<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Marian Adolf Archive - Humanistische Union</title>
	<atom:link href="https://www.humanistische-union.de/autoren/marian-adolf/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.humanistische-union.de/autoren/marian-adolf/</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Mon, 30 Aug 2021 13:40:57 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.0.4</generator>
	<item>
		<title>Die Macht der neuen Öffentlichkeit</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/die-macht-der-neuen-oeffentlichkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 22:47:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/die-macht-der-neuen-oeffentlichkeit/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Konstitution neuer &#214;ffentlichkeiten zwischen Internet und Stra&#223;e, aus: vorg&#228;nge Nr. 192, Heft 4/2010, S. 4-15 &#8222;Die unter den Bedingungen des Sozialstaates fungierende &#214;ffentlichkeit [hat] sich als ein Prozess der Selbsterzeugung zu begreifen; sie muss sich schrittweise in Konkurrenz mit&#160;jener anderen Tendenz erst einrichten, die in einer immens erweiterten Sph&#228;re der &#214;ffentlichkeit das Prinzip der [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/die-macht-der-neuen-oeffentlichkeit/">Die Macht der neuen Öffentlichkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Konstitution neuer &Ouml;ffentlichkeiten zwischen Internet und Stra&szlig;e,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 192, Heft 4/2010, S. 4-15</p>
<blockquote>
<p class="bodytext"><i>&bdquo;Die unter den Bedingungen des Sozialstaates fungierende &Ouml;ffentlichkeit [hat] sich als ein Prozess der Selbsterzeugung zu begreifen; sie muss sich schrittweise in Konkurrenz mit&nbsp;jener anderen Tendenz erst einrichten, die in einer immens erweiterten Sph&auml;re der &Ouml;ffentlichkeit das Prinzip der &Ouml;ffentlichkeit, gegen sich selbst gewendet, in seiner kritischen Wirksamkeit reduziert.&rdquo; (Habermas 1990 [1962]: 337)</i>
</p>
<p class="bodytext">&nbsp;</p>
</blockquote>
<h2 class="auto-created">I. Einleitung</h2>
<p>Was J&uuml;rgen Habermas in seinem vieldiskutierten, den Begriff der &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;r die heutige Gegenwart mitpr&auml;genden &bdquo;Strukturwandel&rdquo; (1962) hier zusammenfasst, deutet bereits auf den Umstand hin, dass wir es in der modernen Gesellschaft niemals mit nur einer &Ouml;ffentlichkeit zu tun haben, sondern mit mehreren.[1] Dieses Ringen um Aufmerksamkeit und Vorherrschaft, mit unterschiedlichen Aussichten auf Erfolg und oftmals ungleich verteilten M&ouml;glichkeiten, ist auch der Ausgangspunkt unserer folgenden Betrachtungen, in denen wir unter anderem die medientechnologischen und kulturellen Rahmenbedingungen dieses stets fluiden Kommunikationsprozesses beleuchten. Die in modernen Gesellschaften zunehmend wahrnehmbare Differenz zwischen einer <i>betreuten </i>&Ouml;ffentlichkeit und einer <i>neuen </i>&Ouml;ffentlichkeit verschiebt sich, so unsere These, zu Gunsten letzterer.</p>
<p>W&auml;hrend man die Frage der &Ouml;ffentlichkeit in komplexen, modernen Gesellschaften niemals von der technischen Medieninfrastruktur und ihrer Entwicklung entkoppeln kann, stellt sich heute verst&auml;rkt die Frage nach den Modi der zivilgesellschaftlichen Zusammenkunft und Debatte. Den Umstand, dass in der Habermas&#8217;schen &Ouml;ffentlichkeitstheorie nicht der wie auch immer vorgeformte politische Wille des Individuums die kleinste Einheit darstellt, sondern dass dieser aus der Deliberation aller erst hervorgeht &#8211; mit all den Einschr&auml;nkungen die dem individuellen Wollen dadurch auferlegt sind &#8211; , l&auml;sst also den (zivilgesellschaftlichen) Diskurs selbst als Basis der Debatte erscheinen: &bdquo;Deshalb eignet sich ,politische &Ouml;ffentlichkeit&#8216; als Inbegriff derjenigen Kommunikationsbedingungen, unter denen eine diskursive Meinungs- und Willensbildung eines Publikums von Staatsb&uuml;rgern zustande kommen kann, zum Grundbegriff einer normativ angelegten Demokratietheorie.&#8220; (Habermas 1990: 38) Akzeptiert man diesen Ausgangspunkt f&uuml;rs Erste, dann lassen sich unter dem Eindruck zeitgen&ouml;ssischer Ver&auml;nderungen der techno-&ouml;konomischen Infrastruktur des Mediensystems sowie beobachtbarer soziokultureller Wandlungserscheinungen (Stehr 1994, Stehr 2001) unter anderen zwei interessante Fragen f&uuml;r die Analyse der zeitgen&ouml;ssischen Verfassung der demokratischen Herrschaft formulieren: (1) Welche Auswirkungen bringen die neuen Medien f&uuml;r die r&auml;umliche, prozessuale und thematische Verfasstheit der &Ouml;ffentlichkeit mit sich; und (2) welche langfristigen strukturellen und kulturellen Ver&auml;nderungen lassen sich f&uuml;r das Verh&auml;ltnis zwischen B&uuml;rger und institutionellem &Uuml;berbau der modernen Gesellschaft beobachten?</p>
<h2 class="auto-created">II. &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit und Medien</h2>
<p>Dass die fraglos gewichtigen Ver&auml;nderungen der technischen Basis der heutigen Medienkommunikation zwangsl&auml;ufig Auswirkungen darauf haben, welche &Ouml;ffentlichkeiten sich bilden k&ouml;nnen, und wie sie sich zusammenfinden, liegt auf der Hand: wer an welchen Kommunikationen, mit <i>welchem Freiheitsgrad </i>der Appropriation und des (r&auml;sonierenden wie partizipativen) Feedbacks wie teilnimmt, schafft je unterschiedliche Rahmenbedingungen f&uuml;r die Zusammensetzung gesellschaftlicher Diskurse. An dieser Stelle nahm die Habermas&#8217;sche Kritik einst ihren Ausgangspunkt. Diese unterliegt einer Re-Feudalisierung durch die Ausbreitung einer instrumentellen Vernunft und der umfassenden Kommerzialisierung der Medienlandschaft.</p>
<p>Dieser Verweis auf eine &ouml;konomische Komponente, deren Gewicht angesichts der vielfach erschwinglichen Zug&auml;nglichkeit von durchaus hochwertigen Informationen (&ouml;ffentlich-rechtlicher Rundfunk, geringe Preisdifferenz von Boulevard- und Qualit&auml;tszeitungen etc.) kann jedoch heute nicht allein entscheidend sein.[2] Kurz: eine rein &ouml;konomische Exklusion (Komponente des Zugangs zum Diskurs) ist heute zwar weiterhin kritisch zu pr&uuml;fen, stellt jedoch keineswegs das wichtigste Hindernis der gesellschaftlichen Partizipation dar. Vielmehr lassen sich auch weiterhin Struktureffekte der organisationalen Ausrichtung der Medienanstalten beobachten, die sodann gleichsam einen indirekten &ouml;konomischen Effekt &#8211; die Fokussierung auf quantitative Ma&szlig;e und kommerziellen Erfolg &#8211; zeitigen. Dass dieser Umstand durch eine nachweisbare Vielfalt an publizistischen Medien &#8211; privaten und &ouml;ffentlich-rechtlichen, basisdemokratischen wie thematisch-spezialisierten &#8211; zumindest zum Teil relativiert wird, mag an dem Umstand nichts &auml;ndern, in der komplexen &Ouml;ffentlichkeit der &bdquo;Massenmedien&rdquo; bis heute idealtypisch eher den Typus einer <i>betreuten &Ouml;ffentlichkeit</i> zu sehen, eine &bdquo;vermachtete Arena [&#8230;] in der mit Themen und Beitr&auml;gen nicht nur um Einfluss, sondern um eine strategische Intention, m&ouml;glichst verborgene Steuerung verhaltenswirksamer Kommunikationsfl&uuml;sse, gerungen wird.&rdquo; (Habermas 1990: 28). Das legt es auch nahe, die neue &Ouml;ffentlichkeit eher in den neuen, dezentral und weitgehend barrierefrei zug&auml;nglichen Medien zu suchen.[3]</p>
<h2 class="auto-created">II.1 Das Netz zwischen Utopie und Verdammung</h2>
<p>Trotz der in den Augen vieler Kommentatoren so bedrohlichen technologischen Entwicklung und den damit verbundenen Wandlungserscheinungen der &Ouml;ffentlichkeit leben wir noch immer nicht in einer technisch-autokratischen Gesellschaft, wie sie von beiden Polen des politischen Spektrums schon herbeizitiert wurde. Doch auch die Versprechungen einer Herrschaft der deliberativ-demokratischen Vernunft im Gefolge der neuen Medien wollen sich noch immer nicht einstellen. Angesichts der utopischen Hoffnungen und der dystopischen Bef&uuml;rchtungen die mit jedem medientechnischen Innovationsschub wiederkehren, nimmt sich die beobachtbare Realit&auml;t der r&auml;sonierenden Kommunikation weniger dramatisch aus. Einmal mehr wird deutlich, dass Technologie an sich weder positiv, noch negativ ist. Neutral, jedoch, ist sie eben auch nicht, und das gilt insbesondere f&uuml;r die Entwicklung im Informations- und Kommunikationsbereich. Was sich sehr wohl zu bewahrheiten scheint, ist jene Ansicht, die dem Kommunikations- und Mediensystem der sp&auml;tmodernen Gesellschaft eine fair die Gesellschaft insgesamt zunehmende Zentralit&auml;t zusprach.</p>
<p>War bereits &uuml;ber die langfristigen Effekte der damals neuen Medien Radio und sp&auml;ter Fernsehen heftig spekuliert worden, so erleben wir seit Mitte der 90er Jahre eine Neuauflage der Debatte. Bereiteten einst die zentralisierenden, gravitationalen Aspekte der Medieninstitutionen zu Zeiten der Kanalknappheit manchen Theoretikern Sorge &ndash; man denke an die kritische Tradition von Benjamin &uuml;ber Brecht bis Enzensberger &ndash;, so ist es heute bisweilen der Verlust von (wenigen, zentralen) kommunikativen gesellschaftlichen Zentren, der beklagt wird. Der technisch-mediale Aspekt der neuen &Ouml;ffentlichkeit, in den 60er und 70er Jahren noch als typische Untergrundmedien und weltanschauliche Spartenmedien der &bdquo;Neuen sozialen Bewegungen&rdquo; prek&auml;r verfasst, ist heute ins Zentrum der Debatte ger&uuml;ckt: &bdquo;W&auml;hrend der &Auml;ra des Vietnamkrieges brauchte es Jahre, um ein Netzwerk aus Untergrundzeitungen, alternativen Comics und kleinen Radiostationen zu formen, welche die Antikriegsproteste unterst&uuml;tzten. Im digitalen Zeitalter erscheinen die Aktivisten gleichsam &uuml;ber Nacht, bilden gewichtige Allianzen, tauschen Ideen aus und organisieren den Widerstand, wobei die wichtigste Aktivit&auml;ten aus dem Cyberspace hervorgehen.&rdquo; (Jenkins 2004: 36, &Uuml;bersetzung der Verf.).</p>
<p>Der Grund f&uuml;r das stete Oszillieren zwischen immer neuen technischen Bedrohungsszenarien beziehungsweise herrschaftsfreien Utopien ist nicht zuletzt im technikzentrierten Diskurs selbst zu suchen. Denn hier werden Erfolg oder Scheitern der zeitgen&ouml;ssischen Demokratie in kurzsichtiger Weise an das Vorhandensein und die meist vorschnelle normative Bestimmung von technologischen Potenzialen gekoppelt. Und so sehen manche im Aufkommen der (tendenziell) dezentralen Kommunikationsnetze des Internet endlich die eigentliche und wahre kommunikative Infrastruktur des demokratischen Gemeinwesens gekommen. Diese w&uuml;rde &#8211; der sozialen Entwicklung der &Ouml;ffentlichkeit gleichsam hinterherhinkend &#8211; nun die Demokratie endlich zu neuer Bl&uuml;te und zu sich selbst bringen. In den hierarchiefreien, raumzeitlich entkoppelten und dezentralisierten neuen Sph&auml;ren des Internet, in den <i>usenet groups </i>und <i>chat-rooms</i>, den <i>multi-user dungeons </i>und <i>discussion-boards </i>des globalen Dorfes namens &bdquo;Cyberspace&rdquo; w&uuml;rden die Leute, nun, da sie k&ouml;nnten, vorbehaltlos zusammenkommen. Seit einiger Zeit steht eine solche Wiederkehr der technozentrischen Prophetie unter dem Schlagwort <i>Web 2.0</i> (welches uns seit Mitte der 2000er Jahre undefinierbar um die Ohren fliegt). In bester Tradition der Geschichtsvergessenheit werden viele Versprechen, die wir zuletzt Mitte der 90er Jahre h&ouml;rten, heute neu formuliert. Und so stehen wir auch heute vor zwei, durch einen tiefen Graben getrennte Ansichten: hier die Angst vor totaler &Uuml;berwachung (aktuelles Stichwort: Google Street-View, unsere digitalen Spuren im Netz), den moralischen Abgr&uuml;nden des Internetzeitalters (das Internet vornehmlich als Infrastruktur f&uuml;r Pornografie und Extremismus) und der umfassenden &Ouml;konomisierung der Gesellschaft (e-commerce); dort der Glaube an die umfassende Vernetzung und das N&auml;herr&uuml;cken der Welt (global village) und eine postmoderne Allmende des Wissens (Projekt Gutenberg, Wikipedia, online giving marketplaces u.v.m.).</p>
<p>Keinesfalls soll diese Beobachtung als Aufforderung verstanden werden, die H&auml;nde in den Scho&szlig; zu legen und die geschichtliche Entwicklung der &Ouml;ffentlichkeit irgendeinem unsichtbaren, &uuml;berhistorischen Equilibrium anzugedenken. Jedes <i>Mehr </i>an demokratischer Mitbestimmung und gemeinschaftlicher Aktion will errungen und verteidigt werden; aber darum &mdash; dass n&auml;mlich die Kraft zur Ver&auml;nderung vielmehr in den handelnden B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, Konsumentinnen und Konsumenten gesucht werden sollte, als in den teleologisch unterf&uuml;tterten Prophetien oder den interessengeleiteten Versprechungen einer technischen Befreiung &mdash; soll es in der Folge noch gehen.</p>
<p>Die hier beschriebene Medienkonvergenz &mdash; das technische Zusammenwachsen bei gleichzeitiger inhaltlicher Ausdifferenzierung der Medienkommunikation &mdash; bedeutet also zun&auml;chst an sich keinen unmittelbaren Umbruch der Qualit&auml;t der &ouml;ffentlichen Debatte, sondern beschreibt eine neue Konfiguration, und somit ein neues Verh&auml;ltnis, von Medienkan&auml;len und -technologien, der Medienproduktion und somit -&ouml;konomie, sowie neue Nutzungsmuster und Partizipationsm&ouml;glichkeiten auf Seiten der Medienkonsumenten (vgl. Jenkins 2004, siehe auch DiMaggio et al. 2001).</p>
<h2 class="auto-created">II.2 Der Verlust des kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tiven Zentrums</h2>
<p>Im Zusammenhang mit den folgenden &Uuml;berlegungen m&uuml;ssen wir eine keineswegs neue, jedoch seltsam vernachl&auml;ssigte Unentschiedenheit im Umgang mit dem Konzept der &Ouml;ffentlichkeit thematisieren. &Ouml;ffentlichkeit wird, je nach Kontext und Perspektive des Beobachters, n&auml;mlich sowohl als <i>Raum (public sphere)</i> als auch als <i>Verst&auml;ndigungsmodus (diskursiver Prozess) </i>verstanden. Dass dies sehr wohl zwei komplement&auml;re Aspekte ein- und desselben Zusammenhangs sind, kann nicht &uuml;ber die Tatsache hinwegt&auml;uschen, dass dahingehend divergente Beobachterperspektiven unterschiedliche Ergebnisse bedingen. So wie das schiere Vorhandensein eines &ouml;ffentlichen Ortes der Kommunikation noch nichts &uuml;ber dessen tats&auml;chliche Nutzung aussagt, kl&auml;rt uns der empirische Nachweis bestimmter Diskurse noch nicht &uuml;ber die Zug&auml;nglichkeit bzw. Anschlussf&auml;higkeit solcher Deliberation auf.[4] Das ist deshalb f&uuml;r die gegenst&auml;ndliche Diskussion von Bedeutung, da zumindest die weithin sichtbare Diskussion &uuml;ber die demokratischen Potenziale des Internet und seiner Kommunikationsangebote zumeist unter der Pr&auml;misse des ersteren, r&auml;umlichen Verst&auml;ndnisses gef&uuml;hrt wird, w&auml;hrend die politik- und demokratietheoretische Debatte zumeist inhaltsbezogen und diskursqualifizierend verf&auml;hrt. Aber auch der ldealfall &#8211; ein allen zug&auml;ngliches und weithin genutztes mediales Forum zu gemeinwohlrelevanten Themen &ndash; wird nicht ohne Kontroverse debattiert (vgl. Wallner/Adolf 2011).</p>
<p>Cass Sunstein f&uuml;hrt gegen das Internet und seine Multikanalkommunikation ein Dilemma ins Feld (Sunstein 2001, 2007), bei dem es sich um eine unvermeidliche Problematik der neuen Medien handelt: den Zerfall der idealtypischen gesamtgesellschaftlichen &Ouml;ffentlichkeit in viele weltanschauliche oder interessenszentrierte Mini-&Ouml;ffentlichkeiten, welche sich heute frei w&auml;hlend um die multiplen neuen Kommunikations- und Informationskan&auml;le gruppieren k&ouml;nnen.</p>
<p>Diese gesellschaftlichen Gruppen, so Sunstein, schotten sich gegeneinander ab oder haben schlicht keine Ber&uuml;hrungsfl&auml;chen mehr. Das Salz in der Suppe des demokratischen Prozesses, so genannte &bdquo;unanticipated encounters&rdquo; (Sunstein 2001) &#8211; also die Konfrontation mit Belangen, denen man sich aus eigenem Antrieb nicht zugewendet h&auml;tte &#8211; bleibt aus. Der Mechanismus der &bdquo;group polarization&rdquo; (ebd.) f&uuml;hrt zu einer selbst-perpetuierten Radikalisierung an sich bereits widerstrebender Weltsichten; einen &#8211; bislang in der modernen Gesellschaft vor allem <i>medial </i>hergestellten &#8211; Horizont gemeinsamer Erlebnisse (&bdquo;common experiences&#8220;) gibt es nicht mehr, da die medialen Erfahrungen der einen Gruppe von denen einer anderen g&auml;nzlich unterschieden sein k&ouml;nnen. Diese Furcht der Segmentierung (Katz 1996) bzw. Fragmentierung von &Ouml;ffentlichkeiten (Sunstein 2001), die in letzterem Fall noch von der Furcht der kaskadierenden Fehlinformation &#8211; erm&ouml;glicht durch die disperse Echtzeitkommunikation der neuen Medien &#8211; unterf&uuml;ttert wird, ist ein wiederkehrender Topos in der Mediensoziologie.</p>
<p>Schon Elihu Katz hatte &#8211; ein paar Jahre vor Sunstein und noch mit Bezug auf das rasant steigende Angebot an Fernsehkan&auml;len &#8211; den unwiederbringlichen Verlust eines massenmedialen Zentrums f&uuml;r moderne Gesellschaften beklagt (1996: 25). H&ouml;chstens noch die so genannten &bdquo;Mediaevents&rdquo; (Dayan/Katz 1992), also au&szlig;ergew&ouml;hnliche, den Alltagsrhythmus und die Routine des Medienkonsums unterbrechende Gro&szlig;ereignisse von eminenter Bedeutung (die deutsche Wiedervereinigung, das Begr&auml;bnis von Lady Di, etc.), verm&ouml;gen eine gro&szlig;e Anzahl der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger vor demselben Fernsehprogramm zu versammeln.</p>
<p>Dem hier beklagten Verlust traditioneller, medial &bdquo;betreuter&rdquo; &Ouml;ffentlichkeiten kann mit zumindest drei Kritikpunkten begegnet werden. Zun&auml;chst (1) scheint eine solche Sichtweise, die teils explizit auch den Verlust an politischer Debatte und inhaltlichen Diskussionen beklagt (Katz 1996: ebd.), an der Vorstellung einer politischen &Ouml;ffentlichkeit orientiert, die eventuell immer schon eine eher elit&auml;re Veranstaltung war. Man darf sich in diesem Zusammenhang die ehrliche Frage stellen, wie viel Interesse und damit Wissen die B&uuml;rgerInnen ihrer Demokratie entgegenbringen m&uuml;ssen?</p>
<p>Dar&uuml;ber hinaus (2): selbst wenn man ein geschichtliches Experiment durchf&uuml;hren k&ouml;nnte, und weiterhin durch gezielt organisierte Kanalknappheit nur ein zentrales Medium als kommunikativen Integrationskanal einer Gesellschaft vorhielte: wer sagt uns, dass die Leute ein solches nicht mit Ignoranz und Abwendung strafen w&uuml;rden? Man darf hier schlicht nicht die Entwicklung der medialen Kanalvielfalt von den Pr&auml;ferenzen und Bed&uuml;rfnissen des Publikums abkoppeln, und die inhaltliche Ausdifferenzierung der Medienkommunikation allein exogenen &ndash; und meist dunklen &ndash; M&auml;chten dubioser Provenienz zuschreiben.</p>
<p>Ein dritter Kritikpunkt betrifft den Umstand, dass (3) eine solche &bdquo;ex post&#8220;-Hymne auf ein zentrales Medienprogramm wenig &uuml;ber die konkreten Inhalte und Standards der ehemaligen monopolistischen Rundfunksysteme zu sagen hat. War es nicht zuletzt auch ein Befreiungsschlag gegen eine scheinbare &bdquo;Normalidentit&auml;t&rdquo;, die, medial vermittelt und alternativlos in die Haushalte geliefert, die auf Seiten der Rezipienten zur Nachfrage einer Vervielf&auml;ltigung des Medienangebots gef&uuml;hrt hat? Die Kl&auml;rung der empirischen Frage, wer sich ernsthaft in die Medienlandschaft der 70er Jahre zur&uuml;ckw&uuml;nscht, w&auml;re in der Tat eine spannende Aufgabe.[5]</p>
<h2 class="auto-created">III. &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit und Insti&shy;tu&shy;ti&shy;onen</h2>
<p>Aufgrund des Gesetzes von der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger gesellschaftlicher Prozesse gilt, dass wir es in modernen Gesellschaften mit beiden Formen der &Ouml;ffentlichkeit &ndash; <i>betreuten</i>, wie <i>neuen</i>, zu tun haben. Wir wollen in der Folge begr&uuml;nden, warum der politische und &ouml;konomische Stellenwert der betreuten &Ouml;ffentlichkeit zunehmend durch den wachsenden Einfluss der neuen &Ouml;ffentlichkeit abgel&ouml;st wird.</p>
<p><b><i>III.1 Die betreute &Ouml;ffentlichkeit</i></b></p>
<p>Die betreute &Ouml;ffentlichkeit wird als eine unm&uuml;ndige verstanden, weil sie eine weitgehend machtlose, unorganisierte, manipulierte, entfremdete, hilflose, unpolitische Masse zum Gegenstand hat. Die betreute &Ouml;ffentlichkeit der Massengesellschaft ist kein homogenes Sozialgebilde &ndash; aber in allen &ouml;ffentlichen Rollen manifestiert sich ihre Hilflosigkeit. Sie ist vor allem offen gegen&uuml;ber ideologischen Manipulationen, wie sie von den Autorit&auml;ten in der Schule, im Beruf, beim Konsumverhalten, den Medienkonzernen oder der Politik betrieben werden.</p>
<p>Diese Eigenschaften der betreuten &Ouml;ffentlichkeit in modernen Gesellschaften lassen sich am besten durch einen R&uuml;ckgriff auf die Gesellschaftsdiagnosen der ersten Jahr-zehnte der Nachkriegszeit verdeutlichen, zumal sie auch eine Antwort auf die Frage nach den Bedingungen der M&ouml;glichkeit betreuter &Ouml;ffentlichkeit bereithalten. Mit leidenschaftlicher Stimme sprach beispielsweise der amerikanische Soziologe C. Wright Mills (1956) &ndash; was dem Zeitgeist entsprach und vom Gro&szlig;teil seiner intellektuellen Zeitgenossen geteilt wurde &ndash; von der uneingeschr&auml;nkten, lokalen wie nationalen, Herrschaft der Eliten. Diese waren in den gro&szlig;en gesellschaftlichen Institutionen zu finden, in der Wissenschaft, der Politik, im Staat, den Konzernen, dem Milit&auml;rs und den Medien. Es g&auml;be eine Zentralisierung der Informationsmittel und -medien, die gesellschaftliche Macht in die H&auml;nde weniger sp&uuml;lte. Und diese Wenigen l&ouml;sten einander an der Spitze nicht selten ab, wenn Politiker in die Wirtschaft, Wissenschaftler in die Politik, Manager in die Medien gingen. Das Resultat war eine Machtelite, der die Definitions- und Sanktionsmacht in schier allen gesellschaftlichen Belangen zukam.</p>
<p>Was blieb den von diesen Machtpositionen auf solche Art ausgeschlossenen Massen anderes &uuml;brig, als die umfassende Betreuung ihrer Lebenswelt als nat&uuml;rlich hinzunehmen? Mehr noch wurde sogar Konsens mit den herrschenden Verh&auml;ltnissen konstatiert. Widerstand sei zwecklos und daher Folgsamkeit angesagt. Da die manifesten Interessen der betreuten &Ouml;ffentlichkeit nicht ihre latenten Interessen waren, blieb eigentlich nur eine einzige Frage ungekl&auml;rt: Warum rebelliert die betreute &Ouml;ffentlichkeit nicht?</p>
<p>Noch heute wird Mills&#8216; Diagnose, die sich nur wenig von der Charakterisierung einer autorit&auml;ren Gesellschaft unterscheidet, von einflussreichen Intellektuellen wie Alan Wolfe als sehr viel zutreffender beschrieben, als jene der schon seinerzeit &bdquo;objektiv&rdquo; oder quantitativ arbeitenden und Mills kritisch gegen&uuml;berstehenden Kollegen, die sich und ihre Mitbewohner eher als B&uuml;rger einer pluralistischen Gesellschaft verstanden. Wie dem auch sei, man mag die Gesellschaftsdiagnose von C. Wright Mills als unzutreffend kritisieren, wie das zum Beispiel Robert Dahl (1961) getan hatte. Dennoch setzte sich in den Sozialwissenschaften der Nachkriegszeit der Eindruck durch, dass die &Ouml;ffentlichkeit weitgehend passiv sei und die Herrschenden und die herrschenden Zust&auml;nde nicht gef&auml;hrde. Daf&uuml;r stehen nicht zuletzt viele Vertreter des Neomarxismus ebenso wie Michel Foucault und Pierre Bourdieu. So viel wir von diesen Proponenten &uuml;ber so manch subtile Form der Machtaus&uuml;bung auch lernen konnten: ihr Ausblick auf die moderne Gesellschaft blieb zu d&uuml;ster. Vielmehr konnten wir den Aufstieg vieler neuer, teils sehr effektiver &Ouml;ffentlichkeiten beobachten, die den dunklen Prophetien oft zuwiderliefen.</p>
<p><b><i>III.2 Die neue &Ouml;ffentlichkeit</i></b></p>
<p>Welche sozialen Ver&auml;nderungen sind f&uuml;r das Aufkommen und Wachsen der neuen &Ouml;ffentlichkeit verantwortlich? Zwei Ver&auml;nderungen, die relativ eng an den Status nat&uuml;rlicher Personen gekn&uuml;pft sind, dr&auml;ngen sich geradezu auf, auch wenn das nicht hei&szlig;t, dass der strukturelle Wandel, der die Eigenschaften und den Stellenwert korporativer Akteure durchzieht, unbedeutend w&auml;re. Motor dieser neuen &Ouml;ffentlichkeit sind zweifellos zwei historisch einmalige Entwicklungen: der Anstieg des <i>allgemeinen Wohlstands </i>und des <i>durchschnittlichen Wissensstands </i>der Bev&ouml;lkerung in den westlichen Gesellschaften der Nachkriegszeit &#8211; mit der Folge eines Machtverlustes der gro&szlig;en gesellschaftlichen Institutionen. Aber Machtverlust wodurch?</p>
<p>Die neue &Ouml;ffentlichkeit machte sich vor allem dadurch bemerkbar, dass sie allein qua Pr&auml;senz die Handlungsoptionen der Institutionen einschr&auml;nkte. Deren Machtverlust machte sich vor allem in Form von <i>Nichtentscheiden </i>bemerkbar, was nichts anderes bedeutet, als dass die gro&szlig;en Institutionen zusehends unf&auml;hig sind, ihren Willen durchzusetzen. Diese Tatsache wurde zum ersten Mal im Vietnamkrieg sichtbar. Der Widerstand der neuen &Ouml;ffentlichkeit, der neuen sozialen Bewegungen begrenzte die politischen Optionen der amerikanischen Regierung, nicht zuletzt die nukleare Option, und f&uuml;hrte schlie&szlig;lich nicht nur zum Ende des Krieges, sondern auch zum Ende der Wehrpflicht in den USA (1972).</p>
<p>So macht sich die neue &Ouml;ffentlichkeit vor allem durch ein Wachstum (neuer) sozialer Bewegungen &#8211; sei es lokal, national oder international &#8211; bemerkbar. Die neue &Ouml;ffentlichkeit macht Anliegen zu gesellschaftlichen Themen und kann sich dabei auf die Selektionslogik der omnipr&auml;senten Medien verlassen. Eine solche Konstellation &uuml;bt schon qua M&ouml;glichkeit Druck auf die gro&szlig;en Institutionen aus. Die neue &Ouml;ffentlichkeit erh&ouml;ht so die Durchl&auml;ssigkeit zwischen sozialen Institutionen: zivilgesellschaftliche Akteure werden zu &ouml;konomischen und politischen Akteuren, wenn etwa organisierte Opfer von Gewalt die Anwendung von Gesetzen oder sogar die Gesetzgebung &auml;ndern, der Widerstand gegen Atomkraftwerke zum (langfristigen) Ende dieser Form der Energieerzeugung f&uuml;hrt, oder die &ouml;ffentliche Meinung kurzfristig mobilisiert und langfristig die Kultur einer Gesellschaft, die Lebens- und Denkweise ihrer Mitglieder, ver&auml;ndert wird.</p>
<p>Nat&uuml;rlich gibt es auch Konfliktlinien innerhalb der neuen &Ouml;ffentlichkeit, genau so wie es Interessengegens&auml;tze in der betreuten &Ouml;ffentlichkeit gab.[6] Die neue &Ouml;ffentlichkeit ist politisch gespalten. Sie ist nicht unbedingt liberal oder konservativ. Und nat&uuml;rlich repr&auml;sentiert die neue &Ouml;ffentlichkeit auch ein Problem f&uuml;r das Funktionieren der Demokratie und ihrer Institutionen (siehe dazu ausf&uuml;hrlich Stehr 2001).</p>
<p>Dass, trotz aller Skepsis hinsichtlich <i>Politikverdrossenheit </i>und <i>cocooning </i>(so zwei der wichtigsten Schlagworte der demokratietheoretischen Debatte der letzten Jahre), die neue &Ouml;ffentlichkeit &#8211; zumeist unerwartet, und unerwartet heftig &#8211; auf den Plan tritt, kann man gerade dieser Tage wieder beobachten. War man in den letzten Jahren vor allem skeptisch gegen&uuml;ber jenen scheinbar unbedeutenden Spa&szlig;veranstaltungen auf Basis neuer Medien (Flash- und Carrotmobs, Facebook-Gruppen etc.), so erkennen wir heute eine neuerliche und deutliche Re-Politisierung sowie auch eine viel diskutierte Verbreiterung der Basis solcher aktiven &Ouml;ffentlichkeiten. Anhand von Stuttgart 21, dem aufw&auml;ndigsten Castor-Transport seit vielen Jahren (&bdquo;Wendland-Protest&#8220;) sowie der zunehmenden Professionalisierung der politischen Teilnahme mit den Mitteln der&#8216; neuen Medien (avaaz.org, online giving marketplaces, etc.) wird eine bemerkenswerte Dynamik sichtbar. Auch die Niederlage des Hamburger Senats bei der Schulreform oder die bayerische Abstimmung zur Nichtraucher-Gesetzgebung sind Beispiele, f&uuml;r die M&auml;chtigkeit individueller Akteure und kleiner Gruppe. Kaum zu untersch&auml;tzen ist dabei die politische Effektivit&auml;t solcher zun&auml;chst oft bel&auml;chelten Proteste. Die langfristige, systemwirksame Kraft der Besinnung auf`gemeinwohlorientierte Fragen wird nicht zuletzt am oben genannten Bahnhofsprotest in Stuttgart deutlich. Es offenbart sich die Ohnmacht der vereinten politischen und &ouml;konomischen Akteure, ein Prestigeprojekt auf Expertenebene durchzusetzen und schlie&szlig;lich mit der `Legitimit&auml;t der repr&auml;sentativen Demokratie zu argumentieren.[7]</p>
<p>M&ouml;glich wird die neue Macht der &Ouml;ffentlichkeit nicht nur &uuml;ber die heute schlichtweg einfacher zu gestaltende interne Kommunikation. Was ehemals Mitglieder- und ressourcenreiche Verb&auml;nde zentral vorbereiteten , ist heute in ein oft dezentral organisiertes Netzwerk ausgelagert, von wo sich spontane Aktivit&auml;ten in einer &uuml;bergreifenden Protestsolidarit&auml;t organisieren lassen. Zumindest ebenso wichtig ist aber der Aufmerksamkeitshebel, denen sich oftmals urspr&uuml;nglich marginale Gruppen im &#8222;Rahmen einer Mediengesellschaft bedienen k&ouml;nnen. Der ehemals spezialisierten Organisationen vorbehaltene Zugang zu &ouml;ffentlich -medialer Aufmerksamkeit durch die Inszenierung spektakul&auml;rer Ereignisse (ber&uuml;hmt die mittlerweile klassischen Greenpeace Aktionen auf K&uuml;hlt&uuml;rmen oder auf hoher See) ist heute ebenfalls demokratisiert. <br />Das bedeutet nicht, dass jeder zu jedem Zeitpunkt mit seinen Themen Geh&ouml;r findet; jedoch ist das Wissen um die Aufmerksamkeits- und Gestaltungslogik medialer Kommunikation in weite Bev&ouml;lkerungskreise diffundiert. Professionelle journalistische Formate bieten auch solchen Individuen und Gruppen ein Sprachrohr, die in den fr&uuml;heren Zeiten der Kanalknappheit schlicht ungeh&ouml;rt geblieben sind Und was die Massenmedien nicht beachten, findet &uuml;ber das Netz &#8211; den schier un&uuml;berschaubaren Vorhof der medialen &Ouml;ffentlichkeit &#8211; seinen Weg.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Fazit: &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit in der Wissens- und Medien&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h2>
<p>Wir wollen die besprochenen Entwicklungen abschlie&szlig;end kurz zusammenfassen. Es mag die hier besprochenen &bdquo;neuen &Ouml;ffentlichkeiten&rdquo;, erstens, nur im Plural geben. Vieles spricht f&uuml;r die Fl&uuml;chtigkeit, relative Unorganisiertheit und Themenzentriertheit neuer &Ouml;ffentlichkeiten. Anders als bei der Klage &uuml;ber den Wegfall kommunikativer Zentren, richtet sich der Blick auf jene unkonventionellen und sporadischen Manifestationen von &Ouml;ffentlichkeit, die sich den M&ouml;glichkeiten wie auch den Nachteilen heutiger Kan&auml;le der Organisation und Expression von &ouml;ffentlicher Rede perfekt angepasst haben. Die Grenzen zwischen privater und &ouml;ffentlicher Kommunikation erodieren (zumindest zurzeit) zusehends. Und auch die Nutzungsmuster des umfassenden Medienportfolios, welches den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern moderner, demokratischer Gesellschaften heute zur Verf&uuml;gung steht, pluralisieren sich. So wirkt die neue &Ouml;ffentlichkeit in einem reziproken Prozess an der Hervorbringung von, f&uuml;r ihre Zwecke und Notwendigkeiten angepassten, technologischen Neuheiten mit.</p>
<p>Zugleich, und zweitens, m&ouml;gen wir es eventuell nicht so sehr mit einer Aufl&ouml;sung, sondern einer weiteren .,Diversifizierung und Individualisierung von &Ouml;ffentlichkeiten zu tun haben~ Im Sinne der prominent von Manuel Castells eingef&uuml;hrten Metapher des <i>Netzwerks </i>als zentrale Strukturierung sozialer Organisation heute, sammeln sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger um vielf&auml;ltige thematische Diskurse und kommunikative Kan&auml;le. Diese dienen ihnen, im Sinne eines sich erweiternden Medienportfolios, zur Information ebenso wie zur Mitteilung. So m&ouml;gen manche geschichtlichen Kommunikationsfl&uuml;sse heute zusehends ausgetrocknet erscheinen; dies aber vor allem deshalb, weil die Kommunikations- und damit die Mobilisierungs- und Proteststr&ouml;me schlicht mobiler geworden sind Was heute im Netz als einsames Posting beginnt, ist morgen der Quell nationaler Erregung &#8211; oder eben auch nicht. Die neuen M&ouml;glichkeiten m&ouml;gen heute die Wahrscheinlichkeit vergr&ouml;&szlig;ern, sich bestimmten Themen &uuml;berhaupt erst zuzuwenden, Themen, die &#8211; entgegen der Kritiker der Fragmentierung von &Ouml;ffentlichkeit &#8211; in Zeiten der Kanalknappheit mangels konsentierten Interesses eher marginalisiert, oder gar nicht erst aufgegriffen worden w&auml;ren Zugleich bieten die neuen Technologien die M&ouml;glichkeit, solche Informationen zu teilen, zu bearbeiten, zu erg&auml;nzen und sehr schnell an eine gro&szlig;e Menge von Personen weiterzugeben (via E-Mail, mailing lists, SMS, oder, ganz / aktuell, &bdquo;social tagging&rdquo;, in sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf eigenen Aktivisten-Websites wie z.B. avaaz.org).</p>
<p>Sp&auml;testens seit der viel zitierten Initialz&uuml;ndung der Massenproteste beim WTO Summit in Seattle 1999 haben wir es heute oft mit einer semi-latenten Gegen&ouml;ffentlichkeit (vgl. hierzu Dahlberg 2007) zu tun, deren Merkmal es sein mag, <i>Gemeinschaft in Heterogenit&auml;t </i>zum Ausdruck zu bringen. Heute bedarf es, sofern man einen gemeinsamen Feind hat, nur eines Minimalkonsenses zur Integration als Gegen&ouml;ffentlichkeit. Hier treffen regelm&auml;&szlig;ig weltanschaulich, scheint&#8217;s, fr&uuml;her unvereinbare Gruppen aufeinander: konservativ-religi&ouml;se Verb&uuml;nde neben neomarxistischen Sozialbewegungen, radikale Tiersch&uuml;tzer neben Bauernverb&auml;nden, regionale B&uuml;rgerinitiativen neben international t&auml;tigen NGOs.</p>
<p>Ein solcher Modus vernetzter Individualit&auml;t verlangt f&ouml;rmlich nach kurzlebigen und oft zun&auml;chst idiosynkratischen Mustern der &ouml;ffentlichen Rede. So ist die Frage, ob denn das Hinzutreten neuer, scheinbar individualisierter Kommunikationsmodi den Untergang der traditionellen, themensetzenden (Massen-)Medien bedeuten muss, vielleicht schlicht falsch gestellt. Vielmehr scheinen sie sich diese Kommunikationsformen gegenseitig zu befruchten. Und sie werden weiterhin neue &Ouml;ffentlichkeit stiften und die alte weiterhin betreuen.</p>
<p>[1] Wie Habermas im Vorwort zur 18. Auflage seiner Studie 1990 selbst einr&auml;umt, hat er die vielf&auml;ltigen&nbsp; Urspr&uuml;nge und Arenen von &Ouml;ffentlichkeit zur Zeit der urspr&uuml;nglichen Abfassung zu wenig beachtet (1990: 15)</p>
<p>[2] Die Nettoreall&ouml;hne in Deutschland haben sich seit dem erstmaligen Erscheinen von Habermas Buch (1961) fast verdoppelt</p>
<p>[3] Diese &ndash; nicht zuletzt platzbedingte &ndash; Einschr&auml;nkung sei uns mit dein Verweis erlaubt, dass wir uns den hier zu kurz kommenden Aspekten der gr&ouml;&szlig;eren Diskussion von Technologie &ndash; Kommunikation und Demokratie an anderer Stelle ausf&uuml;hrlich zugewandt haben (vgl. Adolf/Wallner 2005; Wallner/Adolf, 2011; Adolf 2006; Wallner 2010; Stehr 1986; Stehr 2000, Stehr 2003, Stehr). Drei Hinweise zur Relativierung einer allzu vereinfachenden Sicht seien hier erlaubt: (1) Der mittlerweile gut belegte Umstand, dass Kommunikation keinen linearen Wirkmechanismus konstituiert, sondern auch rezeptionsseitig gro&szlig;e Freiheitsgrade aufweist (siehe Habermas&#8216; sp&auml;teren Verweis auf Stuart Halls End/Decoding-Text, 1990: 31); (2) der Umstand, dass auch Diskurse au&szlig;erhalb der Grenzen einer politischen &Ouml;ffentlichkeit emanzipatorische, zumindest aber wissens- und einstellungsspezifische Wirkung entfalten &ndash; so z.B. die &Ouml;ffentlichkeiten die sich an Unterhaltungsangebote anschlie&szlig;en (Klaus/L&uuml;nenborg 2002); sowie der damit eng verflochtene Umstand, dass sich der Begriff des Politischen einer rein vernunftbasierten Fassung entwunden hat und zwar in dem Ma&szlig;e, in dem ehemals (analytisch) getrennte Systemgrenzen durchl&auml;ssig werden, wie beispielsweise jene zwischen der Rolle als B&uuml;rger und der als Konsument (Stehr 2007, Schudson 2007). Anders formuliert: wir finden &Ouml;ffentlichkeit auch auf der Mikro- und Mesoebene sowie &ouml;ffentlich relevante Diskurse auch im &ouml;konomischen Feld (siehe etwa das Ph&auml;nomen des &bdquo;sozialen Unternehmertums&rdquo; in dem ehemals gesellschaftspolitische Probleme, die ehemals staatlichem Handeln zugedacht waren nunmehr unternehmerisch bespielt werden).</p>
<p>[4] So krankt z. B. die Etablierung einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit nicht so sehr an der fehlenden Infrastruktur &ndash; dahingehend gab es bereits einige, mehr oder weniger vergebliche Versuche zur Etablierung von Foren (z.B. gescheiterte EU-Medienprojekte) &ndash;, sondern daran, dass diese Debatte von einer kleinen, elit&auml;ren Minderheit gef&uuml;hrt wird</p>
<p>[5] Aus Gr&uuml;nden der Vollst&auml;ndigkeit sei hier noch erw&auml;hnt, dass auch Sunsteins Thesen keineswegs unwidersprochen blieben, sondern teilweise empirisch widerlegt wurden (vgl. die lesenswerte Debatte in der Boston Review, 2001 <a href="http://bostonreview.net/BR26.3/contents.html" target="_blank" rel="noopener">http://bostonreview.net/BR26.3/contents.html</a>}</p>
<p>[6] Zu den wichtigsten und bis dato kaum erforschten Konfliktlinien in der neuen &Ouml;ffentlichkeit geh&ouml;rt der &bdquo;clash of generations&rdquo;, ein Konflikt der Generationen, wie man ihn bisher nicht gekannt hat. Dem liegt ein materieller Konflikt zugrunde, der in Zukunft den der Klassengegens&auml;tze oder den des Konflikts zwischen den Geschlechtern oder der Kulturen in den Schatten stellen wird.</p>
<p>[7] Was dabei noch eher zu &uuml;berraschen vermag, ist die tief sitzend anmutende Irritation der etablierten politischen Akteure gegen&uuml;ber den plebiszit&auml;ren Instrumenten der direkten Demokratie. Das Misstrauen gegen&uuml;ber den Interessen der politischen Subjekte scheint gerade in Deutschland tief zu sitzen. Stuttgart kann aber auch als Paradebeispiel gelten, wie institutionelle Akteure hinsichtlich der Durchsetzung ihrer eigenen Rationalit&auml;t <i>nicht </i>handeln sollten.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Adolf, Marian </i>(2006): Die unverstandene Kultur. Perspektiven einer kritischen Theorie der Mediengesellschaft. Bielefeld: Transcript.</p>
<p><i>Adolf, Marian/Wallner, Cornelia (</i>2005): Probing the Public Sphere in Europe. Theoretical Problems, Problems of Theory and Prospects for further Communication Research. Proceedings of the First European Communication Conference. Online: <a href="http://www.univie.ac.at/Publizistik/Europaprojekt/" target="_blank" rel="noopener">http://www.univie.ac.at/Publizistik/Europaprojekt/</a> datei/pub/ECC_Adolf-Wallner-Vienna.pdf</p>
<p><i>Bell, Daniel </i>(1967). Notes an the post-industrial society. The Public Interest, 7, S. 102-118.</p>
<p><i>B&ouml;hme, Gernot/Stehr, Nico </i>(1986): The Knowledge Society. bordrecht: D. Reidel</p>
<p><i>Dahl, Robert A. </i>(1961): Who Governs? Democracy and Power in an American City. New Haven: Yale University.</p>
<p><i>Dahlberg, Lincoln</i> (2007). Rethinking the fragmentation of the cyberpublic: from consensus to contestation. New Media &amp; Society, 9(5), S. 827-847.</p>
<p><i>Dayan, Daniel/Katz, Elihu </i>(1992): Media events: the live broadcasting of history. Cambridge: Harvard University Press.</p>
<p><i>DiMaggio, Paul et al. </i>(2001): Social Implications of the Internet. Annual Review of Sociology, 27, S. 307-336.</p>
<p><i>Habermas, J&uuml;rgen </i>(1990 [1962]): Der Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p><i>Hall, Stuart</i> (1980): Encoding/decoding. In: Culture, Media, Language. Herausgegeben von Stuart Hall et al., New York: Routledge, 1980. S. 128-138</p>
<p><i>Hasebrink, Uwe/Domeyer, Hanna </i>(2010): Zum Wandel von Informationsrepertoires in konvergierenden Medienumgebungen. In: Hartmann, Maren/Hepp, Andreas (Hrsg.): Die Mediatisierung der Alltagswelt. Wiesbaden: VS-Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, S. 49-63.</p>
<p><i>Jenkins, Henry </i>(2004). The Cultural Logic of Media Convergence. International Journal of Cultural Studies, 7(1), S. 33-43.</p>
<p><i>Katz, Elihu</i> (1996). And Deliver us from Segmentation. The Annals of the American Academy of Political and Social Science, 546, S. 22-33.</p>
<p><i>Klaus, Elisabeth/L&uuml;nenborg, Margreth </i>(2002): Journalismus: Fakten, die unterhalten &#8211; Fiktionen, die Wirklichkeit schaffen. In: Baum, Achim/ Schmidt, Siegfried J. (Hrsg.): Fakten und Fiktionen. &Uuml;ber den Umgang mit Medienwirklichkeiten. Konstanz: UVK, S. 152-164.</p>
<p><i>Mills, C. Wright </i>(1956): The Power Elite. Oxford: Oxford University Press.</p>
<p><i>Schudson, Michael </i>(2007). Citizens, Consumers, and the Good Society. The Annals of the American Academy of Political and Social Science, 611(1), S. 236-249.</p>
<p><i>Stehr, Nico</i> (1994). Knowledge Societies. London, Thousand Oaks, New Dehli: Sage.</p>
<p><i>Stehr, Nico</i> (2000): Die Zerbrechlichkeit der modernen Gesellschaft. Weilerswist: Velbr&uuml;ck.</p>
<p><i>Stehr, Nico</i> (2001). Moderne Wissensgesellschaften. Aus Politik und Zeitgeschichte, 36, S. 7-14.</p>
<p><i>Stehr, Nico </i>(2003): Wissenspolitik. Frankfurt/Main: Suhrkamp.</p>
<p><i>Stehr, Nico</i> (2007). Die Moralisierung der M&auml;rkte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.</p>
<p><i>Sunstein, Cass</i> (2001): The Daily We. Boston Review, 26(3), S. 1-13.</p>
<p><i>Sunstein, Cass</i> (2007): Republic.com 2.0. Princeton: Princeton University Press.</p>
<p><i>Wallner, Cornelia</i> (2010): Kommunikationswissenschaftliche Europaforschung braucht Ausweitung. Mediale Unterhaltung als Bestandteil europ&auml;ischer &Ouml;ffentlichkeit, in: P&ouml;ttker, Horst/Schwarzenegger, Christian (Hrsg.): Europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit und Journalistische Verantwortung, K&ouml;ln, Herbert von Halem, 2010: 76-91.</p>
<p><i>Wallner, Cornelia/Adolf Marian </i>(2011): Zur Erkl&auml;rungskraft von &Ouml;ffentlichkeitstheorien f&uuml;r Kommunikationsinnovationen. Eine Metastudie zu klassischen &Ouml;ffentlichkeitstheorien.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/die-macht-der-neuen-oeffentlichkeit/">Die Macht der neuen Öffentlichkeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
