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	<title>Oliver D&#039;Antonio Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Schlingerkurs in die Berliner Republik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 14:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie die Parteiendemokratie ihre Stabilit&#228;t verlor; aus: vorg&#228;nge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 118-128 Deutschland gratuliert sich selbst. Im Superwahljahr 2009 feiert sich die sechzig Jahre junge Bundesrepublik. Neben dem runden Geburtstag des Grundgesetzes j&#228;hrt sich auch der Fall der Berliner Mauer zum zwanzigsten Mal. Die politische Elite lobpreist die gro&#223;en Errungenschaften und die Erfolgsgeschichte [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/schlingerkurs-in-die-berliner-republik/">Schlingerkurs in die Berliner Republik</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wie die Parteiendemokratie ihre Stabilit&auml;t verlor;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 118-128</p>
<p>Deutschland gratuliert sich selbst. Im Superwahljahr 2009 feiert sich die sechzig Jahre junge Bundesrepublik. Neben dem runden Geburtstag des Grundgesetzes j&auml;hrt sich auch der Fall der Berliner Mauer zum zwanzigsten Mal. Die politische Elite lobpreist die gro&szlig;en Errungenschaften und die Erfolgsgeschichte des zweiten Anlaufs zu einer deutschen Demokratie. Vom Wirtschaftswunder bis zur Wiedervereinigung w&uuml;rdigt sie die vergangenen Jahrzehnte und auch die 68er-Generation spart nicht mit Glanz und Gloria bei der W&uuml;rdigung ihres Beitrags zur Nachkriegsdemokratie.[1] Passend zu diesen beiden Jubil&auml;en j&uuml;ngerer deutscher Geschichte wird 2009 nicht nur das Staatsoberhaupt f&uuml;r weitere f&uuml;nf Jahre gew&auml;hlt, auch durften die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &uuml;ber einen neuen Bundestag und dazu in mehreren Bundesl&auml;ndern &uuml;ber Landes-, Stadt- und Gemeindeparlamente entscheiden. Im Juni w&auml;hlten die Deutschen sogar zum wiederholten Male europ&auml;isch.</p>
<p>Diese F&uuml;lle von Urneng&auml;ngen und Wahlakten k&ouml;nnte der glanzvolle H&ouml;hepunkt im Jubeljahr der &#8222;gegl&uuml;ckten Demokratie&#8220;[2] sein, wenn nur das Wahlvolk mitspielen w&uuml;rde. Denn das eben zitierte Erfolgsmodell erscheint in der R&uuml;ckschau als ein sehr westdeutsches Ph&auml;nomen aus der &Auml;ra der Bonner Regierungsjahre zu sein, in der gro&szlig;e mitgliederstarke Volksparteien, eine hohe Stabilit&auml;t des Parteiensystems und der Regierung sowie ein breiter Konsens der politischen und gesellschaftlichen Eliten die Demokratie trugen. Hingegen h&auml;uften sich die parteiendemokratischen Krisensymptome in der j&uuml;ngsten Vergangenheit: der bisweilen dramatische R&uuml;ckgang der Wahlbeteiligung, die Erosion der einstigen Volksparteien, die Versch&auml;rfung des Parteienwettbewerbs sowie die wachsende Instabilit&auml;t regierungsf&auml;higer Mehrheiten. Die derart gewandelte Republik wird heute von Berlin aus regiert und dies &#8211; passend zum Jahr der Jubil&auml;en &#8211; nun bereits im zehnten Jahr. Nach einer feierlichen &Uuml;bergabe im April 1999 nahm der Deutsche Bundestag am 7. September des Jahres seine kontinuierliche Arbeit im renovierten Berliner Reichstagsgeb&auml;ude auf. Dieses Datum steht f&uuml;r eine Z&auml;sur in der bundesdeutschen Geschichte, f&uuml;r den &Uuml;bergang von der Bonner zur Berliner Republik. Und mit dem Abschied von Bonn verlie&szlig; Deutschland auch den Pfad nahezu unwidersprochenen Erfolges und begab sich in eine bis heute unsichere Zukunft.</p>
<h2 class="auto-created">Weimar, Bonn &ndash; und nun Berlin? </h2>
<p>Historische Z&auml;suren gliedern im menschlichen Bewusstsein die Weltgeschichte. In bestimmten Augenblicken kulminieren zahlreiche parallel verlaufende Entwicklungsstr&ouml;me in einem konkreten historischen Ereignis, das in der Folge symbolisch f&uuml;r einen Epochenwechsel oder den Beginn einer neuen &Auml;ra steht. Die Ereignisse zwischen der Herbst-Revolution von 1989 und dem Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 stehen f&uuml;r einen solchen epochalen Wechsel. Dass das Ende der Deutschen Demokratischen Republik f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger der so genannten neuen Bundesl&auml;nder einen fundamentalen Einschnitt in deren Lebensverl&auml;ufe nach sich zog, ist unumstritten. Wesentlich unklarer war in den 1990er Jahren hingegen, was die vollendete Einheit f&uuml;r die alte westdeutsche Republik bedeuten w&uuml;rde. Das neue, geeinte Deutschland sei keine vergr&ouml;&szlig;erte alte, sondern eine v&ouml;llig neue Republik, wurde seinerzeit vielfach argumentiert, die Berliner Republik habe die alte Bonner Republik abgel&ouml;st.[3]</p>
<p>Derlei Thesen ernteten jedoch rasch Kritik. Vor allem die formale Kontinuit&auml;t der wesentlichen Institutionen und Akteure der alten Bundesrepublik schien zur Deutung einer neuen Republik im Widerspruch zu stehen.[4] Auch in Bezug auf das Parteiensystem der Berliner Republik erkannte der Politologe Richard St&ouml;ss 1999 &#8222;mehr Kontinuit&auml;t als Wandel&#8220;.[5] Zudem erschien die Debatte um die plakative Formel einer Berliner Republik als eine h&ouml;chst emotionale Angelegenheit. Schlie&szlig;lich stand die alte Hauptstadt am Rhein f&uuml;r eine einzigartige demokratische Erfolgsgeschichte auf deutschem Boden, von der ein Abschied weder denkbar, noch w&uuml;nschenswert sei. So pl&auml;dierte beispielsweise der ehemalige CDU-Vorsitzende Rainer Barzel daf&uuml;r, dass Berlin sich die &#8222;Bonner Wirklichkeit zur Me&szlig;latte&#8220; nehmen m&uuml;sse: &#8222;Ich will nicht in einer &sbquo;Berliner Republik&#8216; leben&#8220;, so sein Zwischenruf am Vorabend des Umzugs.[6] Auch der Soziologe J&uuml;rgen Habermas mahnte, im Umgang mit der &#8222;Normalit&auml;t&#8220; einer Berliner Republik, nicht die historischen Grundsteine zu vergessen, auf welcher der Bonner Erfolgsfall fu&szlig;te.[7]</p>
<p>Tats&auml;chlich erschien die These von einer Neugr&uuml;ndung der Republik im Zuge von Wiedervereinigung und Hauptstadtwechsel zu Ende der 1990er Jahre noch durchaus spekulativ. Denn eine g&auml;ngige Form der Wahrnehmung in jenen Jahren ging davon aus, dass der alte westdeutsche Teilstaat im Kampf der Systeme obsiegt habe und so schien es folgerichtig, dass die DDR zum Erweiterungsgebiet einer Bonner Republik in nahezu vollkommener politisch-institutioneller Kontinuit&auml;t werden w&uuml;rde. Und mit Ausnahme der PDS-Gruppe im Bundestag, die lediglich als ein unerfreuliches &Uuml;bergangsph&auml;nomen betrachtet wurde, fand auch das westdeutsche Parteiensystem eine gesamtdeutsche Fortsetzung. Somit gab es nur wenig Grund von der neuen Quantit&auml;t der Republik auch auf eine neue Qualit&auml;t zu schlie&szlig;en.</p>
<p>In der zeitgeschichtlichen Betrachtung wurde bereits in der Fr&uuml;hphase der Bundesrepublik deutlich, dass Bonn nicht Weimar sei.[8] Doch dass Berlin nicht (mehr) Bonn sein w&uuml;rde, war eine Vorstellung, die so manchen, der, der rheinischen Erfolgsstory von Wirtschafts-, Wahl- und Parteienwunder[9] gedachte, irritieren musste. Und die formale institutionelle Kontinuit&auml;t lieferte den Apologeten der Bonner Republik Wasser auf ihre M&uuml;hlen. Heute nun, neunzehn Jahre nach der Wiedervereinigung und zehn Jahre nach der &#8222;Gr&uuml;ndung&#8220; der Berliner Republik, erscheint es offensichtlich, dass Berlin nicht mehr Bonn ist. Es bedurfte aus westlicher Perspektive ebenfalls eines Einschnittes, einer Z&auml;sur, die den &Uuml;bergang in eine neue Republik begr&uuml;ndet &#8211; zumindest wenn sie ein Qualit&auml;tssprung sein wollte, also mehr als der kontinuierliche historische Wandel. Der &Uuml;bergang in eine Berliner Republik konstituiert sich erst heute zunehmend sichtbarer als ein Epochenbruch, der ziemlich genau zehn Jahre zur&uuml;ck liegt. Er l&auml;sst sich auf das mehr oder minder zuf&auml;llige Zusammentreffen dreier Ereignisse im engen Zeitraum zwischen September 1998 und September 1999 festlegen: die Bundestagswahl vom 27. September 1998, der erste Kriegseinsatz deutscher Soldaten w&auml;hrend des Kosovokrieges, der am 16. Oktober 1998 beschlossen wurde, sowie der vollzogene Umzug des Bundestages nach Berlin. Es war, wie sich zeigen wird, eine au&szlig;ergew&ouml;hnliche Mischung von <i>Hauptstadtwechsel</i>, <i>Regierungswechsel und Politikwechsel </i>sowie die Wahrnehmung eines epochalen Wandels durch die politischen Eliten, die binnen weniger Monate neue Realit&auml;ten schuf und damit den Qualit&auml;tssprung ausl&ouml;ste, der den Wechsel von der Bonner zur Berliner Republik ausmacht.</p>
<h2 class="auto-created">Der Abschied der SPD vom sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;schen Jahrhundert </h2>
<p>Am Wahlabend des 27. September 1998 schien die Sozialdemokratie den liberalen Soziologen Ralf Dahrendorf L&uuml;gen zu strafen. Hatte dieser 1983 noch die These vom Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts postuliert[10], so schien der historische Triumph der SPD all dies zu widerlegen. Erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte votierten die Deutschen eindeutig f&uuml;r einen vollst&auml;ndigen Regierungswechsel. Noch nie hatte die Sozialdemokratie eine Wahl mit so deutlichem Vorsprung vor den Unionsparteien gewonnen. Die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung unter dem Kanzler Gerhard Schr&ouml;der war das Symbol f&uuml;r eine neue, eine moderne Bundesrepublik. Das Projekt Rot-Gr&uuml;n schien Deutschland das Aufbruchsignal ins neue Jahrtausend zu verhei&szlig;en. Angesichts des &uuml;berragenden Wahlsieges der Schr&ouml;der-SPD der &#8222;Neuen Mitte&#8220; mochten viele glauben, dass das 21. Jahrhundert erneut ein sozialdemokratisches werden d&uuml;rfte und der anstehende Hauptstadtumzug k&uuml;ndete freudig vom Aufbruch in ein neues Zeitalter. Kein Wunder also, dass vor allem die neuen Machthaber in Berlin der Rede von einer Berliner Republik deutlich mehr abgewinnen konnten als Konservative und Liberale.[11]</p>
<p>Die Bonner Republik war der SPD nie wirklich ein Ort ihrer Erf&uuml;llung geworden, denn regieren durfte sie in Bonn nur in sechzehn von 49 Jahren. Fraglos pr&auml;gten die Sozialdemokraten die Bundesrepublik in den f&uuml;nf Jahrzehnten am Rhein in vielfacher Weise. Bonn stand f&uuml;r eine kurze, gro&szlig;e, sowie eine dreizehnj&auml;hrige sozialliberale Koalition, es stand f&uuml;r &#8222;Mehr Demokratie wagen&#8220;, f&uuml;r Keynesianismus und Konzertierte Aktion. Allen voran steht Bonn auch f&uuml;r das Godesberger Programm und den symbolischen Schritt der SPD in das Zeitalter der Volksparteien. Dennoch trug die SPD in der alten Bundesrepublik immer den Makel, die ewige Nummer zwei zu sein. So stand Bonn aus sozialdemokratischer Perspektive immer auch f&uuml;r einen zu kurz gekommenen Gestaltungsanspruch, f&uuml;r qu&auml;lende, scheinbar nicht enden wollende Jahre in der Opposition unter den Kanzlern Adenauer und Kohl, f&uuml;r eine chronische Unterlegenheit gegen&uuml;ber den Christdemokraten.[12] Es stand ebenso f&uuml;r das Ende der Planungseuphorie und f&uuml;r die Ungerechtigkeit einer globalen Rezession, die 1973, nach 25 Jahren nahezu ungebrochenen Wachstums &#8211; just da die SPD den Kanzler stellte -, jeglichem Willen zur Neugestaltung der Republik ein j&auml;hes Ende setzte und die sozialdemokratische Regierung zum Krisenmanager degradierte. Die SPD der Bonner Republik blieb nach Godesberg auf der ewigen Suche nach sich selbst, nach der eigenen Daseinsberechtigung, einem neuen Weg jenseits der alten Traditionskompanie. Und nicht zuletzt war Bonn die Republik der W&auml;hrungsreform und der sozialen Marktwirtschaft, des Wirtschaftswunders und der gegl&uuml;ckten Wiedervereinigung. Bonn war, kurz gesagt, die Republik Konrad Adenauers und Ludwig Erhards sowie die Helmut Kohls. Die Bonner Republik erschien &#8211; so die gef&uuml;hlte Bilanz der Sozialdemokraten &#8211; ein gutes St&uuml;ck, wenn nicht zuv&ouml;rderst, als die Republik der CDU.</p>
<p>Vor dieser Folie wird erkennbar, weshalb die Rede von einer Berliner Republik aus Sicht der SPD f&uuml;r einen Aufbruch in ein neues Zeitalter stand. Gerade die Granden der noch jungen rot-gr&uuml;nen Koalition, Kanzler Schr&ouml;der und Au&szlig;enminister Fischer, pr&auml;sentierten sich als offene Sympathisanten einer selbstbewussten Bundesrepublik mit dem Zentrum Berlin, das f&uuml;r Vielfalt, Bewegung, Weltgewandtheit und Modernit&auml;t stand &#8211; Attribute, die dem kleinen, beschaulichen, aber auch engen und biederen Bonn kaum zugesprochen wurden.[13]</p>
<p>&Uuml;berhaupt erlebte Berlin im Verlauf der 1990er Jahre einen Imagewandel hin zur deutschen &#8222;Boomtown&#8220;, zur angemessenen Metropole f&uuml;r eine starke und selbstbewusste Nation.[14] In diesen Jahren des &#8222;anything goes&#8220;, von B&ouml;rsenboom und rastloser Globalit&auml;t, passte die Schr&ouml;der&#8217;sche Rhetorik von einer &#8222;Neuen Mitte&#8220;, vom &#8222;Dritten Weg&#8220; und vom rot-gr&uuml;nen &#8222;Projekt&#8220; hervorragend. Und nicht zuletzt deshalb gr&uuml;ndeten reformorientierte Sozialdemokraten im Januar 1999 eine Debattenzeitschrift mit dem vielsagenden Titel &#8222;Berliner Republik&#8220;.[15] Der Regierungswechsel erschien im Zeitalter des Umbruchs folgerichtig. Den eigenen Anspr&uuml;chen zum Trotz kam dieses Projekt jedoch zun&auml;chst &uuml;berraschend inhaltsarm und planlos daher. Schlimmer noch, es folgte der j&auml;he Absturz.</p>
<p>&Uuml;ber die elf Regierungsjahre der Sozialdemokratie in der Berliner Republik ist zahlreich und umfassend geschrieben worden. Der au&szlig;ergew&ouml;hnliche elektorale und organisatorische Niedergang soll an dieser Stelle nicht wiederholt werden.[16] Auch will ich an dieser Stelle nicht urteilen, inwiefern der Modernisierungskurs der Sozialdemokratie in den vergangenen zehn Jahren dem Sachzwang entsprang oder ein verfehltes Produkt neoliberalen Zeitgeistes darstellte. Tatsache jedoch ist, dass die Modernisierer um Gerhard Schr&ouml;der bei ihrem Sturmlauf in die politische Moderne der Berliner Republik verga&szlig;en, ihre Partei und deren Anh&auml;nger mitzunehmen. Weder die Mitglieder noch die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler waren bereit, die Agenda-Politik zu tragen. Am Ende dieses Jahrzehnts wird man sich gewahr, dass der j&uuml;ngst verstorbene Ralf Dahrendorf vor 25 Jahren mit seiner Diagnose vom Ende des sozialdemokratischen Zeitalters vielleicht doch nicht so weit entfernt von der Realit&auml;t lag. Die SPD befindet sich nach der ersten Dekade der Berliner Republik strukturell nicht weit entfernt von dort, wo sie sich in den fr&uuml;hen Jahren der Bonner &Auml;ra befand: eine &uuml;beralterte, schrumpfende Mitgliedschaft, kreativlose Funktion&auml;re, die die Ortsvereine mehr verwalten, als sie zu gestalten, eine Partei gefangen im 30-Prozent-Turm &#8211; nur dass es heute der 20-Prozent-Turm ist. Das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts ist jedoch nicht zugleich das Ende der SPD. In den Worten Franz Walters: &#8222;Als Interessenvertretung der Neo-Arrivierten in den &sbquo;neuen Mitten&#8216; wird die SPD im 21. Jahrhundert eine ver&auml;nderte Rolle spielen. Die neuen Entrechteten des 21. Jahrhunderts [&#8230;] d&uuml;rften in dem Falle die alte Partei der industriellen Arbeitnehmerelite aus dem 20. Jahrhundert als Gegner vorfinden, die dann als &sbquo;Schutzmacht der neuen Mitte&#8216; Anspr&uuml;che von unten entschlossen abzuwehren hat.&#8220;[17] Und da sich auch Die Linke, die erst durch den Kurswechsel der SPD erm&ouml;glicht wurde, im Westen derzeit eher als linkspopulistische Partei denn als neue Sozialdemokratie profiliert, d&uuml;rfte die Berliner Republik sich endg&uuml;ltig vom sozialdemokratischen Gesellschaftsideal verabschieden.</p>
<h2 class="auto-created">Jenseits der b&uuml;rger&shy;li&shy;chen Integra&shy;ti&shy;ons&shy;f&auml;&shy;hig&shy;keit </h2>
<p>Eine derart geschw&auml;chte SPD sollte dem b&uuml;rgerlichen Lager zugute kommen, so w&uuml;rde man zumindest aus den Erfahrungen mit der alten Bundesrepublik vermuten. Dies war in den Jahrzehnten der rheinischen Republik auch eine zuverl&auml;ssige Konstante. Bonn symbolisiert die Wiege des Erfolges der Konservativen. Die Bonner Republik und ihr rheinischer Kapitalismus sind untrennbar mit dem Gr&uuml;ndungsmythos der Union verbunden, von dem sie bis heute zehrt. In Bonn regierte die CDU 36 von 49 Jahren. Auch wenn sich kein Kanzler in Bonn so wohl f&uuml;hlte wie Adenauer, so war Bonn f&uuml;r die Partei doch die St&auml;tte einer einzigartigen parteipolitischen Erfolgsgeschichte auf deutschem Boden. F&uuml;r die CDU, deren einflussreichste Vorg&auml;ngerorganisation in fr&uuml;hen Jahren die Zentrumspartei gewesen ist, blieb das preu&szlig;isch-protestantische Berlin immer distanzierter als das rheinisch-katholische Bonn, zumal sie mit der alten Reichshauptstadt keine bedeutende Vorgeschichte verband. Die CDU &#8211; die programmatischen Debatten und weit reichenden Emanzipationsbestrebungen seit jeher fern steht &#8211; bezog ihr christdemokratisches Telos, die &#8222;Erz&auml;hlung&#8220; hinter der Partei, aus ihren langj&auml;hrigen Regierungsperioden, die aufs engste mit Bonn verkn&uuml;pft waren. Sie stand &uuml;ber Jahrzehnte f&uuml;r die gelungene b&uuml;rgerlich-konservativ-christliche Integration und hatte auch die FDP lange Jahre als kleinen Koalitionspartner fest an sich gebunden &#8211; mitunter so fest, dass sie Zweitstimmenkampagnen der FDP billigte.</p>
<p>In der spezifischen Logik der Partei, die von und f&uuml;r pragmatische und ideologieferne Regierungst&auml;tigkeit stand, wurden Programm- und Richtungsdebatten sowie eine Restrukturierung der Organisation erst akut, wenn die Partei sich in der Opposition befand.</p>
<p>So nutze sie die Jahre der sozialliberalen Koalition, um eine umfassende Modernisierung und Organisationsreform durchzusetzen und ihr erstes Grundsatzprogramm zu erlassen, w&auml;hrend in Regierungsperioden programmatische Debatten und parteiinterne Konflikte zugunsten der Regierungsarbeit und parteilichen Geschlossenheit in den Hintergrund traten. In dieser Logik, im Rhythmus von Regierung und Opposition, entwickelte sich die Partei.[18]</p>
<p>Doch die Bedingungen einer Erneuerung der Union waren nach 1998 vollkommen andere. Sowie die Partei der Rede von einer Berliner Republik fern stand, so wenig war sie von Anbeginn zu umfassender personeller und programmatischer Neugestaltung bereit und versuchte Kontinuit&auml;t zu betonen. Erst im Zuge der Spendenaff&auml;re ist die Parteispitze runderneuert worden. Angela Merkels fulminanter Aufstieg w&auml;re in dieser Form kaum denkbar gewesen, h&auml;tte sich Kohls System nicht selbst diskreditiert. Doch um einen solchen zielstrebigen Erneuerungskurs zu fahren, wie ihn die Partei nach 1973 unter F&uuml;hrung Helmut Kohls vorantrieb, waren die Rahmenbedingungen in einer Berliner Republik zu stark ver&auml;ndert. Mit dem Zerfall des sozialistischen Ostblocks und der Wendung der SPD war das freiheitsbedrohliche sozialistische Feindbild zerfallen, welches das Unionslager &uuml;ber Jahrzehnte hinweg immer wieder zusammengeschwei&szlig;t hatte. Eine greifbare Symbolik, wie sie Kohl in den fr&uuml;hen 1980er Jahren mit der &#8222;geistigmoralischen Wende&#8220; verk&uuml;ndete, war f&uuml;rs neue Jahrtausend nicht zu finden. Der dominante Modernit&auml;tsimpetus der Berliner Republik trieb die CDU vielmehr dazu, sich auf dem Leipziger Parteitag 2003 einer radikal wirtschaftsliberalen Programmatik zu verschreiben, die vor allem durch die neue F&uuml;hrungsfigur Friedrich Merz repr&auml;sentiert wurde.</p>
<p>Hatte die Union seit 1976 die sozialliberale Koalition regelm&auml;&szlig;ig mit starken Wahlergebnissen konfrontiert, so erreichte sie weder 2002 noch 2005 eine klare Mehrheit. Sp&auml;testens nach zehn Jahren Berliner Republik wird deutlich, dass auch die Grundlagen des erfolgreichen christdemokratischen Integrationsmodells in Frage gestellt sind. Das gro&szlig;e b&uuml;rgerliche Lager, welches die Union w&auml;hrend der Bonner Jahre fest zusammenzuhalten wusste hatte sich ver&auml;ndert und stark ausdifferenziert.[19] So repr&auml;sentieren die Anh&auml;nger der Gr&uuml;nen ein neues, von der Union kaum mehr erreichbares, B&uuml;rgertum elit&auml;rer und intellektueller Provenienz.[20] Und in Fragen der Wirtschaftskompetenz ist der CDU in der Westerwelle-FDP eine starke Konkurrentin erwachsen, die langfristig zwar immer noch am liebsten, sicherlich aber nicht mehr um jeden Preis, als Mehrheitsbeschafferin f&uuml;r die Unionsparteien in Berlin bereitstehen d&uuml;rfte. Zudem schaffen es immer h&auml;ufiger kleine b&uuml;rgerliche, populistische oder offen rechtsradikale Parteien im ureigenen Milieu der Unionsparteien zu wildern: bei den konservativen, kleinb&uuml;rgerlichen Bewohnern in kleinen St&auml;dten und D&ouml;rfern der Republik, aber auch in Gro&szlig;st&auml;dten, wie die Hamburger Schillpartei demonstrierte. Und schlie&szlig;lich zeigen die herben Verluste der CSU bei den bayerischen Landtagswahlen 2008, ebenso wie bei der j&uuml;ngsten Bundestagswahl, dass die neue Instabilit&auml;t der Republik auch die verl&auml;sslichsten Bastionen zu schleifen beginnt. In den Worten des Passauer Politologen Winand Gellner: &#8222;Zeitensatter &Uuml;ber-Mehrheiten sind vorbei, &uuml;berall.&#8220;[21]</p>
<p>In einer Berliner Republik wird die Union k&uuml;nftig einen anderen Weg b&uuml;rgerlicher Integration jenseits der W&auml;hlersammlung bei der eigenen Partei beschreiten m&uuml;ssen, ein Weg der sich st&auml;rker in der Wahrnehmung von strategischer Koalitionsbildung und B&uuml;ndnisf&auml;higkeit im Rahmen des heterogenen Lagers bewegt. Die Chancen daf&uuml;r stehen jedoch gut, wie das Hamburger Modell zeigt.</p>
<h2 class="auto-created">Das Ende des Eliten&shy;kon&shy;senses der Bonner Republik </h2>
<p>Zehn Jahre ist nun die neue Berliner Republik alt und so langsam stellt sich eine Ahnung davon ein, dass die Bonner &Auml;ra nach der Jahrtausendwende wirklich zu Ende gegangen ist. Was vor einem Jahrzehnt noch nicht offensichtlich war, da der kritische Punkt, die Z&auml;sur von Regierungs- und Hauptstadtwechsel, gerade erst &uuml;berschritten war, kann heute zumindest in Ans&auml;tzen skizziert werden. Die vereinigte Bundesrepublik hat sich zu einer anderen Republik entwickelt, einer, die zwar ihre Wurzeln und Pr&auml;gungen, ihre Institutionen und zum gro&szlig;en Teil auch ihre Parteien aus Bonn mitgebracht hat, die sich aber entfernt hat von ihren alten Gewissheiten. Es waren zum einen die fortschreitende Erosion tradierter Milieu- und Lagerbindungen, also der generelle gesellschaftliche Wandel, der dieser Z&auml;sur zugrunde lag und die Bonner Republik auch schon vor 1998 und selbst vor 1989 ergriffen hatte. Doch dann kam die Revolution von 1989 und mit ihr der Beitritt 16 Millionen Ostdeutscher zum Bundesgebiet, die keine Bindungen an westdeutsche Parteien und Institutionen kannten. Dieser wirkte wie ein Katalysator des Wandlungsprozesses, der sich &#8211; nachdem die Berliner Option gezogen wurde &#8211; dann zur beschriebenen Z&auml;sur zuspitzte. Das f&ouml;derale Deutschland konzentrierte sich nun st&auml;rker in Berlin, der gesamte politische Fokus richtete sich auf die Stadt. Der DGB zog ebenso an die Spree wie BDI und BDA, die Parteizentralen ohnehin, aber auch zahlreiche Medien er&ouml;ffneten gigantische Hauptstadtb&uuml;ros und -studios in der neuen Metropole.</p>
<p>Was jedoch letztlich den Epochenbruch, den Qualit&auml;tssprung in die &#8222;Dritte Republik&#8220; bewirkte, wird erst vor dem Hintergrund des Handelns der politischen Eliten im Zuge des Regierungswechsels und -umzugs sichtbar. Die neue Elitenformation, die nach der &Auml;ra Kohl die politische B&uuml;hne der Bundesrepublik betrat, war eine, die nicht mehr bereit war, den alten Elitenkonsens, auf dem die Bonner Republik gr&uuml;ndete um jeden Preis zu verteidigen.[22] Am nachhaltigsten wurden die Grundfesten des Sozialstaates ersch&uuml;ttert. Es war mit Gerhard Schr&ouml;der ein sozialdemokratischer Kanzler, der den Marktgedanken in die Debatte um die Sozialstaatsreform einbrachte. Unter Schr&ouml;der scheiterte das B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeit, was gleichbedeutend war mit dem Ende des deutschen Modells des Korporatismus. Ihm folgte &#8222;der Abstieg der Gewerkschaften aus der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes&#8220;.[23] Dies f&uuml;hrte zu vielfachen Br&uuml;chen im sozialdemokratischen Selbstverst&auml;ndnis und entfremdete die SPD von ihren Anh&auml;ngern, der eigenen Parteilinken sowie den Gewerkschaftseliten. Doch an der Aufk&uuml;ndigung des sozialstaatlichen Konsenses war auch die erneuerte CDU-F&uuml;hrung beteiligt. Noch die konservativ-liberale Koalition Helmut Kohls wagte seinerzeit keinen umfassenden Umbau des Sozialstaates unter neoliberalen Vorzeichen, wie er seit den fr&uuml;hen 1980er Jahren beispielsweise in Gro&szlig;britannien praktiziert wurde.[24] Erst nach dem Stabwechsel im Unionsvorstand setzten sich auch bei den Christdemokraten marktliberale Denkspiele durch und die CDU f&uuml;llte ihre Oppositionsrolle dadurch aus, dass sie versuchte, die Sozialdemokraten neoliberal zu &uuml;berholen. Damit war das Ende des sozialstaatlichen Elitenkonsenses der Bonner Republik besiegelt. Insofern war die &#8222;&sbquo;neoliberale&#8216; Minimalisierung des Staates [&#8230;] nicht wirtschaftlich erzwungen, sondern politisch gewollt.&#8220;[25]</p>
<p>Auch in Fragen der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik vollzog sich ein fundamentaler Wandel im alten bundesrepublikanischen Konsensgef&uuml;ge. Es war ausgerechnet der gr&uuml;ne Au&szlig;enminister Fischer, der den ersten Kriegseinsatz deutscher Soldaten nach 1945 mittrug &#8211; nur wenige Wochen nach dem Antritt der Gr&uuml;nen als Regierungspartei im Bund. Es war auch hier die Wahrnehmung einer neuen Republik mit Anspr&uuml;chen von weltpolitischem Ma&szlig;stab, die selbstbewusst aus dem Schatten des einst defensiven au&szlig;enpolitischen und transantlantischen Grundkonsenses der Nachkriegseliten trat.</p>
<p>Die Ironie der Geschichte wollte es so, dass ausgerechnet ein sozialdemokratischer Kanzler und ein gr&uuml;ner Au&szlig;enminister mit den sozialstaatlichen und pazifistischen Gr&uuml;ndungsmythen der alten Republik brachen und damit das Parteiengef&uuml;ge der alten Bundesrepublik nachhaltig ver&auml;nderten. Die b&uuml;rgerliche Opposition verteidigte den alten Elitenkonsens nicht und bot damit jenen, die ihn wahren wollten ebenfalls keine politische Heimat. Der Niedergang der Sozialdemokratie, die erfolgreiche Etablierung einer gesamtdeutschen Partei links der SPD, der pragmatische Weg der Gr&uuml;nen ins b&uuml;rgerliche Lager &#8211; vieles was an Entwicklungstendenzen schon vor 1998/99 angelegt war, wurde durch die neue Konstellation einer Berliner Republik forciert. Der fundamentale Bruch in der westdeutschen Kontinuit&auml;t, konstituierte sich zun&auml;chst in den K&ouml;pfen der Parteieliten und schuf sodann &#8211; durch das Handeln dieser Eliten &#8211; seine eigene Realit&auml;t einer Berliner Republik.</p>
<h2 class="auto-created">Generation Berlin &ndash; die neuen Politiker der Dritten Republik </h2>
<p>Doch wie ist es zu erkl&auml;ren, dass die politische Elite nach 1998 mit dem alten Bonner Konsens der bis dato scheinbar so erfolgreichen deutschen Demokratie brach? Letztlich bef&ouml;rderte der Regierungswechsel auch einen Generationenwechsel in den Parteien und auf den Regierungsb&auml;nken. Nach den langen Kohljahren &uuml;bernahmen endlich die &#8222;68er&#8220; das Ruder in der Bundesrepublik. Die politische Pr&auml;gung der Generationen die ab 1998 regierte, spielte sich jenseits der Zusammenbruchserfahrung ab. In ihre Sozialisationsphase fiel nicht der Wiederaufbau nach 1945 und nur noch selten das Wirtschaftswunder. Sie erlebten hingegen die &Ouml;lkrise und mit ihr das Ende der Planungseuphorie. In ihrem Erfahrungshorizont lag, dass sich in Deutschland Arbeitslosigkeit zum Massenph&auml;nomen auswuchs, dass der Sozialstaat unter Finanzierungsproblemen litt und die Wirtschaft im Osten nach der Wende kollabierte.[26] Die meisten 68er verabschiedeten sich irgendwann von der marxistischen Ideologie, ihre Nachr&uuml;ckergenerationen belebten sie erst gar nicht wieder.[27] Viele der alten 68er &#8211; Schr&ouml;der und Fischer erscheinen hierf&uuml;r als Idealtypen &#8211; hatten den &uuml;berbordenden Ideologismus der 1960er und 1970er Jahre abgelegt und sich von regulierenden und planenden Politikmodellen verabschiedet. Die Aufk&uuml;ndigung des hochgradig normativ aufgeladenen und scheinbar nicht mehr funktionst&uuml;chtigen Elitenkonsenses war aus dieser Perspektive die logische Konsequenz f&uuml;r das gewachsene Deutschland.</p>
<p>Und die Stadt Berlin trug ihren Teil zu einem gewandelten Stil der Politik in Deutschland bei. Erschien das &#8222;Raumschiff Bonn&#8220; noch als ein abgeschlossenes Biotop parteipolitischen Schaffens, stand Berlin f&uuml;r Weite und Vielfalt. Die Metropole an der Spree suggerierte der neuen Generation Regierender eine vermeintliche N&auml;he zum gesellschaftlichen Geschehen in der Republik, wobei der Blick auf das soziale Leben jedoch deutlich selektiver wurde, wodurch sich die politische Elite im neuen Regierungsviertel noch st&auml;rker von den gesellschaftlichen Realit&auml;ten entfernte.[28] Wer weit entfernt ist von den Wirklichkeiten der Republik, die zu gestalten er bereit und verpflichtet ist, der wird keine Idee mehr davon entwickeln, wie eine breite und heterogene Bev&ouml;lkerung in die demokratische Ordnung integriert werden kann. Der Erfolg der Bonner Demokratie beruhte jedoch auf eben jener breiten Integration, die auf einem stabilen Konsens der Eliten fu&szlig;te und der sogar weite Teile der Protestgeneration von 1968 einband. Jedoch fu&szlig;te dieser Konsens, diese au&szlig;erordentliche Stabilit&auml;t von Regierungen und Parteiensystemen, auf der Erfahrung des totalen Zusammenbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg und war somit nicht mehr als das letzte St&uuml;ck auf dem deutschen Sonderweg, das auf der Strecke in die &#8222;Normalit&auml;t einer Berliner Republik&#8220; (J&uuml;rgen Habermas) zur&uuml;ckgelegt werden musste.</p>
<p>Die neue Republik &#8211; um dies vorwegzunehmen &#8211; wird den Deutschen nicht den Untergang des Abendlandes bescheren. Allerdings wird die Gem&uuml;tlichkeit des Bonner Regierens nicht wiederkehren. Jenseits der alten Konsens- und Kompromisskultur wird die Unterscheidbarkeit der Parteien weiter abnehmen, der Wettbewerb zwischen ihnen wird sich hingegen versch&auml;rfen. Die Zahl der Konkurrenten in der politischen Arena wird wachsen. Es wird schwieriger, wenn nicht fast unm&ouml;glich werden, klare Wahlsiege zu erringen, der moderne tendenziell parteiungebundene W&auml;hler wird es ihnen diesbez&uuml;glich kaum leichter machen. Derjenige wird regieren, der in den komplexer werdenden Parlamentskonstellationen in der Lage ist, strategische Mehrheiten zu bilden &#8211; hei&szlig;en sie nun Schwarz-Gr&uuml;n, Ampel oder Jamaika. Politik wird st&auml;rker zum Verwalten als zum Gestalten der Republik, denn Gestaltung braucht Visionen und diese stehen bei der neuen &#8222;Politikergeneration Berlin&#8220; mit ihrer ausgepr&auml;gten B&uuml;roleitermentalit&auml;t[29] kaum hoch im Kurs. Allgemein wird das Regieren schwieriger werden, weil komplexere Rahmenbedingungen und Akteurskonstellationen beachtet werden m&uuml;ssen. Eventuell werden institutionelle Arrangements der Bonner Republik neu gedacht werden m&uuml;ssen, damit auch in Berlin die Gestaltungsm&ouml;glichkeit der Politik gewahrt bleiben wird. Das alles klingt nach einer wenig w&auml;rmenden, kaum motivierenden und nachgerade dr&ouml;gen Zukunft der Parteiendemokratie in Deutschland. Politik wird weniger Aufbruch denn Management sein. Doch gibt es auch Indizien daf&uuml;r, dass dieser neue Stil des medial inszenierten sachkompetenten Politmanagers durchaus gut ankommt bei den W&auml;hlern der Nach-68er-Generation, die enge Parteibindungen kaum mehr kennen. Der beachtliche Erststimmenerfolg des CSU-Wirtschaftsministers Guttenberg bei der Bundestagswahl demonstriert dies eindr&uuml;cklich, denn der Mann steht der tradierten Mentalit&auml;t seiner Partei nicht allzu nahe. Das gewandelte und ausdifferenzierte Parteiensystem besitzt also noch ausreichend Integrationskraft um die Jahre des Umbruchs zu &uuml;berstehen. Und wenn die Nachricht vom Ende der Volksparteiendemokratie der Bonner &Auml;ra schlie&szlig;lich auch die Parteieliten erreicht hat, k&ouml;nnte dem bisherigen destruktiven Schlingerkurs beim Verlassen der alten Republik eine Neugestaltung des Politikmachens in Deutschland folgen. Die Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik bildet ein gutes Fundament daf&uuml;r.</p>
<p>[1] Vgl. Aretz, Eckart (2009): &#8222;Die Grundrechte sind etwas Wertvolles&#8220;. Interview mit Hans-Christian Str&ouml;bele auf tagesschau.de; URL: <a href="http://www.tagesschau.de/inland/grundgesetzstroebele100.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.tagesschau.de/inland/grundgesetzstroebele100.html</a> [21.07.2009].</p>
<p>[2] Wolfrum, Edgar (2006): Die gegl&uuml;ckte Demokratie: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anf&auml;ngen bis zur Gegenwart. 2. Auflage, Stuttgart.</p>
<p>[3] Vgl. Jesse, Eckhard (1999): Von der &#8222;Bonner Republik&#8220; zur &#8222;Berliner Republik&#8220;? Mehr Kontinuit&auml;t als Wandel. In: Eckart, Karl/Ders. (Hrsg.): Das wiedervereinigte Deutschland &#8211; eine erweiterte oder eine neue Bundesrepublik. Berlin. S. 23f. Andere Autoren gehen heute gar von einem Trend der Ver&ouml;stlichung aus. Vgl. bspw. Leggewie, Claus (2006): Die Zukunft der Ver&ouml;stlichung. In: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik Nr. 10. S. 1252ff.; Schroeder, Klaus (2006): Die ver&auml;nderte Republik. Deutschland nach der Wiedervereinigung. Stamsried. S. 636.</p>
<p>[4] Vgl. bspw. Jesse (Anm. 3), S. 33.; Kaase, Max (1998) in der Neuen Z&uuml;richer Zeitung, zitiert nach: Czada, Roland (2000): Nach 1989. Reflexionen zur Rede von der &#8222;Berliner Republik&#8220;; In: Czada, Roland/Wollmann, Hellmuth (Hrsg.): Von der Bonner zur Berliner Republik. 10 Jahre Deutsche Einheit. Leviathan Sonderheft Nr. 19. Wiesbaden. S. 28.</p>
<p>[5] St&ouml;ss, Richard (1999): Mehr Kontinuit&auml;t als Wandel. Das Parteiensystem vor und nach der deutschen Vereinigung. In: Czada, Roland/Wollmann, Hellmuth (Hrsg.): Von der Bonner zur Berliner Republik. 10 Jahre Deutsche Einheit. Leviathan Sonderheft Nr. 19. Wiesbaden. S. 308ff.</p>
<p>[6] Barzel, Rainer (1999): Wir ziehen nicht in eine andere Republik um. In: Sch&auml;fer, Hermann (Hrsg.): Abschied von Bonn. Berlin. S. 46 und S. 48.</p>
<p>[7] Vgl. Habermas, J&uuml;rgen (1995): Die Normalit&auml;t einer Berliner Republik.. Frankfurt am Main. S. 170ff.</p>
<p>[8] Allemann, Fritz Ren&eacute; (1956): Bonn ist nicht Weimar. K&ouml;ln/Berlin.</p>
<p>[9] Vgl. Alemann, Ulrich von (2003): Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. Bonn. S. 58.</p>
<p>[10] Vgl. Dahrendorf, Ralf (1983): Die Chancen der Krise. &Uuml;ber die Zukunft des Liberalismus. Stuttgart. S. 16ff.</p>
<p>[11] Vgl. z.B. Gerhard Schr&ouml;ders Regierungserkl&auml;rung zur &#8222;Vollendung der deutschen Einheit&#8220; im Berliner Reichstag am 19. April 1999.</p>
<p>[12] Nur einmal, n&auml;mlich von 1972 bis 1976 durfte die SPD die st&auml;rkste Fraktion im Bonner Bundestag stellen.</p>
<p>[13] Vgl. Fischer, Joschka (1999): Warum war es am Rhein so sch&ouml;n? Ein Adieu an Bonn und seine Republik. In: Sch&auml;fer, Hermann (Hrsg.): Abschied von Bonn. Berlin. S. 77f.; zu Schr&ouml;der vgl. exemplarisch Caborn, Joannah (2006): Schleichende Wende: Diskurse von Nation und Erinnerung bei der Konstituierung der Berliner Republik. M&uuml;nster. S. 143.</p>
<p>[14] Vgl. Caborn (Anm. 13), S. 143.</p>
<p>[15] Die erste Ausgabe der Zeitschrift erschien im Herbst 1999 und er&ouml;ffnet mit einer &#8222;Nachrede auf Oskars Welt&#8220;. Vgl. Ross, Jan (1999): Nachrede auf Oskars Welt. In: Berliner Republik, 1/1999, S. 4f.</p>
<p>[16] Siehe dazu die Darstellung von Butzlaff, Felix (2009): Verlust des Verl&auml;sslichen. Die SPD nach elf Jahren Regierungsverantwortung. In: Ders./Harm, Stine/Walter, Franz (Hrsg.): Patt oder Gezeitenwechsel. Deutschland 2009. Wiesbaden. S. 37ff.</p>
<p>[17] Walter, Franz (2009): Die SPD. Biographie einer Partei. Reinbek bei Hamburg. S. 278.</p>
<p>[18] Vgl. B&ouml;sch, Frank (2002): Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU. Stuttgart/M&uuml;nchen. S. 9.</p>
<p>[19] Vgl. Walter, Franz (2007): Zerbr&ouml;selnde Erfolgsgeschichte. Eine parteihistorische Einleitung. In: Schlieben, Michael (1998): Politische F&uuml;hrung in der Opposition. Die CDU nach dem Machtverlust. Wiesbaden. S. 28ff.</p>
<p>[20] Vgl. Haas, Melanie (2006): Innovation mit einer neuen b&uuml;rgerlichen Partei? Die Gr&uuml;nen nach der Bundestagswahl 2005. In: Jun, Uwe/Kreikenbom, Henry/Neu, Viola (Hrsg.): Kleine Parteien im Aufwind. Zur Ver&auml;nderung der deutschen Parteienlandschaft. Frankfurt am Main/New York. S. 201ff.</p>
<p>[21] Winand Gellner (2008): &#8222;Die Zeit der barocken Regenten ist vorbei.&#8220; Interview mit Winand Gellner auf Zeit Online. <a href="http://www.zeit.de/online/2008/39/bayern-csu-interview" target="_blank" rel="noopener">http://www.zeit.de/online/2008/39/bayern-csu-interview</a> [aufgerufen am 27.09.2008].</p>
<p>[22] Vgl. Bude, Heinz (2004): Elitenwechsel. Deutsche F&uuml;hrungsgruppen zwischen &#8222;Bonner&#8220; und &#8222;Berliner Republik&#8220;. In: Hitzler, Roland/Hornbostel, Stefan/Mohr, Cornelia (Hrsg.): Elitenmacht. Soziologie der Politik. Wiesbaden. S. 308ff.</p>
<p>[23] Streeck, Wolfgang (2006): Nach dem Korporatismus. Neue Eliten, neue Konflikte. In: M&uuml;nkler, Herfried/Sta&szlig;enberger, Grit/Bohlender, Matthias (Hrsg.): Deutschlands Eliten im Wandel. Frankfurt am Main/New York. S. 149.</p>
<p>[24] Vgl. Butterwegge, Christoph (2005): Krise und Zukunft des Sozialstaates. 2., durchgesehene Auflage. Wiesbaden. S. 156.</p>
<p>[25] Bude, Heinz (2003): Das allm&auml;hliche Vergehen der Bundesrepublik. Zur deutschen Zukunftspolitik. In: Merkur 3/2003. S. 255.</p>
<p>[26] Vgl. ebd., S. 260f.</p>
<p>[27] Herbert, Dirk Ulrich (2003): Drei politische Generationen im 20. Jahrhundert. In: Reulecke, J&uuml;rgen <br />(Hrsg.): Generationalit&auml;t und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert. M&uuml;nchen. S. 95ff.</p>
<p>[28] Der Journalist J&uuml;rgen Leinemann charakterisiert &auml;u&szlig;ert treffend die Wandlung des politischen Stils und der Wahrnehmung von N&auml;he und Distanz zwischen den Hauptst&auml;dten Bonn und Berlin. Vgl. Leinemann, J&uuml;rgen (2004): H&ouml;henrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker. 4. Auflage, M&uuml;nchen. S. 35ff. und 40ff.</p>
<p>[29] Walter, Franz (2009): Charismatiker und Effizienzen. Portr&auml;ts aus 60 Jahren Bundesrepublik. Frankfurt am Main. S. 13f.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/schlingerkurs-in-die-berliner-republik/">Schlingerkurs in die Berliner Republik</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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