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	<title>Markus Sedlaczek Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Europa braucht den Laizismus. Identitätspolitik, Ethnische Differenz und Meinungsfreiheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Sep 2000 17:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Fortsetzung Mitteilung Nr. 171, S. 58-60 Auf welche Weise k&#246;nnen die Grundwerte Freiheit und Gleichheit in einem immer gr&#246;&#223;er werdenden europ&#228;ischen Raum mehr Beachtung finden? Diese Frage steht mit dem laizistischen Ideal auf dem Spiel, das sich nicht einfach auf einen juristischen Rahmen reduzieren l&#228;sst und das zunehmend an Aktualit&#228;t gewinnt in einer Welt, die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/publikation/europa-braucht-den-laizismus-identitaetspolitik-ethnische-differenz-und-meinungsfreiheit/">Europa braucht den Laizismus. Identitätspolitik, Ethnische Differenz und Meinungsfreiheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Fortsetzung</p>
<p>Mitteilung Nr. 171, S. 58-60</p>
<p>Auf welche Weise k&ouml;nnen die Grundwerte Freiheit und Gleichheit in einem immer gr&ouml;&szlig;er werdenden europ&auml;ischen Raum mehr Beachtung finden? Diese Frage steht mit dem laizistischen Ideal auf dem Spiel, das sich nicht einfach auf einen juristischen Rahmen reduzieren l&auml;sst und das zunehmend an Aktualit&auml;t gewinnt in einer Welt, die von den Forderungen einer ethnischen Identit&auml;tspolitik auseinander gerissen und von klerikaler Restauration und kommunitaristischen Abwegen bedroht wird. In Frankreich werden angesichts der neuen religi&ouml;sen Manifestationen &ndash; und im Namen der europ&auml;ischen Harmonisierung &ndash; Forderungen nach einer &bdquo;&Ouml;ffnung&ldquo; und &bdquo;Neudefinition&ldquo; des Begriffs Laizismus laut: In Wahrheit aber sollen die Beziehungen zwischen Politik, Religion und Kultur so ver&auml;ndert werden, dass die Neutralit&auml;t des &ouml;ffentlichen Raumes nicht l&auml;nger gew&auml;hrleistet ist.<br />Freilich sind diese das laizistische Ideal tangierenden Fragen nicht spezifisch franz&ouml;sisch, sondern sie betreffen ganz Europa. So erhitzte etwa 1995 der so genannte Kruzifixstreit die deutschen Gem&uuml;ter. Am 10. August 1995 erkl&auml;rte das Bundesverfassungs-gericht in Karlsruhe eine Regelung des Landes Bayern, nach der die staatlichen Schulen in jedem Klassenzimmer ein Kreuz aufzuh&auml;ngen haben, f&uuml;r verfassungswidrig. Der Vatikan zeigte sich emp&ouml;rt. Laizistische Kreise hatten sich gegen das obligatorische christliche Symbol in R&auml;umen ausgesprochen, die doch grunds&auml;tzlich f&uuml;r alle Kinder gedacht sind, und hatten betont, dass in Umgebungen, in denen die Allgemeinheit angesprochen werde, Neutralit&auml;t von eminenter Wichtigkeit sei. Helmut Kohl hatte dagegen unterstrichen, dass das Christentum ein konstitutives Element der deutschen Kultur darstelle und deshalb die Kreuze nicht entfernt werden d&uuml;rften. Eine solche gezielte Begriffsverwirrung zwischen Kultur und Religion tut all denen Gewalt an, die anderen spirituellen Optionen folgen und sich durch eine diskriminierende und jeder Universalit&auml;t Hohn sprechende Symbolik als B&uuml;rger zweiter Klasse abqualifiziert f&uuml;hlen m&uuml;ssen.</p>
<h5>Weder Privileg noch Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung</h5>
<p>Derartige Fragen, ja Polemiken tauchen mittlerweile in ganz Europa auf. Als der Vatikan forderte, den religi&ouml;sen Autorit&auml;ten in Polen und Slowenien (beide L&auml;nder haben die Trennung von Kirche und Staat anerkannt) ein gewisses Kontrollrecht &uuml;ber die Lehrpl&auml;ne einzur&auml;umen, kam es zu heftigen Debatten. Dabei geht es um politische wie philosophische Aspekte. Um das Gemeinsame zu f&ouml;rdern und uneingeschr&auml;nkte Gleichheit, namentlich auf spirituellem Gebiet, zu sichern, muss die strikte Trennung zwischen dem Staat und allen Kirchen eingehalten werden. Nur so k&ouml;nnen sich Gl&auml;ubige und Freidenker ebenso wie die Anh&auml;nger verschiedener Religionen gegen&uuml;ber der &ouml;ffentlichen Gewalt als Gleiche anerkennen: Denn die im Bem&uuml;hen um Universalit&auml;t begr&uuml;ndete Glaubensneutralit&auml;t erlaubt es ihr, sich tats&auml;chlich als Vertreterin der Allgemeinheit zu behaupten, ohne den einen zu bevorzugen und den anderen zu benachteiligen. Der Laizismus stellt sich also nicht etwa gegen die Religion in ihrer spirituellen Dimension, sondern gegen den Zugriff der Kirche auf die &ouml;ffentliche Sph&auml;re. Er eint, ohne zu binden. Die laizistische Eintracht hebt die Menschen &uuml;ber jeglichen Partikularismus hinaus, ohne die jeweiligen Besonderheiten zu negieren.<br />Laizismus bedeutet, dass sich die politische Gemeinschaft auf das ganze Volk &ndash; ohne Privileg und ohne Diskriminierung &ndash; bezieht. Und so erst verdient die Republik als res publica ihren Namen &ndash; als das allen geh&ouml;rende, gemeinsame Gut. Der Klerus einer bestimmten Glaubensrichtung wird so lange nicht angefochten, wie er sich darauf beschr&auml;nkt, die Glaubensangelegenheiten f&uuml;r diejenigen zu verwalten, die ihm in freier Entscheidung seine Rolle zuerkennen. Sobald er aber versucht, &uuml;ber alle Menschen Macht auszu&uuml;ben und die &ouml;ffentliche Gewalt zu seinem Vorteil zu gebrauchen, vergeht er sich an denen, die anderen spirituellen Optionen folgen. Was den Begriff der Kultur betrifft, so muss seine Ambivalenz zum einen explizit gemacht, gleichzeitig aber auch aufgegeben werden. Als &bdquo;dynamischer&ldquo; Kulturbegriff deckt er die Gesamtheit des &auml;sthetischen und geistigen Erbes der Menschheit ab, aus dem sich unsere Bildung speist. Als &bdquo;statischer&ldquo; Kulturbegriff bezieht er sich auf die Br&auml;uche, Vorstellungen und rituellen Handlungen einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft und spiegelt die Machtbeziehungen wider, die eine bestimmte Tradition ausgebildet hat. Freiheit erweist sich nun in der M&ouml;glichkeit, eine kritische Distanz zu dieser Tradition einzunehmen. Der Laizismus verlangt nicht nach abstrakten und wirklichkeitsfremden menschlichen Individuen: Er weigert sich nur, Machtbeziehungen als &bdquo;kulturell&ldquo; und respektabel zu betrachten, blo&szlig; weil sie im Gewand von Brauch und Sitte auftreten und so im Lauf der Zeit wie Merkmale einer &bdquo;kollektiven Identit&auml;t&ldquo; aussehen.<br />Ein bekannterma&szlig;en kontroverses Beispiel aus Frankreich mag diese Unterscheidung illustrieren: Viele junge Musliminnen freuen sich, dass &bdquo;das Gesetz der V&auml;ter&ldquo; an den franz&ouml;sischen Gymnasien nicht gilt, und gehen ohne Kopfbedeckung in die Schule. Soll ihnen die Freiheit verwehrt werden, die laut Gesetz an &ouml;ffentlichen Schulen jede religi&ouml;se, politische und Geschlechterdiskriminierung untersagt? Was z&auml;hlt das Recht des Individuums, was das der Gemeinschaft? Nat&uuml;rlich gibt es auch junge Frauen, die gern &ndash; und freiwillig &ndash; mit Schleier in die Schule gehen wollen. In diesem Zusammenhang sei an die eigentlichen Anforderungen an die Schule erinnert, die als &ouml;ffentlicher Raum sowohl dem Druck bestimmter Gruppen entzogen sein muss, als auch jeden Angriff auf ihre Neutralit&auml;t zur&uuml;ckzuweisen hat. Um eine Stigmatisierung zu vermeiden, m&uuml;ssen diese Forderungen bei allen religi&ouml;sen Symbolen greifen: vom Kreuz der Christen &uuml;ber die Kippa der Juden bis zum Schleier der Musliminnen. Damit unterbleiben auch unilaterale Ma&szlig;nahmen, die von der betroffenen Gruppierung zu Recht als Diskriminierung und Ausgrenzung wahrgenommen werden.<br />Gewissensfreiheit und rechtliche Gleichheit aller spirituellen Optionen &ndash; ob sie nun einen religi&ouml;sen Glauben implizieren oder nicht &ndash; zielen jenseits von Unterschieden auf eine gemeinsame Welt ab, die eint, ohne zu binden, sowie auf die Emanzipation der Urteilskraft jedes Einzelnen, in der die moralische und geistige Autonomie der Menschen begr&uuml;ndet ist. All diese Prinzipien zusammen schaffen in der laizistischen Republik die Bedingungen f&uuml;r eine authentische Eintracht, die Unterschiede zul&auml;sst und weder Meinungsverschiedenheiten noch Debatten ausschlie&szlig;t, sondern vielmehr zur Transzendierung der Unterschiede einl&auml;dt, und zwar im starken Bewusstsein vom Wert des gemeinsamen &ouml;ffentlichen Raums, der die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit erst m&ouml;glich macht.<br />Drei Wege f&uuml;r einen Pluralismus der spirituellen Optionen sind denkbar: erstens der offene Konflikt, der als Religionskrieg ausbricht, zweitens die scharf abgegrenzte Koexistenz, in der verschiedene Gemeinschaftsformen wie im Mosaik oder in einer &bdquo;Demokratie der Identit&auml;ten&ldquo; nebeneinander bestehen, und drittens der gemeinsame &ouml;ffentliche Raum der laizistischen Republik, der Vielfalt zul&auml;sst, ohne sich ihr zu entfremden, und der den individuellen oder kollektiven Ausdruck spiritueller und religi&ouml;ser Partikularismen rechtlich als etwas Privates behandelt.<br />Der institutionelle Laizismus pl&auml;diert f&uuml;r ein allgemein g&uuml;ltiges Gesetz, das die Menschen ihre ethischen &Uuml;berzeugungen und ihren spirituellen Weg frei w&auml;hlen l&auml;sst, und f&uuml;r ein Bildungssystem, das eine universelle Kultur vermittelt und die Entwicklung der eigenen Urteilskraft gezielt f&ouml;rdert. Das republikanische Recht und ein ausdr&uuml;cklich laizistisches Unterrichtssystem sind in dieser Hinsicht von entscheidender Bedeutung.<br />Die europ&auml;ischen L&auml;nder sind, so unterschiedlich ihre jeweilige Geschichte auch verlaufen sein mag, auf dem Weg zu diesem Ideal schon relativ weit gekommen &ndash; allen voran Frankreich. Und doch l&auml;sst auch hier die Umsetzung des laizistischen Ideals bisweilen noch zu w&uuml;nschen &uuml;brig. Man denke nur an die Subventionierung von konfessionellen Privatschulen durch den franz&ouml;sischen Staat.<br />Verallgemeinernd l&auml;sst sich sagen, dass in &uuml;berwiegend katholischen L&auml;ndern weitgehend eine Laizisierung, als Trennung zwischen der &ouml;ffentlichen Gewalt und allen Kirchen, erfolgt ist, w&auml;hrend in protestantisch dominierten L&auml;ndern im Zuge einer S&auml;kularisierung die reformierten Kirchen in die Organisation des sozialen Lebens und in die politischen Institutionen eingebunden worden sind. In &uuml;berwiegend katholischen L&auml;ndern entwickelte sich der Kampf f&uuml;r die Freiheiten zur direkten Konfrontation mit den kirchlichen Autorit&auml;ten, die diese Freiheiten beschneiden wollten. Die laizistische Trennung f&ouml;rderte sowohl die Glaubens- und Gewissensfreiheit als auch die prinzipielle Gleichheit aller Menschen, der Gl&auml;ubigen wie der Nichtgl&auml;ubigen. Sie sorgte au&szlig;erdem f&uuml;r eine Harmonisierung zwischen dem &ouml;ffentlichen Charakter der politischen Macht und dem als Gesamtheit betrachteten Volk, indem sie institutionelle Privilegien &ndash; etwa durch eine konfessionelle Kennzeichnung der &ouml;ffentlichen Sph&auml;re &ndash; kategorisch ablehnte.<br />Im Wesentlichen wird die Glaubens- und Gewissensfreiheit auch in protestantisch dominierten L&auml;ndern respektiert. Doch unterscheidet sich die dortige Situation merklich von der in den laizistischen L&auml;ndern. So ist diese Freiheit etwa durch die Strafbarkeit blasphemischer &Auml;u&szlig;erungen oder auch durch die manchen Kirchen einger&auml;umte Kontrolle &uuml;ber Lehrpl&auml;ne eingeschr&auml;nkt. Mancherorts hat sich, wie die in Deutschland, D&auml;nemark oder der Schweiz vom Staat erhobene Kirchensteuer belegt, ein &ouml;ffentliches Privileg der Religionen fest etabliert. Auch solche positiven Diskriminierungen verletzen das Gleichheitsprinzip. Der Umgang mit der Frage des Schwangerschaftsabbruchs im westlichen Teil Deutschlands und einige von religi&ouml;sen Autorit&auml;ten inspirierte Zensurma&szlig;nahmen weisen ebenfalls in diese Richtung.<br />F&uuml;r &Ouml;sterreich sieht Paragraf 108 des Strafgesetzbuchs Sanktionen gegen jegliche &bdquo;Herabw&uuml;rdigung religi&ouml;ser Lehren&ldquo; vor. Unter Berufung auf diesen Paragrafen hatte die Di&ouml;zese Innsbruck im Jahre 1986 gerichtliche Schritte gegen die Auff&uuml;hrung eines auf Oskar Panizzas &bdquo;Liebeskonzil&ldquo; basierenden Films eingeleitet. Nachdem der Film auf Anordnung des Innsbrucker Gerichts beschlagnahmt worden war, wurde das Urteil vom Europ&auml;ischen Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte in Stra&szlig;burg best&auml;tigt. Die Richter hatten n&auml;mlich den Angriff auf eine religi&ouml;se &Uuml;berzeugung mit einem Eingriff in die Rechte anderer gleichgesetzt, wobei sie die gegen&uuml;ber der betreffenden &Uuml;berzeugung vorgebrachte Ironie oder Kritik zweifelsohne als eine pers&ouml;nliche Beleidigung werteten. Wer Menschen das Recht garantiert, dass ihre religi&ouml;sen &Uuml;berzeugungen nie und nirgends in Frage gestellt werden d&uuml;rfen, der &ouml;ffnet einer moralisch begr&uuml;ndeten Gesellschaftsordnung T&uuml;r und Tor. Seinerzeit hatte sich Pierre Bayle (1647 &ndash; 1706) dagegen stark gemacht, dass die Blasphemie zum Straftatbestand erkl&auml;rt w&uuml;rde, und in diesem Zusammenhang ins Feld gef&uuml;hrt, dass die Blasphemie nur denjenigen skandalisiere, der die verh&ouml;hnte Realit&auml;t verehre.<br />Derselbe Europ&auml;ische Gerichtshof hatte im Urteil &bdquo;Handyside gegen das Vereinigte K&ouml;nigreich&ldquo; vom 7. Dezember 1976 entgegengesetzt entschieden und befunden, dass die Meinungsfreiheit auch f&uuml;r solche Ideen gelte, die Ansto&szlig; erregten. Die wechselhafte Haltung der europ&auml;ischen Institutionen macht Unsicherheiten sichtbar, und vielleicht auch wechselnde Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse in der Jurisprudenz. Der Entwicklung der Rechtsprechung in Stra&szlig;burg und Luxemburg kommt im Rahmen der europ&auml;ischen Integrationspolitik eine entscheidende Bedeutung zu.<br />Im Vergleich dazu ist der Laizismus von sch&ouml;ner Eindeutigkeit: Er legt ausdr&uuml;cklich fest, dass Freiheit nicht von einer mehr oder weniger willk&uuml;rlichen Macht zuerkannt und bemessen wird, sondern als etwas Urspr&uuml;ngliches zu gelten hat. Indem der Europ&auml;ische Gerichtshof religi&ouml;sen Pressuregroups Recht gibt, steht eine Revision dieser Urspr&uuml;nglichkeit im Raum, da nun er es &uuml;bernimmt, Freiheiten zu- oder abzuerkennen &ndash; was &uuml;brigens im Hin und Her seiner Entscheidungen zum Ausdruck kommt.</p>
<h5>Der laizis&shy;ti&shy;sche Staat als Garant der Freiheit</h5>
<p>Das zweite Kriterium beim Vergleich zwischen S&auml;kularisierung und Laizisierung besteht in der &Uuml;bereinstimmung zwischen dem allgemeinen Charakter der &ouml;ffentlichen Gewalt und der unteilbaren Gesamtheit des Volkes. Nun f&uuml;hrt aber der Fortbestand von konfessionell gepr&auml;gten politischen Institutionen zu einer impliziten psychologischen und moralischen Diskriminierung jener B&uuml;rger, die einer anderen oder auch &uuml;berhaupt keiner Konfession angeh&ouml;ren. Sie k&ouml;nnen sich in Symbolen und Praktiken, die f&uuml;r sie keinerlei Bedeutung besitzen, nicht wiedererkennen. In der Geschichte hat das immer wieder dazu gef&uuml;hrt, dass die Vertreter des katholischen Glaubens insbesondere dann f&uuml;r die Trennung von Kirche und Staat k&auml;mpften, wenn sich eine andere &bdquo;Staatsreligion&ldquo; durchsetzte: der calvinistische Protestantismus in den Niederlanden des 19. Jahr-hunderts oder die lutherische Kirche als Staatskirche in D&auml;nemark.<br />Im heutigen Deutschland beispielsweise kommen die beiden gro&szlig;en christlichen Kirchen in den Genuss von Kirchensteuer (8 Prozent der Einkommensteuer). Sie greifen auf vielerlei Weise ins &ouml;ffentliche Leben ein und sind insbesondere in Fragen der Medienaufsicht aktiv. Nun sind aber l&auml;ngst nicht alle Deutschen gl&auml;ubige Christen. Ohne den traditionellen katholischen Klerikalismus fortzuschreiben, weist die S&auml;kularisierung der Kirchen dennoch &Auml;hnlichkeiten mit ihm auf, insbesondere durch die Inanspruchnahme der &ouml;ffentlichen Gewalt und die institutionelle Privilegierung von Glaubens&uuml;berzeugungen, die in Wahrheit nur f&uuml;r einen Teil der Bev&ouml;lkerung G&uuml;ltigkeit haben. Somit ist der Gleichheitsgrundsatz in Gefahr.<br />Die strikte Trennung von Staat und Kirche setzt sich allm&auml;hlich immer weiter durch. Und so ist es nicht legitim, sich in diesem Zusammen-hang nur auf Europa zu berufen. In Deutschland, Gro&szlig;britannien, Belgien, ja sogar in Spanien erheben sich Stimmen, die genau in dem Moment eine Entwicklung in Richtung einer Laizisierung &aacute;&nbsp; la fran&aacute;&sect;aise fordern, da sich in Frankreich andere Stimmen f&uuml;r die umgekehrte Entwicklung aussprechen.<br />In Portugal fordert Republica Laicidade die Aufhebung des von Salazar ererbten Konkordats. Das belgische Centre d&lsquo; Action La&aacute;&macr;que verk&uuml;ndet &ndash; obwohl es selbst die &bdquo;laizistische Gemeinschaft&ldquo; verwaltet &ndash; gebetsm&uuml;hlenartig, dass es die institutionelle Trennung anstrebe. In Deutschland fordern mehrere Organisationen, darunter der Bund gegen Anpassung (und die Humanistische Union &ndash; Anm. d. Red.), die Aufhebung des 1933 mit Hitler geschlossenen Konkordats und die strikte Trennung von Staat und Kirche. Desgleichen in England die k&uuml;rzlich vor dem Oberhaus angeh&ouml;rte National Seculary Society. In der Schweiz k&auml;mpft die Freidenker-Vereinigung daf&uuml;r, dass die Kantone die laizistische Trennung vollziehen. In einer ganzen Reihe von Kantonen wurde dies auch schon durchgesetzt. Schweden schlie&szlig;lich hat sich erst k&uuml;rzlich f&uuml;r die Trennung von Staat und lutherischer Kirche ausgesprochen.<br />Der Laizismus k&ouml;nnte also f&uuml;r ganz Europa Geltung haben. Freilich muss zugleich die soziale Gerechtigkeit vorangebracht werden, damit die Versuchungen r&uuml;ckw&auml;rts gewandter Kommunitaristen keine Chance haben und das laizistische Ideal jedermann deutlich vor Augen steht. Das laizistische Europa geht Hand in Hand mit dem Europa einer emanzipatorischen Kultur, deren Programm bereits zur Zeit der Aufkl&auml;rung entworfen wurde. Genauso eng aber ist es mit einem sozialen Europa verbunden, das es erst noch zu errichten gilt.</p>
<h5>Henri Pena-Ruiz* (dt. Markus Sedlaczek)</h5>
<p>* Philosoph, Dozent am Institut d&lsquo; &aacute;&euro;&deg;tudes Politiques de Paris, Autor von &bdquo;Dieu et Marianne. Philosophie de la laicit&eacute;&ldquo;, Paris (PUF) 1999.</p>
<p>Dieser leicht gek&uuml;rzte Text wurde mit freundlicher Genehmigung &uuml;bernommen aus der deutschsprachigen Le Monde diplomatique, die monatlich auf 24 Seiten &uuml;ber internationale Entwicklungen in Politik und Kultur berichtet. Die Zeitung ist am Kiosk erh&auml;ltlich und au&szlig;erdem zu beziehen &uuml;ber: Le Monde diplomatique, Kochstr. 18, 10969 Berlin. Tel. (030) 25902-211, Abo-Fax: (030) 2519316, E-Mail: <a href="mailto:abomail%40taz.de">abomail@taz.de</a>, Jahresabo: DM 84,&ndash; (Studentenabo: DM 58,80), Probeabo (3 Ausg.): DM 15,&ndash; website: <a href="http://www.monde-diplomatique.de/" target="_blank" rel="noopener">www.monde-diplomatique.de</a></p>
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