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	<title>Martin Sabrow Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Erinnerung als Pathosformel der Gegenwart*</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 21:55:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorg&#228;nge Heft2/2012, S.4-15 Der Aufstieg der Erinnerung &#8222;Erinnerung&#8220; ist einer der zentralen Verst&#228;ndigungsbegriffe unserer Zeit. Google, unser unbestechlicher Bedeutungsanzeiger f&#252;r das gegenw&#228;rtig Gefragte, meldet im September 2007 f&#252;r &#8222;Erinnerung&#8220; 52 Millionen Eintr&#228;ge &#8211; mehr als doppelt so viele wie f&#252;r &#8222;Freiheit&#8220; (21 Mio.), sieben Mal mehr als f&#252;r das Stichwort &#8222;Gerechtigkeit&#8220; (7 Mio.), zwanzig [weiterlesen]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorg&auml;nge Heft2/2012, S.4-15</p>
<h2 class="auto-created">Der Aufstieg der Erinnerung</h2>
<p>&#8222;Erinnerung&#8220; ist einer der zentralen Verst&auml;ndigungsbegriffe unserer Zeit. Google, unser unbestechlicher Bedeutungsanzeiger f&uuml;r das gegenw&auml;rtig Gefragte, meldet im September 2007 f&uuml;r &#8222;Erinnerung&#8220; 52 Millionen Eintr&auml;ge &#8211; mehr als doppelt so viele wie f&uuml;r &#8222;Freiheit&#8220; (21 Mio.), sieben Mal mehr als f&uuml;r das Stichwort &#8222;Gerechtigkeit&#8220; (7 Mio.), zwanzig Mal mehr als f&uuml;r &#8222;Gleichheit&#8220; (2,5 Mio.) und fast vierzig Mal so viel wie f&uuml;r &#8222;Menschenw&uuml;rde&#8220;(1,4 Mio.). Der Wille zur Erinnerung pr&auml;gt die &ouml;ffentliche Gedenkkultur der Bundesrepublik, und dies bemerkenswerterweise auch und gerade dort, wo diese Erinnerung schmerzlich ist, wo sie Trauer wachruft und Besch&auml;mung erzeugt.</p>
<p>Alle Unterschiede in der Deutung der beiden Diktatursysteme des 20. Jahrhunderts &uuml;berw&ouml;lbt die gemeinsame Auffassung, dass das Erinnern dem Vergessen &uuml;berlegen sei, und wir sind uns kaum mehr bewusst, dass die Amnesie als Ged&auml;chtnisschw&auml;che und die Amnestie als staatliche Vergebung etymologisch bedeutungsgleich sind und gemeinsam auf das griechische Verb &#8222;a-mnemoneo&#8220; = &#8222;aus dem Ged&auml;chtnis verlieren&#8220; zur&uuml;ckgehen. Die moralische Kraft des Erinnerns in unserer politischen Gegenwartskultur ist so gro&szlig;, dass das Nicht-Erinnern in Gestalt des Verschweigens, Vergessens, Verdr&auml;ngens in unserem Denken eine psychische oder soziale Fehlentwicklung beschreibt, eine fatale Abwehr, die etwa Gesine Schwan als &#8222;zerst&ouml;rerische Macht des Schweigens in der Politik&#8220; angeprangert hat.(1) In unsere Wertewelt sind Erkenntnisse der Tiefenpsychologie eingeflossen, und in ihr bezeichnet das Vergessen ein Krankheitsbild und die Erinnerung den Weg zur Heilung &#8211; getreu Sigmund Freuds ber&uuml;hmtem Konzept des Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens. In der &Uuml;bertragung auf die innere Verfassung sozialer Gemeinschaften kehrt dieses Verst&auml;ndnis von Erinnerung als Gesundung in der bekannten Warnung wieder: &#8222;Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.&#8220; (George Santayanades)</p>
<p>Das Wort &#8222;Erinnerung&#8220; bezeichnet das, was f&uuml;r die Kunstgeschichte Aby Warburg eine &#8222;Pathosformel&#8220; genannt hat, eine sprachliche Geb&auml;rde, die unserer Zeit so sehr eingeschrieben ist wie anderen Zeiten Begriffe wie Zukunft, Fortschritt und Utopie. Dem war allerdings nicht immer so. Von der Antike bis zur Fr&uuml;hneuzeit wurde die politische Gesundung ganz &uuml;berwiegend nicht vom Willen zur erinnernden Verarbeitung bestimmt, sondern von der Bereitschaft zum t&auml;tigen Vergessen erhofft. In diesem Sinne verlangte Cicero nach der Ermordung Caesars im R&ouml;mischen Senat die &#8222;Zerst&ouml;rung jeglicher Erinnerung an die Zwietrachten durch ewiges Vergessen&#8220; (Oblivione sempiterna delendam). Diesem Geiste folgend enthielten Friedensabkommen bis zum Westf&auml;lischen Frieden 1648 regelm&auml;&szlig;ig das Bekenntnis zum wechselseitigen Vergessen: &#8222;Beide Seiten gew&auml;hren einander immerw&auml;hrendes Vergessen und Amnestie (pertua oblivio et amnestia) alles dessen, was seit Beginn der Kriegshandlungen, an irgendeinem Ort auf irgendeine Weise von dem einen oder anderen Teil, h&uuml;ben wie dr&uuml;ben, in feindlicher Absicht begangen worden ist&#8220;.(2) Noch im sp&auml;ten 19. Jahrhundert hielt Friedrich Nietzsche dem Historismus seiner Zeit die Mahnung entgegen, dass die &#8222;&Uuml;bers&auml;ttigung einer Zeit in Historie dem Leben feindlich und gef&auml;hrlich&#8220; sei, weil &#8222;durch dieses &Uuml;berma&szlig; [&#8230;] eine Zeit in die Einbildung (ger&auml;t), dass sie die seltenste Tugend, die Gerechtigkeit, in h&ouml;herem Grade besitzt als jede andere Zeit&#8220;.(3)</p>
<p>Dass andere Zeiten anderen Leitbildern folgten, versteht sich von allein. Weniger selbstverst&auml;ndlich ist aber die Feststellung, dass das Verh&auml;ltnis von Erinnern und Vergessen sich eigentlich erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten grundst&uuml;rzend ver&auml;ndert hat. Wie &uuml;berhaupt die dominierenden Pathosformeln jeder Zeit so &ouml;ffentlich wie unbemerkt, durch den Mund der Protagonisten und zugleich hinter ihrem R&uuml;cken ihre magnetische Kraft gewinnen und wieder verlieren, so hat auch die Erinnerung ihren Triumphzug vor noch gar nicht langer Zeit angetreten. Die 17. Auflage des Brockhaus in 20 B&auml;nden von 1968 pr&auml;sentiert das Stichwort &#8222;Erinnerung&#8220; in einer knappen halben Spalte als &#8222;die F&auml;higkeit, Erlebnisinhalte der Vergangenheit in der Vorstellung [&#8230;] wieder bewusst werden zu lassen&#8220;.(4) Die 19. Auflage des mittlerweile auf 24 B&auml;nde angewachsenen Werkes braucht 1988 sogar nur f&uuml;nf Zeilen, um &#8222;Erinnerung&#8220; in der Psychologie als &#8222;Bez. f&uuml;r einen Ged&auml;chtnisinhalt&#8220; und im juristischen Sprachgebrauch als Rechtsbehelf vorzustellen.(5) Ganz anders der Brockhaus 2006, der das neu aufgenommene Stichwort &#8222;Erinnerungskultur&#8220; auf mehr als drei Seiten erl&auml;utert und als &#8222;Schl&uuml;sselbegriff [&#8230;] im Hinblick auf die Ausbildung und Reflexion von Identit&auml;t&#8220; entwickelt .(6)Diesem radikalen Aufmerksamkeitswandel lag eine begriffliche Ausweitung zu Grunde, die das Erinnern von einer individuellen Operation, f&uuml;r welche die Psychologie zust&auml;ndig war, zu einem kollektiven Geschehen machte, das nun zun&auml;chst die Historiker anging und bald darauf von der Neurobiologie bis zur Literaturwissenschaft die Humanwissenschaften insgesamt. Die Stichworte dieses Paradigmenwandels lieferte der franz&ouml;sische Soziologe Maurice Halbwachs: Er untersuchte in den zwanziger Jahren die sozialen Bedingungen des Erinnerns und f&uuml;hrte die Vorstellung eines kollektiven Ged&auml;chtnisses in die Wissenschaft ein, die dann in den letzten Jahren von Aleida und Jan Assmann mit der Unterscheidung von kommunikativem und kulturellem Ged&auml;chtnis weiterentwickelt wurde.</p>
<p>Damit der im KZ Buchenwald zu Tode gebrachte Maurice Halbwachs wieder entdeckt werden konnte, bedurfte es zahlreicher Voraussetzungen: In Frankreich goss Pierre Nora seine Sorge um einen Zerfall der nationalen Erinnerungsgemeinschaft in die Formel, dass die sich aufl&ouml;senden <i>milieux de memoire</i>, also die Erz&auml;hlgemeinschaften der Familie und der Lebensumwelt heute durch die <i>lieux de memoire</i>, also durch gezielt geschaffene Ged&auml;chtnisst&uuml;tzen wie Denkm&auml;ler und Symbole ersetzt werden m&uuml;ssten. Er l&ouml;ste damit den Aufmerksamkeitsboom f&uuml;r so genannte &#8222;Erinnerungsorte&#8220; aus, der erst in Frankreich, dann in Deutschland und Italien, schlie&szlig;lich in aller Welt gro&szlig;e Verlagsvorhaben initiierte und zugleich der Gedenkst&auml;ttenbewegung neue und bis heute andauernde Impulse verlieh. In der Geschichtswissenschaft brach der <i>cultural turn</i> seit den achtziger Jahren der Einsicht Bahn, dass Geschichte eine gesellschaftliche Konstruktionsleistung sei, in der wissenschaftliche Forschung und geschichtspolitische Inszenierung mit famili&auml;rer Erz&auml;hltradition und &ouml;ffentlicher Vergangenheitsauseinandersetzung zusammenwirkten. Schlie&szlig;lich spiegeln sich im Aufstieg der Erinnerung auch der generationelle Umbruch der sechziger Jahre und die mit ihm verbundene Umgr&uuml;ndung der Bundesrepublik hin zu mehr Liberalit&auml;t und Pluralit&auml;t. Unterst&uuml;tzt von der Oral-History-Bewegung einer &#8222;Geschichte von unten&#8220;, wurde die Erinnerung zur Chiffre einer politischen Kultur, die das Beschweigen der NS-Vergangenheit nicht mehr hinnehmen mochte und die Unf&auml;higkeit zu trauern als unheilvolles Erbe betrachtete. Erinnerung, Aufarbeitung und Zeitzeugnis hie&szlig;en die drei Leitmotive eines neuen Umgangs mit der Vergangenheit, der das Fach Geschichte aus seiner Grundlagenkrise befreite und sein drohendes Verschwinden aus dem Schulunterricht in den siebziger Jahren verhinderte. Die ersten j&uuml;dischen Zeitzeugen, die oft gegen den Willen von Schulleitungen und Fachkollegien vor Schulklassen &uuml;ber ihr Schicksal zu sprechen begannen; die ersten Arbeitsergebnisse von Geschichtswerkst&auml;tten &uuml;ber die Deportation von Juden in ihrem Stadtviertel; die ersten &ouml;rtlichen Spurensicherungen von Aufarbeitungsinitiativen &#8211; sie alle trugen dazu bei, eine gemeinsame Leerstelle der traditionellen Politikgeschichte wie der modernen Gesellschaftsgeschichte aufzuf&uuml;llen und ihr den Blick auf das allt&auml;gliche Handeln und Leiden einzelner Menschen zur&uuml;ckzugeben.</p>
<p>Dabei stand die erinnerungskulturelle Hinwendung zur Vergangenheit zun&auml;chst unter misstrauischer Beobachtung. Die etablierte Zeitgeschichte attackierte die vermeintliche Graswurzelbewegung der Alltagshistoriker, deren analytische Reichweite an den begrenzten Horizont individueller Lebensschicksale gefesselt sei. Vielfach wurde das wiedererwachte Interesse an der Geschichte als bedrohliches Wiedererwachen eines deutschen Nationalbewusstseins gedeutet, das sich von der Scham &uuml;ber die zw&ouml;lf Jahre des Schreckens nicht den Stolz auf die 1000 Jahre nationaler Gr&ouml;&szlig;e rauben lassen wolle &#8211; und diese Annahme glaubte Nahrung zu finden etwa in der ohne jeden Jubil&auml;umsbezug in die Welt getretenen Berliner Preu&szlig;enausstellung 1981, in der mit Beginn der Kanzlerschaft Helmut Kohls proklamierten geistig-moralischen Wende von 1982 oder auch in der Grundsteinlegung f&uuml;r ein Deutsches Historisches Museum im Berliner Spreebogen 1988.</p>
<p>Vor allem ein Verdacht stand der neuen Lust an der Vergangenheit entgegen, dass sie n&auml;mlich einer unhistorischen Verkl&auml;rung der Vergangenheit Vorschub leiste, die den deutschen Sonderweg zur ldylle verkl&auml;re. Ein einziges Wort kann uns in seinem Aufstieg und Niedergang klarmachen, wie ger&auml;uschlos und rasch zugleich sich das Normengef&uuml;ge, die Geltungsstandards unseres Dialogs mit der Vergangenheit verschieben k&ouml;nnen. Es ist das medizinische Kunstwort Nostalgie. Mit ihm bezeichnet man &uuml;ber zwei Jahrhunderte hinweg die k&ouml;rperlichen und seelischen Symptome einer seltsamen Krankheit, die zun&auml;chst im 17. Jahrhundert bei Schweizer S&ouml;ldnern und Studenten im Ausland diagnostiziert wurde und von hitzigem Fieber begleitet war. Noch Goethe erinnerte sich 1823 gespr&auml;chsweise daran, dass unter Ludwig XIV. &#8222;unter den schwersten Strafen das Blasen einer Schalmei verboten worden (sei), weil in den Schweizerregimentern die Leute dadurch zu sehr an ihre Heimat erinnert wurden, und viele an Heimweh dahinstarben&#8220;.(7) Erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts verlor das aus griechisch &#8222;nostos&#8220; f&uuml;r Heimkehr und griechisch &#8222;algos&#8220; f&uuml;r Schmerz zusammengesetzte Kunstwort &#8222;Nostalgie&#8220; seinen Krankheitsbezug. Es verwandelte sich innerhalb k&uuml;rzester Zeit vom Leiden zur Therapie und machte Karriere als Sehnsuchtswort einer zweifelnden Moderne., die sich nach den Jahren des Wiederaufbaus in der Zukunft und in ihrer Fortschrittsutopie nicht mehr zu Hause f&uuml;hlte. Mit der Nostalgie erhielt die Bewahrung der Vergangenheit pl&ouml;tzlich einen Eigenwert, der sich von Jahr zu Jahr immer machtvoller gegen die alten Hoffnungsw&ouml;rter der Stadtplanung wie &#8222;autogerechte Verkehrslenkung&#8220; oder &#8222;umfassende Stadtsanierung&#8220; zu behaupten wusste, aber im Geiste des noch m&auml;chtigen Fortschrittsdenkens doch den Stempel des Reaktion&auml;ren trug. Beobachter notierten besorgt die &#8222;R&uuml;ckw&auml;rtssehnsucht&#8220;, die der &#8222;gef&uuml;hligen Restituierung des Gestern&#8220; diene(8) und in Gestalt der &#8222;Hitler-Nostalgie&#8220;(9) die &#8222;Realit&auml;t des Faschismus&#8220; verharmlose.(10)</p>
<p>Kein Verdacht h&auml;tte irriger sein k&ouml;nnen: Die Alltagsgeschichte hat uns erst ein tieferes Verst&auml;ndnis f&uuml;r die kumulative Radikalisierung des Nationalsozialismus erm&ouml;glicht. Die vermeintliche Entsorgung der Katastrophengeschichte unter Kohl erwies sich in Gestalt des DHM als h&ouml;chst erfolgreiches Unternehmen ihrer nachhaltigen Vergegenw&auml;rtigung. Niemand meint heute noch vor den Gefahren der Nostalgiekrankheit warnen zu m&uuml;ssen, weil die Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren alten Zeit vom Begehren zur Auseinandersetzung mit ihrem tats&auml;chlichen Schrecken &uuml;berragt wird, besser: weil unsere Lust an der Erinnerung nicht auf eine R&uuml;ckkehr der Vergangenheit zielt, sondern auf das Lernen aus ihr. Die dadurch inspirierte Neuvermessung der Vergangenheit zeigte sich in vielerlei Gestalt: im Erfolg der amerikanischen Holocaust- Serie 1979 und in den Verkaufszahlen von Walter Kempowskis Roman &#8222;Tadell&ouml;ser &amp; Wolff`, in der Rede Bundespr&auml;sident von Weizs&auml;ckers zum vierzigsten Jahrestag des 8. Mai 1945 als Jahrestag von zugleich Kapitulation und Befreiung, aber auch in der emp&ouml;rten Resonanz auf die Gedenkrede des Bundestagspr&auml;sidenten Philipp Jenninger zum 50. Jahrestag des Judenpogroms von 1938.</p>
<p>Ein eindrucksvoller Indikator des Wandels im Umgang mit der Vergangenheit steckt in der Abwertung des Wortes Vergangenheitsbew&auml;ltigung, das in den f&uuml;nfziger Jahren noch ein mutiges Bekenntnis darstellte und von dem G&ouml;ttinger Historiker Hermann Heimpel, zeitweilig als Nachfolger des ersten deutschen Bundespr&auml;sidenten im Gespr&auml;ch, in durchaus selbstkritischer Absicht propagiert wurde: Die Vergangenheit d&uuml;rfe nicht vergessen, sie m&uuml;sse vielmehr bew&auml;ltigt werden.(11) Heute hingegen begreifen wir den Zivilisationsbruch von Auschwitz nicht mehr als eine Vergangenheit, die sich im eigentlichen Sinne &#8222;bew&auml;ltigen&#8220;, wom&ouml;glich &uuml;berw&auml;ltigen lie&szlig;e, und wir distanzieren uns von einer Wiederaufbaumentalit&auml;t, die meinte, mit dem Schrecken des &#8222;Dritten Reiches&#8220; auf dem Wege der juristischen, politischen und mentalen Bew&auml;ltigung abschlie&szlig;end fertig werden zu k&ouml;nnen.(12)</p>
<p>L&auml;ngst hat daher die Rede von der Vergangenheitsbew&auml;ltigung semantische Konkurrenz bekommen und hat im &ouml;ffentlichen Diskurs vielfach dem Bekenntnis zur Aufarbeitung Platz gemacht, dessen Konjunktur Theodor Adorno 1957 noch eher kritisch registrierte und jedenfalls mit der Absicht verbunden wissen wollte, &#8222;dass man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewusstsein&#8220;.(13) Urspr&uuml;nglich auf den Nationalsozialismus eingeschr&auml;nkt, wird im &ouml;ffentlichen Sprachgebrauch unter Aufarbeitung heute die erinnernde Auseinandersetzung mit den zwei Diktaturen auf deutschem und europ&auml;ischem Boden verstanden. Ebenso wenig wie die Nostalgiewelle die Distanzierung von den Schrecknissen der deutschen Geschichte implizierte, hat sich nach 1989 die vielfach aufgekommene Sorge bewahrheitet, dass die Auseinandersetzung mit dem zweiten Totalitarismus des 20. Jahrhunderts die mit der ersten deutschen Diktatur verdr&auml;ngen k&ouml;nne. So ungest&uuml;m sich gelegentlich im Streit um die Zukunft der Aufarbeitung die Opfer des Stalinismus als &#8222;Opfer zweiter Klasse&#8220; betrachten oder ein wie immer gearteter Proportionalit&auml;tsausgleich in der Gedenkst&auml;ttenkultur gefordert wird, hat sich doch in den neunziger Jahren in der Arbeit der beiden Enquetekommissionen des Deutschen Bundestags ein antitotalit&auml;rer Konsens herausgebildet, der der doppelten Erinnerung einen stabilen Rahmen gibt: &#8222;Die NS-Verbrechen d&uuml;rfen durch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus nicht relativiert werden. Die stalinistischen Verbrechen d&uuml;rfen durch den Hinweis auf die NS-Verbrechen nicht bagatellisiert werden.&#8220;(14)</p>
<p>Vor diesem Hintergrund einer opferzentrierten Erinnerung bedeutet auch die neuerlich zu beobachtende Ausbreitung des Aufarbeitungsanspruchs auf den Bombenterror des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und die deutschen Vertriebenen im Kern eben keine nationalgeschichtliche Aufrechnung von Leid und Opfern in exkulpatorischer Absicht mehr. Sie stellt ganz im Gegenteil eine weitere Ausdehnung des Erinnerungspathos auch auf Gruppen dar, deren Opferschicksal &uuml;ber Jahrzehnte eher als Argument zum Beschweigen der NS-Verbrechen und der historischen Absicherung politischer Revisionsforderungen gedient hatte.</p>
<h2 class="auto-created">Ursachen der Erinne&shy;rungs&shy;kon&shy;junktur</h2>
<p>Kein Ph&auml;nomen l&auml;sst den Aufstieg der Erinnerungskultur klarer hervortreten als die Karriere einer historischen Kunstfigur: des Zeitzeugen. Wie die Aufarbeitung ist auch der Zeitzeuge eine noch junge Sch&ouml;pfung. Der N&uuml;rnberger Prozess 1946 kannte ihn noch nicht. Das erste Mal tritt er nachdr&uuml;cklich im Eichmann-Prozess 1961 in Erscheinung. Filmdokumentationen des Prozesses zeigen, pathetisch gesprochen, fast so etwas wie die schmerzhafte Geburt des Zeitzeugen als &ouml;ffentlicher Figur. Im Zeugenstand erscheint ein KZ-&Uuml;berlebender, der wie andere gleichartige Zeugen nicht aufgerufen wurde, um Eichmann zu identifizieren oder eine konkrete Tat zu beglaubigen, sondern um den Terror der Vergangenheit von Auschwitz in die Gegenwart des israelischen Gerichtssaales zu transportieren. Der Zeuge macht seltsame Geb&auml;rden, er f&uuml;rchtet sich offenbar vor dem Reden. Aber die Kamera beachtet ihn kaum, sie zoomt nicht auf ihn, sondern richtet den Blick auf den Staatsanwalt, der eine Frage an den Zeugen richtet.</p>
<p>Pl&ouml;tzlich ein Tumult hinter der Kamera, die herumf&auml;hrt und nur noch den ersch&uuml;tternden Moment einf&auml;ngt, dass der zitternde Zeuge dem Schock des Erinnern- Sollens nicht standgehalten hat und bewegungslos ausgestreckt neben dem Zeugenstand liegt. Auch von anderen Zeugen erfahren wir, dass sie ihre Aussage nicht nur sich selbst um den Preis neuer seelischer Verwundung abgepresst haben, sondern auch einer Umgebung, die ihnen geraten hat, das Vergangene doch lieber vergangen sein zu lassen und nicht auch noch &ouml;ffentlich daran zu erinnern, dass die j&uuml;dischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung sich wie L&auml;mmer zur Schlachtbank h&auml;tten f&uuml;hren lassen.</p>
<p>Die Geburt des Zeitzeugen w&auml;re nicht m&ouml;glich ohne die zeitgleiche Herausbildung eines Erinnerungskonsenses, der nicht mehr nach politischen Positionen und Weltanschauungslagern unterscheidet. Vielmehr r&auml;umt er der schonungslosen Bewusstmachung der Vergangenheit ungleich mehr Kredit ein als den Anklage- und Rechtfertigungshaltungen noch in der Zeit der Studentenbewegung, die doch in der Abrechnung mit der NS-Vergangenheit einen wesentlichen Teil ihrer ldentit&auml;t erblickte. Eindrucksvoll zutage trat dieser auf dem moralischen Wert der Erinnerung fu&szlig;ende Geschichtsgestus etwa in der Auseinandersetzung um die NSDAP-Mitgliedschaft von G&uuml;nter Grass oder Walter Jens, die eben nicht so sehr auf die realhistorische Bedeutung der offenbar gewordenen Regimeverstrickung abstellte, sondern auf den Umgang mit ihm: Freim&uuml;tige Erinnerung sichert die gesellschaftliche Anerkennung als Zeitzeuge, erzwungenes Bekenntnis oder gar Schweigsamkeit verurteilt zur Komplizenschaft. Insofern setzt der Aufstieg der Erinnerung zu einem alle politischen Gegens&auml;tze &uuml;berw&ouml;lbenden Imperativ der politischen Gegenwartskultur den Niedergang des Systemzeitalters und das Ende der Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Ordnungsentw&uuml;rfen der Moderne voraus. Anders gesagt: Erinnerung als Pathosformel des Umgangs mit der Vergangenheit kann erst dort einen beherrschenden Platz in der politischen Kultur erobern, wo das Wesen der Politik ihre letztbegr&uuml;ndung nicht in der Freund-Feind-Scheidung nach Carl Schmitt findet, sondern in der Anerkennung eines politisch-kulturellen Rahmenkonsenses.</p>
<p>Die Karriere der Erinnerung in unserer Zeit hat weitere Ursachen. Hermann L&uuml;bbe sieht in unserer Tradition zerst&ouml;renden Fortschrittswelt und ihrer Unbehaustheit den entscheidenden Grund f&uuml;r eine noch nie da gewesene Vergangenheitssehnsucht, die Flohm&auml;rkte und Geschichtsmuseen f&uuml;llt und ganze St&auml;dte und Landschaften unabh&auml;ngig von ihrem &auml;sthetischen Rang unter Denkmalschutz stellt, um so den &#8222;&auml;nderungstempobedingten&#8220; Vertrautheitsschwund zu kompensieren.(15) Andere Autoren machen auf die j&uuml;dische Tradition des Erinnerungs-Imperativs als erl&ouml;sende Kraft aufmerksam, den westliche Gesellschaften parallel zur Anerkennung des Holocaust als moralischen Gr&uuml;ndungsmythos des Westens und seiner freiheitlichen Ordnung &uuml;bernommen h&auml;tten: Am Ende seiner W&uuml;stenwanderung empfing das Volk Israel vom sterbenden Moses das Verbot des Vergessens und die Pflicht zur Erinnerung.</p>
<p>Aus der Sicht der historischen Semantik f&auml;llt hingegen vor allem die deutliche Korrelation zwischen Vergangenheitshoffnung und Zukunftspessimismus ins Auge, die nach dem Ende der klassischen Moderne das gegenw&auml;rtige Erinnerungspathos an die Stelle des einstigen Fortschrittspathos hat treten lassen. Auch die so genannte Preu&szlig;enrenaissance in der DDR der achtziger Jahre lie&szlig; sich nicht einstr&auml;ngig aus dem wachsenden Legitimationsbed&uuml;rfnis des Regimes ableiten, sondern vollzog sich mit einer system&uuml;bergreifenden Eigendynamik. In der immer intensiveren Suche nach authentischen Zeugnissen und in der Pflege der historischen Aura von Erinnerungsorten befriedigen wir seither ein Bed&uuml;rfnis nach Orientierung und Identifikation, das in den f&uuml;nfziger und noch in den sechziger Jahren die Hoffnung auf eine gl&uuml;cklichere Zukunft abgedeckt hatte. Ob Eltern in der Nachkriegszeit ihre Kinder mit dem Ziel erzogen, dass sie es einmal besser haben sollten, ob der SED-Chef Walter Ulbricht einer frenetisch jubelnden SED-Konferenz vorschlug, das Wort &#8222;unm&ouml;glich&#8220; aus dem deutschen Lexikon zu streichen oder ob eine Bauplanung in der DDR der sechziger Jahre verlangte, im Heute das Morgen schon mitzusehen &#8211; immer stand dahinter ein r&uuml;cksichtslos wirkender und heute g&auml;nzlich verlorener Fortschrittsglaube, der &#8222;das Alte&#8220; entschieden geringer als &#8222;das Neue&#8220; sch&auml;tzte und dessen letzte Strahlkraft noch vor gar nicht so langer Zeit die beliebte Einordnung von Menschen und Sachverhalten als &#8222;progressiv&#8220; und &#8222;fortschrittlich&#8220; oder &#8222;r&uuml;ckst&auml;ndig&#8220; und &#8222;reaktion&auml;r&#8220; ausdr&uuml;ckte.</p>
<p>Mit dieser R&uuml;ckwendung zur Vergangenheit auf dem Weg der Erinnerung verbindet sich zudem ein tief greifender mentaler Wandel, der sich schlagwortartig als &Uuml;bergang von der Heroisierung zur Viktimisierung bezeichnen l&auml;sst. Unsere historischen Meistererz&auml;hlungen, die die Nation als Held darstellen, ihren Aufstieg feiern und ihren Abstieg beklagen; sie sind au&szlig;er Gebrauch gekommen. Nicht der Held steht mehr im Mittelpunkt unserer heutigen Geschichtskultur, sondern das Opfer; nicht die Heldentaten von Arminius im Teutoburger Wald &uuml;ber Luther in Worms zu Bismarck in Versailles bewegen uns, sondern die historischen Verletzungen, die Menschen erlitten und die Menschen verursacht haben. Unsere Gedenkst&auml;tten sind nicht mehr der Kyffll&auml;user, das Deutsche Eck oder das Denkmal von Tannenberg, sondern Buchenwald und Dachau, die innerdeutschen Grenzanlagen und die Neue Wache in Berlin. Der Paradigmenwechsel von der historischen Heroisierung zur historischen Viktimisierung ist kein deutscher, sondern ein europ&auml;ischer, pr&auml;ziser: ein okzidentaler Trend. Er tritt zutage, wenn ein amerikanischer Pr&auml;sident f&uuml;r die Versklavung der afrikanischen Bev&ouml;lkerung im 19. Jahrhundert um Entschuldigung bittet oder eine deutsche Bundesministerin der deutschen Massaker an den Hereros gedenkt; er zeigt sich bei dem Aufstieg von Gedenktagen wie dem 27. Januar zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz oder dem 9. November zur Erinnerung an den Reichsjudenpogrom von 1938; er wird fassbar, wenn der Holocaust sich in den letzten beiden Jahrzehnten als zentrales Bezugsereignis eben nicht nur der deutschen, sondern der europ&auml;ischen Geschichte durchgesetzt hatte. Welche Pr&auml;gekraft in diesem Wandel der Geschichtskultur liegt, veranschaulicht vielleicht am nachdr&uuml;cklichsten das Treffen von 22 Regierungschefs vor einigen Jahren in Stockholm, das in eine Deklaration &uuml;ber &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; m&uuml;ndete und von dem Geist getragen wurde, &#8222;f&uuml;r immer gegen Genozid, Gewalt und Diskriminierung zu k&auml;mpfen&#8220;. (16)</p>
<p>Der Wandel von der Heroisierung zur Viktimisierung ist ein s&auml;kularer Prozess, der sich in Deutschland in vielen Etappen vollzog: Im Geschichtsbewusstsein der letzten 150 Jahre gab es den erl&ouml;senden Helden, wie ihn Bismarck oder Hindenburg verk&ouml;rperten und sp&auml;ter die zunehmend auf Hitler konzentrierte, messianische F&uuml;hrersehnsucht der zwanziger und drei&szlig;iger Jahre. Neben dem erl&ouml;senden Held stand der verratene Held, der in der Dolchsto&szlig;legende nach 1918 seinen beredtesten Ausdruck fand. Den &Uuml;bergang von der Heroisierung zur Viktimisierung bereitete vielleicht schon der Typus des tragischen Opfer-Helden, der sich etwa mit dem Langemarck-Mythos von 1914, aber auch mit der propagandistischen Inszenierung des Endes der 6. Armee vor Stalin-grad 1943 verbindet. Den Durchbruch der Opferperspektive brachte in Deutschland 1945 die &#8222;Stunde Null&#8220; mit der oft als Selbstviktimisierung beschriebenen Haltung der Nachkriegsdeutschen, die sich selbst als Opfer inszenierten und die eigene Verstrickung hinter der Selbstwahrnehmung als Opfer brauner Verf&uuml;hrung, angloamerikanischer Bombardierung und sowjetischer Siegerwillk&uuml;r verschwinden lie&szlig;en.</p>
<p>Doch diese Opfersensibilit&auml;t vollzog in den siebziger und achtziger Jahren einen einschneidenden Richtungswechsel, der in der Fachwissenschaft und ihren &ouml;ffentlich ausgetragenen Konflikten die Suche nach der Erkl&auml;rung f&uuml;r die Machtergreifung 1933 (als Millionen Deutsche zu Opfer Hitlers wurden) abl&ouml;ste durch die Suche nach der Erkl&auml;rung f&uuml;r die NS-Vernichtungspolitik von 1938 bis 1945 (als Millionen zu Opfern der Deutschen wurden).(17) Die Opferperspektive schafft neue Zuordnungen. Sie ersetzt in gewisser Weise Staat und Regimen&auml;he durch Tat und T&auml;terschaft als Blickpunkt, und sie organisiert ihr Narrativ in den Kategorien von T&auml;tern und Opfern statt in den Spruchkammerkategorien von Belasteten, Mitl&auml;ufern und Entlasteten. Welche dramatischen Verschiebungen mit diesem Perspektivenwechsel verbunden sind, erhellt etwa der Fall Albert Speer, mit dem sich fr&uuml;her insbesondere der Widerstand gegen Hitlers Nero-Befehl verband und heute seine Beteiligung an der Massenvernichtung durch Zwangsarbeit.</p>
<p>&Auml;hnliches l&auml;sst sich f&uuml;r den Konturenwandel sagen, den das Bild des Raketenspezialisten Wernher von Braun in den letzten vierzig Jahren erfahren hat. Auch die Ende der neunziger Jahre entbrannte Debatte &uuml;ber die NS-Verstrickung der deutschen Historikerschaft ist ohne diesen Perspektivenwechsel nicht zu verstehen, und wie sehr sich der Widerstreit von Heroisierung und Viktimisierung in einzelnen Personen spiegeln kann, lehrt die Umwertung des Bildes vom milit&auml;rischen Widerstand gegen Hitler, das seinen einstigen Monstranzcharakter mittlerweile weitgehend gegen die abw&auml;gende Auseinandersetzung mit der oft nicht aufl&ouml;sbaren Verflochtenheit von Widerst&auml;ndigkeit und Verstrickung eingetauscht hat.</p>
<p>Nur angedeutet sei, dass der Siegeszug der Opferperspektive in den letzten Jahren auch die T&auml;terwelt erfasst hat. Hierf&uuml;r spricht die mit viel Resonanz aufgenommene Beschreibung des Untergangs der &#8222;Wilhelm Gustloff&#8216; durch G&uuml;nter Grass ebenso wie J&ouml;rg Friedrichs &uuml;berraschend erfolgreiches Buch &#8222;Der Brand&#8220;, welches das Schicksal des deutschen T&auml;tervolks als Opfer im Bombenkrieg vor Augen f&uuml;hrte. In dieselbe Richtung wies die erfolgreiche Neuverlegung des Ano nyma-Buches, das die Leiden der besiegten Deutschen unter ihren Siegern plastisch macht. Und dass die Viktimisierung mittlerweile sogar das Zentrum des nationalsozialistischen Verbrechens erreicht hat, machte Bernd Eichingers Film &#8222;Der Untergang&#8220; deutlich, der Hitler selbst als Opfer darstellt: als Opfer seiner Illusionen, seines Wahns, aber auch des gewandelten Kriegsgl&uuml;cks und des politischen Verrats.</p>
<h2 class="auto-created">Die Entmachtung der Fachwis&shy;sen&shy;schaft</h2>
<p>Gleichwohl gibt es gute Gr&uuml;nde, der atemberaubenden Konjunktur der Erinnerung kritisch gegen&uuml;berzustehen und sich zu fragen, ob das unsere Geschichtskultur beherrschende Dreigestirn von Erinnerung, Aufarbeitung und Zeitzeugenschaft nicht auch erhebliche Kosten mit sich bringt. Ein solcher Kostenfaktor l&auml;sst sich unschwer darin erkennen, dass auf diese Weise die Scheidelinie von Vergangenheitsdiskurs und historischer Fachwissenschaft auf problematische Weise verwischt wird. Mehr und mehr scheint unterzugehen, dass Zeitgeschichte und Erinnerung, Geschichtswissenschaft und Gedenkkultur nicht nur kooperieren k&ouml;nnen, sondern auch konfligieren m&uuml;ssen: Zeitgeschichte als Wissenschaft ist in starkem Ma&szlig;e zeitlich strukturiert; sie interessiert sich f&uuml;r den historischen Verlauf in der Zeit. Die Erinnerung hingegen ist st&auml;rker r&auml;umlich bezogen, sie schafft sich Erinnerungsorte und braucht mnemotechnisch r&auml;umliche oder symbolische Institutionen, an denen sich die Erinnerung kn&uuml;pfen und bewahren kann. Zugespitzt formuliert: Der Zeitfluss ist der Freund der Historie, die den Wandel untersucht und aus der Dynamik ihre Erz&auml;hlungsstruktur gewinnt. Der Zeitfluss ist zugleich der Feind der Erinnerung, der sie verblassen l&auml;sst und gegen den sie mit den Mitteln der Konservierung, der Bewahrung k&auml;mpft. Die Erinnerung findet ihre Erf&uuml;llung in der Utopie einer &#8222;authentischen Vergangenheit&#8220; und definiert die Ann&auml;herung an die Vergangenheit als Aura des Erinnerungsortes; die Wissenschaft dagegen misst die Geltungskraft ihrer Erkenntnisse an ihrer intersubjektiven Glaubw&uuml;rdigkeit in der Gegenwart. Erinnerungen sind unzuverl&auml;ssig, gerade weil sie ihre Historizit&auml;t und ihre permanente Wandlung durch Wiederaufrufung negieren und eine unmittelbare Authentizit&auml;t behaupten, w&auml;hrend die Wissenschaft gerade die zeitliche Wandlung in der Real- und Rezeptionsgeschichte zu ihrem Thema macht.</p>
<p>Weiterhin: Das Gedenken ist affirmativ, die Wissenschaft ist kritisch. Die Gedenkst&auml;tte ist ein Ort, an dem verschiedene Funktionen Platz haben: Gedenken, Mahnen, Bewahren, Forschen, Ausstellen. Aber im Kern dienen sie einer Gesellschaft oder einer Gruppe zur Best&auml;tigung ihrer Haltung, nicht zur Infragestellung. Die Zeitgeschichte als Wissenschaft hingegen lebt von der n&uuml;chternen Infragestellung und r&uuml;ckt die kritische Befragung des f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich Gehaltenen in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Bekanntes und Anerkanntes auf neue, nicht selten anst&ouml;&szlig;ige Weise zu durchdenken, ist der Motor des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns und muss es auch in der Zeitgeschichte bleiben, wenn sie sich nicht etwa als Zwitter zwischen Wissenschaft und Erinnerung begreifen will, wie dies in j&uuml;ngster Zeit als &#8222;neue Ann&auml;herung zwischen Geschichte und Ged&auml;chtnis im Schatten des Holocaust&#8220; begr&uuml;&szlig;t und als eigene Funktion der Geschichtsschreibung vorgeschlagen wurde, &#8222;die wir die ,moralische&#8216; nennen k&ouml;nnen&#8220;. (18)</p>
<p>Auf eine antithetische Formel gebracht: Das Gedenken als &#8222;Ged&auml;chtnisfeier&#8220; appelliert st&auml;rker an die Emotion, die Wissenschaft st&auml;rker an die Kognition. Das Gedenken leistet Trauerarbeit, es gibt Trost, schafft Sinn, mildert die Wirklichkeit und macht die Vergangenheit ertr&auml;glich, wo die Wissenschaft sie verst&auml;ndlich macht und dadurch nicht selten den Schmerz &uuml;ber das Geschehene noch verst&auml;rken muss, weil gerade dies die historische Entwicklung nachvollziehbar und in moralisch vielleicht sogar anst&ouml;&szlig;iger Weise plausibel macht. Das Gedenken schafft emotionale Selbstvergewisserung und damit zugleich Abstand zum Geschehen; die fachliche Erkenntnis hingegen bem&uuml;ht sich in analytischer N&uuml;chternheit noch das Menschheitsverbrechen &#8222;ganz normaler M&auml;nner&#8220; erkl&auml;rbar zu machen &#8211; was gerade in den hitzigen Debatten um die Diktaturaufarbeitung dem Fach &uuml;brigens nicht selten zum Nachteil angerechnet wird.</p>
<h2 class="auto-created">Erinnerung als Konflikt&shy;po&shy;ten&shy;tial</h2>
<p>Schauen wir in einem letzten Perspektivenwechsel darauf, in welche Widerspr&uuml;che und Konflikte die Entwicklung der Erinnerung zur Pathosformel f&uuml;hrt. Ein erstes Spannungsfeld entsteht aus der oben angesprochenen Authentizit&auml;tssehnsucht, die das Geschichtsbewusstsein unserer Zeit pr&auml;gt und ihm nachgerade sakralisierende Z&uuml;ge zu verleihen vermag. Unsere Erinnerungskultur bedient heute eine vielfach fast geschichtsreligi&ouml;s zu nennende Suche nach dem authentischen Vergangenheitszeugnis, in dem das Relikt sich kaum noch von der Reliquie unterscheidet und etwa die Legitimation f&uuml;r die architektonische Neusch&ouml;pfung des Verlorenen aus der Einbeziehung originaler Fragmente w&auml;chst &#8211; im Fall der Dresdner Frauenkirche nicht anders als in dem des Berliner Schlosses oder der Potsdamer Garnisonkirche. Ganz anders als etwa die DDR, f&uuml;r die Rekonstruktion durchaus auch Abriss und Neubau bedeuten konnte, definieren wir heute eine denkmalgerechte Restaurierung als Auftrag zur Dokumentation historischer Gewordenheit. Der Anspruch auf Authentizit&auml;t rangiert h&ouml;her als die Forderung von Funktionalit&auml;t oder &auml;sthetischer Gef&auml;lligkeit, wenn bei der Neuverputzung von Altbauten die Spuren des Kampfes um Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs oder im Berliner Reichstag die kyrillischen Graffiti eingedrungener Soldaten bewahrt werden &#8211; wie auch in der Gedenkst&auml;tte Deutsche Teilung Marienborn der partielle Austausch von Bodenlinoleum und originalen Wandtapeten mit Farbkontrasten akribisch sichtbar gemacht wurde, um die DDR-Vergangenheit m&ouml;glichst originalnah erlebbar zu machen. Zwischen &Uuml;berwindungswillen und Erhaltungsstreben klafft eine nicht zu schlie&szlig;ende L&uuml;cke, die unsere Unsicherheit im Umgang mit DDR-Alltagsmuseen und mit dem Abriss des &#8222;Palastes der Republik&#8220; im Herzen Berlins ebenso erkl&auml;rt wie den raschen Haltungswechsel in Bezug auf die DDR-Grenzanlangen und insbesondere die Berliner Mauer, deren Reste zun&auml;chst nicht rasch genug beseitigt und heute nicht akribisch genug bewahrt werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Auf einem weiteren Konfliktfeld spielt sich die Auseinandersetzung zwischen zeitlichen und r&auml;umlichen Erinnerungslagern ab. Unsere dominierende Erinnerungskultur ist kathartisch und nicht mimetisch; sie lebt von der Distanzierung und der Bew&auml;ltigung, nicht von der Traditionsverpflichtung und dem Kontinuit&auml;tsgebot. Kontrovers wird diskutiert, ob sich ein in der westlichen Tradition ~stehender Erinnerungscode in Gestalt von Genozidforschung und Menschenrechtserziehung auf andere Kulturr&auml;ume &uuml;bertragen und in ihm die moralische Singularit&auml;t des mit Auschwitz und dem Holocaust verbundenen Zivilisationsbruchs festschreiben l&auml;sst &#8211; oder doch mindestens die wechselseitige Anerkennung von einer gemeinsamen, im europ&auml;ischen Osten auf den Gulag und einer im europ&auml;ischen Westen auf Auschwitz fokussierten Gedenkkultur. Die Gegenthese lautet, dass der kathartische Erinnerungscode eine spezifische westliche oder auch nur deutsche &#8222;DIN-Norm&#8220; der historischen Lernkultur vorzuschreiben unternimmt, die den politischen Herrschaftsanspruch der Gro&szlig;v&auml;ter als geschichtspolitischen Herrschaftsanspruch der Enkel fortschreibt und sich mit der historischen Stolzkultur t&uuml;rkischer oder russischer Provenienz lediglich in der Gewissheit einig wei&szlig;, selbst den allein richtigen Weg der Erinnerung zu kennen.</p>
<p>Wie vielschichtig und differenziert die Entscheidung zwischen Universalisierung und Pluralisierung der Ma&szlig;st&auml;be historischen Gedenkens auch ausfallen mag, in jedem Fall zeugt sie vom radikal gewandelten Charakter unserer politischen Gegenwartskultur, die innerhalb weniger Jahrzehnte das zukunftsorientierte Leitbild des Fortschritts durch das vergangenheitsorientierte Leitbild des Ged&auml;chtnisses ausgetauscht hat.</p>
<p><i>* Durchgesehener Wiederabdruck aus: Martin Sabrow (Hg.), Der Streit um die Erinnerung (Helmstedter Colloquien, Heft 10), Leipzig 2008, S. 9-24.</i></p>
<p>(1) <i>Gesine Schwan</i>, Politik und Schuld. Die zerst&ouml;rerische Macht des Schweigens, Berlin 1997.</p>
<p>(2) Osnabr&uuml;cker Friedensvertrag (Instrumentum Pacis Osnabrugensis) vom 24.10.1648, Art. 2, zitiert nach: <i>Arno Buschmann</i>, Kaiser und Reich. Verfassungsgeschichte des Heiligen R&ouml;mischen Reiches Deutscher Nation vom Beginn des 12. Jahrhunderts bis zum Jahre 1806 in Dokumenten, Baden-Baden 1994, S. 17.</p>
<p>(3) <i>Friedrich Nietzsche</i>, Unzeitgem&auml;&szlig;e Betrachtungen, Zweites St&uuml;ck: Vom Nutzen und Nachteil der Historie f&uuml;r das Leben, in: Ders., Werke, hg. v. <i>Alfred Baeumler</i>, Erster Band, Leipzig 1930, S. 95-195, hier S. 134f.</p>
<p>(4) Brockhaus Enzyklop&auml;die in 20 B&auml;nden, Wiesbaden (17)1968, Bd. 5, S. 667.</p>
<p>(5) Brockhaus Enzyklop&auml;die in 24 B&auml;nden, Wiesbaden (19)1988, Bd. 6, S. 524.</p>
<p>(6) Brockhaus Enzyklop&auml;die in 30 B&auml;nden, Wiesbaden (21)2006, Bd. 8, S. 287-290, hier S. 287.</p>
<p>(7) <i>Johann Woldemar Freiherr von Biedermann,</i> Goethes Gespr&auml;che, Leipzig 1889-1896, Bd. 4, S. 258.</p>
<p>(8) <i>Volker Fischer</i>, Nostalgie. Geschichte und Kultur als Tr&ouml;delmarkt, Luzern u.a. 1980, S. 36 u. 75.</p>
<p>(9) Ebd., S. 29.</p>
<p>(10) Ebd., S. 32.</p>
<p>(11) <i>Peter Dudek</i>, Vergangenheitsbew&auml;ltigung. Zur Problematik eines umstrittenen Begriffs, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage 1-2, 1992, S. 44 ff.</p>
<p>(12) Das Gegenwartsverst&auml;ndnis des Begriffs Vergangenheitsbew&auml;ltigung veranschaulicht ein &#8222;Call for Papers: Erinnerung &#8211; Vergangenheitsbew&auml;ltigung &#8211; Amnesie&#8220; des politikwissenschaftlichen Fachorgans &#8222;Peripherie. Zeitschrift f&uuml;r Politik und &Ouml;konomie in der Dritten Welt&#8220; vom 18.3.2007: &#8222;Freilich ist Sprache verr&auml;terisch: Nicht von Auseinandersetzung ist im Zusammenhang mit dem Holocaust, dem Genozid in Rwanda 1994, schweren Menschenrechtsverletzungen unter den Diktaturen von Pinochet in Chile oder bei der Niederschlagung des Sendero Luminoso in Peru, dem Apartheidsregime oder endlich auch dem Vietnamkrieg und in wenigen Jahren vielleicht dem US-Desaster im Irak die Rede, sondern &#8211; bei allen Unterschieden zwischen diesen Beispielen &#8211; von Vergangenheitsbew&auml;ltigung. Die Gewaltsamkeit, die im Spiel ist, wenn Vergangenheit zum Mythos zugerichtet, das Unsagbare f&uuml;r &ouml;ffentlichen Gebrauch handhabbar gemacht wird, ist diesem Wort eingeschrieben. <a href="http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6919" target="_blank" rel="noopener">http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=6919</a>.</p>
<p>(13) <i>Theodor W. Adorno</i>, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 10/2, Kulturkritik und Gesellschaft II, hg. v. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz, Frankfurt am Main 1977, S. 555-572, hier S. 555.</p>
<p>(14) Deutscher Bundestag (Hg.), Schlussbericht der Enquete-Kommission &#8222;&Uuml;berwindungen der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit&#8220;, Bonn 1998, S. 240.</p>
<p>(15) <i>Hermann L&uuml;bbe</i>, Der Fortschritt von gestern. &Uuml;ber Musealisierung als Modernisierung, in: Ulrich Borsdorf/ Heinrich-Theodor Gr&uuml;tter/ J&ouml;rn R&uuml;sen (Hg.), Die Aneignung der Vergangenheit. Musealisierung und Geschichte, Bielefeld 2004, S. 13-38. Vgl. auch Hermann L&uuml;bbe, Die Gegenwart der Vergangenheit. Kulturelle und politische Funktionen des historischen Bewusstseins, Oldenburg 1985.</p>
<p>(16) <i>Michael Jeismann,</i> Auf Wiedersehen Gestern. Die deutsche Vergangenheit und die Politik von morgen, Stuttgart/M&uuml;nchen 2001, S. 143.</p>
<p>(17) In seinen Lebenserinnerungen beschreibt <i>Fritz Stern</i> am Beispiel einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des Attentats vom 20. Juli 1944 anschaulich, wie verst&ouml;rend er als Opfer rassischer NS-Verfolgung nach dem Krieg die Beharrungskraft eines eigenen Opferverst&auml;ndnisses in der deutschen T&auml;tergesellschaft erlebte: &#8222;Den einzigen Missklang beim Gedenken an den 20. Juli steuerte Otto Dibelius bei, der evangelische Bischof von Berlin, der vor der ersten Feier eine Radioansprache hielt. Er r&uuml;hmte Gottes Barmherzigkeit, die sich auch in den Zeiten schrecklichster deutscher Leiden gezeigt habe, und er bezog sich ausdr&uuml;cklich auf die aus den Ostgebieten vertriebenen Deutschen. Noch am selben Tage schrieb ich ihm: ,Aber wie verwundert, ja auch verwundet, war ich, als Ihre Predigt &uuml;ber die Barmherzigkeit Gottes immer nur die bitteren Erfahrungen des deutschen Volkes heraushob. Dieser ist sich ja das Volk wirklich schon bewusst. W&auml;re nicht diese historische Stunde geeignet gewesen, und w&auml;hre [sic!] Ihre Autorit&auml;t nicht geradezu berufen gewesen, auch einmal an die bitteren Erfahrungen der v&ouml;llig Unschuldigen zu denken, der Millionen aus aller Welt, die durch deutsche Menschen um Alles, auch um das Leben gekommen sind?&#8216; Seine Antwort kam prompt. Unger&uuml;hrt beharrte er darauf, er habe ,von den Millionen gesprochen, die nicht davongekommen seien und die wir nicht vergessen. Dabei habe ich auch an diejenigen gedacht, die durch deutsche Schuld ums Leben gekommen sind.&#8216; Ich war erstaunt &uuml;ber seine Abgestumpftheit. Er hatte an die anderen ,gedacht&#8216;, aber nicht von ihnen gesprochen &#8211; ein beklagenswertes Schweigen.&#8220; Fritz Stern, F&uuml;nf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen, M&uuml;nchen 2007, S. 272 f.</p>
<p>(18) <i>Aleida Assmann</i>, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, M&uuml;nchen 2006, S. 49 ff.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/erinnerung-als-pathosformel-der-gegenwart/">Erinnerung als Pathosformel der Gegenwart*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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