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	<title>Matthias Machnig Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die Krise als Herausforderung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Dec 2007 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr.180, Heft 4/2007, S.34-42 Einleitung Parteien haben einen denkbar schlechten Ruf. Parteimitgliedschaft gilt als wenig sexy, die Parteien erfüllen ihre Aufgaben, so die landläufige Meinung, mehr schlecht als recht. Die Programme, monieren die Kritiker, seien unzulänglich, die Personalauslese zufällig, die Reformpolitik der letzten Jahre ohne Fundament und Rückhalt in der Gesellschaft. Kein Wunder, [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/180-vorgaenge/publikation/die-krise-als-herausforderung/">Die Krise als Herausforderung</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr.180, Heft 4/2007, S.34-42</p>
<h2 class="auto-created">Einleitung </h2>
<p>Parteien haben einen denkbar schlechten Ruf. Parteimitgliedschaft gilt als wenig sexy, die Parteien erfüllen ihre Aufgaben, so die landläufige Meinung, mehr schlecht als recht. Die Programme, monieren die Kritiker, seien unzulänglich, die Personalauslese zufällig, die Reformpolitik der letzten Jahre ohne Fundament und Rückhalt in der Gesellschaft. Kein Wunder, dass ihnen daher die Mitglieder wegliefen, sich die Mehrheit der Bevölkerung mit ihrer Arbeit unzufrieden zeige und sich die Parteienlandschaft auffächere. Das Wort von der Krise der Repräsentation macht die Runde.</p>
<p>Was ist dran an dieser These? Trifft die Analyse ins Schwarze? Will man die Fragen angemessen, ausgewogen und frei von Polemik beantworten, gilt es, die einzelnen Funktionen der Parteien unter die Lupe zu nehmen: Erstens die Artikulation und Bündelung gesellschaftlicher Interessen, zweitens die Mobilisierung der Bürger, drittens die programmatische Zukunftsfähigkeit, viertens die Regierungsbildung und die Beeinflussung der Regierungspolitik.</p>
<h2 class="auto-created">Artiku&shy;la&shy;tion und B&uuml;ndelung gesell&shy;schaft&shy;li&shy;cher Interessen </h2>
<p>Nach langwierigen Diskussionsprozessen haben sich die beiden großen Regierungsparteien jüngst neue Grundsatzprogramme gegeben, um angesichts elementar veränderter Rahmenbedingungen auf der Höhe der Zeit zu sein. Seit den letzten Grundsatzprogrammen haben sich die Welt und mit ihr die prinzipiellen Herausforderungen gewandelt: Erinnert sei nur an die anschwellenden Handelsströme, das entfesselte Kapital, erstarkte globale Mächte, neue terroristische Bedrohungen, die demografischen Verwerfungen in einigen westlichen Industrieländern und natürlich die ökologische Herausforderung, vor der wir stehen und die wir gemeinsam bewältigen müssen.</p>
<p>Die Programmdebatten der Parteien verliefen dabei offener als in der Vergangenheit. Die Parteien waren verstärkt bemüht, Mitglieder zu aktivieren, externen Sachverstand zu gewinnen und engagierte Bürger in den Diskurs einzubeziehen &#8211; vor dem Hintergrund einer geschrumpften Mitgliederbasis und angesichts eines geschwächten Kontakts zu Vorfeldorganisationen eine grundlegende Voraussetzung für die programmatische Erneuerung. Die Parteien griffen, um die Beteiligung zu erhöhen, auch auf neue Möglichkeiten und Chancen politischer Kommunikation zurück, die sich durch das Internet eröffnet haben. Allerdings war, wie die Zahl der Eingaben belegt, die Resonanz auf die Öffnung der Programmdebatte, insbesondere über die neuen Medien, im Ergebnis ernüchternd.</p>
<p>Die Strategie der Parteien, der sozialen Entwurzelung durch abgesenkte Hemmschwellen, innovative Beteiligungsformen und neue Anreize entgegenzuwirken, ist richtig. Wollen die beiden großen Parteien, die traditionell gesellschaftlich ebenso breit wie tief verwurzelt gewesen sind, programmatisch zukunftsfähig, gesellschaftlich verankert und bürgernah bleiben, müssen sie verstärkt versuchen, ihre gesellschaftlichen Lebensadern zu bewahren und ihre gesellschaftlichen Kapillarsysteme zu verfeinern.</p>
<p>Allerdings ist die organisatorische Modernisierung der Parteien nicht entscheidend vorangekommen: Der Austausch mit der Wissenschaft, der Dialog mit der Wirtschaft, die Diskussion mit der Kultur und der Kontakt mit der Zivilgesellschaft sind zentral. Inhaltliche Aufgeschlossenheit erfordert flexible und dezentrale Strukturen, feste und temporäre Netzwerke sind das Gebot der Stunde. Parteien müssen neben den klassischen Organisationsstrukturen zu modernen Netzwerkorganisationen werden. Denn die Volksparteien bilden sozialstrukturell in ihrer Mitgliedschaft die siebziger und achtziger Jahre ab und organisieren eben nicht die Kompetenzen einer modernen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Um diese zu erreichen sind Netzwerke für Parteien unersetzlich, nur so lassen sich programmatische Antworten auf der Höhe der Zeit formulieren. Das bedeutet jedoch ein neues, weiterentwickeltes Organisationsverständnis und eine Reform der innerparteilichen Strukturen. Diese sind heute nur allein Macht-, Sprachregelungs- und Rekrutierungsstrukturen, aber keine Wissens-, Programm- oder Kompetenzstrukturen. Diese lassen sich nur jenseits, aber verkoppelt mit den klassischen Parteienstrukturen etablieren. Parteireformen sind überfällig.</p>
<h2 class="auto-created">Mobili&shy;sie&shy;rung: Wettstreit um knappe Aufmerk&shy;sam&shy;keit </h2>
<p>Mobilisierung ist nicht leichter geworden. Grundsätzlich hat der Glaube an die Gestaltungskraft der Politik nachgelassen &#8211; und damit das Gefühl, politisch selbst einen Unterschied machen zu können. Über die Ursachen lässt sich trefflich streiten. Manche mögen an politischen Antworten auf komplexe Sachverhalte zweifeln, andere die Frage nach dem Primat von Wirtschaft und Politik stellen. Die Globalisierung wird vielfach als Automatismus wahrgenommen, der das eigene Leben beschleunigt, der mit Unsicherheit verbunden ist und dem die Politik wenig entgegenzusetzen hat. Und Politik verspricht gegenwärtig nur in Grenzen Aufstiegsmobilität und vermittelt angesichts notwendiger Veränderungen eben nicht Sicherheit durch Wandel.</p>
<p>Die rückläufigen Mitgliederzahlen, mit denen die Parteien seit Jahren zu kämpfen haben, sind wohlbekannt. Der Schwund betrifft nicht nur Parteien, sondern alle gesellschaftlichen Großorganisationen, von den Kirchen über die Gewerkschaften bis zu den Verbänden. Aller Voraussicht nach wird der Trend anhalten. Denn die Hintergründe dafür sind in einschneidenden gesellschaftlichen Umbrüchen zu finden. Die Lebenslagen differenzieren sich, die &#8222;Postmoderne&#8220; schlägt sich in Individualisierung und Pluralisierung nieder, traditionelle Milieus lösen sich auf und mit ihnen die Stammwählerschaft. Parteibindung von der Wiege bis zur Bahre ist die Ausnahme.</p>
<p>Den Parteien ist starke Konkurrenz durch gesellschaftliche Initiativen erwachsen. Sie bieten projektbezogenes Engagement statt kontinuierlicher Parteiarbeit. Daran ändern auch die technologische Innovation des Internets und gesunkene Kommunikationskosten wenig. Letzten Endes ist ein Typenwechsel, von der Honoratioren-, über die Massen- und die Volkspartei bis zu den Wählerparteien (von Beyme) zu beobachten.</p>
<p>Parteien treten in Konkurrenz zu einer Vielzahl medialer Angebote, einer wachsenden Informationsmenge sowie schneller werdenden Informationszyklen in einer pluralisierten und kommerzialisierten Medienlandschaft. Die daraus resultierenden knappen Aufmerksamkeitsressourcen der Bürger stellen die Parteien vor zusätzliche Herausforderungen.</p>
<p>Wahlenthaltung muss nicht automatisch Verdruss bedeuten, sie kann ebenso das Ergebnis eines rationalen Kosten-Nutzen-Kalküls sein (Downs). Polarisierung und die Auswahl aus klaren Politikalternativen politisieren und mobilisieren, sie vermitteln das Gefühl, mit Parteimitgliedschaft und Stimmabgabe einen Unterschied machen und politisch etwas ändern zu können. Hingegen haben die konsensdemokratischen Strukturen der deutschen Aushandlungsdemokratie eine demobilisierende und depolitisierende Wirkung.</p>
<h2 class="auto-created">Strate&shy;gie&shy;f&auml;&shy;hig&shy;keit in der Medien&shy;ge&shy;sell&shy;schaft </h2>
<p>Strategie heißt gezielte politische Führung, das Aufstellen präziser Regeln, die Festlegung verbindlicher Abläufe und darauf aufbauend die Organisation politischer Planungsprozesse. Strategie basiert auf Erfahrungen, Wissen, Antizipation, und ist der Versuch, diese Elemente fortzuschreiben und nutzbar zu machen. In der heutigen komplexen politischen Landschaft scheint dies schwierig, viele halten es gar für unmöglich. Vieles muss neu gedacht, neu entwickelt werden, ohne genau zu wissen, wie sich Themen, Ereignisse, Prozesse entwickeln, wie sie sich &#8211; häufig abrupt &#8211; verändern und neu sortieren.</p>
<p>Strategisches Denken wird häufig verwechselt mit programmatischen Entwürfen. Sicherlich gehören auch komplexe Wert- und Zielorientierung dazu, gewissermaßen als Koordinatensystem. Unter den Bedingungen der Mediendemokratie brauchen Parteien um strategisch erfolgreich sein zu können aber vor allem:</p>
<p>&#8226; Ein Gesicht (Personifizierung), denn Personen stehen für Kontinuität, Orientierung, Werthaltungen und vermitteln Vertrauen über ihre Lösungs- und Zukunftskompetenz.</p>
<p>&#8226; Ein Etikett (Botschaften), denn wegen der enormen Komplexität von Sachthemen und konkurrierenden Akteuren kann Politik einem breiten Publikum nur über eine symbolische Kasuistik Themen vermitteln.</p>
<p>&#8226; Ein Aroma (Stilistik), denn Parteien brauchen in der differenzierten Mediengesellschaft Widererkennungsmuster.</p>
<p>&#8226; Einen Markenkern (Leitbilder), denn Werte und Leitbilder sind für die Orientierung, das Vertrauen und die Zustimmung der Menschen wichtiger als einzelne Instrumente, die häufig die politische Debatte beherrschen.</p>
<p>In der Politik gelten andere Regeln und Voraussetzungen als im Gros der anderen &#8222;Branchen&#8220;. Das Produkt hat ständig wechselnde thematische Facetten, die Definition des Produktes ist umkämpft, eine Vielzahl von Akteuren ist engagiert. Die Budgets für politisches Marketing sind vergleichsweise niedrig und das Produkt &#8222;Politik&#8220; sowie seine Macher sind schwer im Zaum zu halten. Die Herausforderung, täglich schnell und flexibel zu reagieren, unterscheidet politische Kommunikation von der Marken-Kommunikation. Die schnelle Abfolge von Ereignissen und handelnden Personen schafft eine wahrscheinlich einzigartige Wettbewerbssituation.</p>
<p>Was setzt den Maßstab für Strategiefähigkeit? Erfolg wird an der Zustimmung in der eigenen Organisation, an den Bewertungen in den Medien, am Verhalten von organisierten Interessengruppen, in erster Linie aber an den Wahlergebnissen gemessen. Oberstes Ziel politischer Steuerung ist die Gewährleistung einer längerfristigen strukturellen Mehrheitsfähigkeit bei gleichzeitiger Problemlösungskompetenz.</p>
<p>An diesem übergeordneten Ziel muss sich politisches Management, muss sich der Versuch politischer Steuerung orientieren. Denn ohne das Mandat einer Mehrheit bleiben Programme Papier, bleibt Organisation Selbstzweck. Dies heißt nicht Beliebigkeit, dies heißt nicht Stimmungen, Wahlergebnisse oder Meinungsforschung zum alleinigen oder auch nur vorrangigen Maßstab seines Handelns zu machen. Aber es heißt, politische Initiativen und Diskurse immer wieder unter diesem Blickwinkel zu bewerten.</p>
<p>Politische Kommunikation und ihre Steuerung ist ein wesentliches Element der Strategiefähigkeit:</p>
<p>&#8226; Politische Kommunikation macht Politik sichtbar und erfahrbar.</p>
<p>&#8226; Politische Kommunikation vermittelt Orientierungs-, Vorstellungs- und Deutungsmuster.</p>
<p>&#8226; Politische Kommunikation bietet Werte und Konsensformen an.</p>
<p>&#8226; Politische Kommunikation ermöglicht emotionalen Zugang.</p>
<p>&#8226; Politische Kommunikation konfrontiert mit Themen.</p>
<p>Politische Kommunikation ist umkämpft &#8211; es existieren Deutungen und Gegendeutungen. Zudem ist das mediale Angebot nahezu exponentiell gewachsen. Vieles bleibt im Kommunikationsdickicht dieses Angebotes hängen und gelangt nicht zum Wähler. Das stellt klare Anforderungen an die kommunikative Kompetenz:</p>
<p>&#8226; Botschaften brauchen Programmatik: Ein Thema muss für die Wähler von Interesse und Relevanz sein, kann aber Personen, Werte und Inhalte, die im Mittelpunkt der politischen Debatte stehen, nie ersetzen.</p>
<p>&#8226; Botschaften müssen inklusiv und exklusiv sein: Möglichst breite Wählerschichten müssen sich angesprochen fühlen, dennoch muss das Profil von Parteien erkennbar sein. Parteien mit ausschließlich exklusiven Botschaften sind Nischenspieler im politischen Prozess.</p>
<p>&#8226; Botschaften müssen glaubwürdig sein: Nur wer glaubwürdig ist, kann überzeugen. Dazu müssen Personen, Programm und Botschaften in sich stimmig sein. Wer erfolgreich diese drei Elemente verknüpft, kann nachhaltig wirken.</p>
<p>&#8226; Botschaften müssen wiederholt werden. Nur so werden sie öffentlich wahrgenommen.</p>
<p>&#8226; Botschaften müssen individualisiert werden: Nur wenn Botschaften dem Kommunikationsverhalten von Zielgruppen entsprechen, werden diese sie aufnehmen.</p>
<p>&#8226; Politische Botschaften müssen personalisiert werden: Sie sind nur dann erfolgreich, wenn Personen sie verkörpern, denn Personen stehen für Inhalte. Sie ermöglichen dem Publikum die Identifikation mit der Politik, da handelnde Menschen Kontinuität und Orientierung in ständig wechselnden Konstellationen repräsentieren.</p>
<p>Erfolg ist aber im hohem Maße davon abhängig, inwieweit sich aus formalen Führungselementen ein allseits akzeptierter Kern herausbildet, der sich nach selten fixierten gleichwohl verbindlichen Regeln richtet, mit verteilten Rollen und gleichwohl akzeptierten Autoritäten operiert und bei aller Interessenvielfalt einen Kern von gemeinsamen Zielen herausbildet. Ein akzeptierter Kern, der</p>
<p>&#8226; Themen, Akteure und Vorgehensweisen regelmäßig, verlässlich und nachvollziehbar koordiniert,</p>
<p>&#8226; auf das Wesentliche, auf Schlüsselthemen und deren personelle, symbolische und inhaltliche Besetzung konzentriert,</p>
<p>&#8226; Klarheit, Anerkennung und unterschiedliche Wertfundamente von Entscheidungen in Kontroversen kenntlich machen.</p>
<p>Nur wenn es gelingt, diese vier &#8222;Ks&#8220;: Kompetenz, Koordination, Konzentration und Kontroversen zu verbinden, kann politische Strategie und Kommunikation gelingen. Die Politische Kommunikation steht zu neuen Herausforderungen; sie setzt Strategiefähigkeit voraus.</p>
<h2 class="auto-created">Voraus&shy;set&shy;zungen f&uuml;r Reform&shy;po&shy;litik und Reform&shy;kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;tion </h2>
<p>Strategiefähigkeit hat Voraussetzungen. Das strategische Paradox der Partei muss überwunden werden. Dieses Paradox besteht darin, dass wie in kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich, die Notwendigkeit von Strategiefähigkeit und Strategiebildung des Kollektivakteurs konfrontiert ist mit der Dominanz nicht-kollektiver, sondern individueller Strategiemotive. Die Parteienforscher Raschke und Tils bringen dieses Strategieparadoxon auf die folgende Formel:</p>
<p><i>&#8222;Politik ist voll von Taktik, arm an Strategie. Strategie muss dem politischen Betrieb abgerungen werden, nie tendiert er von selbst dazu. Selten gibt es Zeit, Räume und Ressourcen, Strategie vertiefend zu behandeln. Drei Ursachen der Strategiemalaise heißen: Permanenz individueller Macht- und Konkurrenzkämpfe (die für Strategiebildung notwendiges Vertrauen zerstören); Strategie-Paradox der Organisation (strategische Fähigkeiten sind zwar kein Auswahlkriterium für Spitzenleute, anschließend aber eine wesentliche Erwartung an sie); Doppelrolle als Spitzenpolitiker und Stratege in einer Person (verantwortlicher Produzent und zugleich wichtigster Anwender von Strategie).&#8220;</i>(Raschke/Tils 2007 (b))</p>
<p>Dieses Paradoxon zu verändern, ist Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Politik. Diese kann sich allerdings nicht in der Vermeidung falschen Verhaltens erschöpfen. Erfolgreiche Politik basiert vielmehr auf der Verknüpfung mehrerer Elemente:</p>
<h2 class="auto-created">&bull; Strate&shy;gi&shy;sches Zentrum </h2>
<p>Die erste und wichtigste Voraussetzung lautet: Politik braucht ein strategisches Zentrum. Dieses definiert sich nicht allein über die Tatsache, in welchem Ministerium wer sitzt. Es geht vielmehr darum, die richtigen AkteurInnen zum richtigen Zeitpunkt unter den richtigen Fragestellungen zusammen zu bringen und Entscheidungsprozesse zu organisieren. In dieser Hinsicht herrscht in der deutschen Politik ein Strategiedefizit. Dazu gehören eine inhaltliche sowie eine kommunikative Dimension. Man muss sich darüber im Klaren sein, welches mediale Umfeld, welche Veto-SpielerInnen und welche Mehrheitsverhältnisse zu berücksichtigen sind.</p>
<h2 class="auto-created">&bull; Program&shy;matik und Leitidee </h2>
<p>Reformen brauchen zwei Dinge: eine umfassende Programmatik und eine Leitidee. Diese beiden Elemente sind für die Kommunizierbarkeit, die Akzeptanz und die interne Durchsetzbarkeit von entscheidender Bedeutung.</p>
<h2 class="auto-created">&bull; Reform&shy;kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;tion als Werte&shy;de&shy;batte </h2>
<p>Will Reformkommunikation erfolgreich sein, muss sie eine Werte- und darf keine Instrumentendebatte sein. Das ist nicht neu und wunderbar nachzulesen bei George Lakoff. Er untersucht seit vielen Jahren kommunikative Prozesse und kommt immer wieder zu dem Ergebnis, dass erfolgreiche Kommunikation eben einen Wertekontext, einen &#8218;frame&#8216;, schaffen muss, um Instrumente plausibel kommunizierbar zu machen1. Das illustriert die Debatte über den Spitzensteuersatz, die nie eine steuerpolitische Diskussion war. Im Kern war sie eine Gerechtigkeitsdebatte &#8211; und insofern eine Wertedebatte über die Frage, welche Schultern welche Lasten in dieser Gesellschaft zu tragen haben.</p>
<h2 class="auto-created">&bull; Wachstum und Besch&auml;f&shy;ti&shy;gung als klar vermittelte Reformziele </h2>
<p>Wir müssen die Reformen und die Reformdebatte in Deutschland vom Kopf auf die Füße stellen. Die politischen AkteurInnen verlieren sich zu häufig in Diskussionen über einzelne Reformsegmente oder einzelne Reforminstrumente. Hingegen wird die entscheidende Frage, nämlich welche Voraussetzungen wir für Wachstum und Beschäftigung in den nächsten Jahren brauchen, nicht thematisiert. Die Zukunft des Sozialstaats wird zwar intensiv erörtert. Doch in der öffentlichen Auseinandersetzung scheint es nur die eine Strategie, die des &#8218;down-sizing&#8216; zu geben, der Anpassung durch Kürzungen, Beschränkungen und Sparmaßnahmen. Das ist den BürgerInnen nur außerordentlich schwer zu vermitteln. Von daher sollten die innovativen Zukunftsfragen in den Vordergrund gerückt werden: Welches sind die Voraussetzungen für Wachstum und Beschäftigung? Was tun wir an der investiven Front? Was tun wir im Qualifikationsbereich? Wie sieht moderne Industriepolitik aus?</p>
<p>Eine Bemerkung an dieser Stelle: der Aufschwung, den wir gegenwärtig erleben und über den viele rätseln, hat mit dieser Reformpolitik wenig zu tun. Der Aufschwung ist die Folge eines über die Jahre aufgebauten Investitionsstaus, der sich nun auflöst. Zusätzlich gab es unbestritten einige hilfreiche Strukturentscheidungen. Doch der Kapitalstock in Deutschland war so veraltet, dass diese Investitionsentscheidungen auch ohne begleitende Reformen nicht mehr länger hätten hinausgeschoben werden können.</p>
<h2 class="auto-created">&bull; Dialektik von Sicherheit und Wandel </h2>
<p>Ein weiteres Prinzip erfolgreicher Reformpolitik und Reformkommunikation heißt: Sicherheit im und durch Wandel. Man kann Menschen nur für Reformen gewinnen, wenn man ihnen bei notwendigen Anpassungen sagen kann, was letztlich bleibt, was bei den Veränderungen für sie kalkulierbar ist. Schließlich geht es dabei um ihre persönliche Lebensplanung. Teile unserer Reformdebatte haben den Eindruck vermittelt, man müsse Deutschland komplett neu erfinden. Das führte zu großer Verunsicherung in der Bevölkerung. Daher geht es vielmehr darum, die Dialektik von Sicherheit und Wandel &#8211; also auch die Sicherheit durch Wandel &#8211; in den Vordergrund zu rücken (siehe Müntefering/Machnig, 2001).</p>
<h2 class="auto-created">&bull; Leadership </h2>
<p>Die letzte und mithin wichtigste Voraussetzung für Reformprozesse ist Leadership. Reformprozesse brauchen unbedingt Führungskompetenz. Max Weber hat in seinem Vortrag Politik als Beruf 1 von 1919, dies auf den Begriff gebracht: <br /><i>&#8222;Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: ,dennoch!&#8216; zu sagen vermag, nur der hat den ,Beruf&#8216; zur Politik.&#8220; </i></p>
<h2 class="auto-created">Program&shy;ma&shy;ti&shy;sche Zukunfts&shy;f&auml;&shy;hig&shy;keit </h2>
<p>Programmatik ist mehr als Regierungshandeln, das politische Alltagshandeln muss aber an sie anschlussfähig sein. Sie muss die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Grundkoordinaten klar analysieren und klare Prioritäten setzen, sie muss Leitbilder entwerfen und gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglichen. Eine realpolitische Wertepolitik kann der Politik neue Anziehungskraft verleihen. Sie gibt Menschen gerade in komplexen und schwer überschaubaren Zeiten Orientierung (Morris). Parteiprogrammatik hat die Aufgabe, die Leitbilder auf verschiedenen Politikfeldern kurz-, mittel- und langfristig zu konkretisieren. Diese Leitbilder und die aufgezeigten Lösungswege müssen mit der Parteitradition kontextualisiert und verknüpft werden. Denn es geht, technisch gesprochen, um den &#8222;Markenkern&#8220; der Partei und um ihren &#8222;Wiedererkennungswert&#8220;. Für die Sozialdemokratie liegen die Werteschwerpunkte in einer Neubestimmung der sozialen Gerechtigkeit und im ökologischen Umbau der Wirtschaft und der Gesellschaft, beides unter dem Vorzeichen globaler Umwälzungen.</p>
<p>Programmatik muss veränderte politische Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft berücksichtigen. Denn ohne politische Mehrheiten bleiben Programme Papierarbeit.</p>
<p>Zugleich darf, um der politischen Glaubwürdigkeit willen, zwischen Parteiprogrammatik und Regierungshandeln keine allzu große Diskrepanz bestehen. Gerade in einem konsensgeprägten politischen System wie dem deutschen besteht die Gefahr, dass politische Entscheidungen in der Öffentlichkeit nicht als das Ergebnis notwendiger politischer Kompromisse wahrgenommen werden, sondern vielmehr als Ausdruck von Allerweltsparteien.</p>
<p>Programmprozesse der Parteien stehen im Widerspruch zur Logik der Medien (Th. Meyer). Dieser Widerspruch ist durch die medialen Umbrüche der letzten Jahre, durch die Auffächerung und Kommerzialisierung der Medienlandschaft und den Wettstreit um knappe Aufmerksamkeitsressourcen, verschärft worden. Politische Programme lassen sich nur schwer medien- oder gar kameragerecht übersetzen. Das für die Aussagekraft von Programmen notwendige Maß an Komplexität, der Blick sowohl auf die innerparteiliche wie die gesellschaftliche Umsetzbarkeit vertragen sich schlecht mit den medialen Wunschprojektionen von der erlösenden Formel und dem ersehnten Königsweg. Diese unterschiedlichen Funktionslogiken von Programm- und Medienprozessen erschweren den gesellschaftlichen Dialog über Inhalt und Stellenwert von Parteiprogrammen.</p>
<h2 class="auto-created">Regie&shy;rungs&shy;bil&shy;dung und Regie&shy;rungs&shy;po&shy;li&shy;tik: die Herrschaft des kleinsten gemeinsame Nenners </h2>
<p>Eine Kernfunktion der Parteien besteht darin, Macht zu gewinnen, um gestalten zu können. Wie der Blick ins Ausland zeigt, ist die Koalitionsfähigkeit der Parteien nicht selbstverständlich, im Falle der Bundesrepublik wegen des Wahlsystems jedoch essentiell für die Regierungsstabilität. In Deutschland ist die Regierungsstabilität im internationalen Vergleich hoch, wie sich an der Lebensdauer der Regierungen und augenscheinlich an der kurzen Reihe der Nachkriegskanzler ablesen lässt.</p>
<p>Die Kehrseite der Koalitionsregierungen ist häufig eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners. Das Fünfparteiensystem erhöht die Zahl der Vetospieler. Ursächlich für die Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners ist aber nicht bloß die Zahl der Koalitionspartner. Die Machtstreuung, die der Parlamentarische Rat dem Grundgesetz unter dem Eindruck der historischen Erfahrungen einprägte, hat im Laufe der Jahrzehnte durch Verfassungsänderungen, durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und auf Grund der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit der Länder zugenommen. Steht das Land vor großen systemimmanenten Herausforderungen, ist es starken exogenen Schocks ausgesetzt und treten dazu womöglich noch unterschiedliche Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat, werden die Nachteile der Konstruktion offensichtlich: mühsam und intransparent ausgehandelte Kompromisse auf kleinstem gemeinsamen Nenner oder parteipolitische Blockaden. Die Architektur des politischen Systems erzwingt durch die vielen Vetopositionen Kooperation, begrenzt die Politisierung und letztendlich die Teilhabe der Bürger.</p>
<p>Auch die Föderalismusreform hat an den Grundzügen der &#8222;gefesselten Republik&#8220; (Scharpf) grundsätzlich nichts verändert. Deren Ziel, die Zustimmungsquote entscheidend zu senken, scheint verfehlt, so dass auch weiterhin parteipolitische Vetos im Bundesrat oder informelle große Koalitionen drohen. Der Strukturbruch zwischen Bundesstaat und Parteienwettbewerb besteht fort. Das politische System bleibt reformresistent, das Korsett des Konsenses eng geschnürt, der politische Prozess in vielen Punkten intransparent &#8211; von der Dunkelkammer des Vermittlungsausschusses bis zur Verflechtung zwischen Ländern, Bund und der Europäischen Union. Es existiert auch in der Regierungspolitik ein Widerspruch zwischen medialen Imperativen und den langsam mahlenden Mühlen der Aushandlungsdemokratie. Wachsende Komplexität, zunehmende Wechselwirkungen und institutionelle Restriktionen bleiben unterbelichtet.</p>
<h2 class="auto-created">Fazit </h2>
<p>Gekriselt hat es in der bundesrepublikanischen Parteiengeschichte immer wieder, sei es in Form der außerparlamentarischen Opposition oder in Gestalt &#8222;ausfransender Ränder&#8220; innerhalb des Parteiensystems. Um nicht in wohlfeile Parteienschelte zu verfallen und den Parteien gerecht zu werden, muss man die komplizierten Rahmenbedingungen bedenken, unter denen sie agieren müssen: gravierende gesellschaftliche und mediale Wandlungsprozesse, das enge Korsett des politischen Systems und die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen. Die Erneuerung der Parteien muss gerade deswegen oben auf der Tagesordnung stehen.</p>
<p>[1] U.a. Lakoff, George (2004): Don&#8217;t think of an elephant! Know your values and frame the debate, White River Junction: Chelsea Green Publishing; oder Lakoff, George / Johnson, Mark (2004): Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.</p>
<p>[2] Weber, Max (1992; 1919): Politik als Beruf, Ditzingen: Reclam, Wiederauflage.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
<p><i>Beyme, Klaus von</i>: Parteien im Wandel: von den Volksparteien zu den professionalisierten Wählerparteien. Wiesbaden, Westdeutscher Verlag 2000.</p>
<p><i>Downs, Anthony</i>: An economic theory of democracy. New York, Harper 1957.</p>
<p><i>Machnig, Matthias:</i> Politik 2.0? In: Ahrens, Rupert et. al.: Die neuen Kommunikations- und Medienwelten. Kommunikationsmanagement in der Online-Gesellschaft. Berlin, UMC University Press, im Erscheinen.</p>
<p><i>Müntefering, Franz; Machnig, Matthias; Sicherheit im Wandel, Berlin 2001</i>.</p>
<p><i>Meyer, Thomas</i>: Medienlogik und Programmdebatte. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 7 + 8/2007, S. 75-79, Bonn 2007.</p>
<p><i>Morris, Dick</i>: Die sozialdemokratischer Herausforderung: Der Übergang von Wirtschaftsthemen zu Wertvorstellungen. In: Machnig, Matthias und Bartels, Hans-Peter (Hrsg.): Der rasende Tanker. Analysen und Konzepte zur Modernisierung der sozialdemokratischen Organisation, S. 171-184. Göttingen, Steidl, 2001.</p>
<p><i>Raschke, Joachim; Tils, Ralf (a): </i>Strategie &#8211; Eine Grundlegung; Wiesbaden 2007.</p>
<p><i>Raschke, Joachim; Tils, Ralf (b)</i>: 10 Thesen Politische Strategie &#8211; eine Grundlegung, hektographiert, 2007.</p>
<p><i>Scharpf, Fritz W.: </i>Die gefesselte Republik. In: Die Zeit -Agenda Deutschland, Nr. 35, 9, 2002.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die dritte industrielle Revolution</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/3-2007/publikation/die-dritte-industrielle-revolution/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Sep 2007 21:20:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus : vorg&#228;nge Heft 3/2007, S.71-82 Die Heraus&#173;for&#173;de&#173;rungen Die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen und diesen zu bremsen ist die wichtigste Aufgabe in der ersten H&#228;lfte des neuen Jahrhunderts. Der vierte Sachstandsbericht des Weltklimarates hat vor wenigen Monaten den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Auswirkungen klimatischer &#196;nderungen zusammengetragen und Szenarien unterschieden: Bleibt der Anstieg der [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus : vorg&auml;nge Heft 3/2007, S.71-82</p>
<h2 class="auto-created">Die Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen</h2>
<p>Die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen und diesen zu bremsen ist die wichtigste Aufgabe in der ersten H&auml;lfte des neuen Jahrhunderts. Der vierte Sachstandsbericht des Weltklimarates hat vor wenigen Monaten den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu den Auswirkungen klimatischer &Auml;nderungen zusammengetragen und Szenarien unterschieden: Bleibt der Anstieg der Durchschnittstemperatur unter 2&deg;C (verglichen mit vorindustriellen Werten), bedeutet dieses beispielsweise, dass gesundheitliche Beeintr&auml;chtigungen durch Hitzestress, Unterern&auml;hrung, Durchfall-, Infektions- und andere Erkrankungen vermehrt auftreten, sich Sch&auml;den durch Hochwasser und St&uuml;rme verst&auml;rken und der Schutz der K&uuml;sten durch Korallenriffe abnimmt. Ab einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um 2 bis zu 4&deg;C fallen die Folgen noch gravierender aus: Millionen Menschen w&auml;ren im Jahr durch &Uuml;berflutungen von K&uuml;sten gef&auml;hrdet, ein weitgehender Verlust biologischer Vielfalt droht, und der Beginn eines unumkehrbaren Abschmelzprozesses der Eisschilde Gr&ouml;nlands und in der westlichen Antarktis mit einem entsprechenden Meeresspiegelanstieg w&auml;re die Folge. Bei einem Anstieg der Durchschnittstemperatur von mehr als 4&deg;C, so sch&auml;tzt der Weltklimarat, w&auml;ren nicht nur das biologische und physikalische System, sondern auch unsere sozialen Systeme &uuml;berfordert, sich an die Auswirkungen einer solchen Erw&auml;rmung anzupassen.(1)</p>
<p>Es ist hier nicht der Ort, die diversen wissenschaftlich fundierten Szenarien in allen Details zu erl&auml;utern. Die wenigen Fakten reichen, um zu erahnen, dass der Klimawandel nicht nur in &ouml;kologischen Kategorien zu durchmessen ist, sondern die zivilisatorische Herausforderung alle Aspekte unseres menschlichen Daseins und der menschlichen Ordnung beeinflussen wird, national und international. Das Verh&auml;ltnis von Stadt und Land, von Zentrum und Peripherie wird sich neu strukturieren und die Verf&uuml;gbarkeit nat&uuml;rlicher Ressourcen und von Entwicklungschancen wird grundlegend beeinflusst. Verteilungsk&auml;mpfe, B&uuml;rgerkriege, eine neue internationale Arbeitsteilung, neue st&auml;dtebauliche Herausforderungen &#8211; all das sind Dinge, die vom Klimawandel beeinflusst werden. Die Frage ist nicht ob, sondern nur noch wie und in welchem Ausma&szlig;.</p>
<p>Das ist der Hintergrund f&uuml;r das so genannte &#8222;2 Grad&#8220;-Ziel: der Begrenzung des Anstiegs der globalen Oberfl&auml;chentemperatur im Jahresmittel auf einen Wert von h&ouml;chstens 2&deg;C &uuml;ber dem vorindustriellen Niveau. Konkret bedeutet dies, dass die globalen Treibhausgasemissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts mindestens um die H&auml;lfte gemindert werden m&uuml;ssen gegen&uuml;ber dem Basisjahr 1990 und ein &#8222;peak&#8220;, also die Trendumkehr, innerhalb der n&auml;chsten 15 Jahre erreicht werden muss. Schon die Halbierung der heutigen Emissionen stellt eine enorme Herausforderung dar. Tats&auml;chlich aber ist diese noch ungleich gr&ouml;&szlig;er. Denn entscheidende Megatrends weisen nicht auf Emissionsminderung, sondern in die entgegengesetzte Richtung:(2)</p>
<ul>
<li>Wir erleben einen gewaltigen weltwirtschaftlichen Wachstums- und Industrialisierungsschub. Das Weltsozialprodukt wird bis zum Jahr 2030 im Durchschnitt um 3 % j&auml;hrlich wachsen und sich innerhalb der kommenden 25 Jahre ann&auml;hernd verdoppeln auf dann mehr als 60 Billionen Dollar. Die transatlantische Wirtschaft bleibt zwar die wichtigste &ouml;konomische Achse, das Gros des zus&auml;tzlichen Wachstums wird jedoch in den aufstrebenden Marktwirtschaften Asiens und Lateinamerikas erwirtschaftet. China, Indien, Brasilien, aber auch Indonesien werden zu den Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft.</li>
<li>Das Bev&ouml;lkerungswachstum und die Urbanisierung werden zunehmen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 bereits rund 9,2 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Heute bev&ouml;lkern 6,5 Milliarden Menschen den Planeten. Der gr&ouml;&szlig;te Teil des Bev&ouml;lkerungszuwachses wird in jenen Regionen liegen, die ihn am wenigsten verkraften k&ouml;nnen &#8211; &ouml;konomisch, &ouml;kologisch und sozial. Mit dem Bev&ouml;lkerungswachstum wird auch der Prozess der Urbanisierung vorangetrieben.</li>
<li>Die Mobilit&auml;t wird weiter anwachsen. Prognosen gehen davon aus, dass sich allein der Luftverkehr im Vergleich zum Jahr 2003 bis 2020 mehr als verdoppeln wird. Auch die Verkehrsleistung in den heutigen Schwellenl&auml;ndern und der weltweite Bestand an Kraftfahrzeugen werden rapide zunehmen.</li>
<li>Die Energienachfrage steigt enorm. Prognosen der Internationalen Energieagentur IAEA gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2030 der Energiebedarf um 50 Prozent gestiegen sein wird.</li>
</ul>
<p>Fazit: Wachsender Verkehr, wachsender Bedarf an Energie, Ausweitung industrieller Produktion und die steigende Nachfrage nach G&uuml;tern und Dienstleistungen werden, wenn nichts geschieht, den Aussto&szlig; von klimasch&auml;dlichen Treibhausgasen dramatisch erh&ouml;hen. Die Internationale Energieagentur sch&auml;tzt, dass sich dieser bis zum Jahr 2050 auf j&auml;hrlich knapp 60 Gigatonnen verdoppeln w&uuml;rde, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Und die klimatischen Folgen sind nur ein negativer Aspekt dieser Megatrends. Der Raubbau an unseren nat&uuml;rlichen Ressourcen und eine grassierende Umweltverschmutzung sind ein weiterer. Die chinesische Umweltbeh&ouml;rde SEPA sch&auml;tzt die Kosten f&uuml;r die &ouml;kologische Sanierung Chinas bereits heute schon auf rund 10 Prozent des Bruttosozialproduktes und veranschlagt die Kosten damit in der gleichen Gr&ouml;&szlig;enordnung wie das Wirtschaftswachstum. Inoffizielle Sch&auml;tzungen fallen noch drastischer aus(3),und China ist auch nur ein Beispiel unter mehreren: Indien, Indonesien, Brasilien sind weitere.</p>
<p>Ein dritter Aspekt, der mit diesen Megatrends korreliert, ist die wachsende Konkurrenz um Rohstoffe, ihre Verknappung und Verteuerung. Der weltweite Materialverbrauch hat sich bereits in den vergangenen 30 Jahren extrem gesteigert. Insbesondere bei den Industrierohstoffen wie Roh&ouml;l, Steinkohle, Stahl, Aluminium oder Kupfer hat in den vergangenen Jahren eine sich stark beschleunigende Verbrauchsdynamik eingesetzt. China hat zum Beispiel in den letzten drei Jahrzehnten den Energieverbrauch versechsfacht und verbraucht heute ein Achtel der globalen Energie, ein Viertel der weltweiten Stahlproduktion und knapp die H&auml;lfte des produzierten Zementes. Es ist nicht erstaunlich, dass in Nachrichtenmagazinen der &#8222;Kampf um Rohstoffe&#8220; l&auml;ngst zum &#8222;Weltkrieg um Wohlstand&#8220; geworden ist.</p>
<h2 class="auto-created">Eine dritte indus&shy;tri&shy;elle Revolution</h2>
<p>Bei diesen globalen Problemen und Herausforderungen sind &ouml;konomische, &ouml;kologische und soziale Aspekte untrennbar ineinander verwoben. Wie wir produzieren &#8211; das ist zu einer existentiellen Menschheitsfrage geworden. Wie machen wir &#8222;Mehr&#8220; aus &#8222;Weniger&#8220; und zwar so, dass dabei keine klimasch&auml;dlichen Treibhausgase entstehen und wir unsere nat&uuml;rlichen Ressourcen so effizient wie m&ouml;glich nutzen und unsere &Ouml;kosysteme nicht unwiderruflich sch&auml;digen? Die Steigerung der Energie- und Materialeffizienz muss ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit, der wirtschaftlichen Prozesse und der wissenschaftlichen Forschung ger&uuml;ckt werden.</p>
<p>Viel w&auml;re bereits gewonnen, wenn der Stand der besten verf&uuml;gbaren Technik fl&auml;chendeckend bei Produktion und Konsumption durchgesetzt w&uuml;rde. Die internationale Energieagentur sch&auml;tzt, dass in der Fertigungsindustrie weltweit 18-26 Prozent Effizienzsteigerungen m&ouml;glich sind. W&uuml;rde dieses Potential ausgesch&ouml;pft, k&auml;me das bereits einer Einsparung des Gesamtenergieverbrauchs von f&uuml;nf bis sieben Prozent gleich und k&ouml;nnte die weltweiten Kohlendioxidemissionen um acht bis zw&ouml;lf Prozent senken.(4) Das kann dazu beitragen, den Anstieg der CO2 Emissionen abzuschw&auml;chen, f&uuml;r eine wirkliche Trendumkehr reicht dieses aber allein nicht aus.</p>
<p>Dazu bedarf es eines umfassenden technologischen Fortschritts. Blaupausen f&uuml;r ressourcenintelligentere Produkte sind vorhanden, und es mangelt &#8222;nur&#8220; an der Umsetzung oder daran, die Prototypen auch auf den Markt zu bringen. Aber selbst das wird nicht reichen. Notwendig sind neue, &#8222;revolution&auml;re&#8220; Technologiespr&uuml;nge in industriellen Kernbereichen. Wir brauchen sie insbesondere bei der Energieerzeugung und -verwendung sowie bei der Stoffnutzung. Die &ouml;lbasierte Infrastruktur unserer Gesellschaften muss im wahrsten Sinne des Wortes erneuert werden: Statt Energie aus fossilen Rohstoffen zu gewinnen, brauchen wir erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Zus&auml;tzlich zur petrochemischen Industrie ist eine Chemieindustrie n&ouml;tig, die ihre Kohlenstoffverbindungen immer mehr aus nachwachsenden Rohstoffen bezieht. &Uuml;berhaupt: Die industrielle Produktion muss knappe und endliche Ressourcen sukzessive durch nach-wachsende Rohstoffe ersetzen. Wir stehen also vor einem radikalen Umbau der Industriegesellschaft, der radikalste Umbau, den eine &Ouml;konomie in einer relativ kurzen Zeitperiode zu bew&auml;ltigen hat. Dieser Umbau bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine dritte industrielle Revolution.</p>
<p>Der Begriff der industriellen Revolution ist durchaus angemessen. Angesichts des sehr begrenzten Zeithorizontes &#8211; 15 Jahre gibt uns die Wissenschaft noch, um die Weichen richtig zu stellen &#8211; k&ouml;nnen wir nicht mehr auf einen &#8222;evolution&auml;ren Prozess&#8220; vertrauen. Wir brauchen einen qualitativen Sprung. Die Analogie zur industriellen Revolution macht auch deutlich, dass es dabei nicht allein um einen &#8222;technologischen Sprung&#8220; gehen kann, sondern dass letztlich die &Ouml;konomie als ganzes und auch die Gesellschaft von dieser Ver&auml;nderung betroffen sein werden.</p>
<p>Die erste industrielle Revolution vollzog die Ersetzung des Holzes durch Kohle als Brennstoff und durch Stahl als Baustoff, beginnend in der zweiten H&auml;lfte des 18. Jahrhunderts. Sichtbarster Ausdruck war die Dampfmaschine. Die energetische Nutzung des Wasserdampfes revolutionierte die wirtschaftliche Produktion, indem sie sie unabh&auml;ngig machte von den alten Energietr&auml;gern Wasser und Wind. Die industrielle Fertigung konnte sich von wasserf&uuml;hrenden Standorten l&ouml;sen und durch die Erfindung der Eisenbahn und der Dampfschifffahrt steigerte die Mobilit&auml;t zus&auml;tzlich. Um diesen technologischen Kern herum gruppierten sich weitere Innovationen, vor allem aber Prozesse, die die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung radikal umkrempelten. Heimarbeit und das Verlagssystem konnten gegen die Fabrikationen und eine neue Form von industrieller Arbeitsteilung nicht mehr bestehen. Mit der Herausbildung der Lohnarbeit kommen die Produktions- und Eigentumsverh&auml;ltnisse grundlegend in Bewegung. Neue M&auml;rkte, Urbanisierung und Bev&ouml;lkerungswachstum sind weitere Folgen der ersten industriellen Revolution. Schnell werden aber auch Schattenseiten des Fortschritts deutlich: Hunger und Armut auf dem Land, st&auml;dtisches Elend, Ausbeutung und die Ausbildung der sozialen Frage sind die wichtige Stichworte, die sich mit der industriellen Revolution am Ende des 18 Jahrhunderts verbinden.</p>
<p>Die zweite industrielle Revolution in der erste Dekade des 20. Jahrhunderts f&uuml;hrte zur Elektrifizierung des Lebens und der Arbeitswelt. Kohle gewinnt noch einmal an Bedeutung. Und andererseits wird das Erd&ouml;l zum zweiten energetischen Standbein der Industriegesellschaft. Vor allem f&uuml;r die Mobilit&auml;t verbinden sich damit neue M&ouml;glichkeiten. Aber nicht nur energetisch auch stofflich wird Erd&ouml;l im Rahmen der Kohlenstoffchemie zum bedeutendsten Rohstoff. Der extensive Umgang mit den nat&uuml;rlichen Ressourcen bekommt einen weiteren Schub. Wiederum verbindet sich diese industrielle Revolution mit durchgreifenden gesellschaftlichen, &ouml;konomischen und politischen Entwicklungen. Charlie Chaplin hat diese Prozesse, etwa die Ausweitung der fordistischen Massenproduktion und die tayloristische Arbeitsorganisation, Mitte der drei&szlig;iger Jahre mit &#8222;Modern Times&#8220; trefflich ins Bild gesetzt. Aber auch geostrategisch und machtpolitisch dr&uuml;ckt die zweite industrielle Revolution, die Ost wie West unter-schiedlich, aber doch gleicherma&szlig;en stark pr&auml;gte, dem 20. Jahrhundert ihren Stempel(5) auf.</p>
<p>Der Prozess der Industrialisierung vollzieht sich seither kontinuierlich. Immer wieder aber gab es auch Phasen einer historischen Verdichtung von Ereignissen bzw. neuer Weichenstellungen. Je nach Augenmerk markieren Wirtschaftshistoriker und Gesellschaftstheoretiker unterschiedliche Phasen der industriellen Revolution oder identifizieren im R&uuml;ckgriff auf unterschiedliche Schl&uuml;sseltechnologien (Auto, Nukleartechnologie, Mikrochip, Internet, Nanotechnologien) weitere &#8222;Revolutionen&#8220;.</p>
<p>So wie sich technologische Entwicklungsspr&uuml;nge in der ersten und zweiten industriellen Revolution ganz wesentlich mit einer Ver&auml;nderung der energetischen Basis verbanden, werden der Umgang mit Energie und die energetischen Strukturen unserer Gesellschaften auch im Zentrum der dritten industriellen Revolution stehen m&uuml;ssen. Anders als fr&uuml;her ist die ver&auml;nderte energetische Struktur aber nicht nur Ausgangspunkt, sondern muss zum unmittelbaren Ziel des technischen Fortschritts werden, denn es geht darum, die Zentralit&auml;t fossiler Rohstoffe zu &uuml;berwinden. Energiepolitisch bedeutet dies, auf erneuerbare Energien aus Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Geothermie umzustellen. Stofflich muss es darum gehen, statt eines ressourcenextensiven Umgangs mit Energie und Material effiziente Produktionsprozesse entlang der gesamten Wertsch&ouml;pfungskette aufzubauen und auch hier fossile Rohstoffe und knappe Materialien durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen. Man k&ouml;nnte es als Ironie der Geschichte beschreiben: So wie in der ersten industriellen Revolution Kohle und Stahl das Holz ersetzt haben, m&uuml;ssen nun Holz und andere nachwachsende Rohstoffe Kohle, Erd&ouml;l und Stahl substituieren. Allerdings geht es nicht darum, das Rad der Geschichte zur&uuml;ck, sondern nach vorne zu drehen: Nicht &#8222;Jute statt Plastik&#8220; ist die Maxime der dritten industriellen Revolution, sondern &#8222;Plastik aus Jute&#8220; &#8211; das hei&szlig;t, neue Werkstoffe aus nachwachsenden, also erneuerbaren Rohstoffen.</p>
<h2 class="auto-created">&Ouml;kologische Indus&shy;trie&shy;po&shy;li&shy;tik: Der Staat als Pionier</h2>
<p>Der Staat kann den technologischen Fortschritt, den wir jetzt brauchen, nicht verordnen und sollte sich auch kein Wissen anma&szlig;en, das er nicht hat. Aber ebenso sicher ist, dass auch der Markt allein nicht in der Lage ist, die ben&ouml;tigten Informationen und Technologien in einer angemessenen Zeit in ben&ouml;tigtem Umfang zur Verf&uuml;gung zu stellen. Schon das vorhandene technische Verbesserungspotential auszusch&ouml;pfen, scheitert oftmals am kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Kalk&uuml;l. Solange sich mit alten Anlagen Gewinne machen lassen, gibt es f&uuml;r Unternehmen wenig Anreize, diese durch effizientere zu ersetzen oder zu modernisieren. Wenn M&auml;rkte oligopolistisch strukturiert sind, bedeutet das hohe Markteintrittsbarrieren f&uuml;r Wettbewerber und hohe Investitionskosten, insbesondere im Hightech-Bereich. Diese erschweren vielfach den Markteintritt f&uuml;r junge innovative Technologieunternehmen. Kurz: Wer als Alternative zu staatlichem Handeln allein im &#8222;Wettbewerb als Entdeckungsverfahren&#8220; (Hayek) den Motor f&uuml;r Innovation und wirtschaftliche Erneuerung sieht, riskiert, dass wir die Jahrhundertaufgabe nicht l&ouml;sen. Die kurzen 15 Jahre, die zur Weichenstellung bleiben, sollten wir nicht durch den Kampf der reinen Lehren und durch theoretische Debatten &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Markt und Staat verschwenden und dar&uuml;ber das Handeln vergessen. Die dritte industrielle Revolution braucht &#8222;Revolution&auml;re&#8220; und sie braucht auch das enge Zusammen wirken von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb muss die Umweltpolitik innovationsf&ouml;rdernd ausgestaltet werden, und daf&uuml;r brauchen wir eine &ouml;kologische Industriepolitik, die den technischen Fortschritt f&ouml;rdert und unsere Industrie auf die &ouml;kologischen und &ouml;konomischen Herausforderungen ausrichtet. Zu diesen Herausforderungen z&auml;hlt auch, dass Deutschland und die Europ&auml;ische Union sich in einer neuen internationalen Arbeitsteilung und im Globalisierungsprozess neu positionieren m&uuml;ssen. Als Produzent von innovativer Umwelttechnologie sollten sich die EU und Deutschland auf den M&auml;rkten der Zukunft so platzieren, dass neue Besch&auml;ftigung, neues Wachstum und nachhaltige Entwicklung m&ouml;glich sind. Eine &ouml;konomische Antwort auf die &ouml;kologische Zukunftsfrage zu geben und die &ouml;konomischen Herausforderungen &ouml;kologisch zu beantworten, das will die &ouml;kologische Industriepolitik mit einem intelligenten ordnungspolitischem Mix und einem Staat als Pionier.</p>
<ul>
<li>Um Effizienz- und Technologiespr&uuml;nge zu f&ouml;rdern und &Ouml;koinnovationen sehr schnell in den Markt und in die umfassende Anwendung zu bringen, sollte die Forschungsf&ouml;rderung auf Ressourceneffizienz und Energieintelligenz konzentriert werden. &#8222;Gr&uuml;ne Querschnittstechnologien&#8220; m&uuml;ssen wir systematisch f&ouml;rdern. Nicht nur Nanotechnologie und wei&szlig;e Biotechnik, auch Green Chemistry, Oberfl&auml;chentechnik und Bionik bieten enorme Chancen f&uuml;r vielf&auml;ltige Umwelttechnikanwendungen und damit f&uuml;r Nachhaltigkeit und Umweltschutz.</li>
</ul>
<ul>
<li>Markteinf&uuml;hrungsprogramme sind eine wichtige Voraussetzung f&uuml;r die Massenproduktion von dringend ben&ouml;tigten technologischen L&ouml;sungen und von &Ouml;ko-Hightech. Das EEG hat die Stromerzeugung aus erneuerbare Energien mit gro&szlig;em Erfolg vorangebracht. Mit der EEG-Umlage von 3,2 Milliarden Euro pro Jahr ist in kurzer Zeit eine volkswirtschaftliche Wertsch&ouml;pfung von 23 Milliarden Euro entstanden, bei weiterhin zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr. Jetzt kommt es darauf an, den Anteil von erneuerbaren Energien am W&auml;rmeverbrauch auf 14 Prozent im Jahr 2020 durch ein Erneuerbare-Energien-W&auml;rmegesetz zu erh&ouml;hen und die Pflicht zur Nutzung von solarer W&auml;rme zu koppeln mit der Aufstockung und Verstetigung des Marktanreizprogramms. Auch dieses wird zu neuen Produkten, Verfahren, Unternehmen mit neuer Besch&auml;ftigung f&uuml;hren.</li>
</ul>
<ul>
<li>Mit F&ouml;rderprogrammen und Ordnungsrecht lie&szlig;en sich aber auch die Markteinf&uuml;hrung bzw. Durchdringung besonders effizienter Technologien in den privaten Haushalten durchsetzen. Um energie- und rohstoffeffiziente Konsumg&uuml;ter in den Massenm&auml;rkten zum Durchbruch zu verhelfen, brauchen wir &uuml;bersichtliche und verbraucherfreundliche Kennzeichnung und ambitionierte Grenzwerte. Die Japaner haben es vorgemacht: eine Dynamisierung von Standards, in denen die besten Ger&auml;te am Markt die Richtschnur bilden, f&uuml;hrt zu einem regelrechten Innovationswettlauf und forciert regelrechte Effizienzspr&uuml;nge. &Uuml;ber solche Top-Runner-Ans&auml;tze kann ein notwendiges Innovationssystem aufgebaut werden und damit ein ordnungsrechtlicher Rahmen, der Energie- und Ressourceneffizienz in das Zentrum unserer industriellen Produktion r&uuml;ckt.</li>
<li>Im Bereich der Umwelt- und Energietechnik m&uuml;ssen Leuchtturmprojekte und sog. &#8222;Vorreiter-M&auml;rkte&#8220; entwickelt werden. Wenn die heimischen M&auml;rkte so ausgestaltet werden, dass &uuml;ber eine innovative Angebots- und Nachfragestruktur die k&uuml;nftigen globalen Standards faktisch entwickelt werden, sind das die besten Voraussetzungen f&uuml;r innovative Unternehmen und eine internationale Marktf&uuml;hrerschaft. Da auf absehbare Zeit und in globalem Ma&szlig;stab Kohle ein wichtiger Energietr&auml;ger bleiben wird, muss z.B. die CCS-Technologie aufgebaut werden, die Kohlendioxid abscheidet und speicherf&auml;hig macht. Mit dem Rechtsrahmen f&uuml;r Abscheidung, Transport und Speicherung von CO (CCS) werden nicht nur die Grundlage f&uuml;r Pilotanlagen gelegt und eine stabile rechtliche Basis f&uuml;r die Errichtung und den Betrieb von Anlagen, die Voraussetzung daf&uuml;r geschaffen, dass Deutschland sich zu einem Vorreitermarkt entwickelt. Die &#8222;Alternativen Werkstoffe&#8220; und &#8222;Verbundwerkstoffe&#8220; sind ebenfalls Bereiche, in denen Vorreiter-M&auml;rkte aufgebaut werden m&uuml;ssen.</li>
<li>Die &ouml;ffentliche Hand hat mit einer j&auml;hrlichen Nachfrage von ca. 250 Mrd. &euro; eine erhebliche Marktmacht, die innovationspolitisch besser genutzt werden muss. Bisher spielt der Energieverbrauch bei der Beschaffung von Ger&auml;ten nur eine untergeordnete Rolle, weil die blo&szlig;en Anschaffungskosten Grundlage der Vergabeentscheidung waren. Mit der Anschaffung von energieeffizienteren Ger&auml;ten werden nicht nur Unterhaltskosten reduziert, sondern wird die &ouml;ffentliche Hand zum Motor f&uuml;r die Markteinf&uuml;hrung von Effizienztechnologien. Das erm&ouml;glicht Unternehmen unter Umst&auml;nden jene Skaleneffekte zu erzielen, die ben&ouml;tigt werden, um Produkte auch auf den Massenm&auml;rkten erfolgreich platzieren zu k&ouml;nnen.</li>
<li>Ein wichtiges Instrument der &ouml;kologischen Industriepolitik ist und bleibt das klassische umweltpolitische Ordnungsrecht. Klare ordnungsrechtliche Vorgaben machen, rechtzeitig angek&uuml;ndigt, ebenso wie ambitionierte Benchmarks und politische Zielvereinbarungen Planung und Kalkulation f&uuml;r die Unternehmen m&ouml;glich und treiben zugleich Innovationen voran. Ein Verbot ineffizienter Strom-Nachtspeicherheizungen, die aufkommensneutrale Umgestaltung der Kfz-Steuer, die nicht den Hubraum sondern die CO2-Emissionen zur Bemessungsgrundlage nimmt, st&auml;rkere Anforderungen an die Dichtheit von K&auml;lteanlagen mit fluorierten K&auml;ltemitteln oder die Novelle des KWK-Gesetzes &#8211; all diese Ma&szlig;nahmen zeichnet aus, dass sie den Klimaschutz und technologischen Fortschritt miteinander verkn&uuml;pfen.</li>
<li>F&uuml;r die Diffusion ressourcen- und klimasch&uuml;tzender Umwelttechnologie muss aber auch die Au&szlig;enhandelspolitik in den Dienst genommen werden. Deutschland und die EU brauchen Exportf&ouml;rderinitiativen, die sich nicht nur um die bessere Vermarktung der Umwelttechnik &#8222;made in Germany&#8220;, &#8222;made in Europe&#8220; k&uuml;mmern, sondern auch f&uuml;r einen Export erfolgreicher Politikinstrumente werben.(6)</li>
<li></ul>
<h2 class="auto-created">Dialog und Netzwerke statt Barrikaden und Blockaden</h2>
<p>Zwanzig Jahre nach Gr&uuml;ndung des Bundesumweltministeriums konstatiert Prinz Hassan von Jordanien, der Pr&auml;sident des Club of Rome: &#8222;Die M&auml;rkte der Zukunft sind gr&uuml;n&#8220;. Damit prophezeit er nicht irgendwelchen &ouml;kologischen Nischenm&auml;rkten eine prosperierende Zukunft, sondern bringt zum Ausdruck, dass gro&szlig;e Leitm&auml;rkte der Zukunft eine starke &ouml;kologische Dimension aufweisen werden &#8211; und angesichts der beschriebenen Megatrends aufweisen m&uuml;ssen. Der schonende Umgang mit Energie und Ressourcen wird so zur Zukunftsfrage. Wie wir leben werden und wie die Qualit&auml;t des Lebens sein wird, wird davon abh&auml;ngen, ob wir es schaffen, die M&auml;rkte der Zukunft umweltvertr&auml;glich auszugestalten und in eine &#8222;dritte industrielle Revolution&#8220; zu investieren.</p>
<p>Jene L&auml;nder und Regionen, die die technologische F&uuml;hrerschaft in den gr&uuml;nen M&auml;rkten erlangen, verschaffen sich im globalen Wettbewerb entscheidende Vorteile und damit die Voraussetzungen f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung. Nach allem, was wir heute wissen, lassen sich einige zentrale Bereiche und M&auml;rkte identifizieren, die k&uuml;nftig von einer besonderen Wachstumsdynamik gepr&auml;gt sein werden. Diese M&auml;rkte verbinden &ouml;konomische und &ouml;kologische Herausforderungen in besonderer Weise und werden das Gesicht des Industrialisierungsschubes mitpr&auml;gen. Wer hier investiert, der gestaltet dauerhafte Arbeitspl&auml;tze und sichert Zukunft &#8211; &ouml;konomisch, sozial und &ouml;kologisch. In Deutschland und Europa gibt es f&uuml;r eine solche leitmarktorientierte &ouml;kologische Industriepolitik viele Ans&auml;tze:</p>
<p><b>Energieerzeugungs- und Kraftwerkstechnologien: </b>Die wachsende Nachfrage nach Energie kann nur befriedigt werden, wenn wir die Erneuerbaren Energien massiv ausbauen und bei der Kraftwerkstechnologie einen gro&szlig;en Schritt vorankommen. Kraftwerke m&uuml;ssen fossile Brennstoffe weit effizienter als bisher und mit weit weniger CO2 Aussto&szlig; verstromen. Mittelfristig m&uuml;ssen auch Kohle-, &Ouml;l- und Gaskraftwerke vollkommen CO2-frei werden. Ab sp&auml;testens 2020 sollte daher die CCS-Technik zur sicheren Abscheidung und Lagerung von CO2 Standard f&uuml;r alle neuen fossilen Kraftwerke sein. Zugleich wird eine sichere und ausreichende Energieversorgung davon abh&auml;ngen, dass erhebliche Fortschritte bei der Brennstoffzellentechnologie und bei der Energiespeicherung gemacht werden.</p>
<p><b>Energieeffizienztechnologien:</b> Der globale Energiehunger kann nur befriedigt werden, wenn zugleich Energie sparsamer und energieeffizienter produziert und konsumiert wird. Das japanische Top-Runner Programm gibt bereits heute die Richtung vor: Der Kampf um die M&auml;rkte wird ein internationaler Effizienzwettlauf der Konsumg&uuml;terindustrie. Aber auch die industrielle Produktion selber wird zum Gegenstand der energieeffizienten Modernisierung werden. Die W&auml;rmed&auml;mmung unserer H&auml;user ist ein weiteres zukunftstr&auml;chtiges Gesch&auml;ftsfeld. Das Geb&auml;udesanierungsprogramm in Deutschland illustriert beispielhaft wie Umweltschutz und Besch&auml;ftigung Hand in Hand gehen.</p>
<p><b>Recycling- und Abfallwirtschaftstechnologien:</b> Der hohe &Ouml;lpreis und die Knappheit vieler Rohstoffe bleiben nicht ohne Auswirkung auf die Abfallwirtschaft, die schon heute in Deutschland j&auml;hrlich 50 Milliarden Euro umsetzt. Zwischen 2000 und 2005 stiegen die Weltmarktpreise f&uuml;r importierte Rohstoffe im Euro-Raum um 81 Prozent. Eine Studie des Instituts der Wirtschaft taxiert die Rohstoff- und Energieersparnis durch die durch Recycling gewonnenen Sekund&auml;rrohstoffe auf 3,7 Milliarden Euro j&auml;hrlich. Nicht nur der Markt f&uuml;r Sekund&auml;rrohstoffe wird weiter wachsen, sondern auch der f&uuml;r Recyclingtechnik, um die Abf&auml;lle von heute als &#8222;Bergwerke der Zukunft&#8220; effizienter auszubeuten.</p>
<p><b>Mobilit&auml;t und Verkehrstechnologien:</b> Globalisierung und demografische Ver&auml;nderungen intensivieren die Verkehre. Allein in China gehen Sch&auml;tzungen von einer Nachfrage nach einer Milliarde zus&auml;tzlicher Autos aus. Eine enorme Chance f&uuml;r die Automobilindustrie &#8211; wenn es gelingt, die Emissionsproblematik in den Griff zu bekommen. Zugleich intensivieren die Demografie ebenso wie die Urbanisierung und Landflucht den Bedarf an innovativen integrierten Verkehrskonzepten. Neue Kraftstoffe, neue Antriebe wie die Brennstoffzelle und intermodaler Verkehr sind die Stichworte eines weltweiten Zukunftsmarktes, der die Verminderung klimasch&auml;dlicher Emissionen und das wachsende Mobilit&auml;tsbed&uuml;rfnis zum Ausgleich bringen muss.</p>
<p><b>Wasser- und Abwassertechnologien:</b> Die Weltgemeinschaft hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Anteil der Weltbev&ouml;lkerung ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und hygienischer Abwasserentsorgung bis zum Jahr 2015 zu halbieren. In den Entwicklungsl&auml;ndern m&uuml;ssen dabei weitgehend flexible Wasserinfrastrukturkonzepte den spezifischen Herausforderungen Rechnung tragen. Zus&auml;tzlich ergibt sich in den Industriel&auml;ndern ein enormer Re-Investitionsbedarf in den Leitungsnetzen. Der globale Markt der Wasser- und Abwasserentsorgung wird aktuell auf 250 Mrd. Euro gesch&auml;tzt. Erhebliche Umsatzsteigerungen werden erwartet. Die EU rechnet bereits im Jahr 2010 mit rund 400 Mrd. Euro.</p>
<p><b>Umwelttechnisches Engineering/Anlagentechnik:</b> So wichtig es ist, Produkte und Produktionsprozesse k&uuml;nftig energieeffizient und ressourcenschonend auszugestalten, die umweltpolitischen S&uuml;nden der Vergangenheit in vielen L&auml;ndern werden daf&uuml;r sorgen, dass auch der nachsorgende Umweltschutz und die Umwelttechnologie &#8222;at the end of the pipe&#8220; ein ertragreiches Gesch&auml;ftsfeld bleiben. Angesichts aktueller Industrialisierungsprozesse in den Schwellenl&auml;ndern k&ouml;nnten diese Bereiche sogar an Gewicht gewinnen. Zunehmend &ouml;konomisch bedeutsam wird auch das Angebot an umwelttechnischen Systeml&ouml;sungen und die integrierte Umwelttechnik.</p>
<p>Als Basisinnovationen und &uuml;bergreifende &ouml;konomische Wachstumsfelder kommen hinzu:</p>
<p><b>Lifescience:</b> Kaum ein Bereich wird gesellschaftlich so kontrovers diskutiert wie die Biotechnologie. Relativ unbestritten ist aber, dass sich mit der wei&szlig;en Biotechnologie, wie auch der &#8222;green chemistry&#8220;, die Chance verbindet, chemische und industrielle Produktion umweltschonend umzugestalten. Aber es ist auch wahr, dass insbesondere der Umgang mit gentechnisch ver&auml;nderten Organismen gerade unter Umweltgesichtspunkten eine besondere Herausforderung darstellt. Unstrittig ist, dass die Lebenswissenschaften zu den sich dynamisch entwickelnden Wissensgebieten mit hohem &ouml;konomischem Potenzial z&auml;hlen. Aber berechtigte Bedenken d&uuml;rfen nicht mit Hinweis auf wirtschaftliches Potenzial beiseite geschoben werden. Es kommt darauf an, durch einen differenzierten und sorgf&auml;ltigen Umgang mit den Lebenswissenschaften ihr Potenzial f&uuml;r Umwelt und Wirtschaft zu entwickeln.</p>
<p><b>Nanotechnologie</b>: Als Basisinnovation wird die Nanotechnologie &ouml;konomisch eine wachsende Bedeutung gewinnen und zum dynamischen Wirtschaftsfeld werden. Unter Umweltgesichtspunkten verbinden sich mit ihr echte Chancen: Materialien mit neuen Eigenschaften f&uuml;hren zu einem erheblich geringeren Ressourcenverbrauch in der Produktion und im Betrieb, durch Verzicht auf gef&auml;hrliche Stoffe im Verarbeitungsvorgang (z.B. Lacke), durch Energieeinsparung bei chemischen Prozessen oder durch h&ouml;here Energieausbeute etwa bei Solarzellen. Gerade unter umweltpolitischen Gesichtspunkten bleibt die Erforschung bisher unbekannter Auswirkungen im Lebenszyklus von Nanoprodukten eine wichtige Herausforderung.</p>
<p><b>&Ouml;kodesign</b>: Die Produkte der Zukunft werden nicht nur energiesparender, sondern auch ressourcenschonender produziert und konsumiert werden m&uuml;ssen. Mit der Bionik werden energie- und ressourcensparende Naturprozesse f&uuml;r die technische Anwendung nutzbar gemacht. Material sparende Konstruktion, der Einbau von recyceltem Material, energiesparende Technik, die Erh&ouml;hung der Langlebigkeit, eine modeunabh&auml;ngige Gestaltung, emissionsarmer Gebrauch und schadstoffarme Entsorgung werden wichtige Referenzgr&ouml;&szlig;en im Bereich des Produktdesigns, um die herum sich Know-how und wirtschaftliches Potenzial gruppieren.</p>
<p><b>Bioplastik/Bioraffinerie</b>: &Ouml;l ist nicht nur energetisch sondern auch chemisch der Rohstoff, auf dem unser Wohlstand basiert. Noch ist Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen die Ausnahme. Aber in den Forschungslabors von Wissenschaft und Wirtschaft wei&szlig; man, dass dies der Stoff ist, aus dem die Zukunft gebaut ist. Je teurer das Erd&ouml;l, desto g&uuml;nstiger die Biopolymere aus Raps, Zuckerr&uuml;be oder Mais. Die amerikanische Umweltschutzbeh&ouml;rde EPA sch&auml;tzt, dass kompostierbares Bioplastik bis zu 94 Prozent jene Plastikprodukte der Endkonsumenten vermindern k&ouml;nnte, die heute noch im Abfall landen.</p>
<p>Damit ein &ouml;konomieweites Ressourcenmanagement funktionieren kann, m&uuml;ssen sich ben&ouml;tigte Technologiecluster ausbilden. Damit der Fortschritt nicht nur Antrieb, sondern auch eine Richtung bekommt, bedarf es eines besseren Zusammenwirkens und einer gegenseitigen Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in der Region ebenso wie auf der Bundesebene. Eine dritte industrielle Revolution braucht eine politische Infrastruktur.</p>
<p>Gerade die Politik l&auml;uft zu oft den Entwicklungen hinterher anstatt selber zum Antreiber zu werden. Dies setzt auch eine bessere Koordination voraus: Wirtschafts-, Forschungs-, Infrastruktur-, Au&szlig;en-, Entwicklungs-, Energie- und Umweltpolitik m&uuml;ssen intelligent verkn&uuml;pft werden, wenn Technologien nicht nur entwickelt, sondern auch global zum Einsatz kommen sollen. Ein Industriekabinett w&auml;re ein wichtiger Schritt, um einerseits Synergien zu erzielen, aber auch um der faktischen Verflechtung von Problemen und Herausforderungen gerecht zu werden.</p>
<p>Das Bundesumweltministerium hat den Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen, der Wirtschaft und wichtigen Stakeholdern intensiviert und ein Netzwerk &#8222;Energie- und Ressourceneffizienz&#8220; gegr&uuml;ndet. Dieses Netzwerk soll zur Initialz&uuml;ndung f&uuml;r die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz in Deutschland werden: der schonende Umgang mit Ressourcen wird auf die Agenda aller relevanten Akteure gesetzt. Informationsl&uuml;cken k&ouml;nnen dadurch geschlossen und Ma&szlig;nahmen gezielt eingeleitet werden. Der Dialog mit Handwerk, Industrieverb&auml;nden und -unternehmen sowie anderen Stakeholdem aus Wirtschaft und Wissenschaft gruppiert sich dabei um ausgew&auml;hlte und sehr konkrete Aktionsfelder.</p>
<p>Um zu angemessenen L&ouml;sungen zu kommen, d&uuml;rfen Politik und Wirtschaft sich nicht scheuen, die technologischen, produktionsbezogenen, organisatorischen oder steuerungspolitischen Herausforderungen sehr konkret in den Blick zu nehmen. Vor allem sollten sie dabei den Schlagabtausch ordnungspolitischer Dogmen und Befindlichkeiten hinter sich zu lassen. Das Fraunhofer-Institut f&uuml;r System- und Innovationsforschung (ISI), das VDI Technologiezentrum, das Borderstep Institut, Roland Berger und das Deutsche Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) haben f&uuml;r das Bundesumweltministerium k&uuml;rzlich wichtige Technologielinien untersucht, denen f&uuml;r eine innovative Umweltpolitik besondere Bedeutung zukommt. Es zeigt sich: Je genauer wir Technologien, die wir f&uuml;r unsere Zukunft brauchen, untersuchen, desto differenzierter stellen sich die konkreten Anforderungen dar und desto klarer werden die Beitr&auml;ge, die Politik, Wirtschaft und Wissenschaft jeweils leisten k&ouml;nnen. Nur drei Beispiele seien genannt:</p>
<ul>
<li>Deutschland ist zwar im Bereich der Biokunststoffe im Hinblick auf die technologische Forschung gut positioniert, betrachtet man aber die Polyactide relativiert sich der Befund. Wenn wir weg vom &Ouml;l wollen, dann ist diese Untergruppe der Biokunststoffe ein besonders zukunftstr&auml;chtiger Bereich. Der Automobilhersteller Toyota verwendet bereits seit 1998 Bauteile aus Bioplastik in ausgesuchten Modellen. Der Konzern plant im Jahr 2020 ca. 66 % des Weltmarktbedarfs an Bioplastik durch die Ausweitung der eigenen Polyactid Produktion abzudecken und verspricht sich davon einen Umsatz von 38 Mrd. US-Dollar. Deutschland ist in diesem wichtigen Zukunftsfeld ein Nachz&uuml;gler.</li>
</ul>
<ul>
<li>Ganz anders die Ausgangssituation bei der solaren K&uuml;hlung: Im Bereich der Solarthermie sind deutsche Unternehmen hervorragend aufgestellt. Deutschland entwickelt sich sogar zu einem regelrechten Vorreitermarkt f&uuml;r &#8222;solares K&uuml;hlen&#8220;. Und das Angebot trifft auf einen wachsenden Bedarf: zunehmender Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung in den Schwellenl&auml;ndern lassen die Nachfrage steigen. Gerade f&uuml;r die Schwellenl&auml;nder k&ouml;nnte sich mit dem solaren K&uuml;hlen eine win-win-Situation verbinden, denn dort sind die klimatischen Voraussetzungen f&uuml;r die Solarthemie &uuml;berwiegend positiv und die Stromnetze f&uuml;r einen Nachfrageanstieg bei der elektrischen K&uuml;hlung gar nicht ausgelegt. Trotz bester Bedingungen ist der Einsatz dieser umweltfreundlichen Technologie auch vor dem Hintergrund der hohen Kosten aber kein Selbstl&auml;ufer. Die Herausforderung besteht deshalb darin, die vorhandene (deutsche) Technik kosteng&uuml;nstiger in die breite, globale Anwendung zu bringen und den Sprung in die &#8222;economies of scale&#8220; zu schaffen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Wiederum anders die Situation bei der elektrischen Energiespeicherung. Energiespeicher stellen f&uuml;r die Stromversorgung aus flukturierenden und dezentralen Energiequellen eine unverzichtbare Komponente dar und tragen dazu bei, die Grundlastf&auml;higkeit erneuerbarer Energietr&auml;ger zu verbessern. Die wichtigsten Entwicklungsaktivit&auml;ten lagen bisher in den USA und in Japan, allerdings gewinnen auch in Europa und insbesondere in Deutschland das Thema und die Forschung inzwischen an Fahrt. Aber immer noch beschr&auml;nkt sich die Anwendung der neuen Speichersysteme auf Nischenanwendungen, bei denen weder die Frage der Kosten noch des Wirkungsgrades die wesentlichen Entscheidungskriterien sind. Die zentrale Herausforderung ist gegenw&auml;rtig technologischer Art und besteht in der Verbesserung der Wirkungsgrade und der Minimierung der mit der Speicherung verbundenen Verluste.</li>
</ul>
<p>Deutlich wird: F&uuml;r die dritte industrielle Revolution gibt es keine Patentrezepte. Der Staat als Pionier kann und muss mit einer &ouml;kologischen Industriepolitik g&uuml;nstige Rahmenbedingungen schaffen und daf&uuml;r sorgen, dass die &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Herausforderungen f&uuml;r Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft berechenbar werden. Die technologische L&ouml;sung aber muss er den Unternehmen und den Menschen &uuml;berlassen. Der Staat hat vor allem die Aufgabe, die Entwicklungen &#8211; eine neue energetische Infrastruktur, einen effizienteren und schonenden Umgang mit Ressourcen sowie den Ersatz von knappen und endlichen durch nachwachsende Rohstoffe &#8211; mit einer Politik zu verbinden, die neues Wachstum, neue Wertsch&ouml;pfung und neue Besch&auml;ftigung schafft und Abh&auml;ngigkeiten &uuml;berwindet. Denn auch das ist klar und liegt in der Logik einer industriellen Revolution: Erneuerbare Energien, Energie- und Materialeffizienz sowie nachwachsende Rohstoffe betreffen nicht nur technologische Aspekte, sondern werden unser &ouml;konomisches und soziales Leben gr&uuml;ndlich ver&auml;ndern &#8211; national und international.</p>
<p>(1) vgl. <a href="http://www.ippc.ch/" target="_blank" rel="noopener">www.ippc.ch</a>.</p>
<p>(2) vgl. dazu auch: Bundesumweltministerium, &Ouml;kologische Industriepolitik. Memorandum f&uuml;r einen &#8222;New Deal&#8220; von Wirtschaft, Umwelt und Besch&auml;ftigung, Oktober 2006.</p>
<p>(3) vgl. taz vom 04.07.2007, S. 9.</p>
<p>(4) vgl. Claude Mandil, Verschwendungswirtschaft, in: Financial Times Deutschland vom 24.07. 2007, S. 24. Vgl. zu den Einsparpotentialen auch: <a href="http://www.aachener-stiftung.de/" target="_blank" rel="noopener">www.aachener-stiftung.de</a>.</p>
<p>(5) vgl. z.B. Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. M&uuml;nchen/Wien 1995.</p>
<p>(6) Mit einer &#8222;Servicestelle Umwelttechnologieexport und CDM Vorhaben&#8220; will das BMU z.B. deutschen Unternehmen im Ausland bei der Abwicklung von &ouml;kologisch unterst&uuml;tzenswerten Projekten unterst&uuml;tzen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/3-2007/publikation/die-dritte-industrielle-revolution/">Die dritte industrielle Revolution</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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