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	<title>Matthias Proske Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Wie in der Schule aus Geschichte gelernt wird</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Jun 2012 21:25:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus vorg&#228;nge Heft 2/2012,S.51-60 I.Die P&#228;dago&#173;gi&#173;sie&#173;rung der Erinnerung an den Holocaust Ein Aspekt der Historisierung der &#246;ffentlichen Auseinandersetzung &#252;ber die von Deutschland ausgehenden nationalsozialistischen Verbrechen an den europ&#228;ischen Juden und anderen Gruppen ist die Verbindung, die Fragen der Erinnerung und Erwartungen der Erziehung eingegangen sind. Nicht nur der Zeithistoriker Norbert Frei (2004) begreift die Nachgeschichte [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/wie-in-der-schule-aus-geschichte-gelernt-wird/">Wie in der Schule aus Geschichte gelernt wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus vorg&auml;nge Heft 2/2012,S.51-60</p>
<h2 class="auto-created">I.Die P&auml;dago&shy;gi&shy;sie&shy;rung der Erinnerung an den Holocaust</h2>
<p>Ein Aspekt der Historisierung der &ouml;ffentlichen Auseinandersetzung &uuml;ber die von Deutschland ausgehenden nationalsozialistischen Verbrechen an den europ&auml;ischen Juden und anderen Gruppen ist die Verbindung, die Fragen der Erinnerung und Erwartungen der Erziehung eingegangen sind. Nicht nur der Zeithistoriker Norbert Frei (2004) begreift die Nachgeschichte des Nationalsozialismus in Deutschland als ein &#8222;historische(s) Lernprogramm&#8220;, als dessen Kern sich im Laufe von vor allem generationell strukturierten Kontroversen die edukatorische Frage heraussch&auml;lte: <i>Was ist aus der Geschichte zu lernen?</i></p>
<p>Diese <i>p&auml;dagogische </i>Konstruktion der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht nicht prinzipiell im Gegensatz zu anderen Formen der Auseinandersetzung &#8211; rechtlichen, wenn es um die juristische Aufarbeitung der Verbrechen und die Bestrafung der T&auml;ter geht, <i>politischen</i>, wenn es um die &Uuml;bernahme der Verantwortung f&uuml;r die Geschehnisse zwischen 1933 und 1945 und deren Folgen geht (z. B. festgemacht am Verh&auml;ltnis der Bundesrepublik Deutschland zum Staat Israel) oder <i>finanziellen</i>, wenn es um die materielle Entsch&auml;digung der Opfer wie zuletzt der der Zwangsarbeiter geht. Gleichwohl ist deutlich zu erkennen, dass mit dem wachsenden zeitlichen Abstands zu den Verbrechen und der damit einhergehenden Historisierung der Erinnerung der p&auml;dagogische Umgang an Bedeutung gewinnt. Geschichte, so Joachim Fest (2003), ist zur ,P&auml;dagogisierungsmacht&#8220; geworden. Auschwitz und der Holocaust werden dabei immer mehr zu Chiffren eines auf Gegenwart und Zukunft gerichteten <i>moralp&auml;dagogischen Projekts</i>, in dem es um Demokratie lernen, um eine Erziehung zur Toleranz sowie um Menschenrechtsbildung geht.</p>
<p>Die P&auml;dagogisierung der Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust ist zudem eng verwoben mit deren Globalisierung. F&uuml;r Daniel Levy und Natan Sznaider (2001) ist der Holocaust nach 1989 Teil einer &#8222;globalen Erinnerungskultur&#8220; geworden, der die Berufung auf universale Werte der Menschenrechte und Demokratie zugrunde liegt. Die gleichzeitige <i>P&auml;dagogisierung </i>und <i>Globalisierung </i>der Erinnerung an den Holocaust l&auml;sst sich auf drei Ebenen nachzeichnen:</p>
<ul>
<li>Auf der <em>bildungspolitischen </em>Ebene kann die &#8222;Declaration of the Stockholm International Forum on the Holocaust&#8220; (The International Task Force 2000) als sinnf&auml;lliger Ausdruck einer Angleichung der p&auml;dagogischen Deutung des Holocaust gelesen werden. In der Stockholmer Erkl&auml;rung einigten sich zu Beginn dieses Jahrhunderts Regierungsvertreter/innen aus &uuml;ber 40 L&auml;ndern, vornehmlich aus Europa und Nordamerika, unter Einschluss der L&auml;nder Israel, S&uuml;dafrika, Australien, Russland und T&uuml;rkei darauf, Anstrengungen zur Pr&auml;vention gegen V&ouml;lkermord, Rassismus und Antisemitismus zu verst&auml;rken.</li>
</ul>
<ul>
<li>Einhergegangen ist mit dieser bildungspolitischen Absichtserkl&auml;rung auf der <em>bildungsprogrammatischen </em>Ebene die Verbreitung von Konzepten f&uuml;r die konkrete p&auml;dagogische Praxis. Konzepte wie ,Facing History and Ourselves&#8220; der gleichnamigen us-amerikanischen Bildungsorganisation, &#8222;A World of Difference&#8220; der Anti Defamation League, &#8222;Betzavta&#8220; des Jerusalemer Adam Instituts oder &#8222;Konfrontationen&#8220; des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts haben inzwischen eine breitere internationale Aufmerksamkeit gefunden.</li>
</ul>
<ul>
<li>Auf der <em>institutionellen </em>Ebene schlie&szlig;lich ist es vor allem das &ouml;ffentliche Schulsystem, dem die Aufgabe der Realisierung des moralischp&auml;dagogischen Projekts &uuml;bertragen wurde (vgl. wiederum die Stockholmer Erkl&auml;rung: The International Task Force 2000).</li>
</ul>
<p>Versucht man die Wirkungen dieses historischen Lernprogramms zu bilanzieren, so kann f&uuml;r die Bundesrepublik festgestellt werden, dass zumindest an der Oberfl&auml;che &ouml;ffentlich artikulierter Einstellungen und Redeweisen sichtbar wird, wie pr&auml;gend die politisch-moralische Botschaft des &#8222;Nie wieder Auschwitz&#8220; f&uuml;r Jugendliche inzwischen zu sein scheint (Z&uuml;lsdorf-Kersting 2007). Wiederkehrend zeigen j&uuml;ngere Untersuchungen, dass dieses Postulat fester Bestandteil der Einstellungen eines gro&szlig;en Teils heutiger Jugendlichen ist. In der Studie von Silbermann und Stoffers (2001) etwa geben 75 Prozent der befragten 14-17j&auml;hrigen Jugendlichen an, dass sie die Erinnerung an Auschwitz f&uuml;r sehr wichtig oder wichtig erachten (ebd., 231). Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT (2010, 2) zitiert in einem aktuellen Dossier zum Thema &#8222;Jugendliche und NS-Zeit&#8220; eine in Auftrag gegebene Infratest-Befragung, in der 80 Prozent der Jugendlichen angeben, dass sie Erinnern und Gedenken f&uuml;r sinnvoll erachten.</p>
<p>Gleichwohl bergen diese Befunde auch durchaus problematische Implikationen. Denn mit der p&auml;dagogischen Konstruktion des Holocaust als moralisches Projekt geht nicht selten eine historische Entkontextualisierung der nationalsozialistischen Verbrechen einher. Jugendliche k&ouml;nnen als Lehre aus der NS-Geschichte &uuml;berzeugt sein von der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Pr&auml;vention gegen Rassismus und Antisemitismus und gleichzeitig kaum noch etwas wissen &uuml;ber die geschichtlichen Zusammenh&auml;nge, aus denen heraus die Verbrechen geschahen.</p>
<p>Welch ambivalenten Wirkungen der Erfolg der p&auml;dagogischen Besch&auml;ftigung mit dem Nationalsozialismus haben kann, l&auml;sst sich exemplarisch an den Ergebnissen der Untersuchung &#8222;Opa war kein Nazi&#8220; der Forschungsgruppe um Harald Welzer studieren, in der das intergenerationelle Sprechen &uuml;ber den Nationalsozialismus im Kontext der Familie untersucht worden ist (Welzer u. a. 2002). Die Studie interpretiert die Umdeutungen, die die deutsche Enkelgeneration an der Rolle ihrer Gro&szlig;eltern im &#8222;Dritten Reich&#8220; vornimmt, als &#8222;kumulative Heroisierung&#8220; (Welzer 2004, 52). Die Gro&szlig;eltern erscheinen in den Geschichten der Enkel kaum als schuldig Gewordene, als in Unrecht Verstrickte, sondern als Menschen, die das in ihren H&auml;nden stehende getan haben, um sich dem Nationalsozialismus zu widersetzen. Wie ist diese kumulative Heroisierung der Gro&szlig;elterngeneration zu erkl&auml;ren? Verst&auml;ndlich wird die Geschichtskonstruktion der interviewten Jugendlichen dann, wenn man sie als Ausdruck des Erfolgs der moralp&auml;dagogischen Aufkl&auml;rung &uuml;ber den Nationalsozialismus interpretiert. Das historisch nicht haltbare Geschichtsbild der Jugendlichen &uuml;ber ihre Gro&szlig;eltern entsteht nicht aufgrund mangelnden Wissens, sondern gerade weil sie viel &uuml;ber den Umgang mit dem Nationalsozialismus gelernt haben. Sozialpsychologisch k&ouml;nnte man von der Bereinigung einer kognitiven Dissonanz sprechen: Insofern die Enkelgeneration die Verurteilung der nationalsozialistischen Verbrechen an den europ&auml;ischen Juden und anderen Gruppen verinnerlicht hat, stellt diese ihren Gro&szlig;eltern auf der Grundlage famili&auml;rer Loyalit&auml;t, aber gegen jede historische Evidenz einen Freibrief im Hinblick auf deren moralische Integrit&auml;t aus. Die Entkontextualisierung des Holocaust im Zusammenhang des moralp&auml;dagogischen Projektes &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; l&auml;sst in diesem Sinne eine Leerstelle entstehen, in der die konkreten soziohistorischen Ursachen, Verantwortlichkeiten und Hintergr&uuml;nde des Holocaust zu verschwinden drohen. Ob dies in der Bundesrepublik Deutschland, dem Nachfolgestaat des &#8222;Dritten Reiches&#8220;, von dem aus der Massenmord an den europ&auml;ischen Juden seinen Ausgang nahm, als erinnerungspolitisch sinnvoll betrachtet werden kann, ist eine Frage, die zumindest &ouml;ffentlich zu diskutieren w&auml;re.</p>
<p>Ungeachtet dieser offenen Frage und der beschriebenen ambivalenten Wirkungen kann konstatiert werden, dass der moralp&auml;dagogisch gef&auml;rbte Erinnerungsdiskurs vorrangig im Medium offizieller Gedenkrituale und entsprechend programmatisch gef&uuml;hrt worden ist. Einerseits kann vermutet werden, dass der Politik vor allem daran gelegen ist, mit &ouml;ffentlicher Erziehung &uuml;ber eine Institution zu verf&uuml;gen, an die sie die normativen Erwartungen des Lernprogramms adressieren kann. An wen sonst k&ouml;nnten Tugendpostulate wie Demokratie-, Toleranz- oder Empathief&auml;higkeit gerichtet werden, wenn nicht an den schulischen Politik- und Geschichtsunterricht. Andererseits steckt die er-ziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Konzepten der Erinnerungs- und Gedenkp&auml;dagogik immer noch in ihren Anf&auml;ngen, so dass eigentlich nach wie vor unklar ist, worin die M&ouml;glichkeiten, aber auch die Grenzen der schulischen Vermittlung der NS-Geschichte bestehen. Vor diesem Hintergrund besteht ein dringender Kl&auml;rungsbedarf dar&uuml;ber, was im Klassenzimmer tats&auml;chlich passiert, wenn dort der Nationalsozialismus und der Holocaust thematisiert werden.</p>
<h2 class="auto-created">II.Kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;tion &uuml;ber Moral vs. moralische Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion</h2>
<p>Diese L&uuml;cke aufgreifend ist in dem Frankfurter Forschungsprojekt &#8222;Der Umgang mit den Paradoxien politisch-moralischer Erziehung&#8220; empirisch untersucht worden, wie im schulischen Geschichtsunterricht mit den Herausforderungen umgegangen wird, die mit der moralischen Aufladung der Themen Nationalsozialismus und Holocaust einhergehen (Meseth/Proske 2010). Die zentrale Leitfrage unserer Untersuchung lautete: Was passiert, wenn mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust ein Thema im Geschichtsunterricht behandelt wird, mit dem hochgradig ambitionierte Erwartungen in Bezug auf die politisch-moralischen Einstellungen heutiger Jugendlichen verkn&uuml;pft sind? Wendet man das Erkenntnisinteresse auf den sozialen Kontext der Erinnerungspraktiken, stellt sich die Frage, wie unter Bedingungen schulischen Unterrichts das moralp&auml;dagogische Projekt &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; aufgegriffen, realisiert und dabei m&ouml;glicherweise transformiert wird.</p>
<p>Um die Frage der schulischen Implikationen des moralp&auml;dagogischen Projekts &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; untersuch- und diskutierbar zu machen, ist zun&auml;chst zu kl&auml;ren, was mit Moral eigentlich gemeint ist. Die Studie hat sich nicht einseitig an den Vorgaben eines an Kohlberg (1976) geschulten Moralverst&auml;ndnisses orientiert. Kohlbergs <i>kognitionstheoretisches </i>Verst&auml;ndnis der Moral bindet den Erwerb moralischer Kompetenzen an das Vorhandensein deutlich unterscheidbarer Begr&uuml;ndungsformen, die wiederum als Ausdruck bestimmter soziomoralischer Perspektiven gedeutet werden. Unterscheidungskriterium ist das jeweilige Verh&auml;ltnis dieser Begr&uuml;ndungen zur &ouml;ffentlichen Moral, das hei&szlig;t zu gesellschaftlichen Regeln, Erwartungen und Konventionen. Diese k&ouml;nnen der Person &auml;u&szlig;erlich bleiben, von ihr als Mitglied der Gesellschaft geteilt oder aber mittels autonom begr&uuml;ndeter Prinzipien transzendiert werden. In der Bindung an Begr&uuml;ndungsformen artikuliert sich das <i>vernunftzentrierte Erbe </i>von Kohlbergs Zugriff auf die Moral. Moralische Entwicklung besteht f&uuml;r ihm &#8222;in der zunehmenden Vertiefung des Verst&auml;ndnisses der Geltungsgr&uuml;nde moralischer Regeln und der Motive ihrer Befolgung&#8220; (Nunner-Winkler/Edelstein 1993, 8).</p>
<p>So pr&auml;gend der Kohlberg&acute;sche Ansatz f&uuml;r die erziehungswissenschaftliche und entwicklungspsychologische Beobachtung der Moral geworden ist, so ist dennoch eine Leerstelle nicht zu &uuml;bersehen. Moral wird in seiner Perspektive prim&auml;r als kognitives Ph&auml;nomen betrachtet. Die Bedeutung und die Folgen von Moral in der Kommunikation unter Anwesenden wird in Kohlbergs Ansatz systematisch untersch&auml;tzt. Aus diesem Grund hat sich unsere Untersuchung eine zweite Perspektive auf Moral als Kontrastfolie zu eigen gemacht, die st&auml;rker einer soziologischen Tradition im Sinne Durkheims (1991) oder Luhmanns (1990) verpflichtet ist. Diese Traditionslinie betont die Differenz zwischen der kognitiven Frage der Begr&uuml;ndung moralischer Prinzipien einerseits und der sozialen Form der Moral in unterschiedlich institutionalisierter Alltagkommunikation andererseits. Mit Blick auf <i>Moral als sozialer Tatsache </i>untersucht dieser Ansatz die <i>kommunikative und kontextbezogene Verfasstheit und Ausgestaltung der Moral, </i>sowohl in ihren integrativen als auch in ihren konflikt&auml;ren Folgen (vgl. Bergmann/Luckmann 1999). F&uuml;r die soziale Gestalt der Moral ist ein Aspekt zentral. Der Gebrauch moralischer Modalw&ouml;rter wie &#8222;sollen&#8220; oder &#8222;d&uuml;rfen&#8220; in Verbindung mit den Moralpr&auml;dikaten &#8222;gut&#8220; und &#8222;schlecht&#8220; ist untrennbar mit der <i>Bewertung </i>von Personen, ihren Einstellungen, Meinungen und Handlungen verbunden (Tugendhat 1993, 35). Diese wertende Eigenschaft moralischer Kommunikation erkl&auml;re, so Tugendhat weiter, warum moralische Urteile mit Gef&uuml;hlen der Emp&ouml;rung, des Zorns, der Scham oder der Schuld verbunden sind. Diese Gef&uuml;hle zeigen, dass in moralischer Kommunikation die Integrit&auml;t von Personen auf dem Spiel stehe, insofern sich diese gegen&uuml;ber den in moralischen Urteilen zum Ausdruck kommenden Regeln und Normen verpflichtet und entsprechend moralisch verletzbar f&uuml;hlen (ebd.).</p>
<p>F&uuml;r die empirische Studie l&auml;sst sich nach dieser theoriegeleiteten Sch&auml;rfung der Untersuchungsperspektive festhalten, dass prinzipiell mit mindestens zwei Formaten des Bezugs auf Moral im Klassenzimmer zu rechnen w&auml;re. W&auml;hrend das erste Format als <i>Kommunikation &uuml;ber Moral</i> beschrieben werden kann, l&auml;sst sich das zweite Format als <i>moralische Kommunikation </i>im engeren Sinne verstehen:</p>
<ul>
<li>F&uuml;r &#8222;Kommunikation &uuml;ber Moral&#8220; ist eine wissensbezogen-kognitive Gestalt charakteristisch. Dieses Format behandelt Moral als Thema, mit dem spezifische Einstellungs- und Beurteilungserwartungen verbunden sind, deren Geltungsgr&uuml;nde im Unterricht argumentativ erschlossen, nachvollzogen und eingesehen werden sollen. Moral kann in der Schule damit als Bestandteil des Unterrichtsgegenstandes Nationalsozialismus und Holocaust virulent werden, insofern dieses Thema und seine Rahmung konstitutiv die Erwartung mit sich f&uuml;hrt, dass alle Mitdiskutierenden &#8211; wie unausgesprochen auch immer &#8211; die moralische Verurteilung des Nationalsozialismus ebenso teilen wie sie die politisch-moralischen Schl&uuml;sse bef&uuml;rworten, die sich in der Maxime &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; ausdr&uuml;cken. Auf dieser Grundlage kann dann sowohl <em>&uuml;ber </em>Ursachen des Nationalsozialismus kontrovers debattiert werden wie <em>&uuml;ber </em>die Frage, welche konkreten Konsequenzen sich aus der Ablehnung der NS-Ideologie f&uuml;r den Umgang mit Minderheiten heute ergeben. Solange Lehrer wie Sch&uuml;ler sich im Geschichtsunterricht gegenseitig Konformit&auml;t mit der &ouml;ffentlichen Moral unterstellen, kann der Unterricht im Format ,Kommunikation &uuml;ber Moral&#8220; operieren. Wird diese Pr&auml;misse jedoch br&uuml;chig, k&ouml;nnen sofort moralische Konflikte entstehen, d. h. die Kommunikation wechselt in das Format moralischer Kommunikation (vgl. etwa den Fall &#8222;Eva Herman&#8220; im &ouml;ffentlich-medialen Diskurs).</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Format &#8222;moralische Kommunikation&#8220; weist in diesem Sinne darauf hin, dass Moral sich nicht in kognitiven Formen ersch&ouml;pft. Sie hat keineswegs nur eine rationale Seite, in der sich kognitiv h&ouml;herstufige Begr&uuml;ndungsformate methodisch angeleitet durchsetzen. In moralischer Kommunikation sind Aussagen unmittelbar mit personenbezogenen Wertungen, d. h. der Zuschreibung und Antizipation von Achtung und Missachtung verbunden. Insofern ist moralische Kommunikation mit Gef&uuml;hlen verbunden, die das Interaktionsgeschehen potentiell prek&auml;r und riskant f&uuml;r die Beteiligten werden l&auml;sst. Im Kontext schulischen Unterrichts ist insbesondere die immer mitlaufende Bewertung von Sch&uuml;lerbeitr&auml;gen durch die Lehrperson ein potentielles Einfallstor f&uuml;r moralische Aufladungen der Kommunikation. Dies tr&auml;te etwa dann ein, wenn bestimmte Beitr&auml;ge von Sch&uuml;lern/innen nicht nur als kognitiv, sondern auch als moralisch problematisch <em>bewertet </em>und diesen <em>personenbezogen </em>zugerechnet werden.</li>
</ul>
<p>Methodisch ist unsere Studie als qualitativ angelegte in-situ-Untersuchung des tats&auml;chlichen Verlaufs des schulischen Geschichtsunterrichts konzipiert und durchgef&uuml;hrt worden. Im Untersuchungsfeld sind dabei vier mehrw&ouml;chige Lehreinheiten in zwei Hauptschulklassen der Jahrgangsstufe 9 und in zwei Gymnasialklassen der Stufe 10 beobachtet und aufgenommen worden.</p>
<h2 class="auto-created">III. Die Entsch&auml;r&shy;fung des moral&shy;p&auml;d&shy;ago&shy;gi&shy;schen Projekts &bdquo;Aus der Geschichte lernen&ldquo;</h2>
<p>Der zentrale empirische Befund unserer Studie lautet, dass sich das Format der moralischen Kommunikation im Sinne der expliziten Bewertung von moralischen Verhaltenspr&auml;missen der Sch&uuml;ler/innen in den von uns untersuchten Stunden nicht finden l&auml;sst. Den Geschichtsunterricht dominiert ein Kommunikationsmodus, der sich auf die wissensbezogene Form der Thematisierung von Nationalsozialismus und Holocaust beschr&auml;nkt, d. h. auf das Format &#8222;Kommunikation &uuml;ber Moral&#8220;. Im Vordergrund stehen soziale, politische und ideologische Hintergr&uuml;nde und Zusammenh&auml;nge der beiden Themen, etwa wenn es um die W&auml;hlerschaft der NSDAP, Hitlers Au&szlig;enpolitik oder den Antisemitismus geht. Moralische Kommunikation wird selbst dann vermieden, wenn Sch&uuml;ler/innen Beitr&auml;ge in den Unterricht einbringen, die als Abweichung von moralischen Erwartungen gedeutet werden k&ouml;nnten. Lehrpersonen korrigieren in solchen Situationen Unzul&auml;nglichkeiten im Umgang mit historischen Quellen oder Inkonsistenzen in der Argumentation, nicht jedoch den Urheber dieser &Auml;u&szlig;erungen als moralische Person. Diesen sachlichen, auf den kognitiven Gehalt des Themenfeldes zielenden Modus der Kommunikation k&ouml;nnte man als Beleg f&uuml;r die relative Stabilit&auml;t der Pr&auml;misse der schulischen Thematisierung des NS und des Holocaust deuten: Bis auf Weiteres <i>vertrauen </i>alle Beteiligten der wechselseitigen Unterstellung, dass alle den Nationalsozialismus moralisch und politisch verurteilen. Auch &uuml;ber die politisch-moralischen Schlussfolgerungen wird prim&auml;r in diesem kognitiven Modus diskutiert, etwa wenn es um die Frage geht, wie sicher man eigentlich davon ausgehen k&ouml;nne, dass die Mehrheit der deutschen Bev&ouml;lkerung rassistisch-ausgrenzender Propaganda heute nicht folgen w&uuml;rde. In diesem Sinne lassen sich unsere Analysen zun&auml;chst dahingehend res&uuml;mieren, dass das moralp&auml;dagogische Projekt der Holocaust-Education im schulischen Geschichtsunterricht insofern entsch&auml;rft wird, als explizite, auf die moralischen Haltungen der Sch&uuml;ler/innen zielende Beeinflussung eher vermieden, wenn nicht gar gezielt umschifft wird.</p>
<p>Der Befund, dass das moralp&auml;dagogische Projekt &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; im Geschichtsunterricht kognitiv entsch&auml;rft wird, w&auml;re jedoch &uuml;berinterpretiert, wenn man ihn mit der Behauptung gleichsetzen w&uuml;rde, dass der Unterricht g&auml;nzlich moralfrei stattfinde. Dies ist nicht der Fall. Moral kommt im Geschichtsunterricht &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust durchaus vor. Die Gestalt, die sie dabei in der Regel annimmt, kann als <i>kaschierte Form </i>im Sinne der oben dargestellten Kommunikation und Reflexion &uuml;ber Moral bezeichnet werden. Empirisch tritt diese Form &uuml;ber die <i>impliziten </i>moralischen Anspr&uuml;che des Themas Nationalsozialismus und Holocaust in die Unterrichtskommunikation ein. Das hei&szlig;t, in dem von uns beobachteten Unterricht finden durchaus Gespr&auml;che &uuml;ber die Geltung moralischer Urteile statt. Sie verbleiben jedoch &#8211; zumindest lehrerseitig &#8211; in einem kognitiven Modus, etwa wenn bestimmte Zeichnungen aus einem Schulbuch der NS-Zeit im Gespr&auml;ch als antisemitische und menschenfeindliche Darstellung von den Sch&uuml;lern/innen erkannt und analysiert werden (sollen).</p>
<h2 class="auto-created">IV. &bdquo;Aus der Geschichte lernen&ldquo; und die Unaus&shy;weich&shy;lich&shy;keit der Moral</h2>
<p>Unsere Rekonstruktionen legen jedoch einen weiteren Befund frei, der der These einer Entsch&auml;rfung des moralp&auml;dagogischen Projekts im Geschichtsunterricht in einer gewissen Weise zuwiderl&auml;uft. Im Verlauf des Unterrichts kommt es trotz der Vermeidung personenbezogener Moralerziehung durch die Lehrpersonen unter bestimmten Bedingungen zu einer moralischen Aufladung der Kommunikation. Auffallend ist, dass sie nicht von den Lehrpersonen, das hei&szlig;t absichtsvoll initiiert wird. F&uuml;r solch eine moralische Aufladung lassen sich zwei Bedingungskonstellationen identifizieren: Entweder tritt der implizite moralische Gehalt des Themenfeldes Nationalsozialismus und Holocaust im Unterrichtsgespr&auml;ch auf einmal offen zu Tage, oder aber Sch&uuml;lern/innen deuten Beurteilungen der Lehrkr&auml;fte zumindest im Zusammenhang dieses Themenfeldes als an sie pers&ouml;nlich adressierte moralisch-negative Urteile.</p>
<p>Ein Beispiel f&uuml;r die erste Variante, das hier nur illustrativ dargestellt werden kann (vgl. Proske 2006): Eine Klasse behandelt das Thema Ursachen und Hintergr&uuml;nde des Antisemitismus. Der Lehrer lenkt das Gespr&auml;ch auf den Aspekt des christlichen Antijud&auml;ismus. V&ouml;llig unvermittelt unterbricht die Sch&uuml;lerin Jenny dieses Gespr&auml;ch, in dem sie einwirft, dass sie nicht verstehe, warum sie sich immer wieder f&uuml;r die an Juden begangenen Verbrechen entschuldigen m&uuml;sse. Sie k&ouml;nne doch gar nichts mehr daf&uuml;r. Deutlich wird an dieser Stelle, dass die blo&szlig;e Thematisierung des Antisemitismus immer auch unmittelbar moralische Implikationen aufweist. Jenny versteht sich als jemand, die sich von einer Entschuldigungserwartung moralisch als Person getroffen f&uuml;hlt. Das Irritierende an ihrem Beitrag besteht darin, dass die Zur&uuml;ckweisung einer Entschuldigungserwartung kommunikativ nur Sinn macht, wenn es vorher eine Schuldzuweisung gegeben hat. Dies ist jedoch in der Unterrichtskommunikation explizit nicht der Fall. Dieser &Uuml;bergang von einer kognitiven Kommunikation &uuml;ber Moral zur moralischen Kommunikation bei Jenny kann m. E. unter zwei sich hier verschr&auml;nkenden Bedingungen gedeutet werden, die jedoch beide dem schulischen Geschichtsunterricht vorausgehen: Zum einen ist unabh&auml;ngig von expliziten moralp&auml;dagogischen Absichten des Lehrers von einer impliziten moralischen Aufladung des Themas Antisemitismus durch den &ouml;ffentlichen Erinnerungsdiskurs auszugehen. Zum anderen kommt hinzu, dass Unterricht als p&auml;dagogische Form durch eine generalisierte Erziehungserwartung strukturiert ist. Sie versieht nahezu jede unterrichtliche Behandlung eines Themas mit einer <i>bestimmten</i>, keineswegs beliebigen Lernerwartung, was wiederum zu entsprechenden Ablehnungsreaktionen bei den Sch&uuml;lern/innen f&uuml;hren kann. Und gerade das Thema Nationalsozialismus in seiner moralp&auml;dagogischen Vereindeutigung im &ouml;ffentlichen Erinnerungsdiskurs eignet sich offenbar in besonderer Weise zur sch&uuml;lerseitigen Inszenierung von Dissidenz.</p>
<h2 class="auto-created">V. Awareness als Leistung des schulischen Geschichts&shy;un&shy;ter&shy;richts</h2>
<p>Versucht man abschlie&szlig;end den im Kontext des schulischen Geschichtsunterrichts rekonstruierten Umgang mit den moralischen Implikationen einer geschichts- wie gegenwartsbezogenen Vermittlung der NS-Geschichte auf die Ausgangsfragen zu beziehen, so lassen sich einige Schlussfolgerungen f&uuml;r das moralp&auml;dagogische Projekt &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; ziehen.</p>
<p>Die Beobachtung, dass in den von uns untersuchten Schulstunden in der Regel kognitivierende Formen der Thematisierung des Nationalsozialismus und des Holocaust zu finden sind, zeigt, dass der Geschichtsunterricht ein Ort ist, dem die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern vor allem Informationen und Bewertungen <i>&uuml;ber </i>die Geschichte entnehmen und sich aneignen k&ouml;nnen. Die spezifische Leistungsf&auml;higkeit des Geschichtsunterrichts erweist sich darin, die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in die gesellschaftlich g&uuml;ltig gemachten Redeweisen &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust einzusozialisieren. In erinnerungskultureller Hinsicht kann die Schule als der gesellschaftliche Ort verstanden werden, an dem die jeweils nachwachsende Erinnerungsgeneration mit dem politisch-moralischen Erbe der Bundesrepublik Deutschland vertraut gemacht wird. Diese Leistungsf&auml;higkeit des Geschichtsunterrichts ist zun&auml;chst einmal keineswegs gering zu sch&auml;tzen. F&uuml;r die politische Kultur einer Gesellschaft sind solche Schritte der sozialen Institutionalisierung von geschichtlichen Narrativen und von deren politischer und moralischer Beurteilung ein bedeutsamer Baustein.</p>
<p>Um die Einsozialisierung in die gesellschaftlich kanonisierten Redeweisen &uuml;ber die NS-Geschichte angemessen einsch&auml;tzen zu k&ouml;nnen, ist es entscheidend, diese nicht vor-schnell mit individuellen Lernprozessen der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler gleichzusetzen. Ob Jugendliche die etablierten Deutungen &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust &uuml;bernehmen, ob diese bei ihnen Ver&auml;nderungen ihrer politisch-moralischen &Uuml;berzeugungen auch im Hinblick auf gegenw&auml;rtige gesellschaftliche Problemfelder ausl&ouml;sen, ist damit noch keineswegs beantwortet. Einerseits kann man sicherlich festhalten, dass Wissen &uuml;ber die NS-Geschichte, ihre Hintergr&uuml;nde und Zusammenh&auml;nge, die M&ouml;glichkeit f&uuml;r individuelle Lernprozesse erh&ouml;ht. Andererseits zeigt unsere Empirie ebenso deutlich, dass an Stellen, an denen die politisch-moralische Botschaft aus der NS-Geschichte unvermittelt als eine eindeutige Lernerwartung mit direkten moralischen Implikationen an die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler herantritt (wenn also der Modus der Kommunikation von einem &#8222;&uuml;ber&#8220; zu einem &#8222;Ihr&#8220; wechselt), Abwehrreaktionen der Jugendlichen wahrscheinlicher werden. Die direkte politisch-moralische Adressierung von Jugendlichen unter Bedingungen von Schule scheint konfliktaffin. Weil die Schule ein Ort ist, an dem die wissens- und die personenbezogene Anerkennung von Jugendlichen nicht scharf auseinander zu halten ist, wird gerade das Thema Nationalsozialismus und Holocaust aus der Sicht der Sch&uuml;ler/innen zu einem Thema, bei dem ihre pers&ouml;nliche Integrit&auml;t vor den Augen der Klassen&ouml;ffentlichkeit auf dem Spiel stehen kann.</p>
<p>Die Gefahr, die im Geschichtsunterricht stattfindende Einsozialisation in die etablierten Redeweisen &uuml;ber die NS-Geschichte mit individuellem Lernprozessen der gegenw&auml;rtigen Erinnerungsgeneration zu verwechseln, hat mit einer begrifflichen Konfusion zu tun, die auch f&uuml;r das moralp&auml;dagogische Programm &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; kennzeichnend ist. Gerade weil es diesem Programm um mehr geht als um die Aneignung von Wissen, n&auml;mlich auch um die Ver&auml;nderung von moralischen Haltungen und politischen Einstellungen zu den geschichtlichen Ereignissen, aber auch zu gegenw&auml;rtigen Problemfeldern, ger&auml;t die Pr&auml;misse, aus der Geschichte k&ouml;nne gelernt werden, unter Druck. Die Schwierigkeit hat mit dem Begriff des Lernens selbst zu tun. Lernen beschreibt <i>Ver&auml;nderungen kognitiver Schemata</i>, die in der Regel auf neuen Informationen &uuml;ber einen Sachverhalt beruhen, ohne dass mit diesen <i>&Auml;nderungen der Verhaltensweisen </i>notwendigerweise einhergehen m&uuml;ssen. Jan Philipp Reemtsma hat diese Problemstellung in seinem Essay zur Frage &#8222;Was hei&szlig;t: aus der Geschichte lernen?&#8220; pr&auml;gnant auf den Punkt gebracht: &#8222;Die Schwierigkeit liegt darin, eine Einstellungs&auml;nderung als ein Lernen zu beschreiben. (&#8230;) Ich kann lernen, verschiedene Phasen im Werk eines K&uuml;nstlers zu unterscheiden, aber ich kann nicht lernen, das Werk Turners oder Strawinskys zu bewundern. Ich kann vielleicht lernen, die milit&auml;rischen Fehler des deutschen Generalstabes zu erkennen, aber ich kann nicht lernen, Falkenhayns strategische Planungen zu verabscheuen (Reemstma 2001, 45-46).&#8220;</p>
<p>Mit Einsicht in die Unm&ouml;glichkeit, moralische Gef&uuml;hle, Haltungen und Verhaltensweisen direkt erwirken zu k&ouml;nnen, ist eine grunds&auml;tzliche Begrenzung des moralp&auml;dagogischen Projekts &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; auch und vielleicht gerade im Kontext des schulischen Geschichtsunterrichts benannt.</p>
<p>Im Wissen um die Begrenzung der z. T. &uuml;berambitionierten Anspr&uuml;che des moralp&auml;dagogischen Programms scheint die Aufgabe des Geschichtsunterricht darin zu liegen, den erinnerungskulturell bereits institutionalisierten Umgang mit der NS-Geschichte dem Lackmustest seiner kommunikativen Bew&auml;hrung im Gespr&auml;ch zwischen Generationen auszusetzen. Durch die sprachliche Kategorisierung der geschichtlichen Ereignisse, durch die Pr&auml;sentation der aus diesen Ereignissen gesellschaftlich gezogenen politischen und moralischen Schlussfolgerungen, aber auch durch deren Infragestellung und Kritik scheint der Geschichtsunterricht &uuml;ber die NS-Geschichte eine Schnittstelle zu sein zwischen kulturell-institutionalisierten und kommunikativen Erinnerungsformen innerhalb des kollektiven Ged&auml;chtnisses der bundesrepublikanischen Gesellschaft (vgl. zum Hintergrund dieser Unterscheidung: Assmann (1988; 1992). Das, was der Geschichtsunterricht offensichtlich bei seinen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern erreicht, ist eine <i>awareness </i>in Bezug auf die heutige Bedeutung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen f&uuml;r die politische Kultur in der Bundesrepublik wie auch in der sich globalisierenden Welt. Dass, was die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler dann an konkreten Schlussfolgerungen f&uuml;r den Umgang mit heutigen politischen Konflikten und moralischen Kontroversen ziehen, kann ihnen jedoch weder der Geschichtsunterricht noch die Geschichte abnehmen.</p>
<p><b>*</b> Bei dem Beitrag handelt es sich um eine &uuml;berarbeitete Fassung des Aufsatzes &#8222;Das moralp&auml;dagogische Projekt Aus der Geschichte lernen und der schulische Geschichtsunterricht &uuml;ber den Nationalsozialismus und den Holocaust&#8220; in der Zeitschrift Ethik und Gesellschaft, Heft 2/2010.</p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Assmann, Aleida 1992: Erinnerungsr&auml;ume. Formen und Wandlungen des kulturellen Ged&auml;chtnisses. M&uuml;nchen, Beck.</p>
<p>Assmann, Jan 1988: Kollektives Ged&auml;chtnis und kulturelle Identit&auml;t, in: Ders./H&ouml;lscher, Tonio (Hg.): Kultur und Ged&auml;chtnis. Frankfurt/M., Suhrkamp, S. 9-19.</p>
<p>Bergmann, J&ouml;rg/Luckmann, Thomas 1999: Moral und Kommunikation, in: dies. (Hg.), Kommunikative Konstruktion von Moral. Struktur und Dynamik der Formen moralischer Kommunikation, Bd. 1. Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 13-36.</p>
<p>DIE ZEIT: Jugendliche und NS-Zeit. &#8222;Was geht mich das noch an?&#8220;, in ZEITmagazin vom 4.11. 2010. Durkheim, Emile 1991: Physik der Sitten und des Rechts. Vorlesungen zur Soziologie der Moral. Hrsg. von Hans-Peter M&uuml;ller. Frankfurt/M., Suhrkamp.</p>
<p>Fest, Joachim 2003: Was wir aus der Geschichte nicht lernen, in: DIE ZEIT vom 20. M&auml;rz 2003.</p>
<p>Frei, Norbert 2004: Deutsche Lernprozesse. NS-Vergangenheit und Generationenfolge seit 1945, in: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hg.): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts. Frankfurt/Main, Campus, S. 33-48.</p>
<p>Kohlberg, Lawrence 1976: Moralstufen und Moralerwerb.. Der kognitiv-entwicklungstheoretische Ansatz, in: Edelstein, Wolfgang/Oser, Fritz/Schuster, Peter (Hg.) (2001): Moralische Erziehung in der Schule. Entwicklungspsychologische und p&auml;dagogische Praxis. Weinheim/Basel, Beltz, S. 35-61.</p>
<p>Levy, Daniel/Sznaider, Natan 2001: Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt/M., Suhrkamp.</p>
<p>Luhmann, Niklas 1990: Paradigm lost: &Uuml;ber die ethische Reflexion der Moral. Frankfurt/M., Suhrkamp. Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias 2010: Mind the Gap. Holocaust Education in Germany between pedagogical intentions and classroom interaction, in: Prospects. Quarterly Review of Comparative Education 40 (2010), S. 201-220.</p>
<p>Nunner-Winkler, Gertrud/Edelstein, Wolfgang 1993: Einleitung, in: Ders./Dies./ /Noam, Gil (Hg.): Moral und Person. Frankfurt/M., Suhrkamp, S. 7-30.</p>
<p>Proske, Matthias 2006: &#8222;Wieso m&uuml;ssen wir uns jedes Mal wieder daf&uuml;r entschuldigen. Wir k&ouml;nnen doch gar nicht mehr daf&uuml;r&#8220;. Geschichtsunterricht zwischen erinnerungsp&auml;dagogischen Herausforderungen und Wirksamkeitsphantasien, in: Widerstreit &#8211; Sachunterricht, 4 (2006), Nr. 7 (<a href="http://www.widerstreitsachunterricht.de/" target="_blank" rel="noopener">www.widerstreitsachunterricht.de</a>).</p>
<p>Reemtsma, Jan Philipp 2001: Was hei&szlig;t: aus der Geschichte lernen?, in: ders., &#8222;Wie h&auml;tte ich mich verhalten?&#8220; und andere nicht nur deutsche Fragen: Reden und Aufs&auml;tze. M&uuml;nchen, C. H. Beck, S. 30-52.</p>
<p>Silbermann, Alphons/Stoffers, Manfred 2000: Auschwitz: Nie davon geh&ouml;rt? Erinnern und Vergessen in Deutschland. Berlin, Rowohlt.</p>
<p>The International Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research 2000: Declaration of the Stockholm International Forum on the Holocaust (<a href="http://www.holocausttaskforce.org/about-the-itf/stockholm-declaration.html" target="_blank" rel="noopener">www.holocausttaskforce.org/about-the-itf/stockholm-declaration.html</a>).</p>
<p>Tugendhat, Ernst 1993: Die Rolle der ldentit&auml;t in der Konstitution der Moral, in: Edelstein, Wolfgang/Nunner-Winkler, Gertrud/Noam, Gil (Hg.): Moral und Person. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 33-47.</p>
<p>Welzer, Harald 2004: &#8222;Ach Opa!&#8220;. Einige Bemerkungen zum Verh&auml;ltnis von Tradierung und Aufkl&auml;rung, in: Meseth, Wolfgang/Proske, Matthias/Radtke, Frank-Olaf (Hg.): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts. Frankfurt/M., Campus, S. 49-64.</p>
<p>Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline 2002, &#8222;Opa war kein Nazi&#8220;. Nationalsozialismus und Holocaust im Familienged&auml;chtnis. Frankfurt/M., Fischer.</p>
<p>Z&uuml;lsdorf-Kersting, Maik 2007: Sechzig Jahre danach: Jugendliche und Holocaust. Eine Studie zur geschichtskulturellen Sozialisation. M&uuml;nster, Lit-Verlag.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/2-2012-vorgaenge/publikation/wie-in-der-schule-aus-geschichte-gelernt-wird/">Wie in der Schule aus Geschichte gelernt wird</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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