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	<title>Ivan Krastev Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Das Gespenst einens multipolaren Europas</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 Dec 2011 16:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorg&#228;nge 196 ( Heft 4/2011), S. 86-94 Die Europ&#228;ische Union hat im letzten Jahrzehnt viel Zeit damit verbracht, eine Europ&#228;ische Ordnung zu verteidigen, die nicht l&#228;nger funktioniert. Gleichzeitig hat sie dabei auf eine globale Ordnung gehofft, die wahrscheinlich nie kommen wird. Daraus resultiert, dass der Europ&#228;ische Kontinent heute weniger stabil ist, als wir angenommen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/196-vorgaenge/publikation/das-gespenst-einens-multipolaren-europas/">Das Gespenst einens multipolaren Europas</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorg&auml;nge 196 ( Heft 4/2011), S. 86-94</p>
<p>Die Europ&auml;ische Union hat im letzten Jahrzehnt viel Zeit damit verbracht, eine Europ&auml;ische Ordnung zu verteidigen, die nicht l&auml;nger funktioniert. Gleichzeitig hat sie dabei auf eine globale Ordnung gehofft, die wahrscheinlich nie kommen wird. Daraus resultiert, dass der Europ&auml;ische Kontinent heute weniger stabil ist, als wir angenommen haben, w&auml;hrend die EU weniger einflussreich ist, als wir gehofft haben. Es ist wahr, dass ein Krieg zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten heute unwahrscheinlich ist. Dennoch sind sich die Europ&auml;er durchaus dar&uuml;ber im Klaren, dass die bestehenden Sicherheitsinstitutionen nicht in der Lage waren, die Kosovo-Krise 1998/99 zu verhindern, das Wettr&uuml;sten im Kaukasus zu verlangsamen, die Unterbrechung der EU-Gasversorgung 2008 zu unter-binden, den Krieg zwischen Georgien und Russland zu verhindern oder die Instabilit&auml;t in Kirgistan zu Beginn dieses Jahres aufzuhalten &#8211; geschweige denn, Fortschritte in den anderen so genannten &#8222;frozen conflicts&#8221; des Kontinents zu erzielen.</p>
<p>Gleichzeitig beginnen zwei der drei sicherheitspolitischen Hauptakteure in Europa, die Legitimit&auml;t der bestehenden Ordnung oder ihre Rolle darin zunehmend zu hinterfragen. Russland, das sich nie wohl gef&uuml;hlt hat mit den Erweiterungen der NATO und der EU, ist nun m&auml;chtig genug, um offen eine neue europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur zu fordern. Die T&uuml;rkei, frustriert durch die kurzsichtige Blockadepolitik einiger EU Mitgliedsstaaten, m&ouml;chte der EU zwar weiterhin beitreten, verfolgt aber gleichzeitig eine zunehmend unabh&auml;ngige Au&szlig;enpolitik und strebt nach einer gr&ouml;&szlig;eren Rolle um ihren wachsenden Anspr&uuml;chen gerecht zu werden. Der Trend wird sich noch verst&auml;rken, sollten die EU-Mitglieder nicht bereit sein, guten Willen zu zeigen und neue Kapitel in den Beitrittsverhandlungen zu &ouml;ffnen. Der Hintergrund, vor dem diese Ver&auml;nderungen im europ&auml;ischen Raum stattfinden, ist globaler Natur. Dieser Kontext l&auml;sst Europa als Ganzes seine zentrale Position in der internationalen Politik verlieren. W&auml;hrend neue, globale Machtzentren wie Brasilien, China und Indien Europas multilaterale Vision herausfordern, nimmt das Interesse der USA an Europa dramatisch ab.</p>
<p>Das Festhalten an dieser dysfunktionalen Ordnung bedeutet auch, dass die EU dabei ist, die Gelegenheit, vorhandene Instrumente zu nutzen, zu verpassen. In diesem Zusammenhang glauben wir, dass es im Interesse der EU-Mitgliedsstaaten ist, kreativ auf Pr&auml;sident Medwedews Vorschlag einer neuen Sicherheitsarchitektur zu reagieren. Dadurch k&ouml;nnten sie ihre eigene positive Konzeption von einer neuen Sicherheitsordnung f&uuml;r den europ&auml;ischen Raum zu entwickeln, die die EU als wesentlichen Sicherheitsakteur institutionalisiert.</p>
<h5>Das multipolare Europa in einer multi&shy;po&shy;laren Welt</h5>
<p>In den 1990er Jahren hat die EU auf Unterst&uuml;tzung ihrer &#8222;soff power&#8221; durch die amerikanische &#8222;hard power&#8221; gehofft und dar&uuml;ber hinaus auf die Integration aller regionalen M&auml;chte in eine liberale Ordnung, in der die Prinzipien der Rechtstaatlichkeit, der geteilten Souver&auml;nit&auml;t und der Interdependenz schrittweise den milit&auml;rischen Konflikt und die Konzepte der Machtbalance und Interessenssph&auml;ren ersetzen. Diese europ&auml;ische Vision eines Friedens- und Sicherheitsexports basierte auf der Idee gemeinsamer Werte und Institutionen. Sie kann daher auch als Paradigma der &#8222;demokratischen Erweiterung&#8221; bezeichnet werden. Aber das unipolare Momentum der EU ist vorbei. Die Europ&auml;er haben dem Aufstieg einer multipolaren Welt fr&uuml;hzeitig zugejubelt, die gleichzeitige Entstehung eines multipolaren Europas hingegen haben sie erst deutlich sp&auml;ter erkannt. Ein Europa, das zunehmend vom Wettbewerb zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten des Kontinents &#8211; der EU, Russland und der T&uuml;rkei &#8211; um Einfluss auf die umstrittene Nachbarschaft -bestehend aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion &#8211; gepr&auml;gt ist. Als Reaktion auf die Herausbildung eines multipolaren Europas beginnt man in der EU und in den USA zu-nehmend mit einer Alternative zum &#8222;Paradigma der demokratischen Erweiterung&#8221; zu experimentieren, welche als &#8222;interessenbasierter Realismus&#8221; bezeichnet werden k&ouml;nnte. Doch diese Strategie ist genauso ungeeignet zur Schaffung einer genuin europ&auml;ischen Ordnung, wie das Paradigma der &#8222;demokratischen Erweiterung&#8221;.</p>
<p>Die EU Mitgliedstaaten m&uuml;ssen aufh&ouml;ren, Europas Geschichte der letzten 20 Jahre als Entwicklung eines einzigen Projektes zu verstehen, in dessen Zentrum die EU und die NATO stehen. Stattdessen sollten sie anfangen, es als eine Geschichte zu begreifen, die von vier parallel verlaufenden identit&auml;tsbildenden Projekten handelt, von denen jedes auf seine eigene Weise jung, schwach und verletzlich ist.Drei dieser Projekte stellen die sich herausbildenden Pole eines multipolaren Europas dar: Das erste ist das Projekt der Europ&auml;ischen Union, das auf der Idee gr&uuml;ndet, Sicherheit durch geteilte Souver&auml;nit&auml;t zu gew&auml;hrleisten. Das zweite ist Russlands post-imperialistisches Projekt, das zum Ziel hat einen Staat zu schaffen, der die Nation dazu bringt, f&uuml;r sich zu handeln. Und Drittens das postkemalistische Projekt der T&uuml;rkei, das die Schaffung einer EU-orientierten &#8222;muslimischen Demokratie&#8221; mit einer eigenen unabh&auml;ngigen Au&szlig;enpolitik anstrebt. Das vierte Projekt findet sich zwischen den drei an-deren Projekten &#8211; es besteht in den neuen souver&auml;nen Staaten auf dem ehemaligen Territorium der Sowjetunion und des ehemaligen Jugoslawiens. Die Dynamik dieser vier Projekte ist noch wichtiger geworden, seit die USA sich auf ihre Rolle als &#8222;offshore balancer&#8221; in Europa beschr&auml;nken.</p>
<h5>Das neue Sicher&shy;heits&shy;di&shy;lemma der EU</h5>
<p>Die EU hat sich, neben den USA, als gro&szlig;e Gewinnerin des Kalten Krieges gesehen. Doch heute wird sie von vielen dieser angeblichen Triumphe wieder eingeholt: Russland nimmt ihr seine vermeintliche Dem&uuml;tigung &uuml;bel, der Euro befindet sich in der Krise und die aufsteigenden Wirtschaftsm&auml;chte, die von der Globalisierung profitiert haben, sind nicht bereit, Europas multilaterale Agenda zu unterst&uuml;tzen. Die Finanzkrise hat die strukturellen Widerspr&uuml;che im Herzen des unvollendeten europ&auml;ischen Projekts aufgedeckt: Die Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten brauchen mehr Einwanderer als die einheimische Bev&ouml;lkerung bereit ist zu akzeptieren. Und die W&auml;hrungsunion braucht mehr politische Integration als ihre Eliten erzeugen k&ouml;nnen. Paradox ist, dass sowohl die europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit als auch die europ&auml;ischen Eliten von der Leistung der EU entt&auml;uscht sind, sie diese aber gleichzeitig als Schl&uuml;sselfigur in der Wirtschaft und mehr und mehr auch in der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik ansehen.</p>
<p>Als Bestandteil der Forschung zu diesem Bericht hat der ECFR eine Befragung der politischen Eliten in allen 27 Mitgliedsstaaten vorgenommen und daf&uuml;r 250 Interviews durchgef&uuml;hrt. Dar&uuml;ber hinaus wurden Sicherheitsdokumente aus den Mitgliedstaaten untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass die au&szlig;enpolitischen Eliten der EU ihr Verst&auml;ndnis von Sicherheit neu definiert haben, und zwar in drei verschiedenen Hinsichten:</p>
<p>Erstens betrachten sie Sicherheit zunehmend aus der Perspektive von Versicherungsunternehmen statt von Milit&auml;rplanern &#8211; d. h. sie halten Frieden f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich und denken in Risiken anstelle von Bedrohungen. Zweitens, wurde das Vakuum, das die Abwesenheit von Krieg erzeugt hat, mit post-modernen &Auml;ngsten gef&uuml;llt -. mit anderen Worten: Bedrohungen f&uuml;r den Lebensstandard wie beispielsweise die Auswirkungen der Finanzkrise, Sicherheit bei der Energieversorgung, Klimawandel und Migration. Drittens f&uuml;rchten die Europ&auml;er zunehmend ihre Marginalisierung, je mehr Macht vom Westen abwandert &#8211; dies wird daran deutlich, dass zum Beispiel fast alle Mitgliedsl&auml;nder interessiert sind an der von William Walker entwickelten &#8222;positional security&#8221;.</p>
<p>Neben diesen Ver&auml;nderungen in der Wahrnehmung von Bedrohungen scheinen die europ&auml;ischen L&auml;nder ihren Sicherheitsansatz neu zu &uuml;berdenken. Besonders &uuml;berraschend ist dabei, dass sie die Trennlinien, unter denen Europa die letzten zehn Jahre gelitten hat, scheinbar hinter sich lassen. Wir hatten erwartet, dass die Studie eine Vielzahl von unvereinbaren Bedrohungswahrnehmungen aufzeigt und so die strukturellen Unter-schiede der EU-Mitgliedsl&auml;nder, abh&auml;ngig von ihren Beziehungen zu Gro&szlig;m&auml;chten wie Russland oder den USA, best&auml;tigt. Stattdessen hat die Analyse einen &uuml;berraschend hohen Grad an Einheitlichkeit bez&uuml;glich der Bedrohungswahrnehmung festgestellt. Es besteht eine neue Einigkeit in Bezug auf den Umgang mit Russland: Die &#8222;alten Europ&auml;er&#8221; haben ihren Glauben an die transformative Kraft der Integration verloren und die &#8222;neu-en Europ&auml;er&#8221; sehen die M&ouml;glichkeiten zur Eingrenzung Russlands zunehmend skeptisch. Obwohl es unter den europ&auml;ischen Eliten immer noch eine gro&szlig;e Zustimmung zur Erweiterung von EU und NATO gibt, haben sie ihren Glauben daran verloren, dass die-se auch den wesentlichen institutionellen Rahmen f&uuml;r die europ&auml;ische Sicherheitsstruktur darstellen. Dar&uuml;ber hinaus sind sich die Europ&auml;er nun auch &uuml;ber die Notwendigkeiteinig, der EU eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle bei der Gew&auml;hrleistung der europ&auml;ischen Sicherheit zukommen zu lassen.</p>
<h5>Der diskrete Charme des russischen Revisio&shy;nismus</h5>
<p>Die &#8222;russische Frage&#8221; gab den Architekten der europ&auml;ischen Ordnung &uuml;ber die vergangenen drei Jahrhunderte hinweg eines der schwierigsten R&auml;tsel auf. Doch die besondere Kombination von St&auml;rke und Schw&auml;che im heutigen Russland macht das Land noch komplexer als die Sowjetunion vor 1991. Seit der NATO-Intervention im Kosovo 1999 hat sich Russland immer st&auml;rker zu einer revisionistischen Macht entwickelt. Doch auch wenn der Kreml die NATO-Erweiterung im ehemaligen sowjetischen Gebiet immer noch als Hauptbedrohung seiner Sicherheit ansieht, haben seine au&szlig;enpolitischen Eliten mittlerweile eine deutlich ver&auml;nderte Sicht auf die Bedrohungslage und auf die europ&auml;ische Ordnung als noch vor einigen Jahren. Dies bedeutet insbesondere, dass die russische Angst vor der wirtschaftlichen R&uuml;ckst&auml;ndigkeit zu einem Umdenken der russischen Strategie gef&uuml;hrt hat: Einer durchgesickerten Notiz zufolge dr&auml;ngen die politischen Verb&uuml;ndeten Medwedews darauf, die Bildung von Allianzen zur Modernisierung der russischen Wirtschaft zum &uuml;bergeordneten Ziel der russischen Au&szlig;enpolitik zu machen. Die russische Au&szlig;enpolitik zielt daher vor allem darauf ab, dem Land einen Platz in der Weltwirtschaft zu sichern und es gleichzeitig vor externen politischen Einfl&uuml;ssen zu sch&uuml;tzen.</p>
<p>Aus diesem Umdenken heraus hat sich eine neue Westpolitik entwickelt, die sich um die folgenden vier Ziele konzentriert: erstens Russlands europ&auml;ische Identit&auml;t geltend zu machen, zweitens wirtschaftlichen Fortschritt zum Hauptziel der russischen Au&szlig;enpolitik zu machen, drittens eine strategische Zusammenarbeit mit den USA zu entwickeln und gleichzeitig intensive Beziehungen zu den neuen globalen Einflusszentren der Macht zu unterhalten, wie beispielsweise China, Indien und Brasilien, und viertens die Realit&auml;t der EU zu akzeptieren und gleichzeitig den Fokus auf eine strategische Zusammenarbeit mit einigen Schl&uuml;sselmitgliedsstaaten, insbesondere Deutschland, zu legen. Der Vorschlag von Pr&auml;sident Medwedew stellt somit einen wirklichen Umbruch dar, wie Russland seine au&szlig;enpolitischen Interessen und seinen Bedarf an europ&auml;ischer Hilfe definiert. Dies bedeutet insbesondere, dass Russland so schnell wie m&ouml;glich einen neuen Sicherheitsvertrag eingehen m&ouml;chte. Der Grund daf&uuml;r ist, dass ein Gro&szlig;teil der russischen Elite mittlerweile anf&auml;ngt, Russlands momentanes Wiederaufleben als lediglich vor&uuml;bergehenden Aufstieg einer schw&auml;cher werdenden Macht zu verstehen. Ob-wohl dieser neue Ansatz auf einem noch recht wackeligen Fundament aufbaut, schafft er doch eine wirkliche &Ouml;ffnung der russischen Au&szlig;enpolitik hin zu einer st&auml;rker kooperativen Beziehung.</p>
<p>Russland wird in seiner Nachbarschaft h&ouml;chstwahrscheinlich weiterhin mit der EU konkurrieren. Die russischen Eliten werden ihr Bestes geben, um sich der Transformations- oder Eingrenzungspolitik des Westens zu widersetzen. Sie sehen die Kontrolle &uuml;ber die Gas- und &Ouml;ltransportwege aus den ehemaligen Sowjetstaaten als notwendige Voraussetzung f&uuml;r Russlands globale Rolle. Dar&uuml;ber hinaus wollen sie in den ehemaligen sowjetischen Gebieten g&uuml;nstige Bedingungen f&uuml;r den Ausbau der russischen Gesch&auml;fte schaffen, die derzeit nicht wettbewerbsf&auml;hig sind. Gleichzeitig sind sich die russischen Eliten aber auch der Gefahr einer imperialen &Uuml;berdehnung bewusst und die russische Nachbarschaftspolitik zielt, anders als viele meinen, nicht einfach darauf ab, die sowjetische &Auml;ra wieder aufleben zu lassen. Aufgrund seiner strategischen Ziele in der Nachbarschaft misst Russland den Beziehungen zur T&uuml;rkei besondere Bedeutung bei und unterst&uuml;tzt damit den Aufstieg der T&uuml;rkei als unabh&auml;ngiges Machtzentrum.</p>
<h5>Die T&uuml;rkei als neuer Akteur</h5>
<p>Fr&uuml;her einmal in der &ouml;stlichen Peripherie gelegen (am Rande der europ&auml;ischen Wahrnehmung), hat sich die T&uuml;rkei mittlerweile zum Zentrum seiner eigenen Welt entwickelt, die neben dem Nahen Osten, dem Kaukasus und dem Balkan auch aus weiter entfernen Gebiete wie der Golfregion und Nordafrika besteht. Die Worte des t&uuml;rkischen Au&szlig;enministers Ahmet Davutoglu verdeutlichen dies: &#8222;Turkey is an actor, not an issue&#8221;. Die meiste Zeit seit 1989 bestand das Hauptziel der t&uuml;rkischen Au&szlig;enpolitik im Beitritt zur EU. Aber seitdem die t&uuml;rkische Bev&ouml;lkerung und die t&uuml;rkische Wirtschaft wachsen und au&szlig;erdem gro&szlig;e EU-Mitgliedstaaten dem Beitritt der T&uuml;rkei weniger enthusiastisch gegen&uuml;ber stehen, beginnt die T&uuml;rkei zunehmend seine zweitklassige Mitgliedschaft im &#8222;Club des Westens&#8221; gegen das Bestreben einzutauschen, eine regionale Macht mit einer Stimme in der Welt zu werden.</p>
<p>Auch wenn die T&uuml;rkei weiterhin dem EU-Beitritt verpflichtet und dar&uuml;ber ein treuer Verb&uuml;ndeter der NATO ist, haben Premierminister Recep Tayyip Erdogan und die AKP eine neue, ehrgeizige Au&szlig;enpolitik entwickelt, die auf Davutoglus Version von der ldee einer &#8222;strategischen Tiefe&#8221; aufbaut. Die T&uuml;rkei strebt danach, ihre politischen und wirtschaftlichen Verbindungen mit den angrenzenden L&auml;ndern und Regionen zu vertiefen um auf diese Weise ein st&auml;rkeres Gewicht in internationalen Angelegenheiten zu erlangen. Bei einigen Gelegenheiten war die T&uuml;rkei sogar bereit, die offene Konfrontation mit den USA und deren NATO-B&uuml;ndnispartnern zu suchen. Parallel mit den Ver&auml;nderungen in der &ouml;ffentlichen Meinung der t&uuml;rkischen Bev&ouml;lkerung hat sich auch die Beziehung zur EU ge&auml;ndert. Der Beitritt zur EU bleibt weiterhin eine Priorit&auml;t, ist allerdings nicht mehr von solchem Gewicht f&uuml;r die AKP wie in der Zeit von 2002-2005.</p>
<p>Die T&uuml;rkei hat auch eine eigene Nachbarschaftspolitik (TNP), die nicht von den islamischen Wurzeln der AKP und deren Solidarit&auml;tsgef&uuml;hl mit dem Mittleren Osten gepr&auml;gt ist, sondern von pragmatischer Berechnung. Heutzutage entfaltet die T&uuml;rkei ihre wirtschaftlichen Machtressourcen, sowie die Grundlage ihrer &#8222;soft power&#8221; und &#8222;hard power&#8221; insbesondere in den Nachbarl&auml;ndern des Nahen Ostens, aber dar&uuml;ber hinaus auch in S&uuml;dosteuropa und im Kaukasus. Dank ihrer Nachbarschaftspolitik wird die T&uuml;rkei nun neben der EU und Russland zu einem der Pole in dem sich herausbildenden multipolaren Europa. Au&szlig;erdem haben die Beziehungen zwischen der T&uuml;rkei und Russland eine neue Qualit&auml;t erreicht, die auf einer Ann&auml;herung der wirtschaftlichen und strategischen Interessen beider Seiten beruht. Die post-kemalistische Au&szlig;enpolitik der T&uuml;rkei sowie ihre Nachbarschaftspolitik und ihre Rolle im entstehenden multipolaren Europa sind das Ergebnis systematischer Machtverschiebungen in Europa und im Nahen Osten. Die europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur sollte diese neue Realit&auml;t anerkennen, ber&uuml;cksichtigen und darauf effektiv reagieren. Die EU k&ouml;nnte die t&uuml;rkische &#8222;soft-&#8221; und &#8222;hard power&#8221; in ihrer Nachbarschaft z&uuml;geln, indem sie der T&uuml;rkei einen Platz in der neuen europ&auml;ischen Sicherheitsverteilung geben w&uuml;rde.</p>
<h5>Das post-&shy;eu&shy;ro&shy;p&auml;&shy;i&shy;sche Amerika</h5>
<p>Das letzte Kapitel der amerikanischen Beteiligung an der europ&auml;ischen Sicherheitsarchitektur wird vor allem durch eines verk&ouml;rpert: Pr&auml;sident Obama entschied sich, seine Teilnahme an der Jubil&auml;umsfeier anl&auml;sslich des 20sten Jahrestags des Berliner Mauer-falls abzusagen, da er laut der Begr&uuml;ndung seines Sprechers schlicht und ergreifend andere, wichtigere Verpflichtungen hatte. Obamas Abwesenheit von den Jubil&auml;umsfeierlichkeiten war ein deutliches Symbol f&uuml;r die ver&auml;nderte Rolle der USA hin zu einem &#8222;off shore balancer&#8221; in Europa. Zwar bleibt die amerikanische Sicherheitsgarantie f&uuml;r die europ&auml;ischen Partner bestehen, doch schwindet ihre Bedeutung. Dieser R&uuml;ckzug aus Europas internen Sicherheitsangelegenheiten spiegelt einen Strukturwandel in der Welt wider, der dazu gef&uuml;hrt hat, dass Europa weniger zentral f&uuml;r die amerikanische Strategie ist &#8211; auch im Hinblick auf zuk&uuml;nftige Administrationen. Die USA, die &uuml;ber ein halbes Jahrhundert hinweg den mit Abstand wichtigsten Sicherheitsfaktor auf dem europ&auml;ischen Kontinent darstellten, werden auch weiterhin als Sicherheitsgarant gegen den Ausbruch gr&ouml;&szlig;erer Kriege in Europa fungieren. Gleichzeitig erwarten die USA aber auch von Europa, dass dieses sich zunehmend selbst&auml;ndig um die L&ouml;sung anderer Sicherheitsrisiken bem&uuml;ht.</p>
<p>W&auml;hrend die USA sich aus Europa zur&uuml;ckziehen, ver&auml;ndert sich gleichzeitig auch die amerikanische Haltung gegen&uuml;ber der T&uuml;rkei und Russland. Die USA teilen viele der europ&auml;ischen Sicherheitsbedenken bez&uuml;glich einer R&uuml;ckkehr von so genannten Einflusssph&auml;ren in Europa. Einige erfahrene Pers&ouml;nlichkeiten in Washington haben auch weiterhin ein besonderes Interesse an der Situation in Georgien oder der Ukraine. Aber diese europ&auml;ischen Sicherheitsbedenken geh&ouml;ren eindeutig nicht zu den Priorit&auml;ten des Wei&szlig;en Hauses oder des Au&szlig;enministeriums bei deren Kontakten mit Moskau. Selbst dort wo &#8222;near-abroad&#8221; Fragen aufgekommen sind &#8211; so wie beispielsweise die Situation in Kirgistan &#8211;, konzentriert sich die Regierung Obama vor allem auf solche Auswirkungen, die von globaler Bedeutung sind. Zwar sind die Beziehungen der USA zu Russland von einem Neustart gepr&auml;gt, die Beziehungen mit der T&uuml;rkei hingegen haben sich dramatisch verschlechtert. W&auml;hrend eines Besuchs von Davutoglu in Washington im Juni 2010 wurde ihm und seinen Mitarbeitern der Zugang zum Wei&szlig;en Haus von Sicherheitsbeamten verweigert und das Treffen mit den amerikanischen Kollegen musste in einem nahe gelegenen Hotel stattfinden. Dieses Ereignis veranschaulicht nur allzu deutlich das wachsende Misstrauen zwischen den beiden L&auml;ndern.</p>
<p>In Anbetracht entt&auml;uschender EU-Mitgliedstaaten, sowie frustrierender T&uuml;rken und Russen, die mehr Partner als Gegner sind, k&auml;mpfen die USA nun damit, sich selbst f&uuml;r die NATO zu begeistern. Die USA haben keinen ernsthaften Versuch unternommen, die Europ&auml;er in eine wirkliche Diskussion &uuml;ber gemeinsame Ziele einzubinden oder gemeinsam nach m&ouml;glichen Wegen zu suchen, auf denen der Schaden, den die Organisation in Afghanistan erlitten hat, wieder behoben werden kann. Abgesehen von der um-gestalteten, regionalen Raketenabwehr scheinen die USA ihren Ehrgeiz f&uuml;r die NATO verloren zu haben. Doch auch wenn Amerikas Entwicklung hin zum &#8222;offshore balancing&#8221; viele Europ&auml;er alarmiert hat, k&ouml;nnte genau diese Entwicklung paradoxerweise aber auch die Herausbildung einer legitimen europ&auml;ischen Ordnung beschleunigen, in der die USA vorhanden sind.</p>
<h5>Entwurf einer m&ouml;glichen Ordnung</h5>
<p>W&auml;hrend die politische Aufmerksamkeit weg vom Atlantik und hin zum Pazifik wandert, l&auml;uft Europa Gefahr, seine Position als geopolitisches Zentrum zu verlieren und mehr und mehr an den Rand gedr&auml;ngt zu werden. Unter diesen Bedingungen ist es im Interesse aller drei europ&auml;ischen Gro&szlig;m&auml;chte, die Beziehungen zwischen sich so zu ordnen, dass sie &uuml;ber eine feste Grundlage verf&uuml;gen, um mit dem Rest der Welt interagieren zu k&ouml;nnen. Doch diese neue europ&auml;ische Ordnung darf nicht nur in einer einfachen R&uuml;ckkehr zum &#8222;M&auml;chtekonzert&#8221; bestehen, in der die EU, Russland und die T&uuml;rkei versuchen, die Staaten in ihrer Nachbarschaft nach territorialen oder funktionalen Gesichtspunkten ihrem eigenen Einfluss zu unterstellen, um auf diese Weise Konflikte zwischen den Gro&szlig;m&auml;chten zu vermeiden. Die Herausforderung, vor der Europa sich heute befindet, besteht darin, Wege aufzuzeigen, wie die neuen und verletzlichen Projekte des Staatsauf baus in Europa, die dar&uuml;ber hinaus von einer gro&szlig;en gegenseitigen Abh&auml;ngigkeit gepr&auml;gt sind, harmonisch verlaufen k&ouml;nnen. Der Umgang mit der wechselseitigen Abh&auml;ngigkeit sollte das Prinzip der &#8222;Machtbalance&#8221; als Kern der europ&auml;ischen Ordnung ersetzen.</p>
<p>Anstelle eines anachronistischen &#8222;M&auml;chtekonzertes&#8221; sollte das Ziel der EU eher dar-in bestehen, ein &#8222;Projektekonzert&#8221; zu entwickeln, d. h. im Interesse aller Beteiligten eine M&ouml;glichkeit zu finden, den multilateralen Gef&uuml;gen zur Diskussion und Handhabung der Sicherheit des Kontinents Leben einzuhauchen. Die neue europ&auml;ische Ordnung sollte nicht versuchen, aus allen europ&auml;ischen L&auml;ndern auch EU-Mitgliedstaaten zu machen oder die Machtbalance wieder herzustellen, sondern vielmehr sollte sie so ausgestaltet werden, dass die europ&auml;ischen Projekte der Staatsbildung friedlich ablaufen k&ouml;nnen. Das beinhaltet neben einer Effektivit&auml;tssteigerung der EU auch die Konsolidierung der postimperialen russischen Identit&auml;t innerhalb der heutigen russischen Grenzen, sowie die F&ouml;rderung der t&uuml;rkischen Ambitionen, aus dem Land am Bosporus eine regionale Macht mit weltweitem Einfluss zu machen. Die parallele Einbindung Ankaras in einen gemeinsamen Rahmen sowie die F&ouml;rderung der EU-Integration der L&auml;nder des Westbalkans und die notwendige Hilfe, um aus den L&auml;ndern auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion funktionierende Staaten zu machen, sind ebenfalls Bestandteil dieses &#8222;Projektekonzerts&#8221;.</p>
<p>Damit dies realisiert werden kann, sollte die EU &uuml;ber ihre zur&uuml;ckhaltende Reaktion auf Pr&auml;sident Medwedews Vorschlag, die der OSZE eine zentrale Rolle einr&auml;umt, hi-nausgehen. Stattdessen sollte die EU offen sein f&uuml;r die Schaffung von neuen Vertr&auml;gen und Institutionen. Dabei ist es aber wichtig, dass die EU gleichzeitig auch betont, dass diese Institutionen und Vertr&auml;ge in einem bottom-up Ansatz geschaffen bzw. unter-zeichnet werden und kein top-down Ansatz verfolgt wird. Wir glauben, dass der EU dies am besten gelingt, indem ein informeller Sicherheitstrialog zwischen der EU, der T&uuml;rkei und Russland initiiert wird, der sich auf die folgenden drei Bestandteile st&uuml;tzt:</p>
<ul>
<li>Ein europ&auml;ischer Sicherheitstrialog. Statt neue Institutionen zu schaffen, sollte die EU einen regelm&auml;&szlig;igen, aber informellen europ&auml;ischen Sicherheitstrialog einrichten, dem die Idee eines EU-russischen Sicherheitsdialog von Merkel und Medwedew zugrunde liegt, nur das dieser um die T&uuml;rkei erweitert wird. Der Trialog, in dem sich die wichtigsten Sicherheitsm&auml;chte Europas analog zu der Zusammenkunft der wichtigsten Wirtschaftsm&auml;chte in den G20 treffen, k&ouml;nnte regelm&auml;&szlig;ig zusammenkommen um die wichtigsten und dringendsten Sicherheitsfragen auf unserem Kontinent zu diskutieren sowie die Probleme, die sich aus den sich &uuml;berschneidenden Nachbarschaften der zentralen Akteure ergeben.</li>
<li>Ein europ&auml;ischer Sicherheitsaktionsplan. Die erste Aufgabe des Sicherheitstrialogs sollte darin bestehen einen Aktionsplan zu entwerfen, um die Spannungen auf dem europ&auml;ischen Kontinent zu verringern. Der Aktionsplan k&ouml;nnte eine ganze Reihe von Zielen beinhalten, so zum Beispiel die Stabilisierung der europ&auml;ischen Randgebiete durch eine Entmilitarisierung der unbest&auml;ndigsten Regionen oder die L&ouml;sung so genannter &#8222;frozen conflicts&#8221;, die weiterhin die gr&ouml;&szlig;te Gefahr f&uuml;r die europ&auml;ische Sicherheit dar-stellen. Die L&ouml;sung dieser Konflikte sollte dabei die Vorbedingung f&uuml;r die Unterzeichnung eines neuen Vertrags sein.</li>
<li>Ein europ&auml;ischer Sicherheitsvertrag. F&uuml;hrende EU-Politiker sind zu Recht misstrauisch, was die m&ouml;glichen Vorteile eines neuen Vertrags mit Russland betrifft, solange das Land keine Bereitschaft zeigt, einen eigenen Beitrag zur L&ouml;sung der vielen dringenden Sicherheitsfragen des europ&auml;ischen Kontinents zu leisten. Dennoch k&ouml;nnte ein neuer Vertrag auch f&uuml;r die EU-Mitgliedstaaten von Vorteil sein, wenn er am Ende eines Vertrauensbildungsprozesses steht. Sollte die EU als Vertragspartei zu den Unterzeichnern des Vertrages geh&ouml;ren, dann w&uuml;rde dies ihre Institutionalisierung als Schl&uuml;sselakteur in sicherheitspolitischen Angelegenheiten in Europa bedeuten und es ihr dar&uuml;ber hinaus erm&ouml;glichen, die ihr zur Verf&uuml;gung stehenden Instrumente einzusetzen, um mit den Bedrohungen umzugehen, denen sich ihre Mitgliedsl&auml;nder ausgesetzt sehen.</li>
</ul>
<p>Der von uns hier vorgeschlagene Ansatz w&auml;re f&uuml;r die EU von Vorteil, da auf diese Weise ihre Rolle als zentraler Sicherheitsanker des europ&auml;ischen Kontinents anerkannt w&uuml;rde. Dies w&uuml;rde dar&uuml;ber hinaus auch als Ansto&szlig; dienen f&uuml;r eine genuine strategische Debatte zwischen den Mitgliedsl&auml;ndern &uuml;ber die Frage, welche Form die von der EU vertretene Ordnung eigentlich haben soll. Der neue Ansatz w&uuml;rde von der politischen &Ouml;ffnung Russlands und dessen Wunsch nach Modernisierung profitieren sowie von den Versuchen der T&uuml;rkei, sich als regionale Macht zu etablieren. Gleichzeitig w&uuml;rde er die institutionelle Ordnung in Europa so umgestalten, dass der Kontinent gut vorbereitet ist f&uuml;r eine Zeit, in der Europa zunehmend peripher ist und in der starke und schwache Nachbarn gleicherma&szlig;en gef&auml;hrlich bzw. Furcht einfl&ouml;&szlig;end sein k&ouml;nnen. Es w&auml;re der erste Schritt hin zur Schaffung eines trilateralen anstelle eines tripolaren Europas: eine neue institutionelle Ordnung auf dem Kontinent, die (um Lord Ismay an dieser Stelle zu paraphrasieren) die EU vereint, Russland post-imperialistisch und die T&uuml;rkei europ&auml;isch h&auml;lt!</p>
<p><b>* </b>Der Beitrag basiert auf einem Policy Paper des European Council on Foreign Relations, das Ivan Krastev und Mark Leonard zusammen mit Dimitar Bechev, Jana Kobzova und Andrew Wilson verfasst haben. Zugriff auf die englische Langfassung unter: <a href="http://ecfr.eu/page/-/documents/FINAL%20VERSION%20ECFR25_SECURITY_UPDATE_AW" target="_blank" rel="noopener">http://ecfr.eu/page/-/documents/FINAL%20VERSION%20ECFR25_SECURITY_UPDATE_AW</a> SINGLE.pdf</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/196-vorgaenge/publikation/das-gespenst-einens-multipolaren-europas/">Das Gespenst einens multipolaren Europas</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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