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	<title>Stefan Hemer Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Soziale Bewegung oder Generationskonflikt?</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Jun 2003 13:58:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ,1968` In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 32ff Kaum ein Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte ist mit einer solchen Überfülle an Interpretationsansätzen bedacht worden wie ,1968`. Liegt dies am großen Aufsehen, das die 68er-Protestaktionen erregten, oder an der Theorieverliebtheit jener Zeit und ihrer Akteure? Wie auch immer &#150; aus dem Getümmel [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/164-vorgaenge/publikation/soziale-bewegung-oder-generationskonflikt/">Soziale Bewegung oder Generationskonflikt?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Schlichtungsvorschlag im Deutungskampf um ,1968`</p>
<p>In: vorgänge 164 (Heft 4/2003), S. 32ff</p>
<p>Kaum ein Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte ist mit einer solchen Überfülle an Interpretationsansätzen bedacht worden wie ,1968`. Liegt dies am großen</p>
<p>Aufsehen, das die 68er-Protestaktionen erregten, oder an der Theorieverliebtheit jener Zeit und ihrer Akteure? Wie auch immer &#150; aus dem Getümmel der 35 Jahre</p>
<p>währenden Deutungskämpfe ragen gleichwohl zwei Positionen heraus: jene der Sozialbewegungsforschung und die an Karl Mannheim orientierte Generationstheorie.</p>
<p>Im vorliegenden Beitrag sollen diese beiden Ansätze zunächst skizziert werden. Es folgen Überlegungen zur Position der &#132;68er&#148; im Generationsgefüge ihrer</p>
<p>Zeit, bevor abschließend ein Synthesevorschlag er-läutert wird, demzufolge die 68er-Bewegung als generationelle Sozialbewegung begriffen werden kann.&#8216;</p>
<p>Der 68er-Protest als soziale Bewegung</p>
<p>Die Versuche, ,1968` mit der Methodik der Sozialbewegungsforschung zu erfassen, sind in der Geschichtswissenschaft erst in jüngerer Zeit auf Widerhall</p>
<p>gestoßen.2 Eigentlich ist dieser Ansatz jedoch so alt wie der Untersuchungsgegenstand, denn schon in der Selbstbezeichnung der Protestierer als ,Bewegung`</p>
<p>war ein solches konzeptionelles Verständnis angelegt. Insofern überrascht es nicht, dass bereits 1968 ein französischer Soziologe hinsichtlich der Mai-</p>
<p>Unruhen in seinem Land von der &#132;Geburt einer neuen sozialen Bewegung&#148; (Touraine 1968: 12) sprach und in diesem Sinne einen umfassen-den Deutungsvorschlag</p>
<p>entwarf.<br />Was ist nun genauer unter einer Sozialbewegung zu verstehen? Nach Joachim Raschke handelt es sich um einen &#132;mobilisierenden kollektiven Akteur, der mit einer</p>
<p>gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das</p>
<p>Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.&#148; (Raschke 1988: 77) Der Knackpunkt liegt dabei in der</p>
<p>Verknüpfung des Protests mit ,sozialem Wandel&#8216;, der &#132;Ursache und Funktion sozialer Bewegung&#148; (ebd.: 18). Mit Blick auf die 68er-Bewegung ist gegen eine</p>
<p>solche Zielzuschreibung angeführt<br />worden, dass von damaligen führenden Akteuren keineswegs nur gesellschaftliche Re-formen, sondern eine Revolution erstrebt wurde (Kraushaar 2000: 266f.).</p>
<p>Ferner könnte<br />man zu bedenken geben, dass typische Single-Purpose-Movements häufig ganz bewusst<br />keine grundlegenden Ziele formulieren, die über ihr konkretes Anliegen hinausgehen. Raschke nimmt jedoch mit einem weit gefassten Verständnis von ,sozialem</p>
<p>Wandel&#8216; der Kritik größtenteils den Wind aus den Segeln. Ihm zufolge können Aspekte wie Wertewandel oder der &#132;Wandel der Lebenspraxis&#148; ebenso zum</p>
<p>Sozialwandel gezählt werden wie staatlich angeregte Reformen, fernerhin Separation oder Revolution (Raschke 1988: 389).<br />Als Erweiterung des skizzierten Bewegungsbegriffs erscheint es im Rahmen einer historischen Anwendung sinnvoll, den Terminus ,soziale Bewegung&#8216; stärker in</p>
<p>das Begriffsfeld des ,kollektiven Handelns&#8216; einzubetten (Heinz/Schöber 1973: 9). Statt ein statisches Bewegungsmodell zu konstruieren, lässt sich so die</p>
<p>Bandbreite des Protesthandelns wie auf einer Skala anordnen und damit ein dynamisches Konzept entwickeln, das gerade mit Blick auf die vielfältigen Vorgänge</p>
<p>in den 1960er Jahren hilfreich ist: An-gefangen bei unkoordinierten kollektiven Handlungen (etwa spontanen Demonstrationen) über kollektive Episoden &#150; wozu</p>
<p>auch noch die &#132;Schwabinger Krawalle&#148; von 1962 zu rechnen wären (Hemler 2003) &#150; finden sich Ansätze zu sozialen Bewegungen in sich verstetigenden</p>
<p>Protestformen (oft noch ohne weiterreichende Zielsetzungen, wie etwa bei den studentischen Aktionen für Bildungsreformen seit Mitte der 60er Jahre),</p>
<p>schließlich die voll ausgebildeten Sozialbewegungen als Reformunternehmungen sowie die Separations- oder Revolutionsbewegung.<br />Das Sozialbewegungskonzept vermag auf diese Weise als relativ breit angelegtes Modell der Vielfalt der historischen Wirklichkeit durchaus gerecht zu werden.</p>
<p>Allerdings bedarf es einer flexiblen Anwendung, um unnötige Verengungen zu vermeiden, wie sie dem Bielefelder Kreis um Ingrid Gilcher-Holtey bei der</p>
<p>Übertragung des Ansatzes auf die 68er-Bewegung z.T. unterlaufen sind. Wie Detlef Siegfried (2003: 20) bemerkt hat, ist hier ist zum einen eine Überschätzung</p>
<p>der Prägekraft der &#132;kognitiven Konstitution&#148; (Gilcher-Holtey 1995: 44) festzustellen; zum anderen besteht die Gefahr einer zu starken Fixierung auf wenige,</p>
<p>als zentral angesehene Trägerorganisationen der Bewegung (vgl. z.B. Richter 1998). Für die Bundesrepublik droht die Thematik auf eine Art &#132;Ideengeschichte</p>
<p>des SDS unter besonderer Berücksichtigung der ,Antiautoritären&#148; zusammenzuschrumpfen. Erkenntnisse, wie meinungsführende Gruppen vor der Aktionsphase der</p>
<p>68er-Bewegung intern funktionierten, sind zwar durchaus von Interesse, aber die entscheidende Frage, warum sie nun, anders als zu früheren und späteren</p>
<p>Zeiten, auf eine derartige Resonanz stoßen konnten, wird so schwerlich zu beantworten sein. Die 68er-Bewegung war eben keineswegs nur der SDS, und ,1968`</p>
<p>erschöpfte sich nicht allein in der 68er-Bewegung.<br />Trotz dieser Kritik bleibt es sinnvoll, bei der Untersuchung der 68er-Bewegung auf das Instrumentarium der Sozialbewegungsforschung zurückzugreifen. In der</p>
<p>historischen Darstellung können auf diese Weise ausgearbeitete Kategorien verwendet wer-den, und es lassen sich zahlreiche Aspekte der Bewegung, insbesondere</p>
<p>das &#132;Funktionieren&#148; der Mobilisierung von Sympathisanten, besser verstehen. Allerdings scheint<br />dieser Ansatz nicht auszureichen, um ,1968` umfassend, einschließlich seiner vielfältigen, über die 68er-Bewegung hinaus verweisenden Wirkungsweisen, zu</p>
<p>erklären. Weiterhelfen kann hier eine Verknüpfung mit der Generationstheorie.</p>
<p>Karl Mannheims Generationsmodell</p>
<p>Hinsichtlich des &#132;Problems der Generationen&#148; empfiehlt sich immer noch der Rückgriff auf die gleichnamige Konzeptskizze, die Karl Mannheim 1928 als Aufsatz</p>
<p>publizierte (Mannheim 1964 [1928]). Von zentraler Bedeutung ist dort die Begriffsunterscheidung zwischen Generationslagerung, -zusammenhang und -einheit, aus</p>
<p>der sich ein &#132;Stufenmodell unterschiedlicher Intensitäten von Verbundenheit innerhalb einer Generation&#148; erschließt (Lucke 1998: 7).<br />Die generationelle Lagerung ist in Analogie zur Klassenlage gedacht, als &#132;bloße Präsenz in einer bestimmten historisch-sozialen Einheit&#148; (Mannheim 1964:</p>
<p>542). Damit ist mehr gemeint als die kohortenbezogene Zugehörigkeit zu einer biologischen Generation, denn es besteht bereits eine gemeinsame</p>
<p>gesellschaftlich-politische Ausgangssituation. Zur Herausbildung der zweiten und dritten Stufe seines Modells schreibt Mann-heim (ebd.: 544): &#132;Dieselbe</p>
<p>Jugend, die an derselben historisch-aktuellen Problematik orientiert ist, lebt in einem ,Generationszusammenhang`, diejenigen Gruppen, die innerhalb</p>
<p>desselben Generationszusammenhanges in jeweils verschiedener Weise diese Erlebnisse verarbeiten, bilden jeweils verschiedene ,Generationseinheiten` im Rahmen</p>
<p>desselben Generationszusammenhanges.&#148;<br />Bei der Frage nach dem Entstehungshintergrund einer Generation wird dem Tempo des sozialen Wandels ein erhebliches Gewicht zugemessen. Ein zweiter wichtiger</p>
<p>Entstehungsfaktor ist die &#132;Ergebnisschichtung&#148;: Für die Bewusstseinsformierung spielt eine entscheidende Rolle, &#132;welche Erlebnisse als ,erste Eindrücke&#8216;,</p>
<p>,Jugenderlebnisse` sich niederschlagen, und welche als zweite, dritte Schicht usw. hinzukommen&#148; (ebd.: 536). Nicht unumstritten ist ferner die Annahme</p>
<p>Mannheims, es komme hierbei vor allem auf die Ereigniswahrnehmung in der für das persönliche Weltbild präformierende Zeit zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr</p>
<p>an (ebd.: 538f.) &#150; mit Blick auf die Vorverlagerung der Pubertät und Verlängerung der Postadoleszenz ist eher von einer etwas größeren Zeitspanne auszugehen.</p>
<p>Die &#132;68er&#148; im Generationsgefüge ihrer Zeit</p>
<p>Angesichts der weitreichenden Wirkung der Protestbewegung der späten 1960er Jahre sollte die hier nun zu erörternde jahrgangsbezogene Ausdehnung der 68er-</p>
<p>Generation relativ breit angesetzt werden. Zwar dürfte die Zuordnung der Jahrgänge 1940-50 für den Großteil der Teilnehmer der Protestbewegung zutreffen</p>
<p>(Leggewie 1995: 90), so dass im engeren Sinne die &#132;68er&#148; mit dieser Altersklassifizierung bezeichnet werden<br />können. Soll allerdings der Generationszusammenhang jahrgangsmäßig vollständig er-fasst werden, sind darüber hinaus auch die bis zu fünf Jahre jüngeren und</p>
<p>älteren Kohorten noch zu berücksichtigen. Aus der Gruppe der ca. 1935-40 Geborenen kamen zwar nur wenige Bewegungsaktivisten, aber doch Sympathisanten des</p>
<p>außerstudentischen Bereichs, so z.B. Hochschulassistenten, jüngere Journalisten oder Lehrer. Für den jüngsten Teil der Protestgeneration, die Jahrgänge 1950</p>
<p>-55, wurden dann die Ereignisse um 1968 selbst zu einer prägenden Erfahrung, was sich zum einen in einer etwas zeitversetzt einsetzenden Schülerbewegung</p>
<p>niederschlug (Heider 1984) und zum anderen die Linksbewegung an den Hochschulen radikalisieren half.<br />Aufgrund der Möglichkeit, dass Generationen als &#132;komplizierte Gewebe gegenseitiger Abhängigkeit&#148; in Interaktion treten (Moses 2000: 263), erscheint es bei</p>
<p>der Anwendung des Generationsansatzes sinnvoll, nicht nur isoliert die &#132;68er&#148;, sondern das gesamte Generationsgefüge ihrer Zeit in den Blick zu nehmen.</p>
<p>Hinsichtlich der 1960er Jahre ist hierbei vor allem auf die globale Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten hin-zuweisen, die sich durch die</p>
<p>Aufeinanderfolge der krisenreichen Zwischenkriegsjahre, der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und dem Nachkriegsboom ergaben. Zwar sollten die &#132;68er&#148;</p>
<p>generationell &#8211; entgegen der Thesen von Heinz Bude3 &#8211; keineswegs als massenhaft traumatisierte &#132;Kriegskinder&#148; verstanden werden. Jedoch wurden die</p>
<p>vorgelagerten Generationen durch ihre Krisen- und Kriegseindrücke in den 1930er und 1940er Jahren dauerhaft geprägt und altersübergreifend miteinander</p>
<p>verbunden.<br />Die 68er-Generation war nun die erste Altersgruppe, die in keinem für generationelle Prägungen relevanten Lebensabschnitt Kriegs- und Krisenzeiten noch</p>
<p>miterleben musste. Die hieraus resultierende Unterschiedlichkeit der Erfahrungswelten zwischen &#132;68ern&#148; und den Älteren verstärkte sich dann noch weiter durch</p>
<p>den beschleunigten Modernisierungsprozess: Während der wachsende Wohlstand das bisherige &#132;Streben nach Sicherheit&#148; (Braun 1978) in den älteren Generationen</p>
<p>nur allmählich zu neutralisieren vermochte, konnte des Nachkriegsbooms für die damalige Jugend zu einer quasi voraussetzungslosen Grunderfahrung werden, die</p>
<p>zu weitreichenden neuen Wünschen zu berechtigen schien. Der von Eckert für Westdeutschland konstatierte, aber auch in anderen Industrieländern feststellbare</p>
<p>&#132;Bedürfniswandel&#148; (Eckert 1973: 27), der sich hierzulande messbar auch in einem Wertewandelsschub niederschlug (Klages 1992), betraf dabei in erhöhtem Maß</p>
<p>die jüngeren Altersgruppen. Erst vor diesem Hintergrund konnte es in den 1960er Jahren zu der &#132;enormen historischen Kluft&#148; (Hobsbawm 1995: 412) im</p>
<p>Generationsgefüge kommen, die eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung der 68er-Protestgeneration darstellte.<br />In Deutschland trug zur Verschärfung dieses geschichtlich bedingten Generationskonfliktes die NS-Belastung der Elterngenerationen bei. Konstituierend für die</p>
<p>hiesigen &#132;68er&#148; &#8211; wie auch für ihre Altersgenossen anderer Länder &#8211; war aber auch das konkurrierende Verhältnis zu den &#132;45ern&#148; (Moses 2000), Schelskys</p>
<p>&#132;skeptischer Generation&#148;. Unter den veränderten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erschien der Konsensliberalismus, der die ideelle Basis</p>
<p>für die Verwestlichungsbestrebungen der &#132;45er&#148; dargestellt hatte, den jungen Linksintellektuellen der 68er-Zeit nicht mehr modern, sondern wie ein Relikt des</p>
<p>Kalten Krieges (Poiger 2001: 259-63). Die Ideologiebezogenheit kann.so auch als bewusste Abgrenzung zum Pragmatismus der skeptischen &#132;Große-Brüder-</p>
<p>Generation&#148; (Husche 2003: 46) verstanden werden.<br />Generationsgeschichtlich wurde bisher auf Faktoren abgehoben, die im Sinne Mannheims für die Entstehung einer Generationslagerung bedeutsam sind. Die</p>
<p>Ausbildung eines Generationszusammenhangs ist dabei nach 1945 allein bei den &#132;68ern&#148; klar erkennbar, in den anderen Fällen &#150; einschließlich der &#132;45er&#148; &#150;</p>
<p>hingegen nur in schwachen, historisch weniger wirksamen Umrissen. Wie Helmut Fogt in seinen vertiefenden Überlegungen zu Mannheims Ideen festgestellt hat,</p>
<p>entstehen Generationszusammenhänge &#132;primär durch die kollektive Verarbeitung spezifischer Ereignisse&#148; (Fogt 1982: 104). Mit Blick auf den</p>
<p>Generationszusammenhang der &#132;68er&#148; sind hier zeitgeschichtliche Fakten zu nennen, die auch im Rahmen von anderen Erklärungsansätzen als &#132;Auslöser&#148; diskutiert</p>
<p>worden sind. Aufgrund seiner weltweiten Wirkung ist zuerst der Vietnamkrieg hervorzuheben, sodann im Bereich der Bundesrepublik besonders die Bildung der</p>
<p>Großen Koalition 1966. Ferner fallen hierunter Ereignisse, die in direktem Zusammenhang mit der 68er-Bewegung selbst stehen, wobei nicht selten die</p>
<p>fortschreitende generationelle Solidarisierung durch die staatlichen Reaktionsweisen angefacht wurde. Zu erwähnen wären hier die Osterunruhen 1968 in der</p>
<p>Bundesrepublik und natürlich besonders der Pariser &#132;Mai ,68&#148;, der weltweit die Hoffnungen der Protestierer beflügelte.</p>
<p>Die generationelle Sozialbewegung der 68er-Zeit: ein Synthesevorschlag</p>
<p>Wie könnte nun ein umfassender Erklärungsversuch für ,1968` konzipiert sein? Im Falle der altershomogenen, studentisch dominierten, global auftretenden</p>
<p>68er-Bewegung er-scheint die Mannheimsche Generationstheorie hierfür als Basis besonders geeignet (Fogt 1982: 135-160; Rabehl et al. 1986; Kimmel 1998: 127-</p>
<p>131; Fietze 2000). Wie Lothar Müller festgestellt hat, zeigt der Mannheimsche Ansatz &#132;Möglichkeiten auf, zu einer ins-gesamt mikro- und makrostrukturelle</p>
<p>Elemente zusammenfügenden Theorie zur Erklärung des Studentenprotests zu gelangen.&#148; (Müller 1992: 173) Entsprechend einer solchen Zielsetzung werden</p>
<p>abschließend Verknüpfungen des Generationsmodells mit an-deren Ansätzen zur Diskussion gestellt.<br />Besonders wichtig ist eine sinnvolle Verbindung mit der oben vorgestellten Theorie sozialer Bewegungen. Fogt und Kimmel schlugen hier vor, von einer</p>
<p>Generationseinheit als Träger der 68er-Bewegung auszugehen (Fogt 1982: 137; Kimmel 1998: 128). Durch eine solche Verknüpfung gelingt es, den Protest in</p>
<p>mehreren Punkten überzeugender zu erklären, als dies beim Sozialbewegungs- oder Generationsmodell für sich der Fall wäre: Die Verbindung zu den</p>
<p>Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit ist nun besser fundiert, da ja in beiden Ansätzen der soziale Wandel eine wichtige Bedeutung als Hintergrundursache</p>
<p>spielt &#150; zum einen bei der Ausprägung von Generationslagerungen, zum anderen bei der Entstehung sozialer Bewegungen. Eine sich schon seit den 1950er Jahren</p>
<p>bildende Generationslagerung könnte sich folglich für die 68er-Bewegung bereits in deren Anfangsphase begünstigend ausgewirkt haben. Das Aufkommen eines</p>
<p>Generationszusammenhangs in den mittleren 1960er Jahren erklärt die Dynamik der weiteren Bewegungsentwicklung, die eben durch den Generationsbildungsprozess</p>
<p>mit-bedingt war. Umgekehrt stärkte die sich konstituierende Sozialbewegung den Generationszusammenhang und lieferte die Plattform für die dominierende Generationseinheit. Die schrittweise Verschränkung von Bewegung und Generation erleichterte</p>
<p>so maßgeblich die Ausbildung kollektiver Identitäten. Werden die Entstehung der 68er-Bewegung und die Generationsbildung in diesem Sinne als zunächst</p>
<p>weitgehend parallel verlaufende, in zunehmendem Maße sich aber dann gegenseitig beeinflussende Entwicklungen gesehen, fällt es leichter, die Breitenwirkung</p>
<p>von ,1968` zu erklären: Sie kann &#150; über die Trägerorganisationen des Protests hinausgreifend &#150; innerhalb des neu entstandenen Generationszusammenhangs</p>
<p>verortet werden.<br />Als Akteur der 68er-Ereignisse kann folglich von einer generationellen Sozialbewegung gesprochen werden. Die Bezeichnung ,68er-Bewegung` ist somit in der</p>
<p>Bedeutung als ,Bewegung der 68er&#8216; angemessen, wobei nicht die gesamte Generation, sondern nur die &#132;protestbewegte&#148; Generationseinheit als Träger fungierte.</p>
<p>Da sich aber nach Mannheims Stufenmodell auch &#132;mehrere, polar sich bekämpfende Generationseinheiten&#148; innerhalb eines Generationszusammenhangs bilden können</p>
<p>(Mannheim 1964: 547), stellen APO-Aktivisten keineswegs die 68er-Generation dar, sofern man darunter einen Generationszusammenhang versteht. Dieser ist viel</p>
<p>weiter gespannt und umfasst neben SDS-Mitgliedern auch dem Protest bisweilen distanziert gegenüberstehende, aber dennoch durch die Ereignisse mitbeeinflusste</p>
<p>junge Sozialliberale in der SPD oder FDP und sogar die konservative Gegenbewegung. Sie alle bilden einen Zusammenhang, der von denselben Rahmenereignissen</p>
<p>geprägt worden ist; sie sind aber unterschiedliche Strömungen &#150; oder in der Mannheimschen Terminologie: Einheiten &#150; derselben 68er-Generation.<br />Anhand der obigen Überlegungen wird deutlich, dass sich das Generationsmodell für synthetisierende Theorieverbindungen besonders eignet, weil seine Erklärung</p>
<p>von Gruppenbildungsprozessen auf einer mittleren Ebene ansetzt und mit seiner relativen Offenheit genug Raum für die Integration anderer Erklärungsvorschläge</p>
<p>lässt. Da der Generations- und der Sozialbewegungsansatz von unterschiedlichen Richtungen an die 68er-Bewegung herangehen, bieten sie weniger konkurrierende</p>
<p>als überwiegend komplementäre Deutungen. Die von der Sozialbewegungstheorie erfassten konkreten Mobilisierungsvorgänge können so als funktionale Erklärungen</p>
<p>für die Entstehungsbedingungen der 68er-bewegten Generationseinheit begriffen werden. Auch andere Forschungsthesen zu Mobilisierungsprozessen, wie z.B.</p>
<p>Annahme einer hervorgehobenen Rolle der ,antiautoritären` &#132;Provokationselite&#148; bei der Entstehung der 68er-Generation (Rabehl et al. 1986: 35f.) oder die</p>
<p>Befunde zum liberalen Sozialisationshintergrund von Protestakteuren oder zur Totalität der studentischen Rolle (Allerbeck 1973: 221-232), sind als</p>
<p>Erklärungsbausteine aufzufassen, die den Prozess der Verfestigung des 68er-Generationszusammenhangs und die Entstehung der Protest-Generationseinheit genauer</p>
<p>verstehen lassen.<br />Überlegungen zur Modernisierung sowie zu anderen politisch-gesellschaftlichen Basistrends der Nachkriegszeit (Verwestlichung, wachsende Bedeutung von</p>
<p>Jugendkulturen, Wertewandel) tragen zur Erklärung der Entstehungsumstände der 68er-Generationslagerung bei. Modernisierungsschübe begünstigen als besondere</p>
<p>Temposteigerungen des sozialen Wandels die Entstehung einer Generationslagerung. Dabei kann mit Hilfe<br />des Konzepts der reflexiven Modernisierung (Ulrich Beck) die spezifische Situation des Entstehungs- und Wirkungszeitraums der 68er-Bewegung mit seinen</p>
<p>Ungleichzeitigkeiten im gesellschaftlichen Wandel charakterisiert werden. Die prekäre Umbruchsituation im spannungsreichen Modernisierungsgeschehen der</p>
<p>1960er Jahre war der Nährboden für die konfliktlose politisch-gesellschaftliche Ereigniskonstellation, die dann die Ausbildung des 68er-</p>
<p>Generationszusammenhangs förderte.<br />Die zeitgeschichtlichen Diskussionen über den Zäsurcharakter verschiedener Einzelereignisse hat für die Mannheimsche Generationstheorie insofern einen</p>
<p>besonderen Stellenwert, als den Ereignissen im Rahmen des Konzepts der Erlebnisschichtung eine wichtige Rolle für die Entstehung eines</p>
<p>Generationszusammenhangs zukommt. Der Bezug auf den gesellschaftlich-politischen Rahmen und die Ereignisse der Zeit ist dabei subjektiv gewendet:</p>
<p>Entscheidend für das Zustandekommen generationeller Prägungen sind weniger die &#132;objektiven&#148; Verhältnisse als deren Wahrnehmung durch die Altersgruppe einer</p>
<p>Generationslagerung. Das Synchronisationsmodell von Pierre Bourdieu ist dabei geeignet, nicht nur die Krisendynamisierung und &#150; wie von Gilcher-Holtey</p>
<p>hervorgehoben (Gilcher-Holtey 1995: 232f.) &#150; die bewegungsmobilisierende Wirkung zu erklären, sondern es ermöglicht ebenso ein besseres Verständnis der</p>
<p>generationsprägenden Kraft von einschneidenden Ereignissen (Bourdieu 1998: 254-303).<br />Die Sicht der 68er-Bewegung als generationelle Sozialbewegung in einer Zeit gesellschaftlich-politischer Umbrüche lässt schließlich auch verstehen, warum der</p>
<p>Protest einerseits &#132;global und miteinander verbunden&#148; und andererseits doch &#132;disparat&#148; und auf engere Kontexte bezogen erscheint (Fink et al. 1998: 20):</p>
<p>Während die Makrobedingungen der Nachkriegszeit, welche die 68er-Generationslagerung hervorbrachten, weltweit ähnlich gerichtet (Fietze 2000: 23f.) und in</p>
<p>der westlichen Hemisphäre sogar gleichartig waren, galt dies für die Umstände, die für die Bildung von Generationszusammenhängen und -einheiten maßgeblich</p>
<p>waren, nicht im gleichen Maße. Hier kam es, trotz international rezipierter Anstöße, zu länderspezifischen Ereigniskonstellationen und demzufolge auch bei</p>
<p>der 68er-Bewegung zu unterschiedlichen Entwicklungs- und Mobilisierungsverläufen. Aufgrund der starken Ausgangsprägung der Generationslagerung sowie der</p>
<p>wechselseitigen, medial begünstigten Beeinflussungen der Bewegungen drifteten die Entwicklungen jedoch nicht in völlig verschiedene Richtungen, sondern</p>
<p>behielten eine gewisse Ähnlichkeit. Generationstheoretisch betrachtet kann daher ,1968` trotz seiner erstaunlichen lokalen, regionalen und nationalen</p>
<p>Vielfalt durchaus als ein globales Phänomen angesehen werden.</p>
<p>1  Mit der ,sozialen Bewegung&#8216; war im 19. Jahrhundert zunächst die Arbeiterbewegung gemeint. In der Nachkriegszeit entstand dann ein von der ursprünglichen  </p>
<p> Trägerschaft abstrahierender Sozialbewegungsbegriff, der im folgenden Abschnitt erläutert wird. Synonym wird dabei von ,sozialen Bewegungen&#8216; oder  </p>
<p>,Sozialbewegungen` gesprochen.<br />2  Zu nennen ist hier vor allem die Bielefelder Arbeitsgruppe um Ingrid Gilcher-Holtey (vgl. Gilcher-Holtey 1995; Gilcher-Holtey 1998; Kurz 2001; Tolomelli  </p>
<p> 2001, Schmidtke 2003), auf deren Herangehensweise weiter unten noch eingegangen wird.<br />3  Bude sieht die 68er-Generation zum einen besonders durch die Bombennächte in den allerersten Lebensjahren unbewusst gezeichnet, zum anderen greift er auf </p>
<p>  die &#132;Kontroll-Loch&#8220;-These zurück<br />   (Preuss-Lausitz et al. 1983: 13 u. 21): In der unmittelbaren Nachkriegszeit seien viele Kinder, bedingt durch die Notsituation, fast ohne elterliche   </p>
<p>Kontrolle aufgewachsen. Die Rückkehr zur innerfamiliären Normalität der 1950er Jahre hätten sie als besonders schroffen Kontrast erfahren, was eine   </p>
<p>rebellische Vorprägung erzeugt habe (Bude 1995: 34ff. u. 53ff.). Solche Deutungen sind je-doch nicht vereinbar mit der Tatsache, dass die   </p>
<p>Studentenbewegung kein deutsches Spezifikum darstellt: Ebenfalls aufbegehrende Altersgenossen aus den USA wurden in ihrer Kindheit weder von      </p>
<p>Bombennachts-Traumata noch von &#132;Kontroll-Löchern&#148; vorgeprägt, und auch in Großbritannien oder Frankreich unterschieden sich die frühkindlichen Kriegs- und   </p>
<p>Nachkriegserfahrungen deutlich von denen in Deutschland. Natürlich ist es unstrittig, dass Kindheitserfahrungen Einfluss auf die   </p>
<p>Persönlichkeitsentwicklung nehmen, jedoch zeigt gerade das Beispiel der &#132;68er&#148;, dass derartige frühe Prägungen nur individuell und eben nicht kollektiv &#151;   </p>
<p>und damit auch nicht für die Konstituierung einer Generation &#151; von Bedeutung sind.</p>
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