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	<title>Karin Jurczyk Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Familie &#8211; Verschwinden oder Neustrukturierung des Privaten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2008 21:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: vorg&#228;nge Nr. 183, Heft 3/2008, S. 4-15 Familie galt und gilt als der Inbegriff des Privaten &#8211; als der Ort und die Form pers&#246;nlicher Beziehungen jenseits von Marktlogik, Zweckrationalit&#228;t und &#246;ffentlichen Zw&#228;ngen. Die meisten Menschen verbinden, so schrieben Ilona Ostner und Barbara Pieper bereits 1980, &#8222;das Private, vor allem in der Form der Familie [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/183-vorgaenge/publikation/familie-verschwinden-oder-neustrukturierung-des-privaten/">Familie &#8211; Verschwinden oder Neustrukturierung des Privaten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 183, Heft 3/2008, S. 4-15</p>
<p>Familie galt und gilt als der Inbegriff des Privaten &#8211; als der Ort und die Form pers&ouml;nlicher Beziehungen jenseits von Marktlogik, Zweckrationalit&auml;t und &ouml;ffentlichen Zw&auml;ngen. Die meisten Menschen verbinden, so schrieben Ilona Ostner und Barbara Pieper bereits 1980, &#8222;das Private, vor allem in der Form der Familie [&#8230;] mit der M&ouml;glichkeit pers&ouml;nlicher Freiheit, mit eigenem Leben und Eigenleben, fassbar und sichtbar in den eigenen Kindern, dem eigenen Mann, der eigenen Frau, der eigenen Wohnung, dem eigenen Haus. Familie verhei&szlig;t eine eigene Lebensgestaltung ohne fremde Einmischung von au&szlig;en, verspricht die M&ouml;glichkeit eigener selbstbestimmter, sinnlicher Erfahrung in konkreten T&auml;tigkeiten und zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer Familie so mit pers&ouml;nlicher Freiheit und Selbstbestimmung verbindet, hat auch ein Interesse daran, Familie vor Einmischung von au&szlig;en zu bewahren&#8220; (Ostner/Pieper 1980: 97).</p>
<p>Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung im Privaten[1] findet bis heute ihren Ausdruck in sehr hohen Zustimmungswerten zur vielgestaltigen Lebensform Familie, auch bei jungen Menschen (Gille 2006). Dass diese Freiheit jedoch ambivalent ist, sie f&uuml;r die beteiligten Frauen und M&auml;nner, Kinder und Alte ungleiche Spielr&auml;ume und Restriktionen beinhaltet, darauf verweisen viele Ergebnisse insbesondere der Frauen- und Geschlechterforschung. Der &#8222;Freiraum&#8220; Familie entsteht erst dadurch, dass Familie entbunden ist von der t&auml;glichen Sorge um den Lebensunterhalt. Daraus erwachsen jedoch eine Vielzahl anderer struktureller und pers&ouml;nlicher Abh&auml;ngigkeiten, &ouml;konomische, zeitliche und emotionale Verstrickungen (Ostner/Pieper 1980: 98), die nur schwer aufl&ouml;sbar sind. Familie wird im Kontext hierarchischer Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen oftmals auch zum Ort von Unterdr&uuml;ckung und Gewalt (M&uuml;ller 2008). Und die rechtlichen Regulierungen von Familie bspw. im Rahmen des Ehe- und Familienrechts sowie Ma&szlig;nahmen der Familienpolitik machen deutlich, dass die Freiheit im Privaten einerseits explizit gesch&uuml;tzt, andererseits aber stets auch begrenzt wurde (Berghahn 2008). Die von Staat und Gesellschaft zugemessene Freiheit war kein absoluter Wert, sondern war immer konstituiert durch deren Normen sowie Interessen.</p>
<p>Derzeit befinden sich eben diese Normen- und Interessenkonstellationen in einem massiven Umbruch. Die Entstehung der Privatheit von Familie als gesch&uuml;tztem, ja abgeschottetem Binnenraum war ein Produkt der Neuzeit, das sich im Kontext fortschreitender Industrialisierung ausbildete und als ideologisches Leitbild gesellschaftliche Wertsch&auml;tzung erfuhr. Hiermit verbunden war stets die geschlechtsspezifische Zuteilung von Privatheit und &Ouml;ffentlichkeit: mit der Trennung von Arbeiten und Leben in der Zuspitzung zur sog. Hausfrauenehe wurde der Privatraum Familie Frauen und Kindern zugeordnet, Erwerbsarbeit und &Ouml;ffentlichkeit den M&auml;nnern (Hausen 1978). Entlang dieser grundlegenden bipolaren gesellschaftlichen Arbeitsteilung differenzierten sich vielf&auml;ltige Kontextinstitutionen von Familie aus: waren Erziehung und Betreuung der Kinder feminisiert und familiarisiert, deren Form und Qualit&auml;t Au&szlig;enstehende wenig anzugehen hatte, so wurde Bildung dagegen vor allem als Aufgabe der Schule angesehen und als eigene Sph&auml;re entsprechend reguliert. Der Staat hatte im Binnenraum der Familie lange nichts zu suchen.</p>
<p>Seit einiger Zeit l&auml;sst sich jedoch beobachten, dass Fragen des privaten Lebens zunehmend zu Gegenstand &ouml;ffentlicher Debatten, medialer Inszenierungen und politischer Steuerungsversuche werden. So r&uuml;cken beispielsweise Sendungen wie Super-Nanny und Supermamas Fragen des richtigen Umgangs mit Kindern in den Fokus &ouml;ffentlicher Aufmerksamkeit und machen die Erziehungskompetenz von Eltern zum Gegenstand medialer Aufgeregtheit. Extreme F&auml;lle von Kindesmisshandlung- und vernachl&auml;ssigung werfen die Frage auf, was hinter den geschlossenen T&uuml;ren von Familien geschieht. Die heftigen Debatten um die so genannten V&auml;termonate im Kontext der neuen Regelung der Elternzeit heizen die Kontroverse dar&uuml;ber an, inwieweit durch Familienpolitik Entscheidungen &uuml;ber die innerfamiliale Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gesteuert werden sollte und ob diese Instrumente auch tats&auml;chlich in der Lage sind, solche privaten Entscheidungen zu beeinflussen. Die Bildungspolitik fordert massiv das Mitwirken von Eltern ein. Und nicht zuletzt werden durch die l&auml;ngst im Mainstream angekommene Diskussion &uuml;ber den demografischen Wandel scheinbar private Entscheidungen wie die Geburt eines Kindes als h&ouml;chst voraussetzungsvolle, durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen in hohem Ma&szlig;e regulierte und ebenso gesellschaftlich folgenreiche Entscheidungen sichtbar. Vieles deutet darauf hin, dass der Prozess reflexiver Modernisierung (Beck et al. 1996) auch ein reflexiv Werden dessen beinhaltet, was eine Zeitlang als relativ unhinterfragt &#8222;privat&#8220; gelten konnte. Ist das &#8222;Private&#8220; also doch &#8222;politisch&#8220;, wie es der Slogan der Frauenbewegung bereits in den 1970ger Jahre verhie&szlig;?</p>
<p>Im Folgenden werden einige Hintergr&uuml;nde f&uuml;r die Notwendigkeit, das Private neu zu denken (Jurczyk/Oechsle 2008) umrissen. Der zu Grunde liegende gesellschaftliche Wandel wird als &#8222;Entgrenzung&#8220; der Verh&auml;ltnisse von Privatheit und &Ouml;ffentlichkeit, von Leben und Arbeiten (Gottschall/Vo&szlig; 2003) charakterisiert. Gemeint ist damit, dass Strukturierungen, die sich mit der Moderne in der Phase der Industrialisierung gebildet haben, in der &#8222;zweiten&#8220;, &#8222;sp&auml;ten oder reflexiven&#8220; Moderne wieder erodieren. Weitgehende Einigkeit besteht darin, dass sich Strukturen in ihrer Qualit&auml;t ver&auml;ndern, indem sie weniger permanent, rigide und geschlossen sind. Dabei ist jedoch offen, inwieweit es sich hierbei um die Aufl&ouml;sung von Grenzen, um Grenzverwischungen oder -verfl&uuml;ssigungen handelt und wo sich neue Grenzziehungen bilden. Die zentrale These besagt, dass es nicht um ein Verschwinden, sondern um eine Neustrukturierung des Privaten handelt.</p>
<h2 class="auto-created">Die Entgrenzung von Arbeiten und Leben </h2>
<p>Seit den sp&auml;ten 1960er Jahren ist ein gesellschaftlicher und &ouml;konomischer Wandel &#8211; vor dem Hintergrund der Internationalisierung von G&uuml;ter- und Kapitalm&auml;rkten, dem &Uuml;bergang von der Massen- zur flexiblen Produktion sowie vor allem der Transformation der Industrie- in eine Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft &#8211; zu erkennen, der zu einem Durchl&auml;ssigwerden der Grenzen zwischen Arbeiten und Leben, Arbeitszeit und Freizeit f&uuml;hrt. Dabei ver&auml;ndert sich nicht nur die Erwerbswelt, sondern auch die Familie selber und &#8211; stets verschr&auml;nkt mit beiden Sph&auml;ren &#8211; die Geschlechterverh&auml;ltnisse (Schier et al. 2008).</p>
<h2 class="auto-created">Entgrenzte Erwerbs&shy;a&shy;r&shy;beit </h2>
<p>Das sog. Normalarbeitsverh&auml;ltnis hat in den letzten Jahrzehnten zu Gunsten atypischer Besch&auml;ftigung an Bedeutung verloren, und Erwerbsarbeit ist in den letzten Jahrzehnten zeitlich flexibler und unregelm&auml;&szlig;iger geworden (ebd.). Das gilt f&uuml;r die Arbeitszeit im Tages- und Wochenverlauf wie f&uuml;r die lebenszeitliche Verteilung von Arbeit durch diskontinuierlichere Erwerbsbiographien. Erwerbsarbeit l&ouml;st sich tendenziell auch von der Bindung an bestimmte Orte des Arbeitens. Studien zu Mobilit&auml;t und Familie zeigen die neue Bedeutung von Umzugs- und Pendelmobilit&auml;t (Schneider 2007). Der verst&auml;rkte Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien forciert die Flexibilisierung des Arbeitsortes. R&auml;umliche Entgrenzungen von Arbeit finden vor allem in Formen neuer Teleheimarbeit oder intensivierter Au&szlig;endienstarbeit, z.B. bei Beratert&auml;tigkeiten statt. Konsequenz ist, dass die Erwerbst&auml;tigen die r&auml;umliche und die zeitliche Strukturierung ihrer Arbeit zwischen Betrieb, Zuhause und Unterwegssein selbst&auml;ndiger organisieren m&uuml;ssen und k&ouml;nnen. Die beschriebenen Entwicklungen f&uuml;hren zur Entstehung des neuen Typus des Arbeitskraftunternehmers (Vo&szlig;/Pongratz 1998). Die Tendenz zur Subjektivierung, bei der Betriebe verst&auml;rkt die pers&ouml;nlichen Potenziale der MitarbeiterInnen &uuml;ber die engere Fachqualifikation hinaus als Quelle der wirtschaftlichen Produktivit&auml;t nutzen (Moldaschl/Vo&szlig; 2003), kann jedoch an das vermehrte Interesse vieler Besch&auml;ftigter anschlie&szlig;en, Lebenssinn und Identit&auml;t auch in der Arbeitswelt zu entfalten. Diskutiert wird die Frage, ob es zumindest f&uuml;r bestimmte Berufsgruppen eine zunehmende kulturelle Dominanz der Erwerbsarbeit gegen&uuml;ber dem privaten Lebenszusammenhang gibt (&#8222;in der Arbeit zu Hause sein&#8220;), die sich auch in den Praktiken der Individuen spiegelt (Hochschild 2002).</p>
<h2 class="auto-created">Entgrenzte Familie </h2>
<p>Diesen Entwicklungen entspricht die Tendenz, dass das &#8222;Zuhause zur Arbeit wird&#8220; (ebd.). Die Dominanz und Stabilit&auml;t der sog. Normalfamilie als Ehepaar mit leiblichen Kindern wird abgel&ouml;st durch eine gro&szlig;e <i>Vielfalt und Dynamik </i>der Haushalts- und Familienformen. Von 1996 bis 2007 nahmen die &#8222;alternativen&#8220; Familienformen &#8211; dazu z&auml;hlen Alleinerziehende, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern &#8211; deutlich zu: Nur noch 74 Prozent der Familien in Deutschland waren 2007 Ehepaare mit Kindern, 18 Prozent der Familien waren Alleinerziehende und 8 Prozent nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern (Statistisches Bundesamt 2008: 5ff.). Zudem kommt es nach Trennungen und Scheidungen h&auml;ufig zu neuen Familienkonstellationen, indem durch neue Partnerschaften zu den leiblichen Elternteilen mindestens ein sozialer Elternteil hinzutritt. Im Anschluss an eine Trennung der Eltern spielt sich das Familienleben in unterschiedlicher Intensit&auml;t in verschiedenen Haushalten ab. Immer mehr Erwachsene und Kinder machen im Verlauf ihres Lebens Erfahrungen in verschiedenen Formen familialer Organisation und erleben dabei mehrfach Wechsel zwischen verschiedenen Settings. Je nach familialer Situation sind Familien deshalb mit heterogenen Anforderungen bei der Alltagsgestaltung konfrontiert, die Ver&auml;nderungen f&uuml;hren zu einem erheblichen Organisationsaufwand des familialen Lebens.</p>
<p>Die zunehmende &#8222;Arbeit des Alltags&#8220; (Jurczyk/Rerrich 1993) erw&auml;chst aber zudem aus dem Wandel der Geschlechterverh&auml;ltnisse, bedingt vor allem durch die in Westdeutschland[2] <i>steigende Erwerbsbeteiligung von M&uuml;ttern.</i> 2005 waren 56% der westdeutschen M&uuml;tter erwerbst&auml;tig, allerdings sehr h&auml;ufig in Teilzeitarbeit; auch die Zahl der erwerbst&auml;tigen M&uuml;tter mit kleinen Kindern steigt (Statistisches Bundesamt 2006: 9). Dabei werden Familien immer st&auml;rker zu Orten der Aushandlung von unterschiedlichen Motivlagen und Bed&uuml;rfnissen zwischen den Partnern sowie zwischen Eltern und Kindern. Auf Grund der h&ouml;heren Erwerbsbeteiligung von Frauen und der Orientierung an egalit&auml;reren Geschlechterbildern, die unterst&uuml;tzt werden durch das neue gesellschaftliche Leitbild der &#8222;Zweiverdienerfamilie&#8220; (BMFSFJ 2006), ist die Arbeitsteilung in der Familie nicht mehr einfach eine Privatsache. So setzt bspw. das 2008 neu verabschiedete Unterhaltsrecht gezielt auf die Erwerbst&auml;tigkeit der M&uuml;tter (Peschel-Gutzeit 2008), allerdings ohne die Bedingungen des Arbeitsmarktes sowie die der Kinderbetreuung zeitgleich zu ver&auml;ndern.</p>
<p>Auch das Engagement der V&auml;ter in Familien ist nicht reziprok zur erh&ouml;hten M&uuml;ttererwerbst&auml;tigkeit, trotz einer erh&ouml;hten Motivation, sich intensiver um Kinder zu k&uuml;mmern (Matzner 2004) sowie einer &uuml;berraschend hohen Teilhabe an der neuen Elternzeit, die sich von 3,5 Prozent vor 2007 auf aktuell nahezu 18 Prozent vermehrt hat (Statistisches Bundesamt 2008). Das sich verbreiternde Zweiverdienermodell (&#8222;adult worker model&#8220;) f&uuml;r beide Geschlechter fordert potenziell eine Integration von F&uuml;rsorgearbeit auch in den Lebensverlauf von M&auml;nnern. Zus&auml;tzlich zu diesen auf die Arbeitsteilung bezogenen Verschiebungen von privat und &ouml;ffentlich im Geschlechterverh&auml;ltnis sei hier exemplarisch erw&auml;hnt, dass Vergewaltigung in der Ehe, somit das &#8222;Recht&#8220; des Ehemannes auf die private Verf&uuml;gung &uuml;ber den K&ouml;rper seiner Frau, zum Strafbestand geworden ist (M&uuml;ller 2008).</p>
<p>Mit diesen nur grob skizzierten Entwicklungen geraten tragende S&auml;ulen der gesellschaftlichen Organisation sowie des Verst&auml;ndnisses von Privatheit ins Rutschen; auch die Subsysteme Familie und Erwerb sind weniger klar voneinander abgegrenzt. Dabei ist die gesetzliche Verankerung der V&auml;termonate nur ein besonders spektakul&auml;rer Aspekt der vermeintlich privaten Entscheidung hinsichtlich der innerfamilialen Arbeitsteilung. Meist wird vergessen, dass der so genannte Hausfrauenparagraph, der die Erwerbsarbeit von Frauen von der Erf&uuml;llung ihrer &#8222;eigentlichen&#8220; Pflichten und der Zustimmung des Ehemannes abh&auml;ngig machte, bis in die 1970er Jahre hinein bestand.</p>
<h2 class="auto-created">Verlagerung von F&uuml;rsor&shy;ge&shy;ar&shy;beit? </h2>
<p>Mit der steigenden Erwerbsintegration von Frauen steht nicht nur die Frage auf der Agenda, wer Hausarbeit und F&uuml;rsorgearbeit (Care) innerhalb der Familie &uuml;bernimmt, sondern auch welche marktf&ouml;rmigen, wohlfahrtsstaatlichen und institutionellen Arrangements sich derzeit entwickeln, oder aber denkbar bzw. erforderlich sind. Zum einen zeichnen hier neue Entwicklungen im Bereich personenbezogener und haushaltsnaher Dienstleistungen ab, die aufs engste mit der Herausbildung neuer Muster von Arbeitsteilung zwischen Frauen im globalen Ma&szlig;stab verbunden sind. Die Verlagerung von T&auml;tigkeiten von Haushalt auf den Markt, der Privathaushalt als neuer Arbeitsmarkt f&uuml;r Pflege, Betreuung und Hausarbeit (Gather et al. 2002) &#8211; diese Tendenzen verschieben auch die Koordinaten f&uuml;r das &Ouml;ffentliche und das Private und werfen die Frage nach neuen Modellen f&uuml;r Versorgungs- und Betreuungsarbeit auf. Sie erfordern auch ein Neu-Denken von Familie: welche Leistungen umfasst sie, wie viel Vergesellschaftung &#8222;vertr&auml;gt&#8220; sie, und steht in ihrem Kern vielleicht nur noch die pers&ouml;nliche Beziehung, konzentriert auf Intimit&auml;t, Zuneigung, Sexualit&auml;t? Konkret: welche bislang privat erbrachten Versorgungs- und Betreuungsleistungen k&ouml;nnen wegfallen bzw. ersetzt, erg&auml;nzt oder verlagert werden? Was bedeutet die seit dem 11. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2002) viel beschworene gemeinsame, &ouml;ffentliche und private Verantwortung f&uuml;r die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern?</p>
<h2 class="auto-created">Kinder als &bdquo;Common Good&ldquo; &ndash; Der demogra&shy;fi&shy;sche Wandel als Ausl&ouml;ser </h2>
<p>&#8222;Jedes Kind z&auml;hlt&#8220; &#8211; dieses neue politische Schlagwort ist in sich zwiesp&auml;ltig, macht es doch deutlich, dass, obgleich gut gemeint, Kinder im wahrsten Sinne des Wortes zum knappen Gut geworden sind. Hintergrund hierf&uuml;r ist der drastische demografische Wandel, Deutschland hat derzeit mit 1,3 Kindern eine der niedrigsten Geburtenraten Europas. Gerade die Debatte um den Geburtenr&uuml;ckgang in Deutschland zeigt, wie einerseits die scheinbar privatesten Entscheidungen von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mehr geformt werden als oft bewusst ist und wie andererseits diese privaten Entscheidungen massive gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die m&ouml;glichen Folgen einer dauerhaft niedrigen Geburtenquote werden dramatisch ins &ouml;ffentliche Bewusstsein gerufen: drohender Mangel an qualifizierten Fachkr&auml;ften, mangelnde wirtschaftliche Wettbewerbsf&auml;higkeit, Kollaps der Systeme sozialer Sicherung usw.</p>
<p>Im Zusammenhang mit der Bedeutung von quantitativ gen&uuml;gendem sowie hinreichend &#8222;gutem&#8220; Nachwuchs als Garant f&uuml;r die Zukunft der Gesellschaft, aber nicht alleine durch diese determiniert, zeigt sich derzeit auch auf der soziokulturellen Ebene eine zunehmende Anerkennung des Wertes von Kindern als Wesen mit eigenem Subjektstatus und nicht nur als Noch-Nicht-Erwachsene. Hinweise hierf&uuml;r finden sich auf politischer Ebene in den vielfachen Forderungen nach Kinderrechten, auf wissenschaftlicher Ebene in der neuen Disziplin der Kindheitsforschung. Im Zuge dieser Entwicklungen werden Kinder vom privaten zum &#8222;gemeinsamen Gut&#8220; (common good) von Gesellschaft und Familie. Interessanterweise r&uuml;ckt die Familie hier vor allem aus der Defizitperspektive in den Mittelpunkt: wurde sie lange als der einzige richtige, der &#8222;heile&#8220; Ort f&uuml;r ein gutes Aufwachsen zumindest kleiner Kinder angesehen und verstummt die Debatte um die Sch&auml;dlichkeit m&uuml;tterlicher Erwerbst&auml;tigkeit erst heute, so geraten jetzt ebenso einseitig ihre M&auml;ngel, ihre fehlenden Leistungen in den Blick. Dieser Paradigmenwechsel l&auml;sst sich derzeit an drei Beispielen betrachten.</p>
<h2 class="auto-created">Kinder&shy;schutz &ndash; Schutz vor Eltern? </h2>
<p>Eine besonders emotionalisierte Debatte um Eingriffsm&ouml;glichkeiten oder -notwendigkeiten ins Private ist entbrannt durch die &ouml;ffentliche Skandalisierung von Kindeswohlgef&auml;hrdungen und Kindst&ouml;tungen. Dabei gibt es keine Hinweise darauf, dass die Zahl der Kindst&ouml;tungen steigt, allerdings nehmen Kindeswohlgef&auml;hrdungen und insbesondere Kindesvernachl&auml;ssigungen, soweit hierzu Daten vorliegen, in den vergangenen Jahren vermutlich zu (<a href="http://www.fruehehilfen.de/" target="_blank" rel="noopener">www.fruehehilfen.de</a>). Dabei ist aber zu ber&uuml;cksichtigen, dass wir nur Zahlen &uuml;ber Meldungen beim Jugendamt sowie &uuml;ber Leistungen desselben haben, und deren Erh&ouml;hung kann zumindest auch Ausdruck gestiegener Melde- und Hilfebereitschaft in Folge der erh&ouml;hten gesellschaftlichen Aufmerksamkeit f&uuml;r das Thema Kinderschutz sein und nicht Folge effektiver Steigerungen. Eltern werden dabei jedenfalls h&auml;ufig als diejenigen dargestellt, vor denen man die Kinder sch&uuml;tzen m&uuml;sse, sie werden &ouml;ffentlich &#8222;an den Pranger&#8220; gestellt. Tats&auml;chlich gibt es eine wachsende Zahl von Familien, die in sozialer Benachteiligung und Armut leben, sowie eine quer durch alle Schichten festzustellende erhebliche Verunsicherung von Eltern hinsichtlich des Erziehungsverhaltens (Smolka/Rupp 2007). Die Verkleinerung familialer Netze und damit das Schwinden von Ressourcen f&uuml;r Eltern markieren strukturelle Ver&auml;nderungen, die die Negativseite der Reduktion auf die Kleinfamilie in einem Haushalt darstellen. Sie heben umgekehrt die existenzielle Bedeutung guter sozialer Netze f&uuml;r ein Funktionieren von Familien hervor.</p>
<p>Weder Armut noch Isolation oder fehlende Erziehungskompetenzen sind jedoch hinreichende Pr&auml;diktoren f&uuml;r Kindeswohlgef&auml;hrdungen. An vielen Stellen wird deshalb derzeit versucht, Eltern in Risikolagen sehr fr&uuml;hzeitig Hilfen zukommen zu lassen, ihnen Unterst&uuml;tzung bereits rund um Schwangerschaft und Geburt anzubieten und sie einzubinden in die Systeme der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Gesundheitswesens (Sann/Sch&auml;fer 2008). Die Ambivalenz von Hilfe und Kontrolle, die man auch als &#8222;f&uuml;rsorgliche Belagerung&#8220; interpretieren kann, l&auml;sst sich dabei nicht wirklich aufl&ouml;sen (Schone 2002). Hier prallt das Interesse, Familie vor Einmischung von au&szlig;en zu bewahren, das auch im vorrangigen Elternrecht verankert ist, auf das Gebot des staatlichen W&auml;chteramtes, wie es im Kinder- und Jugendhilferecht SGB VIII festgelegt ist. Derzeit zeigen sich aber ambivalente Tendenzen, diese schwierige Balance in Richtung Kontrolle aufzul&ouml;sen: &auml;rztliche Pflichtuntersuchungen, die &#8222;Inaugenscheinnahme&#8220; des Kindes bei Hausbesuchen durch das Jugendamt sowie Lockerungen des Datenschutzes weisen in eine Richtung, in der das Misstrauen gegen&uuml;ber Eltern zu &uuml;berwiegen scheint. Das Private wird zur Bedrohung, der Staat zur Rettung &#8211; diese simple Formel wird den tats&auml;chlich existierenden Ambivalenzen zwischen Privatheit und &Ouml;ffentlichkeit jedoch nicht gerecht.</p>
<h2 class="auto-created">Betreuung und Bildung f&uuml;r Kinder = De-Fa&shy;mi&shy;li&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung? </h2>
<p>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r die hitzige Debatte um den Ausbau der Kinderbetreuung f&uuml;r Unter-Dreij&auml;hrige, wie er seit 2004 im Tagesbetreuungsausbaugesetz beschlossen ist. Es gibt zwei zentrale Begr&uuml;ndungslinien hierf&uuml;r: einerseits die Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem f&uuml;r M&uuml;tter, andererseits die Notwendigkeit einer F&ouml;rderung der Kinder von &#8222;Anfang an&#8220; (Fthenakis 2003).</p>
<p>Immer deutlicher zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die Potenziale der Kinder schon fr&uuml;h gef&ouml;rdert werden k&ouml;nnen, und immer weniger ist auf Grund ver&auml;nderter Familien- und Erwerbskonstellationen (weniger Kinder, erwerbst&auml;tige M&uuml;tter, gestresste V&auml;ter) selbstverst&auml;ndlich davon auszugehen, dass die t&auml;gliche Umwelt aller Kinder hierf&uuml;r gen&uuml;gend Anregungen bietet. Wenn der Ma&szlig;stab die optimale Entfaltung aller kognitiven und intellektuellen F&auml;higkeiten ist, damit die Bildungsinstitutionen Kindergarten und Schule bereits auf gut vorbereitete Kinder und die Wirtschaft der Zukunft auf hinreichend gut qualifizierte Arbeitskr&auml;fte zugreifen kann, so muss die Betreuung, Bildung und Erziehung in der Familie sich als defizit&auml;r darstellen. Dabei ger&auml;t allerdings aus dem Blick, dass der private Raum der Familie auch die M&ouml;glichkeit individueller, nicht effizienzorientierter Zuwendung im Kontext pers&ouml;nlicher Beziehungen &ouml;ffnet, die f&uuml;r die umfassende soziale und emotionale Entwicklung der Pers&ouml;nlichkeit von gro&szlig;er Bedeutung sind. Kinder sind mehr als Folien f&uuml;r optimale F&ouml;rderung und Bildung, die es im Kontext niedriger Geburtenraten umfassend auszusch&ouml;pfen sind.</p>
<p>Geht es tats&auml;chlich um die Realisierung einer gemeinsamen &ouml;ffentlichen und privaten Verantwortung f&uuml;r Kinder, um &#8222;echte&#8220; Erziehungspartnerschaften, so muss neben den Aspekt der Bildungs&ouml;konomie und Marktlogik der der F&ouml;rderung des Eigensinns des Kindes als Pers&ouml;nlichkeit treten. Die Erosion des Musters der Erziehung im privaten und feminisierten Raum bedeutet f&uuml;r Kinder auch eine Erweiterung von Optionen, die familialen Leistungen f&uuml;r Kinder werden erg&auml;nzt, nicht ersetzt durch &ouml;ffentliche Leistungen. Dass die meisten M&uuml;tter in Westdeutschland Teilzeit arbeiten, verweist darauf, dass wir von einer Defamilialisierung von Erziehung und Betreuung weit entfernt sind.</p>
<p>F&uuml;r gr&ouml;&szlig;ere Kinder setzen sich diese Diskussionen am Beispiel der Ganztagsschule fort. Auch hier geht es um die F&ouml;rderung sowohl von Vereinbarkeit als auch von Bildung und mehr Chancengleichheit. Wachsende gesellschaftliche Anspr&uuml;che an die Eltern, vor allem an die M&uuml;tter, bez&uuml;glich der Bildungsleistungen ihrer Kinder sowie der Koproduktion mit der Schule tragen erh&ouml;hte Anforderungen in die Familien hinein. Die Eltern stehen somit vor einer paradoxen Situation: sie werden einerseits durch neue Betreuungs- und Schulformen entlastet, andererseits erfahren sie einen verst&auml;rkten Druck, f&uuml;r eine &#8222;gute&#8220; Erziehung und Bildung ihrer Kinder zu sorgen. Letzterem nachzukommen, ist insbesondere f&uuml;r ressourcenarme Eltern schwierig.</p>
<h2 class="auto-created">Trans&shy;for&shy;ma&shy;tion des Privaten durch Medien </h2>
<p>Verschiebungen im Verh&auml;ltnis von privat und &ouml;ffentlich ergeben sich schlie&szlig;lich auch durch Entwicklungstendenzen im Bereich der <i>Medien </i>und durch neue <i>Informations- und Kommunikationstechnologien</i>, die quer zu den oben beschriebenen Tendenzen verlaufen und diese z. T. verst&auml;rken. So sind etwa die beschriebenen Entgrenzungsprozesse im Bereich der Erwerbsarbeit nur m&ouml;glich unter Nutzung des Potentials der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie. Diese werfen vor allem Fragen hinsichtlich des Schutzes informationeller Privatheit auf (R&ouml;ssler 2001). Neue Entwicklungen im Medienbereich wie etwa Daily Talkshows oder Reality Soaps und neue Formen der Nutzung des Internets und mobiler Kommunikation durch Handys lassen aber sehr grundlegend die herk&ouml;mmlichen Grenzziehungen zwischen privat und &ouml;ffentlich verschwimmen, die Rede ist hier vom &#8222;medial entbl&ouml;&szlig;ten Ich&#8220; (Wei&szlig; 2008). Sendungen wie Super Nanny weisen darauf hin, dass Aufgaben wie die Erziehung von Kindern, bislang eine Kernaufgabe des familialen Lebens, zumindest in bestimmten, sozial benachteiligten Gruppierungen der Gesellschaft zunehmend zum Gegenstand &ouml;ffentlicher Aufmerksamkeit und Debatten werden (Wahl/Hees 2006). Die hohe Nachfrage nach Beziehungs- und Erziehungsberatung quer durch die sozialen Schichten l&auml;sst jedoch darauf schlie&szlig;en, dass genuine Kernkompetenzen der individuellen und gemeinsamen Lebensf&uuml;hrung, deren Entstehung im Privaten vermutet wurde, nicht mehr vorausgesetzt werden k&ouml;nnen.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit: Wider&shy;spr&uuml;ch&shy;lich&shy;keit und Neustruk&shy;tu&shy;rie&shy;rung des Privaten </h2>
<p>Der Wandel vom fordistischen zum postfordistischen, d.h. vom arbeitsteiligen zum entgrenzten Gesellschaftsmodell erweist sich als hoch widerspr&uuml;chlich. Und er verl&auml;uft keinesfalls in eine Richtung: nicht nur das Private transformiert sich zum &Ouml;ffentlichen, sondern auch &Ouml;ffentliches dringt vermehrt in Privates ein (Kumar/Makarova 2008). Vom Verschwinden des Privaten kann deshalb im Ganzen keine Rede sein, sondern von Verschiebungen und Neustrukturierungen. Diese haben sehr verschiedene Quellen: von der &Ouml;konomisierung &uuml;ber die Demografisierung und Individualisierung bis zur Mediatisierung der Gesellschaft. Und sie haben in den Bereichen Familie, Erwerbsarbeit, Kinderschutz, Bildung und Medien h&ouml;chst unterschiedliche Auspr&auml;gungen.</p>
<p>Die hinter diesen Wandlungsprozessen stehenden Interessenlagen sind entsprechend inhomogen, teilweise gehen sie in Richtung des Habermas&#8217;schen Theorems der &#8222;Kolonisierung der Lebenswelt&#8220;. Dies trifft insbesondere dort zu, wo wir den euphemistischen Begriff der Work-Life-Balance in Richtung &#8222;Verarbeitlichung des Alltags&#8220; pr&auml;zisieren m&uuml;ssen (Jurczyk 2005). Teilweise finden wir aber auch Modernisierungsgewinne neuer Art, insbesondere dort, wo Frauen und Kinder sich aus den Fesseln einer einengenden Privatheit und Zwangsfokussierung auf die Familie l&ouml;sen k&ouml;nnen. Der Zugewinn an Freiheit und Autonomie geschieht hier gerade durch die neu er&ouml;ffneten M&ouml;glichkeiten der Teilhabe an Gesellschaft, Markt und &Ouml;ffentlichkeit, und nicht durch die Besonderung in einen abgeschirmten Privatraum. Dass die Anerkennung des Subjektstatus von Kindern dabei zu neuen Normierungen in Richtung einer Einschr&auml;nkung des bislang weit reichenden Elternrechts f&uuml;hren kann, ist eine der m&ouml;glichen Folgen der Neukonstitution im Verh&auml;ltnis von Staat, Eltern und Kindern.</p>
<p>Auf der Ebene des Alltagslebens von Familien lassen sich folgende Schlussfolgerung ziehen: <i>Zum Ersten </i>wird das, was privat und was &ouml;ffentlich ist, zunehmend zur Verhandlungssache. Themen wie bspw. Gewalt in der Ehe oder Zwangsbeschneidung, die sich auf der Ebene vom &ouml;ffentlichen Blick abgeschotteter intimer Beziehungen bewegen, werden mit Erfolg auf die politische Agenda gesetzt. Umgekehrt werden durch die Entgrenzung von Erwerbsarbeit bislang von Arbeitgebern starr vorgegebene Arbeitszeitregelungen teilweise am K&uuml;chentisch zwischen den Partnern ausgehandelt, damit diese ein f&uuml;r ihre konkrete Familiensituation m&ouml;glichst stimmiges Erwerbsmuster konstruieren k&ouml;nnen. Wo Grenzen nicht mehr klar vorgegeben sind &#8211; und zwar unabh&auml;ngig davon, ob dies gew&uuml;nscht oder aufgezwungen ist &#8211; m&uuml;ssen sie in Eigenleistung neu gezogen werden. Wann und wie sie zum &ouml;ffentlichen Thema werden, h&auml;ngt von der Verallgemeinerbarkeit von Einzelinteressen und der Artikulationsf&auml;higkeit von gesellschaftlichen Teilgruppen ab, die wiederum begrenzt sind von Strukturen sozialer Ungleichheit. Wird Familie unter postfordistischen Bedingungen aber prinzipiell zur &#8222;Herstellungsleistung&#8220; (Schier/Jurczyk 2007), so ist das Jonglieren zwischen Privatheit und &Ouml;ffentlichkeit von der Frage nach Eheschlie&szlig;ung Ja oder Nein bis hin zur Frage der Wohnform und der familial je unterschiedlichen Verbindung von Arbeit und Leben eines ihrer konstitutiven Elemente.</p>
<p>Dabei ist jedoch <i>zum Zweiten </i>zu beachten, dass es zwar eine Tendenz zur Ver&ouml;ffentlichung des Privaten sowie eine Lust an der Vermischung beider Bereiche gibt, gleichzeitig aber der &#8222;Wert des Privaten&#8220; (R&ouml;ssler 2001) dadurch keinesfalls aufgehoben wird. Die Existenz einer Privatsph&auml;re er&ouml;ffnet &#8211; in Verbindung mit der Garantie von Individualrechten f&uuml;r Frauen und Kinder &#8211; nach wie vor die M&ouml;glichkeit, dass sich Individuen in ihrer Autonomie und ihrem Eigensinn entfalten k&ouml;nnen. Staatliche Eingriffe sind nach wie vor legitimationsbed&uuml;rftig, und die zweckrationale Marktlogik kann hier gegen&uuml;ber einer Sensibilit&auml;t f&uuml;r menschliche Bed&uuml;rfnisse und Beziehungen zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden. Eine der zentralen Leistungen des Privaten liegt darin, Ort der Subjektbildung zu sein (ebd.).</p>
<p>Selbst wenn die neuerliche <i>Bedeutungsaufladungen </i>von Privatheit als gesellschaftlicher Ressource und als individueller R&uuml;ckzugsm&ouml;glichkeit so interpretiert werden k&ouml;nnen, dass die fortschreitende Moderne Leerstellen hinterl&auml;sst, die diffuse Sehns&uuml;chte erzeugen, mindert das nicht den Wert des Privaten als Optionsraum. Normative Begr&uuml;ndungen des Privaten k&ouml;nnen jedoch nicht allein in liberalen Freiheitsrechten liegen, sondern sie bed&uuml;rfen auch des R&uuml;ckgriffs auf Vorstellungen eines guten Lebens (ebd.), die f&uuml;r unterschiedliche soziale Gruppen neu ausbuchstabiert werden m&uuml;ssen. Die Frage von F&uuml;rsorgebeziehungen als konstitutivem Element von Familie muss hierbei zentral bleiben. Klar scheint lediglich, dass ein solcher, neu bestimmter normativer Begriff von Privatheit sich von seiner engen Konnotation an Institutionen wie Ehe, Normalfamilie und Geschlechterhierarchien l&ouml;sen muss.</p>
<p><i>Zum Dritten </i>ist festzuhalten, dass die Wandlungsprozesse von Familie selber dazu f&uuml;hren, dass ihr Verh&auml;ltnis zur &Ouml;ffentlichkeit neu ausgelotet werden muss. Das Schrumpfen von Familie auf kleine Vater-Mutter-Kind-Konstellationen macht neue Formen der sozialen Einbettung von Familie in soziale Netze notwendig und f&uuml;hrt zu einem ver&auml;nderten Hilfebedarf &ouml;ffentlicher Institutionen. Die Qualit&auml;t der Zukunft von Familie wird stark davon abh&auml;ngen, inwieweit und wie gut es gelingt, Familien durch gesellschaftliche Unterst&uuml;tzungen soweit zu &#8222;de-familialisieren&#8220;, dass sie in ihren Kernkompetenzen der Subjektbildung, pers&ouml;nlicher F&uuml;rsorgeleistungen und empathischer Beziehungen gest&auml;rkt und nicht geschw&auml;cht wird. Insofern hat die gesellschaftspolitische Debatte &uuml;ber Familie gerade erst begonnen. Denn auch eine postfordistische Gesellschaft ist auf anspruchsvolle und verl&auml;sslich erbrachte familiale Leistungen in allen biographischen Phasen der individuellen Entwicklung weiter angewiesen.</p>
<p>[1] Dabei ist das &#8222;Private&#8220; nicht nur als Ort zu verstehen, wird aber im Hinblick auf Familie besonders mit den &#8222;eigenen vier W&auml;nden&#8220; assoziiert. Beate R&ouml;ssler unterscheidet drei Formen der Privatheit: die informationelle, dezisionale und lokale Privatheit (R&ouml;ssler 2008: 238).</p>
<p>[2] Auf die gravierenden Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, von einer Entgrenzung kann hier nur f&uuml;r Westdeutschland geredet werden (Schier et al. 2008).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Beck, Ulrich et al. </i>1996: Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Berghahn, Sabine </i>2008: Die neue Un&uuml;bersichtlichkeit der Grenz&uuml;berschreitungen. Aktuelle Entwicklungen in der rechtlichen Regulierung des Privaten; in: Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechthild (Hg.): Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen, M&uuml;nster, S. 192-223.</p>
<p><i>Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)</i> (Hg.) 2002: Elfter Kinder- und Jugendbericht, Berlin.</p>
<p><i>Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) </i>(Hg.) 2006: Siebter Familienbericht. Familie zwischen Flexibilit&auml;t und Verl&auml;sslichkeit, Berlin.</p>
<p><i>Fthenakis, Wassilios E. </i>2003: Die Forderung nach Bildungsqualit&auml;t, in: Bundesministerium f&uuml;r Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Auf den Anfang kommt es an! Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen f&uuml;r Kinder in Deutschland, Weinheim, S. 83-100.</p>
<p><i>Gather, Claudia et al.</i> (Hg.) 2002: Weltmarkt Privathaushalt. Bezahlte Hausarbeit im globalen Wandel. M&uuml;nster.</p>
<p><i>Gille, Martina</i> 2006: Werte, Geschlechtsrollenorientierung und Lebensentw&uuml;rfe; in: Gille, Martina et al. (Hg.): Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland. DJI-Jugendsurvey 3, Wiesbaden, S. 131-211.</p>
<p><i>Gottschall, Karin/Vo&szlig;, G&uuml;nter G.</i> (Hg.) 2003: Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbst&auml;tigkeit und Privatsph&auml;re im Alltag, M&uuml;nchen, Mering.</p>
<p><i>Hausen, Karin</i> 1978: Die Polarisierung der &acute;Geschlechtscharaktere`. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben; in: Conze, Werner (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas: Neue Forschungen, Stuttgart, S. 363-393.</p>
<p><i>Hochschild, Arlie R. </i>2002: Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet, Opladen.</p>
<p><i>Jurczyk, Karin </i>2005: Work-Life-Balance und geschlechtergerechte Arbeitsteilung. Alte Fragen neu gestellt; in: Seifert, Hartmut (Hg.): Flexible Arbeitszeiten in der Arbeitswelt, Frankfurt am Main, S. 102-123.</p>
<p><i>Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechthild </i>(Hg.) 2008: Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen, M&uuml;nster.</p>
<p><i>Jurczyk, Karin/Rerrich, Maria S. </i>1993: Einf&uuml;hrung: Allt&auml;gliche Lebensf&uuml;hrung: der Ort, wo &#8222;alles zusammenkommt&#8220;; in: Jurczyk, Karin/Rerrich, Maria S. (Hg.): Die Arbeit des Alltags. Beitr&auml;ge zu einer Soziologie der allt&auml;glichen Lebensf&uuml;hrung, Freiburg, S. 11-45.</p>
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<p><i>Matzner, Michael </i>2004: Vaterschaft aus der Sicht von V&auml;tern, Wiesbaden.</p>
<p><i>Moldaschl, Manfred/Vo&szlig;, G. G&uuml;nter </i>(Hg.) 2003:Subjektivierung von Arbeit. M&uuml;nchen, Mering.</p>
<p><i>M&uuml;ller, Ursula </i>2008: Privatheit als Ort geschlechterbezogener Gewalt; in: Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechthild (Hg.): Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen, M&uuml;nster, S. 224-245.</p>
<p><i>Ostner, Ilona/Pieper, Barbara</i> (Hg.) 1980: Arbeitsbereich Familie. Umrisse einer Theorie der Privatheit, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>Peschel-Gutzeit, Lore Maria</i> 2008: Auslaufmodell Hausfrau; in: <i>Emma</i>, September/Oktober, S. 32-34</p>
<p><i>R&ouml;ssler, Beate</i> 2001: Der Wert des Privaten, Frankfurt am Main.</p>
<p><i>R&ouml;ssler, Beate 2008</i>: Der Wert des Privaten: Liberale Theorie und Gesellschaftskritik; in: Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechthild (Hg.): Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen, M&uuml;nster, S. 282-300.</p>
<p><i>Sann, Alexandra/Sch&auml;fer, Reinhild </i>2008: Das Nationale Zentrum Fr&uuml;he Hilfen &#8211; eine Plattform zur Unterst&uuml;tzung der Praxis; in: Bastian, Pascal et al. (Hg.): Fr&uuml;he Hilfen f&uuml;r Familien und soziale Fr&uuml;hwarnsysteme, M&uuml;nster, S. 103-121.</p>
<p><i>Schier, Michaela/Jurczyk, Karin</i> 2007: &#8222;Familie als Hestellungsleitung&#8220; in Zeiten der Entgrenzung; in:<i> Aus Politik und Zeitgeschichte</i>, Nr. 34, S. 10-16.</p>
<p><i>Schier, Michaela et al.</i> 2008: Entgrenzte Arbeit &#8211; entgrenzte Familie. Neue Formen der praktischen Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld Arbeit und Familie. Endbericht, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Schneider, Norbert</i> 2007: Berufliche Mobilit&auml;t, Familie und Wohlbefinden; in: <i>Arbeit! &#8211; Newsletter Deutscher Studienpreis</i>, Nr. 42, S. 1-6.</p>
<p><i>Schone, Reinhold</i> 2002: Hilfe und Kontrolle; in: Sch&ouml;er, Wolfgang et al. (Hg.): Handbuch Kinder- und Jugendhilfe, Weinheim, S. 945-958.</p>
<p><i>Smolka, Adelheid/Rupp, Marina </i>2007: Die Familie als Ort der Vermittlung von Alltags- und Daseinskompetenzen; in: Harring, Marius et al.</p>
<p>(Hg.): Perspektiven der Bildung. Kinder und Jugendliche in formellen, nicht-formellen und informellen Bildungsprozessen, Wiesbaden, S. 219-236.</p>
<p><i>Statistisches Bundesamt </i>(Hg.) 2006: Leben und Arbeiten in Deutschland. Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ergebnisse des Mikrozensus 2005, Wiesbaden.</p>
<p><i>Statistisches Bundesamt </i>(Hg.) 2008: Familienland Deutschland. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 22. Juli 2008 in Berlin, Wiesbaden.</p>
<p><i>Vo&szlig;, G&uuml;nter G./Pongratz, Hans J.</i> 1998: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der &#8218;Ware Arbeitskraft&#8216;?; in: <i>K&ouml;lner Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie, </i>Jg. 50, H. 1, S. 131-159.</p>
<p><i>Wahl, Klaus/Hees, Katja </i>(Hg.) 2006: Helfen &#8222;Super Nanny&#8220; and Co.? Ratlose Eltern &#8211; Herausforderung f&uuml;r die Elternbildung, Weinheim.</p>
<p><i>Wei&szlig;, Ralph</i> 2008: Das medial entbl&ouml;&szlig;te Ich &#8211; verlorene Privatheit?; in: Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechthild (Hg.): Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen, M&uuml;nster, S. 174-191.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/183-vorgaenge/publikation/familie-verschwinden-oder-neustrukturierung-des-privaten/">Familie &#8211; Verschwinden oder Neustrukturierung des Privaten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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