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	<title>Heiko Geiling Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Weder freelancer noch free-rider</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 09:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006) S. 39-49 Die Rede von der &#8222;Fragmentierung&#8220; und von der &#8222;Desintegration&#8220; der Gesellschaft wird lauter. Sogar von der &#8222;Klassengesellschaft&#8220; im Sinne Max Webers wird hin und wieder gesprochen, von für soziale Ungleichheit ursächlichen &#8222;ökonomischen Klassenlagen&#8220;. Noch in den 1980er Jahren war dies [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/weder-freelancer-noch-free-rider/">Weder freelancer noch free-rider</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006) S. 39-49</p>
<p>Die Rede von der &#8222;Fragmentierung&#8220; und von der &#8222;Desintegration&#8220; der Gesellschaft wird lauter. Sogar von der &#8222;Klassengesellschaft&#8220; im Sinne Max Webers wird hin und wieder gesprochen, von für soziale Ungleichheit ursächlichen &#8222;ökonomischen Klassenlagen&#8220;. Noch in den 1980er Jahren war dies kein Thema. So wurde damals in den Sozialwissenschaften zwar über &#8222;neue soziale Formationen und Ungleichheiten&#8220; diskutiert, allerdings eher akademisch selbstreferenziell mit Blickrichtung auf bildungs- und geschlechtsspezifische oder auf risiko- und weltgesellschaftliche Kontexte (vgl. Kreckel 1983). Grundlegende soziale Ungleichheiten oder gar klassenspezifische Trennlinien, wie sie seinerzeit insbesondere von Pierre Bourdieu in Frankreich und Europa geltend gemacht wurden (Bourdieu 1982), blieben abseits der öffentlichen Agenda. Sie waren &#8222;out&#8220;. Das sieht mittlerweile ganz anders aus.<br />Selbst die Politik der &#8222;Berliner Republik&#8220; hat nach einigem Hin und Her wieder die &#8222;Unterschicht&#8220; entdeckt. Der Tunnelblick politischer Betriebsamkeit, in der die gesellschaftlichen Realitäten häufig nur als fachspezifisch aufbereitete Szenarien wahrgenommen werden, scheint sich ein wenig geweitet zu haben. Offenbar hat sich die gesellschaftliche Realität skandalöser sozialer Ungleichheiten Ausdrucksformen gesucht, die zunehmend den Nerv der politischen Klasse treffen: Dramatisch sinkende Quoten bei der Beteiligung an Wahlen, Stimmenverluste zu Gunsten kleiner Parteien und vor allem auch Wegbrechen der Mitgliederbasis in den beiden großen Volksparteien. <br />Reaktionen auf diese nicht mehr zu leugnende Krise der politischen Repräsentation erfolgen allerdings zumeist reflexartig. Bemüht wird dabei das immer wiederkehrende Muster von Verelendung und Modernisierung bzw. von Masse und Elite. Soziale Verwerfungen und Polarisierungen werden entweder mit verelendungs- und anomietheoretisch angereicherten Bildern des 19. Jahrhunderts wahrgenommen oder mit aus der selben Zeit stammenden Modernisierungs- und Disziplinierungsvorstellungen, nach denen die Menschen nur hinreichender Anreize bedürfen, um den Anforderungen der &#8222;Globalisierung&#8220; genügen zu können. In beiden Fällen wird über die betroffenen Menschen hinweg gedeutet. Sie kommen gar nicht erst zu Wort. Sie haben keinen Akteursstatus, sondern sie sind Objekte oder gar Opfer. Im öffentlichen Diskurs werden ihnen politischer Beteiligungswille und Bereitschaft im Sinne von Umstellungs- und Bewältigungsstrategien ihrer Lebensführung von vornherein abgesprochen. Aus der Perspektive der in dieser Weise zum Schweigen Verurteilten &#8211; und das reicht von Arbeitslosen und anderen Ausgegrenzten weit in die respektablen sozialen Milieus der gesellschaftlichen Mitte hinein &#8211; findet eine Entwürdigung bisheriger Lebensleistungen statt. Mühsam in  langfristiger Arbeit erworbene Ressourcen und Kompetenzen zur Bewältigung unterschiedlichster sozialer Probleme sind nicht gefragt, weil weitgehend unerkannt.</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Milieus und politische Lager in Deutschland</h2>
<p>Auf Abqualifizierungen der Alltagserfahrungen und Potenziale der Menschen in den unterschiedlichen sozialen Milieus und auf deren damit verbundene Demütigungen und politische Verarbeitungsformen aufmerksam zu machen, gehört zu den zentralen Erkenntnisinteressen der in Hannover entwickelten politischen Soziologie der Milieuforschung (vgl. Vester u.a. 2001). Deren Ergebnisse verweisen darauf, dass die gegenwärtig wieder offensichtlicher gewordenen Klassenspaltungen der Gesellschaft sich nie erledigt hatten und insbesondere auch unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen fortexistierten. Allerdings waren sie materiell wie alltagskulturell pluralisiert und überformt &#8211; um nicht zu sagen übertüncht &#8211; und konnten mit den Variablen und Indikatoren üblicher Schichtungssoziologie kaum entschlüsselt werden, zumal das gesellschaftliche Interesse daran ohnehin äußerst beschränkt war. Spätestens mit der durch PISA skandalisierten Bildungsmisere gelangte die These von nach wie vor klassenspezifischen Ungleichheiten wieder auf die Tagesordnung (vgl. Abb.1 sowie Bremer/Lange-Vester 2006).<br />Soziale Milieus aus dieser Perspektive sind nun nicht zu verwechseln mit in der Tendenz beliebigen bzw. frei wählbaren ästhetischen Lebensstilen oder &#8222;Bastelidentitäten&#8220;. Sie sind mehr. Emile Durkheim (1988) hatte bereits 1893 &#8222;Milieu&#8220; als zentrales Konzept für gesellschaftliche Akteursgruppen in die Diskussion eingebracht. Ähnlich wie Max Weber hatte er &#8222;Milieu&#8220; als Ausdruck von sozialer Kohäsion bzw. sozialem Zusammenhalt definiert: auf Grund von Beziehungen der Verwandtschaft, territorialer Nachbarschaft oder Berufsgruppen und auf Grund damit verbundener Herausbildung eines gemeinsamen &#8222;Korpus moralischer Regeln&#8220; und deren Verinnerlichung in einem gemeinsamen &#8222;Habitus&#8220;. Wenn darüber hinaus  berufliche Milieus in einem Herrschaftsverhältnis zueinander stehen, nennt Durkheim sie &#8222;Klassen&#8220;. Pierre Bourdieu (1982) hat mit seinen Studien an Durkheim angeknüpft. Auf der Grundlage umfassender Berufsgruppen- und Lebensstiluntersuchungen wies er eine relativ enge Verbindung von Klassenfraktion und Habitustypus nach. Dazu gehört, dass der &#8222;Klassenhabitus&#8220; nicht allein bestimmte Bewertungs- und Orientierungsschemata des Geschmacks und der Alltagspraxis beinhaltet. Insbesondere auch generiert er bestimmte Strategien der Bildungs- und Berufswege, die nicht nur zur Reproduktion der jeweiligen Klassenstellung, sondern auch zu Umstellung taugen müssen, wenn das angestammte Berufsfeld eines Milieus sich wandelt. Alltagsverhalten und Berufsfelder sind also auf dynamische und flexible Weise miteinander verkoppelt.<br />Die hannoversche Milieuforschung hat den Ansatz Bourdieus mit dem der frühen englischen Cultural Studies (Williams 1972; Clarke, Hall u.a. 1979) verbunden, weil dieser nicht allein wie Bourdieu die Reproduktion, sondern auch den durch den Generationenwechsel bedingten Wandel der Kultur und des Habitus von Klassenmilieus erklären kann. Dabei konnte für die deutsche Gesellschaft empirisch &#8211; mit den von Jörg Ueltzhöffer, Ulrich Becker und Berthold Bodo Flaig vermittelten innovativen Methoden des &#8222;Sinus&#8220;-Instituts &#8211; nachgewiesen werden, dass die historischen Traditionslinien der Alltagskulturen der sozialen Klassen weiter bestehen. Und zwar gerade dadurch, dass die jüngeren Generationen, im Konflikt mit der Kultur ihrer Eltern und herausgefordert durch neue gesellschaftliche Erfahrungen, ihre Herkunftskultur immer wieder flexibel weiter entwickeln. Neu entstandene soziale Milieus konnten als die jüngeren Zweige der älteren Milieus identifiziert werden, die sich horizontal in die moderneren Berufsfelder im linken Teil des sozialen Raums bewegten. Trotz dieses Gestaltwandels der jüngeren sozialen Milieus war alltagspraktisch eine hohe, über soziale Kontrolle reproduzierte Wirksamkeit der im Habitus verfestigten Klassenkulturen festzustellen. Dazu gehören spezifische Klassifikations- und Orientierungsschemata, Geschmacks- und Umgangsformen sowie Strategien des Bildungserwerbs, der Berufswege und der Umstellungen, die sich nach dem jeweiligen Ort im sozialen Raum unterscheiden.</p>
<h2 class="auto-created">Soziale Milieus</h2>
<p>Demnach gab und gibt es in Deutschland eine relativ hohe Konstanz von fünf großen, an die alten Klassenmilieus anschließenden Traditionslinien sozialer Milieus, die sich wie Familienstammbäume nach Generationen und sozialen Erfahrungen differenzieren und in der Gesamtbetrachtung das Bild von immer noch wirksamen vertikalen Klassenstufungen bestätigen (vgl. Abb.1). Dazu gehören mit &#8222;Besitz&#8220; und &#8222;Bildung&#8220; sowie entsprechend distinktiven Lebensstilen die zwei Traditionslinien der gesellschaftlichen Oberklassen mit etwa 20% der Bevölkerung. Bis auf das &#8222;gehobene Dienstleistungsmilieu&#8220;, in dem sich Aufsteiger der technischen Expertenberufe und der sozialen Dienstleistungen befinden, haben sie ihre obere soziale Stellung seit Generationen gegen Neuzugänge gesichert. Auch die kulturelle Avantgarde im Raumschema links oben rekrutiert sich überwiegend aus jüngeren Oberklasseangehörigen. Die beiden Traditionslinien der &#8222;Facharbeit&#8220; bzw. &#8222;Praktischen Intelligenz&#8220; und des &#8222;Ständisch-Kleinbürgerlichen&#8220; repräsentieren die respektablen Volksklassen mit einer Größenordnung von etwa 70%. Respektable Lebensführung und eine sichere und anerkannte Berufsstellung sind ihre Abgrenzungsmerkmale nach unten. Als Arbeitnehmer und &#8222;kleine Leute&#8220;, die es durch eigene Leistung zur Respektabilität gebracht haben, grenzen sie sich auch nach oben ab. Gegenüber Privilegienwirtschaft, welche die Grundsätze der Leistungsgerechtigkeit und Statussicherung verletzen, zeigen sie sich als äußerst sensibel.</p>
<p>Abb. 1<br /> </p>
<p>Dabei zeigt die kleinbürgerliche Traditionslinie im Raum rechts mit ihrer Bereitschaft zur Anerkennung gesellschaftlicher Hierarchien ständisch-konservative Züge. Dagegen setzt die moderne Traditionslinie im Raum links auf relative Autonomie, die von einer systematischen Lebensführung, guter fachlicher Arbeit, Ausbildung, Leistung und gegenseitiger Hilfe geprägt ist. Im weiteren Raum links schließt sich eine jugendspezifische Milieufraktion an, die sich gegen die Pflicht- und Arbeitsethik der beiden Traditionslinien ihrer Eltern abgrenzt. In dieser großen Mitte hat sich die horizontale Bildungs-, Berufs- und Lebensstildynamik erheblich ausgeprägt. Diese Milieus sind alles andere als bildungsfern, sondern bereits zur Hälfte über die Hauptschule hinausgelangt. Allerdings sind sie auf dem weiteren Weg in die höhere Bildung abgebremst worden. Gleichzeitig ist aber deren untere Hälfte in den letzten Jahren in ihren sozialen Stellungen bedroht. <br /> Die etwa 10% der Traditionslinie der &#8222;Unterprivilegierten&#8220; haben seit Generationen die Erfahrung sozialer Ohnmacht gemacht und setzen weniger auf planvolle Lebensführung als auf die flexible Nutzung von &#8222;günstigen&#8220; Gelegenheiten und auf Anlehnung an Stärkere. In der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR hatten diese Milieus erstmals dauerhafte, wenn auch körperlich belastende, Beschäftigungen finden können. Weil ein Großteil ihrer Arbeitsplätze heute jedoch abgebaut sind, sind viele Angehörige dieser Milieus wieder in prekären sozialen Stellungen zurückgestuft.</p>
<h2 class="auto-created">Politische Lager</h2>
<p>Problematisch wird es, wenn politische Ordnungsvorstellungen und Wahlverhalten direkt aus der skizzierten Milieustruktur abgeleitet werden sollen. Zwar neigen die Angehörigen einzelner Milieus mit hohen Wahrscheinlichkeiten auch bestimmten Gesellschaftsbildern und politischen Parteilagern zu. Beispielsweise wählen Menschen der neuen Experten- und Dienstleistungsberufe deutlich seltener konservativ als die Angehörigen der oberen administrativen Dienstklasse. Aber Minderheiten in beiden Milieus wählen eben doch auch anders. Dies beruht auf spezifischen Eigenheiten des politischen Feldes, das sich über öffentliche Diskurse, Kämpfe und Kompromisse nach Koalitionen bzw. politischen &#8222;Lagern&#8220; strukturiert, die jeweils auch vertikale Gesellschaftsstufen bzw. Klassen überschneiden. <br />Die Lager-Koalitionen, die sich in oft weit zurückliegenden historischen Großkonflikten gebildet haben, haben in der Regel eine lange Lebensdauer, da sie sich in den politischen Kämpfen institutionell über die intermediäre Klientelfürsorge und ideologisch über die publizistische und erzieherische Sozialisation verfestigen. Unter besonderen Bedingungen der Entfremdung zwischen Führungs- und Klientelgruppen bzw. zugespitzter Krisen  politischer Repräsentation, wie die Beispiele der Bewegungen des Faschismus und Rechtspopulismus einerseits und der &#8222;Achtundsechziger&#8220; und des Postmaterialismus andererseits, können sich die Lager auch teilen und umgliedern. Ihre Orientierungen basieren auf gesamtgesellschaftlichen Ordnungsbildern. Sie entsprechen den klassischen konservativen, liberalen, sozialdemokratischen, rechtspopulistischen und heute auch postmaterialistischen Vorstellungen, nach denen die gesellschaftliche Ordnung sowie das jeweils daran geknüpfte Bild sozialer Gerechtigkeit geordnet sein soll. Dabei kommen soziale, konfessionelle, regionale und andere Dimensionen zusammen, die schon von der klassischen Wahlforschung (vgl. Lazarsfeld u.a. 1969) als &#8222;cleavages&#8220; geltend gemacht worden sind und eine bis in die Gegenwart reichende historische Kontinuität der jeweiligen Gesellschaftsbilder bewirken, auch wenn viele intermediäre, kohäsionsstiftende Institutionen nicht mehr direkt und formell an die einzelnen politischen Lager gebunden sind.<br />So können wir in Deutschland zwischen sechs gesellschaftspolitischen Lagern unterscheiden, die zwar Schwerpunkte in bestimmten sozialen Milieus haben, aber mit diesen nicht deckungsgleich sind. Die Lager verteilen sich jeweils vertikal bzw. diagonal über verschiedene Milieus, was bestätigt, dass es sich um Koalitionen verschiedener Milieufraktionen über die Milieugrenzen hinweg handelt (vgl. Abb. 2). <br /> Im rechten Teil des sozialen Raums liegt eine noch relativ intakte Formation von zwei konservativen Lagern, die Hochburgen der CDU/CSU und des rechten Flügels der SPD sind. Nach dem konservativen Modell sozialer Gerechtigkeit können alle sozialen Gruppen Solidarität beanspruchen, aber nicht in gleichem Maße, sondern hierarchisch abgestuft nach Besitz, Bildung, Geschlecht und Ethnie. Das Modell folgt dem Patron-Klient-Muster: Loyalität muss durch paternalistische Fürsorge vergolten werden. Das Lager der &#8222;Gemäßigt Konservativen&#8220; (ca. 18%), mit Schwerpunkt bei den kleinbürgerlichen Arbeitnehmern, legt das Modell eher arbeitnehmerisch aus. Verletzt z.B. der Patron seine Fürsorgepflicht, so sind u.a. auch gewerkschaftliche Kampfmittel berechtigt. Auch hat sich ein Drittel dieses Lagers moderneren und toleranteren Lebensstilen zugewandt. Dies übt Druck aus auf das Lager der &#8222;Traditionell-Konservativen&#8220; (ca. 14%), das die Position des &#8218;Patrons&#8217; einnimmt.<br />Im linken Teil des sozialen Raums finden sich zwei etwas heterogenere arbeitnehmerische Lager, die Hochburgen der SPD und des sozialen Flügels der CDU/CSU sind. Das Lager der &#8222;Sozialintegrativen&#8220; (ca. 13%) tritt für gleiche Rechte aller sozialer Gruppen ein, d.h. sowohl für die materielle Verteilungsgerechtigkeit für Arbeitnehmer und Unterprivilegierte als auch für die postmateriellen Rechte der Zivilgesellschaft, der Frauen, Ausländer, der Natur usw. Das Lager stützt sich vor allem auf die moderne Reformintelligenz, die nicht nur oben, sondern auch in den mittleren Milieus der Sozialberufe, der Gewerkschaften und der Kirchen verankert ist. Damit ist es räumlich und moralisch einem anderen Lager nahe, den &#8222;Skeptisch Distanzierten&#8220; (ca. 18%), die vor allem aus den Volksmilieus der Facharbeit kommen und ein Modell der Solidarität auf Gegenseitigkeit vertreten. Wer zu Produktivität und Sozialstaat beiträgt und wer unverschuldet in Not ist, soll auch daran teilhaben. Beide Lager sind in ihren Vorstellungen von Solidarität von der Politik der Volksparteien stark enttäuscht. Ein drittes Paar von komplementären Lagern entspricht besonders dem ideologischen Gegensatz von &#8218;Elite&#8217; und &#8218;Masse&#8217; oder &#8218;ideell&#8217; und &#8218;materiell&#8217;. Das Lager der &#8222;Radikaldemokraten&#8220; (ca. 11%), links oben im sozialen Raum, vertritt emphatisch die postmateriellen Ideale, während es für materielle Ungleichheiten eher unsensibel ist. Wirtschaftsliberale Akzente sind hier stärker als sozialliberale. Das Lager ist daher eine Hochburg der Partei der Grünen und eines gewissen progressiven Neoliberalismus.</p>
<p>Abb. 2</p>
<p>  <br />Dass das Lager kaum Anhänger unterhalb der oberen und aufsteigenden Milieus hat, liegt offensichtlich an einer elitistischen Ideologie, die die eigene höhere Position mit einer puritanischen Arbeitsethik rechtfertigt, die den Volksmilieus abgesprochen wird. Ihm entgegengesetzt ist das Lager der &#8222;Enttäuscht Autoritären&#8220;, mit beklemmenden 27 %. Es vereint Verlierer der ökonomischen Modernisierung, insbesondere ältere, aber teilweise auch jüngere Milieus mit wenig Bildungskapital und unsicheren Zukunftsperspektiven. Sie verarbeiten ihre Ausgrenzung &#8211; anders als die demokratische Mitte &#8211; nach autoritärem Muster, mit Ressentiments gegen Ausländer, alles Moderne und die Politiker, die ihre Fürsorgepflichten vernachlässigen. Sie wollen gegen die Risiken des Strukturwandels durch eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine restriktive Zuwanderungspolitik geschützt werden. Aus Realismus wählen sie traditionell meist CDU/CSU und SPD. Regionalwahlen zeigen aber, dass &#8211; wie in anderen Ländern Europas &#8211; rechtspopulistische Parteien vor allem aus dieser Basis den größten Teil ihrer bis zu 20 % Proteststimmen gewinnen können.<br />Die zunächst unübersichtlich erscheinende Vielfalt alltagskultureller Dispositionen und ihrer gesellschaftlich-politischen Symbolik strukturiert sich entlang der Kategorien &#8222;soziales Milieu&#8220; und &#8222;politisches Lager&#8220; zu einem durchaus systematischen Bild der Gesellschaft. Allein am Beispiel soziale Gerechtigkeit bzw. soziale Ordnungsmodelle offenbart sich ein Muster mit recht deutlicher Mehrheit für wohlfahrtsstaatliche Strukturen. Bei aller Differenz zwischen konservativen Solidaritätsvorstellungen des &#8222;gemäßigt-konservativen&#8220; Lagers, progressiv-solidarischen Vorstellungen des &#8222;sozialintegrativen&#8220; Lagers und mutualistischen bzw. auf Gegenseitigkeit ausgerichteten Vorstellungen des &#8222;skeptisch-distanzierten&#8220; Lagers, in der Summe repräsentieren sie Solidaritätsmodelle, die mehr oder minder zur Identität des deutschen Wohlfahrtsstaats gehören. Sie repräsentieren eine eindeutige gesellschaftliche Mehrheit, insbesondere wenn darüber hinaus die 27 % des &#8222;enttäuscht-autoritären&#8220; Lagers mit seinen protektionistischen Dispositionen durch eine Politik sozialer Mindestgarantien integriert werden können. Die im Aufwind des Neoliberalismus gehandelten progressiv-liberalen Vorstellungen des &#8222;radikaldemokratischen&#8220; Lagers wie auch die konservativ-fürsorglichen des &#8222;traditionell-konservativen&#8220; Lagers erweisen sich als Elitemodelle sozialer Ordnung, die mit etwa 25 % in der Bevölkerung nicht mehrheitsfähig sind.</p>
<h2 class="auto-created">Syste&shy;ma&shy;ti&shy;sche Missver&shy;st&auml;nd&shy;nisse als soziale Verken&shy;nungen</h2>
<p>Die nun in diesen Strukturen gelebten Erfahrungen, Orientierungen und Handlungsmuster zusammenzufassen, gehört zu den grundlegenden, aber nicht unproblematischen Aufgaben der Politik. Insbesondere da Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit sich immer empirisch aus alltagsweltlichen Erfahrungen sozialer Milieus erklären, stellt sich die Frage, wie diese gedeutet und politisch integriert werden können. Auch die im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche mehr oder minder erfolgreichen Umstellungs- und Bewältigungsstrategien in den einzelnen sozialen Milieus zu erkennen, wie andererseits auch die aus Sicht der Betroffenen unverhältnismäßigen Zumutungen und Überforderungen, scheint nicht ganz einfach zu sein. So kommt es in den öffentlichen Diskursen, an denen die Volksklassen nicht beteiligt sind, immer wieder zu bezeichnenden Missverständnissen bzw. sozialen Verkennungen, wenn aus verelendungs- oder modernisierungstheoretischer Perspektive geplante politische Maßnahmen von betroffenen sozialen Milieus plötzlich als unzulässige Verhaltenszumutungen zurückgewiesen werden. <br />Die aktuelle Debatte um den Begriff der &#8222;Unterschicht&#8220; lädt dazu ein, etwas über milieuspezifische Prozesse sozialer Verkennung zu erfahren. So kritisiert der aus der respektablen Volksklasse (&#8222;Traditionslinie der Facharbeit&#8220;) stammende und unter gesellschaftlich-politischen Bedingungen eines funktionierenden Sozialstaats erst zum Gewerkschafts-, dann zum Parteivertreter aufgestiegene Kurt Beck den mangelnden Aufstiegswillen in der &#8222;Unterschicht&#8220;. Von einem Parteivorsitzenden, der Begriffe prägen und besetzen muss, ist zu erwarten, dass er dabei wohlüberlegt vorgeht, und sei es mit Hilfe von Beratern, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, in dem sie die Problematik der &#8222;Unterschicht&#8220; mit einem erklärenden Gesellschaftsbild und insbesondere mit einer schlüssigen politischen Konzeption verbinden. Doch weder das eine noch das andere geschieht. Stattdessen dominiert das medial vermittelte Alltagsverständnis von &#8222;Unterschicht&#8220;, und Kurt Beck versteht das kritische Echo nicht, das er mit seiner Bemerkung auslöst. <br />Er versteht offenbar nicht, dass er sich mit seinem völlig unspezifischen Gebrauch des Begriffs  der &#8222;Unterschicht&#8220; genau in jenen öffentlichen neoliberalen Diskurs einreiht, der seit Jahren die Ursachen sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung negiert, deren für den Zusammenhalt der Gesellschaft negative Folgen individualisiert und diese &#8211; begleitet von Drohungen und Klagen angesichts vermeintlicher Antriebslosigkeit der Betroffenen &#8211; mittlerweile als gesellschaftlichen Normalzustand akzeptiert. Und in der Konsequenz muss wohl auch angenommen werden, dass Beck als Vorsitzender der SPD es kaum verstehen kann, warum seine Partei seit dem Jahr 2000 nahezu jede Wahl verloren hat. Offensichtlich ist ihm und seinen Parteistrategen mit der gewachsenen sozialen Distanz zur eigenen Klientel verborgen geblieben, dass nicht allein die so genannte &#8222;Unterschicht&#8220;, sondern zunehmend auch die sozialen Milieus der respektablen Volksklasse der permanenten Versprechen von Chancen- und Leistungsgerechtigkeit überdrüssig sind. Sie sind mittlerweile in einer Weise desillusioniert, dass sie jede symbolische und materielle Abwertung der &#8222;Unterklasse&#8220; immer auch als eigene Demütigung wahrnehmen müssen.<br /> Wenn wir die soziale Verortung der am Diskurs über die &#8222;Unterschicht&#8220; Beteiligten unter die Lupe nehmen, wird verständlich, wie über klassenkulturelle Distanzen entsprechende soziale Verkennungen zustande kommen. So gibt es in der Topologie des hier abgebildeten sozialen Raums kaum größere Distanzen als die zwischen den Diskursproduzenten des Massenjournalismus und des Marketing links oben im sozialen Raum und der von dort oben thematisierten so genannten &#8222;Unterschicht&#8220; ganz unten am Rand. Was oben heißt, wie dort gedacht und agiert wird, ist 2005 von einem Veteran der taz in einem Genrebild der neuen Berliner Mitte skizziert worden: &#8222;Die Friedrichstraße ist die Schleimscheißermeile von Mitte, die Magistrale der &#8218;Messagemacher&#8217;, dieser Kamarilla der Lobbyisten, Werber, Marketingprofis, Public-Relations-Strategen, Kommunikationschefs und Eventmanager. (&#8230;) Wer sich in den Dschungel der Marktwirtschaftsguerilla von Mitte begibt, staunt über das rege Zusammenspiel. Die &#8218;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&#8217; (INSM) hat Kooperationen mit vielen Zeitungen und TV-Anstalten. Man lässt Lectures halten, wo zum Beispiel ein Lord Ralf Dahrendorf verkünden darf, dass die &#8218;alte soziale Marktwirtschaft&#8217; nun &#8218;am Ende&#8217; sei. Man verleiht Preise wie den &#8218;Reformer des Jahres&#8217; und den &#8218;Blockierer des Jahres&#8217;. Man organisiert Symposien, sponsert Filme und Publikationen. Das Ziel: ein Maximum an Showtime ergattern.&#8220; (Schimmeck 2005) Einer der in diesem Milieu erfolgreichen Strategen des politischen Marketing, u.a. auch im Dienst der INSM stehend, wird dabei wie folgt zitiert: &#8222;&#8217;Florida-Rolf&#8217;, der Sozialschmarotzer in Bild, sagt er, &#8218;hat die öffentliche Wahrnehmung gedreht&#8217;. Und verweist kühl darauf, &#8218;dass die rot-grüne Bundesregierung im Jahre 2003 eine Fast-180-Grad-Wende der eigenen Politik gemacht hat, mit der Agenda 2010&#8217;.&#8220; (Ebd.)  <br />Um nun die manipulativen Fähigkeiten dieser sich als &#8222;freelancer&#8220; verstehenden Kommunikationsstrategen nicht moralisch oder verschwörungstheoretisch deuten zu müssen, ist erneut an die sozialräumliche Distanz der hier Beteiligten zu erinnern. Denn diese Elite-Masse-Distanz macht es völlig unwahrscheinlich, dass kenntnisreiche Kontakte oder gar soziale Beziehungen das oben gemalte Bild der Menschen von unten prägen. Dies kann bedeuten, dass die Kommunikationsstrategen vordergründig sogar davon überzeugt sein können, mit &#8222;Florida-Rolf&#8220; ein typisches Exemplar dieser ihnen unbekannten Spezies vor sich zu haben und diese mehr oder minder guten Gewissens für die Missbrauchsdebatte vernutzen zu können. Dies gelingt nur, weil es offenbar soziale Milieus gibt, die an Kunstfiguren wie den als &#8222;free rider&#8220; gehandelten &#8222;Florida-Rolf&#8220; erinnern und immer wieder als Projektionsfläche für Ressentiments herhalten müssen. Sie sind Teil einer sehr kleinen Milieufraktion der traditionslosen Unterprivilegierten, die auf ihre Weise schon immer das praktiziert haben, was seit Jahren in Deutschland gepredigt wird: mit wenig materiellen Ressourcen, dafür aber mit ausgeprägter Flexibilität und Mobilität ein Auskommen finden. <br />Es handelt sich um eine Gruppe, die über ausgeprägte Beziehungsnetze verfügt, in denen Grauzonen einer Ökonomie des Tausches und des &#8218;Besorgens&#8217; existieren, wie sie komplementär durchaus auch in einigen Fraktionen der Oberklassenmilieus zu beobachten sind. Ihre Lebensstrategie funktioniert nicht ohne erheblichen Aufwand mehrerer kleiner und ständig wechselnder Jobs und Deals und bedarf bei hoher sozialer Aufmerksamkeit permanenter Beziehungspflege. Diese Form von Arbeit wird zunehmend anstrengender, weil deren Basisfinanzierung in Gestalt der alten Garantien sozialstaatlicher Transferleistungen wegen strengerer Kontrollen und Einsparungen wegzubrechen droht. Nach außen versucht diese kleine Fraktion der &#8222;unangepassten Statusorientierten&#8220; sich noch in aller Respektabilität darzustellen, auch wenn ihre großen Autos und ihre überdurchschnittlich erscheinenden übrigen Konsumgüter den mittlerweile angesetzten Rost kaum noch verbergen können. Sich ständig am Rand der Legalität und Respektabilität bewegend, liefern sie den Stoff für Phantasien über das vermeintliche Schmarotzertum der Unterschicht und tragen indirekt dazu bei, die große Mehrheit der sozial Unterprivilegierten zu stigmatisieren. Einen wiederum geringeren Teil dieser großen Mehrheit stellen die &#8222;resigniert Apathischen&#8220; dar, jene an soziale Deprivation seit längeren Zeiträumen &#8222;angepasste&#8220; Fraktionen, die weitgehend ohne jede Ressource in Sozialhilfekarrieren gefangen sind und realistischer Weise nahezu jede Hoffnung, sich jemals der Respektabilitätszone nähern zu können, aufgegeben haben. <br />Der weitaus größere Teil der gegenwärtigen &#8222;Unterschicht&#8220; bewegt sich jedoch mittlerweile im Umfeld der so genannten &#8222;Modernisierungsverlierer&#8220; mit relativ einfachen Bildungs- und Qualifikationsstandards, welche bis vor einigen Jahren immer noch ausgereicht haben, mit ehrlicher eigener Hände Arbeit ein halbwegs anerkanntes Leben zu führen. Mit diesen älteren wie auch jüngeren, relativ bildungsfernen Fraktionen aus den unterschiedlichen Arbeitnehmermilieus sind die traditionellen Trennlinien der Respektabilität in Bewegung geraten. Wenn allein zwischen 1999 und 2004 etwa 40% aller Erwerbstätigen in Deutschland ein- oder sogar mehrmals Entlassungen aus dem Arbeitsverhältnis zu verkraften hatten (vgl. Struck u.a. 2006), und wenn darüber hinaus 29% aller Arbeitsplätze schon zu den &#8222;atypischen Arbeitsverhältnissen&#8220; &#8211; befristet, ABM, Teilzeit, Minijobs usw. &#8211; zu zählen sind (vgl. Brinkmann u.a. 2006), zeichnet sich die Größenordnung potenzieller &#8218;Unterschichtangehöriger&#8217; ab. Und wenn dann noch mit Hartz IV nach einjähriger Arbeitslosigkeit das Niveau der Sozialhilfe in Aussicht steht, müssen die Bedingungen der Prekarität als Bedrohung der respektablen sozialen Standards und als Abwertung der eigenen Lebensleistungen wahrgenommen werden. <br />Hinzu kommt, dass in den geringer modernisierten Arbeitnehmermilieus die traditionellen Pflicht- und Akzeptanzwerte auf Grund der in diesen sozialen Milieus begrenzten sozialen und kulturellen Ressourcen nach wie vor höher geschätzt werden als die mit Flexibilität und Mobilität konnotierten Formen der Selbstverwirklichung und Eigenverantwortlichkeit (vgl. Weber-Menges 2004). Dies wiederum bedeutet, dass die Schwächung der gerade für diese Bevölkerungsgruppen existenziell notwendigen sozialstaatlichen Sicherungssysteme nicht einfach kompensiert werden kann mit Appellen und Drohungen, sich künftig flexibel, mobil und auf mehr Selbstvorsorge ausgerichtet zu verhalten. Entsprechende Aufforderungen, sich gegen die eigene Identität zu orientieren, müssen aus der Perspektive dieser &#8222;Unterschicht&#8220;, deren Biographien ja maßgeblich von den nicht Selbstverwirklichung, sondern soziale Ungleichheit produzierenden Bildungs- und Ausbildungssystemen geprägt sind, dahingehend interpretiert werden, sich den von ihnen als weitgehend &#8222;ehrlos&#8220; wahrgenommenen Strategien der &#8222;unangepassten Statusorientierten&#8220; anzugleichen. Ganz auszuschließen ist ein solcher Strategiewechsel allerdings nicht &#8211; es sei denn, ihnen werden gesellschaftlich-politische Rahmenbedingungen angeboten, in denen ihre Ressourcen und Kompetenzen gewürdigt werden können.   <br /> <br /> </p>
<h2 class="auto-created">Literatur&nbsp;&nbsp;</h2>
<p>Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. (frz.: 1979)<br />Bremer, Helmut/Lange-Vester, Andrea (Hrsg.) (2006): Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur. Die gesellschaftlichen Herausforderungen und die Strategien der sozialen Gruppen, Wiesbaden<br />Brinkmann, Ulrich/Dörre, Klaus/Röbenack, Silke (2006): Prekäre Arbeit &#8211; Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse, Bonn<br />Durkheim, Émile (1988): Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt/M. (frz.: 1893)<br />Kreckel, Reinhard  (Hrsg.) (1983): Soziale Ungleichheiten, Göttingen ( = Soziale Welt, Sonderband 2)<br />Lazarsfeld, Paul F./Berelson, Bernard/Gaudet, Hazel (1969): Wahlen und Wähler, Neuwied/Berlin (engl.: 1944)<br />Schimmeck, Tom (2005): Arschlochalarm!, in: taz Magazin Nr. 7771, 17.9.2005, Seite I-II<br />Struck, Olaf/Stephan, Gesine/Köhler, Christoph/Krause, Alexandra/Pfeifer, Christian/Sohr, Tatjana (2006): Arbeit und Gerechtigkeit &#8211; Entlassungen und Lohnkürzungen im Urteil der Bevölkerung, Wiesbaden<br />Vester, Michael/von Oertzen, Peter/Geiling, Heiko u.a. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/M.<br />Weber-Menges, Sonja (2004): &#8222;Arbeiterklasse&#8220; oder Arbeitnehmer? Vergleichende empirische Untersuchung zu Soziallagen und Lebensstilen von Arbeitern und Angestellten in Industriebetrieben, Wiesbaden</p>
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		<title>„Chaos-Tage&#8220; in Hannover</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Dec 1995 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Ereignis zum Mythos aus: vorgänge Nr. 132 (Heft 4/1995), S. 1-6 Wieder einmal sorgt sich die Landeshauptstadt Hannover um ihr Image. Über lange Jahre im unvermeidlichen Wettbewerb der Städte mehr oder minder zu Unrecht als graue Maus gehandelt, sieht sich Hannover seit dem Sommer 1995 Plötzlich als Synonym für &#132;Chaos-Tage&#148;. Nicht die mit großen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Vom Ereignis zum Mythos</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 132 (Heft 4/1995), S. 1-6</p>
<p>Wieder einmal sorgt sich die Landeshauptstadt Hannover um ihr Image. Über lange Jahre im unvermeidlichen Wettbewerb der Städte mehr oder minder zu Unrecht als graue Maus gehandelt, sieht sich Hannover seit dem Sommer 1995 Plötzlich als Synonym für &#132;Chaos-Tage&#148;. Nicht die mit großen Erwartungen besetzte Weltausstellung Expo 2000, die, wie es der Rücktritt ihres Geschäftsführers jüngst signalisierte, nicht so recht voranzukommen scheint, und auch nicht die Eskapaden des eigenwilligen Ministerpräsidenten Schröder, sonder jugendliche Punks sind es, die für Aufregung im Land sorgen und Hannover negative Schlagzeilen bescheren.<br />Zwischen dem 3. und 5. August 1995 war es wie nahezu an jedem ersten Augustwochenende seit 1982 zwischen Polizei und Jugendlichen zu Auseinandersetzungen gekommen, in deren Verlauf 244 Polizisten und etwa 200 Jugendliche verletzt, ein Geschäft geplündert und Sachschäden in Höhe von 550.000 DM angerichtet worden sein sollen. 1200 Jugendliche wurden in Gewahrsam, etwa 40 festgenommen. Insgesamt wurden 269 Strafverfahren eingeleitet. Der hannoversche Polizeipräsident &#150; der die ihm zugewiesene Verantwortung mit der Bemerkung, er sei nur ein einfacher Beamter, zurückweisen wollte &#150; mußte drei Wochen nach den Ereignissen seinen Rücktritt einreichen. Wenig später beschloß der niedersächsische Landtag mit den Stimmen von CDU und Grünen die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Polizeiführung und ihre Taktik sahen sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt.<br />Allgemeines Erstaunen rief die lokale SPD hervor, die sich auf ihrem Unterbezirksparteitag, 14 Tage nach den turbulenten Ereignissen, jeglicher Debatte der hannoverschen &#132;Chaos-Tage&#148; verweigert hatte. Von Vertretern der CDU wurde dies weidlich genutzt, die bisher eher konturlos wahrgenommene eigene Oppositionsrolle entlang von law-and-order-Forderungen populistisch zu profilieren.<br />Allein schon diese Ereignisskizze läßt erkennen, daß die von den Medien zusätzlich hochgespielten Vorfälle ausschließlich unter ordnungspolitischen bzw. polizeitaktischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Diesem Sog publicityträchtiger Gewaltszenarien scheint sich auch die lokale Politik nicht entziehen zu können, zumal 14 Tage nach der unvermeidlich erscheinenden Neuauflage der &#132;Chaos-Tage&#148; im nächsten Jahr sich die Kommunalwahlen anschließen werden, die angesichts des stetigen Abwärtstrends der hannoverschen SPD den Genossen eher als Drohung denn als Auftrag erscheinen. Daß es beim nächsten Mal mit den Punks ganz anders ablaufen wird, weil auf eine Verstärkung der Polizeikräfte gesetzt werden soll, so der designierte neue Polizeipräsident, und damit zugleich die Profilierung als politischer Garant für Sicherheit und Ordnung möglich wird, scheint in Hannover eine weitverbreitete Illusion zu sein. Nachfragen im Sinne einer kritischen Bestandsaufnahme scheinen derzeit kein Gehör zu finden. Dazu hier nur einige Anmerkungen, bevor ich zur Charakterisierung der jugendlichen Punk-Szene und zu möglichen alternativen Umgangsweisen mit deren Provokationen komme.</p>
<p>Die &#132;Chaos-Tage&#148; haben sich mittlerweile zu einem Mythos verselbständigt, der über den kleinen Kreis der seit 1982 agierenden lokalen Jugendszene weit hinausreicht und eine überregionale Anziehungskraft und Dynamik entwickelt. Angelegt wurde der Mythos bereits 1984, als der damalige niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff CDU eine polizeiliche &#132;Punker-Datei&#148; einrichten ließ, in der Personen registriert wurden, von denen erwartet wurde, daß sie gegen öffentliche Sicherheit und Ordnung verstoßen werden. Im öffentlichen, auch von der damaligen SPD begleiteten Protest gegen diese Datei erhielten die hannoverschen Jugendlichen rege Unterstützung aus anderen Städten, so daß Hannover auch in den Folgejahren regelmäßig von 500 bis 1000 Punks &#132;heimgesucht&#148; wurde. Bei Musik und viel Bier waren diese von der lokalen Öffentlichkeit mißtrauisch bis feindselig beobachteten Treffen immer wieder mit Auseinandersetzungen zwischen Punks und Polizei oder Punks und Skinheads verbunden. Das nachrichtenarme Sommerloch des ersten Augustwochenendes ist für die öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellung der Punks wie geschaffen. Wenn auch mit gegenteiligen Intentionen und Aufgaben betraut, gilt dies nicht minder für das sorgsam beobachtete Agieren der Polizei. Mangels politischer organisatorischer Alternativen im Umgang mit den Jugendlichen, blieb ihr nichts anderes übrig, die ihr sowohl von den Punks als auch von der Öffentlichkeit zugewiesene Ordnungshüter-Rolle zu akzeptieren und so zum jährlichen Gelingen der &#132;Chaos-Tage&#148; beizutragen. Die Medienöffentlichkeit erfreut sich regelmäßig über die Abwechslung während der Saure-Gurken-Zeit und hat diesen Termin seit Jahren fest gebucht.<br />Hinzu kommt, daß der Termin der &#132;Chaos-Tage&#148; auf einen verkaufsoffenen Samstag des Sommerschlußverkaufs fällt und darüber hinaus in dieser Zeit das in Hannover beliebte Maschseefest gefeiert wird; zwei vom Kommerz geprägte Ereignisse, die im Licht der gegen &#132;konsumistische Spießbürger&#148; gerichteten Ideologie der Punks keine bessere Kontrastfolie zu den auf &#132;Spaß und Action&#148; zielenden Provokationen der bunt haarigen Jugendlichen liefern können. Entsprechend war von den Jugendlichen kalauernd angekündigt worden, &#132;Hannover in Schutt und Asche zu legen&#147; und dabei auch Atombomben und C-Waffen mitzubringen. Einige schon frühzeitig in die Stadt gereiste Punks setzten diese Drohung um, indem sie etwas mitgebrachte Asche und Schutt auf Hannovers erste Einkaufsstraße streuten.</p>
<p>Wie schon in den Jahren zuvor, war von Seiten der Politik oder der Jugendverwaltung auch 1995 wenig zu erfahren, wie denn nun mit den Punks über polizeiliche Sicherungsmaßnahmen hinaus umgegangen werden sollte. Das sonst sich so gern selbstdarstellende offizielle Hannover schien auf Tauchstation im Urlaub oder weilte, wie der Oberbürgermeister nebst Oberstadtdirektor, in der japanischen Partnerstadt Hiroshima, um den Opfern des Atombombenabwurfes zu kondolieren. An kleinere Schlägereien und Sachbeschädigungen offenbar seit zwölf Jahren gewöhnt, vertraute man allein auf die Erfahrung der Polizei, die zuletzt 1994 600 von 800 Jugendlichen kurzfristig in Gewahrsam genommen hatte und für dieses Jahr eine flexible Strategie der Deeskalation vorgesehen hatte. Experten des hannoverschen Jugendamtes, die sich an dieser Strategie mit eigenen vertrauensbildenden Maßnahmen beteiligen wollten, direktes Ansprechen der anreisenden Punks über die hannoverschen Jugendszenen und das Bereitstellen von Plätzen und Unterkünften, wurden zurückgepfiffen, da niemand aus dem Politikbereich dafür öffentlich geradestehen wollte. Ungewöhnlich war im Vorfeld die rege Betriebsamkeit in den informellen Kommunikationsnetzen der Jugendszenen. Auf Flugblättern, in Fanzines und wohl erstmalig auch im Internet wurde für das Treffen in Hannover massiv geworben. Der Kreis der Angesprochenen ging über die engeren Punk-Szenen hinaus. Sogar Punk-Bands aus den USA und aus England hatten sich angekündigt. Auch waren bereits eine Woche zuvor sogenannte &#132;Autonome&#148; angereist, die die hannoversche Szene um Hausbesetzer und Punks massiv unter Druck setzten, sich auf militante Aktionen vorzubereiten. Auch glaubte man, Skinheads und Hooligans aus dem europäischen Ausland unter den letztendlich etwa 2500 angereisten Jugendlichen gesehen zu haben.<br />Daß sich schließlich in diesem Jahr die schon üblichen Scharmützel zwischen Polizei und Jugendlichen zu regelrechten Straßenschlachten ausweiteten, scheint sich nicht auf eine einzige der möglichen Ursachen zurückführen zu lassen. Vielmehr ist davon auszugehen, daß erst die verschiedenen Bedingungen in einem spezifischen Zusammenspiel dem Mythos zu einer unerwartet gewalttätigen Dynamik verhalfen. Dieses Zusammenspiel war nach dem schon gewohnten Abtauchen von Politik und Verwaltung vom polizeistrategischen Wechsel zwischen Eingreifen und Tolerieren geprägt. Dieses erfolgversprechende Konzept der Polizei wurde allerdings in den eigenen Reihen blockiert. Beobachter ließen durchblicken, daß Gegner der niedersächsischen Polizeireform die ,&#147;Chaos-Tage&#148; dafür benutzten, die Reformbefürworter &#132;auflaufen&#148; zu lassen. Sie gaben die Anweisungen der Einsatzleitung in zynischer und widersprüchlicher Form an die Einsatzkräfte weiter und trugen so zum allgemeinen Chaos erheblich bei. Zwar wurden die citynahen Einkaufsstraßen sowie auch das gleichzeitig stattfindende Maschseefest von Jugendlichen &#132;freigehalten&#148;, doch dafür wurden diese von der Polizei in die ohnehin mit sozialem und politischem Zündstoff beladene Nordstadt abgedrängt. Viele der angereisten Punks, die nach eigenen Aussagen &#132;keinen Stress wollten&#148;, wurden, mal sanfter, mal härter, unfreiwillig in das Zentrum der nachfolgenden Turbulenzen &#132;geleitet&#148;. Obwohl Jugendzentren und die Hausbesetzer-Szene der Nordstadt im Vorfeld ihre Distanz zu den &#132;Chaos-Tagen&#148; signalisiert hatten, wurden ihnen die Punks und vor allem die angereisten &#132;Straßenkämpfer&#148; von der entsprechend chaotisierten Polizeitaktik nahezu aufgenötigt, so daß es in der Konsequenz zu unbeabsichtigten Solidarisierungseffekten zwischen den verschiedenen Jugendlichen kam. In dieser unübersichtlichen Gemengelage der ohnehin engen Nordstadt fiel es kleineren, zweifellos auf gewalttätige Auseinandersetzungen ausgerichteten Gruppierungen nicht schwer, zwischen Zuschlagen und Abtauchen zu changieren und dabei die allgemeine Unübersichtlichkeit sowohl für die Polizei als auch für die übrigen Jugendlichen noch zu verstärken. Der Konflikt nahm seinen Lauf.<br />Abseits der spektakulären Bilder brennender Straßenbarrikaden und verletzter Menschen wurde nur ganz selten ein Blick riskiert, der auf die Kultur der Punks und somit auf die möglichen Intentionen der Jugendlichen gerichtet war. Dies scheint mir unerläßlich zu sein, um in der Distanz zu den Ereignisse Reflexion zu ermöglichen und somit dem scheinbaren &#132;Wiederholungszwang&#148; &#132;Chaos-Tage&#148; angemessen entgegenwirken zu können. Allein die Tatsache, daß Jugendliche sich auch heute noch der Punk-Szene zurechnen, mag manches Erstaunen hervorrufen. Denn der auch als Müllkultur der Arbeiterjugend&#8220; charakterisierte Punk war ursprünglich 1976/77 mit den &#132;Sex Pistols&#148; u.a. Jonny Rotten und dem Punk-Rocker Sid Vicious »live fast, die young&#8220; verbunden, mit einer Musik, die als kollektiv-stiftender Hintergrund fungierte für mehr oder minder selbstbestimmte Milieus arbeitsloser englischer Jugendlicher. Die Musik war einfach bis Primitiv, ohne aufwendige technische Anlage und symbolisierte die Idee eines sich selbstorganisierenden Chaos, in dem keiner über dem anderen stehen und somit keinerlei hierarchische Strukturen existieren sollten. Angesichts der damals wie heute aussichtslosen Berufsperspektive vieler Jugendlicher galt es, eingefleischte Formen der industriegesellschaftlichen Arbeitsethik zu demontieren, Hörgewohnheiten und Moden eingebildeter Kunst- und Kulturexperten so Phisticates zu beleidigen und sich dabei auch nicht von der Vermarktung des eigenen neuen Stils irritieren zu lassen. Ob in Musik, Mode, Tanz Pogo und Alltagsethik der Jugendlichen, überall stand Dilletantismus vor Perfektion, Schäbigkeit vor Snobismus, Anarchie vor Subordination und &#132;no future&#148; vor Karrieredenken. Den ihr zugewiesenen gesellschaftlichen Rand durchaus phantasievoll und kreativ besetzend, dabei der übrigen Gesellschaft das auf den Kopf gestellte Spiegelbild vorhaltend, schwappte der Punk über die Berliner Hausbesetzer-Szene zu Beginn der 1980er Jahre auch nach Deutschland über.</p>
<p>So auch nach Hannover, an dem wie an allen übrigen deutschen Provinzmetropolen keine der verschiedenen sozialen Bewegungen und Jugendkulturen spurlos vorbeigegangen ist. Die föderalistische Besonderheit großstädtischer Infrastrukturen bei relativer Überschaubarkeit und sozialer Kontrolle war und ist in diesen Städten immer mit einer Aufwertung des Abweichenden verbunden. Mit ablehnenden Reaktionen und Vorurteilen gegenüber einigen wenigen sich zum Punk bekennenden Jugendlichen wurde und wird deren angestrebte negative Identität immer wieder durch die lokalen Öffentlichkeiten bestätigt.<br />Unabhängig von der Frage, ob die heutigen Generationen der Punk-Jugendlichen mit der Geschichte und den Ikonen des Punk etwas anzufangen wissen, scheint mir von Bedeutung zu sein, daß die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Punk seinerzeit hervorgebracht haben, aus der Perspektive der Jugendlichen keine gravierenden Veränderungen erfahren haben, 1995 sehen sich in Deutschland mindestens 1,4 Millionen junge Leute in prekären sozialen Situationen: sei es, daß sie keine Lehrstelle haben, ohne Job nach der Lehre dastehen, sich als Sozialhilfeempfänger durchschlagen oder gar als Obdachlose umherirren. Insofern spiegeln die in Jugendkulturen ständig fluktuierenden kulturellen Ausdrucksformen eines von seinen Ansprüchen ohnehin nie authentischen Punk einen Realismus wider, der durch alle Vermarktungsstrategien hindurch Formen und Lebensstile negativer Identität auf Dauer gewährleistet, Entgegen der selbst von der häufig altbacken und elitär argumentierenden gesellschaftlichen Linken vorgebrachten Klage von der &#132;Armanisierung&#148; der Jugend mit ihren individualistisch-vagabundierenden Lebensstilen abseits realistischer politischer Partizipation, wie noch zu Zeiten der neuen sozialen Bewegungen, birgt die jugendliche Praxis negativer Identität offenbar attraktive Möglichkeiten symbolischer Kreativität. Statt nun über Politikverdrossenheit zu jammern, sollten diese Möglichkeiten ausgelotet werden, um so vielleicht den von Jugendlichen als überkommen wahrgenommenen traditionellen Begriff des Politischen und der Partizipation mit neuem Leben füllen zu können. Dazu gehört allerdings, die unterschiedlichen Perspektiven der vielfältigen Jugendkulturen, hier insbesondere des Punk, erst einmal wahrzunehmen. Nicht zuletzt auch im Interesse einer Profanisierung des Mythos &#132;Chaos-Tage&#148; Tage&#8220; sollten dabei mindestens vier Dimensionen berücksichtigt werden, die ich abschließend nur skizzieren kann.<br />Wie bei allen Jugendkulturen sollte auch bei den Punks die entwicklungspsychologische Dimension des jugendlichen Verhaltens nicht vergessen werden. Obwohl häufig als altbekannte Tatsache hingestellt, findet sich diese im alltäglichen Umgang mit Jugendlichen immer wieder zu wenig berücksichtigt. Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren durchlaufen eine Stufe der Orientierung, an der sie das sogenannte Drama der Individuation zu bewältigen haben. Sie sind gezwungen, sich als relativ autonome Individuum wahrnehmen zu müssen, und sie fühlen sich herausgefordert, dabei von anderen Menschen als solche auch anerkannt zu werden. In diesem überaus widersprüchlichen und schwierigen Prozeß können sich auf Seiten der Jugendlichen heftige Reaktionen der Identifizierung wie auch der Ablehnung und Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen und deren Normen ergeben. Zu dieser Phase der Selbstvergewisserung und Identitatsfindung gehört das Kokettieren und Spielen mit umstrittenen Symbolen der Gewalt, der Sexualität oder auch politischer Ideologien. In der Regel handelt es sich um gesellschaftlich negativ wie positiv hoch besetzte Symbole, bei deren Handhabung sich die Jugendlichen sicher sein können, daß die Erwachsenenwelt darauf  &#132;anspringt&#147;.<br />Die schräg-schrille Musik, die scheinbar rücksichtslose Körperlichkeit des Pogo-Tanzens, die allen Konventionen zuwiderlaufende Kleidung sowie das öffentliche Bier-Saufen und Schnorren der Punks ist zwar den konventionellen Regeln des sozialen Lebens entgegengesetzt, birgt zugleich aber in ihrem spezifischen Hedonismus auch eine ästhetisch-kulturelle Dimension, die sich den Jugendlichen offenbar als Attraktion darstellt. Nach dem Motto &#132;I don`t know what I want, but I know how to get it&#148; läßt sich jeder bekennende Punk-Jugendliche in der Öffentlichkeit auf unsichere und häufig auch spannungsgeladene Situationen ein. Es sind die in der Regel prompten Gegenreaktionen der sich von den Punks provoziert fühlenden Öffentlichkeit die als Salz in der Suppe das tägliche Einerlei der Jugendlichen aufwerten. Ohne den jeweiligen konventionell-bürgerlichen Gegenpart auf der öffentlichen Bühne würde diese jugendspezifische Form des absurden Theaters ins Leere laufen.<br />Im Unterschied zur distanzierten, kontemplativen Betrachtung von Gegenständen der Kunst und Kultur gestalten sich die Punks damit einen Erlebnisraum, der über die symbolische Darstellung bzw. über das spielerische Probehandeln hinausführt. In der nicht selten schockierenden Selbstinszenierung des Einbringens der gesamten Person mit all ihrer sinnlichen Körperhaftigkeit bewegen sich Punks im Grenzbereich von abstrakter Militanz, abgrenzender Symbolik und ästhetischer Raffinesse. Sie erinnern an die Tradition der sich selbst zu Kunstwerken stilisierenden und dabei den herkömmlichen Kunstbegriff demontieren &#8211; den Situationisten der 1920er Jahre, deren gegen die Ästhetik der Langeweile gerichteten subversiven Provokationen, ebenso wie die der heutigen Punks, ohne die Abwehrbereitschaft des Establishments verpufft wären.<br />&#132;Spaß haben&#148;, &#132;verschärfte Abenteuer erleben&#148;, sich dabei inmitten abgelegter Accesoires der Umwelt stilistisch als &#132;Müllkultur&#148; positionieren und vor allem die gewohnte Unterdrückung der Aggressivität bei Bier und Pogo ausleben zeichnen das geläufige Bild des Punk-Hedonismus. Nun erscheint jede an diese Kultur herangetragene Interpretation, die deren politische Dimension zu fixieren sucht, den Jugendlichen als fremdbestimmt und als Versuch, die negative Identität des Punk zu neutralisieren. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, daß der Punk als negative Kontrastfolie des konventionellen gesellschaftlichen Lebens auf diese Gesellschaft angewiesen ist, weil er auf deren uneingelöste Versprechen abgrenzend reagiert und sich zudem in gesellschaftlicher Kritik auf der Ebene der übrigen Außenseiter bewegt. Im Unterschied zu ideologisch verquer aufgeladenen Skinheads mit ihren stumpfsinnigen Ressentiments gegen alles sozial Schwache stellt sich im demonstrativen Außenseitertum der Punks gleichsam eine alltägliche Nähe und Sensibilität mit den gesellschaftlichen Verlierern her. Diese vielen Jugendlichen eher unbewußte gesellschaftskritische Dimension des Punk kann von ihnen nie ausdrücklich ideologisch oder traditionell-organisatorisch bekundet werden, da dies einer gesellschaftlichen Gleichschaltung bzw. Neutralisierung der für die Punk-Kultur existentiellen negativen Identität gleichkäme. Insofern muß auch jedes pädagogische oder politische Integrationsangebot die Existenzberechtigung des Punk in Frage stellen, obgleich sowohl Politik wie Pädagogik zur Zeit alles andere als ein handlungs- und gestaltungsfähiges Bild liefern. Stattdessen läßt sich der Eindruck gewinnen, daß das anwachsende Legitimations- und Machtvakuum des politischen Systems gerade im Punk eine jugendspezifische Antwort erfährt. Denn wer sonst als die Punks schafft es heute auf der hedonistischen Grundlage musikalisch-körperlicher Selbstinszenierungen, nachhaltige gesellschaftliche Konflikte zu provozieren?</p>
<p>Wollen jedoch gesellschaftliche Kräfte die ihr von den Punks, bei Gelegenheiten wie den hannoverschen &#132;Chaos-Tagen&#148;, zugewiesene Komplizenschaft zurückweisen, und wollen sie gar das auch in anderen Jugendkulturen latente gesellschaftskritische Moment aufgreifen, bedarf es des Muts zum Risiko. Zunächst einmal muß die ohnehin unabweisbare Existenz offener Jugendkulturen auch wirklich anerkannt werden. So muß sich z.B. die hannoversche Öffentlichkeit darüber im Klaren sein, daß mit den Punks, die keine offiziellen Ansprechpartner und Strukturen repräsentieren, nicht so umgegangen werden kann, wie mit straff organisierten Schützenvereinen oder traditionellen Jugendverbänden. Schon gar nicht reicht es aus, sich allein hinter der Polizei zu verschanzen, da dies nur die gängige Pflege des Mythos &#132;Chaos-Tage&#148; fortsetzen würde.</p>
<p>Stattdessen ist auf eine offenere politische Kultur zu setzen, die immer auch Rückschläge und Ablehnungen einkalkuliert. Der Vielfalt jugendkultureller Selbstdarstellungen ist unter Beachtung von Mindeststandards gesellschaftlicher Regeln öffentlicher Raum zuzugestehen, um so überhaupt die Grenzbereiche des Zumutbaren, auf die ein Großteil der Punk-Inszenierungen abzielt, ausloten zu können. Wenn im Jahr 2000 im Interesse der Weltausstellung in Hannover für mindestens sechs Monate in nahezu jeder Beziehung ein Ausnahmezustand in Kauf genommen werden wird, sollte die Stadt in der Lage sein, jährlich ein Wochenende so vorzubereiten, daß der Besuch einiger Hundert Punks als gegenseitige Bereicherung erfahren werden kann. Dazu gehört die Bereitstellung einer angemessenen Infrastruktur von Plätzen und Räumen, um wenigstens dem &#132;stressfreien&#148; Teil der Punk-Aktivitäten, Musik und Tanz, ein Angebot zu machen. Wichtig sind vor allem lokale Initiativen, die ohne jede Umarmungstaktik sich für die Jugendlichen bereithalten, um ihnen bei Bedarf das bisher im Rücken der Polizeiketten verborgene Hannover zu öffnen. Und warum sollte es völlig auszuschließen sein, daß die hannoverschen Ratsmitglieder, mit Oberbürgermeister und Oberstadtdirektor an der Spitze, bei dieser Gelegenheit auf die finanzielle Notlage der Stadt hinweisen, indem sie die überwiegend symbolisch gefärbten Aktivitäten der Jugendlichen mit einer eigenen Performance ergänzen. Sie könnten dabei den anreisenden Punks entgegengehen und sie im Sinne von &#132;Haste mal ne Mark, ey?&#148; anschnorren. Sie würden unter Beweis stellen, daß abseits der nicht nur für Jugendliche langweilig inszenierten symbolischen Politik noch phantasievolle Risikobereitschaft bei Verantwortlichen existent ist. Auf die von jedem Politiker gemiedene Gefahr hin, sich der möglichen Lächerlichkeit auszusetzen, würden sie in Distanz zur gerade bei Jugendlichen ohnehin unglaubwürdig gewordenen Rolle der Politik ihre Bereitschaft dokumentieren, das Andere im Fremden überhaupt wahrnehmen zu wollen. Dem Image Hannovers würde dies nur gut tun. Allerdings wird mittlerweile keinem der hannoverschen Politiker dieser eigentlich alltägliche Mut zum Risiko mehr zugetraut, zumal die Kommunalwahlen 1996 jede polarisierende Profilierung zu verhindern scheinen.</p>
<p><i>Eines jedoch steht fest: Die Jugendlichen werden nicht einfach von der Bildfläche verschwinden.</i></p>
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