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	<title>Peter Fischer Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Zur Aussagekraft von Symour M.Lipsets &#8222;Extremismus der Mitte&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 08:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorg&#228;nge 197 (Heft/ 1/2012), S.95-100 In einem Rundfunkinterview[1] Anfang dieses Jahres zur Geschichte des/Antisemitismus &#228;u&#223;ert sich der langj&#228;hrige Leiter des Zentrums f&#252;r Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz, zu einer Debatte Ende der 1990er Jahre. Der Vorwurf damals: der Historiker wolle abwiegeln und den Rechtsextremismus verharmlosen. Was war passiert? Benz hatte sich seinerzeit daf&#252;r [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/197-vorgaenge/publikation/zur-aussagekraft-von-symour-mlipsets-extremismus-der-mitte/">Zur Aussagekraft von Symour M.Lipsets &#8222;Extremismus der Mitte&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorg&auml;nge 197 (Heft/ 1/2012), S.95-100</p>
<p>In einem Rundfunkinterview[1] Anfang dieses Jahres zur Geschichte des/Antisemitismus &auml;u&szlig;ert sich der langj&auml;hrige Leiter des Zentrums f&uuml;r Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz, zu einer Debatte Ende der 1990er Jahre. Der Vorwurf damals: der Historiker wolle abwiegeln und den Rechtsextremismus verharmlosen. Was war passiert? Benz hatte sich seinerzeit daf&uuml;r stark gemacht, nicht jegliche Gewalt, die gegen Ausl&auml;nder oder Minderheiten gerichtet ist, gleich als rechtsextremistische oder neofaschistische Tat zu interpretieren, und sich damit offensichtlich dem Vorwurf ausgesetzt, den Rechtsextremismus zu verharmlosen. Benz fasst r&uuml;ckblickend zusammen: &#8222;Ich wollte damit warnen [&#8230;] vor dem billigen Konzept, was ja in der Politik st&auml;ndig angewendet wird: Haltet den Dieb, oh Gott, das sind alles Rechtsextreme&#8220;.[2] Es bestehe &#8211; so Benz weiter &#8211; mit dieser Argumentation die Gefahr, Rechtsextremismus und Neofaschismus als (einzige) gewaltt&auml;tige Minderheit hervorzuheben und den Rest der Gesellschaft au&szlig;er Acht zu lassen. Im Ergebnis seien so lediglich die Extreme b&ouml;se und gewaltbereit und alle anderen Bestandteile der Gesellschaft gut und friedlich. Hingegen geht Benz davon aus, dass extreme Gewalt bereits in der Mitte der Gesellschaft beginnt. &#8222;Der Frust entsteht in der Mitte der Gesellschaft. Und der Frust sucht nach Entladung.&#8220;[3]</p>
<p>Der Begriff des &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; auf den die Aussagen des Extremismusforschers hinweisen ist allerdings schwierig und strittig. Auf Schwierigkeiten deuten nicht nur die vermeintliche &#8222;contradicto in adjecto&#8221; im Sprachbild, sondern auch zahl-reiche politische Kontroversen um den Begriff hin. Wie tief die politischen Gr&auml;ben sind, aus denen heraus mit dem Begriff operiert wird, zeigen zwei knappe Beispiele. So sieht z. B. der K&ouml;lner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge mit Verweis auf den &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; eine Renationalisierung der politischen Kultur in der BRD gegeben. Zeichen daf&uuml;r sei ein zunehmender Rechtspopulismus (vgl. Butterwegge 2002: 43). Hingegen glauben Backes und Jesse, Herausgeber des Jahrbuchs f&uuml;r Extremismus und Demokratie, dass dieser Begriff ein linkes Instrument zur Delegitimierung des Verfassungsstaates sei (vgl. Backes/ Jesse 1995: 25). Man muss sich allerdings nicht zur politischen Positionierung verleiten lassen, um dem Terminus etwas abzugewinnen,sondern kann den Tatbestand ein wenig n&uuml;chterner wenden und z. B. die soziologisch motivierte Frage &#8222;Was ist in der Gesellschaft los?&#8221; aufwerfen. Eben diese Frage, wurde auch bei Seymour Martin Lipset (1922-2006) relevant, als er 1959 &#8222;Extremism of the Center&#8221; und &#8222;Middle Class Extremism&#8221; als Ergebnis einer Analyse der W&auml;hlerschaft extremistischer Parteien zusammenfasste. Ausgangspunkt seiner Untersuchung war der Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Rechtsextremismus, doch im Ergebnis lieferte Lipset eine neue Interpretation des Extremismusproblems. Der Begriff des &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; hielt durch ihn schlie&szlig;lich Einzug in den sozialwissenschaftlichen Begriffskanon. Leider wird Lipsets politische Soziologie h&auml;ufig auf eine Wahlanalyse reduziert und die soziologischen und sozialpsychologischen Erkl&auml;rungen f&uuml;r das Entstehen dieses Extremismus bleiben au&szlig;en vor. Wenn die G&uuml;ltigkeit seiner Wahlanalyse heute auch strittig ist (vgl. z. B. Mudde 2000), lohnt es sich doch, die Begr&uuml;ndungen die Lipset f&uuml;r einen &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; gibt, genauer zu betrachten und mit historischen Vorl&auml;ufern zu verbinden.</p>
<p>Um den Begriff zu verstehen und die bereits oben angesprochene Contradictio auf zul&ouml;sen, ist es zun&auml;chst n&ouml;tig, sich Gesellschaft und Sozialstruktur als dynamisches Gebilde vorzustellen. Die klassische Aufteilung der Gesellschaft in Links-Mitte-Rechts (LMR) bietet hierzu ein einfaches schematisches Mittel. Wichtig ist es, die im zeitlichen Verlauf sichtbare Bewegung von Mitte und Extremen zu erkennen, so dass ein Anwachsen der Extreme und Schrumpfen der Mitte (z. B. in Krisenzeiten) oder aber eine Ausbreitung der Mitte und ein Schrumpfen der Extreme (in Zeiten relativen &ouml;konomischen Wohlstands) erkennbar ist. Dieses bekannte Schema ist eng mit der gesellschaftlichen Stratifikation nach Klassen verbunden, besitzt aber durchaus noch G&uuml;ltigkeit in einem auf Klassentheorie aufbauenden Sozialraum der Lebensstile. In einem &#8222;materialistischen&#8221; Sinne wird hier davon ausgegangen, dass mit einer bestimmten Positionierung bzw. mit einem bestimmten Status in der Gesellschaft auch eine bestimmte politische Einstellung eingenommen wird. Dieses klassische LMR-Schema wird von Lipset nun um eine andere Verh&auml;ltnisbestimmung von Mitte und Extremismus erg&auml;nzt. Der amerikanische Soziologe geht davon aus, dass Links, Rechts und Mitte jeweils einen demokratischen Kern wie einen extremistischen Ausdruck haben (Lipset 1959: 346). Das bekannte Schema gilt als politisch-gesellschaftlicher Normalfall, dem sich nunmehr jeweils extremistische Formen gegen&uuml;berstellen. Im Ergebnis differenziert Lipset die Frage nach dem Extremismus in Links-, Rechts- und Mitte-Extremismus. Nicht die Mitte wandert also zu den Extremen, sondern diese kann aus sich heraus eine extreme Position einnehmen. Lipset bietet mit seinem Analysekonzept umfangreiche M&ouml;glichkeiten der Differenzierung unterschiedlicher Extremismusformen. So l&auml;sst sich z. B. ein konservativer Autoritatismus mit Lipset deutlich von einem liberalen Autoritatismus unterscheiden.</p>
<p>Das ber&uuml;hmt gewordene Beispiel Lipsets mit dem er seine Extremismustheorie begr&uuml;ndet ist eine Analyse der gesellschaftlichen &#8222;Mitte&#8221; Deutschlands in der Weimarer Republik. Zu dieser z&auml;hlt er zuv&ouml;rderst den Liberalismus der Mittelklasse in Form des Kleinb&uuml;rgertums und Kleinunternehmers, den &#8222;white-collar worker&#8221; und die so genannte &#8222;professional class&#8221;. Lipset stellt, wie schon Theodor Geiger gut zwei Jahrzehnte zu-vor, die faschistische Bewegung als &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; dar, weil gerade das Kleinb&uuml;rgertum als gr&ouml;&szlig;te Tr&auml;gerschicht f&uuml;r diese Bewegung ausgemacht werden kann. Wie kommt er zu dieser These?</p>
<p>Nach dem Absturz eines Teils der Mittelklasse zu Anfang des 20. Jahrhunderts und einem damit einhergehenden Ressentiment gegen die sozialen und &ouml;konomischen Trends der Zeit wandelte sich deren liberale Ideologie. Dieser Wandel der ldeologie beschreibt gleichzeitig den Wandel einer revolution&auml;ren (gegen den Adel und die aristokratische Gesellschaft) in eine reaktion&auml;re (gegen die Moderne) Klasse (vgl. Lipset 1959:350). Lipset vergleicht schlie&szlig;lich die Ideologie der abgestiegenen Mittelklasse mit der ldeologie des Faschismus und stellt fest: beide sind Reaktionen auf die Prozesse der Rationalisierung und Modernisierung der Gesellschaft. Lipset w&auml;hlt zur weiteren komparativen Analyse Beispiele aus L&auml;ndern, die durch gro&szlig;r&auml;umigen Kapitalismus und starke Arbeiterbewegungen gepr&auml;gt sind. Er betont die Suche nach einer &#8222;displaced strata&#8221;, nach einer deklassierten Schicht also, die er als empirische Forschungsfrage bzgl. ihrer politischen Ausrichtung f&uuml;r Deutschland, Frankreich und Italien untersucht. Im Ergebnis erscheinen ihm Faschismus, Peronismus und McCarthyismus als Reaktionen des Kleinb&uuml;rgertums vornehmlich aufgrund von Desintegration. (vgl. ebd. 373)</p>
<p>Der Hinweis auf gesellschaftliche Desintegration reicht allerdings als Ursache alleine nicht aus, um einen Extremismus zu erkl&auml;ren. Der Vorgang der Desintegration oder Deplatzierung liefert zwar ein wichtiges, aber noch kein ausreichendes Merkmal. Welche Bedingungen m&uuml;ssen noch vorhanden sein, damit aus der abgestiegenen eine extremistische Mitte wird? Die Frage nach den Ursachen des Extremismus greift Lipset an anderer Stelle erneut auf, in dem er den Zusammenhang von Werten und politischer Struktur f&uuml;r die USA der 1960er Jahre analysiert. Hier werden von ihm neben Desintegration noch andere Merkmale aufgezeigt, die bedeutsam f&uuml;r das Entstehen einer extremistischen Bewegung sind. Die amerikanische Gesellschaft der 1960er Jahre ist eine &#8222;moralisch motivierter&#8221; Massenbewegungen, die ihren Antrieb aus einer Bedrohung des sozialen Status der Mittelschichten und einhergehender psychischer Unsicherheit ziehen. Trotz oder gerade aufgrund des egalit&auml;ren Ethos der USA konstatiert Lipset ein Extremismusproblem. Doch wie ist es dazu gekommen? Der hoch gelobte Wert der Gleichheit steht im Spannungsverh&auml;ltnis zum Wert des Erfolges. Die Gestaltung der USA als offene Gesellschaft mit einer zielorientierten im Gegensatz zu einer mittelorientierten Kultur f&uuml;hrt schlie&szlig;lich dazu, dass das Erreichen des Ziels als oberster Wert ausgegeben wird. &#8222;The success of the current antiwar movement is another exarnple of the way in which those who feel most deeply and are willing to use extreme methods to attain their ends have an impact on the body politic.&#8221; (Lipset/ Sheingold 1971: 396) Ei-ne zielorientierte Kultur beg&uuml;nstigt hiernach ein Verhalten, dass allein nach dem Ziel strebt, ohne dabei auf die Regeln zu achten. Es l&auml;sst sich auf die oben gestellte Frage nach den Bedingungen f&uuml;r einen &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; also noch die kulturelle Rahmung der Gesellschaft anf&uuml;hren. F&uuml;r den Fall der USA der 1960er Jahre besitzt die-se, die erstmals von Robert K. Merton herausgestellte Besonderheit einer starken Orientierung auf Ziele, wie z. B. auf sozialen Aufstieg oder auf Reichtum. Mit Blick auf die Geschichte stellen sich f&uuml;r Lipset Zeiten des gesellschaftlichen &Uuml;bergangs bzw, sozialen Umbruchs auch als Zeiten von Gewalt und Verzweiflung dar, die sich aus der zielorientierten politischen Kultur n&auml;hren k&ouml;nnen (vgl. Ebd.: 403).</p>
<p>In der amerikanischen Gesellschaft sieht Lipset zudem eine Tendenz zum Moralismus, den er als weitere Quelle des Extremismus ausmacht. Zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei dieser auf die Tradition der Glaubensgemeinschaften und deren protestantischer Ethos. Ferner beg&uuml;nstige die protestantische Praxis des &#8222;perfektiblen&#8221; Menschen und die damit ein-hergehende Notwendigkeit, S&uuml;nde zu vermeiden, eine solche Haltung. Die amerikanische Gesellschaft der 1960er Jahre wird von Lipset als eine Gesellschaft geschildert, die besonders von moralischem Druck gepr&auml;gt ist: &#8222;The American, [..,] as political and religious man, has been a utopian moralist who presses hard to attain and institutionalize virtue or to destroy evil men and wicked institutions and practices.&#8221; (ebd. 408) Moralische Vorstellungen und &Uuml;berzeugungen m&uuml;ssen als fundamentaler Bestandteil einer je-den Gemeinschaft und Gesellschaft gelten, Moralismus hingegen stellt unter Umst&auml;nden einen Antrieb f&uuml;r Extremismus dar, der aus der Mitte der Gesellschaft hervorbrechen kann.</p>
<p>Es ist ein Unterschied, ob die Reaktion der &#8222;displaced strata&#8221; blo&szlig; in subjektiver Form, oder aber im Kollektiv erfolgt. Anders als die oben von Benz beschriebene subjektive Frustentladung, die sich z. B. in Gewalt gegen Minderheiten &auml;u&szlig;ert, kann ein in Bewegungen organisierter &#8222;Mitte-Extremismus&#8221; auf die Politik gestalterisch einwirken. &#8222;By its extreme actions, the moralistic radical minority has often secured the support (or the acquiescence) of the moderate elements of the community, who come to accept the fact that change is necessary in order to gain a measure of peace and stability.&#8221; (Lipset 1968: 69) Zu denken ist hier auch an ein Wahlverhalten aus Protest, in der Hoffnung, damit die moderaten Parteien zur Vernunft zu bringen.<br />Besonderes Verdienst Lipsets ist es, mit dem Begriff des &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; nicht nur eine neue Denkweise f&uuml;r das Verh&auml;ltnis sozialer Klassen, politischer Ausrichtung und Extremismus bereitzustellen, sondern zudem eine markante Bezeichnung f&uuml;r ein seit L&auml;ngerem bekanntes Ph&auml;nomen in der Soziologie zu liefern. Das soziale Ph&auml;nomen das Lipsets Theorie zugrunde liegt, findet sich so z. B. schon gut 30 Jahre zuvor beschrieben.</p>
<p>Im September 1930 nach den Reichstagswahlen, bei denen die NSDAP als zweit-st&auml;rkste Partei abschnitt, formulierte Theodor Geiger etwas pathetisch, wenn auch in der Tendenz zutreffend: &#8222;Panik im Mittelstand.&#8221; Das von ihm beschriebene Ph&auml;nomen ist das gleiche wie bei Lipset: der deklassierte Mittelstand. Und Geiger wei&szlig;: &#8222;Der Verzweifelte ist leichtgl&auml;ubig&#8221; (Geiger 1930: 650). Das Kleinb&uuml;rgertum ist nicht nur leicht-gl&auml;ubig, sondern auch zunehmend desintegriert. F&uuml;r Geiger ist es, ganz im Sinne von Marx, nur noch eine Frage der Zeit, bis das Kleinb&uuml;rgertum zwischen Gro&szlig;kapital und Lohnarbeit erdr&uuml;ckt und schlie&szlig;lich ganz vergessen wird. F&uuml;r die marxsche These spricht auch, dass der Mittelstand keine homogene Klasse ist und zudem keine einheitliche Ideologie besitzt. Geiger erkennt vor allem zwei gro&szlig;e widerstrebende Gruppen in der Mitte der Gesellschaft: den alten wie den neuen Mittelstand. Der alte Mittelstand er-scheint ihm wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Er ist gepr&auml;gt von einer &#8222;zeitinad&auml;quaten Ideologie&#8221; (vgl. ebd.: 643) und wird von der Gro&szlig;industrie in die Ecke gedr&uuml;ckt. Der neue Mittelstand, die Summe aus Angestellten und Beamten ist f&uuml;r Geiger kaum einheitlich zu fassen. Er ist zudem gepr&auml;gt von einer &#8222;standort-inad&auml;quaten Ideologie&#8221; (vgl. ebd.: 644). Aufgrund der verschiedenartigen Herkunft des neuen Mit-telstandes besitzt dieser keine ideologische Tradition. All dies macht die Mitte anf&auml;llig f&uuml;r einen Extremismus, der von Geiger &#8212; leider f&auml;lschlicherweise &#8212; als nur vor&uuml;bergehendes Ph&auml;nomen interpretiert wird. Bezogen auf die Frage nach den Ursachen eines &#8222;Mitte-Extremismus&#8221; ist von Geiger ein wichtiger Hinweis auf die Verkn&uuml;pfung des Vorgangs der Deklassenment mit einer standesgebundenen Ideologie zu entnehmen. Der soziale Auf- oder Abstieg bewirkt eine ideologische Entwurzelung. Letztlich entsteht die Panik im Mittelstand nicht, weil dieser &#8212; so Geiger &#8212; den goldenen Mittelweg satt hat, sondern weil die Mitte im Wortsinne ver-r&uuml;ckt worden ist. Die Rede vom Deklassenment bzw. vom Ver-r&uuml;cken der Mitte widerspricht nicht Lipsets Auflassung eines &#8222;Mitte-Extremismus&#8221;, denn trotz Deklassenment und Desintegration bleibt die Ideologie der Mitte ja erhalten.</p>
<p>Einige Jahre nach Geiger entwirft Maurice Halbwachs eine &#8222;Psychologie sozialer Klassen&#8221;. Der Durkheim-Sch&uuml;ler und Mitarbeiter an der &#8222;Annee Sociologique&#8221; ist er-staunt &uuml;ber die sozialpsychologischen Ver&auml;nderungen, die das Kleinb&uuml;rgertum in Krisen- und Umbruchzeiten erf&auml;hrt: &#8222;Denken wir an die Menschen w&auml;hrend der Revolution. Es ist bemerkenswert, da&szlig; innerhalb weniger Monate aus der Masse des Volkes oder genauer aus dem weit begrenzten Kleinb&uuml;rgertum eine solche gro&szlig;e Zahl von Menschen kommen konnte, die derart heftig all die Leidenschaften an den Tag zu legen f&auml;hig sind&#8221; (Halbwachs 2001: 28). Auch er sieht die Mittelklasse als Zwischenschicht, die wenig homogen und zudem durch einen geringen Gemeinschaftsgeist ausgepr&auml;gt ist (ebd.: 136). Vor allem die Angestellten befinden sich &#8212; so Halbwachs weiter &#8212; in h&ouml;chster Not und haben um ihren sozialen Platz zwischen Arbeitern auf der einen und B&uuml;rgertum auf der anderen Seite zu f&uuml;rchten. Die Mittelklassen Deutschlands und Frankreichs, so folgert er aufgrund seiner Darstellung, sind durch die wirtschaftlichen Ver&auml;nderungen erheblich ersch&uuml;ttert, gleichzeitig aber erstaunlich widerstandsf&auml;hig und mit der F&auml;higkeit zu Erholung ausgestattet. An Halbwachs Ausf&uuml;hrungen zeigt sich: Die Mittelklasse ist eine dynamische Gr&ouml;&szlig;e, die im Laufe der Geschichte w&auml;chst und schrumpft. Dies er-folgt aber nicht aus eigener Kraft, sondern als abh&auml;ngige Gr&ouml;&szlig;e, als beherrschte Kraft. Ihr Umschlagen in einen Extremismus scheint vorprogrammiert. Denn: von der Abh&auml;ngigkeit her &#8222;r&uuml;hrt auch jenes Schwanken der Gef&uuml;hle, bald entt&auml;uscht von Ver&auml;nderungen, die sie nicht versteht, deren Gr&uuml;nde und Folgen sie nicht erkennt, bald von einer gewaltigen und blinden Umsturzbewegung gegen eine Entwicklung mitgerissen, deren Lauf sie glaubt anhalten oder zur&uuml;ckdrehen zu k&ouml;nnen.&#8221; (ebd.: 149)</p>
<p>Was ist in der Gesellschaft los, wenn von einem &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; die Rede ist? Wolfgang Benz weist auf Frust hin. Mit Lipset, der, wie aufgezeigt, in einer soziologischen Tradition steht, lassen sich zudem Desintegration, Deklassenment, Moralismus und schwankende Emotionalit&auml;t erkennen. Dies sind Zuschreibungen, die auf Kollektive zielen und die dar&uuml;ber hinaus ideologische wie kulturelle Traditionen und Besonderheiten der Gesellschaft und des Kollektivs ber&uuml;cksichtigen, die unter Umst&auml;nden extremistische Tendenzen verst&auml;rken. Selbst wenn man heute der Gesellschaft eine andere Sozialstruktur als noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts zuschreiben muss, empfiehlt es sich, diese &Uuml;berlegungen als Ausgangspunkt einer soziologischen Extremismusanalyse zu ber&uuml;cksichtigen.</p>
<p>1 Antisemitismus &#8211; Von der Wannsee-Konferenz zum Remer-Prozess, Teil 3, Benz. Deutschlandfunk: Essay und Disukrs, Sendung vom 29.01.2012, abrufbar unter <a href="http://www.dradio.de/dlf/" target="_blank" rel="noopener">http://www.dradio.de/dlf/</a> sendungen/ essayunddi skurs/ 1663426/<br />2&nbsp;Zitat tranksribiert aus dem unter FN 1 genannten Interview.<br />3 s. FN 2.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Backes, Uwe/Jesse, Eckehard (1995): Extremismus der Mitte? &#8211; Kritik an einem modischen Schlag-<br />wort. In: dies., (Hg.): Jahrbuch Extremismus und Demokratie. Baden Baden. S. 13&#8211;27. Butterwegge, Christoph (2002): Rechtspopulismus in der Mitte? In: spw &#8211; Zeitschrift f&uuml;r sozialistische<br />Politik und Wirtschaft, Nr. 4, Heft 126, S. 43-46.<br />Geiger, Theodor (1930): Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift f&uuml;r Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde. Heft 10. S. 637-654.<br />Halbwachs, Maurice (2001): Entwurf einer Psychologie sozialer Klassen. Hgg. von Stephan Egger und Franz Schultheis, Konstanz.<br />Hennig, Elke (1992): Rechter Extremismus. Ein Protest vom Rand der Mitte. In: Vorg&auml;nge 120, 31. Jg, Heft 6, S. 31-40.<br />Kraushaar, Wolfgang (2005): Extremismus der Mitte. Zur Logik einer Paradoxie. In: Leonhard Fuest/ J&ouml;rg L&ouml;ffler (Hg.): Diskurse des Extremen. &Uuml;ber Extremismus und Radikalit&auml;t in Theorie, Literatur und Medien, W&uuml;rzburg.<br />Lipset, Seymour Martin (1968): On the Politics of Conscience &amp; Extreme Commitment. In: Encounter, 1968, p. 66-71.<br />Lipset, Seymour Martin (1963): The First New Nation. The United States In Historical And Comparative Perspective, New York.<br />Lipset, Seymour Martin (1962): Soziologie der Demokratie, Neuwied am Rhein.<br />Lipset, Seymour Martin (1961): A Changing American Character? In: ders., Leo L&ouml;wenthal (Hg.): Culture and Social Character. The Work of David Riesman Reviewed, New York.<br />Lipset, Seymour Martin (1959): Political Man, London.<br />Lipset, Seymour Martin (1959a): Social Stratification and ,Right-Wing Extremism&#8216;. In: The British Journal of Sociology, Vol 10/ No.4., pp 346&#8211;382.<br />Lipset, Seymour Martin (Ed.), (1969): Politics and the Social Sciences. London, Toronto.<br />Lipset, Seymour Martin/ Sheingold, Carl (1971): Values and Political Structure: An Interpretation of<br />the Sources of Extremism and Violence in American Society. In: William J. Crotty (Ed.): Assassi-<br />nations and the Political Order, New York.<br />Mudde, Cas (2000): The Ideology of the Extreme Right.Manchester and New York.<br />Narr, Wolf-Dieter (1992): Der Extremismus der Mitte. In: Vorg&auml;nge 120, 31. Jg, Heft 6, S. 4-8.</p>
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		<title>Kein Wahres im Falschen</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/189-vorgaenge/publikation/kein-wahres-im-falschen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Mar 2010 15:27:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wolfgang Engler schreibt eine Geschichte des unaufrichtigen Ganges; aus: vorgänge Nr. 189, Heft 1/2010, S. 116-118 &#8222;Der strukturelle Betrug des neoliberalen Systems hat tiefe Wurzeln im Habitus der Individuen geschlagen. Sie lügen und betrügen, weil sie ihr Wohnrecht im Lügengebäude höher schätzen als den Umgang mit ihresgleichen auf der Straße.&#8220; (Engler 2009) Die Beschäftigung mit [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wolfgang Engler schreibt eine Geschichte des unaufrichtigen Ganges;</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 189, Heft 1/2010, S. 116-118</p>
<p><i>&#8222;Der strukturelle Betrug des neoliberalen Systems hat tiefe Wurzeln im Habitus der Individuen geschlagen. Sie lügen und betrügen, weil sie ihr Wohnrecht im Lügengebäude höher schätzen als den Umgang mit ihresgleichen auf der Straße.&#8220;</i> (Engler 2009)</p>
<p>Die Beschäftigung mit einer &#8222;Soziologie der Lüge&#8220; ist gerade in der fortgeschrittenen Moderne ein gewinnbringendes Unterfangen. Auch wenn seit Simmel (vgl. Simmel 1992) kaum ein ebenso allgemeiner wie systematisch-theoretischer Zugriff auf das Thema erarbeitet worden ist , lässt sich doch beispielsweise an der Sprache (vgl. Hettlage 2003, Meyer 2007), an der Werbung bzw. der Kulturindustrie oder aber an der Politik und ihren Akteuren eine Verquickung des modernen Lebens mit der Lüge aufzeigen.</p>
<p><i>Wolfgang Engler</i>, Lüge als Prinzip, Aufrichtigkeit im Kapitalismus. Aufbau Verlag Berlin 2009, 213 S., 19,95 &#128;.</p>
<p>Ziel einer so ausgerichteten Soziologie der Lüge müsste es sein, manipulative Herrschaftsstrukturen und verfestigte Formen von Lüge in Institutionen und Positionen aufzudecken und sie gleichzeitig mit der soziologischen Theorie zu verweben.</p>
<p>Bei Wolfgang Englers Buch &#8222;Lüge als Prinzip&#8220; gilt es den Untertitel ernst zu nehmen. Der in der &#8222;scientific community&#8220; gut bekannte Soziologe aus Berlin ist weniger an einer Aufdeckung von Lügen als dem Kapitalismus immanente Strukturen interessiert, als der Titel vermuten lässt. Vielmehr unternimmt Engler den Versuch einer Ontogense von Aufrichtigkeit, dem Gegenteil der Lüge, sowie deren Verhinderung durch die Konstitution einer funktional differenzierten Moderne. Das Interesse des Buches ist also auf die Genesis der bürgerlichen Gesellschaft, auf die Ablösung des Bürgertums aus den abhängigen Banden von Adel und Kirche gerichtet; doch rührt das Anliegen des Autors aus einem früheren Unterfangen.</p>
<p>Der ostdeutsche Soziologe Engler erhielt im Jahr 1987 eine Einladung nach Klagenfurt, wo er einen Vortrag über die &#8222;Aufrichtigkeit als verschollene diskursive Formation&#8220; hielt. Der Blick von einem politischen und gesellschaftlichen System auf ein anderes erwies sich ihm als hilfreich, um mittels dieser Außenseiterposition Zusammenhänge zu erkennen, die von innen durch Selbstverständlichkeiten womöglich überdeckt wurden. Weder war das staatssozialistische System noch sein bundesrepublikanisches Gegenüber frei von Lüge.</p>
<p>Für die Gegenwartsgesellschaft stellt Engler nunmehr gut 20 Jahre später eine ernüchternde Diagnose: &#8222;Die Allgegenwart von Lüge und Verstellung schneidet das Leben von seiner sozialen Wurzel ab, dem mitmenschlichen Grundvertrauen, und gipfelt regelmäßig im Verrat.&#8220; Diese Position ist durch einen soziologisch legitimen Pessimismus, aber auch durch die Uneinlösbarkeit eines Mutes zur Schwäche, gekennzeichnet. Jene Schwäche fordert die Aufrichtigkeit doch vom Subjekt erst ein. Gewiss kann Engler kaum den Anspruch erheben, der Aufrichtigkeit den Platz in der Gegenwartsgesellschaft einzuräumen, der ihr noch in der frühbürgerlichen Moderne gegeben war, doch gilt es zumindest zu fragen, woher sie kommt und wohin sie geht. Wer also heute von Lüge spricht, darf auch von ihrem Gegenteil, der Aufrichtigkeit, nicht schweigen. Denn aus soziologischer bzw. anthropologischer Perspektive gilt: &#8222;Aufrichtigkeit als Aufklärung für den sozialen Hausgebrauch befriedigt ein Bedürfnis, das unauslöslich in uns allen steckt&#8220;. Wieso ist aber in unserer heutigen Gesellschaft kaum mehr von Aufrichtigkeit die Rede?</p>
<p>Zur Beantwortung dieser Frage bemüht der Autor die Gesellschaftsgeschichte (bis ins frühe 16. Jahrhundert) und zeichnet die Genesis der modernen spätkapitalistischen Welt aus der frühen bürgerlichen nach. Seine Schrift lässt sich demnach einreihen in die jüngst wieder entdeckte historische Soziologie des Bürgertums, in welcher der Akteur seine Emanzipation als politische, ökonomische und kulturelle Strategie durchzusetzen versucht. &#8222;In doppelter Frontstellung zum Klerus und zur Aristokratie einerseits, zum bindungslosen Bourgeois andererseits konstituieren sich die Bürgerlichen als Gemeinde der Aufrichtigen, als Menschen sans phrase.&#8220; Doch kann sich die Aufrichtigkeit ähnlich wie ihr sozialer Träger kaum unbeschadet in die Moderne retten.</p>
<p>Dafür gibt Engler mehrere Beispiele: Die Sprache, die, um aufrichtig zu sein, eine Kommunikation ohne Absichten hinsichtlich des Hörenden hegt, wird bereits früh als Utopie entlarvt und von unterschiedlichen philosophischen Strömungen kritisiert. Der pädagogische Diskurs, der die Schwächen des Einzelnen nicht verstecken, sondern offenbaren und sich ungeschützt äußern will, scheitert daran, dass er ein einseitiges Unterfangen beschreibt, das keinen gleichberechtigten Rollentausch zwischen Erzieher und Zögling vorsieht und somit der Täuschung verdächtig und anfechtbar ist. Und auch in ökonomischer Sicht unterliegt die Aufrichtigkeit; denn der siegreiche Marktliberalismus &#8222;lehnte die Vorstellung einer nach sozialen Gesichtspunkten gelenkte Wirtschaft rigoros ab.&#8220;</p>
<p>Engler verknüpft die Gesellschaftsgeschichte mit einer Theorie sozialen Differenzierung und mit Verweisen auf Foucaults Disziplinargesellschaft. Explizit richtet er sich gegen eine Theorie kommunikativen Handelns à la Habermas, denn: am &#8222;Schwall der begründeten Rede lässt sich nichts festmachen&#8220;, was Engler mit Luhmann gleich mehrmals betont.</p>
<p>In der marktförmigen, massenmedialen, funktional-differenzierten Moderne bleibt letztlich kein Platz für die Aufrichtigkeit, deren Vorbild in der bürgerlichen Intimität zu suchen ist. &#8222;Unter ihrem neuen Regisseur, dem Markt bewirkte die Aufrichtigkeit quer durch die Gesellschaft die Wahrnehmung sozialen Scheiterns als persönliches Versagen. (&#8230;) Das gilt bis heute.&#8220;</p>
<p>Doch verschwindet die Aufrichtigkeit nicht auf einen Schlag, sondern zerfällt, wie alle Bestandteile der bürgerlichen Kultur, in Fragmente, an die gelegentlich von verschiedenen Seiten appelliert werden kann, ohne dass ihre sozialen und historischen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.</p>
<p>Die Frage drängt sich also auf, wie Aufrichtigkeit in einer funktional differenzierten Moderne eingelöst werden kann, in der bereits strukturelle Mechanismen der Unaufrichtigkeit herrschen. Engler betont: &#8222;Als Bürger unter Bürgern fährt man mit der Wahrheit besser &#8211; auf lange Sicht, kurzfristig mag die Lüge diesen oder jenen Vorteil bringen.&#8220; Bleibt Aufrichtigkeit daher eher eine Angelegenheit für den kleinen, alltäglichen Bereich, eher ein Anliegen der Gemeinschaft, denn der Gesellschaft? Hier verharrt der Autor allerdings beim bloßen Plädoyer für Echtheit, Selbsterforschung und Selbstverwirklichung. Mit Bezug auf das Vorrücken der Arbeit in die Lebenswelt schreibt er: &#8222;Wir müssen lernen, den Bürger und den Menschen unabhängig vom Arbeiter, vom Lohnarbeit leistenden Individuum zu denken und ihre Rechte einzusetzen&#8220;.</p>
<p>Ein ehrenhafter Anspruch allemal, doch wie dieser umzusetzen ist bleibt ungeklärt. An anderer Stelle ist zu lesen: &#8222;Authentizität meint und bezweckt die Aufdeckung und Anerkennung des Fremden im Eigenen.&#8220; Das klingt schlüssig, doch wie ist dies zu erreichen? Unberücksichtigt bleibt auch die damit verknüpfte Diskussion um die Möglichkeiten einer stabilen Identität in der Spätmoderne, die ein Anerkennen des Fremden im Eigenen erst erlaubt. Hier sind auch kritischere und weit weniger optimistische Einschätzungen denkbar. So lässt die Lektüre des Buches den Leser ein wenig verwirrt und unbefriedigt zurück.</p>
<p>Nicht zuletzt die Sprach- und Zitatverliebtheit Englers &#8211; man könnte dies auch Kreativität nennen &#8211; führt dazu, dass am Ende kaum mehr als einen knapper Abriss der Geschichte der Gegenwartsgesellschaft unter dem Vorzeichen der (mangelnden) Aufrichtigkeit übrig bleibt. Man vermisst zudem ein wenig die (soziologische) Systematik, welche die breit zusammengetragenen Erkenntnisse auf den Punkt bringt und mit anderen aktuellen Diskussion um die Lüge, aber auch z. B. um die Renaissance der bürgerlichen Identität verbindet. Englers Fragment bedient sich immerhin eindrucksvoll aus dem breiten Fundus bürgerlicher Literatur zu Aufrichtigkeit und gibt Anlass sich intensiver und aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Lüge und eben auch mit ihrem Gegenteil, der Aufrichtigkeit, in der Moderne zu beschäftigen.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><i>Hettlage, Robert</i> (Hg.) 2003: Verleugnen, Vertuschen, Verdrehen -Leben in der Lügengesellschaft. Konstanz.</p>
<p><i>Meyer, Claudia </i>2007: Lob der Lüge. Warum wir <br />ohne sie nicht leben können. München.</p>
<p><i>Simmel, Georg </i>1992: Zur Psychologie und Soziologie der Lüge. In: Heinz-Jürgen Dahme und David P. Frisby: Georg Simmel Gesamtausgabe in 24 Bänden, Band 5: Aufsätze und Abhandlungen 1894-1900. Frankfurt a. M..</p>
<p><i>Stiegnitz, Peter</i> 2008: Lügen -aber richtig! Die <br />angewandte Theorie der Lüge. Wien.</p>
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		<title>Ein Erinnern, das einen soll</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/183-vorgaenge/publikation/ein-erinnern-das-einen-soll/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2008 10:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Rezension Zwei Bücher vermessen den Gedächtnisraum Europa, aus: vorgänge Nr. 183, Heft 3/2008, S. 136-139 Das Konzept des kulturellen Gedächtnisses, welches seit seiner Renaissance in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre vor allem in den Kulturwissenschaften breite Anwendung fand, ist eng verbunden mit der Suche nach Identität. Identität ist hier bezogen u.a. auf Prozesse der [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension</p>
<p>Zwei Bücher vermessen den Gedächtnisraum Europa,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 183, Heft 3/2008, S. 136-139</p>
<p>Das Konzept des kulturellen Gedächtnisses, welches seit seiner Renaissance in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre vor allem in den Kulturwissenschaften breite Anwendung fand, ist eng verbunden mit der Suche nach Identität. Identität ist hier bezogen u.a. auf Prozesse der Konstitution, Aufrechterhaltung und Stabilisierung von Gemeinsamkeiten innerhalb Gruppen, Gemeinschaften und Nationen.</p>
<p><i>Helmut König, Julia Schmidt, Manfred Sicking </i>(Hg.); Europas Gedächtnis. Das neue Europa zwischen nationaler Erinnerung und gemeinsamer Identität. 169 S., 18,80 Euro.</p>
<p><i>Natan Sznaider;</i> Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus. Eine jüdische Perspektive. 153 S., 16,80 Euro. <br />Beide: Bielefeld, transcript Verlag 2008.</p>
<p>Merkmal der von Menschen getragenen Identität ist aber zuförderst die Teilung und Akzeptanz gemeinsamer Werte, letztlich die Partizipation an einer gemeinsamen Kultur. Wie kann aber vor dem Hintergrund einer vorwiegend nationalen, bzw. regionalen kulturellen Konstruktion von Identität von einem europäischen Gedächtnis gesprochen werden? Wie ist eine europäische Identität jenseits der jeweiligen nationalen Gedächtnisse möglich?</p>
<p>Die Antworten gestalten sich schwierig und drängen zudem, weil Europa, und hier vor allem das supranationale Konstrukt der EU, zurzeit einen Mangel an Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung der Einzelstaaten erfährt. Fest steht aber auch: Europa diskutiert wieder über seine Identität und ist nicht nur politisch dazu angehalten, Gemeinsamkeiten in der (europäischen) Vielfalt zu suchen, um so eine kulturelle Bodenhaftung für das &#8222;Projekt Europa&#8220; zu erlangen. Europäische Identitätssuche ist allerdings so alt wie Europa selbst; sie kann als Prozess niemals abgeschlossen werden. Die Konstruktion einer europäischen Einheit vollzieht sich notwendigerweise über die Interpretation der gemeinsamen europäischen Geschichte, die nur so zu einer jeweils angemessenen Deutung von europäischen Spezifika (wie z.B. der Religion, der modernen Wissenschaft, oder dem Kapitalismus) gelangen kann. Eine solche Interpretationsleistung wird allerdings kaum zu anderen europäischen Spezifika kommen als denen, die bereits zu Beginn des modernen Europas diskutiert wurden. Zu fragen ist daher eher nach den Konstruktionsvorgängen, nach den Inhalten des Gedächtnisses, bzw. dem &#8222;Was&#8220; und &#8222;Wie&#8220; des gegenwärtigen Erinnerns. Soweit in Kürze die Problemlage eines europäischen Gedächtnisses. Zu fragen ist nun, was die beiden im transcript Verlag erschienenen Bücher zur sozialwissenschaftlichen Aufklärung über Europa beitragen.</p>
<p>Grundlage für den von Helmut König, Julia Schmidt und Manfred Sicking herausgegeben Band <i>&#8222;Europas Gedächtnis&#8220; </i>ist die gleichnamige Konferenz in Aachen im Mai vergangenen Jahres. Dem prinzipiellen Problem eines Sammelbandes, in der Vielschichtigkeit die Orientierung zu verlieren und kaum Antworten auf die gemeinsame Fragestellung zu geben, entgeht das Buch zu weiten Teilen. Doch zeigen die Beiträge der einzelnen Autoren, dass theoretische, historische und politische Argumentationen wenn sie erst einmal vermischt sind, kaum für Ordnung im Diskurs sorgen und einen gewissen Schein der Beliebigkeit haben.</p>
<p><i>Helmut König</i> (Aachen) sieht eine europäische Kultur als ein Sicherheitsnetz, welches bis zu einem bestimmten Grad politische Abstürze auffangen könne. Jedoch erhielt die Europa-Frage nach dem Ende der Ost-West Spannung eine neue Qualität. Er wendet daher den Begriff des Gedächtnisses politisch und fragt nach den politischen Folgen und Funktionen. König stellt dabei die Bedeutung des Gedächtnisses für die Legitimation der politischen Ordnung heraus (König u.a. 2008: 15). Auch wenn man seine Einschätzung des Bedeutungsverlustes des Modells Nation nicht uneingeschränkt teilen muss, sind die Hinweise auf die Entstehung einer &#8222;Gedächtnisreligion&#8220; bzgl. der Shoah (ebd.: 26) und die Möglichkeit zu einem komplexeren Bild von Geschichte in einem postnationalen Gedächtnisregime (ebd.: 28) hilfreiche Ansatzpunkte, um die Entstehung eines europäischen Gedächtnisses nachzuvollziehen. Der britische Soziologe <i>Anthony Giddens</i> (London) bietet mit seinen 8 Thesen, die er aus der bruchhaften und regressiven Geschichte Europas ableitet eher ein politisch streitbares Programm, denn eine soziologische Analyse; dies auch, weil ihm Europa ein vordergründig politisches Projekt ist. Im Gegensatz zu König betont er allerdings die anhaltende Bedeutung der Nationalstaaten. Giddens kennzeichnet die EU als Experiment mit Regierungsformen ohne Staat (ebd.: 51). Europa sei eine Chance, insofern es als Reformprojekt verstanden würde. Hierbei will Giddens Europa allerdings von seinen überkommenen Vorstellungen von Sozialstaatlichkeit befreien (ebd.: 47, 53, 58) und scheinbar allein auf ökonomische Beine stellen.</p>
<p>Der Historiker <i>Thomas Frei </i>(Jena) betont, dass es nicht nur auf die Erinnerung, sondern auch auf die Kenntnis der Geschichte ankomme. Während die Verbrechen der Deutschen den Ausgangspunkt des europäischen Gedächtnisses darstellten, und die Erfahrungen des 2. Weltkrieges als Agens des europäischen Einigungswillen dienten, sei die Zeitgeschichte Erbin eines neuartigen Geschichtsbewusstseins. Der zeigeschichtliche Umgang mit dem Verbrechen der Deutschen wandele sich zwar, so Frei, mit dem generationellen Konstellationswechsel, doch sei die Gefahr der Entkontextualisierung der Holocaust-Erinnerung, vor allem im Blick auf die Globalisierung gegeben. Den französischen Historiker Pierre Nora zitierend stellt Frei dem die Bedeutung der Geschichte entgegen: &#8222;Das Gedächtnis trennt, aber die Geschichte eint&#8220; (ebd.: 100).</p>
<p><i>Etienne François </i>(Berlin) erkennt die Zentralität der Gedächtnisthematik in der Konzentration allein auf die jüngste Vergangenheit. Die Tatsache, dass das europäische Gedächtnis dem nationalen nachgeordnet sei, erweise sich selbst bei transnationalen und europäischen Themen (ebd.: 89). Seine Suche nach einem lieux der mémoire, jenen Orten, in denen sich die europäische Erinnerung kristallisiert, führt François zur Unterscheidung von expliziten (z.B. 1968) und impliziten (z.B. Versailles) Erinnerungsorten (ebd.: 92). Dass eine europäische Dimension der Einstellung zur Vergangenheit an Bedeutung gewinnt, zeigt sich für den Historiker in der zunehmenden Verflechtung der europäischen Länder und Kulturen (ebd.: 94). Merkmale hierfür seien eine neue europäische Dimension der Lehrpläne, aber auch eine Neugestaltung und Neugründung von Museen mit explizit europäischer Ausrichtung.</p>
<p><i>Adolf Muschg </i>(Zürich) stellt heraus, dass Identität kein Wert an sich und keine produktive Größe sei (ebd.: 109), vielmehr könne auch für Europa gelten, dass es einem Reife- und Zivilisationsprozess unterliege. Identität erweise sich in diesem Kontext als eine kulturelle Errungenschaft, Europa als &#8222;Haltung&#8220; (ebd.: 116). Im Rückgriff auf Jacob Burkhard weiß Muschg drei Potenzen (Kultur, Politik und Wirtschaft) für menschliche Organisationen verantwortlich. Die Verallgemeinerung einer Potenz im Namen des Fortschritts eröffne nach Burkhard ein Zeitalter der Barbarei, weshalb Muschg auch klare Worte für die Verbetriebswissenschaftlichung der Geschichte findet.</p>
<p><i>Hans-Ulrich Wehler</i> (Bielefeld) setzt sich in seinem Beitrag mit den Grenzen Europas auseinander. Dass bisher keine eindeutigen politischen, kulturellen und geographischen Grenzen Europas festgelegt wurden, mündet für Wehler in das Dilemma von bloßer Freihandelszone oder Vollendung der europäischen Einheit (ebd.: 122). Da ein geographisches Grenzargument nicht befriedigt, führt Wehler ein Bündel weiterer konstitutiver und institutioneller Merkmale auf, die Europa charakterisierten. Um das Projekt der europäischen Einheit am Leben zu erhalten ist es für Wehler wichtig, wenn auch nicht unstrittig, mittels dieser ideensozial- politik- und kulturgeschichtlicher Besonderheiten aufzuzeigen, dass die Türkei nicht nach Europa gehört. Es spreche schlicht gegen die vitalen Interessen des Projektes (ebd.: 132).</p>
<p>Der vor einigen Wochen bei einem Unfall verstorbene polnische Historiker und Politiker <i>Bronislaw Gemerek </i>reflektiert die Trennung von Ost- und Westeuropa, die er bis ins Jahr 1054 zurückführt. Mit der unterschiedlichen Vergangenheit von Ost- und Westeuropa gehe auch eine unterschiedliche Vergangenheitsdeutung einher. Während des kalten Krieges blieb Spielraum für die Entstehung von Mitteleuropa, nach dem kalten Krieg haben sich auch die Perspektiven für eine europäische Integration verschoben, so Gemerek.</p>
<p>Auch <i>Karl Schlögel </i>(Frankfurt/ Oder) rückt Osteuropa ins Zentrum seiner Betrachtungen. Er beschreibt eindrücklich, wie der Osten aus dem Blickwinkel des Westens verschwunden ist. Zudem macht er deutlich, dass der Umbruch von 1989 mit einer langen Inkubationszeit verbunden ist. Trotz der Schwierigkeit des Westens die Geschichte Osteuropas zu verstehen und trotz der Besonderheiten des geschichtlichen Bewusstseins der östlichen Staaten ist die Auseinandersetzung aus Sicht des Osteuropaforschers lehrreich. Nur so lässt sich für Schlögel die Bestimmung des europäisches Gedächtnisses, als Raum für den Strom der Erzählungen (ebd.: 166) verwirklichen.</p>
<p>Der Sammelband liefert erwartungsgemäß kein einheitliches Bild. Auch wenn die Beiträge z. T. merkbar lose nebeneinander stehen, geben sie in summa die wichtigsten Positionen im Diskurs um Europas Gedächtnis wieder. Sie leisten aber auch nicht mehr. Trotz der Vielstimmigkeit mit der die Konturen eines europäischen Gedächtnisses gezeichnet werden, wird mindestens zweierlei deutlich: Zum einen, wie eng das europäische Gedächtnis mit dem Holocaust und den deutschen Verbrechen des zweiten Weltkrieges verwoben ist, zum anderen, dass die Erinnerung trotz ihrer Vielschichtigkeit Lücken aufweist.</p>
<p><i>Natan Sznaiders &#8222;Gedächtnisraum Europa&#8220; </i>knüpft direkt an diesen Aspekten an. Seine jüdische Perspektive kritisiert eine Vision des kosmopolitischen Europas, aus dem das jüdische Gedächtnis verschwunden ist (Sznaider 2008: 7). Für Sznaider gibt es jedoch keine Theorie des Kosmopolitismus ohne eine Praxis kosmopolitischer Menschen. Kosmopolitismus wird von Sznaider als eine neuerliche Trennung von Staat und Nation definiert. Nach Ulrich Beck ist dies ein Staat, der durch ein Nebeneinander von Nationalitäten und durch konstitutionelle Toleranz gekennzeichnet ist (ebd.: 27). Die von Sznaider betonte Praxis des kosmopolitischen Akteurs versteht europäischen Kosmopolitismus und europäischen Partikularismus nicht als sich gegenseitig ausschließende Begriffe. Eine Theorie des Kosmopolitismus kommt nach Sznaider nicht ohne einen Bezug zum Judentum aus, denn die Juden waren es, welche die zweite kosmopolitische Moderne innerhalb der ersten nationalstaatlichen Moderne vorgelebt haben (ebd.: 39, 115). Aus dieser jüdischen Perspektive sind Kosmopolitismus und Partikularismus miteinander zu vereinbaren. Sznaiders Buch ist auch ein Rekurs auf Hannah Arendt, die bereits früh darauf hingewiesen hat, dass unterschiedliche Erinnerungen nicht kompatibel sein können, ohne dass man sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt.</p>
<p>Folglich ist auch für Sznaider die Aufklärung eben nicht die gemeinsam geteilte Geschichte von Juden und Deutschen (ebd.: 85); die Gedächtnisse überschneiden sich nicht. Die aus dem nationalen Container befreite Geschichte könne aber im Gegensatz zur althergebrachten Ruhmesgeschichte endlich auch das in der Vergangenheit geschehene Unrecht beherzigen (ebd.: 69) und so auf postnationale Solidarität zielen. Sznaider setzt die Europadiskussion konsequent in der Nachkriegszeit an und bezieht sich hierbei u.a. auf die Konferenz zum europäischen Geist 1946. Die neue Europaidee entsteht hier aus den Erfahrungen des Krieges, doch auch hier muss Sznaider korrigieren: für die Juden war Europa nach dem 2. Weltkrieg als Alternative kaum denkbar.</p>
<p>Mit fortschreitender Lektüre wird deutlich, dass Europa eingebunden ist in eine Auseinandersetzung mit dem kosmopolitischen Modell Amerikas als möglichem Vorbild. Der Autor zeigt ebenso wie Ahrendt mehr Sympathie für das Modell jenseits des Atlantiks. Letztlich ist sein Buch aber ein Plädoyer, die Geschichte um die kulturellen Grundlagen Europas historisch generativ aus verschiedenen Blickwinkeln sozialwissenschaftlich aufzuschlüsseln &#8211; nur so scheint auch ein tieferes Verständnis für das gegenwärtige Ringen um eine Einheit in der Vielheit möglich. Diesem Ansatz ist allemal mehr abzugewinnen als dem Entwurf einer politischen Programmatik.</p>
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		<title>Die Beschleunigungsgesellschaft</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/176-vorgaenge/publikation/die-beschleunigungsgesellschaft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Dec 2006 06:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Rezension: Zu Hartmut Rosas Theorie der Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne, aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 136-140 Beschleunigungserfahrungen sind in der Gegenwartsgesellschaft ebenso alltäglich wie sie konstitutiver Bestandteil der Moderne sind. Was Paul Virilio für das Auto beschreibt, in dem das Armaturenbrett als bewegter &#132;Führerstand&#147; dient, kennzeichnen Eisenbahn und Telegraf für das [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Rezension: Zu Hartmut Rosas Theorie der Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne,</p>
<p>aus: vorgänge Nr. 176 (Heft 4/2006), S. 136-140</p>
<p>Beschleunigungserfahrungen sind in der Gegenwartsgesellschaft ebenso alltäglich wie sie konstitutiver Bestandteil der Moderne sind. Was Paul Virilio für das Auto beschreibt, in dem das Armaturenbrett als bewegter &#132;Führerstand&#147; dient, kennzeichnen Eisenbahn und Telegraf für das 19. Jahrhundert: Geschwindigkeit. Der Franzose ist sicherlich der bekannteste und schillernste Vertreter einer postmodernen Medientheorie, die nicht müde wird, auf die Geschwindigkeit als Merkmal der Moderne hinzuweisen.</p>
<p><i>Hartmut Rosa</i>, Soziale Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne;  Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005; 538 Seiten; 17 Euro</p>
<p>Doch soziologisch gewendet bleibt seine Dromologie kraftlos, da sie weder in der Lage ist, die Ursprünge und Mechanismen der Beschleunigung ausreichend zu erklären, noch  die sozialen Sphären des Alltags, der Medien und der Wirtschaft voneinander trennt.<br />Stellt Virilio die Sozialwissenschaften mit seinem Ansatz vor methodologische und empirische Probleme, so bietet sich aber doch die Möglichkeit, eine Geschichte der Moderne als eine der  gesellschaftlichen Wahrnehmung von Raum und Zeit zu schreiben. Raum und Zeit, ursprünglich noch eine Einheit, treten im Laufe der Gesellschaftsentwicklung zusehends auseinander. &#132;Für Kant waren am Ende des 18. Jahrhunderts Raum und Zeit noch Anschauungsformen a priori. Im 19. Jahrhundert dann schienen sie bereits durch Erfahrung erworben und ständig neu erwerbbar. Im 20. Jahrhundert erschlossen sich Raum und Zeit als neue, komplexe Erfahrung, als Empfinden von Bewegung, Prozess und Perspektivwechsel&#147; (Kaschuba, 2004: 253). Kaschuba skizziert hier dank technologisch-biologischer Entwicklungen neue Welt-Räume als neue symbolische Topografien und Geografien, in denen sich ein verändertes Raum-Zeit-Verhältnis widerspiegelt. Aus einem anderen Blickwinkel wird die ständige Bewegung, die Steigerung nicht nur der technischen Entwicklung, allerdings zum Problem. Virilios These von der Vernichtung des Raumes und der Zeit (vgl. Morisch, 2006: 421) beschreibt Geschwindigkeit als ein Kennzeichen und Problem der Moderne, welches sich noch in der Globalisierungskritik und in der Rede vom &#132;globalen Dorf&#147; wiederfindet.<br />Mit Hartmut Rosas Habilitationsschrift &#132;Beschleunigung&#147; liegt nun erstmals eine Studie vor, die das Phänomen konsequent soziologisch vermisst. Anders als in Norbert Elias Klassiker &#132;Über die Zeit&#147;, der diese wissenssoziologisch rückbindet [1], wird bei Rosa, mittlerweile Professor für allgemeine Soziologie in Jena, die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne zum Thema. Auch er geht, wie Virilio, von Modernisierung als Erfahrung der Beschleunigung aus. Dabei übersteige &#132;(&#8230;) die in der Moderne konstitutiv angelegte soziale Beschleunigung in der Spätmoderne einen kritischen Punkt (&#8230;), jenseits dessen sich der Anspruch auf gesellschaftliche Synchronisation und soziale Integration nicht mehr aufrechterhalten lässt&#147; (vgl. Rosa, 2005: 49f.). Zu einfach sei aber die bloße Diagnose einer Beschleunigung, denn einerseits gelte es diese hinsichtlich der verschiedenen sozialer Dimensionen zu differenzieren, andererseits seien auch Momente der Erstarrung in der Spätmoderne festzustellen. Dass in einer Doppeldiagnose Erstarrung und Beschleunigung zusammenfallen zeigt sich auch in der ebenfalls von Virilio stammenden Metapher des &#132;rasenden Stillstandes&#147;, die als ein schneller Wandel in Abwesenheit einer Ziel- oder Richtungsbestimmung übersetzt werden kann. <br />Beschleunigung lässt sich auf drei Ebenen differenzieren (vgl. Rosa, ebd.: 113f.).: 1. Als &#132;technische Beschleunigung, deren Form im Wesentlichen intentional und zielgericht ist, [2]. als Steigerung der sozialen Veränderungsraten, bzw. als nicht inhärent zielgerichtete soziale Veränderung, und 3. als Erhöhung des Tempos des Lebens durch eine Steigerung der Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. <br />Letztere ist durch eine Verknappung von Zeitressourcen, begründet. Zeitnot tritt dem modernen Subjekt nahezu institutionalisiert gegenüber. Mit Bezug auf Hermann Lübbe bezeichnet Rosa diese Phänomen als Gegenwartsschrumpfung: &#132;Gegenwartsschrumpfung &#8211; das ist der Vorgang der Verkürzung der Extension der Zeiträume, für die wir mit einiger Konstanz unserer Lebensverhältnisse rechnen können&#147; (Lübbe, zit. nach Rosa, a.a.O.: 132). Im Ergebnis wirken die Zeitstrukturen in der Spätmoderne in hohem Maße fragmentiert, Handlungs- und Erlebnisfolgen sind voneinander getrennt.<br />Die zweite Ebene, der Anstieg der sozialen Veränderungsraten, bezieht sich auf den sozialen Wandel, der sich nunmehr von einer intergenerationalen Veränderungsgeschwindigkeit in der Frühmoderne, über eine Phase der Synchronisation von Wandel und Generationenfolge zu einem tendenziell intergenerationalem Wandlungstempo gesteigert hat (vgl. ebd.: 178).<br />Die erste Ebene, die der technischen Beschleunigung, jene die den meisten Untersuchungen zur Akzeleration zu Grunde liegt, kennzeichnet die materielle Basis und Ermöglichungsbedingung für soziale Beschleunigungsprozesse. Technische Beschleunigung verändert die einer Handlung zu Grunde gelegten Zeitmaßstäbe. Gleichzeitig ist die soziale Beschleunigung Motivgeber für technische Akzelerationsprozesse. <br />Das Verhältnis der drei Ebenen bestimmt Rosa in seiner Hauptthese. Diese besagt, &#132;dass die modernde Gesellschaft als Be- schleunigigungsgesellschaft in dem Sinne verstanden werden kann, dass in ihr eine (strukturell und kulturell voraussetzungsreiche) Verknüpfung der beiden Beschleunigungsformen &#150; technische Beschleunigung und Steigerung des Lebenstempos durch Verknappung der Zeitressourcen &#150; und damit von Wachstum und Beschleunigung vorliegt&#147; (ebd.: 120).<br />Dass Akzelerationsprozesse zu einem immanenten und sich selbst antreibenden Bestandteil der Moderne geworden sind, führt letztlich zu einem Steigerungsspiel (vgl. Schulze 2003) und zum Problem der Inkongruenz von verschiedenen Zeitebenen. Scheint das Auseinandertreten von  erlebter Zeit und erinnerter Zeit noch einem erklärbaren und von gesellschaftlichen Entwicklungen unabhängigem subjektivem Zeitparadoxon geschuldet, so ist das Ausein- anderklaffen von Lebenszeit und Weltzeit der technischen Beschleunigung, vor allem technischen und medialen Erfindungen, geschuldet (vgl. Rosa, a.a.O.: 243). Ergebnis dieses Vorgangs ist eine &#132;merkwürdige&#147; Form der zeitlosen Zeit, eine &#132;Verzeitlichung der Zeit&#147; in der über Dauer, Sequenz, Rhythmus und Tempo von Handlungen erst im Vollzug, also in der Zeit selbst, entschieden werden kann. Eine Planbarkeit von Handlungen scheint obsolet. Die notwendige soziale Ordnung entsteht in der Zeit selbst.<br />Die Entwicklung der Moderne beginnend mit den technischen Revolutionen im 19. Jahrhundert muss aus dieser Sicht als eine Revolution im Dienste der Uhr interpretiert werden. Ergebnis dieser Revolution ist eine schier unüberschaubare Vielzahl an Lebensgestaltungsmöglichkeiten und somit auch an Handlungsoptionen. Ein Ende des Fortschritts ist nicht abzusehen. Ursprüngliche Idee der technischen Revolutionen war es, Zeit ökonomisch effizient machen. Paradoxerweise kann dieses Versprechen, Zeit durch technische Entwicklungen zu sparen, nicht eingelöst werden. <br />Scheint auf den ersten Blick (technische) Beschleunigung als einzig mögliche Strategie, Weltzeit und Lebenszeit zumindest tendenziell zu versöhnen, &#132;weil sich umso mehr Möglichkeiten realisieren lassen, je schneller die einzelnen Situationen, Episoden und Ereignisse durchlaufen lassen&#147; (ebd.: 291), so erweist sich bei genauerem Hinsehen, dass die Steigerungsrate unweigerlich die Beschleunigungsrate übersteigt. &#132;Das (spät)moderne Subjekt kommt niemals an den Punkt, alt und lebensgesättigt zu sterben, die Lebenszeit also mit der Weltzeit versöhnt zu haben (&#8230;) weil alles, was es erlebt hat, längst überholt worden ist durch neue und gesteigerte Erlebnis-, Ereignis- und Erfahrungsmöglichkeiten&#147; (ebd.: 294). Die Zeiterfahrungen des Individuums in der Gegenwartsgesellschaft sind durch einen Gewinn an lebenspraktischer Zeitsouveränität einerseits und durch einen Verlust an Autonomie und Kontrolle über das eigene Leben andererseits geprägt. Diese Paradoxie führt Rosa dazu, das bekannte (postmoderne) Postulat vom Ende der Zeit und des Raumes soziologisch zu deuten. Seine These, dass das Tempo der Gesellschaft einen kritischen Punkt überschritten habe, reformuliert deshalb eine postmoderne Gesellschaftstheorie in der die Beschleunigung der sozialen Verhältnisse &#132;eine neue Qualität dergestalt annimmt, dass die Linearität und Sequenzialität der individuellen und gesellschaftlichen Wahrnehmungen und Bearbeitungen von Problemen und Veränderungen aufgebrochen und der Anspruch auf Integration aufgegeben wird&#147; (ebd.: 349). <br />Auch seine Diagnose des Bedeutungsverlustes des Raumes aufgrund der Geschwindigkeit bei der gleichzeitigen Aufwertung regionaler Besonderheiten stützt postmoderne Zeitdiagnosen a lá &#132;Glokalisation&#147;. Für Rosa sind strukturell und kulturell bedeutsame Raumqualitäten heute nicht mehr territorial oder lokal fixiert, sondern durch gleichsam hin und her fließende, immer wieder die Richtung ändernde Ströme oder Flüsse von Macht, Kapital, Waren und Menschen gekennzeichnet (ebd.: 343). Konsequenterweise erscheint dann in dieser Lesart auch &#132;das Ende der Geschichte&#147; (Fukuyama) nur als spezifische Form von verzeitlichter Geschichte.<br />Doch Rosas Argumentation geht nicht in den bekannten Diagnosen der Postmoderne auf. Eher verhält es sich umgekehrt, da er die postmodernen Identitäts- und Ordnungstheorien als nichts anderes als die logische Folge der diachronen und synchronen lebenspraktischen Verzeitlichungen der Zeit, die wiederum auf sozialer Beschleunigung beruhen, interpretiert. <br />Die Ursachen der Beschleunigungsdynamik sind für ihn strukturell in Anlehnung an die systemtheoretische Differenzierungstheorie in der Verknüpfung von Komplexitätssteigerung und Komplexitätstemporalisierung zu sehen. <br />Kulturell beschreiben sie die Folge eines modernen Weltbildes, welches die Angleichung von Welt- und Lebenszeit zum Ziel hat. Die Lösung des Problems der Zeitknappheit auf mikrosozialer Ebene, eben die Idee des Zeitgewinns durch technische Beschleunigung, erweist sich auf Makroebene als Element seiner Ursache (vgl. ebd.: 251). Ökonomisch sind die Ursachen nach Rosa Folgen der Kapitalsverwertungslogik, der eine Steigerung und Beschleunigung bereits eingeschrieben ist.<br />Bleibt zu fragen, wie ein Ausstieg aus der Beschleunigungslogik und der einhergehenden Desynchronisation der gesellschaftlichen Teilbereiche &#150; aufgrund derer z.B. auch die Politik in der Spätmoderne hinter den Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft zurückbleibt (vgl. ebd.: 416f.) &#150; bzw. wie der Fortgang der Moderne zu denken sei. <br />Ein Ausweg aus dem Zeit-Dilemma bleibt Rosa zufolge kaum, denn ein Griff zur Notbremse in der Technologieentwicklung, oder eine Equilibrierung der jeweiligen sozialen Dimensionen auf einem höheren Geschwindigkeitsniveau scheinen unrealistisch. Die weitere Gesellschaftsentwicklung werde aller Voraussicht nach weiterhin durch den Doppelaspekt von Beschleunigung und Erstarrung gekennzeichnet. <br />Anders als noch Schulze, der eine nicht besonders überzeugende (moralische) Lösung aus der Steigerungsspirale zu finden sucht(2), setzt Rosa auf eine kritische Theorie als eine Kritik der Zeitverhältnisse im wahrsten Sinne des Wortes. Deren Wirksamkeit setzt allerdings eine Stärkung der Sozialwissenschaften als gestalterisch wirksame Stimme der Gesellschaft voraus, die zurzeit nicht in Sicht ist. <br />In toto ist Rosas Studie aber eine bedeutende Konklusion der bisherigen Zeitsoziologie, die nicht nur überzeugend die Zusammenhänge zwischen ökonomischer, gesellschaftsevolutionärer und sozialer Dynamik erklären kann, sondern zudem eine Konkretisierung für einen bisher wenig differenzierten Aspekt in der Gesellschaftstheorie der Moderne leistet. Der Vermutung,  dass er einer postmodernen Gesellschaftstheorie und der Vernichtung von Raum, Zeit und Geschichte das Wort redet, tritt er mit der Betonung einer kritischen Theorie entgegen, die an den versäumten Autonomieversprechen der Moderne anzusetzen hat. Damit sind die postmodernen Auflösungsbefunde allerdings nicht entkräftet; es bleibt die Schwierigkeit bestehen, diese empirsch zu überpüfen.</p>
<p>1  &#132;Das Erinnerungsbild von der Zeit, die Vorstellung von ihr, die ein einzelner Mensch besitzt, hängt also von dem Entwicklungsstand der die Zeit repräsentierenden und kommunizierenden sozialen Institutionen ab und von den Erfahrungen, die der Einzelne mit ihnen von klein auf gemacht hat.&#147; (Elias, 1988: XXI).<br />2  Schulze sieht letztlich eine Fortsetzung der Moderne mittels kollektiver, selbstreflexiver Lernprozesse gegeben. Durch sie werde das Modell der Steigerung durch ein intelligentes Modell der Ankunft ersetzt. Vgl. Schulze, 2003: 330ff.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p><b></b><br />Elias, Norbert (1988): Über die Zeit. Frankfurt am Main.<br />Kaschuba, Wolfgang (2004): Die Überwindung der Distanz. Zeit und Raum in der europäischen Moderne. Frankfurt am Main.<br />Morisch, Claus (2006): Paul Virilio: Geschwindigkeit ist Macht. In: Stephan Moebius/Dirk Quadflieg (Hg.), Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden.</p>
<p>Schulze, Gerhard (2003): Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft? München und Wien.</p>
<p>Virilio, Paul (1996): Der negative Horizont. Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung. Frankfurt am Main.</p>
<p>Schulze, Gerhard (2003): Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? München und Wien.<br />Virilio, Paul (1996): Der negative Horizont. Bewegung, Geschwindigkeit, Beschleunigung. Frankfurt am Main.</p>
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