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	<title>Thomas Meyer Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die neue Klassengesellschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Dec 2010 15:30:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 192 ( Heft 4/2010), S.113-124 1. Einleitung Die meisten Begriffe und Bilder, mit denen die Gesellschaft sich zu beschreiben ver sucht, stammen unmittelbar aus dem Rüstzeug der Soziologie, allem voran demjeniger der Ungleichheits- und Sozialstrukturforschung. Diese wusste bereits mit ihren früher. Beiträgen zur &#132;Klassengesellschaft&#148; und später dann zur &#132;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#148; (Helmut Schelsky) soziale [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/192-vorgaenge/publikation/die-neue-klassengesellschaft/">Die neue Klassengesellschaft</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>aus: Vorgänge 192 ( Heft 4/2010), S.113-124</p>
<h5>1. Einleitung</h5>
<p>Die meisten Begriffe und Bilder, mit denen die Gesellschaft sich zu beschreiben ver sucht, stammen unmittelbar aus dem Rüstzeug der Soziologie, allem voran demjeniger der Ungleichheits- und Sozialstrukturforschung. Diese wusste bereits mit ihren früher. Beiträgen zur &#132;Klassengesellschaft&#148; und später dann zur &#132;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#148; (Helmut Schelsky) soziale Deutungsbedürfnisse breitenwirksam zu befriedigen. Zum Ausgang des 20. Jahrhunderts monopolisierten dann die Individualisierungs. theorie Ulrich Becks und in ihrem Gefolge zahlreiche Studien zur &#132;Erlebnis&#148;- und &#132;Lebensstilgesellschaft&#148; den zeitdiagnostischen Blick auf die Gesellschaft.</p>
<p>Lässt man die letzten Jahre Revue passieren, so sind frappierende Veränderungen in der Selbstbeschreibung der Gesellschaft und ihrem sozialstrukturellen Leitvokabulai festzustellen. In der politischen und medialen Semantik erfahren Fragen zu Unterschichi und Unterklasse, Reichtum und Armut, Ausgrenzung und Spaltung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit eine neue und zugleich ungeahnte Konjunktur. Und erst recht in dez Soziologie hat die soziale Frage gegenwärtig eine Dringlichkeit und eine Relevanz, wie sie seit Jahrzehnten nicht zu beobachten war. Der Fokus hat sich, vereinfacht gesagt. von der Lebensstil- zur Klassengesellschaft verschoben. Mein Anliegen ist es, dieserr radikalen Perspektivenschwenk in drei Schritten nachzugehen.</p>
<p>Zuerst gilt es in aller Kürze die wesentlichen Spezifika des &#132;lebensstilgesellschaftlichen Paradigmas&#148; zu rekonstruieren. Vor dessen Hintergrund sollen im zweiten Schritt kontrastierend wichtige Konzepte und Befunde skizziert werden, die den derzeitigen soziologischen Ungleichheitsszenarien zu Grunde liegen. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, den sozialen Wandel anhand objektiver Indikatoren nachzuzeichnen, sondern die radikalen Verschiebungen in den rezenten soziologischen Ungleichheitssemantiken und -diskursen auszuloten. Im dritten Schritt werde ich schließlich den Richtungswechsel in den hegemonialen Beschreibungsmodellen der Ungleichheitsordnung zum Anfang des 21. Jahrhunderts als Wiederkehr allgemeiner Interpretationsmuster beschreiben, die dem Bedeutungshof des klassengesellschaftlichen Denkens entstammen.</p>
<h5>II. Das Paradigma der Lebens&shy;stil&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h5>
<p>In der Fachgeschichtsschreibung ist es mittlerweile üblich geworden, die vorherrschen-den Sozialstrukturmodelle und Ungleichheitsanalysen der 1980er und frühen 1990er Jahre als Ära anzusehen, die sich von den Denkfiguren einer Klassengesellschaft, das heißt von einer primär an Berufs- und Einkommenshierarchien ausgerichteten, von oben nach unten verlaufenden Struktur der modernen Gesellschaft verabschiedet. Dieser Bruch kann als so radikal beschrieben werden, dass es angemessen erscheint, hier von einer &#132;Paradigmenrevolution&#148; (Rainer Geißler) zu sprechen. Vorbereitet durch Schelskys bereits erwähntes Bild einer konfliktenthobenen, nivellierten Mittelstandsgesellschaft und beeindruckt von den Modernisierungsschüben der späten 1960er und 1970er Jahre interpretierten zentrale Vertreter der Disziplin den &#132;Übergang von Knappheits- zu Reichtumsungleichheiten&#148; als Epochenbruch. Das Mehr an Geld, Bildung, Wohlstand, Mobilität, Freizeit und sozialer Sicherheit, so die bekannte Argumentation, habe nicht nur die Sozialstruktur verändert, sondern mit der &#132;Erlebnis&#8220;-, &#132;Kultur&#8220;-, &#132;Multioptions&#148;- oder &#132;Lebensstilgesellschaft&#148; regelrecht einen neuen Typus von Gesellschaft hervorgebracht. In ihr dominieren nicht die objektiven Zwänge und Restriktionen, sondern, um es mit Gerhard Schulze (1993), einem der Wortführer des Perspektivenschwenks zu sagen, die autonomen Gestaltungs- und Symbolisierungsleistungen moderner &#132;Menue-Kompositeure&#148;, &#132;Möglichkeitsmanager&#148;, und &#132;Katalogblätterer&#148;. Die durch die Lebensstilsoziologie ausgelöste Zäsur fand aber auch in der Entfernung von dem, was man die normative Kernsubstanz der klassischen, von Karl Marx über Theodor Geiger bis Pierre Bourdieu reichenden Sozialstrukturforschung nennen könnte, ihre Widerspiegelung. Während dort der kritische Blick auf die Gesellschaft, ihre Probleme und Missstände gang und gäbe war, stellten die Paradigmenrevolutionäre, die neu gewonnenen Freiräume des Handelns und der postmodernen Vielfalt der Lebensformen und Lebensstile ins Zentrum ihres Schaffens.</p>
<h5>III. Neue Beschrei&shy;bungs&shy;muster sozialer Ungleich&shy;heit</h5>
<p>Das Paradigma der Lebensstilgesellschaft und der ihr zu Grunde liegende Traum einer harmonisch befriedeten &#132;Gesellschaft des breiten, mittleren Wohlstands ohne allzu große Ausschläge nach oben und unten&#148; (Lessenich/Nullmeier 2006, 10) gehört einstweilen der Vergangenheit an. Spätesten seit Beginn der 1990er Jahre konstatieren prominente soziologische Gegenwartsdiagnostiker wie Ralf Dahrendorf, Richard Sennett und Pierre Bourdieu, dass sich die Lebenschancen für einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung westlich-moderner Gesellschaften kontinuierlich verschlechtern und die Wohlstandsschere immer weiter auseinanderklafft. Mit besonderer Radikalität unter-wirft Bourdieu die Folgeprobleme des von Margaret Thatcher und Ronald Reagan initiierten &#132;neoliberalen&#148; Produktionsregimes und die angebotsorientierte Wende hin zu einem &#132;ökonomischen Laisser-faire-Modell&#148; in den 90er Jahren einer kritischen Analyse. In der Invasion eines hegemonial gewordenen Neoliberalismus erkennt er eine Ideologie, die die Strukturdynamik der westlichen Gesellschaften zunehmend bestimmt. Drastisch charakterisiert er den globalen, auf kurzfristige Gewinne zentrierten Gegenwartskapitalismus &#132;als fleischgewordene Höllenmaschine&#148; (1998, 114), die die Ungleichheil wachsen lässt, den Wohlfahrtsstaat zurückfährt, dauerhafte Unsicherheiten hervorbringt und auf kollektiven Mentalitäten der &#132;precarite&#148; gründet.</p>
<p>Diesen Impulsen folgend sind Fragen zur sozialen Ungleichheit seit geraumer Zeii auch hierzulande wieder zu einem erstrangigen Feld der Forschung geworden. Allerdings fällt es nicht leicht, die verschlungenen Wege auszuloten, die nach der erneuten Weichenstellung in Deutschland eingeschlagen wurden, um sich den veränderten Ungleichheitsverhältnissen in der unübersichtlichen Vielgestaltigkeit ihrer Indizien, Szenarien und Bilder anzunähern. Um zu einer vereinfachenden Übersicht zu gelangen, möchte ich nachfolgend vier Debatten unterscheiden: den Unterschichten- und Prelcaritätsdiskurs, den Exklusionsdiskurs, den Diskurs über die Mittelschichten und schließlich denjenigen über Gerechtigkeitsfragen.</p>
<h5>III.1. Der Unter&shy;schich&shy;ten- und Preka&shy;ri&shy;sie&shy;rungs&shy;dis&shy;kurs</h5>
<p>Der Begriff der Unterschicht gehört zum klassischen Arsenal der Sozialstrulcturforschung. Auch wenn Franz Müntefering, ehemaliger Vorsitzender der SPD, dieses Konzept aus allzu durchsichtigen Beweggründen noch vor wenigen Jahren &#132;lebensfremden Soziologen&#148; anlastete, ist dessen kategorialer Stellenwert unumstritten. Bereits Kinder und Jugendliche lernen im Sozialkundeunterricht etwa anhand des populären &#132;Zwiebel&#148;- (Karl-Martin Bolte) oder &#132;Hausmodells&#148; (Rainer Geißler), dass die bundesdeutsche Gesellschaft neben einer breiten Mittelschicht nicht nur über eine schmale Ober-und eine nicht ganz so schmale Unterschicht verfügt, sondern in der Regel auch, dass alle uns bekannten neuzeitlichen Gesellschaften über stratifizierte Sozialstrukturen verfügen. Zudem sind gerade in den letzten Jahren die empirischen Befunde immer zahlreicher geworden, die etwa anhand der Einkommensverteilung, des Vermögens, der Bildungschancen, der Gesundheitsrisiken oder der Lebenserwartung den streng geschichteten Charakter der bundesdeutschen Gesellschaft belegen und dabei auch solche Gruppen ausweisen, die durch systematische Benachteilungen gekennzeichnet sind. Streiten kann man sich insofern nicht über den Tatbestand, sondern bestenfalls noch darüber, wie groß die Anteile derjenigen Schichten genau sind, die im Kellergeschoss der Gesellschaft existieren.</p>
<p><i>Unterschichtenkultur</i></p>
<p>Dennoch erscheint es überraschend, in welchem Ausmaß Fragen zu den ungeliebten Unterschichten seit einiger Zeit eine Konjunktur erfahren. Einen ersten Anstoß hierzu gaben die Arbeiten des renommierten Berliner Historiker Paul Nolte, die in ihren zentralen Ergebnissen Eingang in die mediale Berichterstattung von <i>Stern </i>(2004/52)<i> Die Zeit </i>(2005/11), Geo-Wissen (2005, H. 35) und<i> Spiegel </i>(2005/35) fanden und dort regelrecht inszeniert und dramatisiert wurden. Nach Noltes Analysen des &#132;neuen Kapitalismus&#148; ist die Langzeitutopie eines kollektiven Aufstiegs der Unterschichten und einer daraus resultierenden relativ homogenen Mittelschichtengesellschaft gescheitert. Stattdessen diagnostiziert er eine wachsende &#132;neue Unterschicht&#148;, die in der Krise des Normalarbeitsverhältnisses wurzelt. Das Interesse der kulturalistischen Klassenanalyse Noltes richtet sich jedoch weniger auf die Welt der Arbeit, sondern auf die Welt der (Massen-)Kultur, der Lebensweisen, der Werte und des Konsums. Ungeachtet aller Individualisierungsannahmen registriert er ein kulturelles Auseinanderdriften von Mittelschichten und Unterschichten, denen er eine zunehmende Verwahrlosung und Abschottung, Bildungsarmut, Fehlernährung, Bewegungsdefizite und nicht zuletzt einen fragwürdigen Medienkonsum attestiert (Nolte 2006).</p>
<p>Ein zweiter wichtiger Anstoß zur Unterschichtendebatte erfolgte im Herbst 2006 durch die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte und viel zitierte Untersuchung &#132;Gesellschaft im Reformprozess&#148;. Auf der Basis einer repräsentativen Befragung der Wahlbevölkerung in Deutschland wurden in der Studie neun Sozialmilieus ermittelt, welche sich auf kulturelle Einstellungen, Wertorientierungen und Selbsteinschätzungen stützen. Besondere Aufmerksamkeit fand der Befund, dass laut Selbsteinschätzung 8 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung als Unterschicht bzw. als &#132;sozial abgehängtes Prekariat&#148; gelten können. Weiterhin sehen sich noch nahezu doppelt so viele der Befragten &#132;gesellschaftlich ins Abseits geschoben&#148; und in jeder Hinsicht als &#132;Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung&#148;. Kennzeichnend für diese Sozialmilieus sei eine Kumulation von Lebensproblemen, allen voran denjenigen der Arbeitslosigkeit und Niedrigeinkommen. Hinzu kommen häufig Verschuldung und Krankheit, schwierige Wohn- und Familienverhältnisse, die sich mental häufig auch in Resignation und einer Distanz zu Demokratie, Politik und Parteien niederschlagen.</p>
<p><i>Prekäre Lebenslagen</i></p>
<p>Die Notlage der Arbeiter, das Elend ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen, ihr Heraus-fallen aus der bürgerlich-modernen Gesellschaft bildete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Kern der sozialen Frage. Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, welch vergleichsweise periphere Stellenwert der &#132;Arbeiterfrage&#148; bei der gegenwärtigen Diskussion der &#132;neuen sozialen Frage&#148; zukommt. Es sind andere Blickwinkel unter denen die Ungleichheitsordnung ins Rampenlicht gerückt wird; etwa dem des wachsenden Niedriglohnsektors in der Industrie und des Dienstleistungsbereichs, der, angefeuert durch die Diskussion über abnehmende Tarifbindung und Mindestlohn, eine bis heute anhaltende Beachtung erfährt. Diese Erörterung überlappt sich mit den Debatten zur Krise des durch Vollzeit, Entfristung und soziale Sicherheit gekennzeichneten Normalarbeitsverhältnisses und der Zunahme atypischer Beschäftigungsformen (Minijobs, Leiharbeit, befristete Arbeit, Teilzeit- und Mehrfachbeschäftigung, &#132;Neue Selbstständigkeit&#8220;).</p>
<p><i>Bildungsarme Jugendliche</i></p>
<p>Eine wichtige Facette im Diskurs zur Unterschichten- und Prekarisierungsproblematik bildet die Gruppe der Heranwachsenden ohne abgeschlossene Berufsausbildung, die sog. Verlierer der Globalisierung, die sich ganz überwiegend aus männlichen Haupt-und Sonderschülern aus niedrigen sozialen Schichten und bestimmten Migrantenmilieus zusammensetzen.</p>
<p>Obwohl die Benachteiligung von bildungs- und qualifikationsarmen Jugendlichen kein neues Phänomen darstellt, kommt ihr unter dem viel zitierten Schlagwort der &#132;Bildungsarmut&#148; derzeit eine große Aufmerksamkeit zu. Angesichts des erheblichen Lehrstellenmangels der letzten Jahre und des Rückgangs von Einfacharbeit und Fertigberufen in der Industrie hat sich der Übergang zwischen Schule und Ausbildung für viele Jugendliche zu einer eigenständigen prekäre Lebensphase verselbständigt. Denn in d&#8217;em Maße, in dem ein mittlerer Schulabschluss und eine abgeschlossene Ausbildung als Standard für den Zugang zum Arbeitsmarkt fungieren und sich das erwartete Vorbildungsniveau nach oben verschiebt, setzt ein verstärkter Verdrängungswettbewerb ein und die Nachfrage nach gering Qualifizierten verringert sich. Im Zusammenspiel mit Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt stellt zudem noch die Verschlechterung der Heiratschancen bzw. der Aufschub von Partnerschaft und Familie ein folgenreiches Problem der Ausbildungslosigkeit dar.</p>
<h5>III.2. Exklu&shy;si&shy;ons&shy;dis&shy;kurs</h5>
<p>Die Frage nach dem Ausmaß, der Gestalt und der Kultur der Unterschichten fällt nun auch hierzulande mit einer Diskussion des Exklusionsbegriffs, wie sie in anderen Ländern Europas schon seit fast zwei Jahrzehnten zu beobachten ist, zusammen. Ich beschränke mich darauf, nur einige der wichtigsten Gesichtspunkte aufzulisten, durch die sich dieses neue Konzept zur Analyse sozialer Ungleichheit auszeichnet.</p>
<ul>
<li>Das Exklusionskonzept hebt die zentrale &#150; und durch den säkularen Anstieg der Erwerbsquote von Frauen &#150; noch forcierte Rolle der Erwerbsarbeit als Motor der Inklusion hervor. Sie gilt als der Ort, der materielle Sicherheit bietet, den Platz im sozialstaatlichen Leistungssystem anweist, Teilhabechancen am Konsum ermöglicht, langfristige biografische Lebensplanungen sichert und soziale Identität stiftet.</li>
<li>Dementsprechend setzt es sich im Gegenzug in besonderer Weise mit dauerhaft prekären Lebenslagen vor allem im Zusammenhang mit anhaltender Massen- und Langzeitarbeitslosigkeit sowie Armut auseinander.<br /> Das Konzept darf allerdings nicht als reine Randgruppentheorie missverstanden werden. Ausgehend von der Frage nach den Konstitutionsbedingungen sozialer Ungleichheit drängt es vielmehr desweiteren darauf, vom Rand her ins gesellschaftliche Zentrum vorzudringen.</li>
<li>Das Konzept der Exklusion hebt sich ab von traditionellen Modellen eines Weniger und Mehr im Sinne eines offenen Ungleichheitskontinuums, wie es die Schichtungssoziologie befolgt. Dagegen wird die systematische Ausschließung und Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsteile akzentuiert. Es sind folglich die Schwellen und Brüche, weniger aber die graduelle Differenzen, denen das zentrale Erkenntnisinteresse gilt.</li>
<li>Hierzulande haben sich daher anstelle des Begriffs der &#132;Exkludierten&#148; die Begriffe der &#132;Entbehrlichen&#148; und &#132;Überflüssigen&#148; eingebürgert. Wichtig ist, sie nicht mit den &#132;Verlierern&#148; zu verwechseln (Offe 1996, 274). Denn während <br />Letztere immerhin noch am Spiel teilnehmen, sind die Überflüssigen von der Teilnahme ganz ausgeschlossen; sie haben nicht einmal mehr die Chance, zu den Verlierern zu gehören.</li>
<li>Die Ausgeschlossenen bleiben ungeachtet der begrifflichen Innen-Außen-Semantik &#132;Teil der Gesellschaft&#148;, allerdings mit stark beschränkten Teilhabechancen. Es geht daher genauer besehen um Ausgrenzung in der Gesellschaft, um die Gleichzeitigkeit von Drinnen und Draußen.</li>
<li>Die Ungleichheitsproblematik wird im Kontext des Exklusionsbegriffs auf Fragen der sozialen Anerkennung und Zugehörigkeit ausgeweitet. Denn jenseits der Gefahren materieller Deprivation droht den Exkludierten vor allem auch der Entzug von sozialer Aufmerksamkeit und Geltung. Sie fühlen sich als &#132;Entbehrliche&#148; und haben den Eindruck, nicht mehr gebraucht zu werden. Da-her werden Probleme mangelnder Einbindung in die Solidaritätsbande sozialer und nicht zuletzt familialer Netzwerke besonders hervorgehoben.</li>
</ul>
<h5>III.3. Der Mittel&shy;schich&shy;ten&shy;dis&shy;kurs &ndash; von der Prosperit&auml;t zur Prekarit&auml;t</h5>
<p>Die im Frühjahr 2008 vom Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin publizierten Befunde über das Schmelzen der Mittelschicht haben die fachwissenschaftliche Diskussion über die Krise der gesellschaftlichen Mitte in die breitere Öffentlichkeit getragen und bilden gleichsam die Kehrseite des Unterschichtendiskurses. Da das Bild der Mittelschicht als tragende Säule der Gesellschaft das kulturelle Selbstverständnis der Bundesrepublik über Jahrzehnte bestimmte, kann das bis heute anhaltende Echo dieser Krisendebatte kaum übelraschen. Nach den Ergebnissen des DIW sank der Anteil der Durchschnittsverdiener von 2000 bis 2006 von fast zwei Dritteln auf nahezu die Hälfte. Wobei sich der Schrumpfungsprozess nur zum kleineren Teil durch Aufstiegsprozesse erklären lässt. Viel durchschlagender sind den Ergebnissen des Instituts zufolge, die Abstiegsprozesse nach unten, die vor allem klassische Familienhaushalte betreffen. Die Diskurse über die gesellschaftliche Mitte und damit auch über das gesellschaftliche Oben und Unten bringen freilich nicht allein das Problem einer quantitativ veränderten Schichtungsordnung mit sich. Stellt man sich außerdem die Frage nach den im Hintergrund stehenden gesellschaftlichen Veränderungen, so gilt es gesondert die Umbrüche in der Erwerbswelt und in der wohlfahrtsstaatlichen Politik hervorzuheben.</p>
<p><i>Zum Wandel des wohlfährtsstaatlicheArrangements</i></p>
<p>So unstrittig es inzwischen ist, den Sozialstaat als eine &#132;Errungenschaft der Moderne&#148; zu begreifen, so verbreitet ist es, seinen Gestaltwandel, der sich seit geraumer Zeit voll-zieht, überwiegend kritisch zu kommentieren. Von Bourdieu wird er als &#132;Rückkehr zu einer Art Raubtierkapitalismus&#148; (1998, 44) gegeißelt. Mittlerweile herrscht common sense darüber, die Neuausrichtung der Sozialpolitik in den Kontext wirtschaftlicher Globalisierungsprozesse zu rücken. Danach verschärft die durch die Internationalisierung der Märkte ausgelöste Konkurrenz zwischen Ländern mit unterschiedlichen Lohn-und Produktivitätsniveaus den zwischenstaatlichen Standortwettbewerb und lässt die strukturelle und fiskalische Basis des ehemals so interventionsfreudigen Wohlfahrtsstaates schmelzen. Den auf diese Weise eingeleiteten sozialpolitischen Modellwechsel beschreibt die jüngere Sozialpolitikforschung schlagwortartig als eine Umstellung des Systems der sozialen Sicherung vom Typus des &#132;versorgenden&#148; zum &#132;aktivierenden&#148; oder auch &#132;gewährleistenden&#148; Sozialstaat (Vogel 2007). Während das alte Modell des &#132;sorgenden Staates&#148; (Abram de Swaan) noch eine weit reichende Dämpfung von Wohlstandsunterschieden, den Ausbau von Arbeitnehmerrechten und die Minimierung sozialer Risiken vorgesehen hatte, sind die Vorzeichen inzwischen radikal verändert. Das bisherige Prinzip des Statuserhalts und der Lebensstandardsicherung wurde durch das Prinzip der Gewährleistung einer Grundversorgung abgelöst. Anders gesagt: Mit dem Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge wird das für den Wohlfahrtsstaat konstitutive und fundamentale Versprechen auf die Herstellung und Gewährleistung sozialer Sicherheit ebenso brüchig wie die Erwartung, dass wirtschaftliche Wertzuwächse selbstverständlich der gesellschaftlichen Wohlfahrtsproduktion zugute kommen.</p>
<p><i>Umbrüche in der Erwerbswelt und wachsende Gefühle sozialer Unsicherheit</i></p>
<p>Neben den schon angedeuteten Motoren des arbeitsgesellschaftlichen Wandels (Rück-gang der industriellen und Anstieg der Dienstleistungsbeschäftigung, drastische Entwertung un- und angelernter Industriearbeit) trägt die anhaltende Arbeitsmarktkrise, aber auch der durch die Finanzkrise ausgelöste Verlust des Vertrauens in die Funktionsfähigkeit des Marktes und in die Glaubwürdigkeit ihrer Akteure zu einem in dieser Form bislang unbekannten Klima sozialer Verunsicherung bei. Es sind namentlich die Flexibilisierungsstrategien zur variableren Gestaltung von Arbeitsverträgen, Arbeitszeiten, Arbeitsordnungen und Arbeitseinkommen, die zusammen mit den Schwankungen des Arbeitsmarktes die Arbeitnehmer verstärkt mit Beschäftigungs-, Einkommens- und Gesundheitsrisiken konfrontieren. Bewegliche Arbeitszeiten, projektförmige Strukturen und Leistungsvereinbarungen erhöhen einerseits die Erwartung, sich innerhalb des Unternehmens als eigenverantwortliches und wettbewerbsorientiertes Marktsubjekt zu verstehen und entziehen andererseits der Kalkulierbarkeit und Erwartbarkeit beruflicher Karrieren den Boden.</p>
<p>Aber nicht nur das; Prekarisierungsängste und die Drohung des Arbeitsplatzverlustes lassen die Maxime um sich greifen, dass jede, selbst schlecht bezahlte und sozial ungeschützte Arbeit, die kein individuelles Auskommen ermöglicht, besser ist als überhaupt keine Arbeit. Passend hierzu unternehmen Beschäftigte, die ihre Erwerbslage als prekär bewerten, oftmals Anstrengungen und vorbehaltlose Anpassungsleistungen, um sich geräuschlos in den Betriebsalltag einzufügen. Hier lässt sich auch von einer Variante &#132;symbolischer Gewalt&#148; sprechen, die zur Unterwerfung und unmerklichen Akzeptanz der Ausbeutung zwingt, in dem sich die subjektive Angst in die Köpfe und Körper der Betroffenen einschreibt.</p>
<p>Bislang war es unbekannt, dass sich mit der Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis die Unsicherheiten nicht mehr nur auf die unteren Ränge der Statushierarchie konzentrieren. Jetzt nisten sich die prekären Beschäftigungsverhältnisse mit ihren verstärkten Ängsten vor Degradierung und Arbeitslosigkeit freilich auch in die höheren Etagen der Berufshierarchien ein. Um es in den viel zitierten Worten Bourdieus zu sagen, &#132;Prekarität ist überall&#148;. Dieser Einschätzung entspricht ein Diskursstrang, der sich seit geraumer Zeit der neuen &#132;Verwundbarkeit&#148; (Robert Castel) und Wohlstandsgefährdung der Mittelschichten zuwendet. Das verlorene Lebensgefühl der Sorglosigkeit, das sich aus langfristiger Berechenbarkeit speiste, schlägt sich in Forschungsbefunden nieder, nach welchen sich die ökonomischen Probleme und materiellen Sorgen um die Kinder mit verstärkten Ängsten vor Degradierung und Arbeitslosigkeit verbinden (Böhnke 2005).</p>
<p>Hinzu kommt, dass die Zwänge des demonstrativen Konsums (Thorstein Veblen) und der symbolischen Ausgestaltung der Haushaltsführung das Leben für immer größere Teile der Bevölkerung zu einem Balanceakt werden lassen. Die hohe und noch im Steigen begriffene Zahl überschuldeter Haushalte zeigt, wie weit viele gehen, um ihre Rolle als aktive Konsumenten im Waren- und Dienstleistungskreislauf der Gesellschaft aufrecht erhalten zu können.</p>
<h5>III.4. Gerech&shy;tig&shy;keits&shy;dis&shy;kurs</h5>
<p>Nicht erst durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ist &#132;Gerechtigkeit&#148; zu einem der Leitbegriffe der wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Auseinandersetzungen avanciert. Bereits im Gefolge der wachsenden Ungleichheiten durch die deutsch-deutsche Vereinigung, der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und der Krise der sozialen Sicherungssysteme wurden die Zweifel am Gesellschaftssystem und seinen wohlfahrtsstaatlichen Versprechen auf Aufstieg, Sicherheit und Fairness lauter. Eine Fülle von Umfragen bestätigen diesen Trend: Die Mehrheit der Bürger nehmen ihre Gesellschaft sowohl hinsichtlich der Kluft zwischen arm und reich, als auch was die Verteilung von Einkommen, Löhnen, Vermögen und Teilhabechancen angeht, als immer ungerechter wahr. Und auch das Gefühl, auf Grund der Herkunft benachteiligt zu sein, nimmt zu.</p>
<p>Das paradoxe Bild einer reicher und zugleich ärmer werdenden Gesellschaft spiegelt sich in den Zahlen der Einkommens- und Vermögensstatistik deutlich wider. Danach sind nicht nur die Einkommen an der Spitze der bundesdeutschen Einkommenshierarchie beachtlich gestiegen, sondern zugleich haben sich auch die Armutsquoten erhöht. Und mehr noch als bei den Einkommen haben auf dem Feld des Geld-, Immobilien- und Produktivvermögens die Schieflagen zugenommen.</p>
<p><i>Die meritokratische Illusion</i></p>
<p>Die Hinweise auf eine Erosion der middle class society werden aber nicht nur im ökonomischen, sondern fernerhin im normativen Bereich ersichtlich. Sie betreffen insbesondere das zu den Errungenschaften demokratisch-moderner Gesellschaften zählende Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, nach dem nicht die Herkunft, sondern allein individuelle Anstrengungen den sozialen Status zu begründen vermögen.</p>
<p>Die Leitidee der Leistungsgerechtigkeit findet in der so genannten meritokratischen Triade, die Bildung, Beruf und Einkommen miteinander verknüpft, ihren Ausdruck. Nach diesem Modell haben ungleiche Einkommens- und Berufschancen allein in bildungs- und berufsbezogenen Leistungen und Anstrengungen ihre legitime Grundlage. Umgekehrt gelten jene Ungleichheiten, die sich nicht auf Leistung zurückführen lassen, als illegitim. Dieser Sichtweise entspricht es, die Verteilung der Bildungschancen immer wieder in den Fokus der Forschung zu rücken, zumal der Bildung als Zuteilungsmechanismus gesellschaftlicher Lebenschancen in der postindustriellen Wissensgesellschaft ein wachsender Stellenwert zugeschrieben wird. Einstweilen ist es allseits bekannt, dass von Leistungsgerechtigkeit im hiesigen Bildungssystem kaum die Rede sein kann, sondern von einer meritokratischen Illusion gesprochen werden muss. Nicht zuletzt die international vergleichende PISA-Studie legte einer breiteren Öffentlichkeit schonungslos offen, dass gerade auch das deutsche Bildungssystem zum Nachteil vor allem der Heranwachsenden mit niedriger sozialer Herkunft und mit Migrationshintergrund hochgradig sozial selektiv verfährt Diese hinlänglich bekannte Problematik braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden. Es genügt festzuhalten: Was die Entwicklung der Chancengleichheit angeht, hinken hierzulande die Schulen hinter denen anderer westlicher Demokratien her.</p>
<p><i>Leistungsgerechtigkeit &#150; zur Krise einer, fundamentalen Wertidee</i></p>
<p>Die These, dass mit der Erosion der Leistungsgerechtigkeit eine für die Ungleichheitsordnung entscheidende Wertidee zur Debatte steht, findet in den jüngeren Arbeiten Sighard Neckels (2008) einen prägnanten Niederschlag. Die Kernbotschaft seiner Diagnose lautet: Im Zeitalter des globalen Marktkapitalismus sind es zunehmend Erfolgskriterien, die an die Stelle traditioneller Leistungskriterien treten. In der Erfolgsgesellschaft trete nicht mehr der Markt als meritokratische Institution, welche Leistungen honoriert, in Erscheinung. Statt nach den Prinzipien der Leistungsgerechtigkeit verteile er nach den günstigsten Angeboten, der stärksten Nachfrage und den besten Preisen. In anderen Worten: Märkte seien vor allem anderen an den ökonomischen Resultaten orientiert, gegenüber der Art und Weise ihrer Entstehung sind sie dagegen gleichsam &#132;blind&#148; und &#132;neutral&#148;. Das heißt aber, wenn Leistungen sich hauptsächlich im Markterfolg realisieren, und Markterfolge sich auch leistungsfrei einstellen können, bietet eine Gesellschaft des Marktes keine Gewähr, dass materielle Erfolge den Leistungsnormen entsprechen, die sie doch legitimieren sollen. Soziale Ungleichheit, die sich an den Maßstäben des Markterfolges orientiert, lässt sich nach dieser Argumentation nicht mehr im Deutungshorizont des Leistungsprinzips rechtfertigen. Mit der Hegemonie des Marktmechanismus werde das traditionelle arbeitsgesellschaftliche Grundsatz, der den Status an die Er-träge von Beruf und somit Leistung bindet, ausgehöhlt. Der Stellenwert der leistungsbezogenen Wertschöpfung durch Arbeit verliere zudem dadurch an Geltung, dass die Verwertungschancen von Kapitaleinsätzen mittlerweile soweit angestiegen sei-en, dass Besitz und Vermögen zu eigenständigen Prinzipien der privaten Reproduktion durchaus breiter Bevölkerungsschichten geworden seien. Die neue &#132;Kulturbedeutung des Erfolgs&#148; manifestiere sich daran, wie es in Anlehnung an die klassischen Vorarbeiten von Thorsten Veblen heißt, dass Reichtum, der einst nur als Symbol eigener Anstrengung und Tüchtigkeit Anerkennung fand, nunmehr eine vom Leistungsethos unabhängige Geltung erfahre. Sein Wert strahle auch dann auf seine Besitzer aus, wenn er sich dem Zufall günstiger Umstände verdanke. Prägnante Anschauungsfelder der Erfolgsgesellschaft und ihrer &#132;Wirtschaftskultur der Zufälligkeit&#148; bilden für Neckel zusätzlich noch die Gelegenheitsmärkte&#8220; des Börsen- und Investmenthandels, da sie historisch unbekannte Chancenstrukturen möglich machen. Die Summen, die hier zumeist im Spiel sind, führen die Norm, Aufwand und Ertrag in ein &#132;gerechtes&#148; Verhältnis zu setzten, ad absurdum.</p>
<p>Als weitere Indikatoren moderner Marktgesellschaften fungiere ferner die populäre Erfolgswelt der Medien-, Mode- und Popkultur, deren &#132;Laufsteg- und Aufmerksamkeitsökonomie&#148; eine Vielzahl von Möglichkeiten des Einkommens- und Statuserwerbs jenseits aller Leistungskategorien eröffnet. Als Beispiel &#132;unverdienten&#148; Erfolgs lässt sich laut Neckel schließlich noch die zu beobachtenden Erbschaftswelle anführen, die im Sinne eines ständischen Ungleichheitsprinzips auf der einen Seite die Gruppe der &#132;geborenen Gewinner&#148; und auf der anderen Seite diejenige der &#132;geborenen Verlierer&#148; hervorbringt.</p>
<h5>IV. Res&uuml;mee: Von der Lebensstil- zur neuen Klassen&shy;ge&shy;sell&shy;schaft?</h5>
<p>Wie lässt sich das skizzierte und alles andere als geordnete Bild sozialer Ungleichheit einer übergreifenden Deutung zuführen? Wie können die Diskurse und Befunde zusammenfassend interpretiert werden? Soviel dürfte nach meinem Problemaufriss fest-stehen: Der mit gefälligen Individualisierungstheorien versehene Entwurf einer wohlstandsgewissen Lebensstilgesellschaft hat ebenso wie derjenige einer offenen Aufstiegsgesellschaft seine Deutungsplausibilität und -hoheit eingebüßt. Der Traum vom Ende einer vertikalen Gesellschaftsschichtung ist ausgeträumt, die soziale Frage wird wieder als gesellschaftliches Kardinalproblem wahrgenommen und der lange ins Abseits geratene Begriff des Kapitalismus ist dabei, wieder salonfähig zu werden. Allerdings lassen die in den verschiedenen Diskursfeldern zu Tage tretenden Zugriffsweisen eine begrifflich stringente und theoretisch schlüssige Argumentation vermissen. Den-noch lässt sich auf einer abstrakten Ebene des &#132;klassengesellschaftlichen Denkens&#148;, wie ich abschließend behaupten möchte, so etwas wie ein gemeinsames Band ausfindig machen.</p>
<p>Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es wird hier nicht eine Renaissance der ldee der Klassengesellschaft im alten Gewand mit fest umrissenen Klassen, verstanden als reale Großgruppen mit je eigener Klassenkultur und Klasseninteressen unterstellt. Heute dient die überkommene Rede von der Klassengesellschaft bestenfalls noch als schrille Chiffre, der ein enormes Skandalisier&#149;ungs- und Moralisierungspotential innewohnt. Ansonsten wurde sie zu Recht schon länger in die Asservatenkammer sozialwissenschaftlichen Denkens befördert. Was ich jedoch sagen möchte ist, dass klassengesellschaftlich eingefärbte Interpretationsmuster gleichsam den kleinsten (abstrakten) Nenner der verschiedenen Ungleichheitsdiskurse bilden. Es sind also nicht die Intentionen einer pompösen Etikettierung, die dem diskursiven Erfolge des klassengesellschaftlichen Denkens zu Grunde liegen. Vielmehr sind es in meinen Augen die folgenden sechs Aspekte, die gleichsam als konzeptionelle und empirische Ankerpunkte für die aktuelle zeitdiagnostische Faszination klassengesellschaftlicher Deutungstheoreme ausgemacht werden können.</p>
<p><i>Erstens</i>: Als gleichsam &#132;natürlicher&#148; und nicht zu hintergehender Referenzrahmen des klassengesellschaftlichen Diagnosemodells fungiert die Kapitalismustheorie. In ih-ren aktuellen Varianten legt sie nahe, die Gegenwart etwa als &#132;neuen&#148;, &#132;flexiblen&#148;, &#132;finanzmarktgetriebenen&#148;, &#132;neoliberal-postfordistischen&#148; oder &#132;globalen&#148; Kapitalismus zu beschreiben.</p>
<p><i>Zweitens</i>: Im Sog des entfesselten Kapitalismus ist die Gesellschaft dann vor allem auch als Markt- und Erwerbsgesellschaft anzusehen. Die Globalisierung, der Arbeitsmarkt, Erwerbsarbeit und Erwerbslosigkeit erscheinen als die entscheidenden Drehscheiben der ungleichen Zuteilung von Lebenschancen, wo zentrale Konflikte der Gesellschaft ausgetragen werden. Zugleich wird, getreu dem Denkmodell de~ &#132;sozialstaatlichen Kapitalismus&#148;, die soziale Ungleichheit vom Wandel der Arbeitswelt, aber auch von den Veränderungen des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements her analysiert.</p>
<p><i>Drittens</i>: Das Denkmodell der neuen Klassengesellschaft geht mit dem gegenwärtig wieder stärker favorisierten Bild einer vertikal-hierarchisch gegliederten Sozialstruktur einher, in der sich Bildung, Einkommen, Vermögen und Lebenserwartung systematisch ungleich verteilen. Im Zusammenspiel mit den Paradoxien des &#132;Markterfolgs&#148; stellt sich zudem die Frage nach der bröckelnden Geltung des Leistungsethos als einem für da5 normative Selbstverständnis der Gesellschaft tragenden Legitimationsprinzip.</p>
<p><i>Viertens</i>: Mit den wiederbelebten klassengesellschaftlichen Deutungsmustern korrespondieren die dichotomen Bilder einer &#132;polarisierten&#148; und &#132;gespaltenen Gesellschaft&#148;, wie sie in der binären Oben-Unten-, Arm-Reich-, Gewinner-Verlierer- oder (exklusionstheoretischen) Drinnen-Draußen-Schematik, aber auch in der Neubetonung der strukturellen Asymmetrie in den Machtverhältnissen zwischen Kapital und Arbeit zur Anwendung kommen. Die Perspektive der Spaltung reflektiert sich zusätzlich in dem Begriff der &#132;sozialen Verwundbarkeit&#148;, der auf die Trennung von gesicherten und prekären Wohlstandspositionen als neuer Ausdrucksform der Zweiklassengesellschaft aufmerksam macht.</p>
<p><i>Fünftens</i>: Es entspricht den Vorgaben der klassischen Schichtungs- und Klassenforschung, wenn Gleichheit und Gerechtigkeit nach den Phasen postmoderner Beliebigkeit in der Ungleichheitsforschung als normative Bezugspunkte wieder stärker in Erscheinung treten. Dieser Ausrichtung folgen die verstärkt auf prekäre Lebenslagen, spezifische Migrantenmilieus, die neuen Unterschichten, die Exkludierten oder das abgehängte Prekariat gerichteten Ungleichheitsanalysen, aber auch die gegenwärtigen sozialtheoretischen Debatten zu Fragen sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe.</p>
<p><i>Sechstens</i>: Im Rückgriff auf Traditionen der Marxschen Ideologielcritik werden in der Sozialstrukturforschung die Widersprüche zwischen Normativität und Realität, gesellschaftlichen Werten und gesellschaftlicher Wirklichkeit wieder vermehrt gebrandmarkt. Neben der materiellen Ungleichheit, den ungleichen Bildungschancen, der neuen Armut und der Verschärfung sozialer Abstiegsrisiken sind es besonders die mit zeitgeistigen Vokabeln wie Flexibilität, Verschlankung, Aktivierung, Eigenverantwortung und Deregulierung verbundenen &#132;neoliberalen&#148; Legitimationsdiskurse und Machtdispositive, die ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.</p>
<p><i>Ausblick</i>: Ob der Erdrutsch in der Selbstbeschreibung, wie er sich in der klassengesellschaftlichen Radikalisierung der Ungleichheitsdebatte ankündigt, eine Zukunft hat, wird sich erweisen. Deutlich dürfte geworden sein, dass dieser neuerliche Perspektivenschwenk sich keinesfalls nur als Folge rein diskursiver Prozesse begreifen lässt. Viel-mehr spiegeln sich hierin die faktischen Transformationen der Lebensverhältnisse, die das Ungleichheitsgefüge nach unten öffnen und Gefühlslagen der Verwundbarkeit hervorbringen. Wie auch immer die zukünftigen theoretischen Zugriffsweisen ausfallen werden; angesichts der komplizierten Überlagerung der Ungleichheits-, Spaltungs- und Spannungslinien, die die Dynamik des spätmodernen Kapitalismus kennzeichnet, wird die Herausforderung, diese analytisch aufzuschließen und kritisch zu durchdringen, so schnell nichts an ihrer Aktualität einbüßen.</p>
<p><b>Literatur</b></p>
<p>Bourdieu, Piei-re (1998): Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, Konstanz.<br />Böhnke, Petra (2005): Teilhabechancen und Ausgrenzungsrisiken in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 37, 31-36.<br />Lessenich, Stephan/Frank Nullnzeier (2006): Einleitung: Deutschland zwischen Einheit und Spaltung.<br />In: Dies (Hg.): Deutschland. Eine gespaltene Gesellschaft, Frankfurt a. M./New York, 7-27. Neckel, Sighard (2008): Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, Frankfurt a. M. Nolte, Paul (2006): Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, Bonn.<br />Schulze, Gerhard (1993): Entgrenzung und Innenorientierung. Eine Einführung in die Theorie der Er-<br />lebnisgesellschaft, in: Gegenwartskunde 42, H. 4, 405 -419.<br />Offe, Claus (1996): Moderne Barbarei: Der Naturzustand im Kleinformat? In: Miller, Max/Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Modernität und Barbarei, Frankfurt a. M., 258-289.<br />Vogel, Berthold (2007): Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft, Hamburg.</p>
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		<title>Gewöhnung an die Mediokratie?</title>
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		<pubDate>Tue, 01 Jun 2010 16:06:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr. 190, Heft 2/2010, S. 92-99 Es gibt Begriffe, Thesen und Theorien, die schon durch den bloßen Ablauf der Zeit an Gewicht und Interesse verlieren, durch die Gewöhnung an sie und die Zustände, auf die sie sich beziehen, obgleich sie fortwirkend Beunruhigendes zum Inhalt haben. Auch Gegebenheiten, die untragbar sind, aber ungerührt aller [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/190-vorgaenge/publikation/gewoehnung-an-die-mediokratie/">Gewöhnung an die Mediokratie?</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aus: vorgänge Nr. 190, Heft 2/2010, S. 92-99</p>
<p>Es gibt Begriffe, Thesen und Theorien, die schon durch den bloßen Ablauf der Zeit an Gewicht und Interesse verlieren, durch die Gewöhnung an sie und die Zustände, auf die sie sich beziehen, obgleich sie fortwirkend Beunruhigendes zum Inhalt haben. Auch Gegebenheiten, die untragbar sind, aber ungerührt aller Kritik trotzen, können denselben Effekt auslösen wie hart gesottene Skandalpolitiker, wenn diese sich nur lange genug im Sattel halten. Von einem bestimmten Zeitpunkt an scheinen sie gegen alle Kritik immun. Diese gewinnt wie zum Hohn dann womöglich auch noch den Anschein des Uneinsichtigen, borniert Gestrigen. Don&#8217;t worry, be happy. Vieles spricht dafür, dass dies für den analytische Begriff der Mediokratie und die für die Demokratie verhängnisvolle Transformation der Öffentlichkeit, die er beschreibt, in exemplarischer Weise zutrifft. Im Wissenschaftsbereich beginnt die in Wahrheit gänzlich unabgegoltene Kritik allmählich zu verstummen und wer nicht als begriffsstutziger Nachzügler erscheinen will, setzt die höchst fragwürdigen Verhältnisse, mit denen wir es im Dreieck von Politik, Massenmedien und Publikum heute zu tun haben, als eine Art unhintergehbarer Realität für alles Weitere voraus.</p>
<p>Hin und wieder melden sich zutiefst frustrierte Journalisten mit gepfefferten Pamphleten zu Wort, die es mitunter sogar in die Hitlisten des Verkaufserfolges schaffen, aber in ihren Wirkungen auf den Journalismus, die Politik, das Publikum eigenartig folgenlos bleiben. Ist die fundamentale Kritik an der Mediokratie zu deren festem Bestandteil geworden?</p>
<p>Dabei geht es ja keineswegs um Kleinigkeiten oder um einen doktrinären Purismus, der nicht kapieren will, dass mediale Aufmerksamkeit und Politikvermittlung nun einmal an die Erfüllung von Aufmerksamkeitsbedingungen geknüpft sind, die Unterhaltsamkeit groß schreiben. Es geht auch nicht darum, dass gute Politik die attraktive Selbstinszenierung nicht scheuen muss. Das Problem sitzt tiefer und es droht sich auf Kosten der demokratischen Qualität von Öffentlichkeit zu verschärfen.</p>
<h2 class="auto-created">Eine koper&shy;ni&shy;ka&shy;ni&shy;sche Wende </h2>
<p>Seit geraumer Zeit sind wir Zeugen einer folgenreichen Transformation der politischen Kommunikationsverhältnisse. Die Parteiendemokratie klassischen Zuschnitts wird zur Mediendemokratie, und wer genauer hinschaut sieht: sie wird zur Mediokratie, zur Herrschaft der medialen Kommunikationsgesetze über Öffentlichkeit <b>und </b>Politik. Die Regeln der medialen Politikdarstellung, unterhaltsam, dramatisierend, personalisiert und mit Drang zum Bild, allesamt der Darstellungskunst des Theaters entlehnt, greifen auf das politische Geschehen selbst über. Die Selektion spektakulärer Ereignisse, die effektsichere Inszenierung der Profis, die weite Teile des Mediensystems bestimmen, regieren zunehmend auch die Politik, nicht lediglich ihre Darstellung, sondern schon den Prozess ihrer Herstellung. Während in der Parteiendemokratie die Medien die Politik beobachten sollten, damit sich die Staatsbürger eine vernünftige Meinung von ihr bilden konnten, beobachten in der Mediendemokratie die politischen Akteure und ihre Berater das Mediensystem, um zu lernen, was sie tun und wie sie sich präsentieren müssen, um auf der Medienbühne einen unangefochtenen Platz zu gewinnen. Auf diese Weise vollzieht sich eine tief greifende Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem, die deren eigene Spielregeln aushebelt. Das geschieht nicht in erster Linie durch einzelne mediale Akteure und ihre speziellen Machtinteressen, sondern durch die Regeln, denen nun alle folgen, die am Aufmerksamkeits-Markt der Öffentlichkeit erfolgreich sein wollen.</p>
<p>Kern der Veränderung ist eine weitgehende Überlagerung der beiden Systeme &#8222;Politik&#8220; und &#8222;Medien&#8220;. Sie geht zu einem erheblichen Teil aus der Wirkungsweise ihrer jeweiligen Funktionsgesetze selbst hervor. Der Zweck von Politik ist die Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen auf demokratischem Weg. Politiksucht aus Legitimationsgründen die Öffentlichkeit, um durch Zustimmung der Meisten Legitimation zu gewinnen. In den unüberschaubar komplexen Gesellschaften der Gegenwart benötigt sie dazu die Massenmedien. In diesem Sinne ist Öffentlichkeit in der Demokratie die entscheidende Machtressource. Das große Problem der Mediokratie beginnt damit, dass die Massenmedien bei jeglicher Darstellung von Politik unvermeidlich ihrer eigenen Logik folgen, um ihrem gesellschaftlichen Funktionszweck, nämlich der Erzeugung von größtmöglicher Aufmerksamkeit für gemeinsame Themen, zu dienen und zwar umso ausschließlicher, je mehr sie am Tropf der Publikumsmärkte hängen.</p>
<p>Die Logik der Massenmedien unterscheidet sich von der komplexen und zeitaufwendigen Logik demokratischer Politik von Grund auf. Sie resultiert aus der Wechselwirkung von zwei aufeinander abgestimmten Regelsystemen. Das erste ist die Selektionslogik, die die Auswahl berichtenswerter Ereignisse so genannten &#8222;Nachrichtenwerten&#8220; unterwirft. Es sind vor allem die folgenden: <i>Personalisierung, Prominenz der handelnden Personen, kurze Dauer des Geschehens, Überraschungswert im Rahmen eingeführter Großthemen, Konflikt, Schaden, ungewöhnliche Erfolge und Leistungen, Kriminalität, räumliche, politische und kulturelle Nähe zum Betrachter.</i> Der Nachrichtenwert eines Ereignisses gilt allen Massenmedien als umso größer, je mehr dieser Faktoren auf es zutreffen.</p>
<p>Das zweite Regelsystem, die Präsentationslogik, besteht aus einem Kanon von Attraktion steigernden Inszenierungsformen für das so ausgewählte Nachrichtenmaterial, um die Maximierung eines anhaltenden Publikumsinteresses zu sichern. Und zwar nicht nur beim Einschalten und Aufblättern, sondern die ganze Zeit. Es herrscht das Gesetz der spannungsreichen theatralischen Inszenierung. Deren Repertoire begrenzt sich in fast allen Medienprodukten, gleichermaßen im Print- und Funkbereich, auf wenige Grund-Modelle. Am häufigsten anzutreffen sind: <i>Personifikation, mythischer Heldenkonflikt, Drama, archetypische Erzählung, Wortgefecht, Sozialrollendrama, symbolhafte Tat, Unterhaltungs-Artistik und sozialintegratives Nachrichtenritual. </i></p>
<p>Es ist das Zusammenwirken dieser beiden Filter, mit Variationen von Medium zu Medium, das die spezifische Logik des Mediensystems ausmacht. Ihr ist alles unterworfen, was das Mediensystem hervorbringt. Sie wirkt als eine zwingende <i>Prä-Inszenierung</i>, die den Zugang zu den Medienbühnen regelt, eine Art <i>apriori </i>der Medienkommunikation.</p>
<p>Das Dilemma ist offensichtlich: Politische Logik und Medienlogik passen nicht recht zusammen. Das letzte Wort hat jedoch immer die Medienlogik, denn die Politik muss auf die Medien-Bühnen, entweder durch ihre Fremddarstellung seitens der Medien, ob sie will oder nicht, oder durch eine vorauseilende Selbstdarstellung, wenn sie das Heft so gut wie eben möglich in der Hand behalten will. Auf Seiten der Politik führt die Schlüsselrolle des Mediensystems für die Erzeugung von Legitimation zur Vermehrung und zur Professionalisierung der Anstrengungen, ein Höchstmaß an Kontrolle über die Darstellung des eigenen Tuns und Lassens im Mediensystem zurückzugewinnen. Zu diesem Zweck mediatisiert sie sich mit Energie und professionellem Rat aus Leibeskräften selbst, sie wird auf weiter Strecke zum &#8222;Politainment&#8220;. Und zwar in jeder Hinsicht: quantitativ und qualitativ. Die Unterwerfung der politischen Logik unter die Medienlogik erfolgt in den Formen der Inszenierung sowie der Auswahl von Themen, Problemlösungen und Personen.</p>
<p>Die Selbst-Mediatisierung ist ein ironisch dialektischer Vorgang. Die Politik unterwirft sich den Regeln der Medien, aber nur um auf diesem Wege die Herrschaft über die Öffentlichkeit zu gewinnen. Und zwar nicht erst nach der getanen Arbeit der Herstellung der Politik, sondern schon ganz am Anfang, wenn es um die Frage geht, was überhaupt hergestellt werden soll, sozusagen was am Medienmarkt verkäuflich ist. Und dann &#8211; da die Herstellung der Politik ja nicht im Verborgenen abläuft &#8211; in allen Phasen ihres Produktionsprozesses.</p>
<p>Vorstellung des Publikums, um die es bei der Hervorbringung politischer Legitimation letztlich geht, folgt ja nicht aus der Herstellung des politischen Produkts, sondern aus seiner Darstellung, die es erst sichtbar macht &#8211; außer freilich den großen Krisen, in denen die Wirklichkeit dem Publikum an allen Filtern vorbei auf den Leib rückt. Im Normallauf kommt die Vorstellung von der Herstellung allein aus ihrer Darstellung. Der analytische Begriff Mediokratie zielt auf den Sachverhalt, dass die mediale Darstellbarkeit zunehmend die ganze Politik regiert und deren eigene Logik in Abhängigkeit davon gerät. Dies geschieht aufgrund der Überzeugungen der politischen Akteure unabhängig davon, ob die Massenmedien wirklich die große Bedeutung für die Vorstellung der Politik im Publikum haben, die sie ihnen zuschreiben. Die professionelle Selbstmediatisierung der Politik nach den Regeln der medialen Aufmerksamkeitslogik ist qualitativ und quantitativ zu einer der Hauptaktivitäten des politischen Systems geworden. In Europa scheint sie nach dem Wegfall des Systemwettbewerbs zu einer Art Ideologieersatz geworden zu sein. Sie verfügt dabei über drei basale Inszenierungsstrategien, die in wechselndem Maße mit Anteilen wirklich vollzogener Herstellungspolitik versetzt sein können. Inszenierung kann, muss aber nicht, auch der schöne Schein des Realen sein. Ihre virtuos gehandhabten Wunderwaffen sind: <i>Event-Politik </i>(Scheinereignisse), <i>Image-Projektion </i>und <i>Scheinhandlung</i>.</p>
<h2 class="auto-created">Tektonische Verschie&shy;bungen im Fundament der Politik </h2>
<p>Es geht aber nicht nur um die Entkoppelung der Darstellung von der Herstellung, sondern um die Veränderung des politischen Gefüges im Ganzen. Die Logik der Mediendemokratie drängt im Normallauf die Parteien und andere vertikale Diskursformationen zwischen Gesellschaft und Staat auf der ganzen Linie an den Rand des Geschehens, auch wenn sie durch ihre Aktivitäten auf der kommunalen Ebene und als politisches Richtungs-Ambiente der Spitzenakteure weiterhin im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit bleiben. Die Medienlogik folgt nämlich einem <i>hartgesottenen Präsentismus</i>. Was zählt, ist nur das Neueste, der gegenwärtige Augenblick, ereignisgeladen. Das Jetzt reiner Echtzeit regiert Interesse und Tempo der Massenmedien. Gestern und Morgen verblassen, für lange Prozesse haben die Medien keine Zeit. Die Parteien, ja das ganze intermediäre System der Vereine, Organisationen und Initiativen, in denen Projekte und Lösungen in langen Beratungen, Verhandlungen, Kompromissen allmählich reifen, also die <i>langsame Zeit der Demokratie </i>selbst, finden keine Gnade vor den Gesetzen der Medienwelt.</p>
<p>Unter dem Druck der ultraschnellen Medienzeit mit ihrem Zwang zur jederzeitigen Sofort-Reaktion ergibt sich die Verdrängung von Mitgliederparteien und Diskurs aus dem Zentrum der Politik fast von selbst. Die schnelle Umfrage, der die passende Inszenierung der sichtbarsten Spitzenakteure auf dem Fuße folgt, ersetzt den abwägenden Diskurs, obgleich doch alle wissen, dass die rasch geäußerte Meinung vor dem gründlicheren öffentlichen Gespräch ihrerseits oft nicht viel mehr sein kann als das Echo der Medieninszenierung bei ihren flüchtigen Betrachtern.</p>
<p>Mit der Vorrangrolle der Medien bei der Auswahl möglicher Spitzenkandidaten vor der innerparteilichen Willensbildung der Parteien, die im Wechselspiel zwischen Medienresonanz, Wahlerfolgen und Kandidatenunterstützung geschieht, ist den politischen Parteien dann auch noch diejenige &#8222;Krönungs-Funktion&#8220; aus der Hand genommen, die ihre zentrale Rolle mitbegründet hat und ihnen das Gewicht einer letzten Richtungskontrolle im politischen Prozess verschaffte. Nun büßen sie ihren kontinuierlichen Einfluss auf die Tagespolitik, ein Stück demokratischer Kontrolle der Politik durch die Gesellschaft, unter dem doppelten Druck von Medienzeit und Medienlogik weitgehend ein. Und auch der Parlamentarismus selbst gerät durch diese Logik in Bedrängnis. Die Fraktionen können oft nur noch nachvollziehen, was ihre Spitzen in der Medienarena längst verkündet haben &#8211; jedenfalls solange diese Erfolg damit haben.</p>
<p>Kein Zweifel, Inszenierungen können auch Inhalte transportieren, und zwar breiter als jede trockene Darlegung. Das wäre ihr demokratisches Potential. Für die Demokratie wirft die Ambivalenz der Inszenierungspolitik zwischen gefälliger Einladung zum Inhaltlichen und reinem Placebo in dem Maße ernste Probleme auf, wie die Unterschiede öffentlich verschwimmen und die Darstellungsregeln den ganzen politischen Prozess beherrschen.</p>
<p>Die vorherrschende Art der Inszenierung von Politik hat für die Republik vor allem zwei Folgen. Die eine ist die Abkoppelung der inszenierten Öffentlichkeit vom tatsächlichen politischen Geschehen, die Verselbständigung der Darstellung gegenüber der Herstellung. Sie erzeugt irreführende Vorstellungen vom Politischen und schmälert die Grundlagen der politischen Urteilsbildung beim Bürger. Die deliberative Qualität des öffentlichen Raumes wird durch seine falsche Ästhetisierung in Frage gestellt. Die andere Folge besteht in einer tief greifenden Veränderung der politischen Logik selbst. Die Marginalisierung von Parteien, Zivilgesellschaft und Parlamenten verändert und mindert die Qualität des politischen Prozess selbst. Die lange Zeit der deliberativen Demokratie hat kaum noch eine Chance in der schönen, neuen Medienwelt. Am Ende bleiben allein die strategischen Kommunikationsspitzen auf der Bühne zurück, die sich sozusagen als politische Kommunikationsunternehmer selbständig machen, unabhängig sogar von ihren eigenen Parteien. Das ist die politische Christiansen-Welt.</p>
<p>Viele Einzelbeispiele zeigen freilich: Politainment kann auch anders sein: inszeniert <i>und </i>der Sache angemessen, unterhaltsam <i>und </i>informativ. Und hier liegt der Unterschied zwischen der generellen Kulturkritik und der empirischen Analyse der Mediokratie. Inszenierungen können, wenn die Medienakteure es darauf anlegen, Ausdruck von Inhalten und Gründen sein. Sie können den Spannungsbogen zwischen der Medienlogik und der Logik der Politik auch so schlagen, dass sich der Inhalt in der Inszenierungsoberfläche zeigt. Damit können sie ein weit größeres Publikum erreichen als Politik pur. Indessen, dieses demokratisches Potential wird selten ausgeschöpft, denn das kostet viel Zeit und damit Geld und es verlangt außer der formalen Medienkompetenz, die schnell erlernt ist und immer Erfolg verspricht, auch noch ein tiefes Inhaltsverständnis, das selten geworden ist und vom großen Publikum womöglich dann nicht einmal erkannt und honoriert wird. Aber eine Handvoll Qualitätsjournalisten in den Print- und Funkmedien zeigt uns, dass diese Gegenwelt möglich bleibt, Inseln für die politischen Aktivbürger.</p>
<h2 class="auto-created">Reflexive Media&shy;ti&shy;sie&shy;rung</h2>
<p>Für die Demokratie enthält die Ambivalenz der Inszenierungspolitik auch Chancen. Angebote zur reflexiven Mediatisierung der Politik als Weg aus der Beziehungskrise zwischen den Inszenierungspartnern aus Politik und Medien machen verantwortungsvolle Qualitätsjournalisten von Zeit zu Zeit, zwar selten mit den gewünschten Folgen, aber doch als Einladung zu einem nachdenklichen Innehalten. Der Zeit-Journalist Bernd Ulrich gab ein Beispiel: &#8222;Der ökonomische Druck, unter dem Zeitungen heute stehen, hat verschiedene Wirkungen, gute wie schlechte. Für diejenigen Medien, die ihr Geld vorwiegend mit politischem Journalismus verdienen, stellt sich eine besondere Herausforderung. Denn Politik- oder Politikerverdrossenheit sind längst endemisch geworden. Wie reagiert politischer Journalismus auf die Tatsache, dass sein Gegenstand immer unpopulärer wird? Zwei Strategien werden genutzt: Entweder der politische Journalist macht sich zum Sprachrohr der Politikerverdrossenheit und der Politikerverachtung, signalisiert, dass er die Politik genauso Ekel erregend und/oder langweilig findet wie die Leser, es aber besser ausdrücken kann. Dann profitiert er eine Weile von den Zerfallserscheinungen des Politischen. Eine nachhaltige Bewirtschaftung seines Berichtsgegenstandes ist das nicht. Der als verachtungsgierig gedachte Leser (wird) zum beständigen Grund für neue Enthemmungen gegenüber dem Gegenstand.</p>
<p>Solche Besinnung auf die Bedingungen der Nachhaltigkeit &#8211; gleichermaßen der Demokratie und ihrer Darstellung &#8211; könnte ein Anfang der Besserung sein. Der Bildersturm ist keine Alternative &#8211; vielleicht aber die gemeinsame Arbeit der Gesellschaft an einer neuen Kultur der Massenmedien. Sie müsste die Medien auch in der Inszenierungsdemokratie zum verlässlichen Anwalt des Publikums machen, der Politik zeigen, was sich in dieser Hinsicht lohnt und was nicht und dann vielleicht doch der Inhaltlichkeit und den langsameren Prozessen auch in der medialen Inszenierungswelt noch eine Chance lassen. Eine Art reflexiver Mediatisierung also. Ganz undenkbar ist das nicht. Versuche werden immer einmal wieder gemacht. Die Inseln angemessener Synthesen von Politik und Medialität im Meer des leeren Politainment könnten wenigstens wachsen und sich vermehren. Verantwortungsbewusste Journalisten, kritischere Bürger und eine lebendige Zivilgesellschaft, die beide stützt, können einiges dazu beitragen, ebenso wie die beharrliche öffentliche Diskussion der herrschenden Zustände.</p>
<h2 class="auto-created">Haltet den Dieb </h2>
<p>Freilich sind die Strategien hochmütiger Selbstimmunisierung seitens der Leitwölfe unter den Einflussjournalisten nicht nur zahl-, sondern auch einflussreicher. Eine ästhetisch drapierte Selbstimmunisierung der Medien, die sie als bloßen Zeugen statt als hauptsächlichen Anstifter der mediokratischen Wende der Politik erscheinen lässt, hat in bewährter Virtuosität soeben Frank Schirrmacher geliefert. Er erklärt, die Inszenierungslastigkeit der Politik, ihre Entleerung von den eigentlichen politischen Inhalten und dem öffentlichen Einstehen für das, was ihre Logik in der Demokratie eigentlich ausmacht, zu einem Problem zwischen Politikern und Publikum, das die Medien mit einem gewissen Bedauern allenfalls beschreiben, registrieren oder beklagen können, zu dem sie aber selbst nichts beitragen. Das Publikum will demzufolge durch geschickte Inszenierungen betrogen werden, weil es ihm auf das Politische gar nicht ankomme und die Politiker, ganz demokratische Diener ihres Herrn, dem Volke, liefern eilfertig das Bestellte.</p>
<p>Wider Willen legt Schirrmacher damit eines der Hauptprobleme der Mediokratie offen. Es besteht in der Kombination von zwei gänzlich in der Verantwortung der Medienakteure, letztlich der Journalisten, liegenden Verhaltensweisen. Die eine ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie immer das letzte Wort behalten, ohne sich in der Öffentlichkeit über Irrtum und Scheitern je Verantwortung ablegen zu müssen: Sie haben immer Recht und sie haben als Gatekeeper der medienbestimmten Öffentlichkeit alle Mittel in der Hand, sich damit am Ende stets durchzusetzen. Macht korrumpiert, wie wir wissen, absolute Macht korrumpiert absolut, wie Lord Acton erkannte, und die Medienmacht des garantierten letzten Wortes verleitet zu einer kommunikativen Arroganz, der Bescheidenheit und erst recht Selbstkritik immer fremder werden. Selbst die Journalisten, die zwei Jahrzehnte lang mit dem bloßen Nachbeten der neoliberalen Parolen bis zum Supergau der Finanzmärkte auf der ganzen Linie versagten, fahren mit ihren herrischen Kommentaren und kritiklosen Berichten fort, als wäre nichts geschehen.</p>
<p>Es kommt hinzu, dass in der Bundesrepublik in den letzten Jahren eine Generation neubürgerlich sozialisierter Nachwuchsjournalisten die Einflusspositionen der Redaktionen besetzt hat, die mit dem Status Quo ihren tiefen Frieden geschlossen hat. Zwei miteinander korrespondierende neubürgerliche Teilmilieus besetzen die Schlüsselrollen der Kommunikationskultur des Landes. Sie werden in den Begriffen der empirischen Sozialforschung <i>neues Bürgertum </i>und <i>moderne Performer </i>genannt. Sie sind das soziale Substrat der mit viel ideologischem Überschuss befrachteten Erfindung der &#8222;neuen Bürgerlichkeit&#8220;, einer durchaus originellen Mischung aus kultureller Dichtung und sozialer Wahrheit, mit einem überaus harten Interessenskern. Das neue Bürgertum neigt zum Cocooning, zum angenehmen Leben mit Freunden und Familie, gegen jede öffentliche Zumutung. Seine unstillbaren Abstiegsängste beschwichtigt es mit forciertem Berufserfolg, demonstrativer Leistungsorientierung und einem nach unten ostentativ abgrenzenden &#8222;bürgerlichen&#8220; Habitus. Durchaus passend dazu, dass man Sloterdijks artistischen Privatheroismus als Gloriole dazu erkürt. Die Sinn-Dichtung zur &#8222;neuen Bürgerlichkeit&#8220; kommt von einem fest bei den modernen Performern verankerten offensiven Journalisten-Milieu, zu dem sich geistesverwandte akademische Publizisten gesellen.</p>
<p>Die modernen journalistisch-publizistischen Performer, aus der Art geschlagene Erben des vormaligen Bildungsbürgertums, teilen drei Merkmale: Eine herausgehobene Rolle in den Deutungsapparaten der Mediengesellschaft, privilegierte ökonomische Positionsinteressen im mittleren und gehobenen Angestelltensegment und eine Hinwendung zu kulturellen Normen und gesellschaftlichen Deutungen, die die eigenen sozialen Positionsinteressen &#8222;mainstreamen&#8220; und gleichzeitig die linke Thematisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse systematisch entlegitimieren. Das exemplarische Outing dieses neuen Habitus verdanken wir dem Spiegel-Journalisten Jan Fleischhauer (&#8222;Unter Linken&#8220;). Es scheint, als haben sich spät berufene Fraktionen von Besitz- und Bildungsbürgertum zu einer Art kleiner Kommunikations-Bourgeoisie verschmolzen. Es ist ihre Mentalität, die im Begriffe ist, die mediale Hegemonie im Lande zu erobern.</p>
<h2 class="auto-created">Mit Web 2.0 nun die demokra&shy;ti&shy;sche Wende? </h2>
<p>Ändert nun aber die Verbreitung des Web 2.0 mit seinen historisch beispiellosen Möglichkeiten der massenhaften, selbstbestimmten Partizipation an demokratischen Debatten sowie der Generierung und Verbreitung von Informationen nicht alles? Twitter, Facebook, Youtube und andere soziale Formate sind für das interaktive Mitmachen geschaffen. Alle Inhalte dieser neuen Kommunikationsformen sind nutzergeneriert, nicht mehr von machtvollen Kommunikationszentralen bestimmt und bieten die Chance zu einer beliebig weitgehenden Vernetzung. Schon haben sie mehr als einmal ihr demokratisches, sogar revolutionäres Potential unter Beweis gestellt, etwa beim Sturz des serbischen Diktators Milosevic oder beim Aufstand der Gesellschaft gegen den iranischen Wahlbetrug im Jahr 2009. Vorbei an den staatlich kontrollierten oder domestizierten herkömmlichen Massenmedien Fernsehen, Radio, Zeitungen haben sie sich als geeignetes Instrument zur horizontalen Selbstverständigung gesellschaftlicher Akteure und zur Koordinierung ihres Handelns erwiesen und damit den manipulativen Einfluss der staatlich kontrollierten Großmedien unterlaufen. Im Obama-Wahlkampf verhalf entgegen aller Wahrscheinlichkeit die beispiellose Breitenmobilisierung durch Internetkommunikation dem anfangs chancenlosen Verheißungskandidaten zu einem grandiosen Wahlsieg. Sind das die Vorzeichen eines abermaligen Strukturwandels der Öffentlichkeit, diesmal in Richtung demokratischer Massenteilhabe? Bedeutet dies das absehbare Ende der Mediokratie, auch hier in Deutschland? Auf absehbare Zeit wohl kaum. Die beschriebenen Wirkungen sind, soviel ist erwiesen, in ungewöhnlichen Zeiten unter ungewöhnlichen Bedingungen für einen begrenzten Spielraum möglich und dann tatsächlich in der Lage, die Kommunikationsstrategien der großen Massenmedien zu durchkreuzen. Wie aber bereits die Rückkehr des Übergewichts der Murdoch-Medien in den USA und die erneute Dominanz der manipulativen Netzwerke lokaler Radiostationen mit ihrem wieder gewonnenen öffentlichen Einfluss zeigen, scheint die gesellschaftliche Mobilisierung durch Netzkommunikation als demokratisches Dauerphänomen eher unwahrscheinlich. Nach kurzen Phasen ihres Aufbrandens erobert sich das mediale Establishment den öffentlichen Raum schnell und durchdringend zurück.</p>
<p>Hier zu Lande sind zwei Drittel der Internetnutzer lediglich an Unterhaltung orientiert und nur ein reichliches Viertel an politischen Informationen. Und selbst von diesen sind die wenigsten aktive Kommunikatoren, die übrigen sind bloß passive Konsumenten der Kommunikation der anderen. Die wirklich interaktiven, horizontal vernetzenden Kommunikationsformate, Webseiten unterschiedlicher sozialer Netzwerke und NGOs-Webblogs und Ähnliches sind in ihrer Reichweite auf jeweils kleine Zielgruppen begrenzt, die sich überdies vermutlich weitgehend mit den aktiven Nutzern der Massenmedien decken. Auch die Parteien nutzen die neuen Möglichkeiten nur zaghaft und berauben durch ihre Neigung zur Kommunikationskontrolle ihre Web-Seiten der Attraktivität für jene, die nicht ohnehin an den offiziellen Kommunikationsforen beteiligt sind. Bislang scheinen folglich zwei aus der alten Medienwelt bekannte Tendenzen auch in der neuen Welt des Web 2.0 vorzuherrschen. Zum einen die Fortsetzung der aus der massenmedial bestimmten Öffentlichkeit bekannten Kommunikationsformen mit anderen Mitteln und zum anderen die Reproduktion oder sogar noch Verschärfung kommunikativer Ungleichheiten. Die aktiven Mediennutzer sind immer besser informiert, immer einflussreicher, der schlecht informierte Rest gerät immer weiter ins Hintertreffen. Es zeigt sich, dass nicht die neuen technischen Möglichkeiten, sondern nur die Kultur ihrer Handhabung eine Veränderung erwarten ließe. Sie lässt noch auf sich warten. Die Mediokratie behauptet das Feld. Entwarnung ist nicht in Sicht.</p>
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