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	<title>Patrick Donges Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Digitalisierung, Personalisierung und neue Vermittler  der Medienwandel durch das Internet und seine strukturellen Folgen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jul 2019 21:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 225/226 (1-2/2019), S. 7-16 Marshall McLuhan verdanken wir die Einsicht, dass Medien mehr sind&#160;als nur eine neue Form der Darreichung von Informationen; dass&#160;sie mit ihrem jeweiligen Tempo, mit ihren Ma&#223;st&#228;ben und der Strukturierung von Informationen unser Denken und Handeln st&#228;rker&#160;pr&#228;gen, als die Rede vom &#8222;Vermittelnden&#8220; suggeriert. Das gilt auch f&#252;r die sogenannten [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/225-226/publikation/digitalisierung-personalisierung-und-neue-vermittler-der-medienwandel-durch-das-internet-und-sein-1/">Digitalisierung, Personalisierung und neue Vermittler  der Medienwandel durch das Internet und seine strukturellen Folgen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 225/226 (1-2/2019), S. 7-16</p>
<p><i>Marshall McLuhan verdanken wir die Einsicht, dass Medien mehr sind&nbsp;als nur eine neue Form der Darreichung von Informationen; dass&nbsp;sie mit ihrem jeweiligen Tempo, mit ihren Ma&szlig;st&auml;ben und der Strukturierung von Informationen unser Denken und Handeln st&auml;rker&nbsp;pr&auml;gen, als die Rede vom &#8222;Vermittelnden&#8220; suggeriert. Das gilt auch f&uuml;r die sogenannten Social Media, welche derzeit das Leitbild digitaler Kommunikation darstellen. Mit ihrem Aufstieg haben sich nicht nur&nbsp;die Informationstr&auml;ger und &#8211; Gewohnheiten gewandelt, sondern wurden die selektive Wahrnehmung und Erinnerung in neue Bahnen gelenkt. Patrick Donges stellt drei zentrale Aspekte vor, die die politische Kommunikation heute bestimmen.</i></p>
<p>Die zunehmende Bedeutung des Internets f&uuml;r die private und &ouml;ffentliche Kommunikation hat dem allgemeinen Medienwandel einen neuen Schub gegeben. Medienwandel hei&szlig;t dabei, dass sich Kommunikationsm&ouml;glichkeiten erweitern: Sowohl Individuen als auch Organisationen stehen mehr Optionen als zuvor offen, f&uuml;r ihre Mitteilungen einen gr&ouml;&szlig;er werdenden Kreis m&ouml;glicher Empf&auml;ngerinnen und Empf&auml;nger zu erreichen. Sowohl die technischen M&ouml;glichkeiten der verschiedenen Medien innerhalb des Internets (von E-Mail &uuml;ber Webseiten und Blogs hin zu Social Media Anwendungen) als auch die tats&auml;chlich genutzten Medienrepertoires erweitern und differenzieren sich. Dabei darf der Medienwandel nicht isoliert betrachtet werden, da er immer eingebettet in einem allgemeinen sozialen oder auch politischen Wandel stattfindet. Die Erweiterung von Kommunikationsm&ouml;glichkeiten ist nicht die Ursache von Prozessen wie Individualisierung oder Globalisierung, bef&ouml;rdert sie aber.</p>
<p>Folgt man der Kommunikationstheorie Niklas Luhmanns (1984, 1997), so folgt auf eine Erweiterung von Kommunikationsm&ouml;glichkeiten immer auch die Notwendigkeit, diese durch Prozesse der Selektion und Komplexit&auml;tsreduktion wieder zu reduzieren, um sie &uuml;berhaupt verarbeiten zu k&ouml;nnen. Eine Steigerung von Mitteilungen in der Gesellschaft f&uuml;hrt nicht automatisch dazu, dass diese auch verarbeitet werden und Kommunikation stattfinden kann, so wie ein Mehr an Texten nicht dazu f&uuml;hrt, dass wir mehr lesen. Zun&auml;chst steigt der Aufwand, den wir betreiben m&uuml;ssen, um die verschiedenen Medien zum Versand und Empfang von Mitteilungen zu nutzen. Deutlich wird dies beispielsweise an dem steigenden Aufwand, den Individuen wie Organisationen f&uuml;r ihre Sichtbarkeit und Auffindbarkeit in der Online-Welt leisten m&uuml;ssen und der sich an einem Mehr an Ressourcen wie Personal, Geld und Zeit ablesen l&auml;sst, das f&uuml;r Kommunikation aufgewandt wird. Dem Druck zur medialen und &ouml;ffentlichen Pr&auml;senz k&ouml;nnen sich nur wenige Personen und Organisationen entziehen.</p>
<p>Der Beitrag beleuchtet aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive drei ausgew&auml;hlte Merkmale der Internetkommunikation, die strukturelle Folgen f&uuml;r die gesellschaftliche Kommunikation haben: Die Digitalisierung oder auch Datafizierung der Kommunikation, die Personalisierung sowie den Wegfall &#8222;alter&#8220; und die Notwendigkeit &#8222;neuer&#8220; Vermittler. Strukturen verstehe ich dabei, in Anlehnung an Anthony Giddens (1984), als B&uuml;ndel von Regeln und Ressourcen. Der Beitrag zeigt anhand einzelner Beispiele, dass die Internetkommunikation anderen Regeln als die traditionelle interpersonale oder massenmediale folgt, und dies zu verschiedenen Reaktionen in anderen Teilen der Gesellschaft f&uuml;hrt. Durch die neuen oder ver&auml;nderten Regeln gewinnen einige Handelnde an Machtressourcen, andere verlieren sie. Technische Entwicklungen allein k&ouml;nnen diese Strukturver&auml;nderungen nicht erkl&auml;ren, sondern sie m&uuml;ssen immer sozial betrachtet werden.</p>
<h2 class="auto-created">Digita&shy;li&shy;sie&shy;rung und Datafi&shy;zie&shy;rung</h2>
<p>Das Internet ist ein digitales Medium. Der Begriff der Digitalisierung wird im Deutschen sehr breit verwendet. Er meint zun&auml;chst, dass Daten in ein numerisches System &uuml;berf&uuml;hrt und damit f&uuml;r Computer les- und verarbeitbar werden (im Englischen digitization). Durch die Nutzung dieser Daten, wie etwa in Form von Suchen, Herstellung von Beziehungen, Sortierungen etc., ver&auml;ndern sich dann Objekte, Ereignisse oder soziale Prozesse (im Englischen <i>digitalization</i>). Dies f&uuml;hrt zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel (im Englischen <i>digital transformation</i>).</p>
<p>Der zun&auml;chst nur technische Prozess der Digitalisierung ist eingebettet in Prozesse der Datafizierung. Datafizierung meint die F&auml;higkeit digitaler Medien, viele Aspekte der Welt, die noch nie quantifiziert wurden, in Daten umzuwandeln (Van Dijck &amp; Poell, 2013). Dies ist in einem doppelten Sinn zu verstehen: Zum einen ist die Umwandlung in quantitative Daten nun technisch einfacher, zum anderen gibt es ein soziales Bed&uuml;rfnis danach, dies zu tun. Dies betrifft nicht nur das eigentliche Angebot, sondern auch seine Nutzung. Im Internet liegen nicht nur Texte, Bilder oder Filme in Form digitaler Daten vor, sondern auch als &#8222;Datenspuren&#8220; das fr&uuml;here Verhalten sowie bei Social Media-Anwendungen die pers&ouml;nlichen Beziehungsnetzwerke von Nutzerinnen und Nutzer. Diese Daten k&ouml;nnen zur Erstellung pers&ouml;nlicher Nutzungsprofile verwendet werden &#8211; die dann auch, wie im n&auml;chsten Abschnitt aufgef&uuml;hrt, zu personalisierten Angeboten f&uuml;hren.</p>
<p>Der Prozess der Datafizierung durch digitale Medien geht einher mit einer allgemeinen &#8222;Quantifizierung des Sozialen&#8220; (Mau, 2017). Damit meint Mau eine gesellschaftliche Entwicklung, in der immer mehr Ph&auml;nomene vermessen, durch Zahlen beschrieben und beeinflusst werden. Beispielsweise kann die Popularit&auml;t bestimmter Angebote im Internet sofort erfasst und entsprechend reagiert werden. Diese Quantifizierung kann einerseits zu sozial erw&uuml;nschten Folgen der Transparenz und des Wettbewerbs f&uuml;hren, andererseits aber auch zu Formen der &Uuml;berwachung und der Erh&ouml;hung gesellschaftlicher Ungleichheit. Werden etwa popul&auml;re und stark nachgefragte Inhalte bei der Sortierung durch einen Algorithmus in der Trefferliste einer Internetsuchmaschine nach oben geschoben, so verst&auml;rkt sich diese Popularit&auml;t weiter und es kommt zu einem sog. Matth&auml;us-Effekt (&#8222;<i>Wer hat, dem wird gegeben</i>&#8222;). Durch solche Effekte kommt es im Internet gerade nicht zu einem Aufbrechen gesellschaftlicher Machtstrukturen, sondern diese k&ouml;nnen sich auch online fortsetzen.</p>
<p>In &ouml;konomischer Hinsicht f&uuml;hren Digitalisierung und Datafizierung zu neuen Gesch&auml;ftsmodellen. Zum einen k&ouml;nnen digitale Daten einfacher weitergeleitet und damit als Ware gehandelt werden, zum anderen erm&ouml;glichen digitale Daten neue Formen der Entb&uuml;ndelung und (Neu-)B&uuml;ndelung. Damit ist gemeint, dass vormals zusammenh&auml;ngende Angebote getrennt und sp&auml;ter entweder separat oder zusammen mit anderen neu gehandelt werden k&ouml;nnen. Die Folgen dieser M&ouml;glichkeit zeigen sich vor allem bei den traditionellen Massenmedien: Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehprogramme waren vor der Durchsetzung des Internets nur als geb&uuml;ndeltes Angebot erh&auml;ltlich. Dies hatte den f&uuml;r die gesellschaftliche Kommunikation wichtigen Effekt, dass Rezipientinnen und Rezipienten nicht nur mit den sie unmittelbar interessierenden, sondern den nach journalistisch-professionellen Standards relevanten Nachrichten konfrontiert wurden (&#8222;<i>All the news that fit to print</i>&#8222;), und dies in einem Modus, der die allgemeine Bekanntheit der Nachrichten erwartbar und das Gespr&auml;ch dar&uuml;ber wahrscheinlicher machte. In &ouml;konomischer Hinsicht erm&ouml;glichte dies den Medienunternehmen das Gesch&auml;ftsmodell, Medienangebote mit Werbung zu b&uuml;ndeln und damit indirekt zu finanzieren. Die Aufl&ouml;sung dieses vormals geb&uuml;ndelten Angebots hat vielf&auml;ltige Folgen: Zum einen k&ouml;nnen journalistisch-professionelle Selektionskriterien durch andere ersetzt werden, z.B. durch das fr&uuml;here Interesse der Nutzerinnen und Nutzer oder auch der Personen aus ihrem Netzwerk an Beitr&auml;gen, sowie durch die aktuelle Popularit&auml;t, die ein Beitrag erf&auml;hrt. Zum anderen funktioniert das Gesch&auml;ftsmodell der B&uuml;ndelung von journalistisch-redaktionellen Inhalten mit Werbung nicht mehr, wenn diese durch Programme wie Adblocker entb&uuml;ndelt und ohne Werbung dargestellt werden. Die in Deutschland im Vergleich zu anderen L&auml;ndern ausgepr&auml;gte geringe Bereitschaft, f&uuml;r Informationsangebote im Internet zu bezahlen und die gleichzeitig hohe Rate an Adblockern machen die Re-Finanzierung journalistisch-redaktioneller Angebote zu einem schwierigen Gesch&auml;ft (Reuters Institute for the Study of Journalism, 2018). Dies tr&auml;gt zur Krise des Journalismus als vormals zentraler Vermittlungsinstanz und zur Notwendigkeit neuer Vermittlungsstrukturen bei, die im &uuml;bern&auml;chsten Abschnitt skizziert werden.</p>
<h2 class="auto-created">Personalisierung</h2>
<p>Vor der Durchsetzung des Internets konnten wir vereinfacht zwei Formen der Kommunikation unterscheiden: Interpersonale Kommunikation, die zwischen wenigen (im Idealfall zwei) Teilnehmerinnen und Teilnehmern stattfand, die wechselseitig und direkt, also ohne mediale Vermittlung (&#8222;face to face&#8220;), oder mit einfachen Formen technischer &Uuml;bermittlung (Telefon, Computer) auskam. Davon wurde die Massenkommunikation unterschieden, nach der oft zitierten Formel von Maletzke (1963, S.&nbsp;32) <i>&#8222;jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen &ouml;ffentlich, durch technische Verbreitungsmittel indirekt und einseitig an ein disperses [d.h. r&auml;umlich und zeitlich getrenntes/PD] Publikum vermittelt werden&#8220;</i>. Mit anderen Worten war interpersonale eine pers&ouml;nliche, aber nur wenigen zug&auml;ngliche Kommunikation, w&auml;hrend Massenkommunikation von einer unpers&ouml;nlichen Beziehung zwischen Sendenden und Empfangenden, daf&uuml;r aber von einer hohen Zug&auml;nglichkeit der Mitteilungen gepr&auml;gt war. Schon immer gab es Zwischenformen, die von dieser Dichotomie nicht erfasst wurden: die eigentlich nicht f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit bestimmte, dieser aber pl&ouml;tzlich zug&auml;nglichen Mitteilung, oder der f&uuml;r die massenmediale Kommunikation bestimmte Text, der niemandem zug&auml;nglich ist oder keine Aufmerksamkeit erf&auml;hrt (vgl. J&uuml;nger, 2018). Mit der Internetkommunikation gewinnen diese Zwischenformen aber an Bedeutung, immer mehr Mitteilungen sind sowohl pers&ouml;nlich (wie in der interpersonalen) als auch allgemein zug&auml;nglich (wie in der Massenkommunikation). O&rsquo;Sullivan und Carr (2018) sprechen daher von einer &#8222;<i>massenpersonalen Kommunikation</i>&#8222;. Exemplarisch zeigt sich dies an Social Media-Anwendungen wie Facebook, die zwar einerseits von den (individuellen) Nutzerinnen und Nutzern als private Kommunikation verstanden werden, andererseits einer breiten &Ouml;ffentlichkeit aber bereits dadurch zur Verf&uuml;gung stehen, dass &#8211; juristisch laienhaft formuliert &#8211; die Rechte an den Mitteilungen an Facebook &#8222;abgegeben&#8220; wurden. Ferner sind, wie bereits erw&auml;hnt, die zuvor getroffenen Auswahlentscheidungen wie auch das fr&uuml;here pers&ouml;nliche Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl jener Mitteilungen, die sie &uuml;berhaupt erhalten. Dies war bei den traditionellen Formen der Massenkommunikation nie der Fall: Den Sportteil einer Zeitung erhielt auch der, der sich nicht f&uuml;r Sport interessiert. Mit dem Medienwandel differenzieren sich die einzelnen Medienrepertoires aus und folgen individuellen wie auch gruppenbezogenen Relevanzzuschreibungen.</p>
<p>Die sich so als Teil des Medienwandels bemerkbar machende Personalisierung ist eingebettet in den sozialen Prozess der Individualisierung. Dieser wird h&auml;ufig verk&uuml;rzt dargestellt: Individualisierung meint nach Ulrich Beck (1986) nicht nur die Herausl&ouml;sung des Menschen aus historisch vorgegebenen Sozialformen und Bindungen (Freisetzung) sowie den Verlust von traditionellen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und Normen (Entzauberung), sondern drittens auch neue Formen der sozialen Einbindung (Kontrolle und Reintegration), etwa in Form kultureller Milieus oder sozialer Gemeinschaften. Mit Bezug auf einen anderen Prozess des sozialen Wandels formuliert: Das Internet ist einerseits ein globales, weltumspannendes Medium, die darin stattfindende Kommunikation verdichtet sich aber rund um Gruppen, die sich nach innen durch verst&auml;rkte Bindungen, gemeinsame Praktiken und eine scharfe Sinngrenze auszeichnen (vgl. Fuhse, 2006).</p>
<p>Die technisch m&ouml;glichen und potentiell grenzenlosen Netzwerke f&uuml;hren auch zu Konflikten, Verschiebungen oder dem Ziehen kommunikativer Grenzen. Damit einher geht die Beobachtung, dass mit dem Wandel von Medien und &Ouml;ffentlichkeit eine st&auml;rkere Moralisierung der &ouml;ffentlichen Kommunikation einhergeht (Imhof, 2011). Politische, &ouml;konomische, rechtliche Fragen etc. werden st&auml;rker als fr&uuml;her normativ aufgeladen. Dies ist auch eine Folge des allgemeinen sozialen Wandels hin zu einer postmateriellen Gesellschaft, in der weniger &uuml;ber Verteilungs- und Machtfragen gesprochen wird und mehr Aufmerksamkeit Fragen nach dem &#8222;richtigen Leben&#8220; zuteilwird. Personalisierung hei&szlig;t damit auch, Gespr&auml;chspartnerinnen und -partner als &#8222;ganze Menschen&#8220; mit allen ihren Wertbez&uuml;gen zu sehen und nicht mehr nur als Tr&auml;gerinnen und Tr&auml;ger bestimmter funktionaler Rollen. Lange vor der Durchsetzung des Internets hat Richard Sennett (1983) dies als &#8222;<i>Tyrannei der Intimit&auml;t</i>&#8220; beschrieben. Sennett betrachtete &Ouml;ffentlichkeit als eine Ansammlung von Fremden, in der uns Rollen wie Masken voreinander sch&uuml;tzen. Gerade in der Internetkommunikation sind sich Akteure einander jedoch weniger fremd, die Trennung von Rolle und Person wird noch durchl&auml;ssiger. Dies ist eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r, warum Konflikte etwa auf Social Media-Plattformen schnell moralisierend und &#8222;pers&ouml;nlich&#8220; werden.</p>
<p>In der breiten &Ouml;ffentlichkeit werden die Folgen der Personalisierung der Internetkommunikation h&auml;ufig unter den Schlagworten der Echokammer oder der Filterblasen (vgl. Pariser, 2012) diskutiert. Damit ist gemeint, dass die Nutzerinnen und Nutzer einerseits durch die algorithmische Selektion (Filterblasen) als auch durch die Abschottung von Kommunikationsr&auml;umen (Echokammern) nur noch jene Mitteilungen erhalten, die sie in ihrer Meinung best&auml;tigen und wie ein Echo der eigenen &Uuml;berzeugungen wirken. In der Internetkommunikation werden viele Mitteilungen auch nicht mehr zu allen Nutzerinnen und Nutzern zugleich geschickt (&#8222;push&#8220;-Modus), sondern nur zu ausgew&auml;hlten, oder sie m&uuml;ssen gezielt angesteuert werden (&#8222;pull&#8220;-Modus). Begriffe wie Filterblasen und Echokammern f&ouml;rdern einerseits die Sensibilit&auml;t der Nutzerinnen und Nutzer vor den Besonderheiten der Internetkommunikation, sind aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive aber keine g&auml;nzlich neuen Ph&auml;nomene. Basierend auf den Arbeiten zur kognitiven Dissonanz von Festinger (1957) finden sich in unz&auml;hligen Studien Hinweise darauf, dass Menschen sich a) vermehrt jenen Medien zuwenden, die sie in ihren bereits vorhandenen Einstellungen best&auml;tigen (<i>selective exposure</i>), b) konsonante, d.h. best&auml;tigende Mitteilungen mehr Aufmerksamkeit schenken (<i>selective attention</i>) und sich c) auch besser an diese erinnern k&ouml;nnen (<i>selective retention</i>). Auch traditionelle Massenmedien wirken damit in erster Linie verst&auml;rkend auf jene Einstellungen und Meinungen ein, die ihre Nutzerinnen und Nutzer bereits haben. Ebenso hatten die Journalistinnen und Journalisten bei diesen traditionellen Massenmedien auch immer schon eine Vorstellung &uuml;ber die Einstellungen der Adressaten. Insofern sind Filterblasen und Echokammern keine g&auml;nzlich neuen Ph&auml;nomene. Eine andere Qualit&auml;t h&auml;tte hingegen der Umstand, wenn die durch Algorithmen vorgenommenen Auswahlentscheidungen dazu f&uuml;hren, dass Nutzerinnen und Nutzer zu verschiedenen Themen v&ouml;llig andere Informationen erhalten oder am Ende gar keine gemeinsame Themenagenda mehr haben. Hier zeichnen aktuelle Studien f&uuml;r Deutschland ein differenziertes Bild: Filterblasen im Sinne g&auml;nzlich anderer Themenagenden lassen sich in Deutschland bislang nicht nachweisen (vgl. Stark, Magin, &amp; J&uuml;rgens, 2018). Gleichwohl zeigt dieselbe Studie auch, dass die Personalisierung der Internetkommunikation zu verzerrten Wahrnehmungen des Meinungsklimas f&uuml;hren kann: Die Stimmungslage innerhalb der &#8222;Freunde&#8220; auf Facebook unterscheidet sich von dem in repr&auml;sentativen Umfragen ermittelten Meinungsklima der Gesamtbev&ouml;lkerung. Entscheidender als die technischen M&ouml;glichkeiten eines Selektionsalgorithmus sind also Pers&ouml;nlichkeitsmerkmale der Nutzerinnen und Nutzer (wie etwa politisches Interesse), die zu einem eher breiten oder eher engen Informationsverhalten f&uuml;hren. Ber&uuml;cksichtigt werden muss dabei auch, dass Social Media-Anwendungen wie Facebook in Deutschland zwar zunehmend, im internationalen Vergleich aber nicht &uuml;berdurchschnittlich zur Information genutzt werden. Auf die in dem j&auml;hrlich durchgef&uuml;hrten Digital News Report von Reuters gestellte Frage, ob sie in der vergangenen Woche Social Media-Anwendungen als Nachrichten genutzt haben, antworteten 2018 31% der befragten Nutzerinnen und Nutzer aller Altersgruppen aus Deutschland mit &#8222;Ja&#8220;, in den USA waren es 45%. Zudem ist die Bedeutung von Social Media als Nachrichtenquelle starken Schwankungen unterworfen. In den USA sank beispielsweise die Nutzung von Facebook als Nachrichtenquelle binnen eines Jahres von 48% auf 39% (Reuters Institute for the Study of Journalism, 2018, S. 10). Die Diskussionen um L&uuml;gen und Falschmeldungen in den Social Media-Netzwerken geht an den Nutzerinnen und Nutzern nicht spurlos vorbei und hat den Anstieg ihrer Bedeutung als Informationsquelle zumindest verlangsamt.</p>
<h2 class="auto-created">Neue Vermittler</h2>
<p>Ein wesentliches Merkmal der traditionellen &Ouml;ffentlichkeit war die Unterscheidung der Rollen von Sprecherinnen und Sprechern, Vermittlern und dem Publikum (vgl. bereits Gerhards &amp; Neidhardt, 1990). Die Bereitstellung und Herstellung von Themen erfolgte durch spezialisierte Personen (Journalistinnen und Journalisten), die dauerhaft und auf Basis spezifischer Berufsregeln (beispielsweise Selektion aufgrund von Nachrichtenfaktoren) innerhalb spezialisierter Organisationen (Redaktionen) arbeiten. Diese Spezialisierung und Dauerhaftigkeit erm&ouml;glichte es dem Publikum, Erwartungshaltungen an den Journalismus einzelner Medienangebote aufzubauen. Das Publikum konnte einzelne journalistische Angebote beispielsweise hinsichtlich ihrer Qualit&auml;t oder politischen Richtung unterscheiden. Journalismus war damit eine wichtige Institution in der Gesellschaft (vgl. Jarren, 2015).</p>
<p>Der Journalismus hat im Medienwandel aus vielen Gr&uuml;nden heraus seine zentrale Vermittlungsposition eingeb&uuml;&szlig;t. Dies hat zum einen &ouml;konomische Gr&uuml;nde, die eine Finanzierung journalistischer T&auml;tigkeiten erschweren. Zum anderen f&uuml;hrte das Internet zu Verschiebungen der Rolle von Journalistinnen und Journalisten. In der traditionellen Medienwelt waren sie <i>Gatekeeper</i>, die dar&uuml;ber entscheiden konnten, welche Themen und Mitteilungen in der &Ouml;ffentlichkeit Eingang fanden und welche nicht. Diese Rolle gibt es in der Welt des Internets nicht mehr: Auch was von Journalistinnen und Journalisten f&uuml;r wenig relevant oder falsch gehalten wird, findet seinen Weg &uuml;ber andere Kommunikationskan&auml;le. Die neue Rolle des Journalismus ist allenfalls die eines &#8222;<i>Gatewatchers</i>&#8220; (Bruns, 2005), der das Tor im Auge behalten, aber nicht mehr schlie&szlig;en kann.</p>
<p>Der Bedeutungsverlust des Journalismus bedeutet nun nicht, dass die Vermittlungsfunktion obsolet wird. Im Gegenteil: Die zunehmende Komplexit&auml;t der Internetkommunikation f&uuml;hrt zur Ausbildung immer neuer Intermedi&auml;re, die sich zwischen mindestens zwei Akteure schieben, diese verbinden und damit Kommunikation zwischen ihnen erm&ouml;glichen oder zumindest vereinfachen (Schulz &amp; Dankert, 2016). Dabei sind sehr unterschiedliche Vermittlungsleistungen denkbar: Das Suchen und Finden von Informationen (wie bei Suchmaschinen), die Aggregation (wie bei Nachrichtenportalen), die &Uuml;berwachung und das Monitoring von Kommunikation, Prognosen auf Basis vorhandener Daten, Filtern von Mitteilungen, Vorschl&auml;ge f&uuml;r Produkte und Dienstleistungen, das &#8222;<i>Scoring</i>&#8220; und die Erstellung von Reputation, die Produktion journalistischer Inhalte sowie die Allokation von Werbeeinnahmen (vgl. Just &amp; Latzer, 2017). Diese Vermittlungsleistungen k&ouml;nnen entweder von Algorithmen oder von Kollektiven geleistet werden, wie beispielsweise auf partizipativen Plattformen. Neben die journalistisch-redaktionelle Vermittlung tritt damit die algorithmische (oder auch technische) und die partizipative (vgl. Neuberger, 2009). In einzelnen Online-Medien und auf Plattformen k&ouml;nnen diese drei Vermittlungstypen auch gemeinsam auftreten.</p>
<p>Alle drei funktionieren nach unterschiedlichen Regeln und Logiken. So f&uuml;hlen sich die Betreiber von Vermittlungsalgorithmen (wie etwa Facebook oder YouTube) nicht als Medienunternehmen und damit f&uuml;r die Inhalte verantwortlich, die auf ihren Plattformen ver&ouml;ffentlicht werden (vgl. u.a. Napoli, 2014; Napoli &amp; Caplan, 2017). Aber auch die Laien, die auf Plattformen an Formen der partizipativen Vermittlung von Mitteilungen beteiligt sind, haben in der Regel andere Motive als professionelle Journalistinnen und Journalisten. Jan-Hinrik Schmidt (2011) hat darauf hingewiesen, dass Internetkommunikation vor allem auf Social Media-Plattformen eine &#8222;<i>Konvergenz aus Publikation und Konversation</i>&#8220; darstelle. Im Plauderton werden Mitteilungen weitergeleitet und kommentiert, ohne sie beispielsweise auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu &uuml;berpr&uuml;fen und m&ouml;gliche Folgen der Publizit&auml;t zu bedenken. Bernhard P&ouml;rksen (2018) hat daher die &#8222;<i>konkrete Utopie der redaktionellen Gesellschaft</i>&#8220; vorgeschlagen, d.h. eine Orientierung auch der an partizipativen Vermittlungsformen beteiligten Laien an journalistischen Grundprinzipien wie Wahrheit, Skepsis, Verst&auml;ndigungs- und Diskursorientierung, Relevanz und Proportionalit&auml;t etc.</p>
<p>F&uuml;r die weitere Entwicklung der Internetkommunikation wird bedeutsam sein, ob und wie nationale und/oder europ&auml;ische Instanzen die neuen Vermittler regulatorisch erfassen wollen und entsprechende Regeln auch durchsetzen k&ouml;nnen. Als m&ouml;gliche Eckpunkte einer solchen Regelung sind etwa die Herstellung von Transparenz &uuml;ber die Entscheidungsregeln, die Gew&auml;hrleistung von Diskriminierungsfreiheit und Chancengleichheit, die Verhinderung von Meinungsmacht sowie die Autonomie der Nutzerinnen und Nutzer im Gespr&auml;ch (Bund-L&auml;nder-Kommission zur Medienkonvergenz, 2016). Der im Juli 2018 vorgelegte Entwurf eines Medienstaatsvertrages der L&auml;nder, der den jetzigen Rundfunkstaatsvertrag abl&ouml;sen soll, sieht auch Regelungen bezogen auf &#8222;Medienplattformen&#8220; und &#8222;Medienintermedi&auml;re&#8220; vor (Rundfunkkommission der L&auml;nder, 2018).</p>
<h2 class="auto-created">Fazit</h2>
<p>Das Internet als technische Plattform sowie die in ihm m&ouml;glichen vielf&auml;ltigen Formen der Online-Kommunikation haben weitreichende strukturelle Folgen f&uuml;r die gesellschaftliche Kommunikation und damit auch f&uuml;r die Meinungsfreiheit. Durch die Digitalisierung wird ein Mehr an Kommunikationsm&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnet, insbesondere f&uuml;r einzelne Personen. Dieses Mehr an M&ouml;glichkeiten verlangt zugleich neue Formen der Komplexit&auml;tsreduktion. Der Abbau von Komplexit&auml;t kann einerseits durch Algorithmen geleistet werden, aber auch durch pers&ouml;nliche Netzwerke und Empfehlungen. Wir lesen das, was unsere &#8222;Freunde&#8220; und Meinungsf&uuml;hrer gut finden oder was aktuell viele Menschen interessiert. Traditionelle Vermittler wie die klassischen Massenmedien und der redaktionell organisierte Journalismus verlieren an Bedeutung, neue Vermittler wie Intermedi&auml;re und Plattformen, und hier insbesondere die beiden Konzerne Alphabet (Google) und Facebook, nehmen ihren Platz ein. Trotz der Vielzahl der Kommunikationsm&ouml;glichkeiten ist das Internet damit zugleich durch eine hohe Marktmacht weniger Medienunternehmen gekennzeichnet, die sich bislang einer politischen und rechtlichen Regelung auch weitgehend entziehen. Die durch sie verk&ouml;rperte kalifornische Ideologie setzt auf das scheinbar freie Individuum und die Regeln einer (letztlich von den Konzernen dominierten) &#8222;Community&#8220;. Die weitere Entwicklung der Internetkommunikation, und damit auch die Frage der strukturellen Folgen, wird wesentlich davon abh&auml;ngen, ob diese hoch konzentrierten Vermittlungsstrukturen bestehen bleiben und wie sie durch Politik oder Recht weiter normiert werden. Auch die Gesellschaft, Organisationen wie Individuen, wird sich die Internetkommunikation weiter aneignen und neue Formen der Selektion sowie der Komplexit&auml;tsreduktion entwickeln. Die im Grundgesetz formulierten Kommunikationsfreiheiten m&uuml;ssen damit im Lichte neuer Vermittlungsprobleme aktualisiert werden.</p>
<p><b>PATRICK DONGES&nbsp;</b><i>&nbsp; Jahrgang 1969, Dr. phil., Professor f&uuml;r Kommunikationswissenschaft am Institut f&uuml;r Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universit&auml;t Leipzig. Forscht und lehrt zu den Themen Politische Kommunikation, Medienstrukturen und Medienpolitik, Organisationskommunikation sowie Theorien der Kommunikationswissenschaft.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p>Beck, Ulrich 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M.</p>
<p>Bruns, Axel 2005: Gatewatching. Colloaborative Online News Production, New York.</p>
<p>Bund-L&auml;nder-Kommission zur Medienkonvergenz 2016: Bericht. Abrufbar unter: <a href="http://www.rlp/" target="_blank" rel="noopener">www.rlp</a>. de/fileadmin/rlp-stk/pdf-Dateien/Medienpolitik/2016-06-01_-01-_Bericht_BLKM_pol _Steuerungsgruppe_FINAL_bf.pdf.</p>
<p>Festinger, Leon 1957: A Theory of Cognitive Dissonance, Palo Alto.</p>
<p>Fuhse, Jan 2006: Gruppe und Netzwerk &#8211; eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion; in: Berliner Journal f&uuml;r Soziologie, Jg. 16, H. 2, S. 245-263, doi: 10.1007/s11609-006-0019-z</p>
<p>Gerhards, J&uuml;rgen, &amp; Neidhardt, Friedhelm 1990: Strukturen und Funktionen moderner &Ouml;ffentlichkeit. Fragestellung und Ans&auml;tze, Berlin.</p>
<p>Giddens, Anthony 1984: The Constitution of Society. Outline of the Theory of Structuration. Cambridge.</p>
<p>Imhof, Kurt 2011: Die Krise der &Ouml;ffentlichkeit. Kommunikation und Medien als Faktoren des sozialen Wandels, Frankfurt/M.</p>
<p>Jarren, Otfried 2015: Journalismus &#8211; unverzichtbar?!; in: Publizistik, Jg. 60/H. 2, S.&nbsp;113-122.</p>
<p>J&uuml;nger, Jakob 2018: Unklare &Ouml;ffentlichkeit: Individuen in Situationen zwischen &ouml;ffentlicher und nicht&ouml;ffentlicher Kommunikation, Wiesbaden.</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/225-226/publikation/digitalisierung-personalisierung-und-neue-vermittler-der-medienwandel-durch-das-internet-und-sein-1/">Digitalisierung, Personalisierung und neue Vermittler  der Medienwandel durch das Internet und seine strukturellen Folgen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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