<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Stephan A. Glienke Archive - Humanistische Union</title>
	<atom:link href="https://www.humanistische-union.de/autoren/stephan-a-glienke/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.humanistische-union.de/autoren/stephan-a-glienke/</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Tue, 31 Aug 2021 08:14:20 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.0</generator>
	<item>
		<title>Fritz-Bauer-Preis 2012 an Joachim Perels</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/217/publikation/fritz-bauer-preis-2012-an-joachim-perels/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jul 2012 15:15:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Verband: Fritz-Bauer-Preis]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/fritz-bauer-preis-2012-an-joachim-perels/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Humanistische Union w&#252;rdigt Engagement f&#252;r demokratische Rechtsordnung. Mitteilungen Nr. 217 (Heft 2/2012), S. 20/21 Die Preisverleihung an Prof. Dr. Joachim Perels findet am 22. September 2012 im Rahmen des Verbandstages in Kassel statt (s. Ank&#252;ndigung auf Seite 17). Die Humanistische Union verleiht den Fritz-Bauer-Preis 2012 an Professor Dr. Joachim Perels. Die B&#252;rgerrechtsvereinigung w&#252;rdigt damit einen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/217/publikation/fritz-bauer-preis-2012-an-joachim-perels/">Fritz-Bauer-Preis 2012 an Joachim Perels</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Humanistische Union w&uuml;rdigt Engagement f&uuml;r demokratische Rechtsordnung. Mitteilungen Nr. 217 (Heft 2/2012), S. 20/21</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-4038 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw-600x400.jpg" alt="Fritz-Bauer-Preis 2012 an Joachim Perels " width="600" height="400" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw-600x400.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw-768x512.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw-450x300.jpg 450w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw.jpg 800w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p><i>Die Preisverleihung an Prof. Dr. Joachim Perels findet am 22. September 2012 im Rahmen des Verbandstages in Kassel statt (s. Ank&uuml;ndigung auf Seite 17).</i></p>
<p>Die Humanistische Union verleiht den Fritz-Bauer-Preis 2012 an Professor Dr. Joachim Perels. Die B&uuml;rgerrechtsvereinigung w&uuml;rdigt damit einen Wissenschaftler und engagierten Demokraten, der sich seit Jahrzehnten und mit Nachdruck f&uuml;r die Unverbr&uuml;chlichkeit des Geltungsanspruchs der demokratischen Rechtsordnung eingesetzt hat. Der nach dem fr&uuml;heren hessischen Generalstaatsanwalt und Mitbegr&uuml;nder der Humanistischen Union benannte Preis wurde bislang unter anderem an Gustav Heinemann (1970), Heinrich Hannover (1973), Hans Lisken (1995), G&uuml;nter Grass (1997) und Helmut Kramer (2010) verliehen. Die Preisverleihung findet im Rahmen des Verbandstages der Humanistischen Union am Samstag, dem 22. September 2012 in Kassel statt.</p>
<p>Joachim Perels wissenschaftliches Schaffen umfasst Beitr&auml;ge zur demokratischen Verfassungstheorie, der Herrschaftsstruktur des Staatssozialismus und den politischen Implikationen der Theologie. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt jedoch in der rechtswissenschaftlichen wie politischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, in Fragen des justiziellen Umgangs mit den NS-Verbrechen und deren strafrechtlicher Verfolgung. Joachim Perels engagiert sich besonders gegen den legalistisch verkl&auml;renden Blick auf das NS-Unrechtsregime. F&uuml;r ihn ist selbstverst&auml;ndlich, dass es dabei nicht nur um historische, sondern hochaktuelle Fragen geht. Er will nicht nur das Vergangene bewerten, sondern dazu beitragen, in der deutschen Justiz ein demokratisches Selbstverst&auml;ndnis aufzubauen. Wie dringend n&ouml;tig dies immer noch ist, zeigen nicht zuletzt die parlamentarischen Debatten der letzten Jahre zur Amnestierung der von den NS-Gerichten als Deserteure Verurteilten oder die erst im Fr&uuml;hjahr 2011 vom Bundestag verabschiedete Entsch&auml;digung f&uuml;r die Opfer der NS-Zwangssterilisation. In diesen Debatten wurden immer noch Positionen vertreten, die dem nationalsozialistischen Unrechtsregime zumindest in Teilen den Charakter eines Rechtsstaates zuerkannten. Joachim Perels z&auml;hlt zu jenem kleinen Kreis von Wissenschaftlern, die sich um die kritische Selbsterkenntnis der Justiz bem&uuml;ht haben. Wie kaum ein anderer hat er mit seiner Arbeit nachhaltig die Selbstwahrnehmung der deutschen Justiz in der Nachkriegszeit gepr&auml;gt.</p>
<p>Joachim Perels ist Redaktionsmitglied der von ihm 1968 u.a. zusammen mit Fritz Bauer gegr&uuml;ndeten juristischen Vierteljahresschrift &#8222;Kritische Justiz&#8220;. Gemeinsam mit der Redaktion hat er mehrere umfangreiche Sammelb&auml;nde zur Struktur des Unrechtsstaates und dem gesellschaftlichen, politischen und justiziellen Umgang mit ihm betreut und herausgegeben. In zahlreichen Schriften hat sich Perels mit Leben und Werk Fritz Bauers befasst, unter anderem auch eine Sammlung seiner Schriften&nbsp; herausgegeben <i>(&#8222;Die Humanit&auml;t der Rechtsordnung&#8220;). </i></p>
<p>Unerm&uuml;dlich hat sich Joachim Perels als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Fritz-Bauer-Instituts (2001-2006) f&uuml;r das Andenken an Fritz Bauer und sein Werk eingesetzt. Er geh&ouml;rte zu den Initiatoren der Ausstellung zur Geschichte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses, die 40 Jahre nach dessen Beginn (2003) an historischem Ort im Frankfurter B&uuml;rgerhaus Gallus er&ouml;ffnet und seither an verschiedenen Orten gezeigt wurde (zuletzt im Nieders&auml;chsischen Landtag). In Zusammenarbeit mit Wilfried Widemann, dem ehemaligen Leiter der Stiftung Nieders&auml;chsische Gedenkst&auml;tten, gelang es Perels, zahlreiche lokale Bildungstr&auml;ger mit einem umfangreichen Begleitprogramm in die Ausstellung einzubinden.</p>
<p>In den Jahren 1996 bis 1999 war Joachim Perels ma&szlig;geblich am Aufbau der Gedenkst&auml;tte &#8222;Justiz und Strafvollzug im Dritten Reich&#8220; in der Justizvollzugsanstalt Wolfenb&uuml;ttel beteiligt. Die Aufgabe, eine Gedenkst&auml;tte f&uuml;r NS-Verbrechen innerhalb eines gro&szlig;en Gef&auml;ngnisses mit laufendem Betrieb einzurichten, stellte dabei eine besondere Herausforderung dar. Im Jahre 2002 wurde die Ausstellung auf Bitten des Nieders&auml;chsischen Justizministers an den nieders&auml;chsischen Gerichtsstandorten als Wanderausstellung gezeigt, jeweils erg&auml;nzt um lokale Beispiele der NS-Justiz.</p>
<p>Bis 2007 geh&ouml;rte Perels der Internationalen Fachkommission zur Neugestaltung der Gedenkst&auml;tte Bergen-Belsen an, bis 2009 war er Vorsitzender der Fachkommission der Stiftung nieders&auml;chsische Gedenkst&auml;tten. In den Jahren 2011 und 2012 war er Mitglied der Arbeitsgruppe des Senats der Leibniz-Universit&auml;t Hannover &#8222;Verleihung und Entzug von Titeln w&auml;hrend der NS-Zeit&#8220;.</p>
<p>Es war eines der zentralen Ziele Fritz Bauers, den Opfern des NS-Regimes durch eine forcierte strafrechtliche Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen jenen rechtlichen Schutz zu gew&auml;hren, der ihnen durch den Unrechtsstaat verwehrt worden war. Die hier zum Ausdruck gebrachte Anerkennung erlittenen Leids kann nicht hoch genug eingesch&auml;tzt werden, hat doch die Wiederaufrichtung des Rechts gerade f&uuml;r die &Uuml;berlebenden gro&szlig;e Bedeutung. Nicht zuletzt darf auch die Relevanz der Prozesse f&uuml;r die Wahrheitsfindung und historisch-politische Aufkl&auml;rung der Gesellschaft nicht vernachl&auml;ssigt werden; ein Aspekt, den Fritz Bauer stets betonte. Die Arbeit von Joachim Perels kn&uuml;pft in besonderer Weise an das juristische Denken und die juristische Praxis von Fritz Bauer an.</p>
<p><i>Stephan A. Glienke</i></p>
<p><b>Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union</b></p>
<p><i>&#8222;Zum Gedenken an ihr Gr&uuml;ndungs- und Vorstandsmitglied Dr. Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen von 1956 bis 1968, stiftet die Humanistische Union einen Preis f&uuml;r besondere Verdienste um die Demokratisierung, Liberalisierung und Humanisierung der Rechtsordnung in der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Preis wird allj&auml;hrlich an Pers&ouml;nlichkeiten oder Institutionen verliehen, die sich im Sinne der &Uuml;berzeugungen Fritz Bauers und der Bestrebungen der Humanistischen Union in allgemeiner Weise oder auf einem besonderen Gebiet darum bem&uuml;ht haben, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesetzgebung, Rechtsprechung und im Strafvollzug Geltung zu verschaffen.&#8220; </i>(Bundesvorstand der Humanistischen Union, in: vorg&auml;nge 8-9/1968)</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/217/publikation/fritz-bauer-preis-2012-an-joachim-perels/">Fritz-Bauer-Preis 2012 an Joachim Perels</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
		<media:content url="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/perels-sw.jpg" medium="image"></media:content>
            	</item>
		<item>
		<title>Der Auschwitz-Ankläger</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/der-auschwitz-anklaeger/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Sep 2009 12:09:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/der-auschwitz-anklaeger/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Fritz Bauers Biographie zeigt einen Generalstaatsanwalt, der bedeutsamer war, als er selbst wahrhaben wollte; aus. vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 147-149 Fritz Bauer zählt zu den herausragenden Juristen in der Geschichte der Bundesrepublik. Er war der einzige Emigrant, der nach seiner Rückkehr hohe juristische Positionen bekleidete und er war einer der wenigen, die von [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/der-auschwitz-anklaeger/">Der Auschwitz-Ankläger</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Fritz Bauers Biographie zeigt einen Generalstaatsanwalt, der bedeutsamer war, als er selbst wahrhaben wollte;</p>
<p>aus. vorgänge Nr. 187, Heft 3/2009, S. 147-149</p>
<p>Fritz Bauer zählt zu den herausragenden Juristen in der Geschichte der Bundesrepublik. Er war der einzige Emigrant, der nach seiner Rückkehr hohe juristische Positionen bekleidete und er war einer der wenigen, die von der Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik der 1960er Jahre für die Kontinuität des demokratischen Rechtsverständnisses einstanden. Erst vierzig Jahre nach dem Tod von Fritz Bauer ist nun endlich eine Biographie über den engagierten Frankfurter Generalstaatsanwalt erschienen, der eine zentrale Rolle in der Ahndung der NS-Verbrechen in der Bundesrepublik gespielt hat. Die Historikerin Irmtrud Wojak hat in einer akribischen wissenschaftlichen Arbeit das Leben und Wirken Fritz Bauers nachgezeichnet.</p>
<p><i>Irmtrud Wojak</i> &#8222;Fritz Bauer. 1903-1968. Eine Biographie&#8220;. Verlag C.H. Beck, München 2009, 638 Seiten, 34 Euro</p>
<p>Die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen gilt zu Recht als ein dunkles Kapitel der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Nicht selten saßen in den 1950er Jahren Richter mit einer eigenen einschlägigen nationalsozialistischen Vergangenheit über NS-Verbrecher und neonazistische Straftäter zu Gericht. Ihre Urteile brachten den Angeklagten häufig viel Verständnis entgegen. Ohne das Engagement von Fritz Bauer würde diese Bilanz der deutschen Nachkriegsjustiz jedoch noch weitaus düsterer ausgefallen. Bauer gehört zu den ganz wenigen, die angesichts des allgemeinen &#8222;Beschweigens&#8220; der NS-Vergangenheit nicht verstummen wollten. Er initiierte zahlreicher Prozesse gegen NS-Täter, die heute als Meilensteine der Justizgeschichte gelten.</p>
<p>Der 1903 in Stuttgart geborene Fritz Bauer zählte zu dem kleinen Häuflein demokratischer Juristen, die sich in der Weimarer Republik aktiv gegen Anfeindungen und umstürzlerische Aktivitäten der extremen Rechten zur Wehr setzten. Er war Gründungsmitglied des Republikanischen Richterbundes in Württemberg, trat in den 1920er Jahren der SPD bei und später dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, wo er an der Seite Kurt Schumachers offensiv für die Demokratie kämpfte. Nach einem erfolgreichen Jurastudium bei dem bekannten Rechtsreformer und sozialdemokratischen Justizminister Gustav Radbruch, begann Bauer 1930 als Deutschlands jüngster Amtsrichter eine viel versprechende Karriere, die jedoch 1933 durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendet wurde, bevor sie richtig begonnen hatte.</p>
<p>Bauer wurde wegen &#8222;nachgewiesener antinationalsozialistischer Haltung&#8220; aus dem Justizdienst entlassen, als Jude und Sozialdemokrat in &#8222;Schutzhaft&#8220; genommen und für acht Monate in das württembergische Konzentrationslager Heuberg verschleppt, wo er auf seinen Freund Kurt Schumacher traf. Nach zehn Monaten Haft kam Bauer eher zufällig wieder frei. Ende 1935 gelang ihm die Flucht nach Kopenhagen. Als 1943 auch dort die Verfolgung der Juden einsetzte, floh er mit seiner Familie in einem Fischerboot nach Schweden. Während des Exils unterhielt er rege Kontakte zu führenden Sozialdemokraten. In Schweden arbeitete er eng mit Willy Brandt zusammen und gründete mit ihm u. a. die &#8222;Sozialistische Tribüne&#8220;, die theoretische Zeitschrift der SPD-Leitung. Detailliert schildert Irmtrud Wojak die erbittert geführten Debatten innerhalb der Exil-SPD über die Neugestaltung Nachkriegsdeutschlands, an der auch Bauer regen Anteil nahm.</p>
<p>Nach Kriegsende überlegte Bauer lange, ob er nach Deutschland zurückkehren sollte. Der deutschen Nachkriegsgesellschaft stand er skeptisch gegenüber und erst seinem Freund Kurt Schumacher gelang es, ihn zur Rückkehr zu bewegen. 1949 trat er die Stelle als Präsident des Braunschweiger Landgerichts an, ein Jahr darauf wurde er zum Generalstaatsanwalt am OLG Braunschweig ernannt. Dort widmete er sich seiner neuen Lebensaufgabe: der Verfolgung der zahlreichen NS-Täter.</p>
<p>Während seiner Braunschweiger Zeit wurde Bauer vor allem durch den Aufsehen erregenden Prozess gegen Otto Ernst Remer bekannt, der als Kommandant des Berliner Wachbataillons &#8222;Großdeutschland&#8220; maßgeblich an der Niederschlagung des 20. Juli beteiligt gewesen war. Als Vorsitzender der später verbotenen nazistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP) hatte Remer die Widerständler um Graf Schenck von Stauffenberg öffentlich als &#8222;Landesverräter&#8220; bezeichnet. Der daraufhin von Bauer angestrengte Prozess wegen Verunglimpfung des militärischen Widerstandes gilt noch immer als wegweisend. Der Name Fritz Bauer ist aber bis heute vornehmlich mit seiner Tätigkeit als hessischer Generalstaatsanwalt verbunden. 1956 holte ihn der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn als Generalstaatsanwalt ans Frankfurter Oberlandesgericht. Dort setzte er sich rastlos und ohne Rücksicht auf sich selbst dafür ein, die Gesellschaft mit juristischen Mitteln umfassend über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen aufzuklären.</p>
<p>Anfang der 1960er Jahre arbeitet Fritz Bauer an seiner größten Aufgabe: der &#8222;Strafsache gegen Mulka und andere&#8220;, die als Auschwitz-Prozess in die Geschichte einging. Nach fünfeinhalb Jahren Ermittlungsarbeit, wurde das größte deutsche Strafverfahren endlich am 20. Dezember 1963 vor dem OLG Frankfurter eröffnet.</p>
<p>Bauer selbst trat zwar nicht als öffentlicher Ankläger in Erscheinung, doch war er die treibende Kraft: Er hatte das Verfahren an sich gezogen und zwei junge Staatsanwälte damit beauftragt. 22 Schergen des Vernichtungslagers Auschwitz hatten sich vor Gericht zu verantworten, 17 von ihnen wurden schließlich verurteilt. Für Bauer bestand kein Zweifel darin, dass die Strafjustiz allein nicht dazu geeignet war, die Vergangenheit zu bewältigen. Als &#8222;radikaler Humanist&#8220; war er darauf bedacht, dass die Verbrechen der Nazis nicht nur juristisch gesühnt werden, sondern über das Strafverfahren in der Öffentlichkeit ein Schuld-Bewusstsein geschaffen wird.</p>
<p>Bauer suchte den Kontakt zu Schriftstellern und ermunterte sie, den Prozess zu beobachten. Die Resonanz war gewaltig. Fast 20.000 überwiegend junge Menschen besuchten den Prozess, die Presse berichtete umfassend und Peter Weiss verarbeitete seine Eindrücke in dem Bühnenstück &#8222;Die Ermittlung&#8220;, Hans Frick verfasste einen vom Prozess beeinflussten Roman. Die von Bauer in Auftrag gegebenen historischen Gutachten sind zum Teil bis heute gültig und wenn auch das erhoffte Forschungsinteresse bei den Historikern zunächst noch ausblieb, so markiert der Auschwitz-Prozess den Beginn der Erinnerungskultur in Deutschland. Es folgten langjährige Verfahren gegen die Verantwortlichen der &#8222;Euthanasie&#8220;-Morde, vorwiegend gegen Ärzte und Juristen, außerdem Ermittlungen gegen Mitglieder der berüchtigten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei.</p>
<p>Fritz Bauer, der unter erheblichen Selbstzweifeln aus der Emigration zurückgekehrt war, war zutiefst von der Notwendigkeit überzeugt, die deutsche Gesellschaft und das wesdeutsche Justizwesen auf eine neue moralische Grundlage zu stellen. Zu diesem Zweck wollte er Gesellschaft und Justiz mit dem überkommenen obrigkeitsstaatlichen, autoritären und nationalsozialistischen Erbe konfrontieren. Hier zeigten sich jedoch offenkundig die Grenzen der juristischen Aufarbeitung in einer Gesellschaft, in der gerade die Verbrecher aus den oberen Schichten zum großen Teil noch in Amt und Würde waren bzw. in den Parlamenten saßen.</p>
<p>In der personell kaum veränderten Justiz war Bauer weitgehend isoliert. Immer wieder musste er wegen seines Engagements endlose Schmähungen über sich ergehen lassen, ohne dass sein aufreibender Einsatz den von ihm erwünschten Erfolg gezeitigt hätte.</p>
<p>Den eigenen Ermittlungsbehörden stand Bauer misstrauisch gegenüber. Er umgab sich daher mit jungen, politisch unbelasteten Staatsanwälten. Einem Freund gegenüber äußerte er einmal, außerhalb seines Amtszimmers fühle er sich wie im &#8222;feindlichen Ausland&#8220;. Im Laufe der Jahre gelangte Bauer zu der Überzeugung, trotz all seiner Bemühungen nichts erreicht zu haben. Resigniert zog er sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Im Juni 1968 starb er vereinsamt in seiner Frankfurter Wohnung.</p>
<p>Fritz Bauer hat keinen geschlossenen Nachlass und nur wenige persönliche Aufzeichnungen hinterlassen. Sein Leben lässt sich fast nur aus den Prozessakten rekonstruieren. In mühevoller Kleinarbeit hat Irmtrud Wojak daher ihre Quellen in zahlreichen Archiven zusammengetragen. Das Ergebnis ist eine sehr lesenswerte und eindringliche Studie über eine der interessantesten Persönlichkeiten der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre. In einer packenden Erzählung zeichnet sie das Leben Fritz Bauers nach, dessen Rechtsverständnis seiner Zeit immer ein Stück voraus war. Gekonnt verortet sie Bauers Wirken im historischen Kontext und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Bundesrepublik. Nicht nur Interessierten am Nationalsozialismus und an der bundesdeutschen Vergangenheitspolitik sei diese gut recherchierte Biographie zur Lektüre empfohlen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/187-vorgaenge/publikation/der-auschwitz-anklaeger/">Der Auschwitz-Ankläger</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Vatikan und der Holocaust  gestern und heute</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/204/publikation/der-vatikan-und-der-holocaust-gestern-und-heute/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2009 11:24:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/der-vatikan-und-der-holocaust-gestern-und-heute/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Eine Ausstellung der Vatikanischen Museen &#252;ber Papst Pius XII. Aus: Mitteilungen Nr. 204 (1/2009), S. 14/15 Pius XII. gilt seit Rolf Hochhuths anklagendem Theaterst&#252;ck &#8222;Der Stellvertreter&#8220; aus dem Jahre 1963 als der Papst, der zum Holocaust geschwiegen hat. Hochhuths in einer Mischung aus historischem Drama und satirischem Pamphlet auf die B&#252;hne gebrachte These: der Papst [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/204/publikation/der-vatikan-und-der-holocaust-gestern-und-heute/">Der Vatikan und der Holocaust  gestern und heute</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Ausstellung der Vatikanischen Museen &uuml;ber Papst Pius XII. Aus: Mitteilungen Nr. 204 (1/2009), S. 14/15</p>
<p>Pius XII. gilt seit Rolf Hochhuths anklagendem Theaterst&uuml;ck &#8222;Der Stellvertreter&#8220; aus dem Jahre 1963 als der Papst, der zum Holocaust geschwiegen hat. Hochhuths in einer Mischung aus historischem Drama und satirischem Pamphlet auf die B&uuml;hne gebrachte These: der Papst habe nichts gegen die Ermordung der europ&auml;ischen Juden getan, durch sein Schweigen den Holocaust geduldet und sich dadurch gar mit schuldig gemacht an der Vernichtung der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung Europas. Kein anderes Theaterst&uuml;ck hatte seit 1945 so f&uuml;r politische Aufregung gesorgt wie Hochhuths &#8222;Stellvertreter&#8220;. Seine Thesen fanden weltweit Resonanz, bis in den Deutschen Bundestag reichte die Diskussion &uuml;ber die Rolle der katholischen Kirche bzw. des Papstes im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Es kam zu Reaktionen in vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern und zu scharfen Protesten von katholischer Seite. Bis in die Gegenwart hinein erhitzt Hochhuths These die Gem&uuml;ter, noch immer wird Pius in der israelischen Holocaust-Gedenkst&auml;tte Yad Vashem wegen seines angeblichen Schweigens zur Judenverfolgung in einer &#8222;Halle der Schande&#8220; dargestellt. Die Kirche verlangt die R&uuml;cknahme dieser von ihr als Diffamierung angesehenen Darstellung &#8211; bisher ergebnislos.</p>
<p>Doch was hat Pius XII., der von 1939 bis 1958 auf dem Heiligen Stuhl sa&szlig;, tats&auml;chlich getan oder nicht getan? W&auml;hrend seiner Zeit als Berliner Nuntius hatte er vor Hitler und dem Nationalsozialismu gewarnt. Als Papst mied er jedoch derart klare Worte gegen die NS-Verbrechen, ein entsprechendes Redemanuskript soll er zerrissen haben. Ihm wird jedoch zugute gehalten, er habe durch Enthaltung Schlimmeres zu verhindern gesucht. Es ist gerade diese Politik der Enthaltung, die ihm nicht nur Hochhuth zum Vorwurf macht. Die im Auftrag des Vatikans erstellte Wanderausstellung &#8222;Opus Justitiae Pax &#8211; Das Werk der Gerechtigkeit ist der Frieden&#8220;, die bis zum 7. M&auml;rz 2009 im Charlottenburger Schloss in Berlin zu sehen war, versuchte diese Politik zu verteidigen. Mit der biographischen Ausstellung &uuml;ber Papst Pius XII. will der Vatikan, wie es im Programmtext hei&szlig;t, &#8222;solide Aufkl&auml;rung ohne Apologetik&#8220; betreiben und das unverzerrte Lebensbild Eugenio Pacellis, des sp&auml;teren Papst Pius XII. zeigen.</p>
<p>In der Ausstellung wird zun&auml;chst der vorbildliche Lebensweg von Pacelli dargestellt, Schautafeln dokumentieren seine Reisen, in Vitrinen sind wertvolle Pontifikalgew&auml;nder und seine Stola zu sehen, erstmals n&ouml;rdlich der Alpen auch die Tiara und der Bischofsring. &#8222;F&uuml;r Freunde von Glanz und Gloria wird [&#8230;] etwas geboten&#8220;, verspricht die Programmank&uuml;ndigung. Auf Schautafel 37 steht jedoch ein Satz, der den apologetischen Ansatz dieser Schau entlarvt: &#8222;Manchmal haben seine humanit&auml;ren Handlungen Erfolg, ein anderes Mal scheitern sie an den Interessen und gegens&auml;tzlichen Zielen der Kriegsparteien. Aus diesen Gr&uuml;nden, und weil der Zweite Weltkrieg vielleicht keinem anderen Krieg des 20. Jahrhunderts gleicht, ist Papst Pacelli eine der entscheidenden Gestalten des 20. Jahrhunderts.&#8220; Warum &#8222;vielleicht&#8220;? Im Zweiten Weltkrieg haben &uuml;ber 55,5 Millionen Menschen ihr Leben verloren, darunter ca. 27,3 Millionen Zivilisten. Im Rahmen eines beispiellosen, staatlich organisierten Massenmordes wurden &uuml;ber 6 Millionen Juden planm&auml;&szlig;ig ermordet. Warum also &#8222;vielleicht&#8220;? Zu aller erst stellt das &#8222;vielleicht&#8220; die Einmaligkeit des Holocaust in Frage, relativiert ihn geradezu. Dar&uuml;ber hinaus ist dieses &#8222;vielleicht&#8220; eine Rechtfertigung. Es unterstellt, dass Papst Pius XII. das wahre Ausma&szlig; des organisierten Mordens nicht bewu&szlig;t war. Gerade er war jedoch ein ausgewiesener Experte der deutschen Verh&auml;ltnisse, hatte viele Jahre als Nuntius in Berlin gelebt und gearbeitet, war unter seinem Vorg&auml;nger Papst Pius XI. ma&szlig;geblich an den Verhandlungen und dem Vertragsabschluss des 1933 unterzeichneten &#8222;Reichskonkordats&#8220; beteiligt, der gegenseitigen staatlichen Anerkennung von Vatikan und Deutschem Reich. Zudem pflegte er mit hohen deutschen W&uuml;rdentr&auml;gern pers&ouml;nliche Freundschaften.</p>
<p>Der letzte Raum der Ausstellung steht unter dem Motto &#8222;Hier h&ouml;ren Sie das Schweigen des Papstes&#8220;. Neben seiner vor einem Mikrophon plazierten Bronzeb&uuml;ste ert&ouml;nt die Stimme von Pius XII. Es sind die einzigen zwei Stellen zu h&ouml;ren, die sich unmittelbar auf den Holocaust beziehen: aus einer Weihnachtsbotschaft der Kurie von 1942 und aus einer Rede des Papstes an die Kardin&auml;le vom 2. Juni 1943. In der Weihnachtsbotschaft hei&szlig;t es: &#8222;Dieses Gel&ouml;bnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die pers&ouml;nlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugeh&ouml;rigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind.&#8220; An die Kardin&auml;le gerichtet erkl&auml;rte Pius XII. im Juni 1943: &#8222;Seid nicht erstaunt, Ehrw&uuml;rdige Br&uuml;der und liebe S&ouml;hne, wenn Wir mit besonders eiliger F&uuml;rsorge auf die Bitten derjenigen antworten, die sich an Uns wenden, die Augen voll von &auml;ngstlichem Flehen, diejenigen, die aufgrund ihrer Nationalit&auml;t oder ihrer Rasse zur Zielscheibe f&uuml;r noch gr&ouml;&szlig;ere Katastrophen und noch heftigere Schmerzen geworden sind und die manchmal sogar, ohne eigenes Verschulden, zur Ausrottung bestimmt sind.&#8220;</p>
<p>In seiner historischen Darstellung &#8222;Papst Pius XII. und der Zweite Weltkrieg&#8220; schreibt Jesuitenparter Pierre Blet: Pius XII. &#8222;setzte alle Hebel, &uuml;ber die er verf&uuml;gte, in Bewegung&#8220;, um die Verfolgten zu retten. &#8222;Er beschr&auml;nkte seine &ouml;ffentlichen Kundgebungen, von denen er sich nichts Gutes erhoffte, auf ein Minimum. Er redete nicht, er handelte.&#8220; Betrachtet man die beiden oben aufgef&uuml;hrten Textstellen, die in der vatikanischen Ausstellung zum Beweis gegen die Hochhuth-Thesen angef&uuml;hrt werden, muss man einr&auml;umen: Nein, der Papst hat nicht geschwiegen! Er &auml;u&szlig;erte sich, jedoch auf eine sehr abstrahierte Art und Weise. Nur die beiden angegebenen Textpassagen sind &uuml;berliefert. In einem Fall handelt es sich um eine an die Kardin&auml;le gerichtete interne &Auml;u&szlig;erung (1943). Die &Auml;u&szlig;erung im anderen Fall, die ver&ouml;ffentlichte Weihnachtsgru&szlig;botschaft, kann wohlwollend noch als &#8222;zur&uuml;ckhaltend&#8220; bezeichnet werden. Das grunds&auml;tzliche Problem am Umgang der katholischen Kirche mit dem Mord an den europ&auml;ischen Juden ist jedoch, dass der Heilige Stuhl ganz offensichtlich die Einmaligkeit und die Ungeheuerlichkeit dieses Ereignisses nicht erkannte.</p>
<p>Aber was gehen uns m&ouml;gliche Fehler und Vers&auml;umnisse des Vatikans in der Vergangenheit heute an? Gibt es nicht bereits seit Jahren einen j&uuml;disch-christlichen Dialog? Tats&auml;chlich darf die Ausstellung nicht schlicht als historische Ausstellung &uuml;ber einen ehemaligen Papst verstanden werden. Der Vatikan verfolgt mit ihr eindeutig kirchenpolitische Ziele, die in ihrem Rahmen getroffenen Aussagen sind als politische Stellungnahme der Kirche zu verstehen. Derzeit befindet sich der von Benedikt XVI. gegen alle Proteste betriebene Prozess der Seligsprechung von Pius XII. in der Endphase. Von sieben Ausstellungsr&auml;umen befasst sich ein Raum mit dem Nachweis, dass sich Pius XII. entgegen allen Vorw&uuml;rfen deutlich gegen Holocaust und Nationalsozialismus ge&auml;u&szlig;ert habe. Als Beleg werden aber nur die beiden zitierten Texte herangezogen. Dies n&auml;hrt den Verdacht, dass hier die anstehende Seligsprechung durch die Darstellung eines &#8222;makellosen Lebensweges&#8220; vorbereitet werden soll.</p>
<p>Eine solche Seligsprechung ist f&uuml;r den Vatikan zun&auml;chst einmal eine kirchenpolitische, ergo eine innenpolitische Entscheidung. Dass derartige Entscheidungen jedoch immer auch eine au&szlig;enpolitische Dimension haben, scheint vom Vatikan regelm&auml;&szlig;ig ignoriert zu werden. Das illustrierten zuletzt die Auseinandersetzungen um die Wiederaufnahme der erzkonservativen Piusbr&uuml;derschaft in die katholische Kirche und die ungl&uuml;ckliche Aufhebung der Exkommunikation des als Holocaustleugner einschl&auml;gig bekannten Bischofs Williamson. Bereits ein Jahr vorher, im Februar 2008, hatte Benedikt XVI. gegen den ausdr&uuml;cklichen Widerstand der Weltbisch&ouml;fe den alten, tridentinischen Messritus wieder zugelassen. In dieser Sonderform der umstrittenen Karfreitagsf&uuml;rbitte wird indirekt zur &#8222;Bekehrung&#8220; der Juden aufgerufen. Die Wiedereinf&uuml;hrung des tridentinischen Me&szlig;ritus kann bereits als Tribut an die Piusbr&uuml;derschaft verstanden werden. Jene Bruderschaft kritisiert die Reinigung liturgischer Texte von antij&uuml;dischen Passagen, genauso wie einige ihrer Vertreter den Holocaust offen leugnen. Bereits im Vorjahr lie&szlig; die Kritik am &#8222;Entgegenkommen&#8220; des Papstes nicht lange auf sich warten: Der Papst ginge von der &Uuml;berlegenheit des christlichen Glaubens aus und halte &#8222;den Dialog mit dem Judentum f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssig&#8220;, monierte etwa Venedigs Oberrabiner Elia Enrico Richetti.</p>
<p>Die Einsch&auml;tzung des Berliner &#8222;Tagesspiegel&#8220;, die &#8222;Kehrtwende&#8220; bei der Karfreitagsbitte und die Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson lasse vermuten, dass die katholische Kirche &#8222;ihren alten Antisemitismus nicht v&ouml;llig &uuml;berwunden&#8220; habe, scheint &uuml;berzogen. Benedikt selbst ist sicherlich kein Antisemit. Seine Kritiker werfen ihm zu Recht vor, in Bezug auf den Holocaust schlicht unsensibel, wenn nicht gar gleichg&uuml;ltig zu sein. Der Kirchendogmatiker Ratzinger stellt auch als Papst die pastorale Sorge um die Einheit der Kirche &uuml;ber alle anderen m&ouml;glichen Implikationen. Kirchenrechtlich ist die Aufhebung der Exkommunikation ein Akt der Vers&ouml;hnung. In diesem Fall hat sich die Kirche mit einer Bruderschaft vers&ouml;hnt, die sich weigert, das zweite vatikanische Konzil anzuerkennen, das allen Menschen die freie Wahl der Religion zugesteht und damit die Grundlage bildet f&uuml;r den interreligi&ouml;sen Dialog. Dass sich die Piusbruderschaft pl&ouml;tzlich von ihren fragw&uuml;rdigen Positionen abwenden k&ouml;nnte, ist mehr als unwahrscheinlich. Stattdessen triumphierte sie bereits am 21. Februar 2009 in der italienischen Tageszeitung &#8222;Il Giornale&#8220;, dass sie nun die katholische Kirche in ihrem Sinne aufrollen werde. Es sind &Auml;u&szlig;erungen wie diese, die viele Gl&auml;ubige bef&uuml;rchten lassen, dass sich die Piusbruderschaft in der katholischen Kirche wie ein Trojanisches Pferd auff&uuml;hren werde.</p>
<p>Dass die Aufhebung der Exkommunikation dieser Traditionalisten und die Vers&ouml;hnung der Kirche mit Vertretern derartiger Positionen nur wenige Tage vor dem Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar bekannt gegeben wurde, musste f&uuml;r viele Opfer zwangsl&auml;ufig einer Verh&ouml;hnung ihres Leids gleichkommen. Der Papst muss sich den Vorwurf gefallen lassen, mit Scheuklappen f&uuml;r das Geschehen um ihn herum kirchliche Innenpolitik zu betreiben, und die kirchliche Einheit nach seinem Verst&auml;ndnis ohne R&uuml;cksicht auf Verluste anzustreben. Er nimmt daf&uuml;r nicht nur die Gefahr einer Beendigung des interreligi&ouml;sen Dialogs in Kauf, sondern auch eine Entfremdung der undogmatischen katholischen Basis. Der Jesuit Alfred Delp, ein Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen Hitler, hat einmal &uuml;ber die Amtsstuben der katholischen Kirche beklagt: &#8222;Die Kirche ist in der Welt. Zu meinen, man k&ouml;nne sich mit Worten, abstrakten Unterscheidungen und mit Totschweigen des entscheidenden Punktes aus den politischen Kontexten herausbegeben, in den man steht, ist weltfremd.&#8220; Dies gilt f&uuml;r die Reaktion Papst Pius XII. auf den Mord an den europ&auml;ischen Juden, ebenso wie f&uuml;r den amtierenden Papst Benedikt den XVI.</p>
<p><i>Dr. Stephan A. Glienke, <br />Research Fellow des Centre for the Study of War, State and Society der University of Exeter und Mitglied des Landesvorstands der Humanistischen Union Niedersachsen</i></p>
<p><i>Die Ausstellung &#8222;OPUS JUSTITIAE PAX &#8211; Das Werk der Gerechtigkeit ist der Frieden&#8220; ist vom 17. M&auml;rz bis zum 3. Mai 2009 im M&uuml;nchner Karmelitersaal zu besichtigen. Weitere Informationen zur Ausstellung unter: </i><a href="http://www.papstpiusxii.de/" target="_blank" rel="noopener"><i>http://www.papstpiusxii.de/</i></a><i>.</i></p>
<p><i>Zur Wiederaufnahme der Piusbr&uuml;derschaft durch Papst Benedikt XVI. und der Relativierung der Ergebnisse des II. Vatikanischen Konzils hat die Humanistische Union am 27.1.2009 in einer Pressemitteilung Stellung bezogen: &#8222;Der Glaube ist teilbar, die Menschenrechte sind es nicht&#8220;, abrufbar unter www.humanistische-union.de/presse/2009/.</i></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/204/publikation/der-vatikan-und-der-holocaust-gestern-und-heute/">Der Vatikan und der Holocaust  gestern und heute</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>verklagt  verschmäht  verboten?</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/201/publikation/verklagt-verschmaeht-verboten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Aug 2008 06:26:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rechtspolitik]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/verklagt-verschmaeht-verboten/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Gerichtliche Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung der SED-Vergangenheit. Aus: Mitteilungen Nr. 201, S. 23-25 Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Leben im real existierenden Sozialismus wird die Lebenswirklichkeit in der ehemaligen DDR verkl&#228;rt und in ein immer milderes Licht ger&#252;ckt. Mit Hilfe von Vereinen betreiben fr&#252;here Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes ihre Interessenpolitik, reden den SED-Staat sch&#246;n und verharmlosen [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/201/publikation/verklagt-verschmaeht-verboten/">verklagt  verschmäht  verboten?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Gerichtliche Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung der SED-Vergangenheit. Aus: Mitteilungen Nr. 201, S. 23-25</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/glienke4.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-4236 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/glienke4-356x450.jpg" alt="verklagt &ndash; verschm&auml;ht &ndash; verboten?" width="356" height="450" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/glienke4-356x450.jpg 356w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/glienke4-267x337.jpg 267w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/glienke4.jpg 450w" sizes="(max-width: 356px) 100vw, 356px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p>Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Leben im real existierenden Sozialismus wird die Lebenswirklichkeit in der ehemaligen DDR verkl&auml;rt und in ein immer milderes Licht ger&uuml;ckt. Mit Hilfe von Vereinen betreiben fr&uuml;here Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes ihre Interessenpolitik, reden den SED-Staat sch&ouml;n und verharmlosen die T&auml;tigkeit des MfS, wie beispielsweise die 1993 in Berlin gegr&uuml;ndete &bdquo;Gesellschaft zur rechtlichen und humanit&auml;ren Unterst&uuml;tzung&#8220;, in der sich ehemalige Angeh&ouml;rige der Grenztruppen, des MfS und der politisch verantwortlichen Organe organisiert haben. In Erinnerungsb&uuml;chern betreiben ehemalige Stasi-Offiziere Geschichtsverklitterung und diskreditieren die historische Aufarbeitung. Ungeniert treten fr&uuml;here T&auml;ter &ouml;ffentlich auf, deuten die Geschichte um und legitimieren die SED-Diktatur. Noch immer finden sie mit ihren Darstellungen ein dankbares Publikum, werden auf Tagungen eingeladen und als Zeitzeugen geadelt.</p>
<p>In j&uuml;ngster Zeit versuchen ehemalige inoffizielle oder hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter mit Einzelklagen zu verhindern, dass ihre Rolle als Werkzeug der SED-Diktatur im Zusammenhang mit Projekten zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit &ouml;ffentlich benannt wird. Ihre Aktivit&auml;ten richten sich vor allem gegen kleinere Vereine, wie Geschichtswerkst&auml;tten und Heimatvereine, die weder &uuml;ber die Kraft noch die finanziellen Mittel f&uuml;r einen langwierigen Rechtsstreit durch alle Instanzen verf&uuml;gen. Aber auch die S&uuml;ddeutsche Zeitung mu&szlig;te bereits den &bdquo;Einsch&uuml;chterungsver-suchen&#8220; (M. Birthler) nachgeben. Mit Berufung auf das Pers&ouml;nlichkeitsrecht wurde sie gezwungen, ganze Artikelpassagen zu schw&auml;rzen.</p>
<p>Im M&auml;rz diesen Jahres hat ein ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter im vogtl&auml;ndischen Reichenbach zun&auml;chst erfolgreich gegen eine Ausstellung geklagt, die von Sch&uuml;lern und ihrem Religionslehrer gestaltet und im &ouml;rtlichen Rathaus pr&auml;sentiert worden ist. Unter dem Titel &bdquo;Stasi, Kirche und Schule &ndash; Christliches Handeln in der DDR&#8220; informiert die Ausstellung u.a. &uuml;ber die T&auml;tigkeit von Stasi-Spitzeln in Kirchenkreisen und wie sich die Menschen dagegen wehrten. Es wird u.a. dargestellt wie der Initiator der Ausstellung, der ehemalige Zwisckauer Dompfarrer Edmund K&auml;bisch und seine Kirchengemeinde von der DDR-Staatssicherheit bespitzelt worden ist. Auf einer der Schautafeln wird der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) &bdquo;Schubert&#8220; mit b&uuml;rgerlichem Namen genannt. Im Jahre 1979 war &bdquo;Schubert&#8220; durch das Ministerium f&uuml;r Staatssicherheit angeworben worden. Jahrelang hatte er f&uuml;r die Stasi die Kreise von DDR-Regimegegnern und kirchliche Gruppen unterwandert und lie&szlig; sich, um Vertrauen zu gewinnen, auch taufen. Durch seine Hinweise sind mehrere Menschen festgenommen worden, vier von ihnen landeten im Gef&auml;ngnis. Als Belohnung &bdquo;f&uuml;r hervorragende Leistungen im Kampf gegen den Feind&#8220; erhielt &bdquo;Schubert&#8220; mehrere Geldpr&auml;mien und eine Reise zu den Olympischen Spielen in Moskau. Heute ist &bdquo;Schubert&#8220; ein erfolgreicher Unternehmer aus Reichenbachs Nachbard&ouml;rfchen Neumark. Durch die Nennung seines Klarnamens in der Ausstellung sieht er seine Pers&ouml;nlichkeitsrechte verletzt. Anfang M&auml;rz 2008 zog er deshalb vor Gericht. Nach Angaben seines Anwalts Thomas H&ouml;llrich, f&uuml;rchtet der ehemalige Stasi-Agent Repressalien. In Reichenbach herrsche &bdquo;Pogromstimmung&#8220;, so der Anwalt. Von der Ausstellung gehe eine Prangerwirkung aus, durch die sein Mandant seine Existenz bedroht sehe.</p>
<p>Das Landgericht Zwickau folgte den Ausf&uuml;hrungen des Kl&auml;gers und wertete die ausgestellten Aktenausz&uuml;ge aus dem Stasi-Archiv als rechtswidrigen Eingriff in das allgemeine Pers&ouml;nlichkeitsrecht des ehemaligen Stasi-Spitzels. Die Nennung seines Namens, so die Richter, k&ouml;nne dessen &bdquo;Ansehen und Wertsch&auml;tzung in der &ouml;ffentlichen Meinung herabw&uuml;rdigen&#8220;. In einer Eilentscheidung untersagte das Gericht die Nennung des Klarnamens und ordnete die Schw&auml;rzung der Schautafel an. Die Ausstellung wurde daraufhin abgebaut.</p>
<p>Der Richterspruch l&ouml;ste Emp&ouml;rung im westlichen Sachsen aus. In Leserbriefen erregten sich B&uuml;rger dar&uuml;ber, dass fr&uuml;here Spitzel nun mit Hilfe von Gerichten die Aufkl&auml;rung und Aufarbeitung behinderten und sich die T&auml;ter von einst nun als Opfer darstellten. Ein beispielloser Vorgang, wie Martin B&ouml;ttger, der Leiter der Chemnitzer Au&szlig;enstelle der Stasi-Unterlagenbeh&ouml;rde meint. &bdquo;Das habe ich noch nicht erlebt, dass ein IM, der seine T&auml;tigkeit nicht bestreitet, einen Anspruch auf Anonymit&auml;t durchsetzt.&#8220; F&uuml;r die Aufarbeitung der DDR-Geschichte sei es wichtig, die T&auml;ter beim Namen zu nennen. Nicht die Namensnennung von Stasi-Spitzeln sei das Unnormale, sondern die Nichtnennung.</p>
<p>Marianne Birthler kritisierte, dass das Gericht bei seiner Eilentscheidung die einschl&auml;gigen Bestimmungen des Stasi-Unterlagengesetzes v&ouml;llig au&szlig;er Acht gelassen hat. Das Gesetz gestattet ausdr&uuml;cklich die Nennung von IM-Klarnamen in der &Ouml;ffentlichkeit. Was die Stasi im Leben von Menschen angerichtet habe, so Birthler, sei das Werk von Menschen und habe Gesichter und Namen. Birthler betont: &bdquo;Der Verrat ist nicht gesch&uuml;tzt. Es ist eine klare Entscheidung des Gesetzgebers, dass Aufarbeitung nicht anonym erfolgt, dass der Verrat benannt wird und die, die fr&uuml;her f&uuml;r das MfS arbeiteten, nicht anonym bleiben.&#8220; Der Gesetzgeber hat die Aufarbeitung der Stasi-Strukturen und die Information dar&uuml;ber, wer die St&uuml;tzen des Stasi-Unterdr&uuml;ckungsapparates waren, als so wichtig eingestuft, dass daf&uuml;r die allgemeinen Pers&ouml;nlichkeitsrechte von Stasi-Mitarbeitern teilweise eingeschr&auml;nkt werden d&uuml;rfen. Die Betroffenen haben das Recht zu erfahren, wer sie konkret ausspioniert hat.</p>
<p>Im Juni 2004 hatte das Leipziger Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass Stasi-Unterlagen an die Presse und an Wissenschaftler nur mit Zustimmung der Betroffenen herausgegeben werden d&uuml;rfen. Anders als das allgemeine Archivrecht unterscheidet der Gesetzgeber im Stasi-Unterlagen-Gesetz zwischen Betroffenen und Mitarbeitern der Stasi. &bdquo;Betroffene&#8220; sind in diesem Sinne ausschlie&szlig;lich die Observierten, nicht jedoch die Observateure. Auch Wissenschaftler, die zur Erforschung des SED-Regimes Einsicht in die Best&auml;nde des ehemaligen MfS nehmen wollen, m&uuml;ssen zuvor bei allen in den jeweiligen Berichten genannten Observierten die Genehmigung auf Akteneinsicht beantragen. W&uuml;rden nun die T&auml;ter ebenfalls zu Betroffenen der eigenen Tat definiert und damit zu Entscheidungsebefugten &uuml;ber die Erteilung von Genehmigungen zur Akteneinsicht erhoben, macht man sie zu Entscheidungstr&auml;gern &uuml;ber die Aufarbeitung der DDR-Verbrechen.</p>
<p>Die Stadt Reichenbach und der Heimatverein Lichentanne, der seine R&auml;umlichkeiten seit 2005 f&uuml;r die Unterbringung von Ausstellungsmaterial zur Verf&uuml;gung gestellt hatte, legten Berufung gegen das Urteil vom 6. M&auml;rz ein. Mit Entscheidung vom 22. April hob das Landgericht Zwickau sein zuvor ergangenes Verbot der Namensnennung wieder auf. Der ehemalige IM &bdquo;Schubert&#8220; hatte seine Klage gegen die falschen Parteien gerichtet, so die Vorsitzende Richterin. Angeklagt waren die Stadt Reichenbach und ein lokaler Heimatverein als Tr&auml;ger der Ausstellung. Diese waren nach Auffassung des Gerichts jedoch nicht f&uuml;r die Namensnennung verantwortlich. Verantwortlich, so das Gericht, ist der fr&uuml;here Pfarrer Edmund K&auml;bisch.</p>
<p>Die kulturpolitische Sprecherin der Gr&uuml;nen-Bundestagsfraktion, Katrin G&ouml;ring-Eckardt, wertet das Urteil als einen &bdquo;Sieg f&uuml;r Aufkl&auml;rung und glaubhafte Aufarbeitung&#8220;. Es schiebe den Versuchen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter und -Funktion&auml;re, &bdquo;ihre &uuml;ble T&auml;tigkeit klein oder sch&ouml;nzureden&#8220; einen Riegel vor. Marianne Birthler bedauert hingegen, dass das Gericht keine inhaltliche, sondern nur eine formaljuristische Entscheidung getroffen hat. Die weitere Rechtsfrage wurde aus &bdquo;prozessualen Gr&uuml;nden&#8220; offengelassen und m&uuml;ssen im Hauptverfahren gekl&auml;rt werden.</p>
<p>Die Kl&auml;gerseite hat es verstanden, den Fall in der &Ouml;ffentlichkeit als einen Widerstreit zwischen den allgemeinen Pers&ouml;nlichkeitsrechten des ehemaligen Stasi-Mitarbeiters und dem Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung darzustellen. Ob dies wirklich der Fall ist, darf zumindest bezweifelt werden. Auch die allgemeinen Pers&ouml;nlichkeitsrechte von ehemaligen Mitarbeitern des MfS sind gesch&uuml;tzt. Sie werden durch die Ausstellung nicht verletzt. Gem&auml;&szlig; &sect; 32 und 34 des Stasi-Unterlagengesetzes brauchen personenbezogene Daten ehemaliger Stasi-Mitarbeiter in Medien, Forschung und historischer Aufarbeitung nicht anonymisiert werden. Dies betrifft jedoch ausschlie&szlig;lich personenbezogene Daten im Zusammenhang mit der Stasi-T&auml;tigkeit. Der Bereich der Privatsph&auml;re und alle &uuml;ber die MfS-T&auml;tigkeit hinaus reichenden Informationen zu den T&auml;tern unterliegen der informationellen Selbstbestimmung. Als Aktion zur historisch-politischen Bildung steht die Nennung der Namen von T&auml;tern im Rahmen der Ausstellung daher im Einklang mit dem Stasi-Unterlagengesetz. Ob dar&uuml;ber hinaus ein &bdquo;&uuml;berwiegendes schutzw&uuml;rdiges Interessen&#8220; des Kl&auml;gers vorliegt, ist zumindest fraglich. Die Person des Kl&auml;gers wird durch die Nennung seines Namens allein und die Darstellung des Falles im Begleittext nicht herabgew&uuml;rdigt. Die Kl&auml;gerseite konnte auch keine Indizien f&uuml;r eine ernsthafte Gef&auml;hrdung von Leben und Gesundheit des IM &bdquo;Schubert&#8220; und seiner Familie vorlegen. Seit Anfang der 1990er Jahre hat die Stasiunterlagenbeh&ouml;rde rund 320.000 Ausk&uuml;nfte &uuml;ber Klarnamen und Stasispitzel erteilt. Zu Hexenjagden oder Selbstjustiz ist es bisher aber noch nicht gekommen, wie Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte f&uuml;r die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit der DDR (BStU) betont. Auch Martin B&ouml;ttger, dem &ouml;rtlichen Vertreter der Beh&ouml;rde, ist kein Fall bekannt, in dem ein fr&uuml;herer Spitzel um seine Sicherheit habe f&uuml;rchten m&uuml;ssen.</p>
<p>Der endg&uuml;ltigen Entscheidung &uuml;ber die Zul&auml;ssigkeit der &ouml;ffentlichen Nennung der Namen ehemaliger Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit wird gro&szlig;e Bedeutung beigemessen, schlie&szlig;lich betrifft sie die Frage der Rechtm&auml;&szlig;igkeit essentieller Teile des Stasi-Unterlagengesetzes und damit grunds&auml;tzlich die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sowohl Marianne Birthler, als auch ihr Amtsvorg&auml;nger Joachim Gauck bef&uuml;rchten gravierende Auswirkungen f&uuml;r die Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Birthler hat bereits wiederholt vor Problemen bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit gewarnt, sollte sich der ehemalige Stasi-Mitarbeiter durchsetzen. Auf ein solches Pr&auml;zedenzurteil k&ouml;nnten sich k&uuml;nftig alle Stasi-IM berufen, die um ihr Ansehen und ihre Wertsch&auml;tzung in der &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;rchten, wenn ihre fr&uuml;here Spitzelt&auml;tigkeit offen gelegt werden w&uuml;rde.</p>
<p>Die Einschr&auml;nkung der &ouml;ffentlichen Aufkl&auml;rung bringt das vereinte Deutschland um eine wichtige Erfahrung seiner totalit&auml;ren Ausw&uuml;chse. Die Zunkunft entscheidet sich in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Noch ist die Wirkungsgeschichte des Kommunismus nicht endg&uuml;ltig erforscht. Nur die Akteneinsicht hilft gegen den kollektiven Ged&auml;chtnisschwund. Es w&auml;re sehr sch&auml;dlich f&uuml;r die demokratische Kultur in Deutschland, wenn die in zahlreichen Geschichtswerkst&auml;tten arbeitenden Jugendlichen und Nicht-Historiker aus Furcht vor drohenden Klagen von Vertretern des SED-Regimes in ihrem Engagement gebremst w&uuml;rden.</p>
<p>Der Anwalt von IM &bdquo;Schubert&#8220; hat bereits eine weitere Klage vor dem Oberlandesgericht Dresden angek&uuml;ndigt und Ausstellungsinitiator K&auml;bisch mit weiteren rechtlichen Schritten gedroht, sollte er &ndash; auch nach der j&uuml;ngsten Aufhebung der einstweiligen Verf&uuml;gung &ndash; erneut den Klarnamen seines Mandanten &ouml;ffentlich benennen. Unter dem Titel &bdquo;Die Stasi macht mobil &ndash; wehret den Anf&auml;ngen&#8220; startete die CDU Zwickau daher bereits einen Spendenaufruf, um den fr&uuml;heren Zwickauer Dompfarrer Edmund K&auml;bisch bei der weiteren juristischen Auseinandersetzung zu unterst&uuml;tzen.</p>
<p>Doch allein die Drohung von Thomas H&ouml;llrich zeigt bereits Wirkung. Auch nach der Aufhebung der einstweiligen Verf&uuml;gung gegen die Ausstellung, vermeidet es die deutsche Presse &bdquo;aus rechtlichen Gr&uuml;nden&#8220; (Der Spiegel), den Namen des Ex-Spitzels in der Berichterstattung zu nennen. Inzwischen geht ein weiterer ehemaliger IM gegen die Ausstellung vor, ebenfalls vertreten durch &bdquo;Schubert&acute;s&#8220; Anwalt H&ouml;llrich.</p>
<p>Stephan A. Glienke<br />arbeitet am Centre for the Study of War, State and Society der Universit&auml;t Exeter und ist Mitglied des Landesvorstandes der HU Niedersachsen</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/201/publikation/verklagt-verschmaeht-verboten/">verklagt  verschmäht  verboten?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
		<media:content url="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/glienke4.jpg" medium="image"></media:content>
            	</item>
		<item>
		<title>Mit der Reichsbahn in den Tod. Zwei Ausstellungen erinnern an das dunkle Erbe der Deutschen Bahn</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/200/publikation/mit-der-reichsbahn-in-den-tod-zwei-ausstellungen-erinnern-an-das-dunkle-erbe-der-deutschen-bahn/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2008 11:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Niedersachsen: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/mit-der-reichsbahn-in-den-tod-zwei-ausstellungen-erinnern-an-das-dunkle-erbe-der-deutschen-bahn/</guid>

					<description><![CDATA[<p>Mitteilungen Nr. 200, Seite 18/19 Ohne die Deutsche Reichsbahn h&#228;tte die NS-Vernichtungsmaschinerie nicht funktionieren k&#246;nnen. Sie schaffte die logistischen Voraussetzungen f&#252;r die Massentransporte aus allen Teilen des von den Deutschen besetzten Europas nach Sobibor, Auschwitz, Treblinka, Majdanek und die anderen Vernichtungslager. Allein in Auschwitz kamen 1942 in 166 Transporten der Reichsbahn ca. 180.000 deportierte Juden [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/200/publikation/mit-der-reichsbahn-in-den-tod-zwei-ausstellungen-erinnern-an-das-dunkle-erbe-der-deutschen-bahn/">Mit der Reichsbahn in den Tod. Zwei Ausstellungen erinnern an das dunkle Erbe der Deutschen Bahn</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Mitteilungen Nr. 200, Seite 18/19</p>
<div><span class="migrated-image"><a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="alignnone wp-image-4247 size-medium" src="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-600x319.jpg" alt="Mit der Reichsbahn in den Tod. Zwei Ausstellungen erinnern an das dunkle Erbe der Deutschen Bahn" width="600" height="319" srcset="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-600x319.jpg 600w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-768x409.jpg 768w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-1000x532.jpg 1000w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-1536x817.jpg 1536w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-2048x1090.jpg 2048w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-800x426.jpg 800w, https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5-450x239.jpg 450w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a></span></p>
<p class="news-single-imgcaption">
</div>
<p>Ohne die Deutsche Reichsbahn h&auml;tte die NS-Vernichtungsmaschinerie nicht funktionieren k&ouml;nnen. Sie schaffte die logistischen Voraussetzungen f&uuml;r die Massentransporte aus allen Teilen des von den Deutschen besetzten Europas nach Sobibor, Auschwitz, Treblinka, Majdanek und die anderen Vernichtungslager. Allein in Auschwitz kamen 1942 in 166 Transporten der Reichsbahn ca. 180.000 deportierte Juden an, 1943 waren es 174 Todesz&uuml;ge mit ca. 220.000 Juden, im Jahr 1944 bef&ouml;rderten rund 300 Z&uuml;ge ca. 650.000 Opfer der &bdquo;Endl&ouml;sung&ldquo; in das Vernichtungslager. Dies sind nur die Zahlen f&uuml;r das Vernichtungslager Auschwitz. Pro Person und Kilometer erhielt die Reichsbahn vier Pfennig f&uuml;r diese Menschentransporte. Die Gesamtzahl allein der j&uuml;dischen Opfer wird auf 6 Millionen gesch&auml;tzt.</p>
<p>Seit Ende Januar 2008 widmet sich die Deutsche Bahn AG in der Ausstellung &bdquo;<i>Sonderz&uuml;ge in den Tod</i>&ldquo; dem Anteil der Reichsbahn an den Deportationen. Nach anf&auml;nglicher Weigerung durch den Bahn-Vorstand soll sie in zahlreichen deutschen Bahnh&ouml;fen gezeigt werden. Leider geschieht dies erst nach einer langwierigen und zum Teil unw&uuml;rdig gef&uuml;hrten Auseinandersetzung um die Ausstellung &bdquo;<i>Zug der Erinnerung</i>&ldquo;. Diese war als private Initiative ins Leben gerufen worden, nachdem sich die Deutsche Bahn AG kategorisch geweigert hatte, eine franz&ouml;sische Ausstellung &uuml;ber deportierte Kinder zu &uuml;bernehmen und in deutschen Bahnh&ouml;fen zu zeigen. Serge und Beate Klarsfeld hatten die Wanderausstellung in Frankreich in Zusammenarbeit mit den franz&ouml;sischen Staatsbahnen organisiert. Sie stellt den Anteil der Eisenbahn an der Deportation und Ermordung von 11.000 Kindern aus Frankreich in exemplarischen Lebensl&auml;ufen dar. In ihnen werden Kinder und deren Familien vorgestellt, deren Schicksale beschrieben und den Ermordeten durch Fotos ein Gesicht gegeben. Die Zahl der von den Nationalsozialisten deportierten und zum &uuml;berwiegenden Teil ermordeten Kinder wird auf &uuml;ber eine Million gesch&auml;tzt.</p>
<p>Der Forderung nach einer Pr&auml;sentation der franz&ouml;sischen Ausstellung auf deutschen Bahnh&ouml;fen hatte die Deutsche Bahn AG finanzielle Gr&uuml;nde und Sicherheitsbedenken entgegen gehalten. Zudem sei ein Bahnhof kein angemessener Ort des Gedenkens. Obwohl die Ausstellung in Frankreich sehr erfolgreich unter breiter Anteilnahme der &Ouml;ffentlichkeit gezeigt worden war, behauptete Bahnchef Mehdorn, in Deutschland m&uuml;sse ein derartiges &bdquo;Shock and go&ldquo;-Konzept auf Bahnsteigen oder in Bahnhofshallen scheitern. Stattdessen verwies er auf die Ausstellung zur Geschichte der deutschen Eisenbahn im Bahnmuseum N&uuml;rnberg.</p>
<p>Mit Unterst&uuml;tzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der Humanistischen Union (HU) und verschiedener B&uuml;rgerrechtsorganisationen und Friedensforen fanden daraufhin an den fr&uuml;heren Transportstrecken zahlreiche Protestaktionen statt, in denen die &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber die Weigerung der Deutsche Bahn AG informiert wurde, eine Ausstellung &uuml;ber das Schicksal der Deportierten auf den deutschen Publikumsbahnh&ouml;fen zuzulassen. Noch im Januar 2007 riefen zahlreiche B&uuml;rgerinitiativen in mehr als zehn deutschen St&auml;dten zu Protest- und Gedenkveranstaltungen in den Bahnh&ouml;fen und Z&uuml;gen des Unternehmens auf und warben darum, auch in deutschen Bahnh&ouml;fen an die Deportierten zu erinnern. Um den Konflikt zu entsch&auml;rfen, bot der Konzern schlie&szlig;lich an, die Ausstellung im Bahnmuseum in N&uuml;rnberg zu pr&auml;sentieren. Die Initiatoren lehnten dies jedoch ab. Sie halten es f&uuml;r wichtig, gerade an den Orten des Geschehens, an den Durchgangsbahnh&ouml;fen f&uuml;r die Massentransporte an die Vernichtung der Opfer der nationalsozialistische &bdquo;Endl&ouml;sung&ldquo; zu gedenken.</p>
<p>Seit dem 8. November 2007 f&auml;hrt nun der &bdquo;Zug der Erinnerung&ldquo; durch Deutschland, gezogen von einer historischen Dampflok, organisiert von dem privaten Verein gleichen Namens und finanziert durch Spenden. In &uuml;ber 30 St&auml;dten macht er Station, in jeder dieser St&auml;dte recherchieren lokale Initiativen, darunter viele Schulen und Privatpersonen, die Schicksale deportierter Jugendlicher aus der Region. Die Ausstellung w&auml;chst dadurch mit jedem Haltepunkt. Gerade junge Menschen sollen auf diese Weise zu einer aktiven Aufarbeitung der Geschichte ihrer Altersgenossen und deren Leidensweg vor &uuml;ber 60 Jahren angeregt werden. Mit der rund 6.000 Schienenkilometer langen Ausstellungsfahrt, die am 8. Mai 2008 im Bahnhof Auschwitz enden soll, werden die Deportationsrouten in die nationalsozialistischen Vernichtungslager nachgezeichnet. In f&uuml;nf Waggons wird der Weg der Opfer mit Fotos, Dokumenten, Film- und Videosequenzen beschrieben, berichten &Uuml;berlebende von den Transporten. Im hinteren Zugteil erm&ouml;glichen ein Computer und eine Handbibliothek die Spurensuche nach deportierten Kindern und Jugendlichen aus den jeweiligen St&auml;dten der Stationen der Wanderausstellung.</p>
<p>Erst durch den &ouml;ffentlichen Druck in der Auseinandersetzung um die franz&ouml;sische Ausstellung &uuml;ber deportierte Kinder sah sich das Unternehmen schlie&szlig;lich gezwungen, die Ausstellung &bdquo;Sonderz&uuml;ge in den Tod&ldquo; zu erarbeiten, die Anfang Februar &ndash; wenn auch zun&auml;chst nur f&uuml;r einige Tage &ndash; in Berlin zu besichtigen war. Erst durch den Druck der &Ouml;ffentlichkeit und die &ouml;ffentlich ge&auml;u&szlig;erten Zweifel an der Bereitschaft des Unternehmens, sich seiner Vorgeschichte und seiner aus der Nachfolgerschaft der Reichsbahn erwachsenden Verantwortung zu stellen, sah sich das Unternehmen veranlasst, die eigene Ausstellung ebenfalls auf Bahnh&ouml;fen zu pr&auml;sentieren. Es darf nicht zuletzt auch der positiven Wirkung der Ausstellung &bdquo;Zug der Erinnerung&ldquo; in der &Ouml;ffentlichkeit und den Interventionen zahlreicher B&uuml;rgerrechtsvereine, Gewerkschaften, des Zentralrats der Juden, Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, dem s&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Georg Milbradt, zahlreichen Bundestagsabgeordneten und Gewerkschaften zu danken sein, dass nun auch zumindest Teile der Ausstellung von Serge und Beate Klarsfeld mit aufgenommen wurden. Dass die Ausstellung im Bahnhof am Potsdamer Platz ohne Beteiligung von Hartmut Mehdorn er&ouml;ffnet wurde, l&auml;sst jedoch immer noch Zweifel daran, wie bereitwillig sich das Unternehmen seiner historischen Verantwortung stellt. Dieser Eindruck wird dadurch verst&auml;rkt, dass die Bahn AG den &bdquo;Zug der Erinnerung&ldquo; wie jedes andere Schienenfahrzeug behandelt und ihm die &uuml;blichen Geb&uuml;hren f&uuml;r Trassen- und Bahnhofsnutzung in Rechnung stellt. F&uuml;r die Beleuchtung der Fotos und der letzten, auf Papier geschriebenen und aus den Waggons geworfenen Hilferufe der in den Tod geschickten Kinder erhebt der Konzern Strom- und Anschlussgeb&uuml;hren.</p>
<p>Gegen dieses Verhalten der Bahn haben bereits die Ministerpr&auml;sidenten des Saarlandes, Sachsens und Th&uuml;ringen Stellung bezogen. Auch Landes- und Kommunalpolitiker unterst&uuml;tzten die Forderung, auf die Erhebung der Geb&uuml;hren zu verzichten. Der verkehrspolitische Sprecher des Bundestages schlug Bahn-Chef Mehdorn in einem Brief vor, dem Verein die Geb&uuml;hren r&uuml;ckwirkend als Spende zur Verf&uuml;gung zu stellen. Entsprechende Bitten werden vom Vorstandsb&uuml;ro Mehdorns immer wieder schriftlich zur&uuml;ckgewiesen. Die Ostth&uuml;ringische Zeitung (OTZ) kommentiert: &bdquo;<i>Will die Deutsche Bahn AG ein zweites Mal an den Toten verdienen?</i>&ldquo; Allein der historische Hintergrund der ma&szlig;geblichen Beteiligung des DB-Vorg&auml;ngers Deutsche Reichsbahn &bdquo;<i>verbietet es eigentlich, den Organisatoren Geld f&uuml;r Schienenkilometer, Zwischenstopps oder Strom abzuverlangen.</i>&ldquo;</p>
<p>Ganz anders als ihre Dienstherren agieren dagegen die Mitarbeiter der Bahn, wie Hans-R&uuml;diger Minow, der Sprecher des Tr&auml;gervereins, betont. Von diesen w&uuml;rde dem &bdquo;Zug der Erinnerung&#8220; tagt&auml;glich eine &uuml;beraus gro&szlig;e Unterst&uuml;tzung zuteil. Trotz einiger technischer Probleme sei die Zugfahrt nicht zuletzt wegen der praktischen Hilfe vieler Bahnmitarbeiter erfolgreich verlaufen. In einem Dankesschreiben an die verantwortlichen Bahn-Logistiker in Th&uuml;ringen hei&szlig;t es: &bdquo;<i>Mit Ihnen w&uuml;nschen wir uns, dass der Vorstand der Bahn AG die sch&auml;dliche Kontroverse endlich beendet und Ihrem Beispiel folgt.</i>&ldquo; Der Vorstand des privatisierten, aber immer noch im Staatsbesitz befindlichen Unternehmens, wird dagegen nicht m&uuml;de darauf zu verweisen, dass die Deutsche Bahn AG nicht der Rechtsnachfolger der Reichsbahn sei. Sie ist jedoch Nachfolgerin der beiden Staatsbetriebe Deutsche Bundesbahn und Deutsche Reichsbahn. Beide &uuml;bernahmen nach dem Krieg das Schienennetz der Reichsbahn, deren Fuhrpark und Personal, darunter auch die Lokomotivf&uuml;hrer, die u.a. auch die Deportationsz&uuml;ge gefahren haben und die Verwaltungsfachleute, die die Deportationstransporte logistisch organisiert und die Fahrpl&auml;ne erstellt haben.</p>
<p><i>Stephan A. Glienke<br />arbeitet am Centre for the Study of War, State and Society der Universit&auml;t Exeter und ist Mitglied des Landesvorstandes der HU Niedersachsen</i></p>
<p><b>Hintergrund:</b></p>
<p>Der aktuelle Fahrplan mit den Ausstellungsterminen des &bdquo;Zuges der Erinnerung&ldquo; findet sich auf der Webseite des Projektes:<br /><a href="http://www.zug-der-erinnerung.eu/" target="_blank" rel="noopener">http://www.zug-der-erinnerung.eu/</a></p>
<p>Ein Bericht &uuml;ber die Anf&auml;nge der Diskussion um den &bdquo;Zug der Erinnerung&ldquo; fand sich in den Mitteilungen Nr. 189 (Seite 6): Udo Kau&szlig;, Mit der Reichsbahn in den Tod. Ein zu realisierendes Erinnerungsprojekt.</p>
<p>Der nieders&auml;chsische Landesverband der Humanistischen Union hat sich mit einem <a href="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/PMNDS20080206_OffBrief.pdf">offenen Brief an den Bundesverkehrsminister </a>und einer Petition an den Bundestag in die Diskussion um die Ausstellung &bdquo;Zug der Erinnerung&ldquo; eingeschalten &#8211; siehe dazu S. 28 dieser Ausgabe.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/mitteilungen/200/publikation/mit-der-reichsbahn-in-den-tod-zwei-ausstellungen-erinnern-an-das-dunkle-erbe-der-deutschen-bahn/">Mit der Reichsbahn in den Tod. Zwei Ausstellungen erinnern an das dunkle Erbe der Deutschen Bahn</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
		<media:content url="https://www.humanistische-union.de/wp-content/uploads/2021/08/panorama5.jpg" medium="image"></media:content>
            	</item>
	</channel>
</rss>
