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	<title>Marcus Hawel Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die verdrängte Erbschaft des Herbstes 1989</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2009 18:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Blick zur&#252;ck mit und ohne J&#252;rgen Habermas, aus: vorg&#228;nge Nr. 185, Heft 1/2009, S. 48-58 Das Jahr 2009 ist ein vergangenheitspolitisches Schaltjahr. Vor 20 Jahren im Herbst 1989 ereignete sich der Beginn des Untergangs der Deutschen Demokratischen Republik, die vor 60 Jahren gegr&#252;ndet wurde. Ebenfalls vor 60 Jahren wurde am 23. Mai in der Bundesrepublik [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/185-vorgaenge/publikation/die-verdraengte-erbschaft-des-herbstes-1989/">Die verdrängte Erbschaft des Herbstes 1989</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Blick zur&uuml;ck mit und ohne J&uuml;rgen Habermas,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft 1/2009, S. 48-58</p>
<p>Das Jahr 2009 ist ein vergangenheitspolitisches Schaltjahr. Vor 20 Jahren im Herbst 1989 ereignete sich der Beginn des Untergangs der Deutschen Demokratischen Republik, die vor 60 Jahren gegr&uuml;ndet wurde. Ebenfalls vor 60 Jahren wurde am 23. Mai in der Bundesrepublik das Grundgesetz verk&uuml;ndet. In 2009 wird es nunmehr als eine gesamtdeutsche &#8222;demokratische Erfolgsgeschichte&#8220; gefeiert, auf die man stolz zur&uuml;ckblickt angesichts der gescheiterten ersten republikanischen Verfassung, die vor 90 Jahren in Kraft trat und in einer Republik ohne Demokraten auf wenig Verteidigung gegen die Nationalsozialisten stie&szlig;, die wiederum vor 70 Jahren mit dem &Uuml;berfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg begannen und die Welt in eine Katastrophe st&uuml;rzten.</p>
<p>Alle diese Daten bilden ein zeitgeschichtliches Kontinuum, in dem alles miteinander zusammenh&auml;ngt und f&uuml;r die Bewertung der Vorg&auml;nge im Herbst 1989 von Relevanz ist. Doch mit welchen Begriffen soll man zur&uuml;ckschauen?</p>
<h2 class="auto-created">J&uuml;rgen Habermas &ndash; Philosoph der Bonner Republik </h2>
<p>Es ist der Sozialphilosoph J&uuml;rgen Habermas, der wie kein Zweiter in unserer Republik &uuml;ber Jahrzehnte bundesrepublikanischer Geschichte die politischen Entwicklungen nicht nur reflexiv begleitet, sondern auch die entsprechenden Stichworte geliefert hat, die sich zu pr&auml;genden, hegemonialen und die Wirklichkeit wahrnehmenden Begriffen ausgebildet haben.</p>
<p>Habermas&#8216; Begriffe besitzen allerdings eine bundesrepublikanische Schlagseite. Den schon in der Nachkriegszeit elaborierten Begriffen wie &#8222;posttraditionale Identit&auml;t&#8220;, &#8222;abstrakter Verfassungspatriotismus&#8220;, &#8222;postnationale Konstellation&#8220; oder &#8222;neue Un&uuml;bersichtlichkeit&#8220; haftet zwar keineswegs der Geruch des Provinziellen an; sie sind kosmopolitisch, international anschlussf&auml;hig, inspirierend und tonangebend. Und trotzdem klebt an ihnen das Herkunftsigel der Bonner Republik. Das ergab sich gleichsam zwangsl&auml;ufig und war bis zur deutschen Einheit folgerichtig, jedenfalls nicht weiter verwunderlich angesichts einer bipolaren Weltordnung, in der das geteilte Deutschland Frontstaat zwischen den milit&auml;rischen Bl&ouml;cken war und sich die Bundesrepublik mit Konrad Adenauer f&uuml;r den Westen entschieden hatte.[1] Heinrich-August Winkler ordnet Habermas und seinesgleichen aus der Retrospektive einer &#8222;Adenauerschen Linken&#8220;[2] zu, die den Geist der Restauration der 1950er Jahre zwar bek&auml;mpfte, allerdings Adenauers Option f&uuml;r den Westen &#8211; der &#8222;Eind&auml;mmung durch Einbindung&#8220; &#8211; und der Schaffung europ&auml;ischer Strukturen den Vorzug vor einer voreiligen Wiedervereinigung gaben, die aus tendenziell[3] nationalistischen Gr&uuml;nden wiederum Kurt Schumacher favorisierte. Habermas klassifizierte die Westorientierung der Bundesrepublik als eine der gr&ouml;&szlig;ten Leistungen der Nachkriegszeit. &#8222;Dass sich die Deutschen diesseits von Elbe und Werra zum westlichen Europa rechnen, ist [jedenfalls] erst in den Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges selbstverst&auml;ndlich geworden&#8220;, sagte er im Mai 1987 in Kopenhagen in seiner Dankesrede zur Entgegennahme des Sonning-Preises.[4]</p>
<p>Die historische Bedeutung der Westorientierung l&auml;sst sich mit Helmuth Plessners <i>Die versp&auml;tete Nation </i>erschlie&szlig;en. Dort f&uuml;hrt Plessner aus, wie der &#8222;b&uuml;rgerliche Geist&#8220; in Deutschland zu einer antiwestlichen Haltung gelangte, die schlie&szlig;lich in die Katastrophe f&uuml;hrte.[5] F&uuml;r die Nachkriegszeit macht Habermas eine &#8222;posttraditionale Identit&auml;t&#8220; gelten, zumal sich in der deutschen Geschichte auch vor Auschwitz keine positiven Ankn&uuml;pfungspunkte f&uuml;r eine nationale Identit&auml;t mehr finden lassen, sich die Bundesrepublik aufgrund eingeschr&auml;nkter Souver&auml;nit&auml;t bis 1989/90 in einer postnationalen Konstellation befand.[6] Habermas entfaltet eine &#8222;Dialektik der Normalisierung&#8220;[7], nach der erst wieder Traditionen geschaffen werden m&uuml;ssen, auf die man sich in der Zukunft positiv wird berufen k&ouml;nnen.[8] Im Zentrum dieser kollektiven Identit&auml;tskonstruktion[9] soll ein nichtnationalistischer Verfassungspatriotismus liberaler Pr&auml;gung stehen (demokratischer Verfassungsstaat), &#8222;der sich nicht mehr auf das konkrete Ganze einer Nation, sondern auf abstrakte Verfahren und Prinzipien bezieht&#8220;[10].</p>
<p>Gegen den leidenschaftslosen, abstrakten Verfassungspatriotismus und gegen die n&uuml;chterne rationalistische kollektive Identit&auml;tskonstruktion, die radikal mit der deutschen Tradition brechen m&ouml;chte, entbrannte 1986 der Historikerstreit,[11] der sich bis zum Vorabend der deutschen Einheit hinzog.</p>
<h2 class="auto-created">Norma&shy;li&shy;siertes Deutschland, vereintes Europa? </h2>
<p>Seit dem Herbst 1989 ver&auml;nderte sich die Gesamtkonstellation. Die in der Bonner Republik von Habermas elaborierten Begrifflichkeiten nahmen nunmehr eine Einseitigkeit an, auf Grund welcher die Bedeutung der fortschrittlichen Impulse seitens der ostdeutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung nur schwer wahrgenommen werden konnten. Schon vor der &#8222;Wende&#8220; von 1989 hatte Habermas postnationale Konstellation und posttraditionale Identit&auml;t nicht mehr nur auf Westdeutschland bezogen, sondern als allgemeine Tendenz f&uuml;r die fortgeschrittenen westlichen Industriestaaten in Anschlag gebracht.[12] Habermas war wie viele westdeutsche Intellektuelle auf die M&ouml;glichkeit einer Wiedervereinigung nicht gerade vorbereitet und dieser gegen&uuml;ber skeptisch eingestellt. Nach der deutschen Einheit interessiert er sich nunmehr f&uuml;r die nach vorne gerichteten Prozesse, wenn er etwa sagt: &#8222;Kohls historischer Verdienst war die Verklammerung der nationalen Wiedervereinigung mit der Einigung Europas&#8220;[13]. In der Berliner Republik seit Mitte der 1990er Jahre wird dann die Europ&auml;ische Union f&uuml;r Habermas zum Dreh- und Angelprojekt einer ersten realen postnationalen Demokratie auf h&ouml;herer Integrationsebene. Er kritisiert zwar vehement ein offenkundig gewordenes Demokratiedefizit der Europ&auml;ischen Union, weil man sich der historischen Wurzeln der europ&auml;ischen Integration nicht mehr erinnere.[14] Im Juni 2001 hielt Habermas in mehreren europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten eine Rede &uuml;ber die Notwendigkeit einer europ&auml;ischen Verfassung.[15] Demnach bestehe eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen den einstigen Euphorien und Visionen der Europ&auml;er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und den Konzepten jener, die heute die politische Einigung Europas zu vollstrecken haben.[16] Die Gr&uuml;ndungsv&auml;ter h&auml;tten eher ein politisches Europa nach Vorbild der USA im Blick gehabt. Die Ideologie des Nationalismus sollte f&uuml;r immer ge&auml;chtet sein, und dessen Bezugsgr&ouml;&szlig;e: der Nationalstaat, sollte durch eine h&ouml;here Integrationsebene aufgel&ouml;st werden. Mittlerweile aber werde die europ&auml;ische Integration beinahe ausnahmslos vorangetrieben durch die &ouml;konomischen Interessen. Der Wille zu neuen Integrationsebenen und sinnstiftenden, kollektiven Identit&auml;ten, so Habermas, entstehe aber vor allem als Reflex auf gesellschaftliche Krisensituationen.[17] Das sei auch der Grund, weshalb die Gr&uuml;ndungsv&auml;ter eines politischen Europas unmittelbar nach dem Krieg weitaus verst&auml;ndiger in der Bereitschaft f&uuml;r postnationale Konstellationen gewesen waren als heute: Der zivilisatorische Zusammenbruch in der ersten H&auml;lfte des letzten Jahrhunderts sei heute weitgehend &#8222;sachlich&#8220; verarbeitet. Alles dr&auml;nge nach &#8222;Normalit&auml;t&#8220;[18]. In Europa herrsche keine Angst mehr vor einem chauvinistischen Deutschland.[19]</p>
<p>Allerdings unterl&auml;sst es Habermas, zur Verst&auml;rkung seiner Kritik sich positiv auf den Herbst 1989, d.h. auf die emanzipativen Impulse der ostdeutschen B&uuml;rgerbewegung dieser Zeit zu beziehen. Insofern scheint diese Phase f&uuml;r Habermas eine Marginalie gewesen zu sein. Ostdeutschen Intellektuellen hat Habermas durchaus etwas zu sagen, aber sie m&uuml;ssen sich dessen Gedankenwelt &uuml;ber den Umweg der Verinnerlichung und Rekonstruktion der bundesrepublikanischen Geschichte zuvor aneignen, um zu verstehen, wie und warum Habermas sich politisch positioniert. Das gilt nicht nur f&uuml;r die Begriffe, die in der Nachkriegszeit entstanden sind, sondern auch f&uuml;r weiter reichende Begriffe und Argumentationen, die sich auf &#8222;postnationale Konstellation&#8220;, &#8222;posttraditionale Identit&auml;t&#8220;, &#8222;nachholende Revolution&#8220;, &#8222;Normalit&auml;t&#8220; und &#8222;Berliner Republik&#8220; beziehen oder konsequenzlogisch darauf hinauslaufen.</p>
<h2 class="auto-created">Philosoph der Berliner Republik? </h2>
<p>Habermas wurde sp&auml;testens in der Gestalt annehmenden und viel gepriesenen Berliner Republik zu deren Sozialphilosophen gek&uuml;rt &#8211; wie einmal Hegel f&uuml;r Preu&szlig;en. Es handelt sich dabei zwar nicht um bornierte Ignoranz gegen&uuml;ber ostdeutschen Biographien, wenngleich es aber problematisch erscheint und Westzentrierung auch des vereinten Deutschlands widerspiegelt, wenn jemand auf den Thron <i>des </i>Republikphilosophen gehoben wird, der Ostdeutschen mit DDR-Sozialisation nur auf Umwegen begreiflich gemacht werden kann: Ihre &#8222;nachgeholte Revolution&#8220;[20]} setzte das vereinte Deutschland und die Europ&auml;er instand, die durch den Zweiten Weltkrieg hervorgerufenen Wunden auf der politischen Landkarte Europas zu schlie&szlig;en, d.h. die Teilung des Kontinents zu &uuml;berwinden.</p>
<p>Das ist sicher ein Verdienst. Aber dass das Ganze unter kapitalistischen und neoliberalen Vorzeichen stattfand, ist sicher nicht mit der urspr&uuml;nglichen Absicht vieler ostdeutscher Intellektueller vereinbar gewesen. Man k&ouml;nnte mithin auf die Idee kommen, dass &#8222;Siegerphilosophie&#8220; so ausschaut, gleichsam eine Philosophie, die im &ouml;ffentlichen Gebrauch der Historie zu politisierten Zwecken instrumentalisiert wird. Einen Philosophen im vereinten Deutschland zu finden, der dem Anspruch gerecht w&uuml;rde, beiden parallel verlaufenen Geschichten nach 1945 bis 1989/90 Geltung zu verschaffen, f&auml;llt indes au&szlig;erordentlich schwer. Wer, wenn nicht Habermas? Am einfachsten wird es sein, sich erst gar nicht auf die Suche zu begeben. Der Ikonisierung scheint auch Habermas selbst nicht gerecht zu werden. Wir ben&ouml;tigen in Wirklichkeit &uuml;berhaupt keinen Philosophen <i>der </i>Republik. Was wir ben&ouml;tigen ist eine Republik der Philosophen. Dem w&uuml;rde sicher auch Habermas zustimmen. Jedenfalls ist seine Diskursethik[21] die ad&auml;quate &#8222;moralisch-praktische Verfahrensrationalit&auml;t&#8220;[22] f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Gebrauch der Vernunft in einer Republik mit lauter Philosophen. H&auml;tten wir eine solch lebendige und gebildete &Ouml;ffentlichkeit, so lie&szlig;en sich die &ouml;ffentlichen Diskurse nicht so ohne weiteres nach Herrschaftsinteressen ordnen,[23] und wichtige, aber f&uuml;r die herrschenden Eliten l&auml;stige emanzipatorische Impulse lie&szlig;en sich nicht so einfach von der Oberfl&auml;che verdr&auml;ngen. Zu solchen Impulsen z&auml;hlen auch die politischen Ideen der ostdeutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung aus dem Herbst 1989, die am Runden Tisch in einem Verfassungsentwurf kulminierten. Es handelt sich hierbei um ein unterdr&uuml;cktes, vom vereinten Deutschland nicht angetretenes Erbe von 1989.</p>
<h2 class="auto-created">Der Verfas&shy;sungs&shy;ent&shy;wurf des Runden Tisches </h2>
<p>Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches ist das eigentliche Verm&auml;chtnis aus dieser Zeit. Diese Erkenntnis wird nicht dadurch falsch, dass sie auch von Hans Modrow ge&auml;u&szlig;ert wurde. Der Verfassungsentwurf war nicht nur eine Weiterf&uuml;hrung des Grundgesetzes, sondern auch eine Konsequenz aus der eklatanten Differenz zwischen Norm und Wirklichkeit der DDR-Verfassung. Menschen-, B&uuml;rger- und Grundrechte wurden in dem Entwurf, an dem als Berater die Rechtswissenschaftler Ulrich K. Preu&szlig;, Bernhard Schlink und die derzeitige Bundesvorsitzende der Humanistischen Union Rosemarie Will beteiligt gewesen waren, entsprechend st&auml;rker gewichtet. Auf eine Notstandsgesetzgebung wurde mit Rekurs auf die Proteste der au&szlig;erparlamentarischen Opposition der 1960er Jahre in der Bundesrepublik ganz bewusst verzichtet. Im Gegensatz zum Grundgesetz, an dem der Verfassungsentwurf orientiert war, wurden auch soziale Grundrechte verfassungsrechtlich verankert: z.B. ein Recht auf Wohnung, Arbeit und Arbeitsf&ouml;rderung. Ferner wurde ein starkes Gewicht auf Elemente partizipatorischer Demokratie gelegt, die Gewerkschaften als Verfassungsgaranten mit einem politischen Mandat ausgestattet und die Mitwirkung von B&uuml;rgerbewegungen an der politischen Willensbildung hervorgehoben sowie die M&ouml;glichkeit von B&uuml;rgerentscheiden zu politischen Sachthemen vorgesehen.[24]</p>
<p>Zu erinnern w&auml;re auch an den Kreis reformorientierter Intelligenz innerhalb der SED, deren geistiges Zentrum an der Humboldt-Universit&auml;t angesiedelt war. Dort gr&uuml;ndeten Wissenschaftler wie Dieter Segert und Dieter Klein ein &#8222;Institut f&uuml;r interdisziplin&auml;re Zivilisationsforschung&#8220;, zu dessen Umfeld auch Christa Wolf und Volker Braun z&auml;hlten. Die kritischen Intellektuellen innerhalb der SED kamen zu &auml;hnlichen &Uuml;berlegungen wie die Oppositionsgruppen gegen die SED, die unter dem Dach der evangelischen Kirche Schutz gefunden hatten, und bef&uuml;rworteten die Entwicklung einer Wirtschaftsdemokratie, die St&auml;rkere Einbindung in die europ&auml;ischen Strukturen, Abr&uuml;stung und Aufl&ouml;sung der konkurrierenden Milit&auml;rbl&ouml;cke.[25]</p>
<p>Der Verfassungsentwurf wurde im letzten Jahr der DDR in der Volkskammer nicht mehr behandelt. Das war eine verspielte Chance.[26] Stattdessen wurden in der Volkskammer &Uuml;bergangsregelungen f&uuml;r die bestehende Verfassung der DDR vereinbart, die den Anschluss an die Bundesrepublik, d.h. den Beitritt zum Grundgesetz regelten. Im vereinten Deutschland fand dann keine Verfassungsdebatte mehr statt. Dieter Klein hat k&uuml;rzlich auf einer Konferenz in Leipzig betont, dass die ostdeutsche B&uuml;rgerrechtsbewegung aufgrund ihrer Nicht-Verstricktheit in das SED-Regime moralisch legitimiert gewesen sei, einen solchen Verfassungsentwurf einzubringen. Es sei aber nur ein kurzes Zeitfenster gewesen, f&uuml;r einen demokratischen Sozialismus in der DDR einzustehen. Immerhin befand sich die DDR in der Phase ihrer Aufl&ouml;sung.</p>
<p>Die Erfahrungen der ostdeutschen B&uuml;rgerbewegung k&ouml;nnten heute in den Zeiten der Kapital- und Finanzkrise wiederum fruchtbar gemacht werden. Im Herbst 1989 befinde sich, so Klein, gleichsam etwas Unabgegoltenes: Die Erfahrungen, in einer nicht mehr funktionierenden Gesellschaft mit untauglichen Machtstrukturen zu leben und dennoch zu glauben, man k&ouml;nne an den Grundnormen festhalten, haben ostdeutsche Intellektuelle aufgrund ihrer Erfahrungen im Herbst 1989 besser reflektiert als Westdeutsche. Wenn sich heute in gewisser Hinsicht dasselbe unter neoliberalen Vorzeichen wiederholt, machten jedenfalls Westdeutsche im Gegensatz zu Ostdeutschen diese konkrete Erfahrung zum ersten Mal. Erforderlich sei ein Bruch mit dem &#8222;Weiter so&#8220;, gleichsam mit Herrschaftsdiskursen, so dass es m&ouml;glich wird, ein Gesamtkonzept f&uuml;r eine gesellschaftliche Alternative (konkrete Utopie), zu entwickeln, in der ein humanes Leitbild verankert ist. Historische Ankn&uuml;pfungspunkte finden sich im Prager Fr&uuml;hling und in dem Arbeiterselbstverwaltungsmodell Jugoslawiens. Insbesondere ohne den Prager Fr&uuml;hling h&auml;tte es vermutlich keinen Herbst 1989 in der DDR gegeben.</p>
<p>Das Erbe von 1989 ist demnach nicht marginal, wohl aber marginalisiert und verdr&auml;ngt worden. Jedoch nicht vergessen. Ansonsten m&uuml;sste Schweigen zu dieser Frage herrschen. Denn das Vergessen-K&ouml;nnen ist etwas Notwendiges, um sich auf das Wichtige konzentrieren zu k&ouml;nnen. Was unabgegolten ist, kann aber nicht vergessen werden; es spukt herum und dr&auml;ngt an die &ouml;ffentliche Oberfl&auml;che. &#8222;Noch das Vergessen steht unter dem Zwang des Nicht-Vergessen-K&ouml;nnens; das nennen wir Verdr&auml;ngung.&#8220;[27] Das sagte Habermas anl&auml;sslich der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises 1985.</p>
<h2 class="auto-created">Erinne&shy;rungs&shy;kul&shy;tur: Nachgeholte oder geschei&shy;terte Revolution? </h2>
<p>Die Erinnerungskultur hat sich darauf beschr&auml;nkt, den Verlauf einer allm&auml;hlichen &Uuml;bergabe der DDR von den Herbstdemonstrationen &uuml;ber den Fall der Mauer bis zum 2+4- Vertrag &uuml;ber die deutsche Wiedervereinigung zu rekonstruieren. Dabei werden die ostdeutschen Proteste, die das SED-Regime gest&uuml;rzt haben, als eine weitgehend unblutig verlaufene Revolution klassifiziert. Habermas bezeichnet die Umbr&uuml;che als eine &#8222;nachholende Revolution&#8220;. Selten wird sich l&auml;nger an der Bedeutung der semantischen Verschiebung der im Herbst 1989 in Leipzig, Dresden und anderswo skandierten Parole &#8222;Wir sind das Volk&#8220; in &#8222;Wir sind ein Volk&#8220; aufgehalten. Dabei markiert dieser semantische Umschlag das Scheitern einer revolution&auml;ren Demokratisierung des Realsozialismus seitens der ostdeutschen Intellektuellen. Zwar hat Habermas auf diesen Unterschied durchaus verwiesen.[28] Dass er aber den Schwerpunkt der Konnotation auf das Attribut &#8222;nachholende&#8220; Revolution gelegt hat, f&uuml;hrte zur Verallgemeinerung des historischen Augenblicks. Das wurde der Intention der ostdeutschen B&uuml;rgerrechtsbewegung nicht gerecht. Vom Gelingen oder Scheitern ihrer Intentionen hing weniger die Frage der Wiedervereinigung ab &#8211; oder einer normalisierten Nation, die ihre Versp&auml;tung aufgeholt habe -, sondern inwieweit das Projekt des real existierenden Sozialismus auf dem M&uuml;llhaufen der Geschichte landet.</p>
<p>Die Geschichte des real existierenden Sozialismus, insbesondere der DDR, ist zwar keine Erfolgsgeschichte. Aus ihr sind hinsichtlich des praktizierten Verh&auml;ltnisses zwischen Freiheit und Gleichheit nur Erfahrungen im Sinne negativ abzuleitender Konsequenzen fruchtbar zu machen. Aber marginal ist die DDR-Geschichte keineswegs. &Uuml;berhaupt k&ouml;nnen die parallel verlaufenen Geschichten der beiden deutschen Staaten, mutatis mutandis zwischen der westlichen und &ouml;stlichen Hemisph&auml;re, die durch den Eisernen Vorhang getrennt waren, nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Da Deutschland geteilter Frontstaat in der bipolaren Weltordnung gewesen war, galt in der Bundesrepublik besonders, wie auch im &uuml;brigen Westeuropa in etwas abgeschw&auml;chtem Ma&szlig;e, dass die herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft zu einem Klassenkompromiss bereit waren, der den Erhalt und sogar den zeitweiligen Ausbau des Sozialstaats erm&ouml;glichte. Jedenfalls solange, wie ann&auml;hernd Vollbesch&auml;ftigung existierte und die Gewerkschaften von ihrem politischen Mandat seit 1952 nur noch punktuellen Gebrauch machten, statt dessen ihre Kompetenzen als Vertragsmacht gestalterisch zur Verbesserung der sozialen Absicherung der Lohnabh&auml;ngigen einsetzten.[29] Seit Mitte der 1980er Jahre allerdings waren in Westdeutschland die f&uuml;r die Gewerkschaften g&uuml;nstigen Kampfbedingungen der Vollbesch&auml;ftigung nicht mehr gegeben. Das Kapital verlor zunehmend die Bereitschaft, den Sozialstaat mitzufinanzieren.[30] Die Phase des stetigen und bis heute anhaltenden Sozialabbaus setzte ein und beschleunigte sich ab dem Zeitpunkt, als der Realsozialismus zusammenbrach. Mit der Aufl&ouml;sung des Realsozialismus hatten das westliche Sozialstaatsmodell und die Soziale Marktwirtschaft als Konkurrenzmodelle ihre ideologische Funktion verloren. Insofern bestand keine Notwendigkeit mehr, im Westen einen gut funktionierenden Sozialstaat sowie einen geb&auml;ndigten, Rheinischen Kapitalismus aufrechtzuerhalten. Die zu Neoliberalen gewandelten Eliten witterten die Chance, ihre eigenen Taschen zu f&uuml;llen.</p>
<p>In der westdeutschen &Ouml;ffentlichkeit begann eine breite Debatte &uuml;ber das Scheitern des Sozialismus. Glasnost und Perestroika wurden als Eingest&auml;ndnis f&uuml;r seinen Bankrott interpretiert. Es griff eine weit gehende Paralysierung in der westdeutschen Linken um sich, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ihren H&ouml;hepunkt erreichte und schlie&szlig;lich politisches Konvertitentum, die Abkehr von Marx und sozialistischen Leitideen hervorbrachte. Zum Pendant des &#8222;Wendehalses&#8220; im Osten fand Oskar Negt die treffende Bezeichnung des &#8222;politischen Konvertiten&#8220; im Westen. &#8222;Der Opportunismus ist die eigentliche Geisteskrankheit der Intellektuellen.&#8220;[31] Warum es dazu kam, ist trotz virulentem Antikommunismus[32] erkl&auml;rungsbed&uuml;rftig, denn im undogmatischen Teil der westdeutschen Linken hat es im Nachkriegsdeutschland nie einen Zweifel daran gegeben, dass der so genannte real existierende Sozialismus, eine marxistisch-leninistische Einparteienherrschaft, b&uuml;rokratischer Dogmatismus, sowie Verstaatlichung der Gesellschaft mit wirklichem Sozialismus nichts gemein hatte. Vorherrschend in der Wahrnehmung war das von Francis Fukuyama zu dieser Zeit postulierte Ende der Geschichte.[33] Zwar wurde vornehmlich in der links-liberalen &Ouml;ffentlichkeit verhaltene Kritik an einem vermeintlichen Sieg des Kapitalismus ge&uuml;bt, aber eine grundlegende Abkehr von der materialistischen Geschichtsauffassung und von ihrem Philosophen, Karl Marx, war auch darin zu vernehmen.[34]</p>
<p>Statt als verl&auml;ngerter Arm der am demokratischen Sozialismus interessierten DDR-Opposition zu wirken, hat sich die westdeutsche Linke in den Monaten der osteurop&auml;ischen Losl&ouml;sung von den starren, stalinistischen Strukturen weitgehend von den Idealen des Sozialismus abgewandt und endg&uuml;ltigen Frieden mit der gez&auml;hmten kapitalistischen Variante: der sozialen Marktwirtschaft Frieden geschlossen, die aber im Untergang begriffen war.</p>
<h2 class="auto-created">Neoliberale Gegen&shy;re&shy;vo&shy;lu&shy;tion </h2>
<p>Zwei Jahrzehnte nach den Umw&auml;lzungsprozessen in Osteuropa, die nachhaltig die gesamte Weltordnung ver&auml;ndert haben, l&auml;sst sich das Ganze im Weltma&szlig;stab viel besser als eine neoliberale Gegenrevolution interpretieren, die hinter das Jahr 1917 zur&uuml;ckgehen m&ouml;chte. Globalisierung und Neoliberalismus sind die entsprechenden ideologischen Schlagworte, die eine zunehmende Zentralisierung wirtschaftlicher Macht und ihrer Kapitalstrukturen begleiten. Mit dieser Zentralisierung ging eine Aush&ouml;hlung sozialer und demokratischer Partizipationsm&ouml;glichkeiten einher.</p>
<p>Nach dem Untergang des Realsozialismus folgten also der Aufstieg des Marktradikalismus und die Krise des Sozialstaats. Was die Menschen suchten, als sie den Realsozialismus zu Fall brachten und im Sozialstaatsgedanken des Westens zu finden glaubten, war zu diesem Zeitpunkt mithin bereits im Verschwinden begriffen. In dem, was gemeinhin seitdem als Globalisierung bezeichnet wird, erkannte Habermas eine Gef&auml;hrdung f&uuml;r den Bestand des im nationalstaatlichen Rahmen konstituierten Rechts- und Sozialstaats.[35] Der Globale Kapitalismus depotenziere jedenfalls die sozialpolitische Gestaltungsmacht des Nationalstaats, der den politischen Herausforderungen mehr oder weniger machtlos gegen&uuml;berstehe. Sachzw&auml;nge und Imperative der Standortlogik, vor denen die Politik kapituliere, das hei&szlig;t, sie &uuml;bernehme das neoliberale Paradigma und wickle sich selbst ab, beherrschten unsere Parlamente, statt dass in ihnen wie anderswo &uuml;ber Formen nachgedacht werde, die dem demokratischen Prozess zutr&auml;glich sind und jenseits des Nationalstaats entstehen k&ouml;nnen. Die demokratische Selbststeuerung der Staatsb&uuml;rger war auf den Nationalstaat als Rahmen angewiesen. Wenn dieser nun sukzessive wegfalle, so Habermas, dann m&uuml;sse im postnationalen Bereich Ersatz geschaffen werden. Die Europ&auml;ische Union sei die erste postnationale Demokratie, wenn sie auch noch ein deutliches legitimatorisches Defizit aufweise und dringend eine Verfassung ben&ouml;tige, die das Defizit beseitigt. Ralf Dahrendorf sprach indes vom Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts und prognostizierte, das 21. Jahrhundert werde zum Autoritarismus zur&uuml;ckkehren.</p>
<p>Die DDR scheiterte an dem Mangel an Demokratie. Das vereinte Deutschland und Europa &#8211; 20 Jahre nach dem Abriss der Mauer und des Eisernen Vorhangs &#8211; drohen indes an der sozialen Frage zu scheitern. Die eklatante Differenz zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit wurde der DDR zum Verh&auml;ngnis, als die Menschen, durch Perestroika und Glasnost inspiriert, sich massenweise gegen den autorit&auml;ren stalinistischen Staat auflehnten. Das Gelingen der bundesrepublikanischen Demokratie ist dagegen nicht zuletzt auf die nachtr&auml;gliche Aneignung des Grundgesetzes, das 1949 durch keinen Volksentscheid legitimiert wurde, im Kampf gegen dessen Verunstaltung in den 1950er Jahren durch die Einf&uuml;hrung einer Wehrverfassung sowie der Notstandsgesetze von 1968 seitens der westdeutschen Bev&ouml;lkerung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.[36] Zunehmende Differenz zwischen Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit, gleichsam die Aufk&uuml;ndigung des Klassenkompromisses, droht auch dem vereinten Deutschland zum Verh&auml;ngnis, d.h. zum Menetekel seines Scheiterns zu werden, zumal s&auml;mtliche Bem&uuml;hungen, 1990 eine neue gesamtdeutsche Verfassung auszuarbeiten, von den herrschenden Eliten abgew&uuml;rgt wurde.</p>
<h2 class="auto-created">Vom Provisorium still&shy;schwei&shy;gend zur gesamt&shy;deut&shy;schen Verfassung </h2>
<p>Das Grundgesetz wurde 1949 auf Dr&auml;ngen der Westalliierten als Provisorium verk&uuml;ndet, die Konstituierung eines einheitlichen Nationalstaates aus allen Besatzungszonen bestimmte weiterhin die politische Naherwartung. Man sah davon ab, es rechtlich durch einen Volksentscheid zu legitimieren, weil an einer solchen plebiszit&auml;ren Abstimmung ein Gro&szlig;teil der Deutschen, die au&szlig;erhalb des Hoheitsgebietes der Bundesrepublik lebten, nicht h&auml;tten teilnehmen k&ouml;nnen. Au&szlig;erdem war die nationalstaatliche Souver&auml;nit&auml;t der gerade gegr&uuml;ndeten Bundesrepublik durch die Hoheitsrechte der alliierten Besatzungsm&auml;chte eingeschr&auml;nkt. Aus diesen beiden Gr&uuml;nden wurde in Art. 146 GG bestimmt, dass das Grundgesetz &#8222;seine G&uuml;ltigkeit an dem Tage [verliere], an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist&#8220;. Allerdings sahen die Verfassungsv&auml;ter in Art. 23 GG eine weitere M&ouml;glichkeit vor: die des Beitretens anderer Teile Deutschlands, in denen das Grundgesetz dann in Kraft zu setzen sei. Diese Regelung war allerdings im Hinblick auf das Saarland hinzugef&uuml;gt worden, das politisch erst 1955 wieder in die Bundesrepublik eingegliedert wurde.</p>
<p>Die Wiedervereinigung ist nicht als Neugr&uuml;ndung der Republik verstanden worden, sondern als Beitritt Ostdeutschlands zur Bundesrepublik. Dementsprechend hat es auch keine Debatte um eine neue Verfassung gegeben.[37] Die alte wurde einfach beibehalten. Dennoch ist das Provisorium, welches die Bonner Republik dargestellt hatte, mit der Erlangung nationalstaatlicher Souver&auml;nit&auml;t gleichsam aufgehoben worden. Das h&auml;tte in einem demokratischen Staat konsequenterweise eine &ouml;ffentliche Debatte hinsichtlich der Neuorientierung, der Implikationen und Konsequenzen der durch die Wiedervereinigung erlangten Nationalstaatssouver&auml;nit&auml;t zur Folge haben m&uuml;ssen, zumal nach Art. 146 GG eine verfassungspolitische Diskussion im Zuge der Wiedervereinigung <i>geboten </i>gewesen w&auml;re. Heute &#8211; 20 Jahre danach &#8211; l&auml;sst sich dieses undemokratische Vorgehen nicht mehr r&uuml;ckg&auml;ngig machen. Man hat sich damit abgefunden. Die Ignoranz gegen&uuml;ber den emanzipativen Impulsen hat allerdings der Linkspartei, in der der Unmut aus Ost- und Westdeutschland sich vereinigt hat, ihren Aufstieg beschert und zu einer &#8222;Normalisierung&#8220; der Parteienlandschaft beigetragen.</p>
<p>Vielleicht h&auml;tte auch &#8211; das gilt es zu bedenken &#8211; eine Debatte um eine neue, gesamtdeutsche Verfassung auch in dem Desaster geendet, dass eine solche hinter den Errungenschaften des Grundgesetzes zur&uuml;ckgeblieben w&auml;re. Gleichzeitig sind aber auch Chancen vergeben worden, die sich in den Ideen des Verfassungsentwurfes des Runden Tisches andeuteten. Nach dem Wegfall der ideologisch verh&auml;rteten Konfrontation im Kalten Krieg aus Stalinismus und Antikommunismus, w&auml;re es jedenfalls durchaus vern&uuml;nftig gewesen, &uuml;ber eine neue Verfassung nachzudenken. Anzukn&uuml;pfen w&auml;re sowohl an die sozialistisch-demokratische Tradition der DDR-Opposition als auch an die Proteste der sp&auml;ten 1960er Jahre in der Bundesrepublik gewesen.</p>
<p>Was nach der Ern&uuml;chterung einer abermals in Deutschland gescheiterten Revolution vom Tr&auml;umen &uuml;brig blieb, ist der Stoff, aus dem die Tr&auml;ume gemacht sind: das allt&auml;gliche Jammertal, das dessen Kritik provoziert und die sozialistische Utopie im Bewusstsein stets zur Wirklichkeit dr&auml;ngen l&auml;sst. Diese Utopie bleibt, wie Heiner M&uuml;ller vielleicht etwas zu chiliastisch prognostizierte, &#8222;ein Menschheitstraum, an dessen Erf&uuml;llung eine Generation nach der anderen arbeiten wird bis zum Untergang unserer Welt&#8220;.[38]</p>
<p>[1] Vgl. Ludolf Herbst: Option f&uuml;r den Westen. Vom Marshallplan bis zum deutsch-franz&ouml;sischen Vertrag, 2. durchgesehene Aufl., 1996.</p>
<p>[2] Heinrich August Winkler: Auf ewig in Hitlers Schatten? Anmerkungen zur deutschen Geschichte, M&uuml;nchen 2007, S. 127.</p>
<p>[3] Entscheidend f&uuml;r Schumachers Position d&uuml;rfte auch gewesen sein, dass sich die Hochburgen der <br />SPD in Sachsen und Th&uuml;ringen befanden, w&auml;hrend Westdeutschland st&auml;rker katholisch gepr&auml;gt war.</p>
<p>[4] Vgl. J&uuml;rgen Habermas: Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identit&auml;t. Die Westorientierung der Bundesrepublik, in ders.: Eine Art der Schadensabwicklung, Frankfurt am Main 1987, S. 161.</p>
<p>[5] Vgl. Helmuth Plessner: Die versp&auml;tete Nation. &Uuml;ber die politische Verf&uuml;hrbarkeit b&uuml;rgerlichen Geistes, 6. Aufl., Frankfurt am Main 1998.</p>
<p>[6] Vgl. Habermas: Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt am Main 1998.</p>
<p>[7] Das Theorem habe ich an anderer Stelle ausf&uuml;hrlich aus verschiedenen Aufs&auml;tzen von Habermas zusammengetragen und kritisch reflektiert. Vgl. Marcus Hawel: Das Versprechen der Normalit&auml;t, in ders.: Die normalisierte Nation. Vergangenheitsbew&auml;ltigung und Au&szlig;enpolitik in Deutschland, Hannover 2007, S. 71-95.</p>
<p>[8] Vgl. Habermas: Der Golf-Krieg als Katalysator einer neuen deutschen Normalit&auml;t?, in ders.: Vergangenheit als Zukunft, Z&uuml;rich 1990, S. 41f. Siehe auch Habermas: Grenzen des Neohistorismus, in ders.: Die nachholende Revolution, Frankfurt am Main 1990, S. 155: Wir k&ouml;nnen uns unsere Traditionen nicht aussuchen, aber wir k&ouml;nnen wissen, dass es an uns liegt, wie wir sie fortsetzen.</p>
<p>[9] Vgl. Habermas: K&ouml;nnen komplexe Gesellschaften eine vern&uuml;nftige Identit&auml;t ausbilden?, in ders.: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt am Main 1976, S. 92-129.</p>
<p>[10] Habermas: Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identit&auml;t, a.a.O., S. 173. Siehe auch Jens Hackes Aufsatz: Wir-Gef&uuml;hle. Repr&auml;sentationsformen kollektiver Identit&auml;t bei J&uuml;rgen Habermas, in: Mittelweg 36, 17. Jg., Nr. 6 vom Dezember 2008, S. 12-31. Hacke kritisiert Habermas&#8216; rationalistische, aus dem Geist der Aufkl&auml;rung hergeleitete kollektive, aber leidenschaftslose Identit&auml;tskonstruktion. Hacke hatte bereits umfassend die These von Habermas zur Fundamentalliberalisierung der Bundesrepublik, die durch die Proteste der sp&auml;ten 1960er Jahre angesto&szlig;en wurde, in Frage gestellt und die &#8222;Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik&#8220; aus dem Geist der Restauration abgeleitet. Vgl. Jens Hacke: Philosophie der B&uuml;rgerlichkeit. Die liberalkonservative Begr&uuml;ndung der Bundesrepublik, G&ouml;ttingen 2006; siehe dagegen Gregor Kritidis, der auf die Leistungen der linkssozialistischen Opposition in der &Auml;ra Adenauer fokussiert: Linkssozialistische Opposition in der &Auml;ra Adenauer. Ein Beitrag zur Fr&uuml;hgeschichte der Bundesrepublik, Hannover 2008.</p>
<p>[11] Vgl. Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, M&uuml;nchen 1987; siehe auch Habermas: Keine Normalisierung der Vergangenheit, in ders.: Eine Art Schadensabwicklung, a.a.O., S. 11-17.</p>
<p>[12] Vgl. z.B. Habermas: Geschichtsbewusstsein und posttraditionale Identit&auml;t, a.a.O., S. 170.</p>
<p>[13] Habermas: Es gibt doch Alternativen!, in ders.: Zeit der &Uuml;berg&auml;nge, Frankfurt am Main 2001, S. 1124; S. 11.</p>
<p>[14] Habermas: Braucht Europa eine Verfassung?, in ders.: Zeit der &Uuml;berg&auml;nge, a.a.O., S. 104-129.</p>
<p>[15] J&uuml;rgen Habermas: Warum braucht Europa eine Verfassung? &#8211; Nur als politisches Gemeinwesen kann der Kontinent seine in Gefahr geratene Kultur und Lebensform verteidigen, in: Die Zeit, 27/2001.</p>
<p>[16] Siehe Joachim Perels: Die historischen Wurzeln der europ&auml;ischen Einigung und die gegenw&auml;rtige Konstituierung der Verfassung, in: Christiane Lemke, Jutta Joachim und Ines Katenhusen (Hg.): Konstitutionalisierung und Governance in der EU &#8211; Perspektiven einer Europ&auml;ischen Verfassung, M&uuml;nster 2006, S. 29-45.</p>
<p>[17] Hinsichtlich dieser nicht ungef&auml;hrlichen Problematik, siehe: Helmut Heit (Hg.): Die Werte Europas. Verfassungspatriotismus und Wertegemeinschaft in der EU, M&uuml;nster 2004.</p>
<p>[18] Vgl. Habermas: Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik, Frankfurt am Main 1995.</p>
<p>[19] Vgl. Marcus Hawel: Die normalisierte Nation, a.a.O.</p>
<p>[20] Vgl. Habermas: Die nachholende Revolution, a.a.O.</p>
<p>[21] Siehe Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt am Main 1985.</p>
<p>[22] Habermas: Was Theorien leisten k&ouml;nnen &#8211; und was nicht, in ders.: Vergangenheit als Zukunft, a.a.O., S. 143.</p>
<p>[23] Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 1991.</p>
<p>[24] Vgl. Verfassungsentwurf des Runden Tisches, dokumentiert im Internet unter: <a href="http://www.glasnost.de/verfass/9004verfass.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.glasnost.de/verfass/9004verfass.html</a>. Siehe auch: Der Zentrale Runde Tisch der DDR. Wortprotokoll und Dokumente, 5 Bde, hrsg. v. Uwe Thaysen, Wiesbaden 2000.</p>
<p>[25] Vgl. Dieter Segert: Das 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR, Wien 2008.</p>
<p>[26] Vgl. Lotte Incesu: Verspielte Chance. Die Arbeit der gemeinsamen Verfassungskommission, in: Kritische Justiz 1990; siehe auch Wolfgang Templin: Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 1990, Nr. 5-6.</p>
<p>[27] Habermas: Keine Normalisierung der Vergangenheit, a.a.O., S. 11.</p>
<p>[28] Vgl. Habermas: Die normativen Defizite der Vereinigung, in ders.: Vergangenheit als Zukunft, a.a.O., S. 45-73; vgl. ders.: Vergangenheit als Zukunft, ebd., S. 74-96.</p>
<p>[29] Vgl. Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften?, G&ouml;ttingen 2004, S. 60ff.</p>
<p>[30] Vgl. Habermas: Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Ersch&ouml;pfung utopischer Energien, in ders.: Die Neue Un&uuml;bersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985, 141-163.</p>
<p>[31] Oskar Negt: Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, G&ouml;ttingen 1995, S. 9.</p>
<p>[32] Vgl. Jan Korte: Instrument Antikommunismus. Sonderfall Bundesrepublik, Berlin 2009, S. 112ff.</p>
<p>[33] Vgl. Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, M&uuml;nchen 1992.</p>
<p>[34] Vgl. exemplarisch Marion Gr&auml;fin D&ouml;nhoff: Am Ende aller Geschichte? &#8211; Die Niederlage des Marxismus bedeutet nicht den Triumph des Kapitalismus, in: Die ZEIT vom 22.9.1989; siehe auch dies.: Zivilisiert den Kapitalismus. Grenzen der Freiheit, Stuttgart 1997.</p>
<p>[35] Vgl. Habermas: Braucht Europa eine Verfassung?, a.a.O.</p>
<p>[36] Vgl. Joachim Perels: Der Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung als Aneignung der Verfassung, in: Opposition als Triebkraft der Demokratie. Bilanz und Perspektiven der zweiten Republik. J&uuml;rgen Seifert zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Michael Buckmiller und Joachim Perels, Hannover 1998.</p>
<p>[37] Vgl. J&uuml;rgen Seifert: Die gescheiterte Erneuerung des Grundgesetzes, in ders.: Politik zwischen Destruktion und Gestaltung. Studien zur Ver&auml;nderung von Politik, Hannover 1997, S. 121-128.</p>
<p>[38] Heiner M&uuml;ller: Das Liebesleben der Hy&auml;nen. Vorwort, in: Thomas Grimm: Was von den Tr&auml;umen blieb. Eine Bilanz der sozialistischen Utopie, mit einem Vorwort von Heiner M&uuml;ller, Berlin 1993, S. 8.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/185-vorgaenge/publikation/die-verdraengte-erbschaft-des-herbstes-1989/">Die verdrängte Erbschaft des Herbstes 1989</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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		<title>Wie viel Politik verträgt die Moral?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/184-vorgaenge/publikation/wie-viel-politik-vertraegt-die-moral/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2008 14:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der schmale Grat zwischen moralischer &#220;berlegenheit und Hypertrophie der Moral * Es macht wenig Sinn, das Verh&#228;ltnis von Moral und Politik abstrakt, gleichsam ahistorisch auszuloten, weil unter Moral und Politik abh&#228;ngig von ihrer Zeit und ihrem Ort inhaltlich sehr Verschiedenes gedacht wird. Dennoch m&#246;chte ich einige allgemeine &#220;berlegungen voranstellen, dann aber auf die Nachkriegszeit, insbesondere [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/184-vorgaenge/publikation/wie-viel-politik-vertraegt-die-moral/">Wie viel Politik verträgt die Moral?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der schmale Grat zwischen moralischer &Uuml;berlegenheit und Hypertrophie der Moral *</p>
<p>Es macht wenig Sinn, das Verh&auml;ltnis von Moral und Politik abstrakt, gleichsam ahistorisch auszuloten, weil unter Moral und Politik abh&auml;ngig von ihrer Zeit und ihrem Ort inhaltlich sehr Verschiedenes gedacht wird. Dennoch m&ouml;chte ich einige allgemeine &Uuml;berlegungen voranstellen, dann aber auf die Nachkriegszeit, insbesondere auf 1968 bis zur Gegenwart eingehen. Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass moralische Positionen genauso wie politische auf dem &ouml;ffentlichen Feld im Widerstreit, d.h. im Kontext eines Kampfes um kulturelle und politische Hegemonie stehen.</p>
<p>Ein allgemeines Vorurteil besagt, dass Politiker es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen und dass demzufolge Politik weniger mit Wahrheit zu tun habe als vielmehr mit Skrupellosigkeit. Insofern t&auml;te es der Politik ganz gut, wenn ihre Akteure grunds&auml;tzlich eine moralische Haltung einnehmen, sich damit gleichsam einer Wahrheit moralisch verpflichtet f&uuml;hlen .</p>
<p>Der Labour-Politiker Denis MacShane hat k&uuml;rzlich zehn Antworten auf die Frage gegeben, was mit der Sozialdemokratie los sei. Er sagte unter anderem: &#8222;Den Linken fehlt es an den richtigen Konzepten, um in diesem 21. Jahrhundert einen verst&auml;ndlichen und vern&uuml;nftigen Wertekanon zusammenzustellen, den die W&auml;hler mit einer demokratischen, linken Partei in Verbindung bringen k&ouml;nnen. Albert Camus schrieb einst: ,Die Werte waren f&uuml;r die Griechen jedem Handeln vorgegeben und gaben ihm genau die Grenzen an. Die moderne Philosophie stellt ihre Werte an das Ende der Handlung. Ersetzt man Philosophie durch Politik, bringt Camus&#8216; Anklage das Dilemma der modernen Linken auf den Punkt. Der New Labour- Ausspruch ,Alles, was funktioniert, ist gut&#8216;, leitet sich vom Dichter und Philosophen Alexander Pope ab, der sagte: ,Was immer ist, ist wahr.&#8216; Das wiederum war &uuml;ber Jahrhunderte der Leitsatz der britischen Konservativen. Tatsache ist, dass die demokratische Linke Werte braucht, die in einem sinnvollen Zusammenhang stehen.&#8220;[1]</p>
<p>Die Politik kann also etwas mehr Moral vertragen im Sinne einer st&auml;rkeren Sensibilit&auml;t f&uuml;r Unterdr&uuml;ckung, Ausbeutung und Gewalt. Solch moralisches Politikverst&auml;ndnis ist politische Moral, &#8222;Nloral des politischen Verhaltens, des praktischen Widerstands, der Leistungsverweigerung&#8220; wie Oskar Negt der 68er-Protestbewegung als &#8222;Moral im eigentlichen Sinne&#8221; zuschreibt.[2] Die Bezeichnung &#8222;Moral im eigentlichen Sinne&#8221; hat mich bei Oskar Negt allerdings irritiert, weil sie so vage, beinahe spekulativ ist und doch eher dem Jargon entspricht. Deshalb mag ich auch nicht ganz zustimmen. Ich sehe einen wichtigen Unterschied zwischen &#8222;Moral im eigentlichen Sinne&#8221; und politischer Moral.</p>
<h5>&bdquo;Moral im eigent&shy;li&shy;chen Sinne&rdquo; und politische Moral</h5>
<p>Wie viel Politik vertr&auml;gt die &#8222;Moral im eigentlichen Sinne&#8221;, ohne Idiosynkrasie gegen-&uuml;ber ihr zu entwickeln, sie von sich zu weisen und stattdessen den Krieg als Fortsetzung der Politik mit ihren Mitteln zu bevorzugen?</p>
<p>Verselbst&auml;ndigt sich die Moral in der Politik, zerst&ouml;rt sie das Politische. Nur als aufgehobene Einheit im Medium der Politik richtet Moral keinen Schaden an und begr&uuml;ndet zugleich emphatische Politik. Das bedeutet aber, dass in der Politik Moral nur vermittelt, niemals unmittelbar in Erscheinung tritt. In diesem Sinne spreche ich von politischer Moral, die ich von einer Politik der Moral, gleichsam einer moralisierenden Moral in der Politik abgrenze.</p>
<p>In den westlichen Demokratien werden, wie Ernst Fraenkel in seinen sp&auml;teren Vortr&auml;gen und Aufs&auml;tzen herausarbeitete[3], in der politischen Sph&auml;re auf legitimer rechtlicher Grundlage partikulare Interessen vertreten. Es gelten als allgemeine Prinzipien Pluralismus, Kompromiss und Konsens. Demnach k&ouml;nnte man eine &Auml;u&szlig;erung wie von Peter Sloterdijk als antidemokratische Entgleisung verstehen, wenn er meint, Konsensualismus f&ouml;rdere die Sehnsucht nach Krawall. Er sagt au&szlig;erdem: &#8222;(&#8230;) in erster Linie ist der Konsensualismus schon eine Form von Geisteskrankheit in der Gesellschaft der Vern&uuml;nftigen, die heftigste Epidemien ausl&ouml;st. Ich w&uuml;rde gern in Zeiten leben, wo mehr Menschen miteinander kollidieren.&#8220;[4] &#8222;Moral im eigentlichen Sinne&#8221; ist kompromisslos und deshalb Z&uuml;ndstoff im politischen Kampf: Sie hat eine Affinit&auml;t zum absoluten Denken, f&uuml;hlt sich der (absoluten) Wahrheit verpflichtet, ist aber selbst auf dieser Ebene partikular, einseitige Parteinahme und subjektiv (Meinung, Vorurteil). Sie ist als Partikulares mit Entgegensetzungen konfrontiert und vertr&auml;gt deshalb nichts Partikulares oder Ambivalentes. Moral ist ungeduldig.</p>
<p>Demokratie, das Bohren dicker Bretter (Max Weber), aber erfordert Geduld. Wo &#8222;Moral im eigentlichen Sinne&#8221; auf Politik st&ouml;&szlig;t, kann sehr schnell Verdrossenheit entstehen. Reine Moral hilft, die Welt in gut und b&ouml;se, in Freund und Feind einzuteilen: jedenfalls in klare Fronten. Darum ist auch immer dort, wo Krieg ist, eine Hypertrophie der Moral am Werk. Hypertrophie der Moral zerst&ouml;rt die Sph&auml;re des Politischen. Sie macht aus Gegnern Feinde und beginnt mit Verfolgung und Krieg.</p>
<p>Ein existentieller Satz zur politischen Moral stammt dagegen von Albert Camus, dessen Buch &#8222;Der Mensch in der Revolte&#8221; in den sp&auml;ten 60er Jahre massenhaft gelesen wurde: &#8222;Ich emp&ouml;re mich, also bin ich&#8221;. Aber Camus ist ein Gegner des absoluten Denkens. Er ist ein Anh&auml;nger des so genannten &#8222;Mittelmeerischen Denkens&#8221;, das der G&ouml;ttin des Ma&szlig;es (Nemesis) die Ehre erweist. Das Ma&szlig; ist denn auch eine politische Kategoriejedenfalls seit Aristoteles. Es geht also darum, eine Hypertrophie oder Entropie, welcher Art auch immer, zu vermeiden.</p>
<p>Nun habe ich einen Satz von Ulrich Kohlmann in seinem Aufsatz &#8222;Phantasie und Moral &#8211; Wegmarken einer kritischen Theorie der Moral&#8221; aus dem Band &#8222;Phantasie an die Macht? 1968 &#8211; Versuch einer Bilanz&#8220;[5] gelesen, den ich aus den bereits erw&auml;hnten Gr&uuml;nden sehr problematisch finde: &#8222;Moralisch w&auml;re Praxis einzig in ihrer unabl&auml;ssigen Beunruhigung dar&uuml;ber, nicht moralisch genug zu sein. Diesen Praxisbegriff theoretisch aufzuhellen, ist die zeitgem&auml;&szlig;e Aufgabe einer kritischen Theorie der Moral.&#8221;</p>
<p>Hier wird ausgesagt, dass politische Praxis unaufh&ouml;rlich zu moralisieren habe und dass die Aufgabe einer kritischen Theorie der Moral nicht etwa in der Kritik der herrschenden Moral best&uuml;nde, wie es programmatisch Horkheimer und Adorno gesehen haben, sondern eben im Wetteifer quantitativer Moralisierung. Solche Ansichten bringen mich zunehmend auf den Zusammenhang zwischen Moralisierung und Gewalt: Eine allzu sehr moralische Politik f&uuml;hrt zur Politik der Moral, die mit politischer Moral nichts mehr zu tun hat, sondern mit eigensinnigem Eigend&uuml;nkel (Hegel), der ohne versittlichende Filterinstanzen zu sehr von Emotion und Mitleid oder Hass, aber weniger von Vernunft geleitet ist. F&uuml;hren bestimmte moralische Anspr&uuml;che auch zu einer Politik der Moral im Sinne eines d&uuml;nkelhaften Terrors? Dazu liefern neben Robespiere und der hochmoralischen RAF auch die Kirchengeschichte oder beide Parteien im aktuellen &raquo;Krieg gegen den Terror&laquo; einen reichen Fundus unerfreulicher Beispiele.</p>
<p>Das moralische Gef&uuml;hl bestimmte Kant als &#8222;Empf&auml;nglichkeit der blo&szlig;en Achtung f&uuml;r das moralische Gesetz in uns&#8220;[6]. Der von ihm sehr abstrakt gehaltene kategorische Imperativ kann zwar als objektiv, das hei&szlig;t allgemeing&uuml;ltig genommen werden, aber aus ihm auf staatlicher und zwischenstaatlicher Ebene direkte Konsequenzen der Gewaltanwendung abzuleiten, wenn gegen das moralische Gesetz der Menschlichkeit versto&szlig;en wird, ohne dass zwischen Gef&uuml;hl, Moral und Tat objektivierende, im Hegelschen Sinne Sittlichkeit vermittelnde Rechtsinstanzen wirksam w&auml;ren, m&uuml;sste man als nicht kontrollierbare Justiz auf staatlicher Ebene bezeichnen, weil seine Verantwortlichen, die den Staats-, Polizei- oder Milit&auml;rapparat befehligen, mit dem Verstand nicht mehr weitergekommen sind und sich von moralischen Gef&uuml;hlen leiten lassen, die den Verstand weiter ausschalten. Oder mit Kant gesagt: &#8222;Gef&uuml;hl (&#8230;) hat jeder nur f&uuml;r sich, und kann es andern nicht zumuten, also auch nicht als einen Probierstein der Echtheit einer Offenbarung anpreisen, denn es lehrt schlechterdings nichts, sondern enth&auml;lt nur die Art, wie das Subjekt in Ansehung seiner Lust oder Unlust affiziert wird, worauf gar keine Erkenntnis gegr&uuml;ndet werden kann.&#8220;[7]</p>
<p>Kant bestimmt zwar die Moral formal als Gesetzgeber, postuliert aber die Allgemeinheit des kategorischen Imperativs. Insofern gilt das Sittengesetz als &#8222;Grundnorm des Moralischen&#8221;.</p>
<p>In der Jakobinerherrschaft (1793) hatte sich ein Partikulares zum Allgemeinen erhoben und gab sein besonderes Interesse als absolutes aus. Es war eine h&ouml;chst zentralisierte Minderheitsregierung gewesen, der zugleich ihrer sozialen Basis verlustig gegangen war.[8] F&uuml;r Hegel waren ihre Taten die der Tugend und Gesinnung, die alles und jeden verd&auml;chtigte, worin sie sich selbst, ihre eigene Gesinnung, nicht erkannte; es war ein Schrecken ohne gerichtliche Formen, der als Bestrafung einzig den Tod kannte.[9] Hegel schreibt: &#8222;Die Tugend hat jetzt zu regieren gegen die Vielen, welche mit ihrer Verdorbenheit und mit ihren alten Interessen oder auch durch die Exzesse der Freiheit und Leidenschaften der Tugend ungetreu sind. Die Tugend ist hier ein einfaches Prinzip und unterscheidet nur solche, die in der Gesinnung sind, und solche, die es nicht sind. Die Gesinnung aber kann nur von der Gesinnung erkannt und beurteilt werden. Es herrscht somit der Verdacht; die Tugend aber, sobald sie verd&auml;chtigt wird, ist schon verurteilt.&#8220;[lo]</p>
<p>Hegel kritisierte, dass der Terror sich in einem bedeutungslosen Sterben ersch&ouml;pfte, in der Liquidation alles NichtIdentischen, worin die Gesinnung alles &Uuml;brige mit sich identisch machte. Die Allgemeinheit, die hier entstand, sei durch die sich terroristisch verhaltene Besonderheit erzwungen worden und deshalb unwahr. Das Schafott &#8211; Symbol der Freiheit &#8211; wurde zum sichtbarsten Zeichen der neuen Unterdr&uuml;ckung.</p>
<p>Die Gestalt der Freiheit war also nicht abgeschlossen. F&uuml;r Hegel war es notwendig, dass der Geist verm&ouml;ge der Reflexion sich seiner selbst gewiss werde und von der Sph&auml;re der Moralit&auml;t und Legalit&auml;t, in ein neues Stadium der Freiheit &uuml;berginge. Die vollendete vern&uuml;nftige Freiheit sollte schlie&szlig;lich ihre Wirklichkeit in der Gestalt des b&uuml;rgerlichen Staates finden, der die Einhaltung des f&uuml;r alle geltenden Rechts garantieren konnte.</p>
<p>Nun kann man nach Auschwitz &#8211; der &#8222;moralischen Katastrophe&#8216; (J&uuml;rgen Habermas) &#8211; nicht mehr wie Hegel so unkritisch gegen&uuml;ber dem b&uuml;rgerlichen Staat sein und an Hegels System der in den Institutionen sich versittlichenden Moral affirmativ festhalten, gleichsam darauf vertrauen, dass der Staat die Wirklichkeit der sittlichen Idee sei. Gerade im Nationalsozialismus dienten die gleichgeschalteten Institutionen zur Manipulation des Bewusstseins, gleichsam zur Internalisierung einer v&ouml;lkischen Moral. Die kosmopolitische Vernunft hat sich dagegen ins Besondere, ins Subjektive und Einzelne zur&uuml;ck-gezogen und &uuml;berlebt &#8211; insbesondere bei den wenigen, die gegen das Terror-Regime Widerstand geleistet haben und bereit waren, ihr eigenes Leben zu riskieren, um Hitler zu t&ouml;ten.</p>
<h5>Wandel&shy;bar&shy;keit der Moral nach Karl Otto Apel &ndash; Univer&shy;sa&shy;li&shy;sie&shy;rung der Moral?</h5>
<p>Die Befreiung vom Faschismus erm&ouml;glichte im Rahmen der reeducation-Programme, so Karl Otto Apel, eine radikale Neuorientierung der Moral: eine Abkehr von der &#8222;Law and Order-Moral&#8221; und den &#8222;preu&szlig;ischen Tugenden&#8221; (Flei&szlig;, Gehorsam, Ordnungsliebe, Sorgfalt, Tapferkeit etc.), die auch das reibungslose Betreiben eines Konzentrationslagers erm&ouml;glichten, sowie eine Hinwendung zur so genannten &#8222;postkonventionellen Moral&#8221; (Humanit&auml;t, Universalismus, Kosmopolitismus), das hei&szlig;t zu ethischen Leitprinzipien, die sukzessive verrechtlicht werden und den objektiven Geist der gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen bestimmen (Rechts- und Sozialstaat, selbstbeschr&auml;nkte Friedensmacht).[11] &#8222;Nie wieder Krieg!&#8221; und &#8222;Nie wieder Auschwitz!&#8221; konnten als die Grunds&auml;ulen der moralischen Neuorientierung der Bundesrepublik gelten,[12] die sich als Rechtsnachfolgerin des &#8222;Dritten Reiches&#8221; verstand. F&uuml;r Konservative ist die &#8222;postkonventionelle Moral&#8221; nicht als neue Normalit&auml;t zu akzeptieren gewesen; f&uuml;r sie war Normalit&auml;t verbunden mit einer R&uuml;ckkehr zur traditionellen, das hei&szlig;t konventionellen Moral, das sind die preu&szlig;ischen Tugenden, die f&uuml;r den Nationalsozialismus nicht in Anschlag zu bringen seien. Vielmehr sei im Nationalsozialismus eine Abkehr von der konventionellen hin zu einer &#8222;v&ouml;lkischen Moral&#8221; erfolgt, die Konservative gerne als anormal und in diesem Sinne als postkonventionell bewerteten.[13] Die linksliberale Vorstellung von Normalit&auml;t zielte dagegen auf das Selbstverst&auml;ndnis Deutschlands als Friedensmacht. Erste Zugest&auml;ndnisse der Moral an den realpolitischen Zeitgeist fanden aber schon in der Adenauer&auml;ra, zum Beispiel mit der Wiederbewaffnung, statt, die von links zu verhindern versucht wurde.</p>
<h5>Moralische &Uuml;berle&shy;gen&shy;heit der 68er?</h5>
<p>Die Proteste der sp&auml;ten 1960er Jahre waren sehr moralisch motiviert. Im Kontrast dazu standen die Skrupellosigkeit und Korruptheit der herrschenden Eliten. Als Alexander Dubcek im August 1990 auf die Niederschlagung des Prager Fr&uuml;hlings zur&uuml;ckschaute, sprach er von einer &#8222;moralischen &Uuml;berlegenheit&#8221; des Widerstands: &#8222;Auf lange Sicht waren unser gewaltloses Verhalten und die moralische &Uuml;berlegenheit des tschechoslowakischen Volkes &uuml;ber den Aggressor von moralischer Bedeutung. R&uuml;ckblickend k&ouml;nnte man sagen, dass das friedfertige Verhalten zur Aufl&ouml;sung des aggressiven Blocks beige-tragen hat. (&#8230;) Meine &Uuml;berzeugung, dass moralische &Uuml;berlegungen ihren Platz in der Politik haben, ergibt sich nicht einfach aus der Tatsache, dass kleine L&auml;nder moralisch sein m&uuml;ssen, weil sie nicht in der Lage sind, sich gegen gr&ouml;&szlig;ere M&auml;chte zur Wehr zu setzen. Ohne Moral kann man nicht &uuml;ber internationales Recht sprechen. Moralische Prinzipien im Bereich der Politik au&szlig;er Acht zu lassen, w&uuml;rde einer R&uuml;ckkehr zu den Gesetzen des Dschungels gleichlcommen.&#8220;[14]</p>
<p>Die Demonstration moralischer &Uuml;berlegenheit verliert aber ihre Authentizit&auml;t, wenn die Opfer von Gewalt selbst zur Gewalt greifen. Der moralisch-politische Protest der 68er stie&szlig; weltweit auf repressive Gewalt. Auch die US-amerikanische B&uuml;rgerrechtsbewegung (Luther King) verfolgte die Strategie der Gewaltlosigkeit. Man suchte sich allerdings Orte f&uuml;r Proteste aus, von denen man genau wusste, dass die Gegenreaktionen besonders heftig ausfallen w&uuml;rden. Die Erfahrung repressiver Gewalt sowie die mediale Inszenierung als Opfer von Gewalt konstituierten die internationale Protestbewegung wesentlich mit. Hier ging partiell die Eskalationsstrategie auf: die Maske des Staates wurde heruntergerissen und brachte die Fratze zum Vorschein (Ermordung Benno Ohnesorgs, Attentate auf Robert Kennedy, Martin Luther King und Rudi Dutschke).</p>
<p>Am Ende war die Erfahrung extrem repressiver Gewalt kein konstitutives Moment mehr f&uuml;r die Bewegung, sondern ein destruktives (Niederschlagung des Prager Fr&uuml;hlings, Pariser Mai, Massaker in Mexiko, Schwere Zusammenst&ouml;&szlig;e auf dem Konvent der Demokratischen Partei in Chicago (USA)).</p>
<p>Wolfgang Kraushaar kritisiert an Rudi Dutschke, dass er die Fokus-Theorie von Che Guevara &uuml;bernommen und auf Westdeutschland &uuml;bertragen und damit eine gezielte Eskalationsstrategie verfolgt habe. Demnach k&ouml;nne der subjektive Faktor mittels punktueller Gewaltaktionen die objektiven Bedingungen f&uuml;r eine Revolution schaffen, indem von einer kleinen Gruppe bewaffneter Revolution&auml;re und deren Aktionen der Funke auf die Bauern, bzw. Arbeiter &uuml;berspringe. Zwecks dazu greife man das Herrschaftssystem an seinem schw&auml;chsten Glied an. Die Adaption der Guerilla-Strategie in den Metropolen (Stadtguerilla) f&uuml;hrte zur &#8222;Direkten Aktion&#8221; verm&ouml;ge derer die autorit&auml;ren Verh&auml;ltnisse offen gelegt werden. Gegengewalt sei bewusst eingeplant gewesen in der Hoffnung, das f&uuml;hre zur Politisierung der Bev&ouml;lkerung.</p>
<p>Kraushaar behauptet mit seiner Kritik an Rudi Dutschke, dass die terroristische Gewalt der RAF eben kein Zerfallsprodukt von 68, sondern bereits im Entstehen der Protestbewegung angelegt gewesen sei: Das Konzept der Stadtguerilla, das in der Auseinandersetzung mit dem Befreiungskampf in der Dritten Welt entstanden sei, habe den revolution&auml;ren Terrorismus in den Metropolen zur Folge gehabt.</p>
<p>Die &Uuml;bertragung der Fokus-Theorie (Guerilla-Taktik) auf die Metropolen kann durchaus den bewaffneten Kampf zur Folge haben, wenn man diese &Uuml;bertragung nicht nur auf symbolische Aktionen bezieht. Insofern liegt dann ein Fehlschluss zu Grunde: dass die Verh&auml;ltnisse in den Metropolen genauso barbarisch gewesen seien, wie in der Dritten Welt und also der bewaffnete Kampf auch hier moralisch geboten sei.</p>
<p>Dutschke aber verabscheute Gewalt gegen Menschen, wie sein Weggef&auml;hrte Klaus Meschkat betont hat. Auf die Frage, ob der Zweck die Mittel heilige, h&auml;tte Dutschke ganz sicher wie sein Lehrer Ernst Bloch geantwortet: Nicht immer; manche Mittel entheiligen den Zweck!</p>
<h5>Tenden&shy;z&shy;wende und geistig-&shy;mo&shy;ra&shy;li&shy;sche Wende</h5>
<p>Auf die Protestbewegung der sechziger Jahre folgte Anfang der siebziger Jahre der linksextremistische Terrorismus. Der linke Terrorismus ist ein Zerfallsprodukt der 68er-Bewegung. Hochmoralisch ist die RAF ans Werk gegangen und nahm Menschen nur noch als Tr&auml;ger von Charaktermasken wahr: in der Person verschmolz der Mensch mit der Charaktermaske und wurde moralisch f&uuml;r schuldig befunden.</p>
<p>Die Reaktion des von SPD und FDP regierten Staates folgte der Aufforderung von CDU/CSU, auf den Terrorismus wesentlich h&auml;rter zu reagieren. Das gesellschaftliche Klima ging &uuml;ber in die so genannte &#8222;Tendenzwende&#8220;[15], die dem schwarz-gelben Regierungswechsel von 1982 und der von Helmut Kohl verk&uuml;ndeten &#8222;geistigen und moralischen Wende&#8221; vorausging.</p>
<p>Apel konstatierte eine neopragmatische Abwiegelung der so genannten &#8222;postkonventionellen Moral&#8221;, die auf einem besonderen Lernerfolg nach Auschwitz beruht habe, und eine Reetablierung der traditionellen Moral. Habermas stellt eine ,semantische Enthemmung von Affekten [fest], die bis dahin unter der Decke eines dezidiert liberalen Meinungsklimas wohlt&auml;tig geschlummert hatten&#8220;[16]. Das betrifft nicht nur Konservative, sondern vor allem solche, die sich selbst als liberal bezeichnet haben und die liberalen Chiffren der &ouml;ffentlich-symbolischen Sprachregelung einge&uuml;bt hatten und nun im Wandel des Meinungsklimas enthemmt zeigen, wessen Geistes sie (geworden) sind. Das Erstarken von neokonservativen Denkweisen werde von Carl Schmitts Kritik an den un-erw&uuml;nschten Folgen einer Moralisierung der Politik von links, von Arnold Gehlens Kritik an einer vermeintlichen &Uuml;berforderung der Subjekte durch zuviel Autonomie und Freiheit sowie von Joachim Ritters und Hans Freyers Neuhegelianismus, der in Form einer postmodernen Theorie der Nachaufkl&auml;rung zurechtgemacht werde, beeinflusst. &#8222;Die Neue Rechte warnt vor der diskursiven Verfl&uuml;ssigung der Werte, vor der Erosion naturw&uuml;chsiger Traditionen, vor der Entm&auml;chtigung automatisch geltender Institutionen, vor &Uuml;berlastung des Subjekts und &uuml;berzogener Individuierung; sie m&ouml;chte die Modernisierung gern aufs kapitalistische Wachstum und den technischen Fortschritt begrenzt sehen und gleichzeitig den kulturellen Wandel, die Identit&auml;tsbildung, den Motiv- und Einstellungswechsel anhalten, den Traditionsbestand einfrieren.[17] Die &#8222;neukonservativen Erben&#8221; misstrauten den Errungenschaften der eigenen b&uuml;rgerlichen Emanzipation und beschworen die Liberalen, welche jene auch einmal waren, die b&uuml;rgerlichen Ideale nicht allzu w&ouml;rtlich zu nehmen.</p>
<p>Als Gegenstrategie schl&auml;gt Habermas vor, die &#8222;Dimensionen einer unverk&uuml;rzten Rationalit&auml;t&#8221; in Erinnerung zu rufen, das hei&szlig;t, eine Kritik an der Einebnung des Aufkl&auml;rungsbegriffs zur instrumentellen Vernunft vorzunehmen, &#8222;auf deutschem (Blut &#8211; und) Boden haben wir schon einmal das Experiment einer auf Wirtschaftswachstum und technischen Fortschritt eingeschr&auml;nkten Modernisierung gemachti[18].</p>
<p>Habermas bringt das Ph&auml;nomen des Konvertitentums Ende der 1970er Jahre mit Ver&auml;nderungen in der au&szlig;enpolitischen Konstellation in Verbindung. Die Neokonservativen in den USA haben die milit&auml;rische Niederlage in Vietnam, den R&uuml;ckzug der amerikanischen Truppen und die Entspannungspolitik von Henry Kissinger als eine auch in moralischer Hinsicht bedeutende Niederlage im Kampf gegen den Weltkommunismus empfunden.[19] Diese &#8222;moralische Entwaffnung&#8221; habe fatale innenpolitische Auswirkungen, da das gesellschaftliche und staatliche Institutionengefiige durch den ausdauernden Protest der Jugendbewegung bedroht werde. Habermas schreibt, die Neokonservativen entdeckten die Krisenursachen in &#8222;kulturell bedingten Legitimationsproblemen&#8221; sowie insgesamt in einem &#8222;gest&ouml;rten Verh&auml;ltnis von Demokratie und Kultur&#8221;, statt in der Funktionsweise der kapitalistischen &Ouml;konomie und des Staatsapparates. Die Neokonservativen seien davon &uuml;berzeugt, dass es einen Autorit&auml;tsverlust der zentralen gesellschaftlichen und politischen Institutionen gebe, was sie zur Beunruhigung veranlasse.</p>
<p>Verdrehung von Ursache und Wirkung sei die entscheidende theoretische Schw&auml;che der Neokonservativen. &#8222;W&auml;hrend Neokonservative in Worten Umwelt, Menschenw&uuml;rde und Sittlichkeit verteidigen, tragen sie gleichzeitig durch ihre vorbehaltlose Verteidigung des existierenden Wirtschaftssystems und der bestehenden politischen Machtverh&auml;ltnisse zur Fortsetzung jener zerst&ouml;rerischen Dynamik bei, f&uuml;r die sie S&uuml;ndenb&ouml;cke aus dem Lager der linken Intellektuellen und der Anw&auml;lte des Wohlfahrtsstaates verantwortlich zu machen suchen.&#8221;</p>
<p>Eine weitere Strategie der Neokonservativen bestehe in der Diskreditierung der Intellektuellen in Form konservativer Kulturpolitik, wodurch eine Desintegration aus der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung erfolgen soll. Dies war auch der versteckte Sinn von Kohls &#8222;geistiger und moralischer Wende&#8221;, denn &#8222;postmaterielle Werte, vor allem die expressiven Bed&uuml;rfnisse nach Selbstverwirklichung und die kritischen Urteile einer universalistischen Aufkl&auml;rungsmoral, gelten als Bedrohung f&uuml;r die motivationalen Grundlagen einer funktionierenden Arbeitsgesellschaft und der entpolitisierten &Ouml;ffentlichkeit. Auf der anderen Seite soll die traditionale Kultur, sollen die haltenden M&auml;chte der konventionellen Sittlichkeit, der Patriotismus, der b&uuml;rgerlichen Religion und der Volkskultur gepflegt werden.&#8220;[21]</p>
<p>&#8222;Kritische Linke wissen, dass Umwelt, Menschenw&uuml;rde und humane Beziehungen von Mensch zu Mensch nur wiederhergestellt werden k&ouml;nnen, wenn das bestehende Wirtschaftssystem und die von ihm gepr&auml;gten Machtverh&auml;ltnisse radikal ver&auml;ndert wer-<br />den. [22]</p>
<h5>Kritik an Habermas&lsquo; Diskur&shy;sethik</h5>
<p>als &#8222;moralisch-praktischer Verfahrensrationalit&auml;t&#8221;<br />An dieser Stelle muss aber auch eine Kritik an Habermas&#8216; Diskursethik, die mit einer &#8222;s&uuml;hnenden Erinnerung&#8221; der &#8222;moralischen Katastrophe&#8221; (Auschwitz) auf das engste verbunden ist, erfolgen.</p>
<p>Jene Kraft der &#8222;s&uuml;hnenden Erinnerung&#8221;, die eine &#8222;Dialektik der Normalisierung&#8221; ausmache, vermag sich n&auml;mlich kaum allein gegen die fortgesetzten Anforderungen einer kapitalistischen Realit&auml;t durchzusetzen, welche die materielle Basis einer kapitallogisch-systematischen Normalisierung ausmachen. Die politisch-&ouml;konomischen Interessen bilden den Hintergrund f&uuml;r einen angestrengten Kulturkampf um Hegemonie in der &Ouml;ffentlichkeit (Gramsci), dem deshalb nicht allein mit den moralischen Prinzipien einer zivilen Diskursethik beizukommen ist. Als demokratische Diskursethik fasst Habermas eine &#8222;moralisch-praktische Verfahrensrationalit&auml;t&#8221;, die sich an die &#8222;Regeln eines fairen Ausgleichs von Interessen&#8221;, gleichsam an eine Ethik des Kompromisses h&auml;lt: &#8222;Kompromissbildung bestimmt in Systemen unseres Typs auf weite Strecken die politischen Entscheidungsprozesse (,..). Aber erst wenn diese Kompromisse nach Regeln eines fairen Ausgleiches von Interessen zustande kommen, sind sie auch rational im Sinne einer moralisch praktischen Verfahrensrationalit&auml;t.&#8220;[23]</p>
<p>Die Diskursethik von Habermas scheint der Ungleichheit der Machtverh&auml;ltnisse, die demokratische Diskurse nicht egalit&auml;r ablaufen l&auml;sst, Kompromisse allzu oft zu erzwungenen oder gar erpressten Zugest&auml;ndnissen macht und letztlich das gesamte moderne Zeitalter der Aufkl&auml;rung als eine Geschichte erscheinen l&auml;sst, in der das vern&uuml;nftige Argument &#8211; wenn &uuml;berhaupt &#8211; nur in Zusammenhang vermittelter Autorit&auml;t und Macht sich durchsetzen konnte, keinen gro&szlig;en Stellenwert einzur&auml;umen. &#8222;Autoritas, non veritas facit legem&#8221; hatte Thomas Hobbes zum Beginn der Moderne treffend erkannt. Setzt man Habermas&#8216; Diskursethik in eine praktische Beziehung zu Adornos kategorischen Imperativ, wie er ihn in seiner &#8222;Negativen Dialektik&#8221; formuliert hat,[24] so m&uuml;sste man zu dem Ergebnis kommen, dass Habermas Adornos Imperativ von Marx abgeschnitten und auf Kantische Moralphilosophie reduziert hat. Eine zivilgesellschaftliche Moral ist f&uuml;r sich alleine genommen eine stumpfe Waffe, die gegen die politische &Ouml;konomie, von der sie ma&szlig;geblich beeinflusst wird, allein nichts wirklich zu ver&auml;ndern vermag.</p>
<h5>Kapita&shy;lismus funktio&shy;niert nicht nach den Ma&szlig;st&auml;ben guter Moral</h5>
<p>Heinrich Heine schreibt: &#8222;Was man erhinken muss, darf man nicht erfliegen wollen.&#8221; Und darum muss man der Wurzel auf den Grund gehen, das Ph&auml;nomen gleichsam radikaler angehen. Adorno schreibt in der &#8222;Negativen Dialektik&#8221;, dass Moral nur im &#8222;ungeschminkt materialistischen Motiv&#8221; &uuml;berlebe. Dem Kapitalismus unmaterialistisch, gleichsam blo&szlig; moralisch anzugehen, hie&szlig;e, ihm den &#8222;Schleier der Maja&#8221; anzuh&auml;ngen, unter dem wir dann leben und alles nur noch verschleiert wahrnehmen. Das soll hei&szlig;en: Der Kapitalismus funktioniert nicht nach den Ma&szlig;st&auml;ben guter Moral, da er wesentlich auf Ausbeutung und Profitmaximierung beruht.</p>
<p>Moral ohne materialistisches Motiv findet sich in Kants kategorischem Imperativ, so zu handeln, dass das individuelle Handeln zur allgemeinen Maxime des Handelns werden k&ouml;nne. Kants allgemeines Sittengesetz f&uuml;hrt &#8211; konsequent, d.h. &#8222;ungeschminkt materialistisch&#8221; weitergedacht &#8211; zu dem von Marx in seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie formulierten kategorischen Imperativ: &#8222;Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das h&ouml;chste Wesen f&uuml;r den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verh&auml;ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&auml;chtliches Wesen ist.&#8221;</p>
<p>Was hat Marx dazu veranlasst, den moralischen Imperativ an das Subjekt in einer praktischen Kritik des Kapitalismus aufzuheben? In seiner Kritik der politischen &Ouml;konomie zeigt er auf, dass die Kapitalisten auf Grund des Konkurrenzprinzips &#8222;bei Strafe ihres Untergangs&#8221; dazu gezwungen sind, den Menschen als blo&szlig;es &ouml;konomisches Mittel (Ware Arbeitskraft) und nicht zugleich auch als Zweck (Menschwerdung des Menschen) zu behandeln. Die Menschen versto&szlig;en im Kapitalismus gezwungenerma&szlig;en gegen Kants Sittengesetz.</p>
<p>Man kann daraus folgern, dass der Kapitalismus sittenwidrig ist: Er appelliert an den &#8222;inneren Schweinehund&#8221;. Sein Prinzip der &#8222;Selbstverwertung des Wertes&#8221;, die permanente Zirkulation von Ware und Geld, ist die ewige Wiedergeburt des Kapitals &#8211; als ein &#8222;Schweinesystem&#8221;. Dagegen kommt gute Moral, geschweige denn gutes Karrna,[25] nicht an. Adorno hat es in den &#8222;Minima Moralia&#8221; ganz d&uuml;ster ausgedr&uuml;ckt: &#8222;Es gibt kein richtiges Leben im falschen.&#8221; Gegen dieses Verdikt mag man einwenden: Es gibt aber ein weniger falsches Leben im falschen. Dieses mag darin bestehen, im Bioladen einzukaufen oder darauf zu achten, keine Produkte zu erwerben, an denen das Blut oder auch nur der Schwei&szlig; von Kinderh&auml;nden klebt. Oder eine besondere Biersorte zu kaufen, um den Regenwald zu retten.</p>
<p>Aber solche Konsumenten-Moral ist nur etwas f&uuml;r jene, die nicht nur willens, sondern finanziell auch in der Lage sind, faire, d.h. also h&ouml;here Preise f&uuml;r Waren zu bezahlen. Geiz ist selbstredend nicht geil. Aber wer auf dem Niveau von Hartz IV lebt &#8211; als Arbeitsloser oder Billigl&ouml;hner &#8211; kann sich von schlechtem Gewissen nicht beeindrucken lassen. Oder anders gesagt: Es gibt einen von Kausalit&auml;t zumindest beeinflussten Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen (&auml;u&szlig;eren Umst&auml;nden) und der F&auml;higkeit zum Gutsein. Bertolt Brecht hat das in seinem &#8222;Lied von der belebenden Wirkung des Geldes&#8221; trefflich so ausgedr&uuml;ckt: &#8222;So ist&#8217;s auch mit allem Guten und Gro&szlig;en / Es verk&uuml;mmert rasch in dieser Welt. / Denn mit leerem Magen und mit blo&szlig;en F&uuml;&szlig;en / ist man nicht auf Gr&ouml;&szlig;e eingestellt. / Man will nicht das Gute, sondern Geld / Und man ist von Kleinmut angehaucht. / Aber wenn der Gute etwas Geld hat / Hat er, was er doch zum Gutsein braucht.&#8220;</p>
<h5>Neoliberale Moral</h5>
<p>Die Strategie der Neokonservativen, welche diese zur L&ouml;sung der vermeintlichen Probleme anboten, geh&ouml;rt heute zum hegemonialen Programm des weltumspannenden Neoliberalismus, der ein Analogon zum Neokonservativismus ist. Die Entsprechung liegt unter anderem in der Bevorzugung aristokratischer Werte, w&auml;hrend aber im Neoliberalismus diese als demokratische Werte verschleiert werden, werden sie im Neokonservativismus offen ausgesprochen. Profiteure sind jedoch stets die Reichen, die allein einen &#8222;schlanken Staat&#8221; bei gleichzeitigem &#8222;Gutmenschentum&#8221; sich finanziell leisten, aber ihre egoistischen Interessen gegen das soziale Gewissen und gegen das solidarische Prinzip des Gemeinwesens abdichten k&ouml;nnen. Die katholische Soziallehre findet darin keine Ber&uuml;cksichtigung mehr. Das Subsidiarit&auml;tsprinzip, das einmal in menschenrechtliche Auffassungen eingebunden war und soziale Gerechtigkeit herstellen sollte, wird Schritt f&uuml;r Schritt aufgegeben. &#8222;G&auml;be es in der Bundesrepublik noch eine wirksame Tradition katholischer Soziallehre, so w&auml;re es kaum denkbar, dass &#8212; wie es zurzeit geschieht &#8212; der Abbau des Sozialstaats unter Berufung auf das Subsidiarit&auml;tsprinzip schmackhaft gemacht wird.[26]</p>
<h5>Die &Uuml;bel der Welt werden heute morali&shy;sie&shy;rend verarbeitet</h5>
<p>Ich hoffe, ich habe nicht den Eindruck erweckt, ein Gegner der Moral zu sein. Meine ganze Argumentation ist ja selbst moralisch, jedenfalls normativ gepr&auml;gt. Aber ich verstehe unter einem moralischen Ansatz Kritik: politische Moral als Kritik der herrschenden Moral.</p>
<p>Moralische Sensibilit&auml;t wird heute &#8212; 40 Jahre nach 1968 &#8212; wieder durch Sachzwangideologie neutralisiert. Politische Praxis kommt deshalb ohne moralischen Impetus aus, verk&uuml;mmert deshalb auch zur kalten Technologie (Entropie der Moral). Wo Moral in der Politik dennoch eine Rolle spielt, wird sie bel&auml;chelt, oder sie steht in einem instrumentellen Verh&auml;ltnis zur Verschleierung von Herrschaftsinteressen.</p>
<p>Der Germanist Georg Bollenbeck schrieb k&uuml;rzlich im &#8222;Freitag&#8221;: &#8222;Wie wichtig 68 ist, belegen die Deutungsk&auml;mpfe. Aber eine neue Studentenbewegung ist nicht in Sicht. Gewiss, die Zumutungen und Konflikte haben zugenommen. Aber sie werden heute durch Mitmach- und Einigkeitsdiskurse geschickter gemanagt. F&uuml;r die Selbstverwirklichung soll der Markt zust&auml;ndig sein. Die Autorit&auml;ten sind durch Sachzw&auml;nge ersetzt, die &Uuml;bel der Welt werden moralisierend verarbeitet. (&#8230;) Wer heute die Welt politisch ver&auml;ndern will, tut dies in einer durch die Vollzugsbeamten der Modernisierung ver&auml;nderten Welt. Und wer in diesen Folgen keinen Erfolg sieht und gar eine andere Welt will, der braucht das, was die Protestbewegung auszeichnete: den Reichtum der Vorstellungsmacht den langen Atem einer theoriegeleiteten Gesellschaftskritik und eine phantasievolle Widerst&auml;ndigkeit&nbsp;. So gesehen kann 68 f&uuml;r eine sich re-formierende Linke als Lehrst&uuml;ck wirken, von den man wei&szlig;, das was es darstellt Vergangenheit ist.[27]</p>
<p>* Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten auf dem Kolloquium &raquo;1968 &#8211; Fragen der politischen Moral&laquo; der ZEWW, Universit&auml;t Hannover, am 9.7.2008 im Leibniz Haus in Hannover.</p>
<p>[1] Denis McShane: &#8222;Die Krise der Sozialdemokratie in Europa&#8221;, dokumentiert in: Freitag vom<br />6.6.2008.<br />[2 ]Vgl. Oskar Negt 1968 im Kursbuch.<br />[3] Vgl. Ernst Fraenkel: Deutschland und die westlichen Demokratien, Stuttgart 1968.<br />[4] Peter Sloterdijk: Interview, in: Jochen Gerz: Platz der Grundrechte Karlsruhe, S. 101.<br />[5] Berlin/Wien 2002, S. 291-309.<br />[6] Immanuel Kant: &#8222;Die Religion innerhalb der Grenzen der blo&szlig;en Vernunft&#8221;, in: ders.: Werke, Bd.<br />VIII, Frankfurt am Main 1997, S. 649-879, B 18.<br />[7] Ebd., B 165 f,<br />[8] Das Zeitalter der europ&auml;ischen Revolution 1780-1848, Fischer Weltgeschichte Bd. 26, Hrsg.: Louis<br />Bergeron, Francois Furet und Reinhart Koselleck, Frankfurt 1969, S. 73.<br />[9] Vgl. Hegel: Vorlesungen &uuml;ber die Philosophie der Geschichte, Frankfurt am Main, S. 532f.<br />[10] Ebd.<br />[11] Vgl. Karl Otto Apel: &#8222;Zur&uuml;ck zur Normalit&auml;t? &#8211; Oder k&ouml;nnten wir aus der nationalen Katastrophe<br />etwas Besonderes gelernt haben? Das Problem des (welt-)geschichtlichen &Uuml;bergangs zur postkon-<br />ventionellen Moral aus spezifisch deutscher Sicht&#8221;, in: ders.: Diskurs und Verantwortung. Das Problem des &Uuml;bergangs zur postkonventionellen Moral, Frankfurt am Main 1990, S. 370&#8211;474; S.<br />424; vgl. Walter Resse-Sch&auml;fer: Karl Otto Apel zur Einf&uuml;hrung, mit einem Nachwort von J&uuml;rgen<br />Habermas, Hamburg 1990, S. 27 f.<br />[12] &#8222;Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! &#8211; das waren Parolen, die die politische Struktur der Gesellschaftsordnung ver&auml;ndern wollten, aber gleichzeitig darauf gerichtet waren, die Grundlagen der<br />Wirtschaft und des Systems gesellschaftlicher Arbeit so zu korrigieren, dass die M&ouml;glichkeit autorit&auml;rer Entwicklungen an ihrer Wurzel getroffen wird.&#8221; &#8211; Oskar Negt: Wozu noch Gewerkschaften? Eine Streitschrift, G&ouml;ttingen 2004, S. 56.<br />[13] Vgl. Apel: &#8222;Zur&uuml;ck zur Normalit&auml;t?&#8221;, a.a.O., S. 428.<br />[14] Alexander Dubcek im August 1990, zit, n. Mark Kurlansky: 1968. Das Jahr, das die Welt ver&auml;nder-<br />te, K&ouml;ln 2005, S. 320.<br />[15] Oskar Negt kritisiert den Begriff als Euphemismus. Genauer benannt w&auml;re die Phase als &#8222;Form der<br />pr&auml;ventiven, vorbeugenden Gegenrevolution&#8221;, die man auch als zweite Restaurationsphase (gekennzeichnet durch eine breite Polarisierung der gesellschaftlichen Kr&auml;fte) bezeichnen k&ouml;nne. &#8211;<br />Vgl. Negt: &#8222;Die Misere der b&uuml;rgerlichen Demokratie in Deutschland&#8221;, in ders.: Keine Demokratie ohne Sozialismus. &Uuml;ber den Zusammenhang von Politik, Geschichte und Moral, Frankfurt am Main 1977, S. 17 f. &#8211; &#8222;Gegenrevolution&auml;re Gewalt&#8221; (z. B. in Gestalt der Berufsverbote) komme in Deutschland pr&auml;ventiv zum Einsatz; es gebe Restaurationen ohne vorherige Revolutionen. &#8211; Vgl.<br />ebd., S. 35.<br />[16] Habermas: Stichworte zur geistigen Situation der Zeit, Frankfurt am Main 1979, Vorwort, S. 21.<br />[17] Ebd., S. 22.<br />[18] Ebd., S. 23.<br />[19] Vgl. Peter Glotz, zit. n. Habermas: &#8222;Die Kulturkritik der Neokonservativen in den USA und in der<br />Bundesrepublik&#8221;, in ders.: Die Neue Un&uuml;bersichtlichkeit, Frankfurt am Main 1985, S. 32.<br />[20] Vgl. ebd., S. 33.<br />114&nbsp;vorg&auml;nge Heft 4/2008, S. 103-114<br />[21] Habermas: &#8222;Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Ersch&ouml;pfung utopischer Energien&#8221;, in: ders.: Die Neue Un&uuml;bersichtlichkeit, a.a.O., S. 154.<br />[22] Iring Fetscher: &#8222;Bewahren zur Sicherung der Zukunft. Eine Aufgabe f&uuml;r die Linke&#8221;, in: Konservativismus in der Strukturkrise, hrsg. v. Thomas Kreuder und Hanno Loewy, Frankfurt am Main 1987, 5. 205&#8211;220; S. 216.<br />[23] J&uuml;rgen Habermas: &#8222;Was Theorien leisten k&ouml;nnen &#8211; und was nicht&#8221;, in: ders.: Vergangenheit als Zukunft, Z&uuml;rich 1990, S. 143.<br />[24] Vgl. Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt am Main 1975, S. 358.<br />[25]Vgl. Marcus Hawel: &raquo;Unter dem Schleier der Maja. Eine philosophische Betrachtung eines Verh&auml;ltnisses zum Konsum, der sich Karma-Kapitalismus nennt&laquo;, Internetseite des Goethe-Instituts: <a href="http://www.goethe.de/ges/phj/t1llpJdebJde253575" target="_blank" rel="noopener">http://www.goethe.de/ges/phj/t1llpJdebJde253575</a><br />.htm.<br />[26] Arno Kl&ouml;nne: Zur&uuml;ck zur Nation? Kontroversen zu deutschen Fragen, K&ouml;ln 1984, S. 127.<br />[27] Georg Bollenbeck: &raquo;Lehrst&uuml;ck mit viel Publikum&laquo;, in: Freitag 24 vom 13.6.2008.</p>
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		<title>Identitätspolitik und die Kultur der Moderne</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jun 2006 13:56:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kritische Anmerkungen zu Samuel Huntingtons &#132;Kampf der Kulturen&#147;. Aus: vorgänge Nr. 174, (Heft 2/2006), S.115-129 Wir haben uns daran gewöhnt, das Zeitalter, in dem wir leben, als Globalisierung zu bezeichnen. Das ist eine zeitliche Phase, in der die Welt, wie es heißt, immer näher zusammenrückt, sich Distanzen verringern und die Menschen wie in einem globalen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/174-vorgaenge/publikation/identitaetspolitik-und-die-kultur-der-moderne/">Identitätspolitik und die Kultur der Moderne</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Kritische Anmerkungen zu Samuel Huntingtons</p>
<p>&#132;Kampf der Kulturen&#147;.</p>
<p>Aus: vorgänge Nr. 174, (Heft 2/2006), S.115-129</p>
<p><b>Wir haben uns daran gewöhnt, das Zeitalter, in dem wir leben, als Globalisierung zu bezeichnen. Das ist eine zeitliche Phase, in der die Welt, wie es heißt, immer näher zusammenrückt, sich Distanzen verringern und die Menschen wie in einem globalen Dorf zusammenleben. Zu Anfang war die Globalisierung von großer Euphorie begleitet. Die Rede war von der one world, in der sich die Menschheitsprobleme wie Armut, Massenarbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und kriegerische Auseinandersetzungen lösen lassen. Man hatte vielerorts gehofft, dass die passende Geisteshaltung zur Globalisierung der Kosmopolitismus wäre, &#150; und tatsächlich finden wir bei vielen Menschen auch diese Geisteshaltung. Aber noch viel häufiger kommen Nationalismus und kultureller Chauvinismus, auch religiöser Fanatismus zu einer erneuten Blüte &#8211; auch auf regierungsamtlichen Seiten. Mittlerweile ist Ernüchterung eingetreten. Die Menschen werden aus ihren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen herausgerissen. Die Globalisierung führt nicht zu einer Angleichung und Verbesserung der Lebensverhältnisse zwischen der ersten und der dritten Welt, sondern verschärft die Situation. Ganz offensichtlich kommt aus diesem Grund den Menschen der Kosmopolitismus nicht in den Sinn. Die Globalisierung hat längst ihre negativen Seiten offenbart. Vielerorts ist von Leitkultur, nationaler, kultureller oder religiöser Identität die Rede. Der Begriff der Identität ist vielfältig in Gebrauch; er ist ein Schlüsselbegriff, dessen Bedeutung oft überstrapaziert und missbraucht wird. Wenn von Identität die Rede ist, verbergen sich meistens dahinter ein realer materieller Mangel an Lebenschancen und ein Bedürfnis nach kollektiver Identität, gleichsam nach Orientierung und Schutz. Orientierung wird im Vertrauten gesucht, die Gesellschaften schotten sich ab, verschließen sich einem Dialog der Verständigung und pflegen Vorurteile. Schutz wiederum ist ein Urphänomen von Herrschaft, die auf Anerkennung beruht. Und so können überall politische oder religiöse Gruppen zur Herrschaft gelangen, wenn sie sich Anerkennung erheischen, indem sie lauthals den Schutz der kulturellen Identität versprechen.<br />Hervorhebenswert ist in diesem Zusammenhang, dass nach der ursprünglichen Bedeutung die Suche nach Identität im scheinbar Bewährten mit Orientierung überhaupt nichts zu tun hat. Das Wort Orientierung entstand im Kontext der okzidentalen Kultur des 18. Jahrhunderts. Etymologisch leitet sich das Wort von oriens (lat.) = Osten, Orient ab und bedeutet sinngemäß, nach Osten zu schauen, wo die Sonne aufgeht, um die anderen Himmelsrichtungen bestimmen zu können. In einem übertragenen Sinne orientierte man sich, indem man sich dem (Sonnen-) Licht der Aufklärung zuwandte. In einem daraus abgeleiteten Sinne suchte man im Geiste der Aufklärung nach Orientierung, indem man sich der orientalischen Kultur öffnete von der es schon in der Antike viel zu lernen galt, was den Fortschritt der Wissenschaften anbelangte: Immerhin waren hier unter anderem die Schrift und das arithmetische Denken, die Mathematik, entstanden, die von dort ins antike Griechenland hinüber gelangten und die okzidentale Philosophie anschoben.<br />Im 18. Jahrhundert beflügelte der Orient die bürgerlichen Gesellschaften Europas. Die Faszination gegenüber dem Orient &#150; Orientalismus, der sich etwa an Marokko, Türkei, Ägypten und Indien festmachte, ließen auch im 19. Jahrhundert nicht nach. Literaten wie Johann Wolfgang Goethe (West-östlicher Divan, 1816) oder Hugo von Hofmannsthal (Das Märchen der 672. Nacht, 1895) traten in einen Dialog mit dem Morgenland. Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart machten den Orient zum Thema der Oper (Entführung aus dem Serail, 1782). Maler wie Eugène Delacroix versuchten die Faszination &#150; oft ihre erotischen Phantasien bezüglich der Haremskultur &#150; bildlich darzustellen. Viele gaben sich mit den Berichten, die aus dem Orient kamen, nicht zufrieden und reisten selbst dorthin, um sich ein eigenes, vermeintlich ungetrübtes Bild zu verschaffen &#150; wie etwa Delacroix nach Marokko (Tagebuch der Marokko-Reise, 1832). Die Bibliotheken sind gefüllt mit Reiseberichten aus dieser Zeit. Oft ging es allerdings wenig realistisch zu, die künstlerischen Darstellungen zeugen von Wunschprojektionen und Sehnsüchten, die die europäische Kultur zu dieser Zeit in keinem besonders paradiesischen Licht erscheinen lassen. Der Orient erfüllte in Europa die Funktion einer utopischen Gegenwelt. Exotik und Erotik konnten faszinieren, weil es um die Leidenschaft und Sinnlichkeit in Europa offensichtlich nicht allzu gut bestellt waren. Man suchte also auch hier Orientierung, um sich selbst zu befreien. Man schaute freilich nicht so genau hin, inwieweit das Orientbild tatsächlich der Realität entsprach. Der Orient diente als Quelle der Inspiration. Man suchte Orientierung, um die eigene Kultur besser auszustatten.<br />Die Unbefangenheit dieser Orientierung erklärt sich daraus, dass es den Literaten, Komponisten und Malern kaum in den Sinn gekommen wäre, ihre eigene Kultur national zu buchstabieren. Ist etwa Goethe ein Repräsentant der deutschen Kultur? War Goethe ein Deutscher? Heute gibt es keinen Zweifel bei der Beantwortung dieser beiden rhetorischen Fragen. Das deutsche Kulturinstitut trägt Goethes Namen zu Recht. Dennoch haben die beiden Fragen eine Berechtigung. Denn Deutschland gab es zu Goethes Lebzeiten noch gar nicht, und er hat auch gar nicht deutsch gedacht; er hatte vielmehr eine kosmopolitische Orientierung. Erst in der nachkommenden Zeit entstanden im Zuge der Nationalstaaten nationale Identitäten, in denen Goethe für die deutsche Kultur eine herausragende Funktion zugedacht wurde, die vermutlich allzu oft nicht in seinem Sinne gewesen ist. Es handelt sich &#150; um ein Wort von Eric Hobsbawm zu bemühen &#150; um den klassischen Fall einer invention of tradition, wenn ein Rückbezug auf die Vergangenheit erfolgt, um eine kulturelle Identität im nationalen Rahmen zu schaffen.<br />Je mehr heute sich in Europa die nationalstaatlichen Grenzen auflösen oder zumindest durchlässiger werden, wird Goethe im Rahmen der europäischen Kultur gesehen, wo er &#150; wie auch zum Beispiel Shakespeare &#150; eher hingehört. Ich erwähne dies etwas ausführlicher, weil nach der von den Deutschen verursachten Katastrophe der beiden Weltkriege und des Massenmordes vor allem an den Juden die Entwicklung in Europa nicht selbstverständlich ist. Die Auswirkungen waren zwar in der ganzen Welt zu spüren, in Europa aber waren die Verwüstungen am schlimmsten und haben bis an den Rand des Niedergangs der bürgerlichen Kultur geführt. Kriege zwischen europäischen Staaten sind heute undenkbar geworden. Die ehemaligen Erzfeinde Frankreich und Deutschland stehen in freundschaftlicher Verbundenheit sehr eng beieinander und begreifen sich als Wegbereiter der europäischen Integration. In diesem über das Nationale hinausgehenden Kontext versucht man nun eine europäische Identität zu schaffen, in der Goethe und Shakespeare eine zentrale kulturelle Rolle spielen. Die Entwicklung stellt sich ganz sicher mit Rückblick auf das Vergangene als Fortschritt dar, aber im Blick nach vorne und im globalen Zusammenhang wiederum erweist sie sich als eine neue, erweiterte Abschottung. &#150; In Marokko weiß man sicher sehr gut, was die Festung Europa im Alltag bedeutet, wenn die aus vielen Teilen Afrikas durch die Wüste gekommenen Menschen vor den Toren Europas brutal abgewiesen werden, im Stacheldraht verenden oder im Mittelmeer ertrinken.<br />Im Zeitalter der Globalisierung nimmt das Bedürfnis nach Abschottung wieder zu. Ein Begriff macht in den Sozialwissenschaften seit längerem schon die Runde, mit dem versucht wird, die gegenwärtigen Entwicklungen und die unangenehmen Begleiterscheinungen, die sich auf der Suche nach kollektiver Identität ergeben, zu erklären. Es geht um den Begriff der Identitätspolitik. Die Globalisierung verstärkt ganz offensichtlich die Tendenz der identitätspolitischen Abschottung kultureller Traditionen, die dann aufgrund einer mangelhaften Verständigung in Konflikt miteinander geraten können.<br />Man findet eine identitätspolitische Abschottung nicht nur entlang der Scheidelinie Gewinner-Verlierer der Globalisierung, &#150; auch wenn das nahe zu liegen scheint. Die Scheidelinie verläuft auch nicht zwischen Erster und Dritter Welt, bzw. zwischen reich und arm in diesen. Das gibt es zwar auch, weil das ökonomische Motiv der Effizienz eine Triebkraft für die Identitätspolitik durchaus darstellt, etwa wenn reiche Gebiete eines Landes sich von den armen abzuspalten gedenken (Separatismus), wie es im ehemaligen Jugoslawien geschehen ist. Im Falle Osama bin Ladens, der in der westlichen Welt seit dem 11. September 2001 zum am meisten gefürchteten Terroristen avanciert ist, verhält es sich anders. Er gehört zu einer geprellten, aber wohlhabenden Herrschaftselite in seinem Herkunftsland; er ist kein Verlierer der Globalisierung. Ihm geht es um soziokulturelle Dominanz und Herrschaft in seiner eigenen Kultur. Er sucht in der Auseinandersetzung mit den dortigen Herrschaftseliten die Konfrontation mit dem Westen, will scheinbar einen Kampf der Kulturen befördern, um seine Anhängerschaft zu vergrößern und zu radikalisieren; er instrumentalisiert dabei seine Anhängerschaft genauso, wie er die islamische Religion zu diesem Zwecke missbraucht.<br />Ich beziehe mich im Folgenden zentral auf ein Buch des Dortmunder Politikwissenschaftlers Thomas Meyer, das den Titel &#132;Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede&#147; trägt und in Deutschland 2002 erschienen ist.1 Thomas Meyer zeigt in diesem Buch auf, dass es nicht die kulturellen Differenzen sind, die zur Konfrontation führen, sondern einzig der Umgang mit ihnen. Es sind soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Faktoren, &#150; es sind Machtinteressen, die in einer (fundamentalistischen) Identitätspolitik münden.</b></p>
<h5>Funda&shy;men&shy;ta&shy;lismus in allen Kulturen der Welt </h5>
<p>Ich denke, ich muss nicht sagen, dass der 11. September 2001 kein heroischer Tag in einem vermeintlichen Befreiungskampf gegen die Welthegemonie der USA gewesen ist, sondern dass sich an diesem Tag ein Massenmord besonderer Qualität ereignete. Im Westen werden diese terroristischen Anschläge in einem Zusammenhang mit islamistischem Fundamentalismus gesehen, der die Züge eines globalen Terrorismus angenommen hat. Die Motive dieses Terrorismus werden im Westen nicht richtig verstanden, wenn sie im Nihilismus und dem Bösen gesehen werden. So irrational ist dieser Terrorismus keineswegs. Vor allem erleichtert eine solche schlichte Interpretation es dem Westen, in aller Schärfe dagegen vorzugehen, ohne die eigene Verstrickung und Schuld reflektieren zu müssen. Immerhin hat der Westen in der Vergangenheit immer wieder fundamentalistische, insbesondere islamistische Kräfte unterstützt, ja sogar &#150; wie in Afghanistan gegen die Sowjetunion &#150; regelrecht aufgebaut, um sie gegen Regierungen, die den westlichen Interessen nicht Folge leisten wollten, ins Feld zu führen. <br />Die Anschläge vom 11. September 2001 haben eine Signatur, die im Widerspruch zu den von der Weltöffentlichkeit vorgetragenen Beweggründen von Al Qaida steht. Zwei Passagierflugzeuge wurden in das World Trade Center gelenkt; ein drittes Flugzeug ins Pentagon, und eine vierte Maschine sollte vermutlich das Weiße Haus treffen. Der Friedens- und Konfliktforscher Johann Galtung wies unmittelbar nach den Anschlägen darauf hin, dass das WTC für das ökonomische, das Pentagon für das militärische und das Weiße Haus für das politische Amerika stehen. Alle drei Gebäude stehen symbolisch für den Weltmachtanspruch der USA. Warum aber, wenn es tatsächlich um einen Kampf der Kulturen ginge, wurde nicht symbolisch das kulturelle Amerika attackiert, für das die Freiheitsstatue steht? In der Auswahl der tatsächlichen Anschlagsziele offenbart sich eine instrumentelle Rationalität, die darauf verweist, dass es darum ging, den ökonomischen, militärischen und politischen Geltungsanspruch der USA zurückzudrängen &#150; vor allem in der arabischen Welt und in bin Ladens Herkunftsland Saudi-Arabien, wo er für sich beansprucht, zur Herrschaftselite zu gehören. Er zieht das religiöse Ticket, um eine Massenbasis für sein pseudorevolutionäres Ansinnen zu schaffen. In dem Augenblick aber, in dem er sein Ziel erreicht, würde er die Massen, die ihn befördert haben, seinerseits vermutlich ebenso prellen, wie er von der Herrschaftselite in Saudi-Arabien geprellt wurde. Keine Frage, Osama bin Laden ist ein prophet of decease, ein Prophet des Untergangs, der die Welt zu retten vorgibt, um nur sich selbst zu retten. Aber ihn zum absoluten Bösen zu stilisieren, macht die gesamte Situation, in der wir uns befinden, noch gefährlicher, als sie ohnehin schon ist. Denn wie sollte der Westen auf ein absolutes Böses, das ihn bedroht, anders reagieren als mit aller Schärfe? Und so erleben wir, wie mit dem Krieg in Afghanistan und im Irak, vermutlich bald auch gegen den Iran, eine Serie von Kriegen gegen den Terror entsteht, die man vielleicht in ein paar Jahren einmal als Dritten Weltkrieg bezeichnen wird, der mit dem 11. September 2001 begonnen wurde. Sicher, dass es nicht so sein wird, kann man sich jedenfalls nicht sein. Wann beginnt ein Krieg? Wann der Vorkrieg?<br />Wenn im Westen seit dem 11. September 2001 verstärkt von einem islamistischen Fundamentalismus die Rede ist, so wird gerne übersehen, dass der Fundamentalismus2 nicht ein Phänomen ist, das einzig in der islamischen oder allgemeiner in der orientalischen Kultur anzutreffen ist. Im Westen ist man schnell dabei zu unterschlagen, dass es auch dort Fundamentalismus gibt, mehr noch: dass der Fundamentalismus seinen Geburtsort sogar im Westen gehabt hat. <br />Das Wort Fundamentalismus trat zum ersten Mal in Erscheinung in einer religiösen Schriftenreihe (1910-1915), die in den USA unter dem Titel The Fundamentals und mit dem Untertitel A Testimony to Truth (Ein Zeugnis der Wahrheit) erschienen ist. Protestantische Christen waren die Herausgeber; sie gründeten 1919 eine weltweit agierende Organisation namens World´s Christian Fundamentals Association. <br />Vier ursprüngliche Merkmale kennzeichneten die Fundamentals: 1) die Überzeugung einer &#132;buchstäbliche[n] Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift&#147;; 2) alle Wissenschaft, Theologie etc. sei nichtig, wenn sie der Bibel widerspricht (z.B. die Evolutionstheorie von Charles Darwin, die auch heute noch an vielen us- amerikanischen Schulen in Frage gestellt wird); 3) niemand könne ein &#132;wahrer Christ&#147; sein, der der Bibelauslegung der Fundamentals widerspricht; 4) Missachtung von (staatlicher, gesellschaftlicher oder individueller) Autorität, wenn Interessen oder politisch-rechtliche Fragen mit der Ethik der Fundamentals kollidieren; Kirche und christliche Religion gelten als höhere Instanzen als Staat und Recht. (Vgl. 54)<br />Das Wort Fundamentalismus fand seine Verbreitung also zunächst im Westen und in einem christlichen Kontext. Erst danach fand das Wort seine Verallgemeinerung und Anwendung auf andere Kulturbereiche. Heute wird im Westen damit hauptsächlich islamistischer Fanatismus assoziiert. Gegenüber dem eigenen Fundamentalismus ist man weitgehend blind. Fundamentalismus ist aber ein globales Phänomen. Es gibt protestantischen Fundamentalismus in den USA, Hindu-Fundamentalismus in Indien, evangelikanischen Fundamentalismus in Guatemala, jüdischen Fundamentalismus in Israel, buddhistischen Fundamentalismus auf Sri Lanka, islamischen Fundamentalismus z.B. im Iran oder in Algerien, konfuzianischen Fundamentalismus in Südostasien, römisch-katholischen Fundamentalismus in Europa und den USA. (Vgl. 29f.)3<br />Fundamentalismus ist ein ätzender Stoff, der die kulturellen Verhältnisse vergiftet; aber er ist nicht das Gift, das einseitig für Spannungen zwischen Okzident und Orient verantwortlich ist. Die Gegenüberstellung Okzident-Orient verstellt die Sicht auf das eigentliche Problem: Der Fundamentalismus ist &#132;eine Begleiterscheinung aller Kulturreligionen der gegenwärtigen Welt als Folge unbewältigter oder scheiternder Modernisierungsbestrebungen und der mit ihnen verbundenen kollektiven Erfahrungen von Entwurzelung, Verunsicherung, Ausweglosigkeit, Degradation und Kränkung.&#147; (10f.) &#150; So fasst Thomas Meyer seine zentrale These zusammen. <br />Der Fundamentalismus nimmt den Charakter einer politischen Ideologie an und steht in einem direkten Zusammenhang mit krisenhaft verlaufenden Modernisierungsprozessen. Die traditionellen Kulturen werden im Affekt gegen die Moderne absolut gesetzt und politisiert. Sie sollen in der Regel als offiziell verbindliche Ethik des gesellschaftlichen Zusammenlebens &#132;gegen die politischen Institutionen moderner Gesellschaften für das Gemeinwesen verbindlich&#147; (47) gemacht werden. Anerkennung sucht dieser Fundamentalismus in den jeweiligen Bevölkerungen durch den &#132;Anspruch, die Ursachen der Modernisierungskrisen zu erklären und Auswege aus ihnen zu weisen, deren Erfolge so sicher seien wie die absoluten Gewissheitsansprüche, mit denen er sie begründet&#147; (ebd.).<br />Fundamentalismus ist demnach ein Produkt der Moderne; er verspricht in einer unübersichtlich gewordenen Welt rasanter Entwicklung einen vermeintlich sicheren Halt, feste Identität, Sicherheit und Orientierung durch ein Festhalten an den kulturellen Traditionen, wodurch Ungewissheit, Unübersichtlichkeit und moderne Offenheit, die als persönliche Bedrohung wahrgenommen werden, überwunden werden sollen. (Vgl. 52) Dabei werden die Traditionen und kulturellen Werte auf ein geheiligtes Fundament gestellt, das als ewige Basis für einen politischen Herrschaftsanspruch eines geschlossenen und autoritären Systems von Zucht und Ordnung dient &#150; meistens zum Vorteil einzig einer Clique, die diesen Fundamentalismus propagiert. <br />Hier handelt es sich um die abstrakten Gemeinsamkeiten sämtlicher Fundamentalismen, ob sie nun religiös oder weltlich-profan motiviert sind. Es ist &#132;derselbe Stil des verfeindeten Umgangs mit kulturellen Unterschieden, eine Strategie vormacht orientierter Politisierung der eigenen Kultur gegen die Kultur der Anderen&#147; (30). Der Andere wird zum Feind der heimischen Kultur sowohl im Innern eines Staates als auch außerhalb erklärt. &#132;Kulturelles Selbstbewusstsein wird zum Hebel für politische Verfeindung um der kulturellen Dominanz oder der politischen Macht willen.&#147; (Ebd.)</p>
<h5>Die Geburt einer Ideologie &#150; Huntingtons Kultur&shy;kampf&shy;the&shy;orem</h5>
<p>Der amerikanische Politikwissenschaftler und Berater des US-Präsidenten Samuel Huntington publizierte im Sommer 1993 seinen kurzen Aufsatz &#132;Kampf der Kulturen?&#147;4, der umgehend in der gesamten Welt einen Paradigmenwechsel (mit-) befördert, zumindest aber für Furore gesorgt hat. Bei seinen Befürwortern genauso wie bei seinen Gegnern war die Resonanz so groß, dass man davon ausgehen muss, dass Huntington nur prägnante Worte für das gefunden hat, was überall schon vorbewusst im Schwange war. War der Titel des Aufsatzes noch mit einem Fragezeichen versehen, verschwand dieses Fragezeichen im Titel seines kurze Zeit später nachgeschobenen Buches, in dem er das Kulturkampftheorem ausbreitete.5 <br />Was steht in diesem Aufsatz und Buch? Hinter Huntingtons Kulturkampftheorem steht die grundsätzliche Prämisse, dass jede Kultur der Welt aus sozialen und politischen Normen besteht, die mit denen der anderen Kulturen unvereinbar sind. Eine friedliche Koexistenz war nur so lange möglich, wie räumliche Distanz vorhanden war. Da wir im Zeitalter der Globalisierung in Nahverhältnissen zueinander kommen, gleichsam wie in einem globalen Dorf leben, jedenfalls die geographischen Distanzen keinen Schutz mehr bieten oder eine friedliche Koexistenz zuließen, sei ein Kampf der Kulturen unvermeidlich.6 Die Welt des 21. Jahrhunderts werde zu einer Arena von Kulturkämpfen. Der Höhepunkt dieses zunächst kalten, dann heißen Zusammenpralls der Kulturen könnte eine Entscheidungsschlacht in Form eines Weltkrieges sein. Dabei geht es nicht &#150; wie noch in der Phase des Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts &#150; um Landnahmen durch Krieg, sondern um kulturelle Hegemonieansprüche, gleichsam um Identitätsfragen im Sinne der Selbstbehauptung. In allen Kulturen werde ein Fundamentalismus die Macht ergreifen und dazu führen, dass das Bewusstsein für die kulturellen Unterschiede größer als das für die Gemeinsamkeiten werde. &#132;The rest against the west.&#147; &#150; Huntington appelliert sogleich an den Westen. Dieser sei aufgerufen, sich auf diesen Kampf gut vorzubereiten (Rüstung), um in einem bevorstehenden Krieg nicht der Unterlegene zu sein.<br />Würde man annehmen, dass Huntington selbst von diesen Annahmen tatsächlich überzeugt ist, so käme man nicht umhin, ihm einen gewissen Verfolgungswahn und Identitätswahn zu bescheinigen. Viel eher aber denke ich, es handelt sich bei dem Kulturkampftheorem um eine Legitimationsideologie für ein imperiales Handeln des Westens, das dadurch verschleiert wird. Jede Eskalation wie der so genannte Karikaturenstreit, die das Theorem womöglich auch noch verifiziert, wäre der weiteren Verschleierung imperialen Handelns förderlich.<br />Huntingtons beraterische Tätigkeit für den US-Präsidenten wird etwas durchschaubarer, wenn man seine Ausführungen in einen geopolitischen Kontext stellt. Als Westen wird von ihm Europa und die USA zusammengefasst. Gerade diese beiden Machtbereiche, die während des Kalten Krieges und der bipolaren Weltordnung vorgaben, gleichsam unverbrüchlich in der NATO Seite an Seite zu stehen, gerieten nach der Auflösung ihres gemeinsamen ideologischen Gegners, des Warschauer Paktes, zunehmend &#150; zwar nicht in ideologische Konfrontation, aber zumindest in harte Konkurrenz zueinander. Der Westen wird nicht als gemeinsame zivilisatorische Grundlage, aber als politisches Gebilde von der EU zunehmend in Frage gestellt. Europa versucht sich in Gestalt der EU gegenüber den USA als eine ökonomische und militärische Weltmacht zu behaupten, verliert deshalb das Interesse an der NATO und schafft sich mit einer EU-Armee auch ein unabhängiges militärisches Droh- und Eingreifpotential, um eigenständig handeln zu können, wenn ein Konflikt mit den Interessen der USA aufzukommen droht. Das alles geschieht deshalb, weil der Imperialismus nach dem Kalten Krieg nicht obsolet sondern im Gegenteil in der Gestalt der Konkurrenz um den Zugang zu Energieressourcen in der Welt sehr aktuell geworden ist. In diesem Kontext kann man in Huntingtons Kulturkampftheorem auch einen strategischen Zweck erkennen, der auf Europa ausgerichtet ist: die gemeinsame zivilisatorische Grundlage des Westens nicht in Frage zu stellen, weil man noch aufeinander angewiesen sei, um sich gegen den Rest der Welt, der seinen Teil vom energetischen Kuchen verlangt, zu behaupten &#150; vor allem gegen das wirtschaftlich erstarkende China. <br />Spätestens seit dem 11. September 2001 könnte man zu der Ansicht gelangen, Huntington habe Recht behalten, und wir befinden uns bereits mitten in einem Kampf der Kulturen an der Stelle, wo er von seiner kalten zur heißen Phase übergegangen ist. Ganz unstrittig liegen die Rauchschwaden des Krieges in der Luft. Aber es ist ein Krieg, der nur als Legitimationsvorwand auf das Theorem vom &#132;Kampf der Kulturen&#147; zurückgreift, um imperiale Interessen der Weltmächte zu maskieren und die Schuldfrage für einen möglichen Flächenbrand von sich zu weisen.<br />Huntington selbst &#150; als wäre ihm wie Goethes Zauberlehrling bewusst geworden, dass er die Geister, die er rief und die großen Unheil anstiften, nicht mehr loswird &#150; distanzierte sich nach dem 11. September 2001 von seinem eigenen Kulturkampftheorem. Er warnte regelrecht davor, die aktuellen Konflikte durch die Brille eines Kulturkampfes zu betrachten. Und man sieht, dass Huntington nicht mehr Herr seines Theorems ist. Die Diskussion darum reißt nicht mehr ab, spitzt sich zu wie zuletzt im Karikaturenstreit. Die Gazetten bersten vom »Kampf der Kulturen« wie das Haus des Hexenmeisters vom Wasser, das der verhexte Besen unermüdlich heranschleppt. Huntingtons Theorem hat tatsächlich »alle Aussicht, die Wirklichkeit zu prägen, und zwar auch dann, wenn sein sachlicher Kern nicht der Wahrheit entspricht. Denn viele beginnen zu handeln, als träfe das Modell zu, jeder wähnt sich gut beraten, mit der in ihm beschriebenen Wirklichkeit zu rechnen, auch weil die Anderen sich gleichfalls entsprechend den Prognosen verhalten.« (23) Es ist offenbar der Fall einer self-fulfilling prophecy, die aus den Beraterzimmern von den Kommandohöhen der Weltpolitik bis ins Fundament der Gesellschaften hineinwirkt und dort auf den kolossalen Verstärker eines Massenresonanzbodens stößt, der es den Regierungen der Weltmächte erlaubt, nur noch entschiedener ihren imperialen Interessen nachzugehen, ohne dafür belangt zu werden, weil die Massen nach Schutz und Identität verlangen und den Krieg für unausweichlich halten könnten. Was sich hier womöglich tatsächlich ankündigt, ist ein Weltkrieg, in dem es auf jeder Seite nicht um den Schutz der Menschen geht, sondern auf der einen Seite um die Sicherung des Wohlstands der westlichen Welt, deren Teilhabe dem Rest der Welt verwehrt bleiben soll, und auf der anderen Seite um das Recht auf eine eigene Moderne der orientalischen Welt, das allerdings religiös verschleiert daherkommt und als Krieg der Kulturen erscheint.</p>
<p>&#132;O du Ausgeburt der Hölle!<br />Soll das ganze Haus ersaufen?<br />Seh ich über jede Schwelle<br />doch schon Wasserströme laufen.<br />Ein verruchter Besen,<br />der nicht hören will!<br />Stock, der du gewesen,<br />steh doch wieder still!&#147;7</p>
<p>Huntington hat sich aus guten Gründen von seinem Theorem distanziert. Schaut man genauer hin, dann ist Huntingtons Theorem tatsächlich selbst vom Un-Geist des Fundamentalismus angetrieben. Es ist die &#132;spiegelbildliche Variante einer scheinbar reaktiven &#155;westlichen&#139; Identitätspolitik Huntingtonscher Art&#147; (9), die in der politischen Praxis auf dasselbe hinausläuft, denn &#132;es legitimiert, und sei es wider Willen, den Missbrauch kultureller Argumente für die Entfachung und Rechtfertigung von Konflikten, deren Ursache entgegen dem ersten Anschein gerade nicht in der prinzipiellen Unverträglichkeit unterschiedlicher Kulturen zu finden ist&#147; (12).<br />Huntington hat Fakten &#132;nach Maßgabe der eigenen Interessen&#147; (24) zusammengestellt und andere, die sein Theorem widerlegt hätten, unterschlagen. &#132;So zugerichtet, kann es dann zur Rechtfertigung von Vormachts &#8211; und Herrschaftsinteressen dienen, die bei einem fairen und unbefangenen Blick auf die Welt nichts Überzeugendes für sich ins Feld führen könnten.&#147; (ebd.)<br />Heute wird das Kulturkampftheorem verengt auf Spannungen zwischen Okzident und Orient. Das macht das Theorem aber nicht weniger falsch und gefährlich. Je mehr die Konfrontation auch noch auf das Verhältnis zum Islam fokussiert wird, kommt zum Vorschein, dass es um handfeste materielle Ausbeutungsinteressen geht. Es ist gleichsam das historische Pech der Araber, auf einem Ölsee zu leben, der von der ganzen Welt begehrt und beansprucht wird. Man kann sagen, dass dieses Öl der Grund ist, warum die arabische Welt in der Vergangenheit immer wieder darin behindert wurde, sich zu modernisieren, da oft mit Gewalt in die Modernisierungsprozesse eingegriffen wurde, um den Zugang zu den Ölressourcen zu sichern. Wenn von Spannungen vornehmlich zwischen Okzident und Orient &#150; vor allem seit dem 11. September 2001 &#150; die Rede ist, sitzt man häufig &#150; auch im Westen &#150; einem Missverständnis auf. Der Orient wird mit Tradition und Vormoderne verbunden, der Okzident dagegen mit der Kultur der Moderne gleichgesetzt, häufig auch mit &#132;westlichem Lebensstil&#147;, der dekadent und einzig am Konsum orientiert sowie ohne traditionelle Werte sei.</p>
<h5>Kultur der Moderne versus tradi&shy;ti&shy;o&shy;nelle Kulturen?</h5>
<p>Die Kultur der Moderne ist, so Meyer, nicht identisch mit der traditionellen Kultur des Westens, wenngleich diese aus jener etwa seit dem 17. und 18. Jahrhundert in Form eines tief greifenden Transformationsprozesses (Entstehung des Kapitalismus) hervorgegangen ist. Aber in diesem Transformationsprozess fand ein Bruch mit der Kultur des Westens statt. <br />Die Kultur des Westens entfaltete sich im achten und neunten Jahrhundert in Europa auf dem Boden der antiken Klassik und der christlichen Religion. In diesem Zeitrahmen entstanden gesellschaftliche und politische Institutionen, die das gesellschaftliche Zusammenleben zu regeln begannen &#150; durch ein Maß an Rechtlichkeit, Trennung von geistlicher und weltlicher Macht, politisch-gesellschaftliche Repräsentativorgane für heterogene Gruppen (Interessenvertretungen) und Individualismus, der bereits in der christlichen Religion angelegt war. Diese Instanzen waren zunächst nur Bausteine, die sich im Mittelalter noch nicht zusammenfügten. Im Mittelalter fügen sie sich in ein rigides, autoritäres System ein, das über den Geltungsanspruch eines weltlichen und religiösen Despotismus noch nicht hinausgelangte. (Vgl. 26) <br />Was war der Auslöser für diesen tief greifenden Transformationsprozess? Historisch gingen dem in Europa im 16. und 17. Jahrhundert tiefe &#150; wenn man so will &#150; Identitätskrisen voraus, die in Religionskriegen mündeten. Die Kultur der Moderne setzte sich erst am Ende dieser politischen Krisen nahezu in allen Gesellschaften des alten Europas durch und transformierte die westliche Tradition von Grund auf. (Vgl. 27)<br />Ein entscheidendes historisches Datum war diesbezüglich das Jahr 1555, in dem es zum so genannten Augsburger Religionsfrieden kam. In diesem Friedensschluss hieß es: &#132;cuius regio, eius religio&#147; (wessen Land, dessen Religion). Das war ein erster Schritt zu mehr Toleranz, zunächst nur unter den Landesfürsten, die nun die offizielle Religion frei wählen konnten, die dann aber für die Untertanen des Fürsten verbindlich waren. Für die Untertanen gab es in diesem Sinne noch keine religiöse Freiheit oder Toleranz. Dennoch war es ein erster Schritt, der aus der Einsicht gewonnen war, dass es so nicht weiter gehen konnte. Hier drängten die sich wandelnden Verhältnisse zum Gedanken; die bürgerliche Zivilisation war im Begriff zu entstehen; Öffentlichkeit fasste die Bevölkerung zusammen.<br />Erst mit der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit, einer bürgerlichen Zivilisation und mit den bürgerlichen Revolutionen fügten sich die oben erwähnten Bausteine zu einem Ganzen zusammen und entfalteten eine moderne Kultur, die schließlich im entstehenden Nationalstaat ihren künstlichen Rahmen fand. Die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht wurde im säkularen Nationalstaat institutionalisiert; das bürgerliche Recht in verbindliche Gesetze gekleidet und universalisiert, das heißt, es sollte für alle Menschen gleichermaßen gelten. Die staatliche Gewalt wurde geteilt.<br />Die Kultur der Moderne ist im Gegensatz zur Kultur des Westens universal ausgelegt. Ihre Ausbreitungskraft liegt in der Abstraktheit oder Allgemeinheit, das heißt, sie stellt gerade nicht von außen als Konfrontation die besonderen traditionellen Werte in Frage, sondern entwickelt sich von innen heraus auf Basis der besonderen traditionellen Werte, die in ihr aufgehoben werden; sie schafft einen Spielraum, in dem sich die jeweiligen kulturellen Räume auf ihre je eigene Weise modernisieren. Die je eigene Weise bestimmt sich durch die Besonderheit der kulturellen Tradition, auf deren Resonanzboden sie sich entfaltet. Jede traditionelle Kultur hat also ihr eigenes Potential der Moderne, das unterschiedlich ausgeprägt sein kann, weshalb in manchen Kulturen sich die Moderne leichter, zumindest schneller durchsetzen kann als in anderen Kulturen, in denen die traditionell bedingten Gegenkräfte eine Modernisierung behindern. So besehen kommt es zu einer Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeit in der Welt, die sich also nicht ganzheitlich entwickelt. <br />Die Kultur der Moderne ist gerade nicht Eigentum des Westens, &#150; auch wenn der Eindruck entstehen mag, weil sie dort zum ersten Mal in der Geschichte sich herausgebildet hat. Die Kultur der Moderne hat einen reflexiven und immanenten Charakter, das heißt, sie kann sich auch nur von innen heraus entwickeln; sie ist nicht von außen zu erzwingen. &#150; Das wird den Amerikanern und Briten gerade im Irak auf schmerzliche Weise deutlich. Reflexiv ist die Kultur der Moderne auch deshalb, weil mit ihr eine Besinnung &#132;auf die Legitimität prinzipieller Unterschiede in der Fortschreibung überlieferter Deutungen gesellschaftlicher Ordnung, privater Lebensweisen und persönlicher Glaubensüberzeugungen [erfolgt], wenn sich einheitliche Antworten auf diese Lebensfragen nicht länger zwanglos ergeben&#147; (27f.). <br />Die Kultur der Moderne ist demnach also eine &#132;Rahmenkultur für unterschiedliche Lebensweisen und Weltsichten, aber nicht selbst eine besondere Lebensweise&#147; (ebd.) Man übernimmt nicht die Kultur der Moderne und verabschiedet sich von der eigenen traditionellen Kultur, wenn sich die Moderne ausbreitet. Auf diese Unterscheidung kommt es an. Was aber mit der modernen Kultur beginnt, ist die Reflexion auf den Umgang mit kulturellen Unterschieden im Geltungsbereich der traditionellen Kultur. Minderheiten erhalten einen legitimen Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung und Achtung. (Vgl. 28)<br />Das hört sich nun freilich so an, als könne die Kultur der Moderne ein geselliges Paradies auf Erden versprechen und dieses tatsächlich auch einlösen. Die Kultur der Moderne ist zwar ihrem eigenen Anspruch nach eine Kultur des Umgangs mit Differenzen,8 diesen Anspruch kann sie aber nicht wirklich einlösen. Sie hat eine Schattenseite, die ich als Dialektik der Moderne bezeichne. Die Schattenseite ist zutiefst destruktiv, ihr Höhepunkt in der europäischen Vergangenheit war Auschwitz. Es ist alles andere als förderlich, wenn man die destruktive Seite der Kultur der Moderne unterschlägt. Gerade weil es einen Affekt gegen die Moderne gibt, der im extremsten Fall zum Fundamentalismus wird, muss man verstehen wollen, woher dieser Affekt kommt und prüfen, ob nicht ein rationaler Kern darin enthalten ist, der, weil er nicht begriffen ist, in falschen und verheerenden Bahnen sich bewegt. Versteht man nicht den Affekt gegen die Moderne, bringt man kein Verständnis dafür auf, oder lässt es nicht zu, dass an der Moderne etwas ist, das die Menschen ganz zu Recht intuitiv aufhorchen lässt und Unbehagen &#150; ein Unbehagen in der Moderne &#150; auslöst, treibt man die Intuitiven und Unbehaglichen ins fundamentalistische Lager, gleichsam dorthin, wo sie nicht hingehören. <br />Man darf Anspruch und Wirklichkeit der modernen Kultur nicht durcheinander bringen und einer naiven Illusion aufsitzen. Die moderne Kultur ist sehr ambivalent, gleichsam doppelzüngig im Umgang mit ihren eigenen Werten. &#150; Darin unterscheidet sie sich allerdings auch nicht von jeder besonderen traditionellen Kultur. <br />Die Kultur der Moderne ist ein Rahmen und als solcher mehr als nur eine Kultur. Sie verbreitet sich im Zuge der Kapitalisierung auf der ganzen Welt und transformiert die traditionalen Kulturen. Sie ist also ebenso eine politische Rahmenökonomie. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Gegengift &#150; wenn man so will: nach dem &#132;Wort, worauf am Ende [der Besen] das wird, was er gewesen&#147; &#150; blendet die Weltöffentlichkeit einen zentralen Erklärungsansatz aus, der innerhalb der Frankfurter Schule, wie sie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer begründet wurde, entstanden ist: <br />Dem Kapitalismus wohnt eine Dialektik der Gleich-Gültigkeit inne. Die Menschen begegnen sich auf dem Markt abstrakt als Gleiche und sind, wenn sie Waren tauschen wollen, dazu verpflichtet, sich gegenseitig als Personen anzuerkennen. Insofern wird über den Kapitalismus das emanzipative Moment der Gleichheit realisiert. Indem sich aber die Menschen auf dem Markt nicht nur als tauschende Warenbesitzer gegenseitig anerkennen, sondern sich auch verdingen, d.h. ihre Arbeitskraft in Beziehung zu den Waren setzen, sich selbst als Ware Arbeitskraft verdingen, kommt ein nicht-emanzipatives Moment der Gleich-Gültigkeit von Mensch und Ding (Ware) hinzu, dass der gegenseitigen Anerkennung im Wege steht, die Anerkennung wieder zurücknimmt und in Verdinglichung enden läßt.9 Das verdinglichte Individuum ist kalt &#150; in gewisser Hinsicht ist es sozial abgestorben. Adorno und Horkheimer nennen dieses Phänomen bürgerliche Kälte und sind der Ansicht, dass Auschwitz ohne diese bürgerliche Kälte nicht möglich gewesen wäre. Darum heißt es bei Horkheimer sinngemäß, dass wer den Kapitalismus nicht kritisieren wolle, zu Auschwitz schweigen solle. <br />Wir finden dieses Phänomen der bürgerlichen Kälte bereits in der Französischen Revolution von 1789 &#150; in der Phase der Schreckensherrschaft von Maximilian de Robespierre (1793/94) &#150; in der das Fallbeil (ursprünglich ein zynisches Symbol der Freiheit) zum sichtbarsten Zeichen einer neuen Unterdrückung wurde, weil ihr ohne große menschliche Regung große gesellschaftliche Gruppen, die der Konterevolution verdächtigt wurden, zum Opfer fielen und die Öffentlichkeit diesem schaurigen Vorgang mit Gleichgültigkeit beiwohnte. Hegel vergleicht diesen bedeutungslosen Tod mit dem kalten und platten &#132;Durchhauen eines Kohlhauptes oder ein Schluck Wassers&#147;10. Die Enthauptung von Ludwig XVI. löste in den deutschen Ländern die Gegenbewegung zur Französischen Revolution, die Romantik, aus, in der ein Rückbezug auf die traditionelle Kultur erfolgte, die romantisch verklärt wurde. Diese antimoderne Reaktion könnte man durchaus mit dem gegenwärtigen Phänomen des Fundamentalismus vergleichen.11 Die politische Romantik verhinderte eine bürgerliche Revolution in den deutschen Ländern und die zeitgemäße Bildung eines deutschen Nationalstaates. Statt einer selbstbewussten bürgerlichen Gesellschaft entstand 1870/71 ein Obrigkeitsstaat, der unter der unseligen Dominanz Preußens in nahezu direkter Verbindung zum deutschen Faschismus stand und erst nach 1945 mit Hilfe der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges beseitigt wurde. <br />In Auschwitz haben die deutschen Nationalsozialisten mit derselben bürgerlichen Kälte den Massenmord auf die absolute und bisher einzigartige Spitze getrieben. Vor allem die europäischen Juden wurden in den Gaskammern ohne Affekte und Emotionen, gleichsam fabrikmäßig mit Registriernummer ermordet &#150; mit einer an den Tag gelegten Gleichgültigkeit, als hätte man überschüssige Waren entwertet. Dieselbe Gleichgültigkeit zeigt sich heute, wenn ein Warenüberschuss an Lebensmitteln einfach vernichtet wird, um einen Preisverfall zu verhindern, statt die Lebensmittel einfach an hungernde Menschen in der Welt zu verschenken. Jedes Jahr sterben 20 bis 30 Millionen Menschen in der Welt an Hunger und Unterernährung. Das ist Barbarei, da wir heute imstande wären, alles Nötige zu organisieren, damit niemand auf der Welt an Hunger leiden muss. <br />Wir finden diese verdinglichte Kälte auch in der Sowjetunion während der stalinistischen Säuberungswellen, als Stalin kühl kalkulierend sämtliche Personen der kommunistischen Herrschaftsclique, die ihm seine Macht hätten streitig machen können, aus dem Weg räumen und ermorden ließ.12 Und ebenso im Gulag, wo in der Zeit des Stalinismus ca. 18-20 Millionen Menschen  als vermeintliche Gegner des Kommunismus gefangen gehalten und ermordet wurden. <br />Wir finden die bürgerliche Kälte auch am 6. August 1945 beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und wenige Tage später auf Nagasaki. Die Städte wurden zuvor absichtlich von konventionellen Bombardements verschont, damit man die Destruktionskraft einer nuklearen Explosion auf eine Großstadt testen konnte.<br />Auf der Normenebene, der Ebene der Ideale und des Marktes ist die Kultur der Moderne eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung und des Umgangs mit Differenzen, der Toleranz. Aber in den Tauschverhältnissen und -beziehungen steckt ebenso die destruktive und nihilistische Kraft, die die Unterschiede auslöscht, das Nicht-Identische liquidiert und eine Tendenz zum Totalitarismus erkennen lässt. Diese destruktive Kraft hat durch das gesamte 20. Jahrhundert gewütet und in Auschwitz ihren Höhepunkt gefunden. Sie ist immer noch in der Welt &#150; nicht als ein barbarischer, vormoderner Zug, sondern als eine Dialektik der Moderne. <br />Insofern ist der Aufschrei gegen diese Moderne durchaus rational, solange er sich nicht gegen die Moderne als Ganzes, sondern gegen die nihilistische Tendenz, gegen den Mechanismus der Verdinglichung, gegen die der kapitalistischen Moderne innewohnende bürgerliche Kälte wendet. Es ist ein Unterschied zwischen absoluter Ablehnung der Moderne und der bestimmten Negation moderner Aspekte, die Modernisierungskritik von fundamentalistischem Antimodernismus unterscheidet. Während dieser in einem reaktionären Sinne aus der Moderne zurück in die Tradition flüchten möchte,13 will jene um der Moderne willen nicht zurück noch über sie hinaus, sondern sie in einem dialektischen Sinne aufheben: die Mechanismen der Verdinglichung negieren und damit die Moderne auf eine neue qualitative Stufe heben. <br />Die Kritik am Kapitalismus war nach der Auflösung der bipolaren Weltordnung weltweit verstummt. Die marxistisch-leninistischen Ideologien haben vielerorts Leerstellen hinterlassen, die vom identitätspolitischen Fundamentalismus eingenommen wurden. Die fundamentalistische Instrumentalisierung kultureller Unterschiede schöpft aus dem Niedergang der utopischen Energien ihre Wirkmacht; sie ist gleichsam eine Ersatzreligion.</p>
<h5>Die Utopie einer kosmo&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;schen Ordnung zur L&ouml;sung der&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mensch&shy;heits&shy;pro&shy;bleme </h5>
<p>Identitätspolitische Abschottung, die stets auf einen &#132;kulturellen Rassismus&#147;14 hinausläuft, kann niemals eine politische Lösung für die gegenwärtigen Menschheitsprobleme sein. Es wäre ein &#132;selbstmörderisches Unterfangen&#147; (31), wenn weiterhin kulturelle Unterschiede zum Zwecke der Anfeindung politisiert werden, weil man glaubt, dadurch tief greifende Probleme lösen zu können. Es wäre nicht nur das Zusammenleben innerhalb jeder Kultur massiv bedroht, sondern &#132;am Ende auch die Grundlagen des Überlebens der menschlichen Zivilisation&#147; (ebd.). Wenn wir den Frieden haben und sichern wollen, wenn wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und unsere wirtschaftlichen Beziehungen solidarisch gestalten und pflegen wollen, benötigen wir eine kosmopolitische Orientierung, die uns gegen die Instrumentalisierung kultureller Unterschiede zu Herrschaftszwecken, von welcher Seite sie auch politisiert wird, immunisiert. <br />Eine globale, internationale Ordnung, deren Notwendigkeit wohl kaum ein vernünftig denkender Mensch abstreiten kann, bedarf, damit sie auch funktioniert, allgemein, das heißt universal gültiger Werte und Normen, die von allen anerkannt werden können. Jedenfalls kann man eine solche Ordnung nicht mit Gewalt erzwingen. Wie sieht es aus mit den Möglichkeiten elementarer Gemeinsamkeiten? &#150; Sie müssten in den verschiedenen Kulturen abstrakt zu finden sein. Sie wären Aspekte einer modernen Kultur, die herauszuarbeiten wären. Wir müssen uns anstrengen, die Anknüpfungspunkte in den kulturellen Traditionen zu finden, die es gestatten, in einen gemeinsamen kulturellen Dialog zum Zwecke der Verständigung und des gemeinsamen Handelns einzutreten, bevor die ganze Welt in Flammen steht. Verständigung und gemeinsames Handeln müssten zu dem Zwecke erfolgen, die herrschenden Mächte daran zu hindern, die eigenständige aber ungleichzeitige Entwicklung der Moderne in allen Ländern der Welt zu behindern, weil man vormoderne Gesellschaften besser in Abhängigkeit gegenüber den fortgeschrittensten Industriestaaten halten kann. Dasselbe gilt auch für traditionelle Herrschaftscliquen, die ihre Herrschaft nur in vormodernen Gesellschaften zu halten imstande sind.    <br />Ein solches gemeinsames Handeln ginge einher mit der allgemeinen Anerkennung einer modernen Norm: die Anerkennung des Diskriminierungsverbots. (Vgl. 35) In dieser Norm finden sich die Ideale der Gleichheit und Gleichberechtigung, der Freiheit und der gesellschaftlichen Solidarität wieder. Gegenseitige Anerkennung und Achtung schließen keineswegs politische Kämpfe aus; nur dürfen diese nicht über das Ziel der Gleichberechtigung hinausschießen, gleichsam die Unterdrückung der vormaligen Unterdrücker zur Absicht haben. Antidiskriminierungspolitik bedeutet auch religiöse Freiheit und Toleranz für alle Angehörigen einer Gesellschaft &#150; ob Mann oder Frau &#150; ohne Bedingung der Zugehörigkeit zu einer religiösen oder politischen Gruppe. Jeder Mensch muss sich in der Gesellschaft, in der er lebt, frei entfalten können, &#150; freilich ohne die persönliche Freiheit der anderen einzuschränken. Die allgemeine Anerkennung des Diskriminierungsverbots stellt erst die Gemeinsamkeit aller an Emanzipation interessierten Menschen über unterschiedliche Kulturen hinweg her. Erst auf diese Weise kann ein gemeinsames Handeln zur Entschärfung der Weltkonflikte möglich werden. <br />Im Zentrum der Antidiskriminierungspolitik stehen also die Menschenrechte, deren Einhaltung wir auch den Herrschenden abverlangen müssen. Identitätspolitik ist dagegen Diskriminierungspolitik, die kulturelle Identität als Waffe benutzt, um andersartige Menschen auszugrenzen und für politische Zwecke und Herrschaftsinteressen zu missbrauchen. Dazu dürfen wir uns nicht verführen lassen. <br />  <br />1   Thomas Meyer: Identitätspolitik. Vom Missbrauch kultureller Unterschiede, Frankfurt am Main 2002. &#150; Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch.<br />2    &#132;Fundamentalismus ist eine moderne politische Ideologie mit ethisch-religiösem, mitunter auch areligiös-weltanschaulichem Anspruch. Er kombiniert auf widerspruchsvoll-pragmatische Weise Elemente der späten Moderne mit Rückgriffen auf dogmatisierte Bestände vormoderner Traditionen, um die von ihm als Bedrohung der eigenen Identität erfahrenen Grundlagen und Folgen der Kultur der Moderne auf moderne Weise und mit modernen Mitteln desto wirkungsvoller bekämpfen zu können&#147; (47) &#150; Fundamentalismus ist demzufolge also eine politische Ideologie, die »gegen die Moderne mit modernen Mitteln zur Herrschaft zu gelangen« (ebd.) versucht. <br />3    Siehe Realtypen (z.B. in Indien und den USA) und Idealtypen des Fundamentalismus &#150; (55ff. und 59ff.).<br />4    Samuel P. Huntington: &#147;Clash of Civilizations?&#148; in: Foreign Affairs, H. 3, 1993, S. 22-49.<br />5   Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen.  The Clash of Civilizations.  Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1996. <br />6    Sieben Kulturen macht Huntington aus, die aller Wahrscheinlichkeit miteinander in Konflikt geraten würden: den Westen, Islam, Konfuzianismus (Sinismus), die japanische Zivilisation, den Hinduismus, die orthodox-slawische Zivilisation, Lateinamerika und Afrika.<br />7    Johann Wolfgang Goethe: Der Zauberlehrling.<br />8   &#132;Sie [die Kultur der Moderne; MH] musste nun statt der Sicherheiten der Überlieferung die Allgegenwart von Differenzen in der Auffassung des Gleichen anerkennen und um des eigenen Überlebens willen Normen begründen, die dennoch den Gemeinschaftsfrieden, das Zusammenleben aller und den Zusammenhang des Ganzen zu wahren vermochten, nachdem die religiösen Bürgerkriege vor Augen geführt hatten, welche Folgen sonst drohten.&#147; (27)<br />9    In der orientalischen Kultur kennt man noch eine traditionell überlieferte und praktizierte Form der variablen Festlegung von Warenwerten. Die Ware hat gleichsam keinen durchschnittlich festen Wert, der sich etwa durch das Quantum der in ihr vergegenständlichten Arbeitszeit und allgemein der Produktionskosten bestimmen lässt und den Preis einer Ware festlegt. Das Feilschen um den Preis ist in der orientalischen Kultur eine kulturelle Handlung, in der Verhandlungsgeschick, Charisma und Zauber, sowie der soziale Status der Handelnden den Preis variieren. In Teilbereichen dürfte sich im Spiel des Feilschens eine Form von Gegengift gegen die verdinglichende Gleichgültigkeit von Ware und Mensch (als Ware Arbeitskraft), wie er ein wesentliches Moment des Kapitalismus ausmacht, bewahrt haben, dem im Westen kaum mehr Beachtung geschenkt wird. <br />10  G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt am Main 1986, S. 436. <br />11  &#132;Die Romantik ist eine Kritik der Aufklärung, aber auch die Aufklärung lässt sich als eine (vorweggenommene) Kritik der Romantik verstehen. Wer die Kulturen &#150; wie die Romantiker &#150; als &#132;natürliches&#147; Element des Menschen akzeptiert, will nicht wahrhaben, dass sie sich selbst geschaffen haben. Wer ihre Autorität von vornherein anerkennt, negiert die Freiheit des Menschen vor seinen Werken. Doch auch die Kritik der Romantik an der Philosophie der Aufklärung kann Gültigkeit beanspruchen. Autonomie, die zum Selbstzweck wird, wirkt zweifellos &#155;entmenschlichend&#139;&#147; &#150; Daniel Cohen: Fehldiagnose Globalisierung. Die Neuverteilung des Wohlstands nach der dritten industriellen Revolution, aus den Französischen von Bodo Schulze, Frankfurt am Main/New York 1998, S. 117.<br />12  Siehe Maurice Merleau-Ponty: Die Abenteuer der Dialektik (Paris 1955), Frankfurt am Main 1968. &#150; Merlau-Ponty schreibt seine Analyse auf der Grundlage des Romans von Arthur Köstler Sonnenfinsternis, in dem dieser die stalinistischen Schauprozesse gegen Bucharin und Sinowjew literarisch aufarbeitete. &#150; Vgl. Arthur Köstler: Sonnenfinsternis, Hamburg, Wien 2000 (Neuauflage).<br />13  Was faktisch völlig unmöglich ist. Aus der politischen Rahmenökonomie und der modernen Rah-  menkultur ist nicht so ohne weiteres auszubrechen &#150; jedenfalls nicht rückwärts. Selbst der Widerstand gegen die Moderne bewegt sich innerhalb moderner Parameter, auch wenn ein Rückbezug auf traditionelle Werte erfolgt. Der Rückbezug kann sich nur als Mischung mit der Moderne realisieren als Restauration. Das Moderne im Widerstand gegen die Moderne ist wie ein Vexierbild und bewegt sich innerhalb der modernen Ambivalenz der Gleichgültigkeit. <br />14  Der Begriff stammt von Wolfgang Welsch: »Transkulturalität &#150; die veränderte Verfassung heutiger Kulturen«, in: Stiftung Weimarer Klassik (Hg.): Sichtweisen. Die Vielheit in der Einheit, Frankfurt am Main 1994.<br /> </p>
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