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	<title>Jürgen Dittberner Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die FDP zwischen Neo- und Ordoliberalismus</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 18:41:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: vorg&#228;nge Nr. 189, Heft 1/2010, S. 78-85 &#8222;Ungeliebter&#8220; Liberalismus &#8211; ungeliebte FDP? Am 27. September 2009 haben immerhin 6.313.023 Bundesb&#252;rger der FDP ihre entscheidende zweite Stimme bei der Wahl zum Deutschen Bundestag gegeben. Das entsprach 14,6 Prozent der Wahlberechtigten. Umgekehrt hei&#223;t das allerdings auch, dass &#252;ber 85 Prozent der Deutschen sich nicht f&#252;r den [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/189-vorgaenge/publikation/die-fdp-zwischen-neo-und-ordoliberalismus/">Die FDP zwischen Neo- und Ordoliberalismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: vorg&auml;nge Nr. 189, Heft 1/2010, S. 78-85</p>
<p>&#8222;Ungeliebter&#8220; Liberalismus &#8211; ungeliebte FDP? Am 27. September 2009 haben immerhin 6.313.023 Bundesb&uuml;rger der FDP ihre entscheidende zweite Stimme bei der Wahl zum Deutschen Bundestag gegeben. Das entsprach 14,6 Prozent der Wahlberechtigten. Umgekehrt hei&szlig;t das allerdings auch, dass &uuml;ber 85 Prozent der Deutschen sich nicht f&uuml;r den Liberalismus entschieden haben, so wie ihn die FDP vertritt. Und bei der Sonntagsfrage errechnete &#8222;Forsa&#8220; am 17. Februar 2010 nur noch 7 Prozent f&uuml;r die FDP. Dann ging es wieder bergauf.</p>
<h2 class="auto-created">Die FDP wieder in der Regierung </h2>
<p>Was war geschehen? CDU, FDP und CSU hatten 2009 eine Koalition im Bund unter der F&uuml;hrung der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel gebildet. Die FDP war nach 11 Jahren wieder Regierungspartei, und ihr Vorsitzender Guido Westerwelle wurde Vizekanzler und Au&szlig;enminister. In dieser Funktion trotzte er der Union ab, dass Erika Steinbach, Pr&auml;sidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV) und Mitglied des CDU-Bundesvorstandes, nicht in die Stiftung &#8222;Flucht, Vertreibung, Vers&ouml;hnung&#8220; berufen wurde, so wie die polnische Politik es verlangt hatte. Die Unions-Anh&auml;nger unter den FDP-W&auml;hlern von 2009 waren davon wenig begeistert.</p>
<p>Dann kam das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010 sollten keine Steuersenkungen verwirklicht werden, obwohl es die FDP im Bundestagswahlkampf versprochen hatte. Die Union z&ouml;gerte, und offenbar wollte die FDP ihr &#8222;Liberales Sparbuch&#8220; noch einmal durchsehen, bevor sie den eigentlich notwendigen Schritt vor den Steuersenkungen tun w&uuml;rde. Aber eine hom&ouml;opathische Dosis sollte doch schon einmal ausgeteilt werden: So kam es gleich zu Anfang der neuen Regierungszeit zu Steuererleichterungen f&uuml;r die deutsche Hotellerie. Auch die CSU hatte daran Gefallen. Doch die Hotelpreise sanken nicht. Obendrein geriet das Timing au&szlig;er Kontrolle. Es wurde bekannt, dass der 79-j&auml;hrige August Baron von Finck seit Oktober 2008 &uuml;ber eine D&uuml;sseldorfer Firma 1,1 Millionen Euro an die FDP &uuml;berwiesen hatte. Finck ist unter anderem im Hotelgewerbe aktiv. Der Flop wurde bei der FDP festgemacht.</p>
<p>Die &#8222;Partei des organisierten Liberalismus&#8220; wollte jetzt Gas geben mit ihren &#8222;Reformen&#8220;. Doch da hatte schon Andreas Pinkwart, FDP-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen, zusammen mit seinem Ministerpr&auml;sidenten J&uuml;rgen R&uuml;ttgers von der CDU vorgeschlagen, das Wachstumsbeschleunigungsgesetz wieder zu kassieren, obwohl ihm beide im Bundesrat gerade noch zugestimmt hatten. Die FDP folgte Pinkwart nicht, hatte aber einen S&uuml;ndenbock f&uuml;r den Fall, dass die Wahl in &#8222;NRW&#8220; schief ging.</p>
<p>Die FDP-Minister in der neuen Bundesregierung machten allesamt einen schlechten Einruck. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die einstige &#8222;Lauschangriff-Heldin&#8220;, wirkte blass und nicht pr&auml;sent; Rainer Br&uuml;derle hatte pers&ouml;nlich peinliche Auftritte in der &Ouml;ffentlichkeit; Dirk Niebel wurde intern als &#8222;Versorgungsfall&#8220; gehandelt, und Philipp R&ouml;sler k&uuml;ndigte gleich zu Anfang seiner Amtst&auml;tigkeit seinen Abgang f&uuml;r den Fall an, dass er im Gesundheitsbereich die &#8222;Kopfpauschale&#8220; nicht durchsetzen w&uuml;rde, was ihm der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer versprach.</p>
<p>Was mit &#8222;Gas geben&#8220; gemeint war, verdeutlichte der Parteivorsitzende Guido Westerwelle, nachdem das Bundesverfassungsgericht entschieden hatte, dass vor allem die Kinderbetr&auml;ge bei &#8222;Hartz-IV&#8220; anders als bislang berechnet werden sollten. Westerwelle nahm die Entscheidung zum Anlass, um von &#8222;geistigem Sozialismus&#8220; und von &#8222;sp&auml;tr&ouml;mischer Dekadenz&#8220; zu sprechen. Arbeit m&uuml;sse sich lohnen und mehr einbringen als ein Leben von Sozialtransfers, und die Arbeitenden d&uuml;rften nicht die &#8222;Deppen&#8220; der Nation sein. Es war nicht der Inhalt, &uuml;ber den sich die &Ouml;ffentlichkeit anschlie&szlig;end aufregte, sondern der Ton, in dem der neue Au&szlig;enminister sich &auml;u&szlig;erte. So kann man seine Anh&auml;ngerschar verunsichern.</p>
<h2 class="auto-created">Die Quellen des freide&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;schen Libera&shy;lismus</h2>
<p>Dabei bewegt sich alles, was die FDP 2009 und 2010 tat, im Rahmen dessen, was man &#8222;Liberalismus&#8220; nennt.</p>
<p>Auf der einen Seite steht Friedrich A. Hayek Pate. Sein Hauptwerk ist &#8222;Der Weg zur Knechtschaft&#8220;.[1] Hayek h&auml;lt den Sozialismus f&uuml;r den Totengr&auml;ber der Freiheit. Mit der Erstauflage seines Buches 1944 wollte er belegen, dass es sich beim Nationalsozialismus &#8222;um eine Fortentwicklung des Sozialismus handelte&#8220;[2]. Und eine Neuherausgabe seines Werkes rechtfertigte er 1971 damit, dass die Jugend jener Zeit &#8222;glaubt wieder der Freiheit zu dienen, indem sie eine Wirtschaftsordnung bef&uuml;rwortet, die tats&auml;chlich die Freiheit des Einzelnen auf das engste beschr&auml;nken w&uuml;rde&#8220;.[3] Hayek beschwor die goldene Zeit des Liberalismus im 19. Jahrhundert und sagte, die Enkelgeneration des 20. Jahrhunderts habe es nicht geschafft, daran ankn&uuml;pfend &#8222;eine Welt freier Menschen&#8220; zu schaffen. Aber es m&uuml;sse ein neuer Anlauf genommen werden: &#8222;Der leitende Grundsatz, dass eine Politik der Freiheit f&uuml;r den Einzelmenschen die einzige echte Politik des Fortschritts ist, bleibt heute so wahr, wie er es im 19. Jahrhundert gewesen ist.&#8220;[4] Freiheit jedoch lasse sich nur erreichen, wenn der Staat aufs Umverteilen verzichte, denn er sei nicht in der Lage, irgendeine &#8222;Gerechtigkeit&#8220; herzustellen.</p>
<p>Eine &auml;hnliche Denkweise wie bei Hayek l&auml;sst sich bei Milton Friedman feststellen. Friedman war Berater f&uuml;hrender Politiker in der ganzen Welt. Er war herausragender Repr&auml;sentant der &#8222;Chicagoer Schule des Monetarismus&#8220;. Die Lehre des Monetarismus lehnt antizyklische staatliche Konjunkturpolitik ab und setzt auf die Selbstheilungskraft der Wirtschaft. Entscheidend sei, dass die Zentralbanken die Geldmenge dem realen Sozialprodukt anpassten. So sei ein kontinuierlicher Wirtschaftsprozess gew&auml;hrleistet. Politische Parolen wie die vom &#8222;schlanken Staat&#8220; gehen auf den Monetarismus zur&uuml;ck. In seinem Hauptwerk, &#8222;Kapitalismus und Freiheit&#8220; geht Friedman auf die Ungleichheit in industrialisierten L&auml;ndern ein, deren Ausdruck die &#8222;Armut&#8220; sei: &#8222;Das au&szlig;ergew&ouml;hnliche wirtschaftliche Wachstum in den westlichen L&auml;ndern w&auml;hrend der letzten zweihundert Jahre und die weite Steigerung der Vorz&uuml;ge des freien Wettbewerbs f&uuml;hrten zu einer erheblichen Verringerung der Armut im absoluten Sinn in den kapitalistischen L&auml;ndern des Westens. Armut ist jedoch zum Teil ein relativer Begriff, und selbst in diesen L&auml;ndern leben offensichtlich viele Menschen unter Bedingungen, die der Rest der Bev&ouml;lkerung als Armut bezeichnet. Eine Abhilfe, und in vielerlei Hinsicht die w&uuml;nschenswerteste, liegt in privater Wohlt&auml;tigkeit.&#8220;[5] Staatliche Sozialsysteme w&uuml;rden zu einer Verringerung privaten Engagements und zu einem Gef&uuml;hl der Ungerechtigkeit f&uuml;hren, wenn sich nicht jeder gleichm&auml;&szlig;ig am Transfer beteilige. Dies jedoch sei in der Praxis kaum zu erreichen.</p>
<p>Andererseits hat der Ordoliberalismus ebenfalls die FDP beeinflusst. Als Ordoliberalismus wird haupts&auml;chlich der deutsche Neoliberalismus bezeichnet, wie er sich in Reaktion zum Nationalsozialismus entwickelt hatte. Sein Hauptvertreter war Walter Eucken.[6] Bei der nationalsozialistischen Wirtschaftsadministration fand er wenig Anklang &#8211; umso mehr in der Bundesrepublik, besonders bewirkt durch Ludwig Erhard. Das Konzept beinhaltete: Schutz der individuellen Freiheitssph&auml;re und vollst&auml;ndige Konkurrenz wurden als Wettbewerbsleitbild gesehen mit einer klar definierten Stellung des Staates. Die staatliche Wirtschaftspolitik habe die Aufgabe, einen allgemeinen Wettbewerb bei vollst&auml;ndiger Konkurrenz zu schaffen. Der vollst&auml;ndige Wettbewerb erfordere atomistische Marktstruktur, Marktransparenz und -information. Es d&uuml;rfe keine Marktzugangsbeschr&auml;nkungen geben. Der Markt w&uuml;rde nur bei vollst&auml;ndiger Konkurrenz funktionieren. Die staatliche Wirtschaftspolitik sei &#8222;Ordnungspolitik&#8220; und m&uuml;sse unter anderem f&uuml;r die Garantie des Privateigentums, eine Offenhaltung der M&auml;rkte, Preisniveaustabilit&auml;t, Vermeidung von &ouml;konomischen Machtkonzentrationen (Kartellrecht) und Vertragsfreiheit sorgen. Dies w&uuml;rde erreicht durch eine &#8222;Prozesspolitik&#8220;, die aktive Monopole und Oligopole verhindere, eine progressive Einkommenssteuer durchsetze, eine &#8222;richtige&#8220; Wirtschaftsrechnung mit externen Effekten wie den Umweltkosten aufstelle und staatlicherseits bei anormalem Angebotsverhalten (z. B. Mindestlohn) interveniere.[7]</p>
<p>Auch Wilhelm R&ouml;pke geh&ouml;rte zu den liberalen Theoretikern. Er sah den Staat in sozialer Verantwortung. Eine sp&auml;te Ver&ouml;ffentlichung gibt seine Position schon im Titel wieder: &#8222;Marktwirtschaft ist nicht genug&#8220;.[8] Zwar war R&ouml;pke ein Marktwirtschaftler, betonte aber zugleich deren soziale Verantwortung. F&uuml;r R&ouml;pke galt: &#8222;Das Wirtschaftsleben spielt sich nicht in einem moralischen Vakuum ab. Es ist vielmehr dauernd in Gefahr, die ethische Mittellage zu verlieren, wenn es nicht von starken moralischen St&uuml;tzen getragen wird, die vorhanden sein und fortgesetzt gesichert sein m&uuml;ssen. Andernfalls muss schlie&szlig;lich ein System freier Wirtschaft und mit ihm die freie Staats- und Gesellschaftsordnung zusammenbrechen.&#8220;[9] Es sei Aufgabe der Politik, auch in der Marktwirtschaft die Schwachen zu sch&uuml;tzen. F&uuml;r sein Konzept verwendete R&ouml;pke den Begriff &#8222;Dritter Weg&#8220;.</p>
<h2 class="auto-created">Die FDP und der Sozialstaat</h2>
<p>Guido Westerwelle und die gegenw&auml;rtige FDP halten es eher mit dem Liberalismus Hayeks und Friedmans. Der Ordoliberalismus stieg in den f&uuml;nfziger Jahren &#8211; auch mithilfe der anfangs z&ouml;gerlichen FDP &#8211; zur Staatsr&auml;son der Bundesrepublik Deutschland auf. Die soziale Sicherheit wurde zur Kehrseite des Wirtschaftswunders. Besonders die Union und die SPD r&uuml;ttelten nicht an diesem Konzept. Das ging bis zur Jahrtausendwende. Die hinzu gekommenen Parteien Gr&uuml;ne und PDS stellten das nicht infrage, obwohl im neuen Jahrhundert die Finanzierbarkeit des Sozialstaates an ihre Grenzen geriet. Die CDU unter Angela Merkel stellte daraufhin ihren Wahlkampf 2005 ganz liberal auf eine marktwirtschaftliche Linie ein. Sie warb f&uuml;r K&uuml;rzungen im Sozialsystem und k&uuml;ndigte &#8222;Heulen und Z&auml;hneklappern&#8220; an. Damit h&auml;tte die Union beinahe die Wahlen verloren. Seitdem ist sie zum alten ordoliberalen Konzept zur&uuml;ckgekehrt. Und die SPD b&uuml;&szlig;te 2005 die Kanzlerschaft ein, weil sie mit den &#8222;Hartz-Gesetzen&#8220; eine Wendung gegen den Ordoliberalismus vollzogen hatte. Seitdem ist diese Partei innerlich zerrissen und befindet sich bei der Gunst von Mitgliedern und W&auml;hlern im Sturzflug. Sie will diesen Trend stoppen, und daf&uuml;r muss sie zum Grundkonsensus zur&uuml;ckkehren.</p>
<p>Hier erkannte die FDP 2009 ihre Marktl&uuml;cke. Im Wahlkampf pr&auml;sentierte sie sich als Anw&auml;ltin der &#8222;Mitte&#8220;, versprach &#8222;mehr Netto vom Brutto&#8220; und betonte, dass &#8222;Leistung sich wieder lohnen&#8220; m&uuml;sse. Den durch die Wirtschaftskrise 2008 ff. verunsicherten W&auml;hlern versprach sie Steuersenkungen. Dabei hatte sie es leicht, sich von der gro&szlig;en Koalition abzusetzen, denn diese lie&szlig; sich als Verursacher keynesianischer Rettungspakete und b&uuml;rokratischer &#8222;Monster&#8220; wie dem Gesundheitsfonds hinstellen. Die Kanzlerin wurde beschrieben als Prinzessin des Liberalismus, die von sozialistischen Sozialdemokraten und ihren heimlichen Verb&uuml;ndeten bei der Linkspartei zu einem Ausbau des Sozialstaates gezwungen wurde. Angela Merkel spielte mit, indem sie die FDP als ihren k&uuml;nftigen Wunschpartner bezeichnete.</p>
<p>Viele Anh&auml;nger der Union, denen ihre Partei mittlerweile zu &#8222;sozialdemokratisch&#8220; geworden war, folgten dieser FDP. Andere waren verunsichert durch die teuren Konjunkturprogramme und sorgten sich, dass diese am Ende von ihnen als Steuerzahler zu begleichen w&auml;ren. Sie retteten sich in die Arme derer, die Steuerleichterungen versprachen, wohl in der Hoffnung, dass mit denen wenigstens keine Steuererh&ouml;hungen beschlossen w&uuml;rden. Wieder andere, wie Hoteliers, &Auml;rzte und Apotheker erwarteten Wahlgeschenke von der FDP.</p>
<p>So speiste sich der Strom der 14,6 Prozent aus verschiedenen Quellen. Die FDP hatte das beste Bundestagswahlergebnis ihrer Geschichte erzielt. Nie wieder wollte sie noch einmal Juniorpartner der Union sein wie unter Helmut Kohl. Denn die FDP hatte gewonnen, die Union aber verloren: 33,9 Prozent war nicht gerade ein Traumergebnis f&uuml;r die Partei Konrad Adenauers.</p>
<p>Eigentlich hatte es zuvor so ausgesehen, als w&uuml;rde sich die FDP wandeln. Selbst der Parteivorsitzende zeigte vor&uuml;bergehend so etwas wie Lernwilligkeit: Er wollte keine &#8222;18&#8220; mehr an den Schuhsohlen haben und nicht l&auml;nger Kanzlerkandidat sein. Doch die 14,6 Prozent machen ihn und die anderen FDP-F&uuml;hrer trunken.</p>
<p>Sie verga&szlig;en ihr &#8222;Liberales Sparbuch&#8220;. Sie stellten den solidesten ihrer Finanzpolitiker, Otto Solms, kalt und pr&auml;sentierten daf&uuml;r Rainer Br&uuml;derle, Weingenie&szlig;er aus der Pfalz. Sie polemisierten gegen den Sozialstaat, ohne zu sagen, was sie konkret &auml;ndern wollten. Sie k&uuml;ndigten einen Umbau des Gesundheitssystems an, ohne genaue Details und m&ouml;gliche Verb&uuml;ndete zu nennen.</p>
<p>Dem Publikum dr&auml;ngte sich der Verdacht auf, es ginge weniger um &#8222;Hartz-IV&#8220; S&auml;tze und um Krankenkassen als um eine Weichenstellung im Parteiensystem: Schon war die Rede davon, &#8222;Schwarz-Gelb&#8220; sei eigentlich f&uuml;nf Jahre zu sp&auml;t gekommen. 2010 m&uuml;ssten die Probleme der Gesellschaft eher mit &#8222;schwarz-gr&uuml;nen&#8220; Konzepten gel&ouml;st werden. Das war der Grund, warum der Bundesumweltminister Norbert R&ouml;ttgen von der CDU mit seiner Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber der Atomkraft so viel Aufmerksam erzielt hatte. Wurde hier ein schwarz-gr&uuml;nes Projekt angef&uuml;ttert? Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai 2010 und nach der Bundestagswahl 2009 hatte &#8222;Schwarz-Gelb&#8220; im Bundesrat eine Mehrheit: 37 der insgesamt 69 Stimmen kamen aus L&auml;ndern mit Koalitionen von Union und FDP. Das waren zwei Stimmen mehr als erforderlich. W&uuml;rde aber die schwarz-gelbe Regierung in D&uuml;sseldorf durch eine schwarz-gr&uuml;ne ersetzt und w&uuml;rden dadurch 6 Stimmen &#8222;abwandern&#8220;, k&auml;men die parteipolitischen Verh&auml;ltnisse in Deutschland zum Tanzen. Die FDP k&ouml;nnte ihr Programm nicht mehr durchsetzen, und die Union w&auml;re eindeutig f&uuml;hrende politische Kraft in Deutschland. Die Zukunft l&auml;ge bei den Gr&uuml;nen.</p>
<p>Daher polemisierte der FDP-Vorsitzende im Vorfeld der Wahlen an Rhein und Ruhr gegen den Sozialstaat, daher versprach der Gesundheitsminister eine Reform des unpopul&auml;ren Gesundheitssystems, ohne Ziele und Mittel konkret zu benennen In Nordrhein-Westfalen sollte im Mai 2010 noch einmal eine gro&szlig;e W&auml;hlerschar f&uuml;r die FDP mobilisiert werden &auml;hnlich wie es im September 2009 im Bund geschehen war. Wichtiger als die Bundestags- wurde die Landtagswahl. Ginge letztere f&uuml;r die FDP verloren, w&uuml;rde der Erfolg im September 2009 ein Pyrrhussieg f&uuml;r den Liberalismus bleiben. Kann sich aber die FDP 2010 in D&uuml;sseldorf in der Regierung behaupten, bek&auml;me der Liberalismus noch einmal eine Chance in Deutschland.</p>
<h2 class="auto-created">Das Ende des Wester&shy;wel&shy;le-&shy;Li&shy;be&shy;ra&shy;lismus</h2>
<p>Der &#8222;Westerwelle-Liberalismus&#8220; beruht &#8211; eigentlich unliberal &#8211; auf einem Glauben: Wenn man den Leistungstr&auml;gern viel Freiheit gibt und ihnen m&ouml;glichst viele Steuerlasten nimmt, bringen sie die Wirtschaft in Gang und schaffen Arbeitspl&auml;tze auch f&uuml;r die Leistungsschwachen. Nirgendwo auf der Welt ist bewiesen worden, dass das klappt. Welcher Leistungstr&auml;ger w&uuml;rde Minijobs schaffen, wo es doch Maschinen gibt, die einfache Arbeiten erledigen oder wo man doch auf diese Arbeiten gleich ganz verzichten kann? Es werden keine Schaffner, keine Pf&ouml;rtner, keine W&auml;rter, keine &#8222;Hilfen&#8220; irgendwelcher Art wiederauferstehen, nur weil es den Leistungstr&auml;gern gut geht.</p>
<p>Im Falle eines Bestandes der schwarz-gelben Regierung d&uuml;rfte sich das herausstellen, und damit h&auml;tte sich die ungeliebte Variante des Liberalismus erledigt. Dann k&ouml;nnte an den alten Neoliberalismus, den Ordoliberalismus angekn&uuml;pft werden und man m&uuml;sste &#8211; auch bei der FDP &#8211; wieder Eucken und R&ouml;pke lesen. Es ist schon richtig, dass in einem Sozialstaat Arbeit mehr wert sein muss als Sozialtransfer, dass Unterst&uuml;tzung nicht zu Faulheit animieren darf und dass Hilfe, Hilfe zur Selbsthilfe sein muss. Ebenso richtig ist es, dass der Gesundheitsfonds ein b&uuml;rokratische Monster ist, das beseitigt werden muss. Aber weg davon kommen wird nur, wer zwar die Marktwirtschaft f&uuml;r die Menschen einspannen will, zugleich aber soziale Ma&szlig;st&auml;be zu ihrer Regulierung anerkennt. Die Tarifautonomie ist nicht gottgegeben, also hat der Staat das Recht, Mindestl&ouml;hne zu verordnen. Wer sich in der Marktwirtschaft durchsetzt, tut gut, aber er darf andere damit nicht beschr&auml;nken. Der Staat muss zuviel an privater Macht beschneiden. Das Eigentum ist ein Grundwert des Liberalismus: Es darf jedoch nicht immunisieren. Der Grundsatz &#8222;Eigentum verpflichtet&#8220; muss gelten. Und Bildung f&uuml;r jedermann ist in der Tat die Basis f&uuml;r eine liberale Gesellschaft; Bildung befreit den Staat aber nicht von der Sorge um Arbeitsbeschaffung allenthalben.</p>
<p>Der Liberalismus der FDP, will er nicht ungeliebt bleiben, kann sich nicht um die soziale Verantwortung dr&uuml;cken. Er muss sich abgew&ouml;hnen, den Staat als Zumutung f&uuml;r die B&uuml;rger zu begreifen, und sollte in ihm ein Instrument zur Herstellung von Gerechtigkeit sehen. Bislang will er das Recht f&uuml;r die Starken, begn&uuml;gt sich mit der Zustimmung einer Minderheit der Bev&ouml;lkerung und meint, dem Rest sein Modell aufdr&auml;ngen zu k&ouml;nnen. Das wird aber nicht funktionieren. So wird sich denn herausstellen, dass seine Pr&auml;missen nicht eine Spielart in einem &#8222;liberalen&#8220; Spektrum erzeugen, sondern nur einen Glauben an das Recht des St&auml;rkeren hervor bringen. Glaube hat mit Liberalismus nichts zu tun. Und deswegen ist der gegenw&auml;rtige FDP-Liberalismus ungeliebt, auch wenn er gelegentlich viele W&auml;hlerstimmen hinter sich scharen kann.</p>
<p>Aber der Liberalismus hat noch immer ein Chance: Er muss sich nur darauf besinnen, was liberale Theoretiker nach 1945 gedacht haben, wie man einen erneuten Kulturverfall verhindern kann. Damals nannte man die so entstandene sozial verantwortliche Philosophie &#8222;Neoliberalismus&#8220;. Es wird Zeit, dass diese ihren guten Klang zur&uuml;ck gewinnt. Dann w&uuml;rde der Liberalismus wieder gebraucht werden.</p>
<h2 class="auto-created">F&uuml;r eine Fortent&shy;wick&shy;lung liberaler Theorie </h2>
<p>Mittlerweile hat sich auch die liberale Theorie weiter entwickelt. John Rawls erkannte Prinzipien der Gerechtigkeit. Sein Hauptgedanke war die &#8222;Gerechtigkeit als Fairness, eine Gerechtigkeitstheorie, die die herk&ouml;mmliche Vorstellung vom Gesellschaftsvertrag verallgemeinert und auf eine h&ouml;here Abstraktionsebene hebt.&#8220;[10] Der Begriff der &#8222;Fairness&#8220; ist in der allgemeinen &Ouml;ffentlichkeit, auch in der liberalen und der sozialdemokratischen Parteipolitik, seitdem aufgenommen worden. Hierunter wird ein allgemeines Einverst&auml;ndnis mit den Regeln verstanden, unter denen eine gerechte Ordnung angestrebt wird. Die Hauptwerke von Rawls sind &#8222;Politischer Liberalismus&#8220;[11] und &#8222;Eine Theorie der Gerechtigkeit&#8220;.[12] Eines der Hauptwerke Otfried H&ouml;ffes tr&auml;gt den Titel &#8222;Politische Gerechtigkeit&#8220;.[13] H&ouml;ffe bem&uuml;ht sich um eine Verbindung zwischen modernem Liberalismus und Gerechtigkeit, wobei er konstatiert: &#8222;Gerechtigkeit liegt erst dort vor, wo auch die Regeln (im gro&szlig;en und ganzen) gerecht sind.&#8220;[14] Es k&auml;me auf die Kunst liberaler Politik an, solche allgemein anerkannten Regeln der Gerechtigkeit zu entwickeln und durchzusetzen. Schlie&szlig;lich wies Michael Walzer, der sogar &uuml;ber einen &#8222;gerechten Krieg&#8220;[15] gearbeitet hatte, darauf hin, dass es in modernen Gesellschaften durchgehende Gerechtigkeit gar nicht geben k&ouml;nne.[16] Er trat daher f&uuml;r die Annahme einer &#8222;komplexe(n) Gleichheit&#8220; ein. Diese k&ouml;nne erreicht werden, wenn die Verteilung sich auf &#8222;Sph&auml;ren&#8220; bez&ouml;ge, die voneinander unterschieden seien, so dass es nicht m&ouml;glich sei, dass ein Mensch aufgrund starker Macht in einer Sph&auml;re in einer anderen eine &auml;hnliche Stellung &#8222;erwirbt&#8220;. Der Wert von G&uuml;tern werde von der Gemeinschaft definiert und sei nicht absolut.</p>
<h2 class="auto-created">Perspektive B&uuml;rger&shy;ge&shy;sell&shy;schaft </h2>
<p>So wird vieles darauf ankommen, ob der parteipolitische Liberalismus zu einer relevanten Form finden kann, indem er sich auf Theoretiker wie Rawls, H&ouml;ffe oder Walzer st&uuml;tzt und den aktuellen Liberalismus der FDP &uuml;berwindet. Auf Anerkennung und Relevanz kann der gegenw&auml;rtig weitgehend ungeliebte Liberalismus in Deutschland hoffen, wenn er eine faire Gerechtigkeit anstrebt, die weitreichend legitimiert ist, weil sie diverse und voneinander unabh&auml;ngige Sph&auml;ren der menschlichen Profilierung ber&uuml;cksichtigt. Der Liberalismus wird sich dem fragilen b&uuml;rgerschaftlichen Sektor der Projekte und Initiativen n&auml;hern m&uuml;ssen, wenn er ein modernes &#8222;liberales Milieu&#8220; f&uuml;r sich einnehmen will.[17] Diese Perspektive ist f&uuml;r traditionelle Parteiorganisationen zwar risikoreich, f&uuml;r den Liberalismus und seine Fortentwicklung l&auml;sst sie aber Erfolg und Aktualit&auml;t erwarten.</p>
<p>Es k&ouml;nnte noch spannend werden.</p>
<p>[1 ]Friedrich A, Hayek 2007, Der Weg zur Kechtschaft, M&uuml;nchen.</p>
<p>[2 ]a. a. O., S, 15.</p>
<p>[3] a. a. O., S. 17.</p>
<p>[4] a. a. O., S. 295.</p>
<p>[5] Milton Friedman 2008, Kapitalismus und Freiheit, M&uuml;nchen Z&uuml;rich, S. 227 (englisch: Milton Friedman, Capitalism and Freedom. Chicago and London 2002).</p>
<p>[6] Walter Eucken 1989, Die Grundlagen der National&ouml;konomie, 9. Auflage, Berlin/Heidelberg/New York/London/Paris/Tokyo/Hong Kong.</p>
<p>[7] Ralf Ptak 2004, Vom Ordoliberalismus zur Sozialen Marktwirtschaft. Stationen des Neoliberalismus in Deutschland, Opladen.</p>
<p>[8] Wilhelm R&ouml;pke 2009, Marktwirtschaft ist nicht genug Gesammelte Aufs&auml;tze, Waltrop und Leipzig.</p>
<p>[9] a.a.O., S. 285.</p>
<p>[10] John Rawls 1975, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main, S. 19.</p>
<p>[11] John Rawls 1998, Politischer Liberalismus, Frankfurt am Main (englisch: Political Liberalism, New York 1993).</p>
<p>[12] John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, a. a. O.</p>
<p>(Erscheinen der englischen Originalausgabe A Theory of Justice, Harvard 1971).</p>
<p>[13] Otfried H&ouml;ffe 1987, Politische Gerechtigkeit. Grundlegung einer kritischen Philosophie von Recht und Staat. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a.M.</p>
<p>[14] a.a.O.,S.46.</p>
<p>[15] Michael Walzer 1982, Gibt es einen gerechten Krieg?, Stuttgart.</p>
<p>[16] ders. 2006, Sph&auml;ren der Gerechtigkeit. Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Pluralit&auml;t und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main.</p>
<p>[17] Es existieren auf diesem Gebiet bereits Institutionen wie z.B. das &#8222;Bundesnetzwerk B&uuml;rgerschaftliches Engagement (BBE)&#8220;. &#8222;Das Bundesnetzwerk B&uuml;rgerschaftliches Engagement (BBE) ist ein Zusammenschluss verschiedener Vereine, Verb&auml;nde, Initiativen und Organisationen aus den gesellschaftlichen Sektoren Staat und Kommunen, Wirtschaft und Arbeitsleben und B&uuml;rgergesellschaft. Vertreterinnen und Vertreter dieser drei Sektoren arbeiten in Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen zusammen. Das BBE leistet einen Beitrag zur Debatte um die Neudefinition gesellschaftlicher Verantwortungsrollen der verschiedenen Akteure aus Staat, Wirtschaft und B&uuml;rgergesellschaft und wird durch die Gremien des BBE wie in den Vorjahren fachlich begleitet und betreut.&#8220; S. <a href="http://www.engagement-macht-stark.de/index.php?Itemi&amp;id=14&amp;option=com_content&amp;task=view" target="_blank" rel="noopener">http://www.engagement-macht-stark.de/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=14&amp;Itemi</a> d=119.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/189-vorgaenge/publikation/die-fdp-zwischen-neo-und-ordoliberalismus/">Die FDP zwischen Neo- und Ordoliberalismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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