<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Klaus Schlichte Archive - Humanistische Union</title>
	<atom:link href="https://www.humanistische-union.de/autoren/klaus-schlichte/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.humanistische-union.de/autoren/klaus-schlichte/</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Sun, 05 Sep 2021 18:59:28 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.0</generator>
	<item>
		<title>Die „neuen Kriege sind die alten</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/193-vorgaenge/publikation/die-neuen-kriege-sind-die-alten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[huadminuser]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Mar 2011 19:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/die-neuen-kriege-sind-die-alten/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Begrifflichkeit befriedigt lediglich das Legitimationsbed&#252;rfnis der Sicherheitsapparate; aus: vorg&#228;nge Nr. 193, Heft 1/2011, S. 88-93 Publikationen zum Thema Krieg durften immer schon auf einen weiten Leserkreis hoffen. Mit den Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 hat sich f&#252;r das Thema aber offenbar noch eine zus&#228;tzliche Aufmerksamkeitspr&#228;mie ergeben. Der Begriff f&#252;llte eine L&#252;cke: Bis zum Ende [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/193-vorgaenge/publikation/die-neuen-kriege-sind-die-alten/">Die „neuen Kriege sind die alten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Begrifflichkeit befriedigt lediglich das Legitimationsbed&uuml;rfnis der Sicherheitsapparate;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 193, Heft 1/2011, S. 88-93</p>
<p>Publikationen zum Thema Krieg durften immer schon auf einen weiten Leserkreis hoffen. Mit den Anschl&auml;gen vom 11. September 2001 hat sich f&uuml;r das Thema aber offenbar noch eine zus&auml;tzliche Aufmerksamkeitspr&auml;mie ergeben. Der Begriff f&uuml;llte eine L&uuml;cke: Bis zum Ende der Sowjetunion erschienen selbst in Teilen der Wissenschaft alle kriegerischen Konflikte als blo&szlig;e &bdquo;Stellvertreterkriege&rdquo; der Superm&auml;chte. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts fehlte es an Kategorien, die Vielfalt der innerstaatlichen Kriege au&szlig;erhalb Europas zu kennzeichnen. Die besondere Konjunktur der Redeweise von den &bdquo;neuen Kriegen&rdquo; hatte aber auch damit zu tun, dass sich global f&uuml;r staatliche Sicherheitsagenturen ein Legitimierungsbed&uuml;rfnis aufgetan hat, f&uuml;r dessen Befriedigung neue Leitkonzepte dringend n&ouml;tig geworden waren.</p>
<p>Der eigent&uuml;mliche Erfolg, den der Begriff der &bdquo;neuen Kriege&rdquo; in den letzten zehn Jahren hatte, so die These dieses Beitrags, ist weniger durch empirische Ver&auml;nderungen begr&uuml;ndet als durch diese Ver&auml;nderungen der Wahrnehmung und Bewertung eines bis dahin nur marginal zur Kenntnis genommenen Kriegsgeschehens au&szlig;erhalb Europas und, zu Beginn der 1990er Jahre, auch an dessen R&auml;ndern.</p>
<p>Von einer Epochenwende zwischen &bdquo;alten&rdquo; und &bdquo;neuen&rdquo; Kriegen kann aber, wie im Folgenden entlang der einschl&auml;gigen wissenschaftlichen Beitr&auml;ge gezeigt werden soll, keine Rede sein. Mit dem Ausdruck &bdquo;alte&rdquo; Kriegen wurde dabei unterstellt, dass das bisherige Kriegsgeschehen auf der Welt der Logik gehorcht h&auml;tte, die Carl von Clausewitz und andere als die Logik des Krieges zwischen Staaten formuliert hatten. Demnach st&uuml;nden sich im Krieg klar unterscheidbare, staatlich organisierte Akteure gegen&uuml;ber, die nach politischen Vorgaben von Regierungen handeln. Martin van Creveld (1999) und Mary Kaldor (1998) glaubten zu entdecken, dass dieses Bild des Krieges f&uuml;r die Gegenwart unzutreffend geworden sei und sprachen deshalb von &bdquo;neuen Kriegen&rdquo;: Die Kriege seit Beginn der 1990er Jahre seien von der Habgier der Akteure gepr&auml;gt, von einer Barbarisierung der Gewaltpraktiken und von einer Entstaaatlichung, ja Entpolitisierung. Herfried M&uuml;nkler (2002) hat diese Thesen in Deutschland popul&auml;r gemacht.</p>
<p>Kritiker der These von den &bdquo;neuen Kriegen&rdquo; haben vor allem darauf hingewiesen, dass mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg innerstaatliche Kriege mit ganz anderen Kategorien zu begreifen seien, als sie die theoretische Fassung von Clausewitz nahelegen w&uuml;rde (vgl. Marchal/Messiant 2001, Marchal 2003, Matthies 2004; Schlichte 2002, 2006). Nach wie vor wird in den innerstaatlichen Kriegen in Afrika und Asien, nachlassend auch in Lateinamerika, um den Wechsel des Regimes, um Sezession oder Autonomie, oder aber um politische Umgestaltung gek&auml;mpft. Weder an den politischen, Hintergr&uuml;nden noch an den Gewaltpraktiken oder an den Motiven der K&auml;mpfenden hat sich etwas grundlegend ver&auml;ndert (vgl. Gantzel/Meyer-Stamer 1986, Jung et al. 2003).</p>
<p>Das Bild des Krieges in der europ&auml;ischen Geschichte sei zudem idealisiert und h&auml;tte mit den tats&auml;chlichen Gewalterfahrungen etwa im Ersten oder Zweiten Weltkrieg eben-so wenig zu tun wie mit den Kriegen au&szlig;erhalb dieses historischen Erfahrungsraumes. In einem zentralen Aufsatz hatte Stathis Kalyvas (2001), ein Spezialist f&uuml;r den griechischen B&uuml;rgerkrieg in den 1940er Jahren, schon auf die mangelnde empirische Begr&uuml;ndetheit der &bdquo;neue Kriege&#8220;-These hingewiesen. Umfangreichere Studien wie von Kahl/Teusch (2004) und Chojnacki (2004) haben kurz danach systematisch nachgewiesen, dass sich die Thesen von Kaldor und M&uuml;nkler nicht empirisch belegen lassen.</p>
<p>Warum aber sind diese Thesen dennoch so erfolgreich gewesen? Publikationen mit dieser These sind nicht nur kommerziell erfolgreich, sondern werden bis heute breit rezipiert. Herfried M&uuml;nklers Essay wurde sogar von der Bundeszentrale f&uuml;r Politische Bildung in Lizenz &uuml;bernommen und mit gro&szlig;er Auflage g&uuml;nstig vertrieben.</p>
<p>Das oben angesprochene Orientierungsbed&uuml;rfnis erkl&auml;rt diesen Erfolg nur zum Teil. Die &bdquo;neue Kriege&#8220;-These ist auch deshalb so popul&auml;r, weil sie im politischen Feld funktional ist. Die Publikationen zum Thema lassen sich wohl am ehesten lesen als Beitr&auml;ge zur Etablierung einer &bdquo;legitimen Problematik&rdquo;, in der sich politische Ordnungsvorstellungen und theoretische Haltungen vermischen. Damit soll nicht insinuiert werden, es handele sich um absichtsvolle Konstruktionen. Instrumentell ist nur der Gebrauch, der von diesen Thesen im politischen Feld vor allem von Sicherheitsagenturen gemacht wird, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts auf verzweifelter Suche nach einer legitimierenden Identit&auml;t und einer plausiblen Agenda sind (vgl. Bigo 2010)</p>
<h2 class="auto-created">Entstaat&shy;lichte Kriege?</h2>
<p>Regierung, Armee, Volk &mdash; diese Dreiteilung sei in den laufenden Kriegen immer weniger zu beobachten, stattdessen sei eine &bdquo;Entstaatlichung des Krieges&rdquo; (M&uuml;nkler 2002: 33) erkennbar. All jene Grenzziehungen, die den klassischen Krieg kennzeichneten, wie die zwischen Kombattanten und Zivilisten, zwischen eigenem und.fremden Territorium, zwischen &Ouml;konomie und Politik, und eben auch zwischen Regierung, Armee und Volk oder Bev&ouml;lkerung, schw&auml;nden dahin und seien f&uuml;r die Realit&auml;t des Krieges immer weniger ma&szlig;geblich.</p>
<p>Nicht nur die Geschichte der Kolonialkriege, sondern selbst des Zweiten Weltkriegs zeigt jedoch, dass eine Delegation der Gewalt an informelle Truppen, die Bewaffnung von Milizen und die Eigeninitiative von Vigilanten seit jeher zum Gesicht des Krieges geh&ouml;ren. Es ist eher eine Idealisierung der europ&auml;ischen Kriege als &bdquo;staatlich gehegte&rdquo; Kriege, die die heutigen innerstaatlichen Kriege als ungeregelt und entstaatlicht erscheinen lassen.</p>
<p>Aber auch der Vergleichspunkt ist nicht real: Das Bild vom &bdquo;gehegten Krieg&rdquo;, der in Europa seit dem Westf&auml;lischen Frieden dominiert habe, ist eher das Resultat einer idealisierenden Milit&auml;rgeschichtsschreibung. Die Hinweise, die sich aus der historischen Literatur &uuml;ber die Realit&auml;t der kriegerischen Gewalt au&szlig;erhalb Europas ergeben, erwecken weiteren Zweifel an der These der Verstaatlichung des Krieges. Jede Kolonialgeschichte ist voll von Geschichten irregul&auml;rer Gewalt. Im historischen L&auml;ngsschnitt ist die staatliche Hegung des Krieges auch in Europa die Ausnahme, und sie scheint auch f&uuml;r die Kriegsgeschichte nach 1945 keineswegs typisch gewesen zu sein (vgl. Kalyvas 2004). Umgekehrt l&auml;sst sich die Gewalt der Kriegsakteure in den vermeintlich &bdquo;neuen&rdquo; Kriegen ebenso gut als Teil einer kriegerischen Staatsbildung lesen (Schlichte 2009), die nicht gewaltsamer ist, als es die Geschichte des Staates in Europa war.</p>
<h2 class="auto-created">Habgier als Motiv</h2>
<p>Vor allem vom Motiv der Bereicherung und materiellen Besserstellung sollen die Akteure der &bdquo;neuen Kriege&rdquo; geleitet sein. &Ouml;konomisch, so der Kern dieser These, beruhen &bdquo;neue Kriege&rdquo; nicht mehr auf der Umstellung der Produktion auf Kriegswirtschaft, wie in gro&szlig;en Staatenkriegen, sondern auf Pl&uuml;nderung bzw. auf der Monopolisierung von Reichtumsquellen, wie etwa Exporteink&uuml;nften. Im Dienste der Weltbank hatten sich da-her in j&uuml;ngerer Zeit auch &Ouml;konomen des innerstaatlichen Krieges angenommen und versucht, ihre Entstehung und innere Dynamik zu modellieren (vgl. Collier 1999). Die theoretische Figur, auf der diese Interpretation ruht, ist ein utilitaristischer Individualismus, die Gewalt h&auml;ngt ab von &bdquo;incentives&rdquo;. Gewaltrisiken seien dort hoch, wo der Export von Prim&auml;rg&uuml;tern eine gro&szlig;e Rolle spielt. Je st&auml;rker ein Land vom Export weniger Rohstoffe abh&auml;nge und je &auml;rmer die Bev&ouml;lkerung sei, so die These, desto gr&ouml;&szlig;er ist die Gefahr eines innerstaatlichen Gewaltkonflikts. Den Herausforderern der staatlichen Macht ginge es nur um die Aneignung dieser Rohstoffrenten.</p>
<p>Die international anwachsende Literatur zu dem, was zusammenfassend &bdquo;Kriegs&ouml;konomien&rdquo; genannt wird, schien diese Einsch&auml;tzung zu best&auml;tigen (Le Billon 2000). Die Verf&uuml;gung &uuml;ber Erd&ouml;l, Diamanten, Kunstsch&auml;tze, Eisenerz und andere mineralische Rohstoffe spielt in vielen Konflikten bis heute eine Rolle. &Uuml;berall &uuml;berwiege bei den Krieg f&uuml;hrenden Parteien das materielle Interesse an der Aneignung dieser G&uuml;ter, w&auml;hrend demgegen&uuml;ber politische Zielsetzungen an Bedeutung verloren h&auml;tten.</p>
<p>Die Motivationen der Akteure in zeitgen&ouml;ssischen Kriegen lassen sich deshalb aber nicht auf &ouml;konomische Interessen reduzieren, ebenso wenig wie das Motiv der materiellen Besserstellung in fr&uuml;heren Kriegen bedeutungslos war. Und die Tatsache, dass sich staatliche wie nicht-staatliche Kriegsakteure auch materiell reproduzieren m&uuml;ssen, ist eigentlich ein Gemeinplatz. Die &bdquo;Bedarfsdeckung des politischen Verbandes&rdquo;, wie es bei Max Weber hei&szlig;t, ist f&uuml;r alle organisierten Kriegsakteure zu allen Zeiten eine Notwendigkeit gewesen. So verdienstvoll es ist, mit der Betonung der &ouml;konomischen Dimension jedes Krieges die Vereinseitigungen des kulturellen Essentialismus zu &uuml;berwinden, der etwa in der Interpretation der Kriege im ehemaligen Jugoslawien eine gro&szlig;e Rolle gespielt hat, so wenig sollte die Entdeckung dieser Dimension zu neuen Vereinseitigungen f&uuml;hren.</p>
<h2 class="auto-created">Barba&shy;ri&shy;sie&shy;rung der Gewalt</h2>
<p>In den Kriegen der Gegenwart l&auml;sst sich, so eine weitere These der Proponenten der &bdquo;neuen Kriege&rdquo;, eine Entgrenzung der Gewalt beobachten. Nicht mehr die Unterst&uuml;tzung durch die Zivilbev&ouml;lkerung ist das Ziel der Gewaltstrategien, sondern der r&uuml;cksichtslose Einsatz massiver Gewalt gegen&uuml;ber Zivilisten ist das Kennzeichen der neuen Kriege. Zur Unterst&uuml;tzung dieser Thesen werden vor allem Beispiele aus den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und in Westafrika angef&uuml;hrt, die als Belege f&uuml;r eine Entgrenzung der Gewalt dienen sollen. In den dort beobachteten &bdquo;bestialischen&rdquo; Praktiken (Heupel/ Zangl 2003:11) seien zwar wenigstens teilweise rationale Strategien erkennbar, die Gewalt ist aber einigen Autoren zufolge tendenziell anomisch. Die Gewalthandlungen richteten sich in den neuen Kriegen nicht mehr gegen den milit&auml;rischen Gegner, sondern gegen die Zivilbev&ouml;lkerung, und nur eine &bdquo;einfache, apolitische Gewalt&rdquo; sei zu beobachten (de Soysa/Gleditsch 1999: 29).</p>
<p>Die gleichzeitige Anwesenheit von sehr unterschiedlichen Gewaltpraktiken kennzeichnet das Kriegsgeschehen sp&auml;testens seit dem Zweiten Weltkrieg. Der empirische Nachweis f&uuml;r einen grunds&auml;tzlichen Wandel der Gewaltpraktiken ist nicht nur aus methodischen Gr&uuml;nden schwierig. Es fehlen auch die Voraussetzungen daf&uuml;r, den moralischen Charakter von Gewaltpraktiken wissenschaftlich zu bewerten. Warum die Gewalt der innerstaatlichen Kriege &bdquo;bestialisch&rdquo; ist, w&auml;hrend die Qualen der Lager im Zweiten Weltkrieg sich noch als &bdquo;politisch&rdquo; begreifen lassen sollen &mdash; f&uuml;r solche Urteile fehlen der Wissenschaft wohl noch die Kriterien.</p>
<p>Der Blick auf das, was im Krieg geschieht, offenbart jedenfalls keinen gravierenden Unterschied zwischen vergangenen Zeiten und der Gegenwart. Es l&auml;sst sich nicht er-kennen, dass sich zeitgen&ouml;ssische Kriege im Hinblick auf die in ihnen eingesetzten Gewaltpraktiken grunds&auml;tzlich von fr&uuml;heren unterscheiden. Schon ein kursorischer Vergleich von klassischen Dekolonisationskriegen, etwa in Algerien oder Indochina in den 1950er und 1960er Jahren, oder Berichten &uuml;ber den Krieg der jugoslawischen Partisanen gegen die Wehrmacht mit gegenw&auml;rtigen Kriegen macht dies deutlich.</p>
<p>Empirisch l&auml;sst sich f&uuml;r alle Kriege nach 1945 zeigen, dass die Ph&auml;nomene, die von heutigen Autoren als &bdquo;barbarisch&rdquo; von &bdquo;normalen&rdquo; Gewaltpraktiken unterschieden wer-den, gleichzeitig vorkommen. Gewiss besteht ein Unterschied zwischen dem Krieg straff hierarchisch gef&uuml;hrter Armeen und den Zusammenst&ouml;&szlig;en von kleinen, nur lose strukturierten Rebellenbewegungen. Doch alle vorliegenden dichten Beschreibungen von kriegerischen Konflikten nach 1945 verdeutlichen nur, dass in der Realit&auml;t die Kriegf&uuml;hrung von der Ungleichzeitigkeit von Gewaltformen gepr&auml;gt ist, zu der der stabsm&auml;&szlig;ig organisierte und kontrollierte Gewalteinsatz genauso geh&ouml;rt wie Ph&auml;nomene der Entgrenzung der Gewalt. Im parallelen Auftreten von Bombardements aus der Luft, Hinterhalten der Guerilla und Raubz&uuml;gen in D&ouml;rfern wird die Gleichzeitigkeit von hochmoderner und traditionaler Kriegf&uuml;hrung offensichtlich, wie sie das Kriegsgeschehen seit dem Zweiten Weltkrieg pr&auml;gen.</p>
<h2 class="auto-created">Die Politik der &bdquo;neuen Kriege&rdquo;</h2>
<p>Wenn westliche Beobachter die Ver&auml;nderung politischer Herrschaft au&szlig;erhalb der OECD interpretieren, dann hat sich daf&uuml;r der Begriff des &bdquo;Staatszerfalls&rdquo; eingeb&uuml;rgert. Demnach nisten sich in diesen unkontrollierten Zonen kriminelle und terroristische Netzwerke ein, die den Frieden und den Wohlstand in diesen Teilen der Welt, aber auch im Westen bedrohen. Das Ineinanderschieben von gewaltsamen Konflikten um politische Herrschaft, von &bdquo;organisierter Kriminalit&auml;t&rdquo; und von &bdquo;globalem&rdquo; Terrorismus droht sich zu einer neuen legitimen Problematik zu verdichten, die f&uuml;r die unterschiedlichsten institutionellen Rhetoriken und Legitimationsdiskurse verwendbar wird. Es gibt nicht blo&szlig; eine Konjunktur f&uuml;r Sicherheitsexperten: Die Rede von Bedrohungen ist selbst schon eigendynamisch geworden.</p>
<p>So gibt es viele Gr&uuml;nde, die These der &bdquo;neuen Kriege&rdquo; abzulehnen: Der <i>erste </i>betrifft die Frage der gesteigerten Aufmerksamkeit. Den Debatten &uuml;ber &bdquo;neue Kriege&rdquo;, &uuml;ber Kriegs&ouml;konomien und, nach dem 11. September, auch &uuml;ber den Terrorismus muss man zugute halten, dass sie ein Thema wiederentdeckt haben, das in der Politikwissenschaft lange ein Randdasein f&uuml;hrte, n&auml;mlich den innerstaatlichen Krieg. Doch wo immer neue Aufmerksamkeiten entstehen, ist zu pr&uuml;fen, ob das behauptete Wachstum tats&auml;chlich vorhanden ist oder ob es sich nicht um ein Produkt eben dieser erh&ouml;hten Aufmerksamkeit handelt. Der <i>zweite </i>Grund betrifft die Quellenlage. Der &bdquo;selection bias&rdquo; bei der Auswahl der Belege ist eklatant, und keine der Thesen l&auml;sst sich empirisch wirklich belegen.</p>
<p>Der <i>dritte </i>Grund r&uuml;hrt aus dem politischen Gebrauch des Konzepts: Das Legitimierungsbed&uuml;rfnis der staatlichen Apparate, die Verunsicherung oder auch nur Nachdenklichkeit der Bev&ouml;lkerung und die Pr&auml;mie, die sich Wissenschaftlern bietet, die zum Thema etwas anzubieten haben, treffen sich in diesem Diskurs &uuml;ber die neuen Bedrohungen. Der &bdquo;globale Terrorismus&rdquo;, das &bdquo;Scheitern von Staaten&rdquo; wie auch die &bdquo;organisierte Kriminalit&auml;t&rdquo; &mdash; das sind die Schl&uuml;sselworte der heutigen Sicherheitspolitik. Als &bdquo;neue Herausforderungen&rdquo; machen sie erforderlich, dass 2009 auf der Welt 1531 Milliarden US-Dollar f&uuml;r den Erhalt und Ausbau von Milit&auml;r, Polizei und Geheimdiensten ausgegeben wurden, eine Steigerung um 49 Prozent seit dem Jahr 2000 (SIPRIYearbook 2010). W&auml;hrend die Zahl der pro Jahr gef&uuml;hrten Kriege seit 1992 r&uuml;ckl&auml;ufig ist, kommt die These von den &bdquo;neuen Kriegen&rdquo; einem globalen Sicherheitssystem gerade recht, das neue Bedrohungen braucht, um seine Existenz zu sichern.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Bigo, Didier (2010): Sicherheit und Itilmigration. Zu einer Kritik der Gouvernmentalit&auml;t des Unbehagens, in: Margarete Misselwitz / Klaus Schlichte (Hg.) 2010: Politik der Unentschiedenheit. Die internationale Politik und ihr Umgang mit Kriegsfl&uuml;chtlingen, Bielefeld: Transkript, 39-76.</p>
<p>Le Billon, Philippe (2000), The Political Economy of War. An annotated bibliography, London: Overseas Development Institute.</p>
<p>Chojnacki, Sven (2004), &raquo;Wandel der Kriegsformen? &ndash; Ein kritischer Literaturbericht&laquo;, Leviathan, Jg. 32, H. 3, 5. 402-424.</p>
<p>Collier, Paul, (1999), On the Economic Consequences of Civil War&#8216;, Oxford Ec onomics Papers, Jg. 51, H. 4, S. 168-183.</p>
<p>Creveld, Martin van (1998), Die Zukunft des Krieges, M&uuml;nchen.</p>
<p>Gantzel, Klaus J&uuml;rgen / Meyer-Stamer, J&ouml;rg 1986: Die Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg. Daten und Tendenzen, Hamburg.</p>
<p>Heupel, Monika /Zangl, Bernhard 2004: Von &bdquo;alten&rdquo; und &bdquo;neuen&rdquo; Kriegen &ndash; Zum Gestaltwandel kriegerischer Gewalt. In: Politische Vierteljahresschrift, Heft 3, 46&ndash;369.</p>
<p>Jung, Dietrich / Schlichte, Klaus / Siegelberg, Jens (2003), Kriege in der Weltgesellschaft. Strukturgeschichtliche Erkl&auml;rung kriegerischer Gewalt (1945-2002), Wiesbaden.</p>
<p>Kahl, Martin / Teusch, Ulrich (2004): Sind die &gt;neuen Kriege</p>
<p>Kaldor, Mary (1999), New and old wars. Organized violence in a global era, Stanford, Cal.</p>
<p>Kalyvas, Stathis (2001), New wars, old wars &ndash; is the distinction valid?, in: World Politics, Jg. 54, H. 1, S.99-118</p>
<p>Kalyvas, Stathis (2004), The Ontology of &bdquo;Political Violence&rdquo;: Action and Identity in Civil Wars, unpubl. Ms.</p>
<p>Kaufmann, Franx-Xaver (2004), Sozialstaatliche Solidarit&auml;t und Umverteilung im internationalen Wettbewerb,</p>
<p>Marchal, Roland (2000), Atomisation des fins et radicalisme des moyens. De quelques conflits africains, in: Critique internationale, H. 6, S. 159-175.</p>
<p>Marchal, Roland (2003), Conclusion, Ders. /Hassner, Pierre (Hg.): Guerres et societes. Etat et violence apres la Guerre froide, Paris: Karthala, 356-379.</p>
<p>Marchal, Roland/Messiant, Christine (2001), Les guerres civiles &auml; 1&#8217;ere de la globalisation. Nouvelles realites et nouveaux paradigmes, in: Critique internationale, H. 18, S. 91 -112</p>
<p>Matthies, Volker 2004: Eine Welt voller neuer Kriege ?, in : Der B&uuml;rger im Staat, 54. Jg., Heft 4, 185-190.</p>
<p>M&uuml;nkler, Herfried (2002), Die neuen Kriege, Reinbek: Rowohlt.</p>
<p>Schlichte, Klaus (2002), Neues &uuml;ber den Krieg? Einige Anmerkungen zum Stand der Kriegsforschung in den Internationalen Beziehungen, in: Zeitschrift f&uuml;r Internationale Beziehungen, 9, 1, 113-138</p>
<p>Schlichte, Klaus 2006: Staatsbildung oder Staatszerfall? Zum Formwandel kriegerischer Gewalt in der Weltgesellschaft, in: Politische Vierteljahresschrift 47. Jg., Heft 4, 547-570.</p>
<p>Schlichte, Klaus 2009: In the Shadow of Violence. The politics of anned groups, Frankfurt a.M.: Campus.</p>
<p>SIPRI-Yearbook 2010: Stockholm Institute for Peace Research, Yearbook 2010, (<a href="http://www.sipri.org/yearbook/2010/05" target="_blank" rel="noopener">http://www.sipri.org/yearbook/2010/05</a>, Letzter Zugriff am 1. M&auml;rz 2011)</p>
<p>Soysa de, I. / Gleditsch, Peter (1999), To Cultivate Peace: Agriculture in a World of Conflict, PRIOReport 1/1999, Oslo.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/193-vorgaenge/publikation/die-neuen-kriege-sind-die-alten/">Die „neuen Kriege sind die alten</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
