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	<title>Stefan Wallaschek Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Self- Ownership und staatliche Räuber</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Dec 2012 15:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#220;ber Ayn Rand, eine libert&#228;re Vordenkerin der US-Republikaner aus: Vorg&#228;nge Nr. 200 ( Heft 4/2012), S.98-100 Nachdem Mitt Romney die US-Pr&#228;sidentschaftswahlen deutlicher verloren hat, als es die Umfragen im Vorfeld vermuten lie&#223;en, wird schon &#252;ber die n&#228;chsten Pr&#228;sidentschaftsherausforderer/innen 2016 in der Republikanischen Partei spekuliert. Dem 42-j&#228;hrigen Paul Ryan werden hierbei gute Chancen einger&#228;umt. Er vereint [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/self-ownership-und-staatliche-raeuber/">Self- Ownership und staatliche Räuber</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&Uuml;ber Ayn Rand, eine libert&auml;re Vordenkerin der US-Republikaner</p>
<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 200  ( Heft 4/2012), S.98-100</p>
<p>Nachdem Mitt Romney die US-Pr&auml;sidentschaftswahlen deutlicher verloren hat, als es die Umfragen im Vorfeld vermuten lie&szlig;en, wird schon &uuml;ber die n&auml;chsten Pr&auml;sidentschaftsherausforderer/innen 2016 in der Republikanischen Partei spekuliert. Dem 42-j&auml;hrigen Paul Ryan werden hierbei gute Chancen einger&auml;umt. Er vereint aus konservativer Perspektive nicht nur Haushalts- und Wirtschaftskompetenz, sondern bringt auch die von der rechtskonservativen Tea Party-Bewegung geforderte strenge Religiosit&auml;t und die Ablehnung von Schwangerschaftsabbr&uuml;chen und der Gleichstellung von Homosexuellen und Lesben mit. Im Zusammenhang mit Ryan taucht immer wieder der Name der Publizistin Ayn Rand (1905&#8211;1982) auf. Nach Ryans &Auml;u&szlig;erungen lieferte Rand ihm die philosophische Grundlage seiner Politik und seiner Moral. In den USA ist sie auch im 30. Jahr nach ihrem Tod h&ouml;chst popul&auml;r, ihre Romane erreichen weiterhin hohe Auflagen (Gillespie 2009) und 2011 erschien der erste Teil der dreiteiligen Verfilmung ihres opus magnums &#8222;Atlas Shrugged&#8221; in den US-Kinos. Obwohl Teil eins foppte, erschien vier Wochen vor den US-Wahlen der zweite Teil in den US-Kinos (Piper 2012)</p>
<p>Erstaunlicherweise ist sie im deutschsprachigen Raum fast unbekannt. Dabei wurde &#8222;Atlas shrugged&#8221;, ein etwa 1200 Seiten umfassender zweiteiliger Roman von 1957, schon zwei Jahre nach Erscheinen mit dem etwas sperrigen Titel &#8222;Atlas wirft die Welt ab&#8221; ins Deutsche &uuml;bersetzt.[l] Dies blieb jedoch die einzige &Uuml;bersetzung ihrer Schriften. Die Nicht-Wahrnehmung von Ayn Rand k&ouml;nnte an zwei Umst&auml;nden liegen. Erstens wird sie h&auml;ufig dem Libertarismus zugeordnet, der in Deutschland kaum Anh&auml;nger/innen und keine eigene philosophische und ideengeschichtliche Tradition hat. In den USA erreichte die Libert&auml;re Partei um ihren Spitzenkandidaten Gary Johnson hingegen rund ein Prozent der wahlberechtigten Bev&ouml;lkerung, womit die Partei ihr bestes Ergebnis seit Bestehen feiern konnte. Zweitens war Rand keine ausgewiesene Wissenschaftlerin, womit ihr der Zugang zur scientific community erschwert war. Eine eingehende Betrachtung ihres Romans lohnt sich aber, da in ihm Positionen vermittelt werden, die f&uuml;r das heutige Verst&auml;ndnis der US-Gesellschaft von Relevanz sind. Deshalb werde ich mich im Folgenden auf Rands Staatskritik beziehen und ihre moralische Verteidigung des Kapitalismus und ihre Verurteilung staatlicher Wohlfahrtsma&szlig;nahmen analysieren. Meine These ist, dass, folgt man den theoretischen &Uuml;berlegungen Rands, staatliche Wirtschaftsregulierung zwar abgebaut, aber die staatliche Ordnungs- und Sicherheitsfunktion ausgebaut wird. An zwei Entwicklungen in den USA l&auml;sst sich dies schlaglichtartig aufzeigen.</p>
<h5>Liber&shy;ta&shy;rismus &auml; la USA</h5>
<p>Im europ&auml;ischen Raum wird eine libert&auml;re Auffassung eher mit einer anarchistischen Perspektive verbunden. Beide Theorien teilen zwar die Staatskritik, doch w&auml;hrend anarchistische Theoretiker/innen den Staat abschaffen wollen (und mit ihm den Kapitalismus), brauchen US-Libert&auml;re den Staat. Dieser soll auf nur zwei Funktionen beschr&auml;nkt sein. Erstens soll er die &ouml;ffentliche Ordnung und die staatlichen Au&szlig;engrenzen sichern. Zweitens soll er f&uuml;r die minimale Bereitstellung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter und umweltschutzrechtliche Ma&szlig;nahmen sorgen. Allerdings immer unter der Pr&auml;misse, dass der Markt und der Wettbewerb nicht eingeschr&auml;nkt werden. Als Ausgangspunkt dient dem Libertarismus, wie in allen liberalen Theorien, das Individuum, dessen Verwirklichung der eigenen Freiheit sowie der Schutz des pers&ouml;nlichen Eigentums. Diese naturrechtliche Vorstellung von egalit&auml;ren Individuen, die sich von Natur aus Eigentum aneignen k&ouml;nnen &#8211; John Locke kann hier als Vordenker gelten &#8211; ist ebenso konstitutiv wie die damit verbundene Abwesenheit von Zwang. Keine Person und keine andere Macht d&uuml;rfen einen Menschen gegen seinen Willen unterwerfen und ihm Gewalt aussetzen, weil sonst die Freiheit bedroht w&auml;re. Locke (2008: 19) spricht hier von der Abwesenheit &#8222;absoluter und willk&uuml;rlicher Gewalt.&#8221; Der Gewaltbegriff ist ein sehr umfassender, weil er sowohl die direkt ausge&uuml;bte Gewalt, sprich physische und psychische Strafen, als auch die blo&szlig;e, aber glaubw&uuml;rdige Androhung von Gewalt beinhaltet. So zeigt z. B. Craig Malcolm Duncan (2011: 1443) auf, dass die Besteuerung im Libertarismus &#8222;as a form of statesponsored theft&#8221; gesehen wird, sobald sie nicht f&uuml;r Mittel ausgegeben wird, die dem Schutz und der Sicherheit der Individuen dient.</p>
<p>Freiheit ist das einzige und wichtigste normative Konzept, weil sich aus diesem auch der Bezug auf das Eigentum ergibt. Im Englischen findet sich daf&uuml;r der Begriff der &#8222;self-ownership&#8221; der mit der deutschen &Uuml;bersetzung in &#8222;Selbsteigentum&#8221; nur ungen&uuml;gend &uuml;bersetzt ist. Es geht vielmehr um die radikale Abgrenzung des Individuums vom Kollektiv und die absolute Selbstbestimmung &uuml;ber sich selbst; man ist sich selbst Eigentum und kann mit sich machen, was man will. Dabei geht es wie Daniel Attas (2010: 812) hervorhebt, auch um &#8222;fulfilling the potential of their mental capacities&#8221;. Oder anders ausgedr&uuml;ckt: Nur wenn die Menschen frei sind, k&ouml;nnen sie frei denken. Die Vorstellung eines Marktes, auf dem jedes Individuum von Natur aus egalit&auml;r sei und egalit&auml;r behandelt wird, bildet den Gegensatz zum Staat.</p>
<p>Die Geschichte der USA macht dies noch deutlicher. Das britische Empire versuchte die Kolonialverwaltung fortw&auml;hrend zu beeinflussen und die entstehende Wirtschaft der nordamerikanischen Kolonien durch immer neue Steuern auszubeuten. In der Folge wurden staatliche Eingriffe als freiheitsbegrenzend angesehen. Das politische System der USA weist mit der Gewaltenverschr&auml;nkung, den checks and balance, eine staatskritische Position auf, nach der keine staatliche Institution zu m&auml;chtig werden darf. Die ber&uuml;hmten Federalist Papers spiegeln die Debatte sehr deutlich wieder (Hamilton et al. 1993). Zudem soll der Staat soweit wie m&ouml;glich aus der Privatsph&auml;re und der &Ouml;konomie heraus gehalten werden. Mit dem &#8222;pursuit of happiness&#8221; deklariert die US-Verfassung zugleich, dass jeder Mensch nach seinem eigenen Gl&uuml;ck streben soll. Das Streben der Einzelnen nach Gl&uuml;ck wird so zu einer verfassungsrechtlichen Garantie in den USA. In der Zeit des New Deal unter dem US-Pr&auml;sidenten Franklin Roosevelt und dem Auf kommen des Keynesianismus &auml;nderte sich dies. Durch ein staatliches Investitions- und Strukturprogramm und eine Heraufsetzung der Steuers&auml;tze wurde die Wirtschaftskrise nach 1929 &uuml;berwunden und ein Teil der Kriegskosten im Zweiten Weltkrieg bezahlt (Deppe 2003: 102-118; 135-155). Das Aufkommen des Libertarismus in den 1960ern k&ouml;nnte man also als Folge dieses massiven Eingriffs der US-Politik in die Wirtschaft sehen.</p>
<h5>Atlas! Welcher Atlas?</h5>
<p>Ayn Rand bezeichnete sich selbst lieber als Objektivistin statt als Libert&auml;re, die sie selbst als &#8222;hippies of the right&#8221; bezeichnet haben soll. Doch mit ihren philosophischen &Uuml;berzeugungen kann sie dennoch dem US-Libertarismus zugerechnet werden. Objektiv bedeutet f&uuml;r Rand, wie Tibor Machan (1994: 58-62) deutlich zeigt, dass jeder die Realit&auml;t erfassen und vollst&auml;ndig wahrnehmen kann. Da sie voraussetze, dass die Welt objektiv zug&auml;nglich sei, unterstelle sie auch allen Menschen, dass f&uuml;r sie das Wissen &uuml;ber die Welt rational zug&auml;nglich sei. Qua ihres Verstandes und Denkens k&ouml;nnten die Menschen objektiv und rational handeln. Ihr Eigeninteresse sei dabei ein Locke&#8217;sches, n&auml;mlich das nat&uuml;rliche Interesse an der Selbstbestimmung des eigenen Lebens, der (Wahl-)Freiheit und des Eigentums. Wahlfreiheit kann entweder allgemein als Wahl zwischen Leben und Sterben gesehen werden. Oder spezifischer betrachtet als Freiheit, sich f&uuml;r X oder Y entscheiden zu k&ouml;nnen, solange wie man die Freiheit der/s Anderen nicht verletzt. Wer nach Rand rational denkt, handele auch moralisch richtig und da sie die Erf&uuml;llung von Freiheitsrechten als elementar ansehe, ginge es grunds&auml;tzlich um frei oder nicht frei sein.</p>
<p>Der Titel &#8222;Atlas wirft die Welt ab&#8221; erkl&auml;rt die Bedeutung von &Ouml;konomie und Realit&auml;t. Atlas, die griechische Mythengestalt, der die Welt auf seinen Schultern tr&auml;gt, kann als Masse von Menschen gesehen werden, die die Welt am Funktionieren h&auml;lt. Dabei hat Rand stets Menschen in einer kapitalistischen &Ouml;konomie vor Augen, die durch die staatlichen Regulierungsma&szlig;nahmen gestraft werden und sich trotzdem an der &#8222;sch&ouml;pferischen Zerst&ouml;rung&#8221; (Schumpeter) der Welt beteiligen; Atlas ist verletzt, &#8222;seine Knie knicken ein, seine Arme zittern&#8221; (Rand 1959a: 461). W&uuml;rden demnach alle aus Rands Sicht moralisch handelnden Menschen der Welt den R&uuml;cken kehren, also die Welt abwerfen, w&uuml;rde sie zusammenbrechen. Diese Lage der Welt dient Rand als Dystopie f&uuml;r ihre eigenen Vorstellungen &uuml;ber die gesellschaftliche Organisation der Menschen.</p>
<h5>R&auml;ube&shy;ri&shy;sches Handeln des Staates</h5>
<p>Der Staat wird generell als &#8222;R&auml;uber&#8221; bezeichnet und mit einer &#8222;Horde schmieriger Politiker&#8221; (Rand 1959a: 79) gleichgesetzt. Den politischen Entscheidungstr&auml;ger/innen[2] wird die stete Suche nach M&ouml;glichkeiten der Verstaatlichung der Wirtschaft unterstellt. Damit wird dem Staat als Ganzes und den Politiker/innen eine Irrationalit&auml;t eingeschrieben. Die &Ouml;konomie lebe stets in der Gefahr, dass die bestehende Freiheit beschnitten und ihr erwirtschafteter Profit verstaatlicht wird. Die Aufgabe der Lobbyist/innen sei es, die Wirtschaft vor dem Staat zu sch&uuml;tzen und Gesetzesvorlagen so zu beeinflussen, dass sie m&ouml;glichst nicht oder nur in geringem Ma&szlig;e Auswirkungen auf die &Ouml;konomie haben k&ouml;nnen (Rand 1959a: 46). Die Macht der Politik und der politischen Verb&auml;nde wird als perse schlecht dargestellt, deren einziges Ziele seien restriktive Gesetze, Verbotsbekundungen und Forderungen gegen&uuml;ber der Wirtschaft (Rand 1959a: 302&#8211;305). Bei Rand fungiert die staatlich regulierte, nur auf Wohlfahrt ausgerichtete sozialistisch-totalit&auml;re Politik als Dystopie. Im Roman stellen die politischen Entscheidungstr&auml;ger/innen gar &Uuml;berlegungen an, wie durch Gewalt und &Uuml;berwachung die Menschen da-zu gezwungen werden k&ouml;nnen, &#8222;f&uuml;r das &ouml;ffentliche Wohl ein[zu]treten&#8221; (Rand 1959b: 409).</p>
<p>Dieses Bild von Politik und staatlichem Handeln wird von Rand genutzt, um Gegenma&szlig;nahmen aufzuzeigen. Sprich, ihre grundlegende Idee ist das Primat der &Ouml;konomie &uuml;ber die Politik in allen bis auf zwei Bereichen. Zum einen in der Judikative. Die Gerichte sollen Recht sprechen, Rechtssicherheit gew&auml;hren und v. a, das Recht auf Privateigentum sch&uuml;tzen. Zum anderen hat der Staat die Aufgabe, f&uuml;r Sicherheit zu sorgen: &#8222;Der einzige wahre Zweck einer Regierung ist, die Rechte des Menschen zu sch&uuml;tzen, was bedeutet: ihn vor physischer Gewalt zu sch&uuml;tzen [Hervorhebungen durch S. W.]&#8221; (Rand 1959b: 385). Dieser Satz stammt von John Galt, der neben Dagny Taggart im Roman wichtig ist und als Anf&uuml;hrer der freien Unternehmer/innen agiert, die sich gegen die staatliche Politik wenden. Auff&auml;llig ist, dass ein Unternehmer die wirkliche Aufgabe der Regierung definiert. Alle weiteren Kompetenzen und Befugnisse seien demnach &uuml;berfl&uuml;ssig. Rand nimmt hier die Vorstellung libert&auml;rer Ans&auml;tze &uuml;ber den &#8222;ultraminimal state&#8221; (Attas 2010: 818) auf, der keine &ouml;konomische Expertise hat und nur die Kernaufgabe des Gewaltmonopols nach innen und au&szlig;en aus&uuml;ben soll. Zudem wird durch die Betonung &#8222;des Menschen&#8221; statt &#8222;der Menschen&#8221; nur auf das Individuum verwiesen, welches gesch&uuml;tzt werden und seinen Rechtsanspruch gew&auml;hrt bekommen muss.</p>
<p>In der Romanfigur Ragnar Danneskj&ouml;ld, welcher als Seer&auml;uber von der Regierung verfolgt wird, verdichtet sich Rands Staatskritik. Dieser ist ebenfalls auf der Seite der freien Unternehmer/innen. W&auml;hrend Robin Hood den Reichen nimmt und den Armen gibt, beraubt Ragnar den Staat und gibt den Reichen, weil er sich &#8222;nie an Privateigentum [vergreifen] [w&uuml;rde]&#8221;. Genauso w&uuml;rde er auch &#8222;nie ein Kriegsschiff [kapern] &#8211; weil eine Kriegsflotte die B&uuml;rger, die sie bezahlt haben, vor der Gewalt sch&uuml;tzen soll&#8221; (Rand 1959a: 587). Den Armen w&uuml;rde schlie&szlig;lich nur gegeben werden, weil sie arm seien und dies sei keine Leistung. Vielmehr w&uuml;rde er Produkte aus verstaatlichten Unternehmen oder unrechtm&auml;&szlig;igen Steuereinnahmen kapern, weil der Staat den wirtschaftlichen Erfolg besteuert, ohne dass dieser an dieser Leistung einen gerechtfertigten Anteil h&auml;tte. Zudem hat er es sich zum Ziel gemacht, das geraubte Verm&ouml;gen den Unternehmen zur&uuml;ckzugeben. Damit f&uuml;hrt er wohlfahrtsstaatliche Umverteilungsma&szlig;nahmen ad absurdum, weil er sie selbst als Raub und unmoralisch deklariert. In der libert&auml;ren Auffassung Rands gr&uuml;ndet sich das politische System nur auf einem moralischen Prinzip. &#8222;[Klein Mensch darf von einem andern irgendeinen Wert durch Anwendung physischer Gewalt erlangen. Jeder Mensch wird stehen und fallen, leben oder sterben nach dem Ma&szlig;stab seines denkenden Verstandes. Wenn er ihn nicht nutzt und f&auml;llt, wird er sein einziges Opfer sein. [&#8230;] Wenn er bereit ist, seine Irrt&uuml;mer beizeiten zu korrigieren, wird ihm das Beispiel seiner &uuml;berlegenen Mitmenschen Gelegenheit geben, produktiveres Denken zu erlernen&#8221; (Rand 1959b: 391). Dies geht soweit, dass John Galt von der Regierung fest-genommen wird und im Gespr&auml;ch mit dem US-Pr&auml;sidenten dessen Legitimit&auml;t &#8222;im Namen des Volkes&#8221; zu sprechen, anzweifelt (Rand 1959b: 422). Eine Person, die f&uuml;r Rand moralisch richtig handelt, kann nicht f&uuml;r andere sprechen, weil sie nur an sich selbst denkt. Galt stellt als Teil der &Ouml;konomie das politische System an sich in Frage, weil es sich weder auf die Input-Legitimation noch auf den Souver&auml;nit&auml;tsgedanken st&uuml;tzen kann. Man k&ouml;nnte auch sagen: Die &Ouml;konomie besitze die Output-Legitimit&auml;t, weil die Akteure in ihr egoistisch handeln und durch den bei den Menschen verankerten Egoismus w&uuml;rden letztendlich alle profitieren. Sie k&ouml;nnten damit der Politik Gesetze diktieren, was schlie&szlig;lich in Rands Utopie geschieht. Weder ein Gremium schreibt die neue Verfassung der USA noch wird &uuml;ber diese demokratisch abgestimmt. In den Verfassungsrang wird durch einen libert&auml;ren Richter nur erhoben: &#8222;&#8217;Der Kongre&szlig; soll kein Gesetz erlassen, das die Freiheit der Produktion und des Handels beschr&auml;nkt&#8221; (Rand 1959b: 492).</p>
<p>Aus diesen &Uuml;berlegungen Rands ergibt sich folgender Schluss: Jedes staatliche Ein-greifen &uuml;ber die Ordnungs- und Sicherheitsfunktion hinaus ist moralisch falsch. Auf Subjektebene w&auml;re das Primat der &Ouml;konomie &uuml;ber die Politik die Betonung des bourgeois gegen&uuml;ber dem citoyen. Rand spricht in ihrem Roman nicht von der politischen Entscheidungsmacht der Legislative, von Parlamentarier/innen oder politischen Institutionen auf US-Bundesstaatenebene. Sie werden alle unter ihrer Vorstellung von Politik subsumiert.</p>
<h5>Handle als Individuum!</h5>
<p>Die Individuen werden als &ouml;konomische Subjekte konstituiert. Das Subjekt entwickelt eine neue Idee, ein neues Produkt und als Vorstandsvorsitzende/r oder Pr&auml;sident/in einer Firma ist es ihr/sein Unternehmen. Es ist die absolute Vereinnahmung &ouml;konomischen Erfolgs durch die/den Einzelne/n. Es ist die Figur des H&auml;ndlers, der sich selbst als Ware auf dem freien Markt feil bietet (Rand 1959b; 341). Das Tauschprinzip gibt dabei die Form vor: Subjekt X kann etwas anbieten, was Subjekt Y braucht und vice versa. Dies setzt voraus, dass sie etwas anzubieten haben. Das hie&szlig;e, wer nichts bieten k&ouml;nnte, k&ouml;nnte auch nicht am Marktgeschehen teilnehmen, da Libert&auml;re jede nicht leistungsbezogene und altruistische Unterst&uuml;tzung ablehnen. Will Kymlicka (1997: 101) spitzt das soweit zu, dass Libert&auml;re geistig und/oder k&ouml;rperlich beeintr&auml;chtige Menschen sterben lassen w&uuml;rden, weil sie m&ouml;glicherweise nichts anbieten k&ouml;nnten und auf weitere Hilfe angewiesen w&auml;ren, die ihnen aber nicht gew&auml;hrt werden m&uuml;sste.</p>
<p>&Uuml;berdies kennt Rand in ihrem Buch keinerlei Freizeitaktivit&auml;ten oder Urlaub. Die einzige Zeit, in der die Hauptakteurin des Romans nicht dem &ouml;konomischen Leistungsprinzip folgt, ist nach der K&uuml;ndigung ihrer Arbeit. Dabei zieht sie sich v&ouml;llig zur&uuml;ck, will keinerlei Geldmittel und fordert keine Abfindung. Diese Freiwilligkeit des Ausscheidens aus dem Arbeitsalltag ist die Ausnahme. Ansonsten gibt es keinerlei freizeitliche Aktivit&auml;ten oder famili&auml;re Bande, die Ablenkung versprechen w&uuml;rden. Diese w&auml;ren auch nicht n&ouml;tig, denn wie ein Protagonist sagt;,,[N]ichts ist von Bedeutung im Leben &#8211; au&szlig;er wie gut man seine Arbeit verrichtet. Nichts. Nur das. Alles was man sonst ist, kommt davon. Daran allein l&auml;&szlig;t sich der Wert eines Menschen ermessen. All die ethischen Grunds&auml;tze, die sie einem einzutrichtern versuchen, sind genauso viel wert wie das Papiergeld, das Schwindler in Umlauf setzen, um die Menschen ihrer Tugenden zu berauben. T&uuml;chtigkeit ist die einzige Moral, die auf einer Goldw&auml;hrung beruht&#8220; (Rand 1959a: 106).</p>
<p>&Uuml;ber die humanistische und soziale Beziehung der Menschen und die Arbeits- und Lebensverh&auml;ltnisse im Kapitalismus hingegen wird im Roman nicht reflektiert. Da pers&ouml;nliche W&uuml;nsche irrelevant seien, gelte nur das Leistungsprinzip im Beruf, um ein moralisch gutes Leben f&uuml;hren zu k&ouml;nnen.</p>
<h5>Rationaler Objek&shy;ti&shy;vismus statt Wohlfahrt</h5>
<p>Die obige Erw&auml;hnung des umgekehrten Robin Hood zeigt die gerechtigkeitstheoretische Fundierung bei Rand. Gerecht ist nur, was nach Leistung verteilt wird. Da bei Rand Armut selbstverschuldet ist &#8211; der Mensch m&uuml;sse nur rational denken und sich ggf. kognitivistisch die Moral aneignen &#8211; sollten den armen Menschen nicht auch noch Wohlfahrts-Ma&szlig;nahmen zugutekommen. In diesem Gedankenkonstrukt ist Wohlfahrt &uuml;ber-fl&uuml;ssig und das Individuum wird zum/r Unternehmer/in, welche/r sich st&auml;ndig in Wert setzen und sich neu erfinden muss. Und wenn soziale Unterst&uuml;tzung in Ausnahmef&auml;llen n&ouml;tig w&auml;re, dann auf Basis von privaten Spenden &#8211; sei es f&uuml;r wohlt&auml;tige Zwecke oder um die eigene Familie zu unterst&uuml;tzen. Selbst die verwandtschaftliche Zugeh&ouml;rigkeit rechtfertigt f&uuml;r Rand keinerlei zwangsl&auml;ufige soziale Unterst&uuml;tzung. Vielmehr wird im Roman immer wieder gezeigt, dass Unterst&uuml;tzung aus sozialen Bindungen heraus sch&auml;dlich f&uuml;r die eigenen Wertvorstellungen und demnach auch f&uuml;r &#8222;self-ownership&#8221; sei. Aus dieser Kritik heraus, wird im Roman auch eine Religionskritik formuliert. Die christliche Lehre stellt den Glauben an Gott h&ouml;her als den menschlichen Verstand und dies ist f&uuml;r Rands postulierten Egoismus unvereinbar. Zudem verlangt die christliche Religion eine gewisse Opferbereitschaft und Mildt&auml;tigkeit gegen&uuml;ber ihren Anh&auml;nger/innen. Da dies nicht auf Leistung beruht, wird es im Roman abgelehnt (Rand 1959b: 49&#8211;60),[3] Daraus folgt, dass die staatlichen Wohlfahrtsma&szlig;nahmen gek&uuml;rzt wer-den und wenn es solche &uuml;berhaupt geben sollte, diese durch private Spenden finanziert werden m&uuml;ssten. Aber auch hier gilt f&uuml;r die moralisch richtig handelnden Unternehmer/innen: Sie helfen nicht aus altruistischen Interesse, sondern nur weil es in ihrem Eigeninteresse liegt. Der Mensch hat kein Mitleid n&ouml;tig. So hei&szlig;t es in einem Dialog zwischen Dagny Taggart (D) und der Frau ihres Bruders Jim Taggart, Cherryl (C): C;,,Da&szlig; ich leide, gibt mir keinen Anspruch auf deine Anteilnahme.&#8220;</p>
<p>D: &#8222;Nein, das tut es nicht, wohl aber, da&szlig; dir die gleichen Dinge wertvoll sind wie mir.&#8221;<br />C: &#8222;Du meinst &#8230; da&szlig; du mit mir sprechen willst, ist kein Almosen? &#8230; ist nicht nur,<br />weil ich dir leid tue?&#8221;<br />D: &#8222;Du tust mir sehr, sehr leid, Cherryl, und ich m&ouml;chte dir helfen &#8230; doch nicht weil du leidest, sondern weil du es nicht verdienst hast zu leiden.&#8221;<br />C: &#8222;Du meinst, du w&uuml;rdest mir nicht helfen wollen, nur um meiner Schw&auml;che, um meiner Hilfsbed&uuml;rftigkeit willen, sondern nur um des Guten willen, das du in mir siehst?&#8221;<br />D: &#8222;Ja, Cherryl, so ist es. [Auslassungen im Original, S. W.]&#8221; (Rand 1959b: 204).</p>
<h5>Libert&auml;re Theorie &ndash; undemo&shy;kra&shy;ti&shy;sche Praxis?!</h5>
<p>Die Idealisierung des Staates von libert&auml;rer Seite schafft ein Spannungsverh&auml;ltnis. W&auml;hrend man einerseits die &ouml;konomische Freiheit betont und jegliche Eingriffe und sozialstaatliche Regulationen verurteilt, ben&ouml;tigen Libert&auml;re wie Rand andererseits einen starken Ordnungsstaat, der die Sicherheit nach innen und au&szlig;en garantiert. Gerade weil Rand keinen Blick auf eine demokratische Verankerung der Politik wirft, sind Rands &Uuml;berlegungen nicht nur staats- sondern auch demokratiekritisch zu sehen. Ist ein demokratisch-organisierter Staat bei Rand &uuml;berhaupt n&ouml;tig? Zieht man z. B. die zustimmende Haltung des Libert&auml;ren F. A. von Hayek zur Milit&auml;rdiktatur von A. Pinochet in Chile und zum autorit&auml;ren Regime in Portugal unter A. Salazar heran, zeigt sich exemplarisch die kritische Haltung bei Libert&auml;r/innen (Deppe 2003: 440). Gegenw&auml;rtige Libert&auml;re sprechen auch von &#8222;minarchism&#8221; als Staatsordnung mit strikt begrenzten Regierungsfunktionen wie sie auch Rand bef&uuml;rworten w&uuml;rde. Die Legitimation der politischen Ordnung wird aus dieser Perspektive nicht demokratisch, sondern rein freiheitsgew&auml;hrend begr&uuml;ndet (Long/Machan 2008: vii).</p>
<p>Schaut man sich die Entwicklung in den USA[4] an, k&ouml;nnen zwei Tendenzen in Bezug auf die libert&auml;ren Vorstellungen von Ayn Rand festgestellt werden. Erstens w&auml;chst der Sicherheitsapparat in den USA massiv, was mit einer Einschr&auml;nkung von b&uuml;rgerlichen und politischen Freiheiten und Rechten einhergeht. Zweitens nimmt der gesellschaftliche Zusammenhalt in den USA stetig ab und es erfolgt eine Vereinzelung der Menschen.</p>
<p>(1) Als Z&auml;sur f&uuml;r diese Entwicklung kann 9/11 gelten (Mayer 2003). Nicht nur, dass in der &Auml;ra Bush I und II zahlreiche Gesetze erlassen wurden, um US-B&uuml;rger/innen &uuml;berwachen zu k&ouml;nnen &#8211; ohne richterliche Anordnung oder konkrete Beweise, Migrant/innen und dabei v. a. aus der MENAS[5]-Region auszuweisen und auf bestimmte Zeit in Haft zu nehmen. Sondern es wurde auch ein umfassender Sicherheitsapparat mit den zentralen Einrichtungen Heimatschutzministerium, Pentagon und Geheimdiensten auf gebaut. Auch wenn das US-Haushaltsbudget von konservativer Seite stark reduziert wurde und werden soll, Ausgabenk&uuml;rzungen im Milit&auml;r- und Sicherheitsapparat waren und sind nicht vorgesehen. Mit der Ausweitung des Drohnenkrieges im Jemen oder in Pakistanb und der weiteren Existenz des Milit&auml;rgef&auml;ngnisses Guantanamo wurden zentrale Wahlkampfforderungen von Barack Obama nicht umgesetzt. Wie der Jurist Jonathan Turley &uuml;berdies schreibt, kann der US-Pr&auml;sident die gezielte T&ouml;tung von Menschen anordnen, wenn er sie als Terrorist/innen ansieht. Ebenso kann er entscheiden, ob ein mutma&szlig;licher gefangen genommener Terrorist ein ziviles oder milit&auml;risches Gerichtsverfahren bekommt und die US-Regierung kann Unternehmen per Gesetz zwingen, Informationen und vertrauliche Daten von B&uuml;rger/innen an die US-Regierung zu &uuml;bermitteln &#8211;&#8222;und kann &uuml;berdies anordnen, dass das Unternehmen die betroffene Partei dar&uuml;ber nicht informiert&#8220; (Turley 2012, eigene &Uuml;bersetzung). Die Betonung der Ordnungs- und Sicherheitsfunktion des Staates kann in der Praxis tendenziell gegenteilig verlaufen, womit die libert&auml;ren Vorstellungen eines &#8222;ultra-minimal states&#8221; konterkariert w&uuml;rden. Gleichzeitig zeigt sich die Aush&ouml;hlung von Demokratie und Rechtsstaat in den USA, die, folgt man Rand, gar nicht kritisch zu sehen ist, solange wie wirtschaftliche Freiheit gew&auml;hrt wird. Der inhaltliche Schwerpunkt den US-Konservative und USLibert&auml;re teilen &#8211; Wirtschaftsfreiheit und Begrenzung des Staates &#8211; kann demnach in eine antidemokratische Praxis umschlagen und die Politik unter Obama spitzt die Sicherheits- und Ordnungsfunktion des Staates nicht minder zu.</p>
<p>(2) Der Politologe Robert Putnam hat mit seinem Aufsatz &#8222;Bowling Alone&#8221; (1995) eine gro&szlig;e Debatte um den Verfall des Sozialkapitals[7] in den USA ausgel&ouml;st. Anhand seiner Untersuchungen zeigte er, dass sich immer weniger Menschen engagieren und organisieren und damit das gemeinschaftliche Miteinander unter Nachbarn und Freund/innen stetig abnehme. Zum einen kann diese Entwicklung auf der Ebene des politischen Engagements aus dem h&auml;ufig schwachen Organisationsgrad der US-amerikanischen Gewerkschaften und der geringen Mitgliedschaftsbindung der Menschen an die US-Parteien geschlussfolgert werden. Es lie&szlig;e sich auch vermuten, dass den Verb&auml;nden und Parteien eine zu staatsnahe und regulatorische Position zugeschrieben wird. Damit w&uuml;rde sich das Bild der unmoralischen und r&auml;uberischen Politiker/innen von Rand in der US-Gesellschaft ansatzweise wiederfinden lassen. Zum anderen kann das auf die schw&auml;cher werdende Einbindung von Menschen in zwischenmenschliche Beziehungen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden.</p>
<p>In einer Studie von 2006 werden die Ergebnisse von Putnam best&auml;tigt. McPherson et al. zeigen, dass 1985 zehn Prozent der Befragten in keinerlei Netzwerk[8] waren. 2004 sind es 24,6 Prozent, womit die Isolation von Personen in den USA erheblich zugenommen hat. Die Forscher/innen unterscheiden zudem zwischen Verwandtschafts- und Nicht-Verwandschafts-Netzwerken. Auff&auml;llig ist, dass 2004 etwa 53 Prozent der Befragten in keinem Nicht-Verwandschafts-Netzwerk waren (1985 waren es immerhin rund 36 Prozent). Zudem sinkt die durchschnittliche Netzwerkgr&ouml;&szlig;e von 2,94 auf 2,08 womit auf alle Befragten &uuml;bertragen die Netzwerkeinbindung um fast ein Drittel gesunken ist (McPherson et al. 2006). Die Forscher/innen vermuten zwar, dass die zunehmende Intemet-Aktivit&auml;t und die Kontakte in sozialen Netzwerken immer wichtiger werden, auch wenn diese offenbar nicht als unmittelbare Netzwerke wahrgenommen und genannt werden. Doch es k&ouml;nnte sich ebenfalls um eine langsame gesellschaftliche Transformation handeln.</p>
<p>Durch die erh&ouml;hte Erwartung an Mobilit&auml;t und die Flexibilisierung im Berufsleben sowie steigende Unsicherheit im Leben bilden sich keine festen Netzwerke mehr heraus. Viele Kontakte und zwischenmenschliche Beziehungen bleiben fluid und werden bei unregelm&auml;&szlig;iger Kontaktaufnahme por&ouml;s oder verlieren sich ganz.[9] Wie Kawachi zeigt, hat sinkendes Sozialkapital auch einen Einfluss auf den Gesundheitszustand von Menschen. Fehlendes Sozialkapital bedeute den Wegfall nachbarschaftlicher Hilfe, des Geldleihens f&uuml;r teure Medikamente oder der Betreuung von &auml;lteren Menschen oder Verwandten (Kawachi 1999). Diese Vereinzelung bildet m&ouml;glicherweise die Basis f&uuml;r einen Egoismus Rand&#8217;scher Art, der v, a, wirtschaftlichen Erfolg zum Ziel hat und der keine R&uuml;cksicht auf andere Interessen als das Eigene nimmt.</p>
<p>1991 wurde &#8222;Atlas shrugged&#8221; in einer Umfrage unter US-B&uuml;rger/innen als zweit-relevantestes Buch nach der Bibel genannt. Auch wenn dies mehr als 20 Jahre her ist, konnte in diesem Aufsatz die gro&szlig;e Bedeutung und der Einfluss von Ayn Rand und ihres Libertarismus, der einen freien Kapitalismus und einen Minimalstaat fordert, festgestellt werden. Es lassen sich schlaglichtartig zwei aktuelle Tendenzen ausmachen. Erstens nimmt der US-Staat massive Eingriffe in die Privatsph&auml;re seiner B&uuml;rger/innen vor, beschneidet die b&uuml;rgerlichen Rechte und Freiheiten und rechtfertigt dies v, a. mit dem &#8222;war on terror&#8221;. Gleichzeitig wird jegliche Steuererh&ouml;hung bei einkommensstarken Schichten oder die Einf&uuml;hrung von h&ouml;heren Umweltstandards f&uuml;r Unternehmen durch Lobbyist/innen und die Republikaner versucht zu verhindern. Diese Ambivalenz in der libert&auml;ren Theorie Rands &#8211; schwacher Wirtschaftsstaat, starker Sicherheitsstaat &#8211; zeigt sich gegenw&auml;rtig auch in der US-Politik. Zweitens deuten die Ergebnisse von Putnam und McPherson et al. darauf hin, dass das &ouml;konomische Leistungsprinzip und der damit verbundene Egoismus in der Gesellschaft nicht unwesentlich verankert sind[10]. Dies kann als Ausdruck daf&uuml;r genommen werden, dass die US-B&uuml;rger/innen eher nach ihrem pers&ouml;nlichen wirtschaftlichen Erfolg streben als sich verwandtschaftliche und freundschaftliche Netzwerke aufzubauen. Oder sie k&ouml;nnen diese gar nicht aufbauen, weil sie z. B. mehrere (Mini-)Jobs und eine (zu) hohe Anzahl an Wochenarbeitsstunden haben oder auch der Pendelverkehr zwischen <br />Arbeits- und Wohnplatz viel Zeit in Anspruch nimmt. Die umgekehrte Robin Hood-Figur wird so zum Markenkern einer sich im Werden befindenden libert&auml;ren Gesellschaftsauffassung in den USA. Der Einfluss von libert&auml;ren Ans&auml;tzen kann trotz fehlender unmittelbarer Pr&auml;senz im parlamentarischen System als durchaus gesellschaftlich wirkm&auml;chtig erachtet werden. Aus gesellschaftspolitischer Sicht muss somit bef&uuml;rchtet werden, dass der Begriff der Gesellschaft sich bald als obsolet erweisen k&ouml;nnte.</p>
<p>F&uuml;r hilfreiche Anregungen und kritisch-konstruktive Hinweise danke ich Janosik Herder, Albrecht von Lucke, Sandra Reinecke und Michael Wallaschek. Alle Unzul&auml;nglichkeiten des Artikels gehen auf mein Konto.</p>
<p>[1] Das Rands Roman nun in einer deutschen Neu&uuml;bersetzung und unter ver&auml;ndertem Titel (Der Streik) erschienen ist, k&ouml;nnte ihre Bekanntheit erheblich erh&ouml;hen.<br />[2] Im Roman sind alle Politiker m&auml;nnlich. Doch ihr Roman dient in der Arbeit als Vorlage f&uuml;r ihre all-gemeine Sicht auf die Realit&auml;t. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass sie diese Beschreibung nur f&uuml;r M&auml;nner trifft.<br />[3]Eben diese Religionskritik der strikten Atheistin Rand brachte Paul Ryan viel Kritik von der religi&ouml;sen Rechten in den USA ein.<br />[4] Die libert&auml;re Umstrukturierung von Staat und &Ouml;konomie nach dem Milit&auml;rsturz Salvador Allendes 1973 in Chile (unter Pinochet) durch die Chicagoer &Ouml;konomieschule um Milton Friedman kann nicht nur als v&ouml;llig gescheitert betrachtet werden. Der staatliche Terror, die Verfolgung der Opposition und die radikale Durchsetzung freier marktwirtschaftlicher Prinzipien kann, wie Naomi Klein (2007: 75-143) eindr&uuml;cklich zeigte, in engem Zusammenhang zueinander gesehen werden.<br />[5] MENA bezieht sich auf die Middle East and North Africa Region.<br />[6] Die unabh&auml;ngige non-profit Organisation &#8222;Bureau of Investigative Journalism&#8221; sch&auml;tzt die Zahl der US-Drohnenangriffe allein in Pakistan auf 350 f&uuml;r den Zeitraum 2004-2012, davon 298 w&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaft Obamas.<br />[7] Bei der Begriffsbestimmung schlie&szlig;e ich mich Robert Putnam (1995:67, eigene &Uuml;bersetzung) an, der sich auf &#8222;Merkmale sozialer Organisationen wie Netzwerke, Normen, gesellschaftliches Vertrauen, welches die Koordination und Kooperation f&uuml;r den gegenseitigen Vorteil erleichtert&#8221; bezieht.<br />[8] Die Netzwerke wurden dabei ausgehend von einer Person geschaffen. Sprich, die Teilnehmenden der Studie wurden gefragt, welche Netzwerke und Personen sie dazu z&auml;hlen. Es wurde nicht &uuml;ber-pr&uuml;ft, ob die Netzwerke reziprok von den genannten Personen rekonstruiert werden. Damit k&ouml;nnen sie auch als &#8222;egozentrierte Diskussionsnetzwerke&#8221; bezeichnet werden (W&ouml;hler/Hinz 2007; McPherson et al. 2006).<br />[9] Richard Sennett hat in seinen fr&uuml;hen Arbeiten zum &#8222;flexiblen Kapitalismus&#8221; diese gesellschaftlichen Tendenzen bereits aufgezeigt (u. a. Sennett 2008).<br />[10] Dies l&auml;sst sich auch mit Leslie McCall (2012) zeigen. Sie weist darauf hin, dass US-B&uuml;rgerlinnen dazu tendieren, opportunities statt equality zu fordern; individuelle Interessen gehen vor gesellschaftlichem Gemeinwohl.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Attas, Daniel 2010: Libertarianism; in: Bevir, Mark (Hg.), Encyclopedia of Political Theory. Band 2. London u. a., S. 810-818,<br />Bureau of Investigative Journalism 2012: Obama 2012 Pakistan strikes. Online abrufbar unter:<br />httpa/www.thebureauinvestigates.com/2012/01/l l/obama-2012-strikes/, zuletzt am 23.11.2012.<br />Deppe, Frank 2003: Politisches Denken im 20. Jahrhundert. Band 2 Politisches Denken zwischen den Weltkriegen. Hamburg.<br />Duncan, Craig Malcolm 2011: Libertarianism; in: Badie, Bertrand et al. (Hg.), International Encyclopedia ofPolitical Science. Band 5. London u, a., S. 1442-1447.<br />Gillespie, Nick 2009: Ready for Her Close-Up. Review; in: The Wilson Quarterly Jg. 33, H. 4, S. 95-98. Hamilton, Alexander et al. 1993 [1787/88]: Die Federalist Papers. Bibliothek klassischer Texte. Darmstadt.<br />Kawachi, Ichiro 1999: Social Capital and Community Effects on Population and Individual Health; in: Annals of the New York Academy of Sciences H. 896, 5.120&#8212;130.<br />Klein, Naomi 2007: Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. Frankfurt a. M..<br />Kymlicka, Willi 1997: Politische Philosophie heute. Eine Einf&uuml;hrung. Studienausgabe. Frankfurt a. M..<br />108&nbsp;vorg&auml;nge Heft 4/2012, S. 98&#8212;108<br />Locke, John 2008 [1690]: &Uuml;ber die Regierung. In der revidierten Fassung der 1966 erstmals publizierten Ausgabe und um bibliografische Angaben erg&auml;nzt. Stuttgart.<br />Long, Roderick T./Machan, Tibor R. 2008: Preface; in: Long, Roderick T./Machan, Tibor R. (Hg.), Anarchism/Minarchism. Is a Government Part of a Free Country? Burlington, S. vii-viii. Online ab-rufbar unter: <a href="http://www.calstatela.edu/faculty/areed2/LongXXXMachan.pdf" target="_blank" rel="noopener">http://www.calstatela.edu/faculty/areed2/LongXXXMachan.pdf</a>, zuletzt am 22.11.2012.<br />Machan, Tibor R. 1994: Ayn Rand versus Karl Marx; in: International Journal of Social Economics Jg. 21 H. 2/3/4, S. 54-67.<br />Mayer, Margit 2003: Schutz der Heimat &#8211; Die Aush&ouml;hlung des Rechtsstaates; in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik Jg. 48 H. 3, S. 843-852.<br />McCall, Leslie 2012: The Un/deserving Rich: American Beliefs about Inequality, Opportunity, and Redistribution. Vortrag am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) am 03.12.2012.<br />McPherson, Miller/Smith-Lovin, Lynn/Brashears, Matthew E. 2006: Social Isolation in America: Changes in Core Discussion Networks over Two Decades; in: American Sociological Review Jg.71 H. 3, S. 353-375.<br />Piper, Nikolaus 2012: Die andere Revolution; in: S&uuml;ddeutsche Zeitung, 12.10.2012, S. 20.<br />Putnam, Robert 1995: Bowling Alone: America&#8217;s Declining Social Capital; in: Journal of Democracy Jg. 6 H. 1, S. 65-77.<br />Rand, Ayn 1959a: Atlas wirft die Welt ab. Erstes Buch. Baden-Baden.<br />Rand, Ayn 1959b: Atlas wirft die Welt ab. Zweites Buch. Baden-Baden.<br />Sennett, Richard 2008 [1998]: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin.<br />Turley, Jonathan 2012: 10 Reasons The U.S. Is No Longer The Land Of The Free. Online abrufbar un-<br />ter: <a href="http://jonathanturley.org/2012/O1/15/10-reasons-the-u-s-is-no-longer-the-land-of-the-free/" target="_blank" rel="noopener">http://jonathanturley.org/2012/O1/15/10-reasons-the-u-s-is-no-longer-the-land-of-the-free/</a>, zu-<br />letzt am 22.11.2012.<br />W&auml;hler, Thomas/Hinz, Thomas 2007: Egozentrierte Diskussionsnetzwerke in den USA und Deutschland; in: Franzen, Axel/Freitag, Markus (Hg.), Sozialkapital. Grundlagen und Anwendungen. K&ouml;lner Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 47. Wiesbaden, S. 91-112.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/200-vorgaenge/publikation/self-ownership-und-staatliche-raeuber/">Self- Ownership und staatliche Räuber</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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