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	<title>Marcel Siepmann Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Europäische Erinnerung und die Herausforderung der Globalisierung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 19:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Pl&#228;doyer f&#252;r eine zeitlich-r&#228;umliche &#214;ffnung des geplanten Hauses der Europ&#228;ischen Geschichte aus vorg&#228;nge Heft 2/2012 S.82-92 Der Blick in die Vergangenheit, das Erinnern von Vergangenem steht in einem elementaren Bedeutungszusammenhang mit dem, was gemeinhin als Geschichtsbewusstsein beschrieben wird. Mit R&#252;sen (1983: 48&#8211;49) versteht &#8222;man unter Geschichtsbewu&#223;tsein den Inbegriff der mentalen Operationen [&#8230;], mit denen Menschen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/europaeische-erinnerung-und-die-herausforderung-der-globalisierung/">Europäische Erinnerung und die Herausforderung der Globalisierung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Pl&auml;doyer f&uuml;r eine zeitlich-r&auml;umliche &Ouml;ffnung des geplanten Hauses der Europ&auml;ischen Geschichte</p>
<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012 S.82-92</p>
<p>Der Blick in die Vergangenheit, das Erinnern von Vergangenem steht in einem elementaren Bedeutungszusammenhang mit dem, was gemeinhin als Geschichtsbewusstsein beschrieben wird. Mit R&uuml;sen (1983: 48&ndash;49) versteht &bdquo;man unter Geschichtsbewu&szlig;tsein den Inbegriff der mentalen Operationen [&#8230;], mit denen Menschen ihre Erfahrungen vom zeitlichen Wandel ihrer Welt und ihrer selbst so deuten, da&szlig; sie ihre Lebenspraxis in der Zeit absichtsvoll orientieren k&ouml;nnen.&rdquo; Das hei&szlig;t, der Mensch muss sich &bdquo;einen interpretatorischen Reim auf das machen k&ouml;nnen, was er als Ver&auml;nderung seiner Welt und seiner selbst im Laufe der Zeit erf&auml;hrt, um in diesem Laufe der Zeit handeln zu k&ouml;nnen&rdquo; (ebd.: 49&ndash;50).</p>
<p>F&uuml;r das Haus der Europ&auml;ischen Geschichte, das seit 2007 auf Vorschlag des damaligen Pr&auml;sidenten des Europ&auml;ischen Parlaments, Hans-Geit P&ouml;ttering, f&uuml;r das Jahr 2014 in Br&uuml;ssel geplant ist, kann angenommen werden, dass es diesem Gedanken geschuldet ist, zumindest deuten die Erkl&auml;rungen P&ouml;tterings darauf hin. Es geht ihm dabei um nichts weniger als die &bdquo;Erneuerung unseres europ&auml;ischen Selbstverst&auml;ndnisses&rdquo; (P&ouml;ttering 2009). Das historisch einmalige und relativ junge Gebilde der Europ&auml;ischen Union ben&ouml;tigt, so kann diese Aussage gedeutet werden, auch einen v&ouml;llig neuen Zugang zur eigenen Geschichte. Bereits vor vier Jahren wurden hierf&uuml;r die &bdquo;Konzeptionellen Grundlagen&rdquo; von einem Sachverst&auml;ndigenausschuss (2008) erarbeitet.(1) In diesem Museum soll, so der bisherige Stand der Dinge, vor allem die Zeit nach 1945 im Fokus stehen. Die Dauerausstellung w&uuml;rde damit eine betont auf die Geschichte der europ&auml;ischen Integration und eines EU-Europas ausgerichtete Narration w&auml;hlen. Dabei r&uuml;ckte gerade die Teilung des Kontinents durch die Blockbildung des Kalten Krieges in den Mittelpunkt und viele Bereiche der j&uuml;ngeren Zeitgeschichtsforschung, wie der Aufarbeitung der Verbrechen Stalins, w&uuml;rden ber&uuml;cksichtigt.(2) Die Zeit der Weltkriege, ihre &Uuml;berwindung, vor allem aber die im westlichen Teil erfolgreiche und im &ouml;stlichen Teil Europas ausbleibende Erfolgsgeschichte (sowie die auch in diesem Teil weitestgehend erfreuliche Entwicklung seit 1989/1991) sollen den zuk&uuml;nftigen Besuchern und Besucherinnen dargeboten werden. Das diesem Prinzip zu Grunde liegende Paradigma ist die Vorstellung einer &bdquo;Taufe Europas aus der Vernichtung&rdquo;, wie es Tony Judt (2009: 933) vor einigen Jahren formuliert hat. Nach dem Ende des Hitler-Reiches und vierzig Jahre sp&auml;ter durch den Untergang der Sowjetunion, konnte ein freies und erfolgreiches Europa gedeihen.</p>
<p>Doch wenn wir R&uuml;sens oben aufgeworfenen Formulierungen folgen und unser Geschichtsbewusstsein uns dabei helfen soll, uns einen Reim auf die gegenw&auml;rtigen Herausforderungen und Konstellationen zu machen, ist dann eine solche Fokussierung auf die beschriebene Zeitebene noch zeitgem&auml;&szlig;? Mit anderen Worten: L&auml;sst die Perspektivverschiebung, die die Globalisierung hervorgerufen hat, nicht gleichsam auch die Wahrnehmung unserer Vergangenheit eine andere werden? Sind nicht gerade eben die oben beschriebenen Themenkomplexe Ausdruck eines nationalen oder doch eurozentrisch verengten Verst&auml;ndnisses geschichtlicher Ereignisse? So erfreulich und notwendig die Diskurse und Auseinandersetzungen &uuml;ber die stalinistischen Verbrechen auch sein m&ouml;gen, l&auml;sst sich kritisch fragen, ob diese Perspektive mittel- und langfristig als Schwerpunkt eine Orientierung f&uuml;r Europa bieten kann. Auch Leggewie (2011: 45) l&auml;sst seinen konzentrischen Kreisen eine positive Bahn angedeihen, wenn er die europ&auml;ische Erfolgsgeschichte nach 1945 als sinnstiftend gelten l&auml;sst, auch bietet seine Betonung von Migration und Kolonialgeschichte eine weitere Perspektive, die jedoch das 20. Jahrhundert als &bdquo;Erinnerungsfeld&rdquo; gleichsam nicht mehr als ausreichend erscheinen l&auml;sst.</p>
<p>Ereignisse wie 9/11, die globale Klimaerw&auml;rmung und die Finanz- und Bankenkrise haben derweil elementare Deutungskategorien ins Wanken gebracht bzw. die Frage aufkommen lassen, wie wir diese bisher definiert haben und dies in Zukunft tun wollen. Der 11. September 2001 hat unter anderem die Frage neu aufgeworfen, welche Rolle wir der Religion in unserem &ouml;ffentlichen aber auch im privaten Raum zugestehen wollen und in welchem Verh&auml;ltnis unsere Gesellschaften &uuml;berhaupt zu ihr stehen &mdash; stehen wollen; der Klimawandel hat Fragen nach den Kategorien eines guten Lebens und grundlegender Verteilungsgerechtigkeit hervorgerufen; die wirtschaftlichen Herausforderungen seit der Krise von Lehman-Brothers 2008 (und nicht erst seit dem) haben zudem den 1989/1990 angenommenen Triumph eines marktgesteuerten Vernunft- und Rationalisierungsparameters massiv in Frage gestellt (Die Antiglobalisierungs- sowie in den letzten Jahren die Occupybewegung seien als vielleicht bekannteste Erscheinungen dieser Kritik hier genannt).</p>
<p>Schaut man also auf die gro&szlig;en Konfliktlinien (diese seien hier nur exemplarisch genannt, andere lie&szlig;en sich anf&uuml;gen), die sich als existenzielle Herausforderungen des 21. Jahrhunderts abzeichnen, k&ouml;nnen auch andere Vergangenheiten ins Blickfeld ger&uuml;ckt werden. Denn zunehmend erfahren Begriffe eine &Uuml;berpr&uuml;fung ihrer Bedeutungen, die lange als vermeintlich selbstverst&auml;ndlich vorausgesetzt wurden. Begriffe wie Freiheit, Religion oder Fortschritt k&ouml;nnen nicht mehr alleine in einem Vergleich zum Beispiel zwischen Frankreich und Deutschland diskutiert werden (was allein in Bezug auf die unterschiedliche Handhabung der Trennung von Staat und Religion schon schwer genug w&auml;re). Fragen nach der Universalit&auml;t zum Beispiel der Meinungsfreiheit erfordern auf einer globalen B&uuml;hne viel grunds&auml;tzlichere Bestimmungen und Herleitungen und f&uuml;hren unweigerlich zur Selbst(&uuml;ber)pr&uuml;fung eigener Selbstverst&auml;ndlichkeiten.(3) Die F&auml;higkeit, andere Denkgewohnheiten zu begreifen, zu verstehen und im positiven Fall sogar in Teilen &uuml;bernehmen zu k&ouml;nnen oder doch zumindest mit ihnen umzugehen, verlangt auch eine &Uuml;berpr&uuml;fung und Hinterfragung eigener Wahrnehmungen. Nimmt man die genannten Herausforderungen, die durch den 11. September, die Weltfinanzkrise und den Klimawandel entstanden sind, als drei m&ouml;gliche Beispiele f&uuml;r die von R&uuml;sen angef&uuml;hrte Wahrnehmung eines zeitlichen Wandels &ndash; als Lebenspraxis &ndash; in den Blick, lie&szlig;e sich danach fragen, welche Form des europ&auml;ischen Erinnerns dazu beitragen k&ouml;nnte, sich &bdquo;darauf einen Reim zu machen&rdquo;.</p>
<h2 class="auto-created">Der 11. September 2001</h2>
<p>Dipesh Chakrabarty (2010a: 9) sieht die &bdquo;weitreichenden Ver&auml;nderungen durch die Wende von 1989&rdquo; als Ursache f&uuml;r das &bdquo;europ&auml;ische Interesse an meinem Buch Provincializing Europe&rdquo;. Dies r&uuml;hrt zum einen aus der Einsicht, dass dieses Jahr eben kein Ende der Geschichte bedeutete, wie es Francis Fukuyama (2006) in einer der ersten Gro&szlig;deutungen dieser Epochenschwelle versucht hat darzustellen. Und zum anderen in der dringend notwendigen Zur&uuml;ckweisung der bisweilen fatalistischen wenn auch durchaus die richtigen Themen erkennenden Voraussage eines Clash of Civilizations &agrave; la Huntington (1997). Die Polarisierung, die in Huntingtons Buch eine zentrale Deutungskategorie f&uuml;r die verschiedenen Kulturr&auml;ume einnimmt, entstammt dabei einer national geschulten Aufteilung von Handlungs- und Wissensr&auml;umen, vernachl&auml;ssigt jedoch die Durchl&auml;ssigkeit moderner Gesellschaften. Chakrabarty (2010b: 62) schl&auml;gt daher eine &bdquo;Provinzialisierung Europas&rdquo; vor, mit der er Europa den Alleinanspruch auf Begriffe wie &bdquo;Vernunft, Wissenschaft und der Anspruch auf Universalit&auml;t&rdquo; entrei&szlig;en m&ouml;chte. Er verlangt &bdquo;das Eingest&auml;ndnis, dass bereits Europas Aneignung des Adjektivs &#8218;modern&#8216; ein St&uuml;ck globale Geschichte ist, von der die Geschichte des europ&auml;ischen Imperialismus einen untrennbaren Teil bilden, und [&#8230;] die Einsicht, dass diese Gleichsetzung einer bestimmten Version von Europa mit der &#8218;Moderne&#8216; nicht allein das Werk von Europ&auml;ern ist&rdquo; (ebd.). Die Moderne gilt es demnach &bdquo;als ein Feld von Auseinandersetzungen zu begreifen&rdquo; (ebd.: 65).</p>
<p>Der 11. September 2001, die darauf folgenden Kriege in Afghanistan und Irak sowie die Anschl&auml;ge von islamischen Terroristen in London und Madrid haben das Bild einer Polarisierung und einer daraus folgenden Gegen&uuml;berstellung eines modernen aufgekl&auml;rten Westens einerseits und islamisch gepr&auml;gter vormoderner und r&uuml;ckst&auml;ndiger &bdquo;orientalischer&rdquo; Staaten auf der anderen Seite eher verst&auml;rkt. Es sind die &ndash; wenn auch sehr ambivalenten &ndash; Entwicklungen in Tunesien, &Auml;gypten oder Libyen, die diesem Bild ein anderes &ndash; oder doch zumindest differenzierteres &ndash; entgegensetzen. Dort streiten neben ebenso streng gl&auml;ubigen Muslimen auch im europ&auml;ischen Sinne aufgekl&auml;rte, gebildete und nicht selten s&auml;kulare junge Menschen f&uuml;r ein Recht auf Entscheidungs- und Meinungsfreiheit. Auch wenn noch nicht abzusehen ist, welchen Weg diese L&auml;nder letztendlich gehen werden, werden sie doch in jedem Falle ein anderes Bild von &bdquo;den Arabern&rdquo; in den K&ouml;pfen &bdquo;des Westens&rdquo; hinterlassen als das von Mohammad Atta (wobei<br />daran erinnert sei, dass Atta jahrelang in Hamburg lebte und somit durchaus auch aus der Mitte unserer Gesellschaft entsprungen ist).</p>
<p>Damit wird bereits eine Forderung Chakrabartys erf&uuml;llt: Der Begriff der Moderne, f&uuml;r den der Freiheitsbegriff &ndash; so, wie er auf dem Tahrir-Platz in einer Variation vertreten worden ist &ndash; zentral ist, muss als verschieden interpretier- und lebbar angenommen werden. Es soll hier nicht um eine Relativierung gehen, die den Begriff der Moderne zur Unkenntlichkeit zerfasert &ndash; darauf hat auch Chakrabarty (ebd.: 62) selbst bereits hingewiesen. Doch gilt es aus historiographischer Sicht, ein Gef&uuml;hl daf&uuml;r zu vermitteln, wie sehr sich Europa in der Vergangenheit enormer Wandlungs- und Entwicklungssch&uuml;be ausgesetzt sah und dadurch seine geistigen wie auch geographischen Grenzen st&auml;ndiger Ver&auml;nderung unterzog. Die Erinnerung an diese Wandlungen &ndash; mithin an den Prozesscharakter Europas &ndash; f&uuml;hren zu einer Vorstellung auch von der latenten Offenheit dieses historischen Gebildes. &bdquo;Es gibt kein historisch homogenes Europa&rdquo;, so Eric Hobsbawm (1998: 285), &bdquo;und diejenigen, die danach Ausschau halten, befinden sich auf einer falschen F&auml;hrte.&rdquo; Es gibt wohl kaum einen geeigneteren geographischen Raum, der diese Wandelbarkeit besser f&uuml;r Europa vergegenw&auml;rtigt, als das Mittelmeer. David Abulafia (2011) hat dies f&uuml;r die Jahre von 22.000 v. Chr. (!) bis heute zuletzt eindr&uuml;cklich in einem historischen Abriss auf fast 700 Seiten beinahe schon recht knapp zu Papier gebracht. Abulafia (ebd.: XVII) nimmt dabei vor allem die Menschen in den Blick, &bdquo;who crossed the sea and lived close by its shores in ports and on islands&rdquo;. Es ist auch eine Geschichte der gro&szlig;en Hafenst&auml;dte, &bdquo;that provided the main departure and arrival points for those crossing it&rdquo; (ebd.). Gemeinhin wird dieser Raum mit der Beschreibung eines antiken Erbes oder sogar der antiken Wiege Europas in Verbindung gebracht. Dies ist in zweierlei Weise irritierend: Zum einen war zu dem Zeitpunkt als diese Wiege gestanden haben soll noch gar keine Idee von einem Europa vorhanden, die in einer vergleichbaren Vorstellung zu der heutigen st&uuml;nde. Und zum anderen ist es genau dieser geographische Raum, der heute gerne f&uuml;r alles das beschworen wird, was eben vermeintlich nicht zu Europa geh&ouml;re.(4) Beide Ph&auml;nomene sind es trotzdem Wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, da sie den Prozesscharakter Europas unterstreichen und gleichsam eine genuin europ&auml;ische Komponente in sich tragen.</p>
<p>Warum also ist diese griechische Antike, die hier gemeint ist, h&auml;ufig auf Sonntagsreden zu irgendwelchen europ&auml;ischen Gedenk- und Feiertagen beschworen worden, um damit auf ganz bestimmte Eigenschaften hinzuweisen, die mit dem Begriff Europa oder dem Adjektiv &#8218;europ&auml;isch&#8216; zu verbinden seien? Neben den ganz konkreten kulturellen, k&uuml;nstlerischen und philosophischen Errungenschaften, die im antiken Griechenland so-zusagen &#8218;begr&uuml;ndet&#8216; und in vielen sp&auml;teren europ&auml;ischen Traditionen aufgegriffen oder fortgef&uuml;hrt wurden &ndash; Thomas Szlez&auml;k (2010) hat dies zuletzt sehr gut lesbar beschrieben &ndash; war es vor allem eine Eigenschaft, die in diesen Bez&uuml;gen vielleicht am meisten gemeint ist: Die Vorstellung von individueller Freiheit. Christian Meier (2009: 36) r&uuml;ckt die im 5. Jahrhundert v. Chr. sich offenbarenden politischen Gegens&auml;tze zwischen den Griechen und Persern in den Mittepunkt seiner Darstellung, &bdquo;als die Griechen begannen, sich nicht mehr als ein Volk neben andern, sondern als etwas &ndash; und umfassend &ndash; anderes gegen&uuml;ber dem asiatischen Weltreich zu begreifen, und zwar ihrer Freiheit wegen.&rdquo; Die Griechen haben eine &bdquo;Kultur nicht um der Herrschaft, sondern um der Freiheit willen&#8220; (ebd.: 57) entwickelt, und diese, so Meier (ebd.: 59), k&ouml;nne durchaus als die &bdquo;Fr&uuml;hgeschichte&rdquo; Europas begriffen werden.(5) Dass der Freiheitsbegriff der Moderne dabei die individuelle Freiheit nicht nur ausdehnte und st&auml;rker betonte, muss hier nicht weiter ausgef&uuml;hrt werden.(6) Der f&uuml;r die hier vorgenommenen &Uuml;berlegungen entscheidende Sachverhalt zielt in eine andere Richtung, die sowohl bei Meier als auch bei anderen in den letzten Jahren immer wieder hervorgehoben worden ist.</p>
<p>So sehr die Vorstellung von einer historischen Linearit&auml;t von den Griechen &uuml;ber die R&ouml;mer, Karl den Gro&szlig;en, die Renaissance, die Aufkl&auml;rung bis zum heutigen Markt- und Vernunftglauben auch immer wieder als teleologische Blaupause f&uuml;r die EU herangezogen wird, war der Weg doch ein viel steinigerer, ambivalenterer und vor allem auch ein mit den anderen V&ouml;lkern und Kulturen dieser Welt verbundenerer. Und diesem Gedanken wird nun auch zunehmend Rechnung getragen. In den gro&szlig;en &uuml;berregionalen Tages- und Wochenzeitungen(7) liest man differenzierte R&uuml;ckblicke &uuml;ber das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen in Al-Andalus seit dem Jahr 711, als Tank ibn Ziad die iberische Halbinsel in Beschlag nahm und fortan ein nicht immer friedlicher aber doch auch fruchtbarer ldeen- und Gedankenaustausch zwischen den Kulturen beginnen sollte. &bdquo;From that point on, Islam has had a permanent presence in Europe. First in the south-west, in the Iberia, and later in the south-east, in the Balkan and Black Sea regions [&#8230;]. The interaction of Christians and Muslims has provided one of the most enduring features of Europe&#8217;s political and cultural life&rdquo;, so Norman Davies (1997: 254). Dass diese Koh&auml;sion nicht gerade immer friedlich verlief, soll hier gar nicht verschwiegen werden, im Gegenteil, doch verhindern auch kriegerische Konflikte und Auseinandersetzungen eine gegenseitige geistige Durchdringung nicht unbedingt. Auch in der Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung werden B&uuml;cher wie das des Irakers Jim al-Khalili (2011: 17-18) ins Programm &uuml;bernommen, in denen dieser die Verschr&auml;nkungen und gegenseitigen Beeinflussungen der arabischen und der europ&auml;ischen Geschichte nachzeichnet:</p>
<p>&bdquo;Wir sollten untersuchen, was das kulturelle und wissenschaftliche Denken des Abendlandes den Arbeiten zu verdanken hat, die arabische und persische, muslimische, christliche und j&uuml;dische Denker und Wissenschaftler vor 1000 Jahren leisteten. In den Zeittafeln, die man in popul&auml;rwissenschaftlichen Berichten &uuml;ber die Wissenschaftsgeschichte findet, haben in der Regel zwischen der Zeit der alten Griechen und der europ&auml;ischen Renaissance keine gr&ouml;&szlig;eren wissenschaftlichen Fortschritte stattgefunden. In dieser Zwischenzeit, so erz&auml;hlt man uns, befanden sich Westeuropa und &mdash; so wird damit unterstellt &mdash; auch die &uuml;brige Welt 1000 Jahre lang im dunklen Mittelalter. In Wirklichkeit war das Arabische f&uuml;r eine Zeit von 700 Jahren die internationale Sprache der Wissenschaft.&rdquo;</p>
<p>Die Freiheit des Denkens hat immer wieder verschiedene Impulse und Anregungen, Neuerungen und R&uuml;ckbez&uuml;ge erfahren. Diese geistigen Austausch- und Transferbeziehungen in einer historischen Tiefendimension aufzuschl&uuml;sseln und zu veranschaulichen w&uuml;rde nicht im Sinne eines Lernens aus der Geschichte eine F&uuml;lle an Fallbeispielen f&uuml;r heutige Fragestellungen bereitstellen. Doch es w&uuml;rde die st&auml;ndig sich im Wandel befindenden Zentrum- und Peripherieverh&auml;ltnisse Europas verdeutlichen. Dadurch gerieten vorherrschende Erz&auml;hlungen eines statischen, kulturell homogenen, in seinen Grenzen klar abgrenzbaren Europa &uuml;ber dessen Vorstellung zu allen Zeiten eine eindeutige Vorstellung vorhanden gewesen sei, ins Wanken. Der Begriff der Freiheit sei hier als einer von vielen anderen M&ouml;glichkeiten kurz aufgegriffen worden.</p>
<h2 class="auto-created">Die Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen der Weltfi&shy;nanz&shy;krise und des Klima&shy;wan&shy;dels</h2>
<p>Keine der bedeutenden aktuellen Herausforderungen hat die nationale Perspektive so sehr in ihrer Beschr&auml;nktheit vor Augen gef&uuml;hrt, wie die Finanz- und Bankenkrise sowie der Umgang mit dem weltweiten Klimawandel. Die zu l&ouml;senden Aufgaben sind in bei-den F&auml;llen nur noch durch die Zusammenarbeit aller gro&szlig;en Nationen zu bew&auml;ltigen. Und umso mehr Anstrengungen zu Kooperationen unternommen werden, so st&auml;rker wird das Bewusstsein daf&uuml;r sensibilisiert, wie unterschiedlich die jeweiligen Denk- und Zugangsweisen sind. Und es wird auch deutlich, wie sehr auch schon in der Vergangenheit Austauschprozesse zwischen den verschiedenen Weltgegenden stattgefunden haben. H&auml;ufig war und ist es eine national verengte Wahrnehmung, mithin eine solche Geschichtsschreibung, die den Eindruck homogener nationaler oder kultureller R&auml;ume suggerierte. Dies hat sich in den letzten zwanzig Jahren zunehmend ge&auml;ndert, es reicht nicht mehr nur zu vergleichen, sondern gerade eben die Beziehungen und gegenseitigen Beeinflussungen in den Blick zunehmen. &bdquo;Historians and social scientists have thus begun to stress the limits of comparisons. Interactions involve highly complex processes of cultural transfer, of give and take, in which institutions and ideas are transformed and act on each other.&rdquo; (Iggers 2006: 85)</p>
<p>Beide Krisen stellen die gegenw&auml;rtige europ&auml;isch-westliche Demokratie vor elementare Fragen dar&uuml;ber, wie das Zusammenleben in Zukunft miteinander gestaltet werden soll. Beide Themenbereiche ber&uuml;hren grundlegende Begriffe des modernen. Selbstverst&auml;ndnisses westlich-s&auml;kularer Gesellschaften wie Vernunft, Fortschritt, Rationalit&auml;t aber zum Beispiel auch nach Vorstellungen von einem guten Leben. Sp&auml;testens seit den 1970erJahren wird bereits von einem Wertewandel (Inglehardt) gesprochen, dessen Kritik am Fortschrittsglauben und an der dominanten Maxime eines Wachstumsbegriffs Ansto&szlig; nahm. Joachim Radkau (2011) bem&uuml;hte zuletzt die Formel von einer &bdquo;&Auml;ra der &Ouml;kologie&rdquo;, unter der er eine globale Entwicklung subsumiert, in der &bdquo;ein tiefes Unbehagen auf den Begriff gebracht und politikf&auml;hig gemacht&rdquo; (ebd.: 7) worden ist. Es mag eingewandt werden, dass dieses Unbehagen an der Moderne bereits von Sigmund Freud und anderen vorgebracht wurde, dies &auml;ndert jedoch nichts an der spezifischen Neuausrichtung dieser Jahre: &bdquo;Nicht nur die kapitalistische &#8218;Jagd nach Mehrwert&#8216; im engeren Sinn war Gegenstand der Kritik der Neuen Linken, sondern eine durchaus produktive, aber als repressiv verschrieene Rationalit&auml;t, die [&#8230;] das Leben gleichschaltet und jede Opposition und Alternative neutralisiert&rdquo; (Loewenstein 2009: 418).</p>
<p>Die Weltfinanz- und Bankenkrise aber auch die Herausforderungen des Klimawandels haben diese Denkrichtung zu einer neuen F&uuml;lle an grunds&auml;tzlicher Kritik befl&uuml;gelt. Ob man es mit David Graeber (2011) h&auml;lt und ein auf dem Prinzip des Schuldenmachens aufbauendes System als Ganzes in Frage stellt, oder wie im deutschsprachigen Raum mit dem &bdquo;Wirtschaftsprediger&rdquo; (Koch 2012) Christian Felber, der eine &bdquo;Gemeinwohl&ouml;konomie&#8220; als Perspektive f&uuml;r eine Gesellschaftsform beschreibt, in der &#8222;die ganze Wirtschaft und jedes Unternehmen von Konkurenz auf Kooperation umzupolen&#8220; (ebd.)sei: Alle diese (und es g&auml;be hier noch eine Unmenge anderer) Beispiele sind eingebunden in eine sich global vernetzende &#8222;Unbehagen-Community&#8220;, deren vielleicht gr&ouml;sstes Echo in den Schriften von Stephane Hessel seinen Ausdruck findet (vgl. Lang 2012 i.E.).Auf eine verk&uuml;rzte Formel gebracht, bilden die beiden hier herangezogenen globalen Grossproblemlagen die Grundlage f&uuml;r einen ebenso globalen Prozess, sich &uuml;ber die Grundlagen des jeweils eigenen Weltverh&auml;ltnisses Gedanken zu machen.</p>
<p>Setzt man sich mit j&uuml;ngeren Arbeiten, zum Beispiel mit Charles Taylors Werk &uuml;ber die S&auml;kularisierung oder Hartmut Rosas &Uuml;berlegungen zum Prozess der Beschleunigung in der Moderne, auseinander, so r&uuml;ckt in beiden F&auml;llen die Ver&auml;nderung eines Gef&uuml;hls eines solchen Weltverh&auml;ltnisses, eines &#8222;In-die-Welt-gestellt-seins&#8220; (Rosa 2012 : 8) in den Fokus. Taylor geht der Frage nach, was genau es eigentlich mit dem Begriff der S&auml;kularisierung auf sich hat. Dies soll hier nicht ausf&uuml;hrlich debattiert oder dargestellt werden, interessant an seiner Fragestellung ist jedoch, dass es ihm &#8220; ganz allgemein gesprochen, um alternative M&ouml;glichkeiten der F&uuml;hrung unseres moralisch-spirituellen Lebens geht&#8220; (Taylor 2009 : 18) und wie diese sich immer wieder ver&auml;ndert und gewandelt haben. Er setzt voraus, dass es so etwas wie ein &#8222;Gef&uuml;hl der F&uuml;lle&#8220; /ebd.) gibt.</p>
<p>&#8222;An diesem Ort (in dieser T&auml;tigkeit oder in diesem Zustand) ist das Leben voller, reicher, tiefer, lohnender, bewundernswerter und in h&ouml;herem Ma&szlig;e das, was es sein sollte.&#8220; (ebd.) Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in deiesem Zusammenhang die von Hans &gt;Joas (2011:251) beschriebene &#8222;Bedeutung subjektiver Gewi&szlig;heit, von Evidenzempfinden und affektiver Intensit&auml;t&#8220;. Joas geht unter anderem der Frage nach, wie sich &#8222;Wertegeneralisierungen&#8220;(ebd.) in komplexen Gesellschaften ver&auml;nderen und wie sie m&ouml;glich sind im Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller Wertbindungen. Die f&uuml;r den hier angestrebten Gedankengang entscheidende Begriff, wurde von Joas (ebd.:264) in Anlehnung an Talcott Parsons ind Spiel gebracht. F&uuml;r beide geht es um &#8222;einen dynamischen Prozess der wechselseitigen Modifikation&#8220;, der die Kommunikation nicht auf politische oder verfassungsrechtliche Prinzipien beschr&auml;nkt, sondern (&#8230;) sich gerade den Tiefenschichten von Wertesystemen und Religionen&#8220; &ouml;ffnet.</p>
<p>Rosa (2012: 11) sieht daher den Bedarf f&uuml;r eine umfassende Analyse von diesen Evidenzempfindungen ( wie es Joas formuliert h&auml;tte):&#8220;Gerade weil die Arten und Differenzen menschlicher Weltbeziehung sich nicht auf Unterschiede der kognitiven Repr&auml;sentation von Welt reduzieren lassen, erfordert ihre Analyse die Rekonstruktion kultureller Lebensformen als Ganzen. Erst in dem Ensemble aus Institutionen und Praktiken, aus Sprache und Habitus und den durch sie erzeugten Emotionen und Interaktionen formt sich die historisch und kulturell je spezifische Weise einer Weltbeziehung. Um einen Sinn f&uuml;r die Differenzen zwischen solchen Weltbeziehungen zu gewinnen, sind komplexe hermeneutische Operationen erforderlich, die es erlauben, mit den Mitteln der Sprache die Unterschiede auch in den nichtsprachlichen Modi der Welterfahrung, Weltaneignung und Weltbearbeitung sp&uuml;rbar werden zu lassen.&#8220;</p>
<p>Das Entscheidende f&uuml;r den hier diskutierten Kontext ist jedoch der Begriff der Modifikation. &#8222;Der Glaube an Gott&#8220;,so Taylor (2009:32),&#8220;l&auml;uft im Jahre 1500 nicht aufs gleiche hinaus wie im Jahre 2000.&#8220; Der Wert, den diese Erkenntnis f&uuml;r die heutigen Herausforderungen hat, liegt in einem Verst&auml;ndnis f&uuml;r das st&auml;ndige Varianzpotenzial kulturell bedingter Evidenzempfindungen in der Geschichte und in der Gegenwart. Aus einer europ&auml;ischen Perspektive bedeutet dies im Hinblick auf die hier als Beispiele herangezogenen Probleme, die sich mit der Finanz- und Bankenkrise sowie den Folgen des Klimawandels ergeben, sich der Modifikationspotenziale auch im Austausch mit anderen Kulturen zu vergegenw&auml;rtigen. Dies lie&szlig;e sich am besten dadurch erreichen, dass zum Beispiel die unterschiedlichen Wege der letzten 250 Jahre &mdash; also dessen, was gemeinhin als Beginn und Bl&uuml;tezeit des Industriezeitalters bezeichnet wird &mdash; in einem globalen Kontext zu Europa nachgezeichnet w&uuml;rde. Kenneth Pomeranz (2000: 3&mdash;4) hat veranschaulicht, wie sehr einerseits &bdquo;the vital role of internally driven European growth&rdquo; von Bedeutung war, andererseits &bdquo;how similar those processes were to processes at work elsewhere, especially in east Asia, until almost 1800&rdquo;. Erst die vielen Vorteile, die sich aus den europ&auml;ischen Kolonialreichen ergaben, erkl&auml;ren Teile der europ&auml;ischen Vorherrschaft in den zweihundert Jahren, die darauf folgten.</p>
<p>Wenn nun eben diese Prozesse an einem Punkt angelangt sind, an dem diese zunehmend als eine grundlegende Krise aufgefasst werden, kann der Blick auf die unterschiedlichen Verlaufsprozesse der verschiedenen Weltregionen R&uuml;ckschl&uuml;sse auf m&ouml;gliche Alternativen und eben Modifikationen in einer der eigenen Denkart fremden Logik aufzeigen. Rosa selbst bezieht sich immer wieder auf Taylor, wenn er Kritik an einem allzu unreflektierten Rationalisierungs- und Vernunftglauben &uuml;bt. Hier benutzt Rosa den Taylorschen Begriff der Resonanz, der das Verh&auml;ltnis zwischen dem Einzelnen zur Welt beschreibt: &bdquo;Die Trennung zwischen Subjekt und Welt hat sich verabsolutiert&rdquo;, so Rosa (2011: 24). &bdquo;Taylor betont in Ein <i>s&auml;kulares Zeitalter </i>[Hervorhebung i. 0., MS] immer wieder, dass es ihm bei seiner Gegen&uuml;berstellung der verschiedenen Arten des Glaubens und Nichtglaubens nicht auf die Unterschiede in den &Uuml;berzeugungen und den kognitiven Strukturen des Weltbildes ankomme, sondern auf die verschiedenen Weisen der Welterfahrung.&rdquo; (ebd.: 30) Die globale Dimension l&auml;sst an L&ouml;sungswege, die ohne die Kenntnisse dieser unterschiedlichen Welterfahrungen auskommen, eigentlich kaum vorstellbar erscheinen. Sowohl das Verst&auml;ndnis dieser von &bdquo;uns&rdquo; divergierenden Welterfahrungen, als auch die in ihnen oder in ihrer Konvergenz potenziell denkbaren L&ouml;sungsans&auml;tze machen eine solche Europa in seinen vielen Verflechtungsbeziehungen er-z&auml;hlende Geschichte n&ouml;tig. Sich dieser auch in der eigenen Geschichte inh&auml;renten Diffusionen und Wandelbarkeiten von Evidenzempfindungen zu vergegenw&auml;rtigen, k&ouml;nnte ein Schl&uuml;ssel f&uuml;r den Umgang mit &bdquo;anderen&rdquo; Denkgewohnheiten heute sein. Dies gilt dabei sowohl in Bezug auf Ideen, die von au&szlig;en herangetragen werden als auch f&uuml;r solche, die, vielleicht als Folge der Ber&uuml;hrung mit diesem &bdquo;Au&szlig;en&rdquo;, aus dem Inneren der europ&auml;ischen Gesellschaften kommen.</p>
<h2 class="auto-created">Abschlie&shy;&szlig;ende Bemerkung</h2>
<p>Das Haus der Europ&auml;ischen Geschichte w&uuml;rde einer europ&auml;ischen Geschichte vielmehr Rechnung tragen, wenn es deren Wandelbarkeit als konstitutives Merkmal in den Vordergrund stellte. Die Konzentrierung auf die zweite H&auml;lfte des oder auch auf das ganze<br />20. Jahrhunderts entspringt einer teleologischen Perspektive, die die gegenw&auml;rtige Europ&auml;ische Union als Ausgangspunkt hat. J&ouml;rn R&uuml;sen (2003: 92) hat formuliert, &bdquo;was europ&auml;isches Geschichtsbewu&szlig;tsein nicht ist oder genauer: nicht sein kann und darf &ndash; n&auml;mlich ein von europ&auml;ischen Institutionen politisch verordnetes Geschichtsbewu&szlig;tsein, das von oben zur Angelegenheit einer politischen Praxis gemacht wird&rdquo;. Claus Leggewie und Anne Lang (2011: 182 ff.) haben in diesem Zusammenhang auf die fehlende Beteiligung einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit aufmerksam gemacht und dem Top-down europ&auml;ischer Geschichtspolitik ein &uuml;berzeugendes Pl&auml;doyer f&uuml;r ein Bottom-up durch die Einbeziehung der europ&auml;ischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gegen&uuml;ber gestellt. Doch auch die Geschichtswissenschaft hat die Aufgabe, weiter eigene alternative Fragestellungen und Perspektiven zu entwickeln und in die Diskussion &uuml;ber solche Projekte wie dem Haus der Europ&auml;ischen Geschichte einzubringen.</p>
<p>Die Miteinbeziehung der Geschichte des Mittelmeerraumes in eine gesamteurop&auml;ische Geschichtserz&auml;hlung (dies sei hier nur als ein m&ouml;gliches Beispiel genannt), b&ouml;te in einem solchen Museum den Vorteil, auch Teile des arabischen Raumes als Peripherie eines Europas zu begreifen, als dessen Teil es in der Vergangenheit einmal st&auml;rker pr&auml;sent war als heute. Diese Sichtweise &ouml;ffnet die Perspektive, diesen Teil in einem zu-k&uuml;nftigen Europa auch wieder als zentraleren Bezugspunkt vorstellen zu k&ouml;nnen. Die eingangs erw&auml;hnten Entwicklungen im Maghreb erhielten sowohl in historischer als auch in einer in die Zukunft gerichteten Perspektive eine europ&auml;ische Komponente.<br />Und es lohnt auch &Uuml;berlegungen in eine solche Ausstellungskonzeption mit einzubeziehen, die eine europ&auml;ische Geschichte vor dem Hintergrund der Finanz- und Bankenkrise sowie den Herausforderungen des Klimawandels als eine Geschichte des st&auml;ndig wandelnden &bdquo;In-die-Welt-gestellt-Seins&rdquo; wagt, bei der aktuelle Gesellschafts- und Systemkritik in einen historischen Kontext zu anderen Verschiebungen und Entwicklungen in der Selbstwahrnehmung und -betrachtung der Europ&auml;er gesetzt werden. Die Offenheit Europas, so wie Eric Hobsbawm sie beschrieben hat, w&uuml;rde damit als zentrales Element der europ&auml;ischen Geschichte erfahrbar.</p>
<p>(1) Der Verfasser dieses Artikels hat sich in einem anderen Beitrag ausf&uuml;hrlich mit diesen konzeptionellen Grundlagen auseinandergesetzt: Marcel Siepmann (2012, i. E.): Ein Haus der Europ&auml;ischen Geschichte wird eingerichtet, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht.</p>
<p>(2) Das Projekt st&uuml;nde damit in der jungen Tradition einer EU-Geschichtspolitik, die ein zunehmendes Interesse daran erkennen l&auml;sst, dieser Erinnerung Rechnung zu tragen. Zumindest kann die Erkl &auml;rung des EU-Parlaments, den 23. August 1939 &mdash; also den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts (samt geheimen Zusatzprotokolls) &mdash; zum &bdquo;Europ&auml;ischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus&rdquo; (Europ&auml;isches Parlament 2008) zu machen, so gedeutet werden.</p>
<p>(3) Timothy Garton Ash verfolgt hier ein spannendes Projekt unter dem Titel &bdquo;Free Speech Debate&rdquo;, bei dem er auf seiner Website (<a href="http://freespeechdebate.com/en" target="_blank" rel="noopener">http://freespeechdebate.com/en</a>) ein Forum bietet, &uuml;ber zehn Punkte zu debattieren, die sich mit den Voraussetzungen von Meinungsfreiheit auseinandersetzen. Die zehn Punkte sind in zehn Sprachen &uuml;bersetzt und k&ouml;nnen somit von einem gro&szlig;en Teil der Weltbev&ouml;lkerung verstanden werden. Vgl. dazu auch die Tagung &bdquo;Freespeech&rdquo; (<a href="http://www.kulturwissenschaften.de/home/freespeech.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.kulturwissenschaften.de/home/freespeech.html</a>) des K&auml;te-Hamburger-Kollegs &bdquo;Politische Kulturen der<br />Weltgesellschaft&#8220; am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen sowie den dazu entstandenen Tagungsbericht (Siepmann/Schuster 2012).</p>
<p>(4) Vgl. Hierzu auch die Debatte &uuml;ber den Beitritt der T&uuml;rkei zur EU und dazu besonders die skeptischen Beitr&auml;ge der Historiker Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler, beide abgedruckt in: Claus Leggewie (Hg.) (2004): Die T&uuml;rkei und Europa. Die Positionen, Frankfurt a. M.</p>
<p>(5) Abulafia (133) ist hier &uuml;brigens wesentlich skeptischer: &bdquo;Whether the Greeks were really fighting for liberty against Persian tyranny is questionable. In the late fifth century, at the height of their struggle against one another in the Peloponnesian War, the Spartans and the Athenians were constantly trying to win the favour of the Persians; submitting to the Persian king was not always seen as a despicable act.&rdquo;</p>
<p>(6) Hartmut Leppin (2012: 22) sieht es &auml;hnlich wie Meier, wenn er betont, diese Freiheit &bdquo;scheint spezifisch zu sein f&uuml;r die europ&auml;ische Kultur und stellt damit ein besonders wichtiges und &mdash; das sollte man auch betonen d&uuml;rfen &#8211; wertvolles Erbe der Antike dar.&rdquo;</p>
<p>(7) Vgl. die gro&szlig;fl&auml;chigen Artikel in &bdquo;Die Zeit&rdquo; (&bdquo;Al-Andalus, goldener Traum&#8220; vom 16. Juni 2011) des Z&uuml;rcher Romanisten Georg Bossong oder von Heiko Flottau (&bdquo;Streng und tolerant&#8220; vom 9. Juni 2012) in der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&rdquo;. Letzterer bezieht sich dabei auf einen historischen R&uuml;ckgriff des al-Qaida-Anfiihrers Aiman al-Zawahiri, der dazu aufgerufen hatte, die Muslime m&uuml;ssten &bdquo;Andalusien zur&uuml;ckerobern&rdquo; (ebd.).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Abulafia, David</i> 2011: The Great Sea. A Human History of the Mediterranean, London/New York.</p>
<p><i>Al-Khalili, Jim</i> 2011: Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur, Bonn.</p>
<p><i>Chakrabarty, Dipesh </i>2010a: Vorwort, in: Ders., Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt a. M./New York, S. 9&mdash;16.</p>
<p><i>Chakrabarty, Dipesh</i> 2010b: Europa provinzialisieren: Postkolonialit&auml;t und die Kritik der Geschichte, in: Ders., Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung, Frankfurt a. M./ New York, S. 41-65.</p>
<p><i>Davies, Norman</i> 1997: Europe. A History, London.</p>
<p><i>Europ&auml;isches Parlament 2008</i>: Schriftliche Erkl&auml;rung 0044/2008 zur Erkl&auml;rung des 23. August zum Europ&auml;ischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus, vom 9. September 2008, gefunden unter: <a href="http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?language=DE&amp;pubRef=-//EP//NONSGML+WDECL+p6-DCL-2008-0044+0+DOC+pDF+VO//DE" target="_blank" rel="noopener">http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//NONSGML+WDECL+p6-DCL-2008-0044+0+DOC+pDF+VO//DE&amp;language=DE</a>, zuletzt abgerufen am: 8. Juli 2012.</p>
<p><i>Graeber, David</i> 2011: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart.</p>
<p><i>Fukuyama, Francis </i>2006: The End of History and the Last Man, Cambridge.</p>
<p><i>Hobsbawm, Eric</i> 1998: Die merkw&uuml;rdige Geschichte Europas, in: Ders., Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, M&uuml;nchen, S. 275-287.</p>
<p><i>Huntington, Samuel P</i>. 1997, 6. Aufl.: Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, M&uuml;nchen/Wien.</p>
<p><i>Iggers, Georg G</i>. 2006: Modern Historiography from an Intercultural Global Perspective, in: Gunilla Budde et al.</p>
<p>(Hg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Joas, Hans</i> 2011: Die Sakralit&auml;t der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin.</p>
<p><i>Judt, Tony </i>2009: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M.</p>
<p><i>Koch, Hannes</i> 2012: Der Finanzmissionar, in: die tageszeitung, 14. April 2012.</p>
<p><i>Lang, Anne</i> 2012, i. E.: Artikel: Stephane Hessel, in: Claus Leggewie et al. (Hg.), Schl&uuml;sselwerke der Kulturwissenschaften, Bielefeld.</p>
<p><i>Leggewie, Claus</i> (zusammen mit Anne Lang) 2011: Der Kampf um die europ&auml;ische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Leggewie, Claus</i> (Hg.) 2004: Die T&uuml;rkei und Europa. Die Positionen, Frankfurt a. M.</p>
<p><i>Leppin, Hartmut</i> 2012: Die Antike und Europa &mdash; Auf der Suche nach den europ&auml;ischen Wurzeln, in: Geschichte f&uuml;r heute. Zeitschrift f&uuml;r historische Bildung, 5, 1/2012, S. 18-39.</p>
<p><i>Loewenstein, Bedrich</i> 2009. Der Fortschrittsglaube. Geschichte einer europ&auml;ischen Idee, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Meier, Christian </i>2009: Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anf&auml;nge &mdash; Anf&auml;nge Europas?, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Pomeranz, Kenneth</i> 2000: The Great Divergence. China, Europe, and the Making of the Modern World Economy, Princeton/Oxford.</p>
<p><i>P&ouml;ttering, Hans-Gert</i> 2009: Interview mit der Fondation Robert Schuman, European Interview, Nr. 34, 19.05.2009, gefunden unter: <a href="http://www.robert-schuman.eu/doc/entretiens_europe/ee-34-de.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.robert-schuman.eu/doc/entretiens_europe/ee-34-de.pdf</a>, zuletzt abgerufen am: 8. Juli 2012.</p>
<p><i>Radkau, Joachim</i> 2011: Die &Auml;ra der &Ouml;kologie. Eine Weltgeschichte, M&uuml;nchen.</p>
<p><i>Rosa, Hartmut</i> 2012: Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik, Berlin.</p>
<p><i>Rosa, Hartmut</i> 2011: Is There Anybody Out There? Stumme und resonante Weltbeziehungen &mdash; Charles Taylors monomanischer Analysefokus, in: Michael K&uuml;hnlein/Matthias Lutz-Bachmann, Unerf&uuml;llte Moderne? Neue Perspektiven auf das Werk von Charles Taylor, Berlin, S. 15-43.</p>
<p><i>R&uuml;sen, J&ouml;rn</i> 2003: Europ&auml;isches Geschichtsbewusstsein. Vorgaben, Visionen, Interventionen, in: Ders.,Kann gestern besser werden? Essays zum Bedenken der Geschichte, Berlin, S. 91&ndash;106.</p>
<p><i>R&uuml;sen, J&ouml;rn</i> 1983: Historische Vernunft: Grundz&uuml;ge einer Historik, Bd. 1. Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft, G&ouml;ttingen.</p>
<p><i>Sachverst&auml;ndigenausschuss des Hauses der Europ&auml;ischen Geschichte</i>: Konzeptionelle Grundlage f&uuml;r ein Haus der Europ&auml;ischen Geschichte. Br&uuml;ssel 2008.</p>
<p><i>Siepmann, Marcel/Schuster, Jan</i> 2012, i. E.: Tagungsbericht zu: &bdquo;Free Speech. Redefreiheit in einer multikulturellen Welt, in: H-Soz-u-Kult.</p>
<p><i>Siepmann, Marcel</i> 2012, i. E.: Ein Haus der Europ&auml;ischen Geschichte wird eingerichtet, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht.</p>
<p><i>Szlez&auml;k, Thomas Alexander</i> 2010: Was Europa den Griechen verdankt. Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike, T&uuml;bingen.</p>
<p><i>Taylor, Charles</i> 2009: Ein s&auml;kulares Zeitalter, Frankfurt a. M.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/europaeische-erinnerung-und-die-herausforderung-der-globalisierung/">Europäische Erinnerung und die Herausforderung der Globalisierung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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