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	<title>Ralf Stoecker Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Ein wirklich ernstes philosophisches Problem</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/175-vorgaenge/publikation/ein-wirklich-ernstes-philosophisches-problem/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Nov 2006 13:33:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Philosophische Reflexionen &#252;ber den Suizid. Aus: vorg&#228;nge Nr.175, (Heft 2/2006), S. 4-23 &#8222;Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.&#8220; Mit diesem Satz beginnt Albert Camus Buch &#8222;Der Mythos des Sisyphos&#8220;, &#8222;Alles andere &#8211; ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zw&#246;lf Kategorien hat &#8211; kommt sp&#228;ter.&#8220;1 Camus hat Recht, [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/175-vorgaenge/publikation/ein-wirklich-ernstes-philosophisches-problem/">Ein wirklich ernstes philosophisches Problem</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Philosophische Reflexionen &uuml;ber den Suizid.</p>
<p>Aus: vorg&auml;nge Nr.175, (Heft 2/2006), S. 4-23</p>
<p><b>&bdquo;Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.&ldquo; Mit diesem Satz beginnt Albert Camus Buch &bdquo;Der Mythos des Sisyphos&ldquo;, &bdquo;Alles andere &ndash; ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zw&ouml;lf Kategorien hat &ndash; kommt sp&auml;ter.&ldquo;1 <br />Camus hat Recht, dass es wichtig ist, philosophisch &uuml;ber den Suizid nachzudenken, wichtiger jedenfalls als &uuml;ber die Dimensionen der Welt oder die Kategorien des Geistes. Worin er allerdings Unrecht hat ist, dass der Suizid ein wirklich ernstes philosophisches Problem darstellt. Wie sich im Verlauf des folgenden Textes zeigen wird, wirft die M&ouml;glichkeit, sich selbst zu t&ouml;ten, eine ganze Reihe von philosophischen Problemen auf. <br />Da es sich bei diesem Beitrag urspr&uuml;nglich um meine Antrittsvorlesung an der Universit&auml;t Potsdam handelte, hat der Text allerdings weniger einen res&uuml;mierenden als vielmehr einen programmatischen Charakter. Er besch&auml;ftigt sich mit Fragen und Schwierigkeiten, die eine philosophische Besch&auml;ftigung mit dem Suizid erforderlich machen, nicht so sehr mit den entsprechenden Antworten.2 </b></p>
<p>*<br />Philosophische Untersuchungen beginnen gew&ouml;hnlich bei W&ouml;rtern. Anders als Camus&rsquo; &Uuml;bersetzer rede ich vom &bdquo;Suizid&ldquo;, nicht vom &bdquo;Selbstmord&ldquo;. Das Wort &bdquo;Selbstmord&ldquo; ist, wie die Philosophen sagen, ein &bdquo;thick concept&ldquo;, ein dicker Begriff, der nicht nur eine beschreibende Seite hat, sondern auch eine wertende. So wie eine &sbquo;L&uuml;ge&rsquo; nicht blo&szlig; eine unwahre Aussage ist, sondern eine, an der etwas auszusetzen ist, ist auch ein Mord und entsprechend ein Selbst-Mord, nicht nur irgendein T&ouml;tungsakt, sondern eben ein verwerflicher T&ouml;tungsakt. Da aber die Frage der Verwerflichkeit der Selbstt&ouml;tung gerade eines der philosophisch umstrittenen Themen ist, sollte man sie nicht bereits durch die Wortwahl pr&auml;judizieren. Dasselbe gilt auch f&uuml;r das auf Nietzsche zur&uuml;ckgehende Wort &bdquo;Freitod&ldquo;, nur dass hier die wertende Konnotation positiv ist. Der Ausdruck &bdquo;Suizid&ldquo;,&nbsp; der eine neuzeitliche Wortsch&ouml;pfung aus dem lateinischen sui cedere, sich selbst t&ouml;ten, ist, vermeidet diese Wertung, er beschreibt nur den Akt, ohne &uuml;ber ihn zu urteilen. <br />Allerdings sollte man nicht jede Selbstt&ouml;tung als Suizid bezeichnen. Jemand, der einen Giftpilz isst, ohne es zu wissen, und daran stirbt, oder der beim Basteln an der Steckdose einen t&ouml;dlichen Stromschlag erleidet, begeht keinen Suizid. Auch jemand, der bewusst das Risiko eingeht, get&ouml;tet zu werden, begeht noch keinen Suizid. Zum Suizid geh&ouml;rt vielmehr die Absicht, sich durch die Tat das Leben zu nehmen. Ein Suizid ist eine absichtliche Selbstt&ouml;tung.<br />Dass jemand sich mit Absicht t&ouml;tet, bedeutet allerdings nicht, dass der Tod selbst das Ziel der Handlung sein muss, dasjenige, worauf es dem Menschen ankommt. Man kann den eigenen Tod auch als Mittel zum Zweck beabsichtigen, beispielsweise um sich Schmerzen zu ersparen, um andere Menschen zu retten, um der Schande zu entgehen, um sich an Feinden zu r&auml;chen, um die &Ouml;ffentlichkeit aufzur&uuml;tteln, usw. Entsprechend vielf&auml;ltig sind auch die Suizide selbst: angefangen beispielsweise von dem Kollegen, Nachbarn, Verwandten, der sich pl&ouml;tzlich das Leben nimmt, &uuml;ber den durch einen Unfall oder eine Krankheit stark behinderten Menschen, der nicht mehr weiterleben will, den Sterbenskranken, der sich das Leid der letzten Sterbephase ersparen will, den Ehrbewussten, der sich t&ouml;tet, um das Gesicht zu wahren, den Partisanen, der auf die Zyankali Kapsel bei&szlig;t, bevor er gefangen genommen wird, den politischen Ankl&auml;ger, der mit seinem Tod ein Fanal setzen m&ouml;chte, den Amokl&auml;ufer, der sich am Ende selbst richtet, den Kamikazeflieger oder Selbstmordattent&auml;ter, dem es darauf ankommt, andere mit in den Tod zu rei&szlig;en, bis hin zum M&auml;rtyrer, der sein Leben hingibt f&uuml;r andere Menschen, seinen Glauben oder sonst eine gute Sache. Sie alle fallen unter die Definition des Suizids. <br />Es ist eine gute, interessante Frage, ob sie alle mehr gemeinsam haben als nur die Tatsache des Suizids. Ich werde mich im Folgenden allerdings haupts&auml;chlich auf solche Suizide konzentrieren, an die wir bei dem Thema spontan denken und die die meisten von uns vermutlich aus ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis kennen, Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, weil sie nicht mehr weiterleben m&ouml;chten.<br />Ein solcher Suizid ist in vielerlei Hinsicht ein Problem. Er ist ein Problem f&uuml;r andere Menschen, denn normalerweise gibt es Angeh&ouml;rige, die um den Toten trauern, die ungl&uuml;cklich sind, dass er nicht mehr da ist, die sich m&ouml;glicherweise auch fragen, ob sie daran irgendetwas h&auml;tten &auml;ndern k&ouml;nnen, ob sie etwas falsch gemacht haben, die sich Vorw&uuml;rfe machen. Manche Suizidenten befanden sich au&szlig;erdem in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung; so dass sich die Therapeuten ebenfalls fragen k&ouml;nnen, ob sie versagt haben. <br />Auch auf gesellschaftlicher, staatlicher und zwischenstaatlicher Ebene werden Suizide als Problem angesehen, es gibt beispielsweise einen internationalen Tag der Suizidpr&auml;vention, ein European Network for Suicidology. Mediziner, Psychologen und Sozialforscher besch&auml;ftigen sich intensiv mit dem Suizid, seiner H&auml;ufigkeit, den Risikofaktoren, Korrelationen mit psychischen und k&ouml;rperlichen Eigenschaften und nat&uuml;rlich auch mit den M&ouml;glichkeiten, die individuelle Suizidneigung zu senken. Rechtsmediziner und Statistiker suchen nach Wegen, Suizide trennscharf von Verbrechen oder Unf&auml;llen abzugrenzen, usw.3<br />Der Suizid ist also in vielerlei Hinsicht ein Problem &ndash;inwiefern ist er aber ein philosophisches Problem? Das ist die Frage, mit der ich mich in meinem Beitrag besch&auml;ftigen m&ouml;chte. Dabei wird es sich zun&auml;chst zeigen, dass sich mindestens vier verschiedene philosophische Fragen zum Suizid stellen lassen, die man etwas plakativ auf die Form bringen kann:<br />1.Muss man Suizid begehen?<br />2.Darf man Suizid begehen?<br />3.Will man Suizid begehen?<br />4.Kann man Suizid begehen?<br />Im Hauptteil meines Textes werde ich diese vier, auf den ersten Blick ja teilweise ziemlich seltsamen Fragen nacheinander vorstellen und erl&auml;utern. Am Ende m&ouml;chte ich dann versuchen, etwas &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Richtungen zu sagen, wie man sie weiter untersuchen k&ouml;nnte.</p>
<p>*<br />Philosophische Untersuchungen beginnen gew&ouml;hnlich nicht nur bei W&ouml;rtern, sondern auch mit einem Blick in die Vergangenheit, denn die meisten philosophischen Probleme haben schon eine l&auml;ngere Geschichte hinter sich, wenn wir uns ihnen widmen. Das gilt auch f&uuml;r die philosophische Besch&auml;ftigung mit dem Suizid.4<br />Historisch gesehen war der Suizid allerdings zun&auml;chst kein Problem, sondern eine L&ouml;sung. Er erlaubte es den Menschen, sich ehrenvoll aus ansonsten schm&auml;hlichen Situationen zu retten. Schon der erste prominente Suizid in unserer griechisch-r&ouml;mischen Tradition war von dieser Art. Ajax, der hinter Achilles m&auml;chtigste K&auml;mpfer der Griechen vor Troja hatte sich beim Wettstreit um die Waffen des get&ouml;teten Achilles l&auml;cherlich gemacht. Als er dies bemerkte, st&uuml;rzte er sich in sein Schwert und rettete somit seine Ehre. Ajax&rsquo; Tod steht f&uuml;r eine Vielzahl weiterer Suizide in der griechischen und r&ouml;mischen Antike, die keineswegs als ver&auml;chtlich, sondern h&auml;ufig als vorbildhaft dargestellt wurden. Das weibliche Pendant zu Ajax war die R&ouml;merin Lucretia, die sich aus Scham &uuml;ber eine Vergewaltigung erdolcht hat. Ein weiteres herausragendes Beispiel, das ebenfalls immer wieder genannt wurde, war der musterg&uuml;ltige r&ouml;mische Senator Cato, der lange gegen C&auml;sar gek&auml;mpft hatte, schlie&szlig;lich unterlag und sich daraufhin mit dem Schwert t&ouml;tete, &uuml;brigens erst nachdem er zuvor noch ein wenig in Platons Dialog Phaidon gelesen hatte. <br />Es gab also in der griechisch-r&ouml;mischen Antike ein hochstilisiertes Bild w&uuml;rdevoller, ehrenhafter Selbstt&ouml;tungen, in denen der Suizid jeweils die angemessene, ja die einzig angemessene Reaktion auf bestimmte dramatische Lebenssituationen darstellte. Theoretisch fand dieses Bild in der Philosophie der Stoiker seinen Widerhall. Schon &uuml;ber die fr&uuml;hen, griechischen Gr&uuml;nderv&auml;ter der Stoa gibt es eindrucksvolle Suizidgeschichten. Zenon soll einen gebrochenen Finger zum Anlass genommen haben, sich gleich ganz umzubringen, und Kleanthes hat angeblich eine zun&auml;chst krankheitsbedingte Fastenkur einfach bis zum Hungertod fortgef&uuml;hrt. Den gr&ouml;&szlig;ten Einfluss auf die Geschichte des Suizids hatten aber die sp&auml;teren, r&ouml;mischen Stoiker, allen voran Lucius Annaeus Seneca. <br />Tod und Suizid sind h&auml;ufige Themen in Senecas Schriften. In einem Lehrbrief an einen Freund schreibt er beispielsweise: &bdquo;Schneller zu sterben oder langsamer ist belanglos, anst&auml;ndig zu sterben oder sch&auml;big ist wesentlich&ldquo; (Ad Lucilium, ep. 70.6).5 Es kam den Stoikern nicht darauf an, dass man lebt, sondern wie man lebt. Und es gab aus ihrer Sicht Umst&auml;nde, unter denen einen nur der selbst gew&auml;hlte Tod vor einem sch&auml;bigen Leben bewahren konnte. Deshalb schreibt Seneca etwas sp&auml;ter im selben Text: <br />&bdquo;Finden wirst du auch Lehrer der Philosophie, die bestreiten, man d&uuml;rfe Gewalt antun dem eigenen Leben, und es f&uuml;r Gottesl&auml;sterung erkl&auml;ren, selbst sein eigener M&ouml;rder zu werden [&hellip;] Wer das sagt, sieht nicht, dass er den Weg zur Freiheit verschlie&szlig;t. Nichts besseres hat uns das ewige Gesetz geleistet, als dass es uns einen einzigen Eingang in das Leben gegeben, Ausg&auml;nge viele. Ich soll warten auf einer Krankheit Grausamkeit oder eines Menschen, obwohl ich in der Lage bin, mitten durch die Qualen ins Freie zu gehen und Widerw&auml;rtiges beiseite zu sto&szlig;en? Das ist das einzige, weswegen wir &uuml;ber das Leben nicht klagen k&ouml;nnen: niemanden h&auml;lt es.&ldquo; (ebenda 70.14-15). <br />Seneca selbst hat bekanntlich am Ende seines Lebens diesen Weg ins Freie gew&auml;hlt, wenn auch nicht ganz freiwillig, sondern auf Befehl Neros, der ihn einer Verschw&ouml;rung verd&auml;chtigte und deshalb aufforderte, sich das Leben zu nehmen. Und es gelang ihm auch nicht ganz so schnell und leicht, wie er es in seinen Schriften wiederholt propagiert hatte. Erst nachdem er sich vergeblich die Pulsadern ge&ouml;ffnet und Gift geschluckt hatte, erstickte er sich schlie&szlig;lich selbst im Dampfbad. <br />Die stoische These, dass der Suizid ein wesentliches Element menschlicher Freiheit bildet, weil er es uns im Prinzip jederzeit erlaubt, aus einem unerfreulichen oder erniedrigenden Dasein auszusteigen, zieht sich durch das weitere philosophische Nachdenken &uuml;ber den Suizid bis heute. Michel de Montaigne hat beispielsweise Ende des 16. Jahrhunderts Senecas Gedanken fast w&ouml;rtlich aufgenommen, als er in einem seiner Essais schrieb: <br />&bdquo;[&hellip;] man sagt, [&hellip;] das gn&auml;digste Geschenk der Natur, das uns jeden Grund zur Klage &uuml;ber unser Los nehme, bestehe darin, dass sie uns den Schl&uuml;ssel zum Weg ins Freie &uuml;berlassen habe. Sie hat nur einen Eingang ins Leben vorgesehen, aber hunderttausend Ausg&auml;nge.&ldquo; (Montaigne, Essais 2,3).6 <br />Friedrich Nietzsche dr&uuml;ckte es dreihundert Jahre sp&auml;ter so aus:<br />&bdquo;Und jeder der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre verabschieden und die schwere Kunst &uuml;ben, zur rechten Zeit zu &ndash; gehen.&ldquo; (Also sprach Zarathustra, &bdquo;Vom freien Tode&ldquo;)7<br />Aus dieser Perspektive ist der Suizid also ein Thema der Anthropologie, die die menschlichen Wesensmerkmale, Eigenheiten, Fertigkeiten beschreibt und in Zusammenhang mit den M&ouml;glichkeiten eines guten, gelingenden Lebens bringt. So, wie man sich Gedanken dar&uuml;ber machen kann, welche Bedeutung es f&uuml;r das menschliche Dasein hat zu denken, zu f&uuml;hlen, zu lieben, so kann man auch nach der Bedeutung der prinzipiellen M&ouml;glichkeit fragen, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Und die Antwort in der stoischen Tradition lautet: Diese M&ouml;glichkeit erlaubt es dem Menschen, in praktisch jedem Fall an der W&uuml;rde seines Lebens festzuhalten. Der Suizid ist sozusagen der Joker, der uns rettet, wenn unser Leben allzu elend zu werden droht.<br />Damit stellt sich unmittelbar die n&auml;chste Frage, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, den Joker zu spielen. Wann ist es besser zu sterben anstatt weiterzuleben? Das ist eine Frage, die sich bis heute vor allem durch die Sterbehilfe-Debatte zieht. Wenn davon die Rede ist, dass ein todkranker Patient in W&uuml;rde sterben sollte, dann verbinden damit sowohl die Verfechter aktiver Sterbehilfe, als auch die Bef&uuml;rworter von Hospiz und Sterbebegleitung Vorstellungen vom w&uuml;rdigen im Unterschied zum schm&auml;hlichen Dasein &ndash; nur dass die einen meinen, man solle den Patienten gerade deshalb t&ouml;ten, weil das die einzige Chance f&uuml;r ein w&uuml;rdiges Ende sei, w&auml;hrend die anderen darauf bestehen, dass es auch f&uuml;r sterbende Patienten noch ein w&uuml;rdiges Leben gibt, so dass der Tod als Ausweg nicht n&ouml;tig sei. <br />Philosophiegeschichtlich f&uuml;hrte die Frage, wann der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um die eigene Ehre durch den Suizid zu bewahren, aber erst einmal in eine ganz andere Richtung. Sie verband sich mit dem verbreiteten philosophischen Pessimismus gegen&uuml;ber dem menschlichen Dasein. Kombiniert man n&auml;mlich die pessimistische Vermutung, dass das Leben vielleicht als ganzes sinnlos und deshalb auch nicht lebenswert sei, mit der stoischen Empfehlung, ein nicht lebenswertes Leben ohne zu z&ouml;gern hinter sich zu lassen, dann ist man beim so genannten logischen Selbstmord, dem Suizid als einzig logischer Konsequenz aus der Einsicht in die Absurdit&auml;t der Welt. Wenn all unser Streben und Trachten nur l&auml;cherlich ist angesichts der unbarmherzig sinnlosen Welt, dann scheint es nur einen ehrenhaften Ausweg zu geben: diese Welt sozusagen erhobenen Hauptes zu verlassen. <br />Dies wiederum ist der Hintergrund f&uuml;r die erste der vier philosophischen Fragen zum Suizid, der Frage, ob man nicht im Grunde Suizid begehen muss&nbsp; &ndash; und zwar, wie schon bei den Stoikern, als ein Mittel, die eigene Ehre, den menschlichen Stolz, wie Camus es nennt, zu bewahren.<br />Dostojewski hat die Figur des logischen Selbstm&ouml;rders mehrfach geschildert, in der Person des Kirillow im Roman &bdquo;Die D&auml;monen&ldquo; und auch in einer Zeitungskolumne mit dem bezeichnenden Titel &bdquo;Ein Todesurteil&ldquo;. Dabei gelangt er zu dem Schluss: <br />&bdquo;Das Ergebnis ist klar: dass der Selbstmord nach dem Verlust der Unsterblichkeitsidee zur unvermeidlichen, bedingungslosen Notwendigkeit f&uuml;r jeden Menschen wird, der in seiner Entwicklung auch nur ein wenig &uuml;ber dem Tier steht.&ldquo; (Dostojewski, &bdquo;Tagebuch eines Schriftstellers&ldquo;, M&uuml;nchen, Z&uuml;rich2 2001, S. 269)<br />F&uuml;r Dostojewski war also klar: Ein denkender Mensch hat nur die Wahl, entweder an die unsterbliche Seele zu glauben (wie Dostojewski selbst) und damit an einen Sinn seines Daseins, oder eben: Suizid zu begehen. <br />Dieser logische Suizid ist es auch, den Camus meinte, als er den Selbstmord als das einzig wirkliche ernste philosophische Problem bezeichnete. Es ist, wie er sagt, das Problem, ob es eine Logik gebe &bdquo;bis zum Tode&ldquo; (S. 18). Camus eigene Antwort war allerdings negativ, weil er den Schluss von der Sinnlosigkeit der Welt auf die Notwendigkeit des Suizids f&uuml;r nicht stichhaltig hielt. In einer absurden Welt, so Camus, ist auch dieser Ausweg versperrt, denn wenn gar nichts einen Sinn hat, dann hat auch der Suizid keinen Sinn. Deshalb gehe es nicht darum, sich umzubringen, sondern vielmehr darum weiterzuleben und schlie&szlig;lich &bdquo;unvers&ouml;hnt und nicht aus freiem Willen zu sterben&ldquo; (74). Die Auflehnung, die Revolte, ist die einzig ehrenvolle Weise, sich der Welt zu stellen. Camus beschreibt diese Haltung voller Pathos: &bdquo;F&uuml;r einen Menschen ohne Scheuklappen gibt es kein sch&ouml;neres Schauspiel als die Intelligenz im Widerstreit mit einer ihn &uuml;berschreitenden Wirklichkeit. Das Schauspiel des menschlichen Stolzes ist unvergleichlich&ldquo; (74). <br />Es gibt daneben allerdings auch eine Alternative, die Camus nicht ber&uuml;cksichtigt hat: die Alternative, im Suizid keine logische Konsequenz, sondern stattdessen ebenfalls einen Akt des Stolzes und der Auflehnung zu sehen. Diese Konzeption vertritt ein Denker, der anders als Camus nicht nur von au&szlig;en, sondern sozusagen am eigenen Leib mit der Frage konfrontiert war, ob er Suizid begehen sollte &ndash; und der dann letztlich diesen Weg auch gegangen ist, Jean Amery. In seinem Buch &bdquo;Hand an sich legen&ldquo; unterscheidet Amery zwischen der Logik des Lebens &ndash; was einfach die praktische Vernunft ist &ndash; und der Logik des Todes, der sich der Suizident am Ende hingibt. Eine andere Unterscheidung Amerys, die dasselbe trifft, ist die zwischen der Freiheit zu etwas und der Freiheit von etwas. <br />Unsere Vernunft baut normalerweise auf unsere Freiheit zu bestimmten Fortsetzungen unseres Lebenswegs. Wir w&auml;gen ab, welche unter den gebotenen Optionen den f&uuml;r uns richtigen Weg bietet. Dem stellt Amery die Freiheit gegen&uuml;ber, einfach nur von bestimmten zuk&uuml;nftigen Lebenswegen verschont zu werden, sie nicht gehen zu m&uuml;ssen, ungeachtet was stattdessen geschieht. Und nur auf diese Freiheit, so Amery, baut der Suizident.<br />&bdquo;So ist [&hellip;] der Freitod, der Freiheit von etwas verspricht, ohne aber, wie es die Logik gebietet, auch Freiheit zu etwas, mehr als nur Affirmation von Dignit&auml;t und Humanit&auml;t, gerichtet gegen das blinde Walten der Natur. Er ist Liberalit&auml;t, als deren &auml;u&szlig;erste und letzte Gestalt.&ldquo; (Jean Amery, Hand an sich legen, Stuttgart 1991, S. 132)<br />Camus und Amery betrachten also beide die Sinnen Leerheit der Welt des Suizidenten als eine Herausforderung f&uuml;r dessen W&uuml;rde und Stolz, sie sehen auch beide im Suizid einen m&ouml;glichen, denkbaren Versuch, mit dieser Situation ehrenhaft umzugehen, zudem gelangen sie beide zu dem Schluss, dass der Suizid jedenfalls keine vern&uuml;nftige Reaktion auf diese Sinnlosigkeit ist, nur pl&auml;diert Camus deshalb f&uuml;r eine alternative Reaktion, die Revolte, w&auml;hrend Amery die W&uuml;rde des Menschen schon dadurch gewahrt sieht, dass er sich seine Freiheit von diesem unw&uuml;rdigen Leben nimmt. <br />Es gibt allerdings noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Camus und Amery, die ich bislang ganz ausgespart habe, obwohl sie ebenfalls auf eine lange philosophische Tradition zur&uuml;ckweist: Beide halten es f&uuml;r selbstverst&auml;ndlich, dass es keine moralische Frage ist, ob man sich t&ouml;ten sollte oder nicht. Damit bin ich bei der zweiten Frage angelangt aus der Liste, die ich Ihnen zu Anfang gegeben habe, der Frage, ob man &uuml;ber- haupt Suizid begehen darf, ob es nicht falsch, verboten, unmoralisch, verwerflich ist, sich selbst das Leben zu nehmen.</p>
<p>*<br />Die Frage, ob ein Mensch eigentlich Suizid begehen d&uuml;rfe, hat, wie gesagt, schon eine lange Tradition. Sie klang bereits am Beginn der oben zitierten Seneca-Passage an:<br />&nbsp;&bdquo;Finden wirst du auch Lehrer der Philosophie, die bestreiten, man d&uuml;rfe Gewalt antun dem eigenen Leben, und es f&uuml;r Gottesl&auml;sterung erkl&auml;ren, selbst sein eigener M&ouml;rder zu werden.&ldquo;<br />Die Philosophen, auf die Seneca dabei anspielte, waren vor allem Platon und Aristoteles. In Platons Dialog Phaidon, der die letzten Stunden des Sokrates beschreibt, stellt dieser die Behauptung auf, dass es f&uuml;r jeden Philosophen erstrebenswert sei zu sterben. Das setzt ihn wiederum dem nahe liegenden Einwand aus, dass es ja dann am besten f&uuml;r einen Philosophen sein m&uuml;sse, sich auf der Stelle selbst zu t&ouml;ten. Hier nun kommt der Verweis auf die G&ouml;tter. Sokrates behauptet, sie h&auml;tten den Menschen mit einer Aufgabe betraut, von der er aus eigenem Entschluss nicht desertieren d&uuml;rfte. Also d&uuml;rfe niemand Suizid begehen.<br />Es ist bis heute unklar, wie ernst dieses Argument gemeint war, durch die gro&szlig;e philosophiehistorische Rolle des Phaidon gewann es jedenfalls erhebliches Gewicht f&uuml;r die weitere moralphilosophische Diskussion. Die wichtigsten religi&ouml;sen Argumente gegen den Suizid stammen aber nicht von Platon, sondern erst aus der christlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema.<br />Dabei ist zun&auml;chst festzustellen, dass sich die Bibel nirgends abf&auml;llig oder verurteilend &uuml;ber den Suizid ausl&auml;sst. Es kommen zwar eine Hand voll Suizide vor, aber sie werden nicht als frevelhaft oder s&uuml;ndig beschrieben. Selbst der Suizid des Judas, der sich aufh&auml;ngte, als er von der Verurteilung Jesu erfuhr, wird eher als logische Konsequenz seines Verrats beschrieben, denn als zus&auml;tzliches Verbrechen (Matth&auml;us 27.5). Au&szlig;erdem war der Gedanke, dass jemand sein Leben bewusst, absichtlich, hingeben k&ouml;nne, den Christen ohnehin nicht unvertraut. Schlie&szlig;lich hatte Jesus sein Leben f&uuml;r die Menschheit geopfert und viele M&auml;rtyrer der Urkirche waren ihm darin gefolgt. <br />Christliche Er&ouml;rterungen st&uuml;tzen sich deshalb gew&ouml;hnlich auf die Ausf&uuml;hrungen des Kirchenvaters Augustinus, der sich gleich im ersten Buch seines Hauptwerkes &bdquo;Vom Gottesstaat&ldquo; ausgiebig mit der Frage besch&auml;ftigt hat, ob es f&uuml;r Christen unter bestimmten Umst&auml;nden erlaubt sei, sich selbst das Leben zu nehmen &ndash; zum Beispiel um einer drohenden Gefangennahme oder Vergewaltigung zu entgehen.8 Augustinus verneint diese Frage entschieden, und zwar mit dem Argument, dass auch die Selbstt&ouml;tung unter das T&ouml;tungsverbot des Dekalogs falle. Bei einem Suizid werde schlie&szlig;lich ein Mensch get&ouml;tet, so Augustinus, w&auml;hrend es in den Zehn Geboten unumwunden hei&szlig;e: Du sollst nicht t&ouml;ten. <br />Augustinus dreht also die stoische Argumentation genau um: Statt der Joker zu sein, der den Menschen in jeder noch so aussichtslosen Lage &uuml;brig bleibt, ist der Suizid etwas, was man unter allen Umst&auml;nden vermeiden m&uuml;sse. Er ist sogar, als Versto&szlig; gegen das T&ouml;tungsverbot, nicht blo&szlig; irgendeine S&uuml;nde, sondern eine Tods&uuml;nde. Und mehr noch, weil dem T&auml;ter beim Suizid anders als bei anderen Tods&uuml;nden, z.B. einem gew&ouml;hnlichen Mord, keine Chance mehr bleibt, die S&uuml;nde zu bereuen, nimmt der S&uuml;nder sie unweigerlich mit in den Tod und sichert sich damit die ewige Verdammnis des so genannten zweiten Todes in der H&ouml;lle. <br />Mit seiner drastischen Verurteilung hat Augustinus die weitere Haltung der Kirche zum Suizid gepr&auml;gt. Sie zieht sich unverr&uuml;ckbar durch das Mittelalter und wurde im 13. Jahrhundert durch die gro&szlig;en scholastischen Theologen, allen voran durch Thomas von Aquin, ausdr&uuml;cklich best&auml;tigt. Entsprechend hart waren im Mittelalter und in der fr&uuml;hen Neuzeit die gesellschaftlichen Sanktionen. Misslungene Suizidversuche wurden paradoxerweise nicht selten mit dem Tod bestraft; und auch wenn der Suizid gelang, dann wurde h&auml;ufig noch der Leichnam misshandelt. Der Tote wurde nicht auf dem Friedhof, in geweihter Erde, bestattet, sondern an besonders schm&auml;hlichen Stellen, etwa auf dem Schafott oder an Weggabelungen. Zudem bedeutete der Suizid stets einen katastrophalen Ehrverlust, gew&ouml;hnlich nicht nur f&uuml;r den Toten, sondern auch f&uuml;r die Hinterbliebenen, deren soziale und &ouml;konomische Stellung durch den Suizid massiv besch&auml;digt werden konnte.9<br />Auch die Reformation &auml;nderte nichts an der kirchlichen und sozialen &Auml;chtung des Suizids. Luther und Calvin teilten durchaus Augustinus&rsquo; Ansicht, dass der Suizid ein Versto&szlig; gegen das T&ouml;tungsverbot sei. Parallel wurden aber, wie schon erw&auml;hnt, in der Renaissance wieder die alten stoischen Vorstellungen rezipiert, die den Suizid in einem ganz anderen, positiven Licht erscheinen lie&szlig;en. Diese Gedanken f&uuml;hrten dann schlie&szlig;lich in der Zeit der Aufkl&auml;rung, im 18. Jahrhundert, zu einer kritischen Revision der theologischen Argumente und zu einer neuen philosophischen Debatte dar&uuml;ber, ob man sich nicht vielleicht doch selbst umbringen d&uuml;rfe. Das herausragende Werk dieser Epoche war die Schrift &bdquo;Of Suicide&ldquo; des englischen Philosophen David Hume, die er vermutlich aus R&uuml;cksicht auf die Kirche zu Lebzeiten nicht ver&ouml;ffentlichen konnte, so dass sie erst postum 1777 erschien und prompt heftige Debatten ausl&ouml;ste. Das Ziel seiner Schrift beschreibt Hume folgenderma&szlig;en:<br />&bdquo;Wir wollen hier versuchen, den Menschen in seine nat&uuml;rliche Freiheit wieder einzusetzen, indem wir alle Argumente gegen den Selbstmord pr&uuml;fen und zeigen, dass diese Handlung ohne irgendwelche Schuld oder Tadel begangen werden mag [&hellip;]&ldquo; (Hume, &bdquo;&Uuml;ber den Selbstmord&ldquo;, in: R. Willemsen (Hg.), Der Selbstmord, K&ouml;ln 2002, S. 90)<br />Das Schwergewicht seiner Argumentation legt Hume dabei auf die religi&ouml;sen Argumente sowohl von Augustinus als auch von Thomas von Aquin. Hume glaubt weder, dass sich das biblische T&ouml;tungsverbot auf die Selbstt&ouml;tung &uuml;bertragen l&auml;sst, noch dass Menschen die Aufgabe &uuml;bertragen bekommen h&auml;tten, unter allen Umst&auml;nden auf der Erde auszuharren. Er sieht es vielmehr als den menschlichen Auftrag an, sich selbst um die eigenen Geschicke zu k&uuml;mmern, was eben manchmal dazu f&uuml;hren k&ouml;nne, dass dieser Mensch seinem Leben ein Ende setzt. F&uuml;r Hume ist der Suizid wieder das, was er f&uuml;r Seneca war, ein tr&ouml;stender Notausgang, wenn das Leben nicht l&auml;nger lebenswert erscheint. Moralische Verurteilungen seien hier fehl am Platz.<br />Auch wenn Humes Schrift in kirchlichen Kreisen auf erbitterten Widerstand stie&szlig;, passte sie, wie gesagt, gut zu einem im 18. Jahrhundert einsetzenden breiten gesellschaftlichen Wandels in der Einstellung zum Suizid. Bereits Mitte dieses Jahrhunderts verf&uuml;gte Friedrich der Gro&szlig;e in Preu&szlig;en das Ende aller rechtlichen Benachteiligungen f&uuml;r Suizidenten. In einem hartn&auml;ckigen Kampf wurde ihnen au&szlig;erdem zumindest das Recht auf ein stilles Begr&auml;bnis auf dem Friedhof ertrotzt. Auch in anderen Teilen Deutschlands wurden die gesetzlichen Sanktionen gegen den Suizid nach und nach aufgehoben, so dass er sp&auml;testens Anfang des 19. Jahrhunderts &uuml;berall in Deutschland straffrei war. In anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern trat diese Entwicklung allerdings erst sp&auml;ter ein, in England wurde das einschl&auml;gige Gesetz sogar erst 1961 aufgehoben. <br />Diese Straffreiheit f&uuml;r den Suizid gilt bekanntlich bis heute. Dabei liegt die Pointe nat&uuml;rlich nicht so sehr darin, dass man den Suizidenten sonst f&uuml;r seine Tat h&auml;tte bestrafen k&ouml;nnen, das konnte man aus nahe liegenden Gr&uuml;nden auch fr&uuml;her nicht. Die Straffreiheit hat vor allem die Konsequenz, dass auch der Suizidversuch und die Beihilfe zum Suizid nicht strafbar sind &ndash; denn schlie&szlig;lich kann man niemanden daf&uuml;r bestrafen, etwas zu versuchen oder bei etwas zu helfen, was selbst nicht str&auml;flich ist. <br />Hume hat sich, wie gesagt, haupts&auml;chlich mit den religi&ouml;sen Argumenten gegen den Suizid auseinandersetzt. Das liegt vermutlich daran, dass er die nicht-religi&ouml;sen Bedenken von vorn herein f&uuml;r wenig einleuchtend hielt. Und tats&auml;chlich ist es irgendwie seltsam, einen Suizidenten moralisch verurteilen zu wollen. Man f&uuml;hlt sich an die mittelalterliche Praxis erinnert, die Missbilligung der Tat an der Leiche auszuleben. Warum soll man also nicht einfach dem Strafrecht folgen und sich moralphilosophisch ganz aus dem Thema heraushalten?!<br />Der Grund liegt darin, dass die Moral nicht nur der nachtr&auml;glichen Beurteilung einer Tat dient, sondern auch als Orientierungshilfe f&uuml;r die Planung. Viele wichtige Handlungsentscheidungen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie auch eine moralische Seite haben, die der Handelnde in seine Abw&auml;gung einbeziehen sollte. Das gilt nat&uuml;rlich auch f&uuml;r den Suizid. <br />So haben die meisten Menschen soziale Beziehungen, die durch ihren Tod beeintr&auml;chtigt werden. Wer Suizid begeht, f&uuml;gt seinen Angeh&ouml;rigen und Freunden Leid zu und l&auml;sst sie allein. Versprechen k&ouml;nnen nicht mehr eingehalten, Aufgaben nicht zu Ende gef&uuml;hrt werden. Das alles sind Gesichtspunkte, die bei normalen Handlungsentscheidungen ein gro&szlig;es moralisches Gewicht haben, und es gibt keinen Grund, warum sie nicht auch einen potentiellen Suizidenten binden sollten. Die Freiheit, &uuml;ber das eigene Leben zu entscheiden, berechtigt noch nicht zur R&uuml;cksichtslosigkeit gegen&uuml;ber Anderen.<br />Diese &Uuml;berlegung zeigt allerdings nur, dass es manchmal, unter Umst&auml;nden unmoralisch sein k&ouml;nnte, sich das Leben zu nehmen, dann n&auml;mlich, wenn die sozialen Kosten dieses Schritts zu hoch sind. Wie Hume betont hat, gibt es allerdings auch viele Menschen, die sich in einer Situation befinden, in der ihr Tod keinen gro&szlig;en sozialen Schaden anrichtet, ja die vielleicht sogar f&uuml;r andere Menschen eher eine Last sind, so dass die Anderen von ihrem Ableben profitieren w&uuml;rden. In Bezug auf diese Menschen greift das soziale Argument nicht, sie scheinen frei darin zu sein, sich selbst zu t&ouml;ten. <br />Doch gerade die Feststellung, dass manche Suizidkandidaten f&uuml;r ihre soziale Umwelt eher eine Last als St&uuml;tze sind, f&uuml;hrt schon zu einem weiteren Einwand gegen Hume: Wenn wir n&auml;mlich grunds&auml;tzlich frei darin sind, unserem Leben ein Ende zu setzen, dann kann es im Einzelfall nicht nur zwingende soziale Gr&uuml;nde gegen einen Suizid geben, sondern auch f&uuml;r einen Suizid. Das ist ein Aspekt der moralischen Bewertung des Suizids, der h&auml;ufig &uuml;bersehen wird und sich der gel&auml;ufigen Dichotomie in konservative Lebensbewahrer und progressive Freitod-Freunde entzieht. Hat man erst einmal die Freiheit, etwas zu tun, dann ist man h&auml;ufig auch daf&uuml;r verantwortlich, dass man es nicht tut. In Abwandlung der ber&uuml;hmten Formulierung aus Artikel 14 des Grundgesetzes kann man es auch so ausdr&uuml;cken: Freiheit verpflichtet. Das ist allgemein so: Wer beispielsweise einen freien Tag bei der Arbeit hat, k&ouml;nnte gerade deshalb verpflichtet sein, einem Freund beim Umzug zu helfen. Entsprechend k&ouml;nnte auch aus der Freiheit zum selbst bestimmten Tod folgen, dass man unter Umst&auml;nden verpflichtet w&auml;re, sich das Leben zu nehmen. <br />Das ist zun&auml;chst keine erstaunliche Feststellung. Soldaten, Revolution&auml;re, Missionare &ndash; die Geschichtsb&uuml;cher sind voll von Menschen, die verpflichtet wurden oder sich verpflichtet f&uuml;hlten, ihr Leben f&uuml;r andere Menschen hinzugeben. Aber es zeigt, welchen Preis man zahlt, wenn man ein Recht auf den selbstbestimmten Tod annimmt. In Situationen, in denen ein Mensch stark auf die Hilfe von Angeh&ouml;rigen oder der Gesellschaft insgesamt angewiesen ist, k&ouml;nnte aus dem Suizid als einer moralisch nicht zu beanstandenden Handlungsoption schnell eine Liebes- oder B&uuml;rgerpflicht werden, analog der Sitte bei manchen nomadischen V&ouml;lkern, die Alten, die nicht mehr gebraucht werden, irgendwann zur&uuml;ckzulassen. Ein Recht auf etwas ohne zumindest die M&ouml;glichkeit, dass man dazu verpflichtet sein k&ouml;nnte, es zu nutzen, gibt es eben nicht. Also stellt sich die Frage, ob wir wirklich bereit sind, mit dem Recht auf den selbstbestimmten Tod auch eine entsprechende Pflicht zu akzeptieren. <br />Das ist in meinen Augen ein schwerwiegender Einwand gegen die These, dass der Suizid per se moralisch unbedenklich sei, dass wir vielmehr alle ein Recht darauf haben, unserem Leben ein Ende zu setzen, wenn wir es f&uuml;r richtig halten. Gleichwohl bin ich &uuml;berzeugt, dass Hume letztlich Recht hatte. Man kann zwar manchen Suizidenten vorwerfen, dass sie mit ihrer Tat anderen Menschen Leid zugef&uuml;gt haben, ein genereller moralischer Einwand gegen den Suizid ergibt sich daraus aber nicht.<br />Die traditionelle Erg&auml;nzung zu dem sozialen Argument war der Vorwurf, der Suizident w&uuml;rde sich selbst moralisch Unrecht tun. Nicht anderen tut er etwas dadurch an, sondern der eigenen Person. Dieses Argument basiert allerdings auf der Pr&auml;misse, dass man sich selbst gegen&uuml;ber &uuml;berhaupt moralisches Unrecht begehen kann, und ich teile Humes Skepsis, ob dies wirklich m&ouml;glich ist. Ich bin eher der &Uuml;berzeugung, dass man sich sich selbst gegen&uuml;ber weder moralisch noch unmoralisch verhalten kann, also auch nicht dadurch, dass man sich t&ouml;tet. Trotzdem glaube ich, dass der Vorwurf berechtigt ist, dass aus Sicht des Suizidenten etwas gegen den Suizid spricht, nur dass es kein moralisches Unrecht ist, dass er sich antut, wenn er sich das Leben nimmt. Das Unrecht, dass er sich antut, besteht vielmehr darin, dass er sich irgendwie selbst &uuml;bert&ouml;lpelt, und dies ist kein moralischer Vorwurf, sondern einer, der an die Klugheit oder Vernunft des Akteurs appelliert. Es ist der &Uuml;bergang von meiner zweiten Frage (Darf man Suizid begehen?) zur dritten Frage: Will man eigentlich Suizid begehen? &ndash; oder besser: Kann ein Mensch den Suizid wirklich wollen?</p>
<p>*<br />Dass man den Suizid nicht wirklich wollen kann, behauptet zumindest Ludwig Wittgenstein in einem Brief, den er 1920 an seinen Freund Paul Engelmann geschrieben hat. Wie Amery war Wittgenstein nicht nur theoretisch am Suizid interessiert. Ganz im Gegenteil, zwei seiner Br&uuml;der hatten sich das Leben genommen, als Wittgenstein noch ein Teenager war, ein dritter Bruder dann 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, und auch Wittgenstein selbst hat immer wieder mit diesem Gedanken gespielt, so auch in der Zeit als er diesen Brief schrieb: <br />&bdquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; der Selbstmord immer eine Schweinerei ist. Denn seine eigene Vernichtung kann man gar nicht wollen und jeder, der sich einmal den Vorgang beim Selbstmord vorgestellt hat, wei&szlig;, da&szlig; der Selbstmord immer eine &Uuml;berrumpelung seiner selbst ist. Nichts aber ist &auml;rger als sich selbst &uuml;berrumpeln zu m&uuml;ssen.&ldquo; (Wittgenstein, Briefe, Frankfurt/M. 1980, S. 113) <br />Genau genommen sind es zwei Thesen, die sich bei Wittgenstein finden: Erstens dass man den Suizid gar nicht wollen k&ouml;nne, und zweitens, dass er immer eine &Uuml;berrumpelung darstellt. Ich werde mich zun&auml;chst der ersten zuwenden und sp&auml;ter dann fragen, inwieweit die zweite noch weiter geht als die erste. <br />Kann man sich vern&uuml;nftigerweise das Leben nehmen wollen? Ein besonders prominenter Philosoph, der dies ausdr&uuml;cklich bestritten hat, war Kant. Er hat in seinen Schriften mehrfach darauf hingewiesen hat, dass ein Suizid dem Grundgesetz der praktischen Vernunft, dem kategorischen Imperativ in seinen verschiedenen Formen, widersprechen w&uuml;rde. Jeder Mensch sei nun einmal daran gebunden, sich selbst als Vernunftwesen zu achten, und das hei&szlig;t: immer auch Zweck der eigenen Handlungen zu sein. Man kann aber nicht gleichzeitig etwas bezwecken und gezielt vernichten. Also behandelt sich der Suizident nicht als Zweck seiner Handlung der Selbstt&ouml;tung. Er zielt vielmehr immer auf etwas anderes ab, beispielsweise auf eine Verminderung von Schmerzen, wof&uuml;r er seine Existenz als Vernunftwesen als Mittel einsetze. Das aber, so Kant, ist als Abweichung vom Vernunftgesetz notwendigerweise unvern&uuml;nftig. Da f&uuml;r Kant die Grundgesetze der Vernunft zugleich die der Moral sind, kommt er in der Metaphysik der Sitten zu dem unverbl&uuml;mten Urteil:<br />&bdquo;Die Selbstentleibung ist ein Verbrechen (Mord).&ldquo; (Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, &sect; 6) <br />Das Problem von Kants Gedankengang liegt allerdings in der Pr&auml;misse, dass es ein unumg&auml;ngliches Anliegen der menschlichen Vernunft sein m&uuml;sse, sich zu erhalten. Der kategorische Imperativ, dass man die Menschheit in der eigenen Person sowie in jeder anderen Person immer auch als Zweck behandeln m&uuml;sse, besagt ja gerade nicht das, wozu er in der breiten &Ouml;ffentlichkeit gerne gemacht wird: dass man Menschen nicht instrumentalisieren d&uuml;rfe, sondern ist eine Art Vernunfterhaltungsgebot, und es ist zumindest umstritten, ob sich dies wirklich a priori herleiten l&auml;sst. Folglich ist es auch fraglich, ob ein Suizid wirklich unvern&uuml;nftig w&auml;re, nur weil er dem kategorischen Imperativ widerstreitet. <br />Doch es gibt noch einen anderen, einfacheren und besseren Weg, die Vern&uuml;nftigkeit des Suizids in Frage zu stellen. Man kann auf Amery Unterscheidung zwischen der Logik des Lebens und der Logik des Todes zur&uuml;ckgreifen, bzw. der Freiheit zu und der Freiheit von etwas. Amery war ja nicht blo&szlig; wie Camus der Meinung, dass die Absurdit&auml;t der Welt den logischen Suizid unm&ouml;glich machen w&uuml;rde. F&uuml;r Amery l&auml;sst die Logik des Lebens generell nicht den Schluss zu, dass es besser sei, tot zu sein, anstatt zu leben. Der Suizident muss deshalb erst mit einem Bein in der Logik des Todes stehen, bevor er sich vom Leben befreien kann, ohne sich darum zu k&uuml;mmern, was er sich stattdessen einhandelt. Die Logik des Lebens, und das hei&szlig;t einfach: unsere praktische Vernunft, m&ouml;chte gerne wissen, worauf sie sich einl&auml;sst, sie m&ouml;chte den besseren von zwei Wegen gehen. Doch das Problem ist, dass der Suizid in gewisser Hinsicht kein Weg ist.<br />Nat&uuml;rlich ist der Suizid ein Weg in dem Sinn, dass die Welt auch nach ihm weiterl&auml;uft &ndash; manchmal sogar erschreckend unbeeindruckt. Aber sie l&auml;uft nicht mehr f&uuml;r den Suizidenten weiter, und das ist das grunds&auml;tzlich Irritierende am Suizid. Das &bdquo;Was soll ich tun?&ldquo; hat kein Pendant mehr im &bdquo;Was soll mit mir werden?&ldquo;. Nun ist es ja nicht immer so, dass sich unsere Handlungserw&auml;gungen ausschlie&szlig;lich um uns drehen. Gro&szlig;eltern legen Sparvertr&auml;ge f&uuml;r die Ausbildung ihre Enkelkinder an, ohne zu wissen, ob sie sie erleben werden. Strommanager errichten atomare Endlager f&uuml;r die n&auml;chsten Jahrmillionen. Manche Pl&auml;ne beziehen uns eben mit ein, andere nicht. <br />Aber &ndash; und das ist das Entscheidende &ndash; wir m&uuml;ssen uns normalerweise nicht entscheiden zwischen einem Plan, der f&uuml;r uns eine Zukunft vorsieht, und einem anderen, der dies nicht tut. Denn dann m&uuml;ssten wir vergleichen, was besser ist, die Welt, in der es uns noch gibt, oder die andere, in der es uns nicht gibt. Und dazu scheint man bewerten zu m&uuml;ssen, was man doch nicht bewerten kann: den Unterschied zwischen Dasein und nicht da sein. Das Knifflige an der dritten Frage, ob man den Suizid &uuml;berhaupt wollen k&ouml;nne, liegt in der irritierenden Inkommensurabilit&auml;t dieser beiden Alternativen: einer Welt mit mir als Betrachter, also inklusive meiner Sicht &ndash; und einer sozusagen leeren Welt, ohne meine Perspektive. <br />Vielleicht aber muss man sich ohnehin keine Gedanken &uuml;ber diese beiden Alternativen machen. Schlie&szlig;lich k&ouml;nnte es sein, dass Wittgenstein nicht nur Recht hat, dass wir den Suizid nicht wollen k&ouml;nnen, sondern auch darin, dass er stets eine &Uuml;berrumpelung ist. Denn das ist der fundamentale Unterschied zwischen Wittgenstein und beispielsweise Amery. Der Suizid ist aus Wittgensteins Sicht kein ehrenvoller, die menschliche Freiheit bew&auml;hrender Akt, keine Konsequenz einer speziellen Logik des Todes, sondern als &Uuml;berrumpelung immer etwas Passives, ein Kontrollverlust, und gerade deshalb eine Schweinerei, sprich: ein Verlust von Menschlichkeit und W&uuml;rde.<br />Die Auffassung, dass ein Suizid zumindest in der Gegenwart, in unserer Gesellschaft, kein wohlbedachter Entschluss, nichts Gewolltes, sein k&ouml;nne, sondern etwas, das mit einem Menschen geschieht, teilt Wittgenstein mit vielen Nichtphilosophen, die sich heutzutage mit dem Suizid besch&auml;ftigen. <br />Damit bin ich bei einer dritten Art angelangt, sich an ein philosophisches Thema heranzumachen, neben dem Blick auf die W&ouml;rter und in die Vergangenheit, den Blick in angrenzende, vor allem empirische Wissenschaften. Wie es sich zeigen wird, entsteht dadurch abermals ein neues, ziemlich anderes Bild des Suizids als das des stoischen Ehrenmanns oder des christlichen Tods&uuml;nders.</p>
<p>*<br />Auch die empirische Untersuchung des Suizids hat eine Geschichte. Sie beginnt mit dem medizinischen Interesse an den h&auml;ufig schwer verst&auml;ndlichen Gem&uuml;tszust&auml;nden, die zum Suizid f&uuml;hren. Schlie&szlig;lich war es auch fr&uuml;her nicht so, dass sich die meisten Menschen nach einer verloren Schlacht oder der Lekt&uuml;re Platons ins Schwert st&uuml;rzten. Viele nahmen sich vielmehr aus Schwermut das Leben, aus Melancholie, wie dies im siebzehnten Jahrhundert genannt wurde. Deshalb sahen sich die staatlichen und kirchlichen Stellen auch gezwungen, nicht alle Suizidenten gleich zu behandeln, sondern nur solche zu verdammen, die aus freiem Willen und nicht in geistiger Verwirrung gehandelt hatten. Da diese Sanktionen, wie gesagt, sehr einschneidend waren, kam der retrospektiven Beurteilung des Geisteszustands der Suizidenten also eine wichtige Rolle zu. Au&szlig;erdem waren gerade die aufgekl&auml;rten F&uuml;rsten des 18. und 19. Jahrhunderts sehr stark an der Volksgesundheit interessiert und k&uuml;mmerten sich auch deshalb darum, einen &Uuml;berblick &uuml;ber die Todesursachen ihrer Untertanen zu erhalten. Dabei traten neben die medizinische Thematisierung der psychischen Erkrankungen, die zum Suizid f&uuml;hren k&ouml;nnten, auch sozialwissenschaftliche Untersuchungen der Beziehungen zwischen Suiziden und den Lebensumst&auml;nden der Suizidenten, allen voran Emil Durkheims Studie &bdquo;Der Selbstmord&ldquo; von 1897. Schlie&szlig;lich waren es nicht nur Schwermut und Wahnsinn, die die Menschen in den Tod trieben, sondern auch Armut, Hunger und Ausbeutung.<br />Heute ist es selbstverst&auml;ndlich, diese Zusammenh&auml;nge empirisch zu erforschen. Deshalb m&ouml;chte ich jetzt einfach ein paar wesentliche Ergebnisse dieser aktuellen Untersuchungen nennen.10<br />Der Suizid ist keine seltene Todesart. Im Jahre 2004, dem letzten Jahr, f&uuml;r das schon eine amtliche Statistik vorliegt, sind in Deutschland knapp 820.000 Menschen gestorben. In nahezu der H&auml;lfte der F&auml;lle war daf&uuml;r eine Erkrankung des Kreislaufsystems verantwortlich, aber immerhin fast 11000 Menschen haben sich der Statistik zufolge selbst get&ouml;tet. Dies sind 1,3 % aller Todesf&auml;lle insgesamt. Es sind also fast doppelt so viele Menschen von eigener Hand gestorben wie es Verkehrstote gegeben hat.</p>
<p>Abbildung 1 Entnommen aus: Georg Fiedler, &bdquo;Suizide, Suizidversuche und Suizidalit&auml;t in Deutschland ,&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <a href="http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/online-text/daten.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/online-text/daten.pdf</a></p>
<p>11000 Suizide entsprechen einer Suizidrate von 13 Suiziden auf 100000 Einwohner. Auch wenn das immer noch eine hohe Zahl ist, so setzt sich damit ein Abw&auml;rtstrend fort, der schon seit einigen Jahren in Deutschland anh&auml;lt. Abbildung 1 zeigt deutlich, dass die Suizidraten (das ist die mittlere Kurve) Anfang der achtziger Jahre nahe bei 25 Suiziden pro 100000 Einwohner gelegen haben, also fast doppelt so hoch waren wie heute, bevor sie im weiteren Verlauf stetig gesunken sind. <br />Mit einer Suizidrate von 13 befindet sich Deutschland in Europa etwa im Mittelfeld. In der folgenden Tabelle einiger europ&auml;ischer L&auml;nder (Abbildung 2) ist das gut zu erkennen. Zugleich wird auch deutlich, wie stark die Suizidrate schwankt zwischen 2,9 in Griechenland und &uuml;ber 40 in Litauen. Man sieht auch, dass es ein geographisches Gef&auml;lle gibt von Nordosten nach S&uuml;dwesten.</p>
<p>Berechnungsjahr<br />Land <br />Suizidrate<br />2003<br />Litauen<br />42,1<br />2003<br />Ungarn<br />27,7<br />2001<br />Schweiz<br />18,4<br />2003<br />&Ouml;sterreich<br />17,9<br />2001<br />Frankreich<br />17,6<br />2002<br />Polen<br />15,5<br />2000<br />D&auml;nemark<br />13,6<br />2001<br />Schweden<br />13,4<br />2004<br />Deutschland<br />13<br />2002<br />Portugal<br />11,7<br />2002<br />Spanien<br />8,2<br />2001<br />Italien<br />7,1<br />2002<br />Gro&szlig;britannien<br />6,9<br />2002<br />Griechenland<br />2,9<br />Abbildung 2 Quelle der Daten: WHO <a href="http://www.who.int/mental_health/prevention" target="_blank" rel="noopener">http://www.who.int/mental_health/prevention</a> /suicide/country_re&nbsp;&nbsp; <br />&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; ports/en/index. html</p>
<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Ein &auml;hnliches regionales Gef&auml;lle findet sich auch auf globaler Ebene. Die h&ouml;chsten Suizidraten liegen in Mittel- und Osteuropa, dem n&ouml;rdlichen Asien und Australien, w&auml;hrend vor allem in Lateinamerika, den arabischen L&auml;ndern und S&uuml;deuropa niedrige Raten auftreten. <br />Liest man die Zahlen, dann stellt sich nat&uuml;rlich die Frage, wie es zu derart gro&szlig;en Unterschieden kommen kann. Ein Teil der Antwort, wenn auch sicher nicht die ganze Antwort lautet, dass sich darin die generelle Unzuverl&auml;ssigkeit solcher Erhebungen widerspiegelt. Suizidzahlen sind mit einer ganzen Reihe von Unsicherheitsfaktoren behaftet, die sie nur begrenzt vergleichbar machen. So gibt es beispielsweise in den L&auml;ndern unterschiedliche Prozeduren der Todesfeststellung, zudem kann die vorherrschende Einstellung zum Suizid Einfluss darauf haben, wie schnell oder z&ouml;gerlich ein Arzt mit dem Urteil zur Hand ist, dass es sich um einen Suizid handelt. Au&szlig;erdem sind die regional verschiedenen Methoden, Suizid zu begehen, leichter oder schwerer von anderen Todesraten abzugrenzen. Wenn jemand sich erh&auml;ngt, von gro&szlig;er H&ouml;he springt oder sich erschie&szlig;t, liegt der Schluss nahe, dass er Suizid begangen hat. Bei der &Uuml;berdosierung von Medikamenten oder Drogen, beim Suizid durch einen absichtlichen Verkehrsunfall, aber auch bei der bewussten Nichteinnahme von lebensnotwendigen Medikamenten ist die Unsicherheitsmarge und die Gefahr willk&uuml;rlicher Entscheidungen entsprechend h&ouml;her. <br />Es bleibt aber ein Faktum, dass es gro&szlig;e regionale Unterschiede darin gibt, wie viele Menschen sich absichtlich umbringen. Auch daf&uuml;r gibt es wieder eine Reihe verschiedener Erkl&auml;rungen. Zweifellos gibt es so etwas wie tradierte Haltungen zum Suizid, teilweise auch religi&ouml;s beeinflusst, die daf&uuml;r verantwortlich sind, dass es in manchen L&auml;ndern auff&auml;llig viele Suizide gibt, in anderen wenige. Es gibt aber auch weitere Faktoren, so spielt beispielsweise der Umgang der Medien mit dem Thema eine nicht zu untersch&auml;tzende Rolle. Einen speziellen Faktor bilden die medizinische Versorgung und die existierenden Suizidprophylaxe-Programme in den einzelnen L&auml;ndern.<br />Mindestens so interessant wir der internationale Vergleich sind die Unterschiede innerhalb eines Staates oder einer Gesellschaft, denn das Risiko, Suizid zu begehen, ist auf die Bev&ouml;lkerung keineswegs gleich verteilt. So gibt es beispielsweise gewaltige Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die sich (mit einer interessanten Ausnahme: China) weltweit beobachten lassen. Wie sich an Abbildung 1 ablesen l&auml;sst, verteilen sich die Suizide in Deutschland ganz unterschiedlich auf M&auml;nner (das ist die obere Kurve) und Frauen (das ist die untere Kurve). Die Suizidraten liegen bei 20,3 gegen&uuml;ber 7,0. M&auml;nner bringen sich also fast dreimal so h&auml;ufig um wie Frauen. <br />Bevor man allerdings allzu schnelle R&uuml;ckschl&uuml;sse auf die unterschiedliche Suizidalit&auml;t der Geschlechter zieht, ist es wichtig, auch die Suizidversuche einzubeziehen. Suizidversuche sind quantitativ noch viel schwerer zu erfassen als die tats&auml;chlichen Suizide. Das liegt erstens daran, dass im Einzelfall die Unterscheidung zwischen Suizid- versuch und Leichtsinn oder Fahrl&auml;ssigkeit kaum gelingt, zweitens aber auch daran, dass es keine Stelle gibt, die die Suizidversuche z&auml;hlt. Schlie&szlig;lich sind Suizidversuche, wie gesagt, nicht strafbar und k&ouml;nnen deshalb aus datenschutzrechtlichen Gr&uuml;nden nicht erfasst werden. Allerdings gibt es begr&uuml;ndete Sch&auml;tzungen f&uuml;r die Mitte der 90er Jahre, denen zufolge die Suizidrate f&uuml;r M&auml;nner bei etwa 122 gelegen haben k&ouml;nnte, f&uuml;r Frauen bei 147. Es sind also vermutlich weniger die Unterschiede in der Suizidalit&auml;t als vielmehr die der verwendeten Methoden, die f&uuml;r die gravierenden Geschlechterdifferenzen verantwortlich sind. M&auml;nner ziehen meistens h&auml;rtere und zuverl&auml;ssigere Methoden vor als Frauen. <br />Viel gravierender als die Geschlechterunterschiede sind die Unterschiede im Lebensalter der Suizidenten. Die &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit, die junge Suizidenten auf sich ziehen, von Werther bis Kurt Cobain, k&ouml;nnte den Eindruck erwecken, dass gerade in bestimmten Jugendphasen die Gefahr besonders hoch sei, sich das Leben zu nehmen. Doch die Statistik spricht eine radikal andere Sprache (vgl. Abbildung 3). Die Suizidraten gehen mit steigendem Alter stetig nach oben, bis zu der erschreckenden Zahl von 60,9 bei M&auml;nnern &uuml;ber 75. Kurz, &auml;ltere Menschen bringen sich vergleichsweise h&auml;ufig um, und sie brauchen daf&uuml;r, nebenbei gesagt, auch verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig wenige Suizidversuche.<br />Geschlecht und Alter sind also signifikante Risikofaktoren f&uuml;r einen Suizid. Weitere Faktoren, die Einfluss auf die Suizidalit&auml;t haben, sind beispielsweise der Personenstand, Kinder, Arbeit oder Arbeitslosigkeit, aber auch saisonale oder tageszeitliche Trends. Der st&auml;rkste Pr&auml;diktor f&uuml;r einen Suizid ist aber ein vorangegangener Suizidversuch. Entgegen der landl&auml;ufigen Meinung, dass einem der vergebliche Versuch vermutlich einen heilsamen Schock versetzt, bringen sich 10-15% derjenigen, die bereits einen ver-</p>
<p>Abbildung 3<br />Quelle: WHO <a href="http://www.who.int/mental_health/prevention/suicide/country_reports/en/index.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.who.int/mental_health/prevention/suicide/country_reports/en/index.html</a></p>
<p>geblichen Suizidversuch unternommen haben, sp&auml;ter auch tats&auml;chlich um. Das Suizidrisiko nach einem gescheiterten Suizidversuch liegt um das 38fache &uuml;ber dem der Gesamtbev&ouml;lkerung.&nbsp; <br />Es gibt also beim Suizid bestimmte statistische Auff&auml;lligkeiten, die allerdings in der Regel gut erkl&auml;rlich zu sein scheinen. Im hohen Alter ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit gr&ouml;&szlig;er, dass man gesundheitliche Probleme hat, seinen Partner verloren hat, keinen Sinn mehr im Leben sieht, als in der Jugend. Insofern ist es kein Wunder, wenn &auml;ltere Menschen h&auml;ufiger Suizid begehen. &Auml;hnlich verst&auml;ndlich ist es, dass Geschiedene sich h&auml;ufiger suizidieren als Verheiratete, Arbeitslose h&auml;ufiger als solche mit einem Arbeitsplatz etc.<br />Es gibt aber noch einen weiteren Komplex empirischer Daten zum Suizid, der das Bild pl&ouml;tzlich ins Wanken bringt. Eine der international renommierten Psychiaterinnen, Kay Redfield Jamison von der John Hopkins University, hat die Ergebnisse so zusammengefasst:<br />&bdquo;Zahlreiche Untersuchungen in Europa, den Vereinigten Staaten, Australien und Asien haben gezeigt, dass Menschen, die Hand an sich legen, in aller Regel von schweren Psychopathologien betroffen sind; alle bedeutenden Studien, die bis heute gemacht wurden, kommen zu dem Ergebnis, dass bei 90 bis 95 Prozent der Menschen, die sich das Leben nahmen, eine diagnostizierbare psychische Krankheit vorlag.&ldquo;<br />(Kay Redfield Jamison, Wenn es dunkel wird, op. cit., S. 101)<br />Das aber hei&szlig;t: Nahezu jeder Mensch, der sich suizidiert, hat eine diagnostizierbare psychische Erkrankung &ndash; und andere &Uuml;bersichtsdarstellungen best&auml;tigen Jamisons Einsch&auml;tzung der Forschungssituation. Die betreffenden Forscher haben auch nicht die Dummheit begangen, den Suizid selbst als Symptom einer Krankheit zu werten. Die Daten wurden vielmehr in so genannten Psychologischen Autopsien gewonnen, das sind sehr aufw&auml;ndige retrospektive Untersuchungen, um festzustellen, ob schon pr&auml;suizidal bestimmte Krankheitssymptome erkennbar waren oder nicht. <br />Die Tabelle in Abbildung 4, die aus einer anderen &Uuml;bersichtsdarstellung entnommen ist, fasst die verschiedenen Ergebnisse zusammen. Auch wenn die Spannbreite der einzelnen Angaben augenscheinlich gro&szlig; ist, hatten vermutlich mehr als die H&auml;lfte der Suizidenten eine affektive St&ouml;rung, also entweder eine Depression oder eine so genannte manisch-depressive Erkrankung, bei nahezu der H&auml;lfte wurde ein Substanzenmissbrauch diagnostiziert, kleinere Gruppen hatten Angstst&ouml;rungen oder waren schizophren.11</p>
<p>Abbildung 4 Aus: Brian L. Tanney, &bdquo;Psychiatric Diagnoses and Suicidal Acts&ldquo;, R.W. Maris et al., Com.<br />&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; prehensive Textbook of Suicidiology, The Guilford Press New York, London 2000, S. 320</p>
<p>Der Ausflug in die Empirie zeigt demnach, dass sich kaum jemand das Leben nimmt, ohne zuvor schon psychisch krank zu sein. Auch wenn die anderen statistischen Auff&auml;lligkeiten darauf hindeuten, dass sich der Suizid aus der jeweiligen Lebenssituation des Suizidenten erkl&auml;ren lie&szlig;e, als vern&uuml;nftig nachvollziehbare Reaktion, so scheint am Ende das Bild dramatisch zu kippen. Unabh&auml;ngig von den Lebensumst&auml;nden und erst recht unabh&auml;ngig von den individuellen Vorstellungen, scheint niemand ernsthaft seinem Leben ein Ende zu setzen, es sei denn, er oder sie ist au&szlig;erdem psychisch krank. <br />Wittgensteins &Uuml;berrumpelungsthese scheint sich erschreckend zu best&auml;tigen. Wenn man unter einem Suizid eine willentliche, absichtliche Handlung eines Menschen versteht, dann deuten die empirischen Daten darauf hin, dass die allerwenigsten Suizidenten in diesem Sinn Suizid begehen. W&auml;re der Suizid eine reale Handlungsoption f&uuml;r Menschen in bestimmten d&uuml;steren Lebensabschnitten, dann m&uuml;sste ein erheblich gr&ouml;&szlig;erer Prozentsatz der Suizidenten psychisch gesund sein. W&auml;re der Suizid zwar immer unvern&uuml;nftig, aber gleichwohl ein f&uuml;r alle Menschen denkbarer stolzer Protest gegen die Absurdit&auml;t des Daseins, dann m&uuml;ssten sich ebenfalls erheblich mehr psychische gesunde Menschen das Leben nehmen. Wie es aussieht, tun dies praktisch nur diejenigen Menschen, die psychisch krank sind, und also liegt der Schluss sehr nahe, dass sie es tun, weil sie psychisch krank sind &ndash; das hei&szlig;t: nicht freiwillig und absichtlich. Und damit stellt sich die letzte der vier Fragen: Kann man &uuml;berhaupt Suizid begehen, oder bedarf es zur Selbstt&ouml;tung einer pathologischen Basis, auf der ein Mensch sich &ndash; in Wittgensteins Worten &ndash; selbst &uuml;berrumpelt? <br />Wenn die Antwort aber lautet: &bdquo;Man kann es nicht&ldquo;, dann war vielleicht die ganze lange Debatte um die Notwendigkeit, Erlaubtheit oder Vern&uuml;nftigkeit obsolet. Dann spielen sie gar keine Rolle f&uuml;r das Verhalten der Menschen, sind bestenfalls Rationalisierungen einer letztlich ausschlaggebenden psychischen Disposition. Amerys Logik des Todes w&auml;re nichts anderes als der irgendwann &uuml;berm&auml;chtige Sog der Depression, des &bdquo;drangvollen Zwanges&ldquo;, wie er es gleich auf der ersten Seite seines Buches nennt (S. 13).</p>
<p>*<br />Aus dem Vorhaben, das philosophische Problem des Suizids herauszuarbeiten, haben sich am Ende also vier unterschiedliche, wenn auch nicht ganz unabh&auml;ngige Fragen entwickelt, die es nun zu beantworten gilt. Sie sind allerdings nicht gleich schwer und dr&auml;ngend. <br />Die erste Frage ist in der Form, in der ich sie gestellt habe, vermutlich sogar sehr leicht zu beantworten. Das Pathos des gegen die Absurdit&auml;t der Welt ab st&uuml;rmenden Camus ist durch den philosophischen Pessimismus nicht gerechtfertigt, ebenso wenig w&auml;re es ein logischer Suizid. Trotzdem sollte man die Frage noch nicht ad acta legen, denn es ist nicht so sehr der Kampf mit der Sinnlosigkeit der Welt, der den stoischen Umgang mit dem Suizid so faszinierend macht, sondern das dahinter stehende Bild der menschlichen W&uuml;rde, das sich von Seneca bis Amery zieht. Der Rolle von W&uuml;rde, Integrit&auml;t, Selbstachtung nachzugehen ist in meinen Augen eine lohnenswerte und wichtige Aufgabe, gerade auch, weil die Moralphilosophie diesen Bereich unserer Wertvorstellungen lange Zeit weitgehend ausgeblendet hatte.12 <br />Explizit moralphilosophisch ist die zweite Frage, ob es erlaubt ist, Suizid zu begehen. Auch das scheint mir kein wirklich kniffliges Problem zu sein. Letztlich beschr&auml;nkt es sich darauf, wie viel ein Mensch anderen absichtlich antun darf, in Aus&uuml;bung seiner freien Selbstbestimmung. Die Frage &auml;hnelt damit derjenigen, ob und wann man seine Familie, seinen Beruf oder sein Land verlassen darf. Auch wenn das im Einzelfall schwer zu entscheiden sein wird, so gibt es hier doch keine dem Suizid spezifische Schwierigkeit. <br />Am Problematischsten am Suizid ist aus moralphilosophischer Sicht die Frage, wie sich die anderen Menschen dem Suizidenten gegen&uuml;ber verhalten d&uuml;rfen und m&uuml;ssen. D&uuml;rfen sie ihn von seiner Tat abhalten? Oder d&uuml;rfen sie ihm umgekehrt helfen? Wie viel Zwang ist erlaubt, wie lange, von wem, unter welchen Umst&auml;nden? &ndash; Das sind Fragen, die nicht nur in den zwischenmenschlichen Bereich f&uuml;hren, sondern auch zu den Kernfragen der medizinischen Ethik, insbesondere der Ethik der Psychiatrie geh&ouml;ren. Da ich mich in meinem Beitrag aber ganz auf&nbsp; den Suizidenten selbst beschr&auml;nkt habe, m&ouml;chte ich sie hier nur kurz erw&auml;hnt haben, ohne n&auml;her auf sie einzugehen.<br />Es bleiben die Fragen 3 und 4. Das sind in meinen Augen die schwersten und zugleich spannendsten Fragen. Die vierte Frage, ob man sich &uuml;berhaupt absichtlich, willentlich das Leben nehmen k&ouml;nne, erfordert vor allem eine hinreichend differenzierte Konzeption praktischer Vernunft. Die vielf&auml;ltigen Berichte, Stellungnahmen von Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, oder von denen wir wissen, dass sie sich sp&auml;ter das Leben genommen haben (wie z.B. Amery), verbieten eine einfache Zweiteilung der Welt in psychisch gesunde rationale Akteure und psychisch kranke Menschen, deren Handlungen blo&szlig; Ausdruck ihrer Erkrankung sind. Die an forensischen Interessen orientierten Konzepte eingeschr&auml;nkter Willensbildung, verminderter Steuerungsf&auml;higkeit etc. sind philosophisch unbefriedigend. Was gebraucht wird ist ein Handlungsverst&auml;ndnis, das sowohl der Selbstverst&auml;ndlichkeit gerecht wird, mit der viele Suizidenten ihren Akt als frei ansehen, als auch der &uuml;berw&auml;ltigenden Korrelation von Suizidalit&auml;t und Psychopathologie. Das ist &ndash; um es vorsichtig auszudr&uuml;cken &ndash; eine ambitionierte handlungstheoretische Aufgabe.13<br />Damit bleibt die dritte Frage, ob es f&uuml;r einen Menschen ein vern&uuml;nftiges Abw&auml;gen geben k&ouml;nne zwischen einer Welt mit ihm und einer ohne ihn. Auch dieses Problem ist Teil eines gr&ouml;&szlig;eren Problemkontexts &ndash; mit der unerfreulichen Nebenwirkung, dass es auch all diejenigen unter uns nicht verschont, die keinen Gedanken daran verschwenden w&uuml;rden, jemals Suizid zu begehen. Es ist der Kontext der traditionellen Frage nach der Einstellung zur eigenen Sterblichkeit, zum eigenen Tod. Epikurs ber&uuml;hmter Trost, man solle den Tod nicht f&uuml;rchten, denn solange man da sei, sei der Tod noch nicht da, und wenn dann der Tod da sei, dann sei man selbst schon weg, funktioniert ja deshalb so schlecht, weil man nicht wei&szlig;, wie man nachdenken soll &uuml;ber eine Welt, in der man schon weg ist.14 Es geht nicht darum, als Philosoph &ndash; in einer etwas abgedroschenen Redewendung Ciceros &ndash; sterben zu lernen, sondern erst einmal heraus zu bekommen, ob man das &uuml;berhaupt lernen will. Hier vor allem lauert der abgrundtiefe Skandal, von dem ich eingangs schon geredet habe.<br />Alle vier Probleme, mit denen uns der Suizid konfrontiert, lohnen weitere philosophische Untersuchungen. In Bezug auf die ersten drei Probleme bin ich auch ganz zuversichtlich, dass wir ihrer L&ouml;sung erheblich n&auml;her kommen werden &ndash; nur was das letzte betrifft, bleibt uns vielleicht nichts &uuml;brig, als uns auf den Trost am Ende von Camus&rsquo; Buch zu verlassen, dass wir uns Sisyphos als einen gl&uuml;cklichen Menschen vorstellen m&uuml;ssen.</p>
<p>1&nbsp;&nbsp;&nbsp; Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, deutsch von Vincent von Wroblewsky, Reinbek bei Hamburg 2000, S. 11 <br />2&nbsp;&nbsp; Die derzeit ausf&uuml;hrlichste philosophische Bearbeitung des Themas findet sich in Hector Wittwers Buch Selbstt&ouml;tung als philosophisches Problem, Paderborn 2003.<br />3&nbsp;&nbsp;&nbsp; Einen schnellen &Uuml;berblick &uuml;ber die vielf&auml;ltigen empirischen Aspekte des Suizids gibt Thomas Bronisch, Der Suizid, M&uuml;nchen 42002.<br />4&nbsp;&nbsp;&nbsp; Historische Darstellungen des Suizids finden sich in Georges Minois, Geschichte des Selbstmords, D&uuml;sseldorf, Z&uuml;rich 1996, Gerd Mischler, Von der Freiheit, das Leben zu lassen, Hamburg, Wien 2000, Vera Lind, Selbstmord in der fr&uuml;hen Neuzeit, G&ouml;ttingen 1999, und Ursula Baumann, Vom Recht auf den eigenen Tod, Weimar 2001.<br />5&nbsp;&nbsp;&nbsp; L. Annaeus Seneca, Philosophische Schriften, Bd. 4, &Uuml;bersetzt von Manfred Rosenbach, Darmstadt 21995.<br />6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Michel de Montaigne, Essais, &uuml;bersetzt von Hans Stilett, Frankfurt/M. 1998, S. 175<br />7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Friedrich Nietzsche, Kritische Studienausgabe, Bd. 4, M&uuml;nchen, Berlin, New York 1988, S. 94<br />8&nbsp;&nbsp; Vgl.&nbsp; Aurelius Augustinus, Vom Gottesstaat, &uuml;bersetzt von Wilhelm Thimme, Z&uuml;rich, M&uuml;nchen 1978, Buch 1, &sect;&sect; 17-27<br />9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vgl. Richard van D&uuml;lmen, Der ehrlose Mensch, K&ouml;ln, Weimar, Wien 1999, S. 83 ff.<br />10&nbsp; Vgl. u.a. Bronisch op. cit., Kay Redfield, Jamison, Wenn es dunkel wird, Berlin 2002, Robert Simon, Robert Hales (eds.), Suicide Assessment and Management, Washington D.C. 2006, Georg Fiedler, &bdquo;Suizide, Suizidversuche und Suizidalit&auml;t in Deutschland&ldquo; <a href="http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/online-text/daten.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.uke.uni-hamburg.de/extern/tzs/online-text/daten.pdf</a> <br />11&nbsp; Die so genannten &bdquo;Axis II&ldquo;-Diagnosen beziehen sich auf Pers&ouml;nlichkeitsst&ouml;rungen, die im Diagnoseschl&uuml;ssel DSM auf einer gesonderten &sbquo;Achse&rsquo; verschl&uuml;sselt werden.<br />12&nbsp; Ich selbst bin dieser Frage in der letzten Zeit mehrfach nachgegangen, z.B. in dem Sammelband R. Stoecker (Hg.), Menschenw&uuml;rde &ndash; Ann&auml;herung an einen Begriff, Wien 2003, in &bdquo;Selbstachtung und Menschenw&uuml;rde&ldquo;, Studia Philosophica 63 (2004), S.107-119, &bdquo;Eine Frage der Ehre&ldquo;, Berliner Debatte Initial 2006, S. 147-155, &bdquo;Todesstrafe und Menschenw&uuml;rde&ldquo; im Erscheinen. <br />13&nbsp; Auch an dieser Aufgabe arbeite ich seit einigen Jahren, vgl. z.B. &bdquo;In den Zeiten, wo das W&uuml;nschen noch geholfen hat&ldquo;, Analyse &amp; Kritik 24 (2002) S. 209-230.<br />14&nbsp; Vgl. meine Ausf&uuml;hrungen zu diesem Thema in: Der Hirntod, Freiburg 1999, Abschnitt 5.5.</p>
<p>&nbsp;<br />&nbsp;<br />&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/175-vorgaenge/publikation/ein-wirklich-ernstes-philosophisches-problem/">Ein wirklich ernstes philosophisches Problem</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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