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	<title>Sebastian Braun Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Engagement im Sportverein  strukturelle Veränderungen in der pluralisierten Sport- und Bewegungskultur</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Aug 2018 21:40:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 223 (3/2018), S. 5-14 Der Beitrag pointiert ausgew&#228;hlte Thesen zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement im Sportverein vor dem Hintergrund des dynamischen Wandels der Sport- und Bewegungskultur in Deutschland. Einerseits bildet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband des verbandlich organisierten Vereinssports mit rund 27.5 Millionen Mitgliedschaften in mehr als 90.000 Sportvereinen die [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/engagement-im-sportverein-strukturelle-veraenderungen-in-der-pluralisierten-sport-und-bewegungskul-1/">Engagement im Sportverein  strukturelle Veränderungen in der pluralisierten Sport- und Bewegungskultur</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 223 (3/2018), S. 5-14</p>
<p><i>Der Beitrag pointiert ausgew&auml;hlte Thesen zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement im Sportverein vor dem Hintergrund des dynamischen Wandels der Sport- und Bewegungskultur in Deutschland. Einerseits bildet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachverband des verbandlich organisierten Vereinssports mit rund 27.5 Millionen Mitgliedschaften in mehr als 90.000 Sportvereinen die gr&ouml;&szlig;te Personenvereinigung in Deutschland. Andererseits wird die Idee vom Sportverein als einer solidargemeinschaftlich, ehrenamtlich und basisdemokratisch grundierten freiwilligen Vereinigung als Basis des Sportvereinswesens zunehmend problematisiert. W&auml;hrend im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse langfristige Mitgliedschaften, emotionale Vereinsbindungen und dauerhafte Engagementformate im lokalen Sportverein an individueller und gesellschaftlicher Relevanz verlieren, wird ein Wandel hin zu tempor&auml;ren, projektbezogenen und individuell passenden Engagements in variablen sozialen Kontexten postuliert. In dieser Perspektive kommt der Weiterentwicklung von Partizipationschancen, einer entsprechenden Informationspolitik und organisatorisch-institutioneller Flexibilit&auml;t hohe Bedeutung zu, will man Vereine f&uuml;r (neue) Mitglieder attraktiver machen und die bestehenden Mitglieder aktiv und kompetent beteiligen.</i></p>
<h2 class="auto-created">Einleitung</h2>
<p>Seit Gr&uuml;ndung des Deutschen Sportbundes (DSB) im Jahr 1950 und dann des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Jahr 2006 hat das verbandlich organisierte Sportvereinswesen eine bemerkenswerte Mitgliedschaftszunahme erlebt, die erst in den letzten Jahren in eine Phase der Stagnation &uuml;bergegangen ist. Dieser jahrzehntelange Boom hat die Dachorganisation der deutschen Turn- und Sportbewegung zur gr&ouml;&szlig;ten Personenvereinigung in Deutschland avancieren lassen. Aktuell werden rund 27,5 Mio. Mitgliedschaften in mehr als 91.000 Sportvereinen in Deutschland registriert (vgl. DOSB, 2018). Angesichts dieser Zahlen bildet der vereins- und verbandsorganisierte Sport einen relevanten Organisationsfaktor mit lebensweltlicher Einbettung in der Zivilgesellschaft in Deutschland: Bis hinein in die Ver&auml;stelungen lokaler Alltagswelten organisieren sich Individuen auf freiwilliger Basis in Vereinen und versuchen durch das Spenden von Geld, Sachleistungen, Zeit und Wissen ihre gemeinsamen sportbezogenen Interessen in die Praxis umzusetzen (vgl. u.a. Braun 2013).</p>
<p>Allerdings sind die Formen und Kontexte, in denen sich die individuellen Akteure im Feld des Sports freiwillig engagieren, in den letzten Jahrzehnten immer vielf&auml;ltiger geworden. So expandierte die Sport- und Bewegungskultur jenseits des verbandlich organisierten Vereinssports in den letzten Jahrzehnten so dynamisch, dass l&auml;ngst eine Vielfalt von Sportformen in loseren, spontaneren, flexibleren und kurzlebigeren Netzwerken, Projekten und Initiativen in Parks und W&auml;ldern oder auf &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen ebenso wie auch in Online-Formaten (z.B. e-Sport) ausge&uuml;bt werden. W&auml;hrend in diesen Kontexten das Selbstorganisationspotenzial der Bev&ouml;lkerung zu wachsen scheint, sind offenbar traditionelle Sportverb&auml;nde &ndash; trotz der Popularit&auml;t vieler Sportarten wie z.B. dem Fu&szlig;ballspiel &ndash; mit zunehmenden Problemen bei der Gewinnung und Bindung freiwillig und ehrenamtlich engagierter Mitglieder f&uuml;r die Vereinsarbeit konfrontiert (vgl. u.a. Braun 2017; Breuer 2017; Emrich et al. 2001; Thieme 2017).</p>
<p>Vor diesem Hintergrund versucht der folgende Beitrag ausgew&auml;hlte Thesen zum ehrenamtlichen und freiwilligen Engagement im Sportverein im Lichte einer sich dynamisch wandelnden Sport- und Bewegungskultur in Deutschland zu pointieren.</p>
<h2 class="auto-created">Engagement als Struk&shy;tur&shy;merkmal von Sport&shy;ver&shy;einen</h2>
<p>In seinen vergleichenden Analysen mit privatgewerblichen und staatlichen Organisationen hat Horch (1983, 1992) den analytischen Idealtypus der &#8222;<i>demokratischen ehrenamtlichen freiwilligen Vereinigung&#8220;</i> mit seinen idealtypischen Strukturbesonderheiten systematisch herausgearbeitet. Eine freiwillige Vereinigung wie z.B. ein Sportverein l&auml;sst sich demnach als ein frei gew&auml;hlter Zusammenschluss von nat&uuml;rlichen Personen charakterisieren, die im Rahmen einer formalen &ndash; d.h. geplanten, am Ziel der Vereinigung ausgerichteten und von bestimmten Personen unabh&auml;ngigen &ndash; Organisationsstruktur gemeinsam ihre sportbezogenen Ziele verfolgen.</p>
<p>Die mitgliedschaftliche Struktur bildet dabei ein zentrales Vereinsmerkmal, insofern als die Mitglieder als oberstes Entscheidungsorgan den Souver&auml;n repr&auml;sentieren, von dem Kompetenzdelegation und organisatorische Verfassungsentscheide ausgehen. Grundlage daf&uuml;r sind demokratische und partizipativ verfasste Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse, in denen die Mitglieder die Vereinsziele unabh&auml;ngig von externer Einflussnahme aushandeln und definieren. Diese Ziele werden durch die Verbindung verschiedener Formen der Mitgliederpartizipation in die soziale Praxis umgesetzt. Die Orientierung an bedarfswirtschaftlichen Zielen ist dabei das leitende Prinzip der Wirtschaftsform, d.h. Ziel der Produktion ist die Deckung eines spezifischen Bedarfs und nicht die Erwirtschaftung eines Ertrags (vgl. Braun 2003; Horch 1983, 1985, 1992; Nagel 2006; Thieme 2017).</p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser Strukturmerkmale l&auml;sst sich das ehrenamtliche und freiwillige Engagement von Mitgliedern als ein Bestandserhaltungsgebot von Sportvereinen verstehen: Durch das Spenden von Zeit und Wissen erstellen Mitglieder f&uuml;r Mitglieder Vereinsleistungen, so dass Sportvereine als <i>&#8222;Produzenten-Konsumenten-Gemeinschaften&#8220; </i>(Horch 1983) beschrieben werden k&ouml;nnen. Strob (1999) spricht in einem &auml;hnlichen Zusammenhang auch von &#8222;Wahl-Gemeinschaften&#8220;, deren Mitglieder sich freiwillig zusammenschlie&szlig;en, um sich in &#8222;Gemeinschaftsarbeit&#8220; f&uuml;r die Realisierung ihrer Interessen zu engagieren. Wenn &#8222;<i>nicht-&ouml;konomische Anreize im Vordergrund stehen, wird die Mitgliedschaft und Mitarbeit vom Individuum nicht als ein Tauschgesch&auml;ft erlebt. Wichtige Anreize freiwilliger Vereinigungen sind tauschtheoretisch nicht zu erfassen, wie z.B. die pers&ouml;nliche Befriedigung, die daraus erw&auml;chst, da&szlig; man einen Beitrag zur Erreichung eines hochbewerteten Ziels leistet&#8220;</i> (Horch 1985: 226). In diesem Sinne argumentiert auch Strob (1999), dass &#8222;<i>die Bereitschaft zur &Uuml;bernahme von Gemeinschaftsarbeiten als Kennzeichen daf&uuml;r zu werten ist, inwieweit ein einzelnes Individuum die jeweilige Gruppierung als Gemeinschaft ansieht&#8220;</i> (Strob 1999: 160).</p>
<p>Diese Mitglieder bezeichnet Strob (1999) als &#8222;Gemeinschaftskern&#8220;, f&uuml;r den ein freiwilliges Engagement &#8222;<i>zun&auml;chst wenig spektakul&auml;r ist, gilt die Gemeinschaftsarbeit in der Binnenperspektive h&auml;ufig als ein konstitutives Merkmal der Gemeinschaft, zumindest ein konstitutives Merkmal des Gemeinschaftskerns, und geh&ouml;rt in diesem Zusammenhang schlechterdings zum Gemeinschaftsalltag&#8220;</i> (Strob 1999: 243). Insbesondere die &#8222;<i>emotionale Qualit&auml;t einer Gemeinschaft als Ausdruck einer inneren Verbundenheit verdeutlicht, warum ein Individuum ohne eine unmittelbare Nutzenerwartung eine Gemeinschaftsarbeit aus&uuml;ben kann&#8220;</i> (Strob 1999: 144). Die Mitglieder dieses Gemeinschaftskerns kontrastiert Strob (1999: 160-161) mit den Mitgliedern in der &#8222;Gemeinschaftsperipherie&#8220;, die als &#8222;Trittbrettfahrer&#8220; vom freiwilligen Engagement des Gemeinschaftskerns zu profitieren suchten, die Vereinsziele bzw. deren Erreichung anders definierten oder &#8222;<i>die jeweilige Gruppierung nicht (mehr) als Gemeinschaft wahrnehmen&#8220;</i> (Strob 1999: 161).</p>
<p>Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann ist das freiwillige und ehrenamtliche Engagement von Mitgliedern mehr als ein unentgeltliches Engagement, um die Ziele eines Sportvereins in die soziale Praxis umzusetzen. Vielmehr kann ein solches Engagement die affektive Bindung der Mitglieder untereinander und an den Sportverein erzeugen, stabilisieren und f&ouml;rdern; und umgekehrt d&uuml;rfte diese emotionale Bindung wiederum die Bereitschaft st&uuml;tzen und anregen, sich freiwillig in dem und f&uuml;r den Sportverein zu engagieren. Diese beiden wechselseitig aufeinander bezogenen Prozesse d&uuml;rften wiederum dazu beitragen, die besondere Handlungslogik in Sportvereinen als Wahl-Gemeinschaften zu (re-)produzieren: den wechselseitigen, zielgerichteten Nutzen einerseits und insbesondere die emotionale, personale Bindung der Mitglieder andererseits, die nach Strob (1999) die freiwillige Begrenzung der individuellen Nutzenerwartung und den Handlungsmodus der &#8222;Gemeinschaftsarbeit&#8220; begr&uuml;ndet.</p>
<h2 class="auto-created">Moder&shy;ni&shy;sie&shy;rungs&shy;pro&shy;zesse im freiwil&shy;ligen und ehren&shy;amt&shy;li&shy;chen Engagement</h2>
<p>Die Beschreibung vom Sportverein als einer ehrenamtlich organisierten und basisdemokratisch grundierten freiwilligen Vereinigung wird allerdings seit langem in Frage gestellt. Zumindest gilt der &#8222;Vereinsmeier&#8220;, der nach landl&auml;ufiger Meinung in der eigenen Welt seines geselligen Sportvereins nach festgelegten Werten und Normen lebt, schon l&auml;ngst als Auslaufmodell. So res&uuml;mierte Lenk (1972) bereits in den fr&uuml;hen 1970er Jahren, dass noch bis in die 1950er Jahre hinein die Sportvereine ihre Mitglieder auf der Basis einer gemeinsamen &#8222;Idee&#8220; gesammelt h&auml;tten; Vereinsnamen (&#8222;Einheit&#8220;, &#8222;Concordia&#8220;, &#8222;Eintracht&#8220;), Vereinssymbole (Fahnen, Abzeichen), Bilder von der &#8222;Vereinsfamilie&#8220; oder das &#8222;br&uuml;derliche Du&#8220; h&auml;tten Sportvereinen den Charakter von &#8222;Lebensgemeinschaften&#8220; mit einer &#8222;<i>ganzheitlich bindenden &#8218;Lebensform'&#8220; verliehen </i>(Lenk 1972: 104). Hingegen werde schon seinerzeit der &#8222;<i>Verein (&#8230;) nicht mehr als ganzheitlich bindende &#8218;Lebensform&#8216; [&#8230;], als &#8218;wahre Lebensgemeinschaft&#8216; empfunden, sondern mehr als Zweckorganisation, die freiwillig benutzt wird, um private Freizeitbed&uuml;rfnisse zu erf&uuml;llen. Man dient keiner Idee mehr, besitzt kaum noch eine Ideologie, sondern steht dem Verein in einer &#8218;Benutzerhaltung&#8216; [&#8230;] gegen&uuml;ber&#8220;</i> (Lenk 1972: 104; dazu auch Baur/Braun 2001; Braun/Nagel 2005; Nagel 2006; Strob 1999; Thieme 2017; Zimmer 2007).</p>
<p>Wo jedoch geht es hin mit der &#8222;Solidargemeinschaft&#8220; Sportverein in Zeiten eines beschleunigten gesellschaftlichen Wandels, in der langfristige Mitgliedschaften ebenso wie dauerhafte Engagementformate im lokalen Sportverein an individueller und gesellschaftlicher Relevanz zu verlieren scheinen? Auch wenn entsprechende Thesen und Zukunftszenarien vielfach einen Sachverhalt &uuml;berbetonen und gegenl&auml;ufige Entwicklungen ausblenden, so erscheint das Bild vom &#8222;<i>Aussterben der Stammkunden&#8220;</i>, das Streeck (1999) schon vor mehreren Jahrzehnten als Zukunftsszenario f&uuml;r intermedi&auml;re Gro&szlig;organisationen und ihr lebensnahes Unterfutter in Gestalt der Vereine vor Ort entwarf, durchaus Plausibilit&auml;t beanspruchen zu k&ouml;nnen. Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann m&uuml;sste unter den Mitgliedern auch die Bereitschaft zu &#8222;Gemeinschaftsarbeit&#8220; (Strob 1999) im Sportverein zunehmend &#8222;br&uuml;chiger&#8220; geworden sein &ndash; sei es im Hinblick auf die &Uuml;bernahme formaler (Ehren-)&Auml;mter als Funktionstr&auml;gerin bzw. -tr&auml;ger (Vorstandsmitglied, Abteilungsleitung, &Uuml;bungs- und Gruppenleitung etc.), sei es auf informeller Ebene durch das regelm&auml;&szlig;ige Mithelfen und Zupacken im Verein oder der Sportgruppe (z.B. bei Wettk&auml;mpfen, Vereinsfesten). Auch wenn die Befundlage nicht eindeutig ist, so scheinen Studien dieses Bild insbesondere f&uuml;r die Bereitschaft zur &Uuml;bernahme l&auml;ngerfristig perspektivierter und sozial verpflichtender Vereinsfunktionen zu best&auml;tigen (vgl. z.B. Braun 2017; Breuer 2017; Simonson et al. 2017).</p>
<p>Als urs&auml;chlich daf&uuml;r werden vielfach gesellschaftliche Modernisierungsprozesse ins Feld gef&uuml;hrt, die auf unterschiedlichen Ebenen diskutiert werden. So wird z.B. auf der organisationalen Ebene der Sportverb&auml;nde und Sportvereine das zunehmende Spannungsverh&auml;ltnis zwischen &Ouml;konomie und Mission thematisiert und die These vertreten, dass sich diese traditionsreichen intermedi&auml;ren Organisationen immer weitreichender wandeln w&uuml;rden: n&auml;mlich von zivilgesellschaftlich verankerten, bedarfswirtschaftlich ausgerichteten Solidargemeinschaften mit dauerhaften Mitgliedschaften und einem belastbaren Ehrenamt zu betriebswirtschaftlich gef&uuml;hrten Dienstleistungsorganisationen auf einem bunten Sportanbietermarkt, auf dem Konsumenteninnen und Konsumenten themenbezogen bestimmte Leistungen als Ware ausw&auml;hlen und gem&auml;&szlig; individueller Kosten-Nutzen-Kalk&uuml;le einkaufen w&uuml;rden (vgl. im &Uuml;berblick Braun/Nagel 2005).</p>
<p>In diesem Sinne wird auf der individuellen Ebene argumentiert, dass eine Sportvereinsmitgliedschaft nur noch aufgrund rationaler Nutzenabw&auml;gungen aufrechterhalten werde; Mitglieder treten dann &#8222;<i>gewisserma&szlig;en als Kunden auf und nehmen konkrete Dienstleistungen des Vereins im Bereich der Sportaus&uuml;bung in Anspruch&#8220;</i>, wie Cachay (1988: 228) schon in den 1980er Jahren formulierte. In dieser Argumentationsrichtung stellt sich dann auch die pers&ouml;nliche Entscheidung f&uuml;r ein freiwilliges und ehrenamtliches Engagement im Sportverein als ein Abgleich von Leistungsbilanzen dar: Ob, wie, wo, wann und wie lange man sich engagiert, werde auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Kalkulation entschieden. Seine Zeit und sein Wissen stelle man so lange unentgeltlich zur Verf&uuml;gung, solange sich die individuellen Erwartungen und Anspr&uuml;che erf&uuml;llten und sich durch das eigene Engagement Vorteile erzielen lie&szlig;en, die bei nicht kooperativem Handeln unerreichbar blieben (vgl. z.B. Horch 1983, 1992). &#8222;<i>Der Business Talk hat l&auml;ngst Einzug gehalten in die Welt der Vereine, die eigentlich keine mehr sind&#8220;</i>, kritisiert Zimmer (2012: 286); denn &#8222;&#8218;<i>in&#8216; ist ein zeitlicher absehbarer und genau kalkulierbarer &#8218;Return on Social Investment'&#8220;</i> (Zimmer 2012: 286).</p>
<h2 class="auto-created">Struk&shy;tu&shy;reller Wandel im Engagement</h2>
<p>Vor diesem Hintergrund wird in der Engagementforschung ebenso wie in gesellschaftspolitischen Engagementdebatten seit einigen Jahrzehnten die These von einem &#8222;<i>Strukturwandel des Ehrenamts&#8220;</i> im Kontext des gesellschaftlichen Wertewandels herausgestellt (vgl. z.B. Beher et al. 2000; Braun 2001; Olk 1987). Diese These von einem Wandel vom &#8222;alten&#8220; zum &#8222;neuen Ehrenamt&#8220; l&auml;sst sich anhand folgender Merkmalstypisierungen veranschaulichen:&nbsp; Einerseits w&uuml;rden an die Stelle einer l&auml;nger- oder gar langfristigen Bindung an eine spezielle Tr&auml;gerorganisation wie z.B. einen bestimmten Sportverein tempor&auml;re und projektbezogene Engagements in variablen sozialen Kontexten und Formaten treten. Andererseits w&uuml;rde die milieugebundene und langfristige Vereinssozialisation durch biografische Passungen &uuml;berlagert werden, bei der Motiv, Anlass und Gelegenheitsstrukturen f&uuml;r ein Engagement zusammenpassen m&uuml;ssten. Drittens trete an die Stelle des selbstlosen Opfers f&uuml;r einen Verband bzw. Verein der Anspruch auf individuelle Selbstverwirklichung. Viertens w&uuml;rde die Vorstellung von der Unentgeltlichkeit eines Engagements immer weitreichender mit der Erwartung an eine materielle Gegenleistung in Form von Aufwandsentsch&auml;digungen oder Honorarzahlungen konfrontiert werden. Und schlie&szlig;lich trete an die Stelle der ehrenamtlichen Laient&auml;tigkeit die Erwartung an Professionalit&auml;t im eigenen Engagement verbunden mit ad&auml;quaten Qualifizierunsgsm&ouml;glichkeiten (vgl. Baur/Braun 2000; Braun 2017).</p>
<p>Versucht man diese Merkmalstypsierungen zusammenzufassen, dann kann man sagen, dass der Typus des neuen Ehrenamtlichen prim&auml;r nach dem pers&ouml;nlichen Nutzen, Wert und Sinn seines Engagements fragt, w&auml;hrend der alte Ehrenamtliche aus einer verinnerlichten Gewohnheit heraus agiert und seine Handlungen prim&auml;r an den spezifischen Strukturen und Bedarfen eines Sportvereins ausrichtet. Zwar sind die damit verbundenen vielschichtigen Annahmen &uuml;ber einen Strukturwandel des Ehrenamts im Sportverein im Speziellen und im Feld des Sports im Allgemeinen auf empirischer Ebene bislang nicht differenzierter belegt worden, da u.a. empirische Langzeitstudien fehlen, die diesen Wandel fassen k&ouml;nnten. Sollten diese Annahmen aber zumindest partiell die Realit&auml;t eines beschleunigten gesellschaftlichen Wandels abbilden, dann d&uuml;rfte das rational motivierte Handeln den Typus des neuen Ehrenamtlichen voraussetzungsvoller machen, um ihn f&uuml;r ein Engagement in den etablierten Strukturen des Sportvereinswesens zu gewinnen und ihn dauerhaft daran zu binden. <br />Folgt man dieser Argumentationsfigur, dann k&ouml;nnen gerade die traditionellen Verb&auml;nde mit ihrem lebensweltlich gebundenen Vereinswesen nicht mehr mit der gleichen Selbstverst&auml;ndlichkeit wie fr&uuml;her auf die fr&uuml;hzeitig sozialisierte und langj&auml;hrig eingespurte &#8222;Vereinskarriere&#8220; als Modus der Gewinnung und Bindung von ehrenamtlichem und freiwilligem Engagement vertrauen (vgl. z.B. Braun 2017). In Reaktion darauf scheinen sich immer mehr Verb&auml;nde und Vereine dazu gezwungen zu sehen, &#8222;<i>Leistungen an Nichtmitglieder im Einzelhandel abzugeben und um der Erhaltung ihrer Wettbewerbsf&auml;higkeit willen auf das Zustandekommen formalisierter unspezifischer Dauerbindungen (&#8218;Mitgliedschaft&#8216;) als Voraussetzung der Nutzung von Vereinsleistungen zu verzichten&#8220;</i> (Streeck 1999: 232). Zugleich lassen sich die weitaus weniger institutionalisierten Beteiligungs- und Engagementformate in anderen Sportsettings so interpretieren, dass sie gerade einen Reflex auf die geschw&auml;chte &#8222;<i>Moral- und Ideologief&auml;higkeit des vorhandenen Institutionensystems&#8220;</i> (Streeck 1999: 229) darstellen.</p>
<p>Diese Formate setzen n&auml;mlich an die Stelle affektiv aufgeladener Mitgliedschaften, die vielfach mit einer &#8222;<i>generalisierten und unspezifischen Loyalit&auml;tsverpflichtung&#8220;</i> (Streeck 1999: 229) gegen&uuml;ber organisierten Gemeinschaftsstrukturen einhergehen, &#8222;<i>institutionell ungebundene Moralsubstitute&#8220;</i> (Streeck 1999: 229) in eher spontaneren, tempor&auml;r inszenierten und wenig formalisierten Gruppen und Netzwerken einer sich ausdifferenzierenden Sportkultur. Zahlreiche Bewegungen im Feld des Sports, die ihre Mobilisierungskraft aus Netzwerken moderner Medienvielfalt zu ziehen scheinen (von Laufbewegungen &uuml;ber Trend-, Fitness- und Gesundheitssport bis hin zu onlinebasierten Strukturen wie e-Sport), kann man auch so interpretieren, dass quer durch die gesellschaftlichen Gro&szlig;gruppen die Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber organisierten intermedi&auml;ren Gro&szlig;verb&auml;nden im Feld des Sports abgenommen hat. Zugleich hat auch das Selbstorganisationspotenzial von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern an Effektivit&auml;t und Effizienz sowie an gesellschaftlichem Einfluss gewonnen, was sich auch im Feld des Sports dokumentiert.</p>
<h2 class="auto-created">Selbst&shy;or&shy;ga&shy;ni&shy;sa&shy;tion in Sport&shy;ver&shy;einen</h2>
<p>In diesem Sinne k&ouml;nnten die systematische Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung von Gelegenheitsstrukturen f&uuml;r Engagement und Partizipation zentrale Elemente darstellen, damit sich Mitglieder auch an der Selbstorganisation der Sportvereine aktiv und kompetent beteiligen (k&ouml;nnen). Voraussetzung f&uuml;r die Selbstorganisation in Vereinen ist n&auml;mlich nicht nur, dass die Mitglieder durch ihre Zeit- und Wissensspenden Vereinsleistungen erstellen. Sie m&uuml;ssen auch in Prozessen und Strukturen der demokratischen Willensbildung und Entscheidungsfindung &ndash; von Diskussionen in geselligen Interaktionen bis hin zu formalen Mitgliederversammlungen &ndash; ihre Interessen artikulieren, immer wieder aufs Neue abstimmen und in Vereinszielen vereinbaren k&ouml;nnen (Baur/Braun 2000; Braun 2003a; Horch 1985, 1992; Nagel 2006).</p>
<p>Diese These verweist u.a. auf die vielf&auml;ltigen Vorstellungen &uuml;ber Vereine als &#8222;<i>Schulen der Demokratie&#8220;</i>, die von Alexis de Tocquevilles vor rund 180 Jahren verfasstem Reisebericht &uuml;ber die Demokratie in Nordamerika (de Tocqueville 2001) &uuml;ber die sozialwissenschaftliche Forschung zur politischen Kultur moderner Gesellschaften (grundlegend Almond &amp; Verba 1963) bis hin zur Sozialkapital-Forschung (Putnam 2000) reichen. Mitgliedschaften und Engagement in Vereinen werden dabei mit der Figur der &#8222;kompetenten B&uuml;rgerin&#8220; bzw. des &#8222;kompetenten B&uuml;rgers&#8220; verbunden, die bzw. der &uuml;ber kognitive, prozedurale und habituelle Kompetenzen verf&uuml;gt (vgl. M&uuml;nkler 1997), um in einem demokratischen Gemeinwesen sinnhaft, verst&auml;ndig und erfolgreich handeln und insofern mit den &#8222;Zumutungen der Demokratie&#8220; (Buchstein 1996) umgehen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Argumentiert wird in diesem Kontext, dass in freiheitlich verfassten Gesellschaften ein &#8222;B&uuml;rgersinn&#8220; zum Tragen kommen m&uuml;sse, der sich im Engagement f&uuml;r allgemeine Aufgaben manifestiere, ein Engagement also, &#8222;<i>bei dem &ndash; nach den Vorgaben einer Theorie individuellen Nutzenkalk&uuml;ls formuliert &ndash; individueller Aufwand und individuell nutzbarer Ertrag in keinem &ouml;konomisch sinnvollen Verh&auml;ltnis stehen&#8220;</i> (M&uuml;nkler 2002: 30). In diesem Argumentationszusammenhang wurde in den letzten Jahrzehnten auch der Begriff der &#8222;B&uuml;rgertugend&#8220; wiederbelebt und mit dem Begriff der &#8222;freiwilligen Selbstverpflichtung&#8220; (M&uuml;nkler 2002: 34) in ein aktuelleres Gesellschaftsverst&auml;ndnis &uuml;bersetzt. Dieser Begriff macht bereits deutlich, dass es nicht nur um rechtliche Definitionen des B&uuml;rgerstatus geht, sondern auch um die Kompetenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, um den damit verbundenen Status ausf&uuml;llen zu k&ouml;nnen. Und zu diesen Kompetenzen werden Elemente wie politische Partizipationsf&auml;higkeit und Partizipationsbereitschaft, die Bereitschaft zu Solidarit&auml;t oder Gemeinwohlorientierung zur Mehrung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter gez&auml;hlt (vgl. dazu ausf&uuml;hrlich M&uuml;nkler 1997; Putnam 2000).</p>
<p>In diesem Diskussionszusammenhang kommt der Vielzahl von lebensweltlich eingebundenen Vereinen im Allgemeinen und Sportvereinen im Speziellen eine ma&szlig;gebliche Schnittstellen- bzw. Vermittlungsfunktion zwischen Individuum und Staat, privat und staatlich oder von Staat und Gesellschaft zu (vgl. dazu detailliert Schuppert 1997). Diese Vermittlungsfunktion hat Streeck (1999) als einen komplexen und institutionell zu leistenden Prozess beschrieben, der f&uuml;r das Zur&uuml;cklegen des langen Weges vom Individuum zur Gesellschaft von elementarer Bedeutung sei. Und hier kann man fragen, inwieweit dazu in Sportvereinen ad&auml;quate Voraussetzungen existieren; denn die Beteiligung an der Selbstorganisation der Sportvereine bedarf anspruchsvoller institutioneller und auch zielgruppenspezifischer Arrangements, die kontinuierlich dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen sind. Insoweit k&ouml;nnten die Weiterentwicklung von Partizipationschancen, einer entsprechenden Informationspolitik &uuml;ber Mitwirkungsm&ouml;glichkeiten und ad&auml;quater organisatorischer institutioneller Arrangements zentrale Elemente sein, damit sich Mitglieder an der Selbstorganisation der Sportvereine aktiv und kompetent beteiligen und um f&uuml;r (neue) Mitglieder attraktiv zu sein und zur Mitwirkung an der Selbstorganisationspraxis zu ermuntern. Solche Gelegenheitsstrukturen k&ouml;nnten auch &ndash; quasi als &#8222;Nebenprodukt&#8220; &ndash; das &#8222;Sozialkapital&#8220; der modernen Gesellschaft bef&ouml;rdern, wie es der Politikwissenschaftler Robert D. Putnam (2000) nennt.</p>
<p><b>SEBASTIAN BRAUN&nbsp;</b><i>&nbsp; 1971, Dr. phil. habil., Universit&auml;tsprofessor an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin, dort Leitung der Abteilung Sportsoziologie am Institut f&uuml;r Sportwissenschaft und dar&uuml;ber hinaus der Abteilung Integration, Sport und Fu&szlig;ball am Berliner Institut f&uuml;r empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Arbeitsgebiete: sportbezogene Forschung zu b&uuml;rgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft, Verb&auml;nden und Vereinen, Integration und Sozialkapital sowie gesellschaftlichem Engagement von Unternehmen. EMail: </i><a href="mailto:braun%40hu-berlin.de"><i>braun@hu-berlin.de</i></a><i>.</i></p>
<h2 class="auto-created">Literatur</h2>
<p><i>Almond, Gabriel A./Verba, Sidney</i> 1963: The Civic Culture: Political attitudes and democracy in five nations. Princeton, NJ: Princeton University Press.</p>
<p><i>Baur, J&uuml;rgen/Braun, Sebastian</i> 2000: Freiwilliges Engagement und Partizipation in ostdeutschen Sportvereinen. Empirische Befunde zum Institutionentransfer. K&ouml;ln: Sport und Buch Strau&szlig;.</p>
<p><i>Baur, J&uuml;rgen/Braun, Sebastian</i> 2001: Der vereinsorganisierte Sport in Ostdeutschland. K&ouml;ln: Sport und Buch Strau&szlig;.</p>
<p><i>Beher, Karin et al</i>. 2000: Strukturwandel des Ehrenamts. Gemeinwohlorientierung im Modernisierungsproze&szlig;. Weinheim: Juventa.</p>
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<p><i>Zimmer, Annette</i> 2007: Vereine &ndash; Zivilgesellschaft konkret. Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/223/publikation/engagement-im-sportverein-strukturelle-veraenderungen-in-der-pluralisierten-sport-und-bewegungskul-1/">Engagement im Sportverein  strukturelle Veränderungen in der pluralisierten Sport- und Bewegungskultur</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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