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	<title>Sarah Spieckermann Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Das Internet der Dinge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Dec 2008 18:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gesellschaftliche Herausforderungen der elektronischen Welt von morgen aus: Vorg&#228;nge 184 ( Heft 4/2008), S.39-47 I. Einleitung Als 1993 mit dem World Wide Web das Internet publik wurde, war dies der Startschuss f&#252;r eine neue Zeit. Eine Zeit, in der sich die Geschwindigkeit und das Ausma&#223; von Kommunikation und Informationsverteilung um ein Vielfaches potenziert hat im [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/184-vorgaenge/publikation/das-internet-der-dinge/">Das Internet der Dinge</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Gesellschaftliche Herausforderungen der elektronischen Welt von morgen</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge 184 ( Heft 4/2008), S.39-47</p>
<h5>I. Einleitung<br /></h5>
<p>Als 1993 mit dem World Wide Web das Internet publik wurde, war dies der Startschuss f&uuml;r eine neue Zeit. Eine Zeit, in der sich die Geschwindigkeit und das Ausma&szlig; von Kommunikation und Informationsverteilung um ein Vielfaches potenziert hat im Vergleich zu dem, was Menschen noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts f&uuml;r ,normal&#8216; hielten. &Uuml;ber Computer war (und ist) es pl&ouml;tzlich m&ouml;glich, &uuml;berall Informationen zu bekommen und selbst zu verteilen. Heute, in 2008, verf&uuml;gen 58 Prozent aller Haushalte &uuml;ber einen Breitbandanschluss an das Internet[1]. Kaum ein Berufsbild der Wissensgesellschaft und kaum ein Privatleben scheinen mehr denkbar ohne das digitale Medium.</p>
<p>Etwa zur selben Zeit entstand noch ein zweites Ph&auml;nomen: die Verbreitung von Mobiltelefonie. Sch&auml;tzte man 1992 bei der Einf&uuml;hrung der D-Netze noch hoffnungsvoll, dass vielleicht einmal 10 Millionen Kunden in Deutschland gewonnen werden k&ouml;nnten, so z&auml;hlen wir heute &uuml;ber 100 Millionen Mobilfunkanschl&uuml;sse. Die Folge war (und ist) eine dramatische Steigerung der Mobilit&auml;t und Flexibilit&auml;t in der Organisation von Berufs- und Privatleben.</p>
<p>Doch wie gehen diese Entwicklungen weiter? Ist mit der gegenw&auml;rtigen Verf&uuml;gbarkeit und Mobilit&auml;t digitaler Dienste bereits ein H&ouml;hepunkt der Entwicklung erreicht, so dass man von zuk&uuml;nftigen Innovationen in diesem Bereich eigentlich nur noch abnehmende Grenznutzen erwarten darf? Was erwarten Wissenschaft und Forschung als die n&auml;chsten Schritte in dieser &bdquo;digitalen Historie&rdquo;? Wenn diese Frage gestellt wird, dann antworten Experten heute mit dem Begriff vom &bdquo;Internet der Dinge&rdquo; als dem n&auml;chsten gro&szlig;en Innovationsschub.</p>
<p>Das Internet der Dinge verbindet und integriert die beiden Dimensionen der Verf&uuml;gbarkeit und der Mobilit&auml;t digitaler Dienste. Es wird begrifflich an vielen Stellen gleichgesetzt mit dem sog. &bdquo;pervasive&rdquo; oder &bdquo;ubiquitous computing&rdquo;. Zu Deutsch, dem &bdquo;allgegenw&auml;rtigen Rechnen&rdquo;. Die Vision ist, dass nicht nur Computer und Mobiltelefone ein digitales Eigenleben und eine virtuelle Repr&auml;sentanz haben, die uns erlauben, durch sie zu kommunizieren, sondern dass in Zukunft alle Objekte &uuml;ber solche digitalen Eigenschaften verf&uuml;gen. Dadurch soll der klassische Computer seine Bedeutung verlieren. Seine Funktionalit&auml;t soll in die uns umgebenden Alltagsgegenst&auml;nde eingehen. Der Urvater dieser Vision, Mark Weiser schreibt (1991): &bdquo; The most profound technologies are those that disappear. <i>They weave themselves into the fabric of everyday life until they are indistinguishablefrom it</i>. &#8220;</p>
<p>Im vorliegenden Artikel soll nun diskutiert werden, welche sozialen Auswirkungen das Internet der Dinge haben k&ouml;nnte. Welche gesellschaftlichen Fragestellungen durch die neuen Technologien entstehen? Welche Fragen sollte man pro-aktiv stellen, um nicht blind in eine Welt digitaler Allgegenw&auml;rtigkeit zu laufen?</p>
<p>Die Gedanken und Erkenntnisse der folgenden Abschnitte wurden im Rahmen einer Technikfolgenabsch&auml;tzung f&uuml;r das Ubiquit&auml;re Computing gewonnen, die im Auftrag des BMBF von 2005 bis 2006 an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin in Kooperation mit dem Unabh&auml;ngigen Landeszentrum f&uuml;r Datenschutz in Schleswig-Holstein durchgef&uuml;hrt wurde[2] Der Begriff vom Internet der Dinge wurde hier gleichgesetzt mit dem des Ubiquitous Computing. Ferner wurde ber&uuml;cksichtigt, dass schon heute eine Vielzahl von digitalen Diensten vermarktet und genutzt werden, die sich in die langfristige Vision des Begriffs einordnen lassen.</p>
<h5>II. Soziale Frage&shy;stel&shy;lungen in einer digitalen Welt von Morgen<br /></h5>
<p>Bei der Diskussion sozialer Faktoren im Zusammenhang mit elektronischen Systemen wird heute sehr h&auml;ufig auf den Aspekt des Datenschutzes fokussiert. Datenschutzbedenken f&uuml;hren, so wird an vielen Stellen argumentiert, dazu, dass viele Konsumenten auf den elektronischen Handel (E-Commerce) verzichten. Zunehmend werden Menschen in ihrer Rolle als Kunden und B&uuml;rger durch Vorf&auml;lle des Identit&auml;tsdiebstahls und &bdquo;Datenklaus&rdquo; verunsichert.</p>
<p>Im Hinblick auf das Ubiquitous Computing geht man davon aus, dass sich diese &Auml;ngste der Menschen vor einem Missbrauch der Technik zurecht verschlimmern. Werden digitale Funktionalit&auml;ten in jeden erdenklichen Alltagsgegenstand integriert, so multipliziert sich auch die Anzahl der Schnittstellen zwischen Menschen und der digitalen Welt. Die Menge der &uuml;ber sie verf&uuml;gbaren Daten und Informationen steigt stark an. Einige Wissenschaftler weisen daher schon heute darauf hin, dass das Internet der Dinge das Potenzial hat, traditionelle Modelle des Datenschutzes auszuhebeln: &bdquo;<i>The most fundamental rules violated by ubiquitous information systems are the Collection Limitation Principle, the Purpose Specification Principle and the Use Limitation Principle&rdquo; (Cas, 2005, S.24-33)<br /></i></p>
<p><i>Allerdings werden die sozialen </i>Auswirkungen des Ubiquitous Computing in den gegenw&auml;rtigen Diskussionen in Presse und Wissenschaft gerne ausschlie&szlig;lich auf das Problem der Einbusse von Privatheit und Datenschutz reduziert. Dabei steht die Rolle des Menschen als Konsument oder B&uuml;rger im Vordergrund.</p>
<p>Soziale Auswirkungen des Ubiquitous Computing sollten jedoch auf einer breiteren Basis diskutiert werden und die unterschiedlichsten Rollen und gesellschaftlichen Austauschbeziehungen mit einschlie&szlig;en, in denen Technologie zum Einsatz kommt. Ferner sollte nicht nur die <i>informationelle </i>Selbstbestimmung betrachtet werden, wenn Ubiquitous Computing diskutiert wird, sondern es sollten auch die m&ouml;glichen Folgen der Technologie(en) auf die <i>physische</i> Selbstbestimmung betrachtet werden.</p>
<p>Die folgenden Abschnitte besch&auml;ftigen sich daher zun&auml;chst mit einer erweiterten Betrachtung, wie der Einsatz von UC Technologie heute und in Zukunft Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen tangieren. Der Artikel geht dann ein auf die Frage, wie die Privatsph&auml;re im Sinne der informationellen aber auch physischen Selbstbestimmung durch UC Technologie ber&uuml;hrt werden wird.</p>
<h5>II.1. Unter&shy;schied&shy;liche Rollen von Menschen im Umgang mit Technologie<br /></h5>
<p>Um das gesamte Spektrum aufzuspannen, in dem informationelle Selbstbestimmung im Ubiquitous Computing betrachtet werden sollte, bietet sich das Pyramidenmodell von Parsuraman an (Parasuraman, 2000). Hier wird Technologie im Zentrum eines Spannungsfeldes zwischen Unternehmung, Arbeitnehmer und Konsument gesehen. Der Arbeitnehmer steht mit seinem Arbeitgeber in einer internen Beziehung, welche von Technologie beeinflusst wird (z.B. E-Mail, Mobiltelefonie, GPS, RFID, Batch-Systeme). Gleichzeitig steht der Arbeitnehmer in einer Beziehung zum Kunden der Unternehmung und nutzt Technologie, um diese Beziehung zu optimieren (z.B. durch Customer Relationship Management Software). Und schlie&szlig;lich steht die Unternehmung direkt in Beziehung zum Kunden, wenn sie die Kan&auml;le zum Kunden nutzt, die ihr mittels moderner Technologie zur Verf&uuml;gung stehen (z.B. elektronische Nachrichten, automatisiertes Ticketing).</p>
<p>Soziale Auswirkungen von Ubiquitous Computing sind auf all diesen Beziehungsebenen greifbar. So kam es z.B. zu einem Aufstand von Lastwagenfahrern einer Speditionsgesellschaft, als diese mittels moderner Ortungstechnik pr&uuml;fen wollte, wo genau sich ihre Fahrer befinden und wie viel Zeit sie auf welchen Streckenabschnitten verbringen. Dieses Anwendungsbeispiel ist nur eines unter vielen, welches die Frage aufwirft, wie stark Unternehmen ihre Mitarbeiter mit Technologie &uuml;berwachen d&uuml;rfen. Es gibt aber auch noch andere Faktoren, wo Technologie die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber pr&auml;gt: z.B. etablieren sich Erwartungshaltungen auf Seiten des Arbeitgebers, was Erreichbarkeit und Antwortzeiten angeht oder die aktive Nutzung multipler Endger&auml;te und Softwarel&ouml;sungen (nicht nur E-Mail und Telefon, sondern auch Instant Messaging, Webcam, Beeper, Groupware, Blackberries, etc.).</p>
<p>Je nachdem, wie Arbeitgeber Technik im Arbeitsumfeld einsetzten, k&ouml;nnen sich also in unterschiedlicher Form soziale Konsequenzen aus dem Ubiquitous Computing ergeben. Diese sind sicherlich an vielen Stellen positiv zu beurteilen. Zum Beispiel, wenn es m&ouml;glich wird, dass Arbeitnehmer, ihre Arbeit flexibler gestalten, vielleicht sogar teil-weise von zu Hause arbeiten k&ouml;nnen und Wegezeiten sparen. An anderer Stelle muss je-doch ein Konsens gefunden werden, in wie weit durch die Technologie erm&ouml;glichte Erreichbarkeits-, Einsatz- und &Uuml;berwachungsziele im Verh&auml;ltnis zwischen Arbeitnehmer und Unternehmung sinnvoll sind.</p>
<p>Arbeitnehmer stehen dar&uuml;ber hinaus zunehmend in einer interaktiven Beziehung zu Kunden. Digital verf&uuml;gbare Information erlaubt es Unternehmen heute, sehr viel mehr Wissen &uuml;ber bestehende oder zuk&uuml;nftige Kunden zu gewinnen. Dadurch kann ein Kundendialog gezielter erfolgen. Unternehmen haben die M&ouml;glichkeit Produkte und Services anzubieten, die auf Kundenbed&uuml;rfnisse besser zugeschnitten sind. Allerdings f&uuml;hrt die Personalisierung von Dienstleistungen auch dazu, dass die Kundenansprache nicht mehr einheitlich ist. Die von Kunden nicht kontrollierbare Kategorisierung (z.B. mit Hilfe von Scoring-Verfahren) wird von vielen Datensch&uuml;tzern kritisiert.</p>
<p>Die Ansprache von Kunden durch Unternehmen beinhaltet jedoch noch eine weitere Herausforderung, denn UC Technologie f&uuml;hrt zu einer Multiplikation der potenziellen Informationskan&auml;le und Kommunikationsschnittstellen mit Kunden. Aus sozialer Sicht stellt sich die Frage, in welchem Ausma&szlig; und in welcher Form diese Informationskan&auml;le von Unternehmungen frei genutzt werden sollen und d&uuml;rfen. Wie soll man gesellschaftlich mit dem knappen Gut der menschlichen Aufmerksamkeit umgehen? Wie soll beispielsweise ein Kunde im &ouml;ffentlichen Raum zuk&uuml;nftig angesprochen werden (z.B. durch interaktive Werbeplakate)? Welche Gesch&auml;ftsmodelle sind ethisch akzeptable? Bis zu welchem Grad soll die Ansprache von Kunden automatisiert werden d&uuml;rfen?Erste politische Debatten zeigen schon heute, dass Unternehmen nicht mehr das Recht gegeben wird, Kunden ungefragt telefonisch zu kontaktieren.[3]Aber welche Schnittstellen sollten f&uuml;r das interaktive Marketing generell genutzt werden d&uuml;rfen? Und sollten Kunden umgekehrt das Recht auf eine &bdquo;Mindestansprache&rdquo; bei Unternehmen haben?</p>
<h5>II.2. Privat&shy;sph&auml;re und infor&shy;ma&shy;ti&shy;o&shy;nelle Selbst&shy;be&shy;stim&shy;mung im Internet der Dinge<br /></h5>
<p>Der Erhalt von Privatsph&auml;re (als Ziel des Datenschutzes) spielt nach Meinung von Soziologen, eine wichtige Rolle in der Gestaltung zwischenmenschlicher Interaktion, menschlicher Weiterentwicklung und im Erhalt von Demokratie. In Deutschland spie-gelt sich das Streben nach dem Erhalt von Privatsph&auml;re rechtlich im Begriff der &#8222;informationellen Selbstbestimmung&#8220; wieder, welches im Rahmen des Volksz&auml;hlungsurteils 1982 aus Art. 1 des deutschen Grundgesetzes zur Menschenw&uuml;rde abgeleitet wurde.</p>
<p>Soziologisch wird der Prozess, mit dem Menschen ihre Privatsph&auml;re sch&uuml;tzen oder aufgeben, als eine Art &bdquo;Grenzverwaltung&rdquo; verstanden: <i>&bdquo;Privacy is an interpersonal boundarycontrol process, which paces and regulates interaction with others </i>&#8222;, schreibt Erwin Altman, einer der Urv&auml;ter der Privacy-Forschung 1975. Diese Grenzkontrollmechanismen k&ouml;nnen unterschiedlicher Natur sein. So unterscheiden Bohn et al. (2004) im Hinblick auf das Ubiquitous Computing zwischen vier Mechanismen, denen sich der Mensch als Individuum und als Teil eines gesellschaftlichen Systems bedient, um seine Privatsph&auml;re zu erhalten:</p>
<ol>
<li>nat&uuml;rliche (physische) Abschottung</li>
<hr class="clearer-white"><!--
			List browsing box:
		--></ol>
<li>Vergessen</li>
<li>Verg&auml;nglichkeit</li>
<li>soziale Separierung von Information</li>
<p>Die physische Abschottung, wie etwas das Aufsuchen von einsamen Orten, scheint die am n&auml;chsten liegende Form des Schutzes der Privatsph&auml;re zu sein. Jedoch spielt auch das Vergessen und die Verg&auml;nglichkeit von Informationen zur eigenen Person eine Rolle. Wenn wir anderen etwas anvertrauen oder auch schon mal Dinge sagen, die wir nicht wirklich meinen, gehen wir davon aus, dass andere diese Dinge vergessen und uns nicht nachtragen. Wenn dem nicht so ist, und Information weiter getragen wird, f&uuml;hlen wir uns u.U, in unserer Privatsph&auml;re verletzt. Ebenso spekulieren wir auf Verg&auml;nglichkeit von Informationen. &Auml;u&szlig;erungen (oft sogar Handlungen!) in unserer Jugend wollen wir uns nicht &uuml;ber Jahrzehnte nachtragen lassen. Werden uns Dinge, wie z.B, die Zugeh&ouml;rigkeit zu einer radikalen Fu&szlig;ballfangruppe in unseren 20ern, auch nach Jahrzehnten noch vorgehalten oder sogar sanktioniert, f&uuml;hlen wir uns in unserer Privatsph&auml;re verletzt, da uns auf Basis der Vergangenheit etwas suggeriert wird, was wir mit uns in unserer Gegenwart nicht mehr verbinden. Und schlie&szlig;lich die soziale Separierung von Information: hier gehen wir davon aus, dass unser Handeln in einem sozialen Kontext nicht (f&auml;lschlicherweise) auf einen anderen Kontext &uuml;bertragen wird. Wenn jemand bei-spielsweise zu einer Prostituierten geht, erwartet er, dass diese Information im Bordellmilieu verbleibt und nicht seinen Arbeitgeber erreicht. Ebenso verh&auml;lt es sich mit Informationen zu Krankheiten oder ausgefallenen Hobbies, die einen in eine &sbquo;Schublade&#8216; schieben k&ouml;nnten, die man f&uuml;r sich selbst nicht anerkennt oder nicht kommunizieren m&ouml;chte.</p>
<p>Bohn et al. (2004) zeigen auf, wie diese vier Grenzmechanismen durch Ubiquitous Computing Technologien au&szlig;er Kraft gesetzt werden k&ouml;nnten. Durch Ortungstechnologien, Videokameras und generell eine Umgebung, die sich des Menschen &bdquo;bewusst&rdquo; ist und auf diesen reagiert, wird es immer schwieriger sein, sich physisch abzuschotten. Arbeiten von Boyle (2003) und Adams (2000) zu geteilten Multimedia-Umgebungen verdeutlichen dies: wenn Mitarbeiter von zu Hause arbeiten und dabei Videokameras einsetzen, die den Kollegen verraten, wo sie sind und was sie machen, ist eine Abschottung im heimischen Arbeitszimmer nicht mehr so einfach m&ouml;glich. Vor allem dann nicht, wenn Firmenrichtlinien eine aktive Kamera vorsehen. Ebenso ist es bei einem breiten Einsatz von Ortungstechnologie (wie GSM oder GPS) kaum noch m&ouml;glich, den eigenen Aufenthaltsort zu verbergen, wenn diese zum Zwecke des Flottenmanagements (im Unternehmen) oder Auffinden von Freunden und Kindern eingesetzt werden; insbesondere dann nicht, wenn Arbeitgeber, Freunde oder Eltern erwarten, dass man die eigene Position regelm&auml;&szlig;ig offen legt.</p>
<p>Vergessen und Verg&auml;nglichkeit sind Eigenschaften von Menschen, nicht aber von Datenverarbeitungssystemen. Ist es uns m&ouml;glich durch Ortungstechniken, RFID oder Sensoren, menschliche Bewegungsprofile, soziale Netze, Gesundheitszust&auml;nde, Fahr-verhalten etc. st&auml;ndig aufzuzeichnen (z.B. zum Zwecke der Erbringung bestimmter Dienstleistungen), dann liegt auch das l&auml;ngerfristige Speichern und Auswerten solcher Information nahe (sofern dies datenschutzrechtlich erlaubt ist). So ist z.B. offen, wie ein heute aktiver Fu&szlig;ballhooligan, der einmal in der Datenbank &bdquo;Gewaltt&auml;ter Sport&rdquo; gelandet ist, dort in den n&auml;chsten Jahrzehnten wieder gestrichen werden kann. Im Zweifels-fall wird er vielleicht auch als braver Familienvater in 20 Jahren noch auf die Teilnahme an Fu&szlig;ballspielen verzichten m&uuml;ssen.</p>
<p>Und schlie&szlig;lich soziale Separierung von Information: bei diesem Aspekt der Privatsph&auml;re steht die Verwendung von Information im richtigen Kontext im Mittelpunkt der Betrachtung. Ein Fax oder Ausdruck darf nur von dem gelesen werden, f&uuml;r den es bestimmt ist. Ein Einblick ins Telefonierverhalten nur von dem genommen werden, der die Rechnung stellt. H&auml;ufig kommt es jedoch auch heute schon zu einem unkontrollierten Kombinieren von Informationen &uuml;ber Kontexte und &bdquo;Berechtigte&rdquo; hinweg: sei es, dass der Kunde durch &Uuml;berlesen des &bdquo;Kleingedruckten&rdquo; in eine Vielzahl von Datenverarbeitungsprozessen eingewilligt hat oder dass die Verkn&uuml;pfung von Informationen grunds&auml;tzlich erlaubt ist. So k&ouml;nnen Daten zweckentfremdet werden. Wie eine zweck-entfremdete Weiternutzung von Daten im UC verhindert werden soll, wo gerade diese Dienste auf eine Vielzahl von Informationen angewiesen sind, ist v&ouml;llig ungekl&auml;rt.</p>
<p>Durch das Internet der Dinge wird es zu einer Potenzierung der Sammlung und Verarbeitung pers&ouml;nlicher Daten kommen. Die Frage, die sich nun stellt ist, ob diese Entwicklung von B&uuml;rgern als Bedrohung wahrgenommen wird, wie diese zu informationsintensiven Diensten stehen, in wie weit sie auf das Vorhandensein von &bdquo;sch&uuml;tzenden&rdquo;</p>
<p>Gesetzen vertrauen und unter welchen Bedingungen sie der Datenverarbeitung zustimmen. Da wir uns noch in einem evolutorischen Fr&uuml;hstadium bei der Entwicklung der digitalen Welt befinden, sind Antworten auf diese Fragen einem dauernden Wechsel unterworfen. Was heute noch als zutiefst private und intime Information gewertet wird, kann schon morgen als &bdquo;common knowledge&rdquo; angesehen werden. Millionen von Deutschen tummeln sich heute in sozialen Netzwerken, wo sie freiwillig h&ouml;chst genauen Einblick in ihr pers&ouml;nliches Profil geben, w&auml;hrend Anfang der 80er Jahre noch im Rahmen des Volksz&auml;hlungsurteils &uuml;ber die Preisgabe weniger Personenangaben gestritten wurde. Die Frage ist, ob man dar&uuml;ber urteilen darf, wer im Hinblick auf die digitale Welt von morgen &bdquo;weiser2 ist: die Erstreiter des deutschen Datenschutzes, die auch in einer Welt des Ubiquitous Computing die Prinzipien der Datensparsamkeit und Zweckbindung nicht aufgeben wollen. Oder die m&ouml;glicherweise &uuml;berliberalen Technikfreunde der Zukunft, wie Scott McNeal, die sich mit Aussagen wie <i>&bdquo;Privacy is dead, deal with it</i>.&rdquo; bekannt machen.</p>
<h5>II.3 Physische Selbst&shy;be&shy;stim&shy;mung im Ubiquitous Computing<br /></h5>
<p>Wie oben beschrieben gibt es neben der informationellen Selbstbestimmung im Internet der Dinge noch eine zweite und mindestens ebenso wichtige Herausforderung, n&auml;mlich die des Erhalts der physischen Selbstbestimmung des Menschen in intelligenten Umgebungen. Im Kern geht es dabei um die Kontrolle des Menschen &uuml;ber seine Objekte, wenn diese mit intelligenter Reaktionsf&auml;higkeit ausgestattet werden bzw. autonom und im Hintergrund Entscheidungen f&uuml;r ihre Besitzer treffen. Marc Weiser beschreibt die Problematik in seinem Leitartikel zum Ubiquitous Computing wie folgt (1991): &bdquo;<i>The [social] problem [associated with UC], while often couched in terms of pNivacy, is really one of control. &#8222;</i></p>
<p>Wenn Objekte intelligent werden und auf Menschen automatisch reagieren, gibt es einen schmalen Grad, auf dem der Nutzenvorteil eines Dienstes gegen ein Gef&uuml;hl des Kontrollverlustes bzw, realer Bevormundung abgewogen werden muss. Ein gutes Bei-spiel, was schon heute bekannt ist, sind Warnt&ouml;ne beim Nichtanschnallen im Auto: Mittels Sensoren stellt das Auto fest, dass der Fahrer nicht angeschnallt ist und zwingt die-sen daraufhin durch ein entsprechendes Warnsignal, den Schutzgurt &ndash; im eigenen Interesse! &ndash; anzulegen. Der Nutzenvorteil dieses UC-Dienstes liegt einerseits auf der Hand: die Anschnallpflicht des Fahrers wird technisch durchgesetzt und die Verletzungsgefahr desselben dadurch reduziert. Andererseits gibt es viele Menschen, die das Signal als negative Bevormundung empfinden und vielleicht sogar bewusst einen Wagen ohne diese Funktionalit&auml;t kaufen m&ouml;chten.</p>
<p>Durch die allgegenw&auml;rtige Verf&uuml;gbarkeit von Sensoren und RFID-Chips sowie entsprechender &bdquo;Intelligenz&rdquo; in den Produkten besteht in Zukunft die M&ouml;glichkeit, dass &auml;hnliche Funktionalit&auml;ten auf breiter Front entwickelt und in Produkte implementiert werden. Die M&ouml;glichkeiten der Technik k&ouml;nnen dazu genutzt werden, die Menschen darauf zu kontrollieren, ob und wie sie Regeln und Gesetze befolgen. Dies wirft insbesondere dann Probleme auf, wenn derjenige, der die Technik zu verantworten hat, unbestimmte und konkretisierungsbed&uuml;rftige Rechtsregeln einseitig in seinem Sinne auslegt und &uuml;ber die Ausrichtung des technischen Systems, den Betroffenen &bdquo;seine Auslegung&rdquo; aufzwingt. Dort, wo diese M&ouml;glichkeiten der Technik genutzt werden, um Gesetze zuzementieren, wird es zu einem Verlust von &bdquo;Grauzonen&rdquo; im Umgang mit gesetzlichen Vorschriften kommen.</p>
<p>Fraglich ist nat&uuml;rlich, welchen Erfolg Hersteller haben werden, die vergleichbare Funktionen in ihre Produkte einbauen. Sicherlich gibt es f&uuml;r Produkthersteller &ouml;konomische Anreize, den Gebrauch von und Umgang mit den von ihnen vertriebenen G&uuml;tern st&auml;rker zu kontrollieren. Ein Beispiel ist die Koppelung von Produkten an ihre Accessoires, wie etwa eine Bohrmaschine, die nur noch in Betrieb genommen werden kann, wenn der Heimwerker eine entsprechende Schutzbrille von demselben Hersteller tr&auml;gt[4], der CD-Spieler, der CDs nur noch abspielt, wenn diese ordentlich erworben wurden<br />(bzw. &uuml;ber einen entsprechenden Lizenzcode verf&uuml;gen), ein Auto, was nur noch an-springt, wenn der Fahrer nachweisen kann, dass er nicht getrunken hat[5], etc. In all diesen bereits existierenden Anwendungen wird dem Menschen die Kontrolle &uuml;ber seine Produkte entzogen, ein &bdquo;Technologiepaternalismus&rdquo; (Spiekermann und Pallas, 2005) k&ouml;nnte sich breit machen, der aus liberaler Sicht gesellschaftlich sicherlich nicht w&uuml;nschenswert ist, aus &ouml;konomischer Sicht jedoch sicherlich einigen Charme hat.</p>
<p>[1] <a href="http://www.computerwoche.de/subnet/t-systems/857815/" target="_blank" rel="noopener">http://www.computerwoche.de/subnet/t-systems/857815/</a> (30.07.2008).<br />[2] <a href="http://www.taucis.hu-berlin.de/" target="_blank" rel="noopener">www.taucis.hu-berlin.de</a>.<br />[3]httpa/www.heise.de/newsticker/Bundestag-fuer-mehr-Schutz-der-Verbraucher-vor-Telefonwerbung-/meldung/118827.<br />[4] Elektrisierende Idee&rdquo;, Technology Review &ndash; Das M.I,T Magazin fiir Innovation, Nr. 5, 2005, S. 30.<br />[5] Saab: Saab unveils Alcohol Lock-Out Concept to discourage drinking and driving, Saab South Africa, 2005. Online: httpalwww.saab.com/main/ZA/enlalcokey.shtml (27.04.2005).</p>
<p>Literatur</p>
<p>Adams, A. (2000): Multimedia information changes the whole privacy ballgame, Computers, Freedom and Privacy CFP, San Francisco, USA.<br />Altman, L(1975): The environment and social behavior: Privacy, personal space, territory, crowding, Monterey, California, Brooks/Cole.<br />Bohn, J. / Coroama, V. et al. (2004): Living in a World of Smart Everyday Objects &ndash; Social, Economic,<br />and Ethical Implications, Journal of Human and Ecological Risk Assessment 10(5).<br />Boyle, M. (2003): A Shared V&ouml;cabulary for Privacy, Fifth International Conference on Ubiquitous<br />Computing, Seattle, Washington.<br />Cas, J(2005): Privacy in Pervasive Computing Environments &#8211; A Contradiction in Terms?, IEEE Technology and Society 24(1), S. 24-33.<br />Parasuraman, A (2000): Technology Readiness Index (TRI) &#8211; A Multiple-Item Scale to Measure Readiness to Embrace New Technologies, Journal of Service Research 2(4), S. 307-320.<br />Spiekermann, S. / Pallas, F. (2005): Technology Paternalism &#8211; Wider Implications of RFID and Sensor<br />Networks, Poiesis &amp; Praxis &#8211; International Journal of Ethics of Science and Technology Assessment 4<br />Weiser, M. (1991): The Computer for the 21st Century, Scientific American, Issue 265, S. 94-104.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/184-vorgaenge/publikation/das-internet-der-dinge/">Das Internet der Dinge</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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