;nd feierten.</p>
<p>Die Anerkennung des Holocaust als Bruchpunkt deutscher Geschichtsschreibung ist allerdings ebenfalls kein Zeichen eines annehmenden und empathischen Umgangs mit der Vergangenheit. Mit der Aussage &#8222;Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz&#8220;(33) begr&uuml;ndete der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer den Kriegseintritt Deutschlands in Jugoslawien, einem Land in dem, wie er noch drei Jahre zuvor betont hatte, &#8222;die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf grausamste Art und Weise gew&uuml;tet hat&#8220;(34). Auschwitz wurde vom Argument gegen deutsche Milit&auml;rintervention zu einem Argument f&uuml;r den Einsatz.(35) So &uuml;berschrieb der SPD-Abgeordnete Freimut Duve einen Artikel zum Milit&auml;reinsatz in der &#8222;Zeit&#8220; mit dem Satz &#8222;An der Rampe von Srebrenica.&#8220;(36)</p>
<p>Dazu res&uuml;mieren der Kulturwissenschaftler Thorben Fischer und Sprachwissenschaftler Matthias N. Lorenz im &#8222;Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland&#8220;: &#8222;Als ,das B&ouml;se&#8216; schlechthin bietet [Auschwitz] wie kaum ein anderes historisches Ereignis die M&ouml;glichkeit, in aktualisierende Sinnstiftungen einmontiert zu werden&#8220;, Es &#8222;verliert dabei aber [&#8230;] ebenso an Eindeutigkeit wie an &Uuml;berzeugungskraft.&#8220;(37)</p>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit wird solcherma&szlig;en offensiv als moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die nationale Einstellung genutzt. &#8222;Aus den gegenw&auml;rtigen geschichtspolitischen Debatten l&auml;sst sich auch h&auml;ufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schlie&szlig;lich aus den NS-Verbrechen die &#8222;Verpflichtung&#8220; ableitet, die deutsche Au&szlig;enpolitik -&#8220; aus historischer Verantwortung&#8220; &#8211; weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu best&auml;rken.&#8220;(38) Deutschland ist auf diese Weise nicht mehr nur eine Nation unter vielen, sondern pr&auml;sentiert sich unumwunden als diejenige, die aus der Massenvernichtung der J&uuml;dinnen Juden gelernt habe &#8211; die Sonderwegsthese der Geschichtswissenschaften kehrt sich um. Mit Adorno l&auml;sst sich betonen: &#8222;Man hat es nicht so eilig mit dem Schlu&szlig;strich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient.&#8220;(39) Der Wunsch, endlich als normalisierte Nation etwas f&uuml;r die eigene L&auml;uterung zu bekommen, steigert sich in der Konstruktion Deutschlands als moralisch &uuml;berlegener Nation, die eben wegen Auschwitz in der Lage sei, zu scheiden, was Recht und Unrecht ist.</p>
<p>Eine kritische Erforschung der Schuldabwehr ist heute somit &#8222;st&auml;rker im Kontext einer nationalstaatlichen, mentalit&auml;tsgeschichtlich orientierten politischen Kulturforschung zu konzipieren, die das Band von der deutschen Tat Auschwitz zur &#8222;zivilisatorischen Normalit&auml;t&#8220; und universellen Sph&auml;re des Allgemein-Menschlichen zerschneidet, ohne Verbindungslinien zur universellen modernen Logik der Herrschaft und Ausgrenzung zu ignorieren; nirgends sind dabei die Widerst&auml;nde vehementer als im Land der T&auml;ter.&#8220;(4o)</p>
<p>Am Bilde der ldentifikationen beim Fu&szlig;ball kommt der Politologe Daniel Keil zu dem Urteil, dass die &#8222;gelungene Entkoppelung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch eine kulturindustriell gepr&auml;gte permanente Bearbeitung, [] auf Banalisierung und Exkulpation hinausl&auml;uft.&#8220;(41) Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird nicht ernsthaft, im Sinne einer Selbstreflexion sondern eher wie im gleichnamigen Aufsatz Adornos angemahnt vollzogen: &#8222;Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da&szlig; man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu&szlig;tsein. Sondern man will einen Schlu&szlig;strich darunter ziehen und wom&ouml;glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen&#8220;.(42)</p>
<p>In der modernen Form wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zur Pflicht, eben um nicht &uuml;ber die Inhalte nachzudenken. Scham oder Schuld kommen dabei au&szlig;erhalb dieser intellektualisierenden Haltung nicht vor. So ist der Besuch bspw. einer Ausstellung verbunden mit dem Wunsch, diesem Selbstbild zu entsprechen. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald beschrieb dieses Vorgehen bereits 2009 innerhalb ihrer Studie zu Besucherinnen des Dokuzentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgel&auml;nde in N&uuml;rnberg: &#8222;This learning itself, however, is cast as what seems to be the most important motivation of many to visit. This is as a kind of moral duty to bear witness to an atrocious past; this being expressed by some simply as something that one &#8222;should do&#8220;. As such, attendance becomes as much an act of commemoration as of edu &#8220;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; cation . (43)</p>
<p>F&uuml;r diese moralische Pflicht gelten dieselben Auswirkungen, wie f&uuml;r die starke Thematisierung des Nationalsozialismus generell. Sie schafft R&auml;ume, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, trivialisiert die Auseinandersetzung allerdings zeitgleich.(44) Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten.</p>
<p>Die Abwehr gegen die Schuld</p>
<p>Bei einem solchen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kommt es anstatt zu einer empathischen Auseinandersetzung zu einer &#8222;Affektverleugnung und Affektisolation, was hei&szlig;t, da&szlig; [&#8230;] das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet.&#8220;(45) Dort allerdings, wo das Mitf&uuml;hlen und die Scham nicht zugelassen w&uuml;rden, k&ouml;nne auch ein authentisches Gedenken nicht funktionieren. Die Schuld wird entweder verleugnet und gemindert oder unter Deckerinnerungen unterdr&uuml;ckt. Das Wissen um die Schuld bleibt unangetastet und wird durch eine gewollte Alternativversion ersetzt.</p>
<p>Diese Deckerinnerungen bringen allerdings ein grundlegendes Problem mit sich: Es kann ihnen nicht restlos getraut werden, ein Rest Zweifel an ihnen bleibt bestehen und f&uuml;hrt zunehmend zum Dogmatismus.(46)Die eigene oder deutsche Schuld soll abgewehrt werden, es gibt das Bed&uuml;rfnis nach Auseinandersetzung. Dabei wird ein_e Ankl&auml;ger in ben&ouml;tigt, um die Position des zweifelnden Selbst zu &uuml;bernehmen. Die Ambivalenz der Apologie, also das Wissen um die Wahrheit, auf die durch die Leugnung Bezug genommen wird, muss auf zwei Personen aufgeteilt werden. Die zuvor selbst ausgesprochene Anklage gegen sich selbst wird von nun an durch den Widerpart vertreten, dem entgegen reagiert werden kann.</p>
<p>Es geht in der Abwehr also weder um Wahrheit oder ihr Gegenteil, sondern um den performativen Akt der Entschuldung in der Auseinandersetzung (47) Das Ziel ist das Streitgespr&auml;ch, in dem mit einer anderen Person als Widerpart sogar die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den die Apologet_in besteht, die Diskussion zu gewinnen. In dieser Diskussion soll Entlastung und eine unverstellte Identifikation mit dem Kollektiv herbeigef&uuml;hrt werden. Daraus erkl&auml;rt sich auch, wie gro&szlig; das Interesse ist, die Geschichte dauerhaft umzuschreiben. Dabei muss allerdings zun&auml;chst der bohrende Rest der Schuldanerkennung selbst vergessen werden, damit er im Folgenden den Anderen ausgeredet werden kann. Somit w&auml;re das Vergessen &#8222;eher eine Leistung des allzu wachen Bewu&szlig;tseins als dessen Schw&auml;che gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht unbewu&szlig;ter Prozesse&#8220;(48) und w&auml;re somit der Beginn einer geschichtsanpassenden Praxis, deren Ziel die Dekonstruktion von Auschwitz als Bruch der kollektiven Identifikation als &#8222;Deutscher&#8220; ist.</p>
<p>Sekund&auml;rer Antisemitismus</p>
<p>F&uuml;r dieses deutsche Bed&uuml;rfnis der Abwehr pr&auml;gte der Mitarbeiter des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung Peter Sch&ouml;nbach den Begriff des &#8222;sekund&auml;ren Antisemitismus&#8220;.(49) Entstanden aus dem Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit entsteht der Schuldabwehrantisemitismus &#8222;nicht trotz, sondern wegen Auschwitz&#8220;. so Dieser, so Theodor W. Adorno in einem Radiovortrags&#8216;, ergab sich aus den innerfamili&auml;ren Narrativen: Die Generation der T&auml;ter versuchte, ihr Verhalten w&auml;hrend der Nazi-Zeit zu rechtfertigen, und verwies dabei z. B. auf die &#8222;reichen Juden&#8220; oder deren angeblichen gro&szlig;en Einfluss w&auml;hrend der Weimarer Republik. Es geht also um Menschen, die sich selbst nicht als judenfeindlich verstehen &#8211; sie wollen sich distanzieren. Dieser Vorgang betrifft sowohl die T&auml;ter innen Generation, als auch deren Nachfahren. Er ist ein innerfamili&auml;res Narrativ: Stereotype, die als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Verhalten der Elterngeneration genutzt werden, verfestigen sich, werden von den Kindern &uuml;bernommen, um nicht in Konflikt mit der elterlichen Geschichtsschreibung und Schuldverarbeitung zu geraten. Adorno f&uuml;hrt weiter aus: &#8222;Wenn man Schuldgef&uuml;hle und Verantwortung gegen&uuml;ber dem von den Nazis Begangenen abwehrt, so bedeutet das nicht nur, da&szlig; man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, da&szlig; man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt. W&auml;re das nicht der Fall, so bed&uuml;rfte es nicht des Eifers der Distanzierung.&#8220;(52)</p>
<p>Die Scham und die Abscheu &uuml;ber die Verbrechen der Nazis treiben zum Wunsch, m&ouml;glichst nichts damit zu tun zu haben. Revidierung der Geschichte, Gleichsetzungen oder die Relativierung der Shoa sind die Methoden der Entlastung. In den Forschungen des Instituts zeige sich, dass &#8222;die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen Judenverfolgungen im allgemeinen nicht zu einer radikalen Abkehr vom Antisemitismus gef&uuml;hrt&#8220;(53), sondern eine neue Ausformung des Antisemitismus begr&uuml;ndet h&auml;tten. Die im Rahmen des sp&auml;teren Essays &#8222;Schuld und Abwehr&#8220; behandelten Personen sind somit mitunter keine &uuml;berzeugten Nazis, dennoch offenbarten sie in ihren Aussagen eine feindselige Haltung gegen J&uuml;dinnen_Juden, da die befragten Personen &Uuml;berlebende des Holocaust oder generell &#8222;Juden&#8220; als &#8222;Repr&auml;sentanten oder Verk&ouml;rperungen einer unerw&uuml;nschten oder verdr&auml;ngten Erinnerung&#8220;(54) wahrnahmen. Die Befragten, sei es die Generation der T&auml;ter innen oder deren Kinder, bef&auml;nden sich demnach in einem Dilemma: Einerseits seien sie &uuml;ber die millionenfachen Verbrechen erschrocken; andererseits versuchten sie ihr eigenes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu rechtfertigen oder f&uuml;hlten sich ihren Eltern oder ihrem eigenen nationalen Kollektiv verbunden &#8211; A-dorno spricht mehrmals von der blinden Identifikation mit der Nation und der Gewalt von Identifikationsmechanismen.</p>
<p>Wegen dieser Identifikation muss die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt oder relativiert werden. Denn das Wissen und der Schrecken dar&uuml;ber, wohin es mit der Kollektivierung als Deutschland f&uuml;hrte, gef&auml;hrdet ein Bild, auf dass eine_r sich irgendwie positiv beziehen kann. So entwickelte sich nach 1945 eine neue Form der Feindschaft gegen J&uuml;dinnen_Juden, weil sie bereits durch ihre Anwesenheit und durch die scheinbar f&uuml;r sie ge&auml;u&szlig;erte Forderung nach Aufkl&auml;rung und Erinnerung, den Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und die Nazizeit vergessen zu k&ouml;nnen, unterminierten. Das eigene Schuldgef&uuml;hl wird abgewehrt und auf die Juden projiziert. Diese Abwehr schl&auml;gt oftmals, so Horkheimer/Adorno, in aggressives Verhalten, bedingt durch antisemitische Projektionen, um: &#8222;Die Abwehr der Erinnerung an das Uns&auml;gliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.&#8220;55 Der j&uuml;dische Arzt Zvi Rex</p>
<p>brachte diesen von der kritischen Theorie begr&uuml;ndeten Zusammenhang knapp auf den Begriff: &#8222;Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen! &#8222;(56)</p>
<p>Wozu Gedenken?</p>
<p>Diese intensivere Besch&auml;ftigung soll bereits die mit dem Begriff verbundenen Unm&ouml;glichkeiten aufzeigen. Die Frage nach Gedenken ist nicht nur ein &#8222;Wozu&#8220;. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit eines zulassenden Gedenkens. Die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken ist abh&auml;ngig vom Verh&auml;ltnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identifikation mit Deutschland. &#8222;Je n&auml;her und unverbr&uuml;chlicher man zu den Geschicken der eigenen Gemeinschaft steht, desto eher wird man die Erinnerung an deren Geschichte, die dann auch als eigene empfunden wird, zu bewahren suchen. Je ambivalenter, schwieriger und br&uuml;chiger die Vergangenheit des Volkes ist, dem man angeh&ouml;rt, desto mehr &Uuml;berwindung erfordert die Besch&auml;ftigung mit dessen Geschichte, die dann als eigene eher abgewehrt wird.&#8220; (57)</p>
<p>Die Konfrontation mit den Verbrechen gegen die Menschheit macht ein annehmen des Erinnern oder Gedenken zu einer schweren T&auml;tigkeit, die eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht. Erinnern und Gedenken bedeuten dann immer auch Auseinandersetzung mit den Biografien der eigenen Eltern, Gro&szlig;eltern, Vorfahren und denen, die so waren wie sie. Das gesellschaftliche Denken der Nationalsozialist_innen aufzuarbeiten und dessen Transformationen und Wandlungen zu verfolgen, ist ebenfalls notwendig, um Gedenken nicht als lediglich r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtete Rechtfertigungsfigur zu betrachten. So schrieb auch Salomon Korn: ,Die Bereitschaft, der nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig zu gedenken, h&auml;ngt von der Bereitschaft der nichtj&uuml;dischen Deutschen ab, nationale Identit&auml;t in ihren geschichtlich geformten Brechungen und Diskontinuit&auml;ten anzunehmen &#8211; sich eben nicht in eine scheinbar heile nationale Identit&auml;t zu fl&uuml;chten, die zwangsl&auml;ufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bed&uuml;rfnisse hin verbiegen, relativieren und schlie&szlig;lich verf&auml;lschen mu&szlig;.(58)</p>
<p>Die Ereignisse auf politischer Ebene, das Streben nach Normalisierung und erinnerungsverweigernder Vers&ouml;hnung konnte nur &uuml;ber das Einstampfen oder Neubesetzen der Besonderheit der Geschichtsschreibung Deutschlands funktionieren. Dieses Streben hat schleichend die Grundlagen des Antisemitismus erneuert bzw. reproduziert. &#8222;Die Politik flankiert die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen f&uuml;r solche Judenfeindlichkeit, die die Subjekte ins Innerste pr&auml;gen.&#8220;(59)</p>
<p>Zwar hat die intensivierte Diskussion &uuml;ber den Holocaust nicht nur dem Antisemitismus, sondern auch der Auseinandersetzung `mit der Geschichte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Die Folgen sind aber, wie im Text bereits aufgezeigt, keineswegs ableitbar. Es werden R&auml;ume geschaffen, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, dennoch wird die Auseinandersetzung zeitgleich trivialisiert. Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten. Diese k&ouml;nnen nur durch Eingedenken und den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ursachen bearbeitet werden.</p>
<p>Dabei wurde der Zusammenhang von Erinnerungsbereitschaft und nationaler Identifizierung bereits herausgearbeitet. Aus ihm wird deutlich, dass Erinnern und Gedenken der Nachfahren der Opfer und der Nachfahren der T&auml;ter innen sich ebenfalls unterscheiden m&uuml;ssen. &#8222;Die Nachfahren der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht in gleicher Intensit&auml;t um die ihnen ferner stehenden Opfer des V&ouml;lkermordes trauern wie die unmittelbar betroffenen Nachfahren der Ermordeten oder &Uuml;berlebenden. W&auml;hrend Letztere im Gedenken vor-wiegend die Erinnerung an die Ermordeten der eigenen Familie, des eigenen Volkes bewahren, m&uuml;&szlig;te das Gedenken der T&auml;ter-Nachfahren an die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes immer auch die Erinnerung an Verbrechen des eigenen Volkes sowie Fragen nach deren Ursachen und Folgen einschlie&szlig;en.&#8220;(60)</p>
<p>Dieses Verh&auml;ltnis l&auml;sst sich auch f&uuml;r den Vorstandsvorsitzenden der Rom und Cinti Union, Rudko Kawczynski, nicht zusammenf&uuml;gen. Er sagte in seiner Rede zur Er&ouml;ffnung der Ausstellung &#8222;In den Tod geschickt &#8211; die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940-1945&#8220;: &#8222;Ein, wirkliches, gemeinsames Gedenken als Nachfahren der Generationen der &Uuml;berlebenden und den Nachfahren der vermeintlichen T&auml;ter wird es wohl nicht geben k&ouml;nnen, dazu sind unsere Geschichten und Erfahrungen, unsere Erinnerungen an die Zeit der Hakenkreuze zu unterschiedlich. Eine gemeinsame Aufarbeitung und Mahnung jedoch ist nicht nur m&ouml;glich, sondern unabdingbar. Gerade heute, in einer Zeit, in der Folter und Internierungen ebenso zu Alltag zu werden drohen, wie der Abbau von zivilen Rechten, in der Menschenrechte auf dem Altar der Terrorbek&auml;mpfung einem &Uuml;berwachungswahn geopfert werden, ist es an uns, die Erinnerung an eine Zeit des Staatlichen Terrors lebendig zu erhalten.&#8220;(61)</p>
<p>In dieser Aussage findet sich eben der Umgang, den Adorno in &#8222;Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit&#8220; bereits als Grundlage einer tats&auml;chlichen Aufarbeitung der Vergangenheit formulierte: &#8222;Aufgearbeitet w&auml;re die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt w&auml;ren. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.&#8220;(62)</p>
<p>(1) Der Spiegel 23/2012. Url: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html</a> (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(2) Sprache wird in diesem Artikel als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverh&auml;ltnisse und damit auch als Ort an dem diese reproduziert werden verstanden. Mit der Schreibweise &#8222;mit Unterstrich&#8220; sollen all diejenigen Geschlechtsidentit&auml;ten mitgedacht werden, die sich jenseits der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit verorten. Einen Spezialfall in dieser Schreibform stellt allerdings der Begriff J&uuml;dinnen_Juden dar, da die eigentlich dieser Schreibweise entsprechende Bezeichnung &#8222;Jud_innen&#8220;, den nationalsozialistischen Begriff &#8222;Jud&#8220; beinhaltet und diesen somit reproduziert.</p>
<p>(3) IRAQ and PEACE IN THE WORLD. Url: <a href="http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf" target="_blank" rel="noopener">ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf</a>, 85. (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(4) Heitmeyer, Wilhelm 2007: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Joffe, Josef 2012: Der Antisemitismus will raus. Url: http:/Iwww.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israeUkomplettansicht (gesehen 10.06.2012).</p>
<p>(6) Vgl. Fischer, Torben/ Lorenz, Matthias N. Hg. 2007: Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld transcript, S. 243 ff;</p>
<p>Rensmann, Lars 2001: Politisch-psychologische Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Zum Verh&auml;ltnis von neueren Vergangenheitsdiskursen und gesellschaftlichen Einstellungen gegen&uuml;ber dem Holocaust in Deutschland. In: Lappin, Eleonore/Schneider, Bernhard (Hg): Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis-)Kontinuit&auml;ten in Diskursen &uuml;ber den Nationalsozialismus. St. Ingbert R&ouml;hrig Universit&auml;tsverlag, S. 357.</p>
<p>(7) Vgl. Postone, Moishe 2005a: Bitburg. 5. Mai 1985 und danach. Ein Brief an die westdeutsche Linke. In: Postone, Moishe (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 9a-ira-Verlag, S. 51-59, D&uuml;lffer, Jost 1999: Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur &#8211; Kein Ende der Geschichte. In: Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg Hamburger Edition, S 289-312; Hartmann, Geoffrey (Hg.) 1986: Bitburg in Moral and Political Perspective. Bloomington; Funke, Hajo 1988: Aufarbeitung der Vergangenheit. Zur Wirkung nationalsozialistischer Erziehung vor und nach 1945. In: Bar-On, Dan/Beiner, Friedhelm/Brusten Manfred (Hg.): Der Holocaust, familiale und gesellschaftliche Folgen &#8211; Aufarbeitung in Wissenschaft und Erziehung. Wuppertal Universit&auml;tsverlag.</p>
<p>(8) Vgl. Diner, Dan (Hg.) 1987: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(9) Vgl. Rensmann 2001 S. 359.</p>
<p>(10) Vgl. Brumlik, MichalFunke, Hajo/Rensmann, Lars (Hg.) 2000: Umk&auml;mpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Berlin Das Arabische Buch, D&uuml;lffer 1999.</p>
<p>(11) Ebd. S. 77 ff.</p>
<p>(12) Vgl. Schwab Trapp, Michael 2003: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs. In: Bergem, Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen Leske&amp;Budrich, S 323 f.</p>
<p>(13) Vgl. Schwab-Trapp 2003.</p>
<p>(14) Vgl. Fischer/Lorenz 2007: S. 295 ff.; Rensmann, Lars 1998: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t. Berlin und Hamburg Argument, S. 336 ff.; Rensmann, Lars 2001: S. 359 ff.; Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 334.</p>
<p>(15) Vgl. Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.) 1999: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung: &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg: Hamburger Edition, Rensmann 2001: S. 362 f.; Z&ouml;chmeister, Markus/Sauer, Joachim 2005: Langes Schweigen &#8211; Sp&auml;te Erinnerung. Die Wehrmachtsausstellung in Salzburg. Innsbruck Studienverlag.; Prantl, Heribert (Hg.) 1997: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Hamburg Hoffmann und Campe; Thiele, Hans-G&uuml;nther (Hg.) 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung.</p>
<p>(16) Vgl. Brumlik/Funke/Rensmann 2000; Rensmann 2001: S. 362 ff.; Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. S. 207 f&pound;; Dietzsch, Martin/J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.) 1999: Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verst&auml;ndnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung.</p>
<p>(17) Vgl. Funke, Hajo Friedensrede als Brandstiftung. In: Brumlik/Funke/Rensmann, S 212ff.</p>
<p>(18) Vgl. Habermas, J&uuml;rgen 2002: Tabuschranken. Eine semantische Anmerkung. F&uuml;r Marcel Reich-Ranicki, aus gegebenen Anl&auml;ssen. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 7.6.2002. S. 13; Salzborn 2010 S.208 f.</p>
<p>(19) Grass, G&uuml;nther 2012: Was gesagt werden muss. In: <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809</a> (Gesehen am 04.06.2012).</p>
<p>(20) Kritik bei Habermas, J&uuml;rgen 1995: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 26 f.</p>
<p>(21) Bergem, Wolfgang 2003: Barbarei als Sinnstiftung? Das NS-Regime in Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der Bundesrepublik. In: Bergem; Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. S. 81.</p>
<p>(22) Rensmann 2001 S. 357.</p>
<p>(23) Ebd. S. 366.</p>
<p>(24) Ebd.</p>
<p>(25) Ebd.</p>
<p>(26) Adorno, Theodor W. 1977: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften 10.2. Eingriffe, Stichworte, Anhang. Hrsg. von Rolf Tiedemann unter der Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 555 f.</p>
<p>(27) Rensmann 2001 S. 366.</p>
<p>(28) Vgl. Klunft, Michael (Hg.) 2003: Erinnern, verdr&auml;ngen, vergessen. Giessen: Netzwerk f&uuml;r politische Bildung, Kultur und Kommunikation, S. 167 ff.; Explizit zu Dresden Vgl. Fischer, Henning 2011: &#8222;Erinnerung&#8220; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik. M&uuml;nster Verlag Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>(29) Sp&auml;ter, Erich 2004: Siebzig Jahre v&ouml;lkischer Nationalismus: Von der &#8222;Sudetendeutschen Volksgemeinschaft&#8220; zur &#8222;Volksgruppe im Exil&#8220;. In: Klundt, Michael (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. K&ouml;ln PapyRossa, S. 104-133.</p>
<p>(30) Diner, Dan (Hg.) 1988: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(31) Schwab-Trapp 2003: S. 183.</p>
<p>(32) Ebd. S. 184.</p>
<p>(33) Zitat nach: S&uuml;ddeutsche Zeitung. 24. Januar 2005.</p>
<p>(34) Fischer, 30.6.1995 zitiert nach Schwab-Trapp 2003: S. 176.</p>
<p>(35) Vgl. Claussen, Detlev 2005: Grenzen der Aufkl&auml;rung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt a. M.</p>
<p>(36) Duve, Freimut 1995: An der Rampe von Srebrenica. In: Die Zeit 30/1995. Url: <a href="http://www.zeit.de/" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de</a> 1995/30/An_der_Rampe_von_Srebrenica (Gesehen: 06.10.2010).</p>
<p>(37) Vgl. Fischer/Lorenz 2007 S. 305.</p>
<p>(38) Klunft 2004 S. 175.</p>
<p>(39) Adorno, Theodor W. 1975: Schuld und Abwehr. In: Gesammelte Schriften. Band 9. Soziologische Schriften II, S. 237.</p>
<p>(40) Rensmann, Lars 2000: Aufgearbeitete Vergangenheit? Zur Erforschung gegenw&auml;rtiger Dynamiken von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland. In: J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.): Weiter auf unsicherem Grund: Rechtsextremismus &#8211; Rechtspopulismus &#8211; Rassismus. Kontinuit&auml;ten und Br&uuml;che. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung, S. 84.</p>
<p>(41) Keil, Daniel 2010: Die &#8222;zarte Wiederentdeckung des Deutschen&#8220; &#8211; Thesen zu Kritik der deutschen Nation und ihrer gegenw&auml;rtigen Entwicklung. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irrsinn der Normalit&auml;t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. M&uuml;nster Westf&auml;lisches Dampfboot, S.20-44.</p>
<p>(42) Ebd. S. 555.</p>
<p>(43) Macdonnald, Sharon 2009: Difficult heritage: negotiating the Nazi past in Nuremberg and beyond. London/New York Routledge, S. 169.</p>
<p>(44) Vgl. Adorno 1977 S. 555.</p>
<p>(45) Juelich, Dierk 1995: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Besch&auml;digungen bei den Urhebern der Shoah. In: Schreier, Helmut/Heyl, Mathias (Hg.): &#8222;Da&szlig; Auschwitz nicht noch einmal sei&#8230;&#8220; Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg Kr&auml;mer, S. 98.</p>
<p>(46) Vgl. Huppert, Daru 2003: Revisionismus als Einstellung und Klischee. In: B&uuml;ro trafo K./H&ouml;llwart, Renate/Martinez-Turek, Charlotte/Sternfeld, Nora/Pollak, Alexander (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia+Kant, S. 129.</p>
<p>(47) Vgl. ebd. S. 130.</p>
<p>(48) Adorno 1977 S. 558.</p>
<p>(49) Adorno, Zur Bek&auml;mpfung des Antisemitismus heute.</p>
<p>(50) Broder 1986 S. 11.</p>
<p>(51) Adorno, Theodor W. Gesammelte Schriften. Band 20.1.Vermischte Schriften I, S. 360-3 84.</p>
<p>(52) Adorno 1975 S. 149 f.</p>
<p>(53) Adorno 1975 S. 323.</p>
<p>(54) Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 91.</p>
<p>(55) Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1985: Vorwort zu Paul W. Massings &#8222;Vorgeschichte des politischen Antisemitismus&#8220;. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. S. 126 f.</p>
<p>(56) Zit. nach Juelich, Dierk 1994: Die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten. Sozialpsychologische Aspekte zur Identit&auml;t der Deutschen nach Auschwitz. In: Kulke, Christine (Hg.): Der gew&ouml;hnliche Antisemitismus: Zur politischen Psychologie der Verachtung. Pfaffenweiler Centaurus-Verlags-Gesellschaft, S. 86.</p>
<p>(57) Korn, Salomon 2001: Die zweigeteilte und die gemeinsame Erinnerung: Was es in Israel hei&szlig;t, des Holocaust zu gedenken, und was in Deutschland. Url: <a href="http://www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm" target="_blank" rel="noopener">www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm</a> (Stand 13.06.2012).</p>
<p>(58) Ebd.</p>
<p>(59) Rensmann 1998: S. 334.</p>
<p>(60) Ebd.</p>
<p>(61) Rudko Kawczynski 2009: Er&ouml;ffnungsrede. Url: <a href="http://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc" target="_blank" rel="noopener">hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc</a> (Stand 13.06.2012)</p>
<p>(62) Adorno 1977 S. 572.</p>
<p>Hannes Jaacks</p>
<p>Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</p>
<p>Mit der Diskussion des Gedichtes &#8222;Was gesagt werden muss&#8220; von G&uuml;nter Grass ging der erinnerungspolitische Diskurs zur nationalsozialistischen Vergangenheit in eine neue Runde. Sowohl Grass als auch sein Gedicht wurden vielfach als antisemitisch bezeichnet. Die Worte &#8222;Jude&#8220; oder &#8222;J&uuml;din&#8220; fallen in seinem Text nicht, sein Thema ist der Nahostkonflikt und der Weltfrieden, den er durch Israel bedroht sieht. Den iranischen Pr&auml;sidenten Mahmoud Ahmadinejad verniedlicht er als &#8222;Maulhelden&#8220;, verkehrt dabei Ursache und Wirkung. Grass sieht sich aufgrund der R&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Deutschland und Israel zum Schreiben gezwungen. Seine Angst vor der m&ouml;glichen nuklearen Bewaffnung der aus Deutschland gelieferten Unterseeboote findet ihren Widerhall in der Geschichte, mit der zwei Monate sp&auml;ter der &#8222;Spiegel&#8220; aufmachte: &#8222;Geheim-Operation Samson. Wie Deutschland die Atommacht Israel aufr&uuml;stet&#8220;.(1) Das derartige Schlagzeilen und Gedichte viele Anh&auml;ngerinnen(2) finden, ist keine neue Entwicklung. 2003 ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage, dass 65 Prozent der Deutschen in Israel die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r den Weltfrieden sehen.(3) Die Studie &#8222;Deutsche Zust&auml;nde&#8220; ermittelte eine Zustimmungsrate von 57 Prozent der deutschen Bev&ouml;lkerung zu der Aussage &#8222;Israel f&uuml;hrt einen Vernichtungskrieg gegen die Pal&auml;stinenser&#8220;. In derselben Studie machten 38 Prozent der Gefragten ihr H&auml;kchen neben dem Satz &#8222;Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat&#8220;.(4)</p>
<p>Der Herausgeber der &#8222;Zeit&#8220; Josef Joffe befand denn auch zu Grass&#8216; Gedicht kurz und b&uuml;ndig: &#8222;Der Antisemitismus will raus&#8220;(5). Solcherlei &Auml;u&szlig;erungen seien einer gesellschaftlichen Latenz geschuldet, &#8222;der neue (oder abgeleitete) A[ntisemitismus], wie er aus dem Grass-Gedicht quillt, ist komplizierter, &#8222;weil er sich aus einem Unterbewusst sein speist, das von m&auml;chtigen Tabus -Scham und Schuldgef&uuml;hle -eingezw&auml;ngt wird. Aber das Unbewusste will raus, wie Freud lehrte. Die Wege &ouml;ffnen die Heuchelei und die Unredlichkeit.&#8220;</p>
<p>Um auf die Titelfrage &#8222;Wozu gedenken?&#8220; dieser Ausgabe der &#8222;Vorg&auml;nge&#8220; einzugehen, m&ouml;chte ich im Folgenden in der Auseinandersetzung mit der Kultur des Gedenkens in Deutschland auf den Mechanismen der Abwehr eingehen, der auf einen darunter liegenden sekund&auml;ren Antisemitismus verweist. Im Anschluss will ich &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten des Gedenkens, seine Einschr&auml;nkungen und M&ouml;glichkeiten sprechen.</p>
<p>Von der Amnesie zur Hypermnesie</p>
<p>Nachdem die Nachkriegs- und Wiederaufbaujahre durch ein kollektives Beschweigen der begangenen Verbrechen gepr&auml;gt waren, das Alexander und Margarete Mitscherlich pr&auml;gnant als &#8222;die Unf&auml;higkeit zu trauern&#8220; analysierten, setzte, initialisiert durch die Studentenbewegung, erst in den 1980er Jahren, besonders nach der Vereinigung 1990, eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld ein. Als Stationen dieses Prozesses seien hier die Ausstrahlung der Fernsehserie &#8222;Holocaust&#8220; 1979 in der BRD(6), die Bitburg-Kontroverse(7), der &#8222;Historikerstreit&#8220;(8), die Diskussion um den Spielfilm &#8222;Schindlers Liste&#8220;, das &#8222;Gedenkjahr 1995&#8243;(9), die Diskussionen um das &#8222;Mahnmal f&uuml;r die ermordeten Juden Europas&#8220;(10) und die Neue Wache (ll), die Kontroverse &uuml;ber die Entsch&auml;digung ehemaliger NS-Zwangsarbeiterinnen(12), die Debatte &uuml;ber den Einsatz deutscher Bundeswehrsoldat innen im Kosovo-Krieg 1999(13) und die Goldhagen-(14) Wehrmachtsausstellungs-(15), Walser-(16) und M&ouml;llemann-Debatten(l7) genannt. Dabei ist Walser-Debatte als ein Bruchpunkt eines vorherigen demokratischen Konsenses anzusehen, antisemitische Ausf&auml;lle gesellschaftlich zu sanktionieren.(18)</p>
<p>Als vorl&auml;ufig letztes Kapitel dieser Liste kann man das Grass-Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;(19) ansehen. Das kollektive Schweigen &uuml;ber die deutsche Schuld wurde seit den 1980-er Jahren von einer Beredsamkeit &uuml;ber die NS-Zeit, die &#8222;deutschen Diktaturen&#8220;(20) und Auschwitz abgel&ouml;st. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergem spricht gar von einem Umschlag von Amnesie zur Hypermnesie der Gegenwart.(21) &#8222;Die unterschwellig immer pr&auml;sente Bedeutung der NS-Vergangenheit f&uuml;r die deutsche Gegenwartsgesellschaft wurde infolgedessen nachhaltig in die &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt.&#8220;(22) Dabei waren neben floskelhafter Rhetorik und Vereinnahmungsversuchen vor allem auch offene Abwehrreaktionen zu finden: &#8222;Die seit den 1980er Jahren vermehrt aggressiv artikulierte, ja hegemoniale &#8222;Schlussstrich- und Vers&ouml;hnungsideologie&#8220; (Bitburg, Gedenkjahr 1995, Walser-Debatte als &#8222;letzte Debatte&#8220;), die vor allem auf Vers&ouml;hnung der deutschen Nation mit sich selbst und ihrer Geschichte zielt, hat dazu beigetragen, die &ouml;ffentlichen Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit teils geschichtsrevisionistisch zu versch&auml;rfen, aber auch insgesamt zu verst&auml;rken.(23)</p>
<p>Das gesellschaftliche Gespr&auml;ch &uuml;ber den Nationalsozialismus hat sich also intensiviert und, wie der Politikwissenschaftler Lars Rensmann bez&uuml;glich der &#8222;Wehrmachtsausstellung&#8220;(24) 1995 feststellte, auch Risse im Abwehrkonsens hervorgebracht. Allerdings l&ouml;se sich der &#8222;Diskurs &uuml;ber den Holocaust in einer neuen Unbefangenheit, einer politischen Erinnerungsverwaltung oder einer Beliebigkeit auf, bei der das Grauen oberfl&auml;chlich thematisiert und in den Diskurs eingef&uuml;gt wird, ohne es an sich heranzulassen.&#8220;(25) Die intensivierten Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hren so also keineswegs notwendig zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigen auch teils subtile, teils sehr unverh&uuml;llte Abwehrformen.</p>
<p>Anerkennung oder Neutralisierung des Holocaust</p>
<p>F&uuml;r Rensmann zeigten sich im Erinnerungsdiskurs die &#8222;Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Demokratie&#8220;(26): &#8222;Im politischen Diskurs zum Gedenken an Auschwitz selbst (findet) das Fortw&auml;hren heftiger Abwehraffekte wie nationaler Ressentiments erneuten Ausdruck.&#8220;(27) So h&auml;tten sich Deckdiskurse der Normalisierung und Verharmlosung der NS-Vergangenheit gebildet, bei denen bspw. in der Gleichsetzung von DDR und nationalsozialistischem Deutschland, Auschwitz und Dresden(28) oder den Vertreibungen von Deutschen(29) und ihren Opfern die Singularit&auml;t der NS-Verbrechen relativiert werden solle.</p>
<p>In Folge der intensivierten Vergangenheitsdiskurse zeigten sich drei Entwicklungen. Auf der einen Seite gebe es weitere Verarbeitungsprozesse bei einer Minderheit, die beispielsweise durch die Goldhagen-Debatte beeinflusst worden sei und sich nun an die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte machte. Dann folgten die &#8222;Unbek&uuml;mmert Indifferenten&#8220; und eine weitere Gruppe von besonders aggressiven, erinnerungsverweigernden Menschen, die sich apologetisch auf Familie und Nation bez&ouml;gen.</p>
<p>Diese haben zwei Wege, sich mit dem &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;(30) zu arrangieren. Zu-n&auml;chst gibt es eine Strategie, die der Soziologe Michael Schwab-Trap als eine &#8222;der Neutralisierung der Vergangenheit&#8220;(31) bezeichnet. Dabei werde die Wiedervereinigung als Z&auml;sur bezeichnet und Deutschland nun als normale Nation verstanden. &#8222;Die Abgrenzung vom Nationalsozialismus macht der Abgrenzung zu den Folgen des Nationalsozialismus Platz.&#8220;(32) Ein Zusammenhang mit der deutschen Nation und deren Geschichte wird geleugnet. Rensmann warnt, dass gerade dort, wo die &#8222;Normalit&auml;t&#8220; der Gesellschaft und die &#8222;gelungene Aufarbeitung&#8220; als &#8222;abgeschlossenes Geschichtskapitel&#8220; am energischsten beschworen w&uuml;rden, nicht selten alte, lange tabuierte Ressentiments Urst&auml;nd feierten.</p>
<p>Die Anerkennung des Holocaust als Bruchpunkt deutscher Geschichtsschreibung ist allerdings ebenfalls kein Zeichen eines annehmenden und empathischen Umgangs mit der Vergangenheit. Mit der Aussage &#8222;Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz&#8220;(33) begr&uuml;ndete der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer den Kriegseintritt Deutschlands in Jugoslawien, einem Land in dem, wie er noch drei Jahre zuvor betont hatte, &#8222;die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auf grausamste Art und Weise gew&uuml;tet hat&#8220;(34). Auschwitz wurde vom Argument gegen deutsche Milit&auml;rintervention zu einem Argument f&uuml;r den Einsatz.(35) So &uuml;berschrieb der SPD-Abgeordnete Freimut Duve einen Artikel zum Milit&auml;reinsatz in der &#8222;Zeit&#8220; mit dem Satz &#8222;An der Rampe von Srebrenica.&#8220;(36)</p>
<p>Dazu res&uuml;mieren der Kulturwissenschaftler Thorben Fischer und Sprachwissenschaftler Matthias N. Lorenz im &#8222;Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland&#8220;: &#8222;Als ,das B&ouml;se&#8216; schlechthin bietet [Auschwitz] wie kaum ein anderes historisches Ereignis die M&ouml;glichkeit, in aktualisierende Sinnstiftungen einmontiert zu werden&#8220;, Es &#8222;verliert dabei aber [&#8230;] ebenso an Eindeutigkeit wie an &Uuml;berzeugungskraft.&#8220;(37)</p>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit wird solcherma&szlig;en offensiv als moralische Begr&uuml;ndung f&uuml;r die nationale Einstellung genutzt. &#8222;Aus den gegenw&auml;rtigen geschichtspolitischen Debatten l&auml;sst sich auch h&auml;ufig ein selektives, segmentiertes und abstraktes Schuldanerkenntnis herausdestillieren, welches schlie&szlig;lich aus den NS-Verbrechen die &#8222;Verpflichtung&#8220; ableitet, die deutsche Au&szlig;enpolitik -&#8220; aus historischer Verantwortung&#8220; &#8211; weiter zu militarisieren sowie den deutschen Hegemonialanspruch in Europa und weltweit zu best&auml;rken.&#8220;(38) Deutschland ist auf diese Weise nicht mehr nur eine Nation unter vielen, sondern pr&auml;sentiert sich unumwunden als diejenige, die aus der Massenvernichtung der J&uuml;dinnen Juden gelernt habe &#8211; die Sonderwegsthese der Geschichtswissenschaften kehrt sich um. Mit Adorno l&auml;sst sich betonen: &#8222;Man hat es nicht so eilig mit dem Schlu&szlig;strich unter die Vergangenheit, wenn sie der Abwehr dient.&#8220;(39) Der Wunsch, endlich als normalisierte Nation etwas f&uuml;r die eigene L&auml;uterung zu bekommen, steigert sich in der Konstruktion Deutschlands als moralisch &uuml;berlegener Nation, die eben wegen Auschwitz in der Lage sei, zu scheiden, was Recht und Unrecht ist.</p>
<p>Eine kritische Erforschung der Schuldabwehr ist heute somit &#8222;st&auml;rker im Kontext einer nationalstaatlichen, mentalit&auml;tsgeschichtlich orientierten politischen Kulturforschung zu konzipieren, die das Band von der deutschen Tat Auschwitz zur &#8222;zivilisatorischen Normalit&auml;t&#8220; und universellen Sph&auml;re des Allgemein-Menschlichen zerschneidet, ohne Verbindungslinien zur universellen modernen Logik der Herrschaft und Ausgrenzung zu ignorieren; nirgends sind dabei die Widerst&auml;nde vehementer als im Land der T&auml;ter.&#8220;(4o)</p>
<p>Am Bilde der ldentifikationen beim Fu&szlig;ball kommt der Politologe Daniel Keil zu dem Urteil, dass die &#8222;gelungene Entkoppelung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch eine kulturindustriell gepr&auml;gte permanente Bearbeitung, [] auf Banalisierung und Exkulpation hinausl&auml;uft.&#8220;(41) Die Aufarbeitung der Vergangenheit wird nicht ernsthaft, im Sinne einer Selbstreflexion sondern eher wie im gleichnamigen Aufsatz Adornos angemahnt vollzogen: &#8222;Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, da&szlig; man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewu&szlig;tsein. Sondern man will einen Schlu&szlig;strich darunter ziehen und wom&ouml;glich es selbst aus der Erinnerung wegwischen&#8220;.(42)</p>
<p>In der modernen Form wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zur Pflicht, eben um nicht &uuml;ber die Inhalte nachzudenken. Scham oder Schuld kommen dabei au&szlig;erhalb dieser intellektualisierenden Haltung nicht vor. So ist der Besuch bspw. einer Ausstellung verbunden mit dem Wunsch, diesem Selbstbild zu entsprechen. Die Sozialanthropologin Sharon Macdonald beschrieb dieses Vorgehen bereits 2009 innerhalb ihrer Studie zu Besucherinnen des Dokuzentrums auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgel&auml;nde in N&uuml;rnberg: &#8222;This learning itself, however, is cast as what seems to be the most important motivation of many to visit. This is as a kind of moral duty to bear witness to an atrocious past; this being expressed by some simply as something that one &#8222;should do&#8220;. As such, attendance becomes as much an act of commemoration as of edu &#8220;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &#8211; cation . (43)</p>
<p>F&uuml;r diese moralische Pflicht gelten dieselben Auswirkungen, wie f&uuml;r die starke Thematisierung des Nationalsozialismus generell. Sie schafft R&auml;ume, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, trivialisiert die Auseinandersetzung allerdings zeitgleich.(44) Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten.</p>
<p>Die Abwehr gegen die Schuld</p>
<p>Bei einem solchen Umgang mit der deutschen Vergangenheit kommt es anstatt zu einer empathischen Auseinandersetzung zu einer &#8222;Affektverleugnung und Affektisolation, was hei&szlig;t, da&szlig; [&#8230;] das, was in Auschwitz geschah, zwar durchweg anerkannt wird, aber im Erleben nichts bedeutet.&#8220;(45) Dort allerdings, wo das Mitf&uuml;hlen und die Scham nicht zugelassen w&uuml;rden, k&ouml;nne auch ein authentisches Gedenken nicht funktionieren. Die Schuld wird entweder verleugnet und gemindert oder unter Deckerinnerungen unterdr&uuml;ckt. Das Wissen um die Schuld bleibt unangetastet und wird durch eine gewollte Alternativversion ersetzt.</p>
<p>Diese Deckerinnerungen bringen allerdings ein grundlegendes Problem mit sich: Es kann ihnen nicht restlos getraut werden, ein Rest Zweifel an ihnen bleibt bestehen und f&uuml;hrt zunehmend zum Dogmatismus.(46)Die eigene oder deutsche Schuld soll abgewehrt werden, es gibt das Bed&uuml;rfnis nach Auseinandersetzung. Dabei wird ein_e Ankl&auml;ger in ben&ouml;tigt, um die Position des zweifelnden Selbst zu &uuml;bernehmen. Die Ambivalenz der Apologie, also das Wissen um die Wahrheit, auf die durch die Leugnung Bezug genommen wird, muss auf zwei Personen aufgeteilt werden. Die zuvor selbst ausgesprochene Anklage gegen sich selbst wird von nun an durch den Widerpart vertreten, dem entgegen reagiert werden kann.</p>
<p>Es geht in der Abwehr also weder um Wahrheit oder ihr Gegenteil, sondern um den performativen Akt der Entschuldung in der Auseinandersetzung (47) Das Ziel ist das Streitgespr&auml;ch, in dem mit einer anderen Person als Widerpart sogar die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den die Apologet_in besteht, die Diskussion zu gewinnen. In dieser Diskussion soll Entlastung und eine unverstellte Identifikation mit dem Kollektiv herbeigef&uuml;hrt werden. Daraus erkl&auml;rt sich auch, wie gro&szlig; das Interesse ist, die Geschichte dauerhaft umzuschreiben. Dabei muss allerdings zun&auml;chst der bohrende Rest der Schuldanerkennung selbst vergessen werden, damit er im Folgenden den Anderen ausgeredet werden kann. Somit w&auml;re das Vergessen &#8222;eher eine Leistung des allzu wachen Bewu&szlig;tseins als dessen Schw&auml;che gegen&uuml;ber der &Uuml;bermacht unbewu&szlig;ter Prozesse&#8220;(48) und w&auml;re somit der Beginn einer geschichtsanpassenden Praxis, deren Ziel die Dekonstruktion von Auschwitz als Bruch der kollektiven Identifikation als &#8222;Deutscher&#8220; ist.</p>
<p>Sekund&auml;rer Antisemitismus</p>
<p>F&uuml;r dieses deutsche Bed&uuml;rfnis der Abwehr pr&auml;gte der Mitarbeiter des Frankfurter Instituts f&uuml;r Sozialforschung Peter Sch&ouml;nbach den Begriff des &#8222;sekund&auml;ren Antisemitismus&#8220;.(49) Entstanden aus dem Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit entsteht der Schuldabwehrantisemitismus &#8222;nicht trotz, sondern wegen Auschwitz&#8220;. so Dieser, so Theodor W. Adorno in einem Radiovortrags&#8216;, ergab sich aus den innerfamili&auml;ren Narrativen: Die Generation der T&auml;ter versuchte, ihr Verhalten w&auml;hrend der Nazi-Zeit zu rechtfertigen, und verwies dabei z. B. auf die &#8222;reichen Juden&#8220; oder deren angeblichen gro&szlig;en Einfluss w&auml;hrend der Weimarer Republik. Es geht also um Menschen, die sich selbst nicht als judenfeindlich verstehen &#8211; sie wollen sich distanzieren. Dieser Vorgang betrifft sowohl die T&auml;ter innen Generation, als auch deren Nachfahren. Er ist ein innerfamili&auml;res Narrativ: Stereotype, die als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Verhalten der Elterngeneration genutzt werden, verfestigen sich, werden von den Kindern &uuml;bernommen, um nicht in Konflikt mit der elterlichen Geschichtsschreibung und Schuldverarbeitung zu geraten. Adorno f&uuml;hrt weiter aus: &#8222;Wenn man Schuldgef&uuml;hle und Verantwortung gegen&uuml;ber dem von den Nazis Begangenen abwehrt, so bedeutet das nicht nur, da&szlig; man sich reinwaschen will, sondern ebenso auch, da&szlig; man, was begangen ward, eben doch unrecht fand und darum ablehnt. W&auml;re das nicht der Fall, so bed&uuml;rfte es nicht des Eifers der Distanzierung.&#8220;(52)</p>
<p>Die Scham und die Abscheu &uuml;ber die Verbrechen der Nazis treiben zum Wunsch, m&ouml;glichst nichts damit zu tun zu haben. Revidierung der Geschichte, Gleichsetzungen oder die Relativierung der Shoa sind die Methoden der Entlastung. In den Forschungen des Instituts zeige sich, dass &#8222;die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen Judenverfolgungen im allgemeinen nicht zu einer radikalen Abkehr vom Antisemitismus gef&uuml;hrt&#8220;(53), sondern eine neue Ausformung des Antisemitismus begr&uuml;ndet h&auml;tten. Die im Rahmen des sp&auml;teren Essays &#8222;Schuld und Abwehr&#8220; behandelten Personen sind somit mitunter keine &uuml;berzeugten Nazis, dennoch offenbarten sie in ihren Aussagen eine feindselige Haltung gegen J&uuml;dinnen_Juden, da die befragten Personen &Uuml;berlebende des Holocaust oder generell &#8222;Juden&#8220; als &#8222;Repr&auml;sentanten oder Verk&ouml;rperungen einer unerw&uuml;nschten oder verdr&auml;ngten Erinnerung&#8220;(54) wahrnahmen. Die Befragten, sei es die Generation der T&auml;ter innen oder deren Kinder, bef&auml;nden sich demnach in einem Dilemma: Einerseits seien sie &uuml;ber die millionenfachen Verbrechen erschrocken; andererseits versuchten sie ihr eigenes Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus zu rechtfertigen oder f&uuml;hlten sich ihren Eltern oder ihrem eigenen nationalen Kollektiv verbunden &#8211; A-dorno spricht mehrmals von der blinden Identifikation mit der Nation und der Gewalt von Identifikationsmechanismen.</p>
<p>Wegen dieser Identifikation muss die Erinnerung an Auschwitz abgewehrt oder relativiert werden. Denn das Wissen und der Schrecken dar&uuml;ber, wohin es mit der Kollektivierung als Deutschland f&uuml;hrte, gef&auml;hrdet ein Bild, auf dass eine_r sich irgendwie positiv beziehen kann. So entwickelte sich nach 1945 eine neue Form der Feindschaft gegen J&uuml;dinnen_Juden, weil sie bereits durch ihre Anwesenheit und durch die scheinbar f&uuml;r sie ge&auml;u&szlig;erte Forderung nach Aufkl&auml;rung und Erinnerung, den Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und die Nazizeit vergessen zu k&ouml;nnen, unterminierten. Das eigene Schuldgef&uuml;hl wird abgewehrt und auf die Juden projiziert. Diese Abwehr schl&auml;gt oftmals, so Horkheimer/Adorno, in aggressives Verhalten, bedingt durch antisemitische Projektionen, um: &#8222;Die Abwehr der Erinnerung an das Uns&auml;gliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.&#8220;55 Der j&uuml;dische Arzt Zvi Rex</p>
<p>brachte diesen von der kritischen Theorie begr&uuml;ndeten Zusammenhang knapp auf den Begriff: &#8222;Auschwitz werden uns die Deutschen nie verzeihen! &#8222;(56)</p>
<p>Wozu Gedenken?</p>
<p>Diese intensivere Besch&auml;ftigung soll bereits die mit dem Begriff verbundenen Unm&ouml;glichkeiten aufzeigen. Die Frage nach Gedenken ist nicht nur ein &#8222;Wozu&#8220;. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach der M&ouml;glichkeit eines zulassenden Gedenkens. Die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken ist abh&auml;ngig vom Verh&auml;ltnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identifikation mit Deutschland. &#8222;Je n&auml;her und unverbr&uuml;chlicher man zu den Geschicken der eigenen Gemeinschaft steht, desto eher wird man die Erinnerung an deren Geschichte, die dann auch als eigene empfunden wird, zu bewahren suchen. Je ambivalenter, schwieriger und br&uuml;chiger die Vergangenheit des Volkes ist, dem man angeh&ouml;rt, desto mehr &Uuml;berwindung erfordert die Besch&auml;ftigung mit dessen Geschichte, die dann als eigene eher abgewehrt wird.&#8220; (57)</p>
<p>Die Konfrontation mit den Verbrechen gegen die Menschheit macht ein annehmen des Erinnern oder Gedenken zu einer schweren T&auml;tigkeit, die eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht. Erinnern und Gedenken bedeuten dann immer auch Auseinandersetzung mit den Biografien der eigenen Eltern, Gro&szlig;eltern, Vorfahren und denen, die so waren wie sie. Das gesellschaftliche Denken der Nationalsozialist_innen aufzuarbeiten und dessen Transformationen und Wandlungen zu verfolgen, ist ebenfalls notwendig, um Gedenken nicht als lediglich r&uuml;ckw&auml;rtsgerichtete Rechtfertigungsfigur zu betrachten. So schrieb auch Salomon Korn: ,Die Bereitschaft, der nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig zu gedenken, h&auml;ngt von der Bereitschaft der nichtj&uuml;dischen Deutschen ab, nationale Identit&auml;t in ihren geschichtlich geformten Brechungen und Diskontinuit&auml;ten anzunehmen &#8211; sich eben nicht in eine scheinbar heile nationale Identit&auml;t zu fl&uuml;chten, die zwangsl&auml;ufig die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord auf ihre Bed&uuml;rfnisse hin verbiegen, relativieren und schlie&szlig;lich verf&auml;lschen mu&szlig;.(58)</p>
<p>Die Ereignisse auf politischer Ebene, das Streben nach Normalisierung und erinnerungsverweigernder Vers&ouml;hnung konnte nur &uuml;ber das Einstampfen oder Neubesetzen der Besonderheit der Geschichtsschreibung Deutschlands funktionieren. Dieses Streben hat schleichend die Grundlagen des Antisemitismus erneuert bzw. reproduziert. &#8222;Die Politik flankiert die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen f&uuml;r solche Judenfeindlichkeit, die die Subjekte ins Innerste pr&auml;gen.&#8220;(59)</p>
<p>Zwar hat die intensivierte Diskussion &uuml;ber den Holocaust nicht nur dem Antisemitismus, sondern auch der Auseinandersetzung `mit der Geschichte die T&uuml;r ge&ouml;ffnet. Die Folgen sind aber, wie im Text bereits aufgezeigt, keineswegs ableitbar. Es werden R&auml;ume geschaffen, in denen das Vergangene im Ernst verarbeitet werden kann, dennoch wird die Auseinandersetzung zeitgleich trivialisiert. Die Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse f&uuml;hrt somit nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung, sondern beg&uuml;nstigt auch verschiedene Abwehrvarianten. Diese k&ouml;nnen nur durch Eingedenken und den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ursachen bearbeitet werden.</p>
<p>Dabei wurde der Zusammenhang von Erinnerungsbereitschaft und nationaler Identifizierung bereits herausgearbeitet. Aus ihm wird deutlich, dass Erinnern und Gedenken der Nachfahren der Opfer und der Nachfahren der T&auml;ter innen sich ebenfalls unterscheiden m&uuml;ssen. &#8222;Die Nachfahren der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht in gleicher Intensit&auml;t um die ihnen ferner stehenden Opfer des V&ouml;lkermordes trauern wie die unmittelbar betroffenen Nachfahren der Ermordeten oder &Uuml;berlebenden. W&auml;hrend Letztere im Gedenken vor-wiegend die Erinnerung an die Ermordeten der eigenen Familie, des eigenen Volkes bewahren, m&uuml;&szlig;te das Gedenken der T&auml;ter-Nachfahren an die Opfer des nationalsozialistischen Massenmordes immer auch die Erinnerung an Verbrechen des eigenen Volkes sowie Fragen nach deren Ursachen und Folgen einschlie&szlig;en.&#8220;(60)</p>
<p>Dieses Verh&auml;ltnis l&auml;sst sich auch f&uuml;r den Vorstandsvorsitzenden der Rom und Cinti Union, Rudko Kawczynski, nicht zusammenf&uuml;gen. Er sagte in seiner Rede zur Er&ouml;ffnung der Ausstellung &#8222;In den Tod geschickt &#8211; die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940-1945&#8220;: &#8222;Ein, wirkliches, gemeinsames Gedenken als Nachfahren der Generationen der &Uuml;berlebenden und den Nachfahren der vermeintlichen T&auml;ter wird es wohl nicht geben k&ouml;nnen, dazu sind unsere Geschichten und Erfahrungen, unsere Erinnerungen an die Zeit der Hakenkreuze zu unterschiedlich. Eine gemeinsame Aufarbeitung und Mahnung jedoch ist nicht nur m&ouml;glich, sondern unabdingbar. Gerade heute, in einer Zeit, in der Folter und Internierungen ebenso zu Alltag zu werden drohen, wie der Abbau von zivilen Rechten, in der Menschenrechte auf dem Altar der Terrorbek&auml;mpfung einem &Uuml;berwachungswahn geopfert werden, ist es an uns, die Erinnerung an eine Zeit des Staatlichen Terrors lebendig zu erhalten.&#8220;(61)</p>
<p>In dieser Aussage findet sich eben der Umgang, den Adorno in &#8222;Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit&#8220; bereits als Grundlage einer tats&auml;chlichen Aufarbeitung der Vergangenheit formulierte: &#8222;Aufgearbeitet w&auml;re die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt w&auml;ren. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.&#8220;(62)</p>
<p>(1) Der Spiegel 23/2012. Url: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html" target="_blank" rel="noopener">www.spiegel.de/spiegel/print/index-2012-23.html</a> (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(2) Sprache wird in diesem Artikel als Ausdruck gesellschaftlicher Herrschaftsverh&auml;ltnisse und damit auch als Ort an dem diese reproduziert werden verstanden. Mit der Schreibweise &#8222;mit Unterstrich&#8220; sollen all diejenigen Geschlechtsidentit&auml;ten mitgedacht werden, die sich jenseits der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit verorten. Einen Spezialfall in dieser Schreibform stellt allerdings der Begriff J&uuml;dinnen_Juden dar, da die eigentlich dieser Schreibweise entsprechende Bezeichnung &#8222;Jud_innen&#8220;, den nationalsozialistischen Begriff &#8222;Jud&#8220; beinhaltet und diesen somit reproduziert.</p>
<p>(3) IRAQ and PEACE IN THE WORLD. Url: <a href="http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf" target="_blank" rel="noopener">ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf</a>, 85. (Gesehen 10.06. 2012).</p>
<p>(4) Heitmeyer, Wilhelm 2007: Deutsche Zust&auml;nde. Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Joffe, Josef 2012: Der Antisemitismus will raus. Url: http:/Iwww.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israeUkomplettansicht (gesehen 10.06.2012).</p>
<p>(6) Vgl. Fischer, Torben/ Lorenz, Matthias N. Hg. 2007: Lexikon der &#8222;Vergangenheitsbew&auml;ltigung&#8220; in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld transcript, S. 243 ff;</p>
<p>Rensmann, Lars 2001: Politisch-psychologische Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Zum Verh&auml;ltnis von neueren Vergangenheitsdiskursen und gesellschaftlichen Einstellungen gegen&uuml;ber dem Holocaust in Deutschland. In: Lappin, Eleonore/Schneider, Bernhard (Hg): Die Lebendigkeit der Geschichte. (Dis-)Kontinuit&auml;ten in Diskursen &uuml;ber den Nationalsozialismus. St. Ingbert R&ouml;hrig Universit&auml;tsverlag, S. 357.</p>
<p>(7) Vgl. Postone, Moishe 2005a: Bitburg. 5. Mai 1985 und danach. Ein Brief an die westdeutsche Linke. In: Postone, Moishe (Hg.): Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 9a-ira-Verlag, S. 51-59, D&uuml;lffer, Jost 1999: Erinnerungspolitik und Erinnerungskultur &#8211; Kein Ende der Geschichte. In: Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.): Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg Hamburger Edition, S 289-312; Hartmann, Geoffrey (Hg.) 1986: Bitburg in Moral and Political Perspective. Bloomington; Funke, Hajo 1988: Aufarbeitung der Vergangenheit. Zur Wirkung nationalsozialistischer Erziehung vor und nach 1945. In: Bar-On, Dan/Beiner, Friedhelm/Brusten Manfred (Hg.): Der Holocaust, familiale und gesellschaftliche Folgen &#8211; Aufarbeitung in Wissenschaft und Erziehung. Wuppertal Universit&auml;tsverlag.</p>
<p>(8) Vgl. Diner, Dan (Hg.) 1987: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(9) Vgl. Rensmann 2001 S. 359.</p>
<p>(10) Vgl. Brumlik, MichalFunke, Hajo/Rensmann, Lars (Hg.) 2000: Umk&auml;mpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Berlin Das Arabische Buch, D&uuml;lffer 1999.</p>
<p>(11) Ebd. S. 77 ff.</p>
<p>(12) Vgl. Schwab Trapp, Michael 2003: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs. In: Bergem, Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen Leske&amp;Budrich, S 323 f.</p>
<p>(13) Vgl. Schwab-Trapp 2003.</p>
<p>(14) Vgl. Fischer/Lorenz 2007: S. 295 ff.; Rensmann, Lars 1998: Kritische Theorie &uuml;ber den Antisemitismus: Studien zu Struktur, Erkl&auml;rungspotential und Aktualit&auml;t. Berlin und Hamburg Argument, S. 336 ff.; Rensmann, Lars 2001: S. 359 ff.; Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild: Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik. Wiesbaden, Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 334.</p>
<p>(15) Vgl. Hamburger Institut f&uuml;r Sozialforschung (Hg.) 1999: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung: &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944&#8220;. Hamburg: Hamburger Edition, Rensmann 2001: S. 362 f.; Z&ouml;chmeister, Markus/Sauer, Joachim 2005: Langes Schweigen &#8211; Sp&auml;te Erinnerung. Die Wehrmachtsausstellung in Salzburg. Innsbruck Studienverlag.; Prantl, Heribert (Hg.) 1997: Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse. Hamburg Hoffmann und Campe; Thiele, Hans-G&uuml;nther (Hg.) 1997: Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse. Bonn Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung.</p>
<p>(16) Vgl. Brumlik/Funke/Rensmann 2000; Rensmann 2001: S. 362 ff.; Salzborn, Samuel 2010: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt a. M.: Campus. S. 207 f&pound;; Dietzsch, Martin/J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.) 1999: Endlich ein normales Volk? Vom rechten Verst&auml;ndnis der Friedenspreis-Rede Martin Walsers. Eine Dokumentation. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung.</p>
<p>(17) Vgl. Funke, Hajo Friedensrede als Brandstiftung. In: Brumlik/Funke/Rensmann, S 212ff.</p>
<p>(18) Vgl. Habermas, J&uuml;rgen 2002: Tabuschranken. Eine semantische Anmerkung. F&uuml;r Marcel Reich-Ranicki, aus gegebenen Anl&auml;ssen. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 7.6.2002. S. 13; Salzborn 2010 S.208 f.</p>
<p>(19) Grass, G&uuml;nther 2012: Was gesagt werden muss. In: <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809" target="_blank" rel="noopener">www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809</a> (Gesehen am 04.06.2012).</p>
<p>(20) Kritik bei Habermas, J&uuml;rgen 1995: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 26 f.</p>
<p>(21) Bergem, Wolfgang 2003: Barbarei als Sinnstiftung? Das NS-Regime in Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der Bundesrepublik. In: Bergem; Wolfgang (Hg.): Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. S. 81.</p>
<p>(22) Rensmann 2001 S. 357.</p>
<p>(23) Ebd. S. 366.</p>
<p>(24) Ebd.</p>
<p>(25) Ebd.</p>
<p>(26) Adorno, Theodor W. 1977: Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Gesammelte Schriften 10.2. Eingriffe, Stichworte, Anhang. Hrsg. von Rolf Tiedemann unter der Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a. M. Suhrkamp, S. 555 f.</p>
<p>(27) Rensmann 2001 S. 366.</p>
<p>(28) Vgl. Klunft, Michael (Hg.) 2003: Erinnern, verdr&auml;ngen, vergessen. Giessen: Netzwerk f&uuml;r politische Bildung, Kultur und Kommunikation, S. 167 ff.; Explizit zu Dresden Vgl. Fischer, Henning 2011: &#8222;Erinnerung&#8220; an und f&uuml;r Deutschland. Dresden und der 13. Februar 1945 im Ged&auml;chtnis der Berliner Republik. M&uuml;nster Verlag Westf&auml;lisches Dampfboot.</p>
<p>(29) Sp&auml;ter, Erich 2004: Siebzig Jahre v&ouml;lkischer Nationalismus: Von der &#8222;Sudetendeutschen Volksgemeinschaft&#8220; zur &#8222;Volksgruppe im Exil&#8220;. In: Klundt, Michael (Hg.): Heldenmythos und Opfertaumel. Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen im deutschen Geschichtsdiskurs. K&ouml;ln PapyRossa, S. 104-133.</p>
<p>(30) Diner, Dan (Hg.) 1988: Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt a. M. Fischer.</p>
<p>(31) Schwab-Trapp 2003: S. 183.</p>
<p>(32) Ebd. S. 184.</p>
<p>(33) Zitat nach: S&uuml;ddeutsche Zeitung. 24. Januar 2005.</p>
<p>(34) Fischer, 30.6.1995 zitiert nach Schwab-Trapp 2003: S. 176.</p>
<p>(35) Vgl. Claussen, Detlev 2005: Grenzen der Aufkl&auml;rung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt a. M.</p>
<p>(36) Duve, Freimut 1995: An der Rampe von Srebrenica. In: Die Zeit 30/1995. Url: <a href="http://www.zeit.de/" target="_blank" rel="noopener">www.zeit.de</a> 1995/30/An_der_Rampe_von_Srebrenica (Gesehen: 06.10.2010).</p>
<p>(37) Vgl. Fischer/Lorenz 2007 S. 305.</p>
<p>(38) Klunft 2004 S. 175.</p>
<p>(39) Adorno, Theodor W. 1975: Schuld und Abwehr. In: Gesammelte Schriften. Band 9. Soziologische Schriften II, S. 237.</p>
<p>(40) Rensmann, Lars 2000: Aufgearbeitete Vergangenheit? Zur Erforschung gegenw&auml;rtiger Dynamiken von Nationalismus und Judeophobie in Deutschland. In: J&auml;ger, Siegfried/Schobert, Alfred (Hg.): Weiter auf unsicherem Grund: Rechtsextremismus &#8211; Rechtspopulismus &#8211; Rassismus. Kontinuit&auml;ten und Br&uuml;che. Duisburg Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung, S. 84.</p>
<p>(41) Keil, Daniel 2010: Die &#8222;zarte Wiederentdeckung des Deutschen&#8220; &#8211; Thesen zu Kritik der deutschen Nation und ihrer gegenw&auml;rtigen Entwicklung. In: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hg.): Irrsinn der Normalit&auml;t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus. M&uuml;nster Westf&auml;lisches Dampfboot, S.20-44.</p>
<p>(42) Ebd. S. 555.</p>
<p>(43) Macdonnald, Sharon 2009: Difficult heritage: negotiating the Nazi past in Nuremberg and beyond. London/New York Routledge, S. 169.</p>
<p>(44) Vgl. Adorno 1977 S. 555.</p>
<p>(45) Juelich, Dierk 1995: Erlebtes und ererbtes Trauma. Von den psychischen Besch&auml;digungen bei den Urhebern der Shoah. In: Schreier, Helmut/Heyl, Mathias (Hg.): &#8222;Da&szlig; Auschwitz nicht noch einmal sei&#8230;&#8220; Zur Erziehung nach Auschwitz. Hamburg Kr&auml;mer, S. 98.</p>
<p>(46) Vgl. Huppert, Daru 2003: Revisionismus als Einstellung und Klischee. In: B&uuml;ro trafo K./H&ouml;llwart, Renate/Martinez-Turek, Charlotte/Sternfeld, Nora/Pollak, Alexander (Hg.): In einer Wehrmachtsausstellung. Erfahrungen mit Geschichtsvermittlung. Wien: Turia+Kant, S. 129.</p>
<p>(47) Vgl. ebd. S. 130.</p>
<p>(48) Adorno 1977 S. 558.</p>
<p>(49) Adorno, Zur Bek&auml;mpfung des Antisemitismus heute.</p>
<p>(50) Broder 1986 S. 11.</p>
<p>(51) Adorno, Theodor W. Gesammelte Schriften. Band 20.1.Vermischte Schriften I, S. 360-3 84.</p>
<p>(52) Adorno 1975 S. 149 f.</p>
<p>(53) Adorno 1975 S. 323.</p>
<p>(54) Rensmann, Lars 2005: Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 91.</p>
<p>(55) Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W. 1985: Vorwort zu Paul W. Massings &#8222;Vorgeschichte des politischen Antisemitismus&#8220;. In: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Bd. 8. Frankfurt a. M. S. 126 f.</p>
<p>(56) Zit. nach Juelich, Dierk 1994: Die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten. Sozialpsychologische Aspekte zur Identit&auml;t der Deutschen nach Auschwitz. In: Kulke, Christine (Hg.): Der gew&ouml;hnliche Antisemitismus: Zur politischen Psychologie der Verachtung. Pfaffenweiler Centaurus-Verlags-Gesellschaft, S. 86.</p>
<p>(57) Korn, Salomon 2001: Die zweigeteilte und die gemeinsame Erinnerung: Was es in Israel hei&szlig;t, des Holocaust zu gedenken, und was in Deutschland. Url: <a href="http://www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm" target="_blank" rel="noopener">www.antisemitismus.net/ns-vergangenheit/korn.htm</a> (Stand 13.06.2012).</p>
<p>(58) Ebd.</p>
<p>(59) Rensmann 1998: S. 334.</p>
<p>(60) Ebd.</p>
<p>(61) Rudko Kawczynski 2009: Er&ouml;ffnungsrede. Url: <a href="http://hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc" target="_blank" rel="noopener">hannoverscher-bahnhof.hamburg.de/contentblob/2106044/data/02-rede-03.doc</a> (Stand 13.06.2012)</p>
<p>(62) Adorno 1977 S. 572.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/was-zum-gedenken-gesagt-werden-muss/">Was zum Gedenken &#8222;gesagt werden muss&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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