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	<title>Ralf Oberndörfer Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Ronen Steinke, Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Sep 2014 20:25:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>aus:vorg&#228;nge Nr. 205 (Heft 1/2014), S. 98-100 Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor GerichtM&#252;nchen 2013, 350 S., 22,99 &#8364; Und schon wieder eine Biografie zu Fritz Bauer. Ronen Steinkes 2013 erschienenes Werk zum Leben und Wirken des hessischen Generalstaatsanwalts, der auch Mitbegr&#252;nder der Humanistischen Union war, liest sich gut, wie man das von einem [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/205/publikation/ronen-steinke-fritz-bauer-oder-auschwitz-vor-gericht/">Ronen Steinke, Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus:vorg&auml;nge Nr. 205 (Heft 1/2014), S. 98-100</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-5192 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013-282x450.jpg" alt="Ronen Steinke, Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht" width="282" height="450" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013-282x450.jpg 282w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013-470x750.jpg 470w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013-376x600.jpg 376w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013-211x337.jpg 211w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/steinke2013.jpg 627w" sizes="(max-width: 282px) 100vw, 282px" /></a></span></p>
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<p><i>Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht<br /></i><i>M&uuml;nchen 2013, 350 S., 22,99 &#8364; </i></p>
<p>Und schon wieder eine Biografie zu Fritz Bauer. Ronen Steinkes 2013 erschienenes Werk zum Leben und Wirken des hessischen Generalstaatsanwalts, der auch Mitbegr&uuml;nder der Humanistischen Union war, liest sich gut, wie man das von einem Redakteur der S&uuml;ddeutschen Zeitung erwarten kann. Fast jedes der 11 Kapitel beginnt mit einer im Reportageton gehaltenen Szene, die die Leser_innen mitten in Bauers bewegtes Leben versetzt. Die Lekt&uuml;re zerfasert nicht durch einen detaillierten Fu&szlig;notenapparat, Belegstellen finden sich sortiert nach Seiten und Textstellen am Ende des Buches. Ebenso findet man dort eine &#8222;Auswahlbibliografie&#8220;, die etwa 20 Buchtitel umfasst, darunter themennahe Ver&ouml;ffentlichungen wie Irmtrud Wojaks Pionierarbeit zu Bauer (2003) und Claudia Fr&ouml;hlichs Monographie zu Bauers Widerstandsbegriff (2006), aber auch Titel, die mit der Gedankenf&uuml;hrung des Buches kaum etwas zu tun haben, zum Beispiel Tom Segevs Biographie von Simon Wiesenthal (2001) oder Amos Elons Geschichte der Juden in Deutschland von 1743 bis 1933 (2004).</p>
<p>Der Untertitel des Buches lautet &#8222;Auschwitz vor Gericht&#8220; und man fragt sich, ob der Verlag darauf bestanden hat, dass auf dem Einband ausdr&uuml;cklich auf die Strafsache gegen Mulka u.a., allgemein bekannt als Frankfurter Auschwitz-Prozess verwiesen werden musste, denn es geht um Bauers Lebensweg. nicht allein um diesen einen Prozess. Seinen st&auml;rksten Moment hat das Buch, wenn der promovierte Jurist Steinke seine chronologische Darstellung von Bauers Leben unterbricht und dessen Theorien &uuml;ber Strafvollzug in einen gr&ouml;&szlig;eren rechtspolitischen Kontext stellt. Steinke spannt den Bogen von Kant und Hegels S&uuml;hnestrafrecht &uuml;ber Gustav Radbruchs fr&uuml;he Erfolge beim Jugendstrafrecht in der Weimarer Republik zu Bauers Resozialisierungsenthusiasmus der sechziger Jahre, weiter zu Foucaults Resozialisierungsskepsis der Siebziger bis zur Debatte &uuml;ber die Sicherungsverwahrung der letzten Jahre, in der die Grenzen des Wegsperrens mit humanit&auml;rer Intention deutlich wurden. Da wird Bauer sehr modern, sehr gegenw&auml;rtig, seine Leidenschaft, die auch ein leidenschaftlicher Glaube an die M&ouml;glichkeiten von Justiz als Institution war, wird nachvollziehbar. Man fragt sich, welche dialektisch fundierte Antwort der philosophisch geschulte Praktiker f&uuml;r die Schwierigkeiten gefunden h&auml;tte, die ein Staat, der die Menschenw&uuml;rde achten will und muss, mit mutma&szlig;lich nicht resozialisierbaren Schwerstkriminellen hat. <br />Auch die Darstellung von Bauers lebenslanger Auseinandersetzung mit dem Judentum als Basis seines Denkens einerseits und sein Kampf gegen antisemitische Fremdzuschreibungen andererseits ist &uuml;berwiegend aufschlussreich. Der Enkel eines Synagogenvorstehers studierte im reaktion&auml;ren T&uuml;bingen der zwanziger Jahre zwei Semester evangelische Theologie, auch deshalb, weil er sich nicht auf seine religi&ouml;se Herkunft reduzieren lassen wollte. Im Prozess gegen Ernst Otto Remer, mit dem es Bauer als Generalstaatsanwalt in Braunschweig 1952 gelang, eine bundesweite Debatte &uuml;ber den Widerstand gegen Hitler durch die M&auml;nner des 20. Juli in Gang bringen, benannte er zwei Theologen und einen Pfarrer der Bekennenden Kirche als Gutachter, die das Attentat auf Hitler als Tat legitimieren, die auf einer christlich-deutschen Rechtstradition beruhte (145). Steinkes Satz &#8222;Bauer st&ouml;&szlig;t sich ausgerechnet von der einzigen Gruppe ab, die ihn je wirklich hat dazugeh&ouml;ren lassen&#8220; (250) suggeriert allerdings eine Homogenit&auml;t aller Juden in Deutschland, die es weder vor 1933 noch nach 1945 gegeben hat. Zionisten, Deutschnationale, Liberale, Orthodoxe und Atheisten, B&uuml;rgerliche und Kommunisten, es gab und gibt so viele Arten und Weisen, sich auf das Judentum zu beziehen, wie es Juden gibt. Insofern ist diese &#8222;Gruppe&#8220; immer lediglich imaginiert.</p>
<p>Vollkommen imaginiert wirken auch die Passagen &uuml;ber Bauers m&ouml;gliche oder vermeintliche Homosexualit&auml;t. Bauer unterh&auml;lt Freundschaften zu mehreren j&uuml;ngeren M&auml;nnern. Aha. Der &#8222;wei&szlig;haarige Generalstaatsanwalt&#8220; (226) und der &#8222;Nachbarsjunge&#8220; Wolfgang Kaven treffen sich im Treppenhaus (222). Oho. &#8222;Was in Frankfurt bald zu h&auml;sslichen Ger&uuml;chten f&uuml;hrt.&#8220; (222). Auch &#8222;getuschelt&#8220; wird. Tats&auml;chlich? In ganz Frankfurt? Von Bonames bis Sachsenhausen soll Bauers Sozialleben subjektloses Stadtgespr&auml;ch gewesen sein? Und keiner seiner zahlreichen Feinde soll versucht haben, diesen Verdacht gegen Bauer zu verwenden? Den Nestbeschmutzer loszuwerden? Das klingt alles sehr an schlohwei&szlig;en Haaren herbeigezogen. W&auml;hrend Steinke negative Aussagen &uuml;ber Bauer ansonsten sehr detailliert belegen kann, bleibt er hier mit den Fundstellen im Kolportagehaften, im Ger&uuml;cht h&auml;ngen.</p>
<p>&Uuml;berhaupt, die Fundstellen: Es ist legitim, sogar w&uuml;nschenswert, auf einen kompletten wissenschaftlichen Handapparat zu verzichten, wenn man ein sperriges Thema wie die Biographie eines Generalstaatsanwalts einem breiteren Publikum nahebringen m&ouml;chte. Nicht jeder will sich mit Fu&szlig;noten befassen, in denen sich kryptische Archivsignaturen oder Paragrafenketten finden. Aber es darf trotzdem fundiert sein. Die Auffassung, derzufolge alle an den Mordaktionen beteiligten NS-Funktion&auml;re Gehilfen von Himmler, Hitler und Heydrich waren, war keine &#8222;gewagte juristische Konstruktion&#8220; (210) des Landgerichts Frankfurt/Main in seinem Urteil im Auschwitz-Prozess, sondern die seit Mitte der f&uuml;nfziger Jahre st&auml;ndige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs. Marc von Miquels &#8222;Ahnden oder Amnestieren&#8220; (2004) befasst sich ausf&uuml;hrlich damit. Irritierend ist auch der Umgang mit Ilona Ziok, die Steinke als &#8222;Fritz Bauer verehrende Filmemacherin&#8220; bezeichnet, die &#8222;Andeutungen in Richtung Mordkomplott&#8220; zur Pr&auml;misse ihres Dokumentarfilms &uuml;ber Bauer gemacht habe (270). Ziok ist eine international renommierte Regisseurin, deren Film &#8222;Kurt Gerrons Karussell&#8220; von Deutschland 1999 f&uuml;r den Dokumentarfilm-Oscar vorgeschlagen wurde. &#8222;Tod auf Raten&#8220; &uuml;ber Fritz Bauer lief auf der Berlinale und wird regelm&auml;&szlig;ig bei Lehrveranstaltungen in der juristischen Ausbildung verwendet, unter anderem auch vom Verfasser dieser Rezension. Von einem Mordkomplott ist da nicht die Rede. Wenn man sieht, was f&uuml;r eine unglaubliche Zahl an Mutma&szlig;ungen, Untersuchungen und Publikationen die Causa Barschel hervorgebracht hat, ist es dagegen schon erstaunlich, dass der pl&ouml;tzliche Tod des wichtigsten Ermittlers in NS-Verfahren, der dauernden Morddrohungen ausgesetzt war, der zur Eigensicherung eine Schusswaffe bei sich hatte, und auf den 1966 ein Attentat ver&uuml;bt werden sollte, bis zum heutigen Tag als reine Routineangelegenheit abgehandelt wird.</p>
<p><i><b>RALF OBERND&Ouml;RFER </b>ist freiberuflicher Rechtshistoriker in Berlin</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/205/publikation/ronen-steinke-fritz-bauer-oder-auschwitz-vor-gericht/">Ronen Steinke, Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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