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	<title>Uwe H. Bittlingmayer Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Warum Chancengleichheit nicht genügt</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/188-vorgaenge/publikation/warum-chancengleichheit-nicht-genuegt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 20:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>F&#252;r ein Konzept der Bef&#228;higungsgerechtigkeit; aus: vorg&#228;nge Nr. 188, Heft 4/2009, S. 43-52 Dem Bildungssystem kommt f&#252;r die Einl&#246;sung des Grundversprechens b&#252;rgerlich-demokratischer Gesellschaften, dass alle &#8211; und dies unabh&#228;ngig von ihrer sozialen Herkunft &#8211; gleiche Lebenschancen haben sollen, eine zentrale Bedeutung zu: Von staatlich verantworteten Kinderg&#228;rten, Schulen und Hochschulen kann zwar nicht erwartet werden, dass [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/188-vorgaenge/publikation/warum-chancengleichheit-nicht-genuegt/">Warum Chancengleichheit nicht genügt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>F&uuml;r ein Konzept der Bef&auml;higungsgerechtigkeit;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 188, Heft 4/2009, S. 43-52</p>
<p>Dem Bildungssystem kommt f&uuml;r die Einl&ouml;sung des Grundversprechens b&uuml;rgerlich-demokratischer Gesellschaften, dass alle &#8211; und dies unabh&auml;ngig von ihrer sozialen Herkunft &#8211; gleiche Lebenschancen haben sollen, eine zentrale Bedeutung zu: Von staatlich verantworteten Kinderg&auml;rten, Schulen und Hochschulen kann zwar nicht erwartet werden, dass sie die Reproduktion sozialer Ungleichheiten aufheben k&ouml;nnen. Denn f&uuml;r diese sind z.B. auch ungleiche Familieneinkommen und die Vererbung von Geld- und Sachverm&ouml;gen bedeutsam. Durch gleiche Bildungschancen soll jedoch gew&auml;hrleistet werden, dass Kindern und Jugendlichen herkunftsunabh&auml;ngige Qualifizierungsm&ouml;glichkeiten zug&auml;nglich sind und damit sozial gerechte Chancen im Zugang beruflichen Positionen und M&ouml;glichkeiten des sozialen Aufstiegs er&ouml;ffnet werden.[1]</p>
<p>Dass die Realit&auml;ten der schulischen, hochschulischen und beruflichen Bildung dem Anspruch der herkunftsunabh&auml;ngigen Chancengleichheit faktisch nicht gerecht werden, ist durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen immer wieder aufgezeigt worden (s. etwa Reichwein 1985; M&uuml;ller 1998; Schimpl-Neimanns 2000; Deutsches PISA-Konsortium 2002). Problematisch ist aber nicht allein, dass Bildungschancen nachweisbar herkunftsabh&auml;ngig sind, sondern zudem, dass das Bildungssystem den Glauben an eine begabungs- und leistungsgerechte Auslese &#8211; eine &#8222;Illusion der Chancengleichheit&#8220; (Bourdieu/Passeron 1971) &#8211; erzeugt und damit zur Verdeckung und zur Legitimationsbeschaffung der faktischen Privilegierungen und Benachteiligungen beitr&auml;gt (s. Solga 2009).</p>
<p>Erst seit wenigen Jahren ist erneut eine politische Auseinandersetzung mit diesen Sachverhalten in Gang gekommen. In dieser verbinden sich &#8211; wie bereits in der Bildungsreform der 1960er Jahre (s. dazu von Friedeburg 1989: 334ff.) &#8211; bildungs&ouml;konomische Forderungen nach einer volkswirtschaftlich erforderlichen Steigerung des Bildungsniveaus mit einer Kritik sozial ungerechter Bildungsbenachteiligung. Anders als in den 1960er und 1970er Jahren sind die neueren Diskussionen zu den Erfordernissen einer zeitgem&auml;&szlig;en Bildungsreform jedoch nicht von einem sozialdemokratischen Reformoptimismus getragen. Dominant ist vielmehr ein neoliberal und technokratisch gerahmter Bildungsdiskurs, in dem Forderungen nach einer an Prinzipien sozialer Gerechtigkeit orientierten Bildungsreform randst&auml;ndig bleiben und sich im Diskurs &uuml;ber die sog. &#8222;neuen Unterschichten&#8220; auf die Problematisierung von Bildungsarmut, ihre Folgen und Nebenfolgen reduzieren (Allmendinger/Leisering 2003). Auch hier gilt der Grundsatz: Das Problem der Armen ist die Armut, das Problem der Wohlhabenden sind die Armen, die immer wieder &#8211; so nicht zuletzt im Hinblick auf Gewalt und Kriminalit&auml;t &#8211; als bedrohliche Gruppe vorgestellt werden.</p>
<p>Demgegen&uuml;ber sollen im Folgenden &Uuml;berlegungen zu den Erfordernissen einer solchen Bildungspolitik und P&auml;dagogik entwickelt werden, welche ein Verst&auml;ndnis von Bildung als B&uuml;rgerrecht (s. Dahrendorf 1965) sowie als deklariertes Menschenrecht (s. Lohrenscheit 2004) ernst nimmt und sich konsequent an dem Ziel orientiert, Bildungsgerechtigkeit zu erm&ouml;glichen. <i>Dazu gen&uuml;gt es nicht, wie zu zeigen sein wird, formelle Chancengleichheit innerhalb des Bildungssystems anzustreben. Vielmehr bedarf es der Verbindung einer umfassenden Bildungsreform mit einer Gesellschaftspolitik, die dar&uuml;ber hinausgehend auf die &Uuml;berwindung struktureller Benachteiligungen ausgerichtet ist. </i></p>
<h2 class="auto-created">I. Bildung und soziale Ungleich&shy;heiten </h2>
<p>Einige zentrale Ergebnisse der neueren Bildungsforschung (s. dazu u.a. Becker 2009; Konsortium Bildungsberichterstattung 2006; OECD 2009) lassen sich zun&auml;chst wie folgt zusammenfassen:</p>
<ul>
<li>Zusammenh&auml;nge zwischen sozialer Herkunft, insbesondere den Einkommens- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen, der beruflichen Stellung und dem formalen Bildungsniveau der Herkunftsfamilie mit dem schulischen Bildungs-(miss-)erfolg lassen sich f&uuml;r alle OECD-Staaten nachweisen. Sie sind in Deutschland aber &uuml;berdurchschnittlich hoch ausgepr&auml;gt. </li>
<li>Insbesondere f&uuml;r Deutschland gilt: Zusammenh&auml;nge zwischen sozialer Herkunft und Bildungs-(miss-)erfolg l&ouml;sen sich auch dann nicht auf, wenn man die kognitiven F&auml;higkeiten und die Lesekompetenz kontrolliert. So ist die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung bei Kindern der oberen Dienstklasse ca. 2,7mal h&ouml;her als bei Arbeiterkindern, die &uuml;ber gleiche kognitive F&auml;higkeiten verf&uuml;gen und gleiche Leseleistungen erzielen. Eine aktuelle Studie (Uhlig/Solga 2009) hat aufgezeigt, dass im Verh&auml;ltnis zu ihrem kognitiven Leistungsverm&ouml;gen ca. 30 Prozent aller Sch&uuml;ler/innen in Deutschland den falschen Schultypus besuchen und dass die soziale Herkunft von zentraler Bedeutung daf&uuml;r ist, ob Sch&uuml;ler/innen der Gruppe derjenigen zuzurechnen sind, deren kognitives Leistungsverm&ouml;gen in Schulen nicht abgerufen wird. </li>
<li>Die Bildungsexpansion und die Bildungsreformen der 1960er und 1970er Jahre sind nicht folgenlos geblieben. So kommt der Bildungssoziologie Rolf Becker zu der Einsch&auml;tzung (s. Becker 2009), dass sich das Ausma&szlig; der Bildungsprivilegierung von Beamtenkindern gegen&uuml;ber Arbeiterkindern reduziert hat. Ihre Chance, auf das Gymnasium zu wechseln, ist nicht mehr 19mal, sondern &#8222;nur&#8220; noch ca. 8mal besser. Und innerhalb des schulischen Bildungssystems erreichen M&auml;dchen nicht mehr schlechtere, sondern inzwischen etwas bessere Bildungsabschl&uuml;sse als Jungen. Im Unterschied zu Becker argumentiert der Sozialstrukturforscher Rainer Gei&szlig;ler (Gei&szlig;ler 2006) dagegen, dass Arbeiterkinder gegen&uuml;ber Angestellten- und Beamtenkindern im Verlauf der Bildungsexpansion gleichwohl weiter verloren haben, weil sich der Standard der Bildungsabschl&uuml;sse nach oben verschoben hat und Arbeiterkinder in nur relativ geringem Ausma&szlig; von den verbesserten Bildungschancen profitieren. </li>
<li>Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund unterliegen einer zus&auml;tzlichen, nicht zureichend als Effekt der sog. &#8222;ethnischen Unterschichtung&#8220; der Sozialstruktur, und auch nicht zureichend als Folge unterschiedlicher Kenntnisse der deutschen Sprache, erkl&auml;rbaren Benachteiligung. Ihre Chance auf eine Gymnasialempfehlung ist auch bei Kontrolle der kognitiven und sprachlichen F&auml;higkeiten geringer als bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (s. etwa Diefenbach 2009).</li>
<li>Die Wirkungen von Bildungsbenachteiligungen verst&auml;rken sich im Lebensverlauf (Choi 2008). Auch die Wahrnehmung von Weiter- und Fortbildungsangeboten folgt dem so genannten Matth&auml;us-Prinzip (Wer da hat, dem wird gegeben): Wer hohe Bildungstitel hat, nutzt viel h&auml;ufiger Weiter- und Fortbildungs<em>angebote</em> (u.a. Bolder 2006). </li>
</ul>
<h2 class="auto-created">II. Soziale Herkunft und Bildungs&shy;er&shy;folg: Erkl&auml;&shy;rungs&shy;an&shy;s&auml;tze </h2>
<p>Fragt man nach den Ursachen dieser in zahlreichen Studien nachgewiesenen Zusammenh&auml;nge, dann trifft man in der wissenschaftlichen Diskussion auf unterschiedliche Erkl&auml;rungsans&auml;tze, denen heterogene theoretische Modelle zu Grunde liegen. Einflussreich sind <i>erstens </i>Studien, die in der Tradition Raymond Boudons den Zusammenhang von sozialer Lage, au&szlig;erschulischem Kompetenzerwerb, angestrebten Bildungsaspirationen und Kosten-Nutzen-Abw&auml;gungen f&uuml;r Bildungsentscheidungen ins Zentrum stellen (s. dazu etwa Becker 2009); <i>zweitens </i>Untersuchungen, die, h&auml;ufig im Anschluss an Pierre Bourdieu, den Fokus auf sozialstrukturelle und soziokulturelle Prozesse, insbesondere auf die Genese und Verankerung des Bildungshabitus in sozialen Milieus sowie auf klassenspezifische Bildungsstrategien legen (s. dazu etwa Vester 2006). Davon zu unterscheiden sind <i>drittens </i>Theorien institutioneller Diskriminierung, die, bislang v. a. im Hinblick auf Migranten, die Mechanismen untersuchen, die zur unbeabsichtigten, nicht durch individuelle Vorurteile erkl&auml;rbaren Benachteiligung durch Schulen f&uuml;hren (s. dazu Gomolla 2006; Hormel/Scherr 2004: 23ff.). In eine &auml;hnliche Richtung weisen auch Forschungen, die das deutsche F&ouml;rder- und Sonderschulwesen als Form einer &#8222;institutionellen Behinderung&#8220; beschreiben (Powell 2007).[2]</p>
<p>Ohne hier auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen Erkl&auml;rungsans&auml;tzen n&auml;her eingehen zu k&ouml;nnen, sind unseres Erachtens nach die folgenden Zusammenh&auml;nge zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg sowohl theoretisch und empirisch gut begr&uuml;ndbar als auch f&uuml;r die bildungspolitische Diskussion von zentraler Bedeutung:</p>
<p>(1) F&uuml;r schulische Leistungen sind sowohl F&auml;higkeiten und Wissensbest&auml;nde als auch habituelle Dispositionen &#8211; also grundlegende Haltungen im Hinblick auf den Sinn und die Erfolgsaussichten schulischen Lernens, die N&auml;he und Distanz zu den Erwartungen, Kommunikationsstilen usw. von LehrerInnen, ein Wissen dar&uuml;ber, welche Schullaufbahn der eigenen Herkunft angemessen ist &#8211; folgenreich, die zu einem erheblichen Teil vor- und au&szlig;erschulisch erworben und verfestigt werden. In schulische Leistungsbewertungen und darauf bezogene Selektionsprozesse gehen damit &#8211; direkt und indirekt &#8211; Kompetenzen und psychosoziale Dispositionen ein, die nicht in der Schule gelernt und dort als individuelle Begabung des Sch&uuml;lers/der Sch&uuml;lerin sichtbar werden. Selbst wenn Schulen dem Ideal einer strikt objektiven leistungsgerechten Beurteilung der Sch&uuml;ler/innen gerecht w&uuml;rden &#8211; was nachweislich nicht der Fall ist -, w&auml;ren damit keineswegs sozial gerechte Verh&auml;ltnisse erreicht: Denn die schulisch relevante individuelle Begabung ist zu einem erheblichen Teil Ergebnis sozialer Prozesse der vor- und au&szlig;erschulischen Sozialisation im Kontext sozial ungleicher Klassenlagen und Milieus. <i>Eine an Prinzipien der begabungsgerechten individuellen F&ouml;rderung orientierte Schule entkommt folglich dem Reproduktionszusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg nicht</i>. Sie ist aber in der Lage, wie Ergebnisse der Grundschulforschung zeigen (s. Bos u.a. 2003; Ramseger/Wagener 2008), Herkunftseffekte etwas zu verringern, solange Sch&uuml;ler ungleicher Herkunft gemeinsam unterrichtet werden.</p>
<p>(2) <i>Gegliederte Schulsysteme mit ungleichwertigen Bildungsg&auml;ngen und fr&uuml;her Selektion verst&auml;rken Herkunftseffekte eigendynamisch</i>: Ersichtlich kann schulisches Lernen die Auswirkungen vorschulischer Selektion umso weniger ausgleichen, je k&uuml;rzer die Zeit gemeinsamen Lernens ist. W&uuml;rde man Kinder bereits in der ersten Klasse auf unterschiedliche Schultypen verweisen, w&uuml;rde sich die Illusion der Chancengleichheit aufl&ouml;sen. In Hauptschulen sind &#8211; aufgrund der immer selektiveren sozialen Zusammensetzung der Sch&uuml;ler/innen, der schlechteren materiellen Ausstattung der Schulen, nicht zuletzt aber aufgrund der k&uuml;rzeren Schulzeit und des Wissens um den geringen Nutzen des erreichbaren Abschlusses f&uuml;r die weitere Karriere &#8211; erheblich schlechtere Lernbedingungen gegeben als in Gymnasien. Folglich ist eine dreifache Benachteiligung bzw. Privilegierung zu konstatieren: <i>erstens </i>durch die herkunftsbedingten Sozialisationsbedingungen, als mehr oder weniger bildungsf&ouml;rderlicher Kontext, <i>zweitens </i>durch deren Auswirkungen auf Schulleistungen und &Uuml;bergangswahrscheinlichkeiten und <i>drittens </i>durch die Effekte der Verweisung auf Schulen mit ungleichen Lernbedingungen.</p>
<p>(3) Nachweislich gehen nicht nur sozial erzeugte Leistungsunterschiede, sondern auch generelle Einsch&auml;tzungen der Sch&uuml;lerpers&ouml;nlichkeit in die Leistungsbemessung ein. Die diesbez&uuml;glichen impliziten Erwartungshaltungen von LehrerInnen bevorzugen Sch&uuml;ler/innen aus sozialen Herkunftsmilieus mit h&ouml;herem Bildungsniveau (s. Schumacher 2002; Dravenau/Groh-Samberg 2005). Hinzu kommen, wie insbesondere die Forschung zur institutionellen Diskriminierung von Migrantenkindern (s.o.) sowie zum &sbquo;stereotype threat&#8216; (s. Schofield 2006) aufgezeigt hat, aus der Sicht der Lehrkr&auml;fte durchaus rationale, aber in ihren Wirkungen diskriminierende Einsch&auml;tzungen bzgl. des erwartbaren Leistungsverm&ouml;gens von Sch&uuml;ler/innen bestimmter sozialer Gruppen sowie bzgl. der f&uuml;r sie verf&uuml;gbaren materiellen und immateriellen Unterst&uuml;tzung durch die Herkunftsfamilie. Diese f&uuml;hren dazu, dass im Zweifelsfall Empfehlungen f&uuml;r niedrigere Bildungsg&auml;nge ausgesprochen und Bildungsanstrengungen nicht ermutigt werden. Entsprechend wird in Berichten bildungserfolgreicher Migrant/innen deutlich, dass es nicht allein offenkundige Vorurteile waren, sondern gerade auch die wohlmeinenden Ratschl&auml;ge wohlwollender P&auml;dagogInnen, wie z.</p>
<p>B. die gut gemeinte Empfehlung, die eigenen M&ouml;glichkeiten realistisch einzusch&auml;tzen und Selbst&uuml;berforderung zu vermeiden, die zur Reproduktion von Bildungsungleichheiten beitragen (s. Hummrich 2009).</p>
<p>Bereits aus diesen, durch empirische Bildungsforschung nachgewiesenen Zusammenh&auml;ngen lassen sich unschwer bildungspolitische und p&auml;dagogische Folgerungen ableiten. Offensichtlich sind insbesondere eine &Uuml;berwindung der fr&uuml;hen Selektion, etwa durch eine 10-j&auml;hrige gemeinsame Beschulung, eine Angleichung der Schulbesuchsdauer f&uuml;r alle Sch&uuml;ler/innen sowie eine Bildungspolitik und P&auml;dagogik erforderlich, die sich nicht auf die F&ouml;rderung der schulisch sichtbar werdenden individuellen Begabungen beschr&auml;nkt, sondern sich am Ziel der Bef&auml;higungsgerechtigkeit (s. u.) orientiert. Bevor hierauf etwas n&auml;her eingegangen werden kann, ist zun&auml;chst noch knapp auf die engen Zusammenh&auml;nge zwischen gesamtgesellschaftlichen und bildungsspezifischen Ungleichheiten hinzuweisen, die in der gegenw&auml;rtigen Bildungsdiskussion gew&ouml;hnlich ausgeblendet bleiben.</p>
<h2 class="auto-created">III. Bildungs&shy;spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche und gesamt&shy;ge&shy;sell&shy;schaft&shy;liche Ungleich&shy;heiten </h2>
<p>Vor dem Hintergrund der skizzierten Ergebnisse der Bildungsforschung ist davon auszugehen, dass das Ausma&szlig;, in dem soziale Ungleichheiten durch die Gestaltung des Bildungssystems verfestigt, verst&auml;rkt oder aber reduziert wird, durchaus in erheblichem Umfang variabel ist.[3] Eine Aufhebung der herkunftsbedingten Effekte auf den Schulerfolg ist jedoch in Gesellschaften mit erheblichen Ungleichheiten zwischen sozialen Klassen, Schichten und Milieus kein erreichbares Ziel. Obwohl diesbez&uuml;glich aussagekr&auml;ftige, historisch und international vergleichende Analysen kaum (s. u.) vorliegen, kann mit hoher Plausibilit&auml;t angenommen werden, dass die gesamtgesellschaftlichen Auspr&auml;gungen und das gesamtgesellschaftliche Ausma&szlig; sozialer Ungleichheiten f&uuml;r die St&auml;rke des Zusammenhanges von sozialer Herkunft und Bildungserfolg sowie f&uuml;r die Auswirkungen von Bildungsungleichheiten folgenreich sind.</p>
<p>Geradezu als eine soziale Gesetzm&auml;&szlig;igkeit kann formuliert werden: Je ungleicher Gesellschaften insgesamt verfasst sind, umso st&auml;rker sind die Herkunftseffekte auf den Bildungserfolg und umso bedeutsamer sind die Auswirkungen von Bildungsungleichheiten; in eher egalit&auml;ren Gesellschaften sind die Verkn&uuml;pfungen dagegen zugleichschw&auml;cher und folgenloser. Die Plausibilit&auml;t dieser &Uuml;berlegung ergibt sich zun&auml;chst aus der Beobachtung, dass extreme Formen sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung dazu f&uuml;hren k&ouml;nnen, dass sich die allt&auml;gliche Lebensf&uuml;hrung auf ein &Uuml;berleben im Hier und Jetzt reduziert und Anstrengungen, sich aus der vorgefundenen Lage, etwa durch Bildungsaufstiege zu befreien, auf erhebliche objektive Schwierigkeiten sto&szlig;en und sich zugleich subjektiv als aussichtslos darstellen (s. dazu etwa Willis 1979; Dubet/Lapeyronnie 1993). Entsprechend kann angenommen werden, dass die Chancen erfolgreicher Bildungskarrieren dann relativ gleicher sind, wenn die Unterschiede der Verf&uuml;gung &uuml;ber bildungsrelevante Ressourcen zwischen den sozialen Klassen und Schichten gering und die Auswirkungen der sozialen Herkunft auf die schulisch relevanten F&auml;higkeiten und Dispositionen von Sch&uuml;ler/innen nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. <i>Folglich sind die Erfolgsaussichten einer gerechtigkeitsorientierten Bildungspolitik und P&auml;dagogik dann besser, wenn es &#8211; durch Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Steuer- und Sozialpolitik sowie tarifliche Festlegungen &#8211; gelingt, soziale Ungleichheiten der Lebensbedingungen insgesamt zu reduzieren und allen Gesellschaftsmitgliedern Zugang zu existenzsichernder und sinnstiftender Arbeit, sozialer Sicherheit und kultureller Teilhabe zu erm&ouml;glichen. Zugleich gilt, dass sich die negativen Auswirkungen verbleibender Bildungsungleichheiten dann reduzieren, wenn der Abstand zwischen den Privilegien und Benachteiligungen, zu denen Bildung Zugang verschafft, geringer ausf&auml;llt. </i></p>
<p>Anders betrachtet: Bildungsgleichheit bewirkt unter Bedingungen erheblicher gesellschaftlicher Ungleichheiten nichts anderes, als dass in den Konkurrenzk&auml;mpfen um anstrebenswerte Positionen bildungsexterne herkunftsbedingte Merkmale einflussreicher werden, wie dies bei der Besetzung von Elitepositionen ohnehin der Fall ist (s. Hartmann 2002). Zudem war und ist mit erheblichen Anstrengungen der Privilegierten zu rechnen, die Bedingungen aufrecht zu erhalten, die ihren Kindern Zugang zu privilegierten Positionen sichern, die umso aussichtsreicher sind, je st&auml;rker sich sozio&ouml;konomische mit Machtungleichheiten verschr&auml;nken. Denn &#8222;die Geschichte der Bildungsreform zeigt&#8220;, so fasst von Friedeburg (1989: 476) ein Ergebnis seiner Studie zusammen, &#8222;dass &uuml;ber ihren Fortgang nicht p&auml;dagogische Einsichten und organisatorische Konzepte, sondern gesellschaftliche Machtverh&auml;ltnisse entscheiden.&#8220;</p>
<p>Entsprechend l&auml;sst sich zeigen, dass erfolgreiche Prozesse der Bildungsreform in gesamtgesellschaftliche Reformprozesse eingebettet waren: Dass es gelungen ist, die schulische Bildungsbenachteiligung von M&auml;dchen zu &uuml;berwinden, setzt voraus, dass der bis dahin einflussreiche Glaube, dass Frauen weniger intellektuell begabt seien als Jungen, ebenso in Frage gestellt, wie ihr Recht auf eigenst&auml;ndige Erwerbsarbeit durchgesetzt wurde. In ihrer instruktiven Analyse des finnischen Bildungssystems zeigt Gundel Sch&uuml;mer (2009), dass die Durchsetzung eines am Ziel gleicher Erfolgschancen aller sozialen Gruppen ausgerichteten Bildungspolitik und P&auml;dagogik ohne die &#8222;Verankerung des Gleichheitsprinzips in der Religion, der Kultur und der Sozialpolitik&#8220; (ebd.: 49) nicht verstanden werden kann. Bildungspolitische und p&auml;dagogische Programme sind, wie auch in einer vergleichenden Untersuchung von Bildungskonzepten in Einwanderungsgesellschaften deutlich wurde (s. Hormel/Scherr 2004), in hohem Ma&szlig;e von den unterschiedlichen gesellschaftlich einflussreichen Sichtweisen des schulischen Bildungsauftrags und der anzustrebenden sozialen Positionen von Migranten im Sinne eines Konsenses abh&auml;ngig, die Entscheidungen auf allen Ebenen voraussetzen.</p>
<p>Es sind also folgenreiche Zusammenh&auml;nge zwischen gesamtgesellschaftlichen und bildungsspezifischen Ungleichheiten in Rechnung zu stellen: Ein Abbau von Bildungsungleichheiten kann durch Bildungspolitik und P&auml;dagogik allein nur begrenzt erreicht werden und eine Verringerung von Bildungsungleichheiten tr&auml;gt nur begrenzt zum Abbau sozialer Ungerechtigkeit bei.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Bef&auml;hi&shy;gungs&shy;ge&shy;rech&shy;tig&shy;keit statt Chancen&shy;gleich&shy;heit </h2>
<p>Im Sinne der pessimistischen Einsch&auml;tzung Siegfried Bernfelds (1925/1967: 123) l&auml;ge es vor diesem Hintergrund durchaus nahe, festzustellen: &#8222;Sie (die Erziehung, A.S./U.B.) gef&auml;llt dir nicht? Mir auch nicht, mein Freund. Du willst sie &auml;ndern; etwas, ein geringes Detail an ihr &auml;ndern? &Auml;ndere die Gesellschaftsstruktur, das Korrelate Detail an ihr. (&#8230;) Es geht nicht anders. Jeder andere Versuch ist unzul&auml;ngliche Schw&auml;rmerei.&#8220;</p>
<p>Bernfelds Pessimismus in nun aber in dem Ma&szlig; nicht zwingend, wie die sich vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklungen, insbesondere die Ver&auml;nderungen der Qualifikationsanforderungen und der Berufsstruktur sowie die Transformation von der befristet konzipierten Gastarbeitermigration zur Einwanderungsgesellschaft, dem Interesse an einer &Uuml;berwindung tradierter Bildungsungleichheiten R&uuml;ckhalt verschaffen. Empirisch l&auml;sst sich zeigen, dass die Bereitschaft der Bildungsbenachteiligten, ihre Benachteiligung als unver&auml;nderliches soziales Schicksal zu akzeptieren, erodiert und die Legitimationsgrundlagen eines st&auml;ndisch verfassten Bildungssystems damit in Frage gestellt sind.</p>
<p>Damit gewinnen auf Chancengleichheit ausgerichtet Forderungen erneut an Bedeutung. Unseres Erachtens haben Forderungen nach Chancengleichheit aber eine h&auml;ufig &uuml;bersehene Voraussetzung: Chancengleichheit ist nur dann eine zureichende Bestimmung sozialer Gerechtigkeit, wenn auch die unteren Pl&auml;tze in den sozialen Hierarchien noch als zumutbar gelten k&ouml;nnen. Denn nur dann, wenn auch den unteren sozialen Klassen bzw. Schichten eine angemessene Lebensf&uuml;hrung erm&ouml;glicht wird, ist es &uuml;berhaupt akzeptabel, diejenigen, die in der Schule &#8211; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &#8211; zu den Verlieren im idealiter chancengerechten Wettbewerb geh&ouml;ren, auf entsprechende Positionen zu verweisen. Der normative Ma&szlig;stab &sbquo;Chancengleichheit&#8216; ist folglich unter gegenw&auml;rtigen Bedingungen durchaus auch problematisch: <i>Die Verweisung auf soziale Positionen, die durch Armut und soziale Ausgrenzung gekennzeichnet sind, ist auch dann nicht akzeptabel, wenn sie chancengerecht erfolgt. </i></p>
<p>Unseres Erachtens ist es dar&uuml;ber hinaus generell unzureichend und ggf. irref&uuml;hrend, sich allein am Ziel der Herstellung von Chancengleichheit durch eine begabungsgerechte Bildung zu orientieren. Denn schulische Bildung verf&uuml;gt nur &uuml;ber begrenzte M&ouml;glichkeiten, die vorschulisch sozial hergestellten und sich in au&szlig;erschulischen Bildungsprozessen sozial verfestigenden individuellen &#8222;Begabungs&#8220; unterschiede wirksam auszugleichen. Anstrengungen, dies durch den Ausbau einer qualitativ hochwertigen vor- und au&szlig;erschulischen Bildung sowie durch integrative Ganztagesschulen anzustreben, sind gleichwohl dringend erforderlich. Irref&uuml;hrend wird die Forderung nach Chancengleichheit aber dann, wenn sie individualistisch gefasst wird, d.h. die sichtbar werdende Begabung des individuellen Kindes oder Jugendlichen von ihren sozialen Bedingungen abl&ouml;st. Eine Alternative liegt in der Orientierung von Bildungspolitik und P&auml;dagogik am Konzept der Bef&auml;higungsgerechtigkeit im Kontext einer auf die Verringerung sozialer Ungleichheiten ausgerichteten Gesellschaftspolitik.</p>
<p>Der Begriff Bef&auml;higungsgerechtigkeit, wie ihn vor allem Martha Nussbaum (2006) entwickelt hat, r&uuml;ckt dagegen nicht nur die formellen, sondern die faktischen M&ouml;glichkeiten sozialer Gruppen in den Blick, dasjenige Leben zu f&uuml;hren, das sie mit guten Gr&uuml;nden anstreben. Eine bef&auml;higungsgerechte Bildungspolitik und P&auml;dagogik steht folglich vor der Aufgabe, herkunftsunabh&auml;ngige Bildungschancen f&uuml;r die sozialen Klassen, Schichten und Milieus zu gew&auml;hrleisten. Individuelle Bildungsinteressen sowie schulisch relevante F&auml;higkeiten k&ouml;nnen dabei nicht als gegebene Voraussetzungen schulischer Chancengleichheit gelten, sondern als problematische Effekte der sich in sozial ungleichen Lebensbedingungen herstellenden ungleichen &#8222;Begabungen&#8220;. Folglich gen&uuml;gt es nicht, Individuen gem&auml;&szlig; ihren vorgefundenen F&auml;higkeiten und Interessen angemessen zu f&ouml;rdern, wie es reformp&auml;dagogische Konzepte nahe legen. Vielmehr ist es erforderlich, Bildungspolitik und P&auml;dagogik am Ziel auszurichten, gleiche Bildungsf&auml;higkeiten im Verlauf der schulischen Bildungslaufbahn aktiv herzustellen.</p>
<p>Dass dies nicht bedeuten kann, individuelle Unterschiede zu nivellieren und es auch nicht als Downgrading auf ein f&uuml;r alle erreichbares Minimum misszuverstehen ist, scheint uns selbstverst&auml;ndlich zu sein. Durchaus sind wir aber der &Uuml;berzeugung, dass es nicht die Aufgabe des &ouml;ffentlichen Bildungssystems sein kann, den Zugang zu h&ouml;herer Bildung denen vorzubehalten, die daf&uuml;r erforderliche F&auml;higkeiten und Dispositionen gegenw&auml;rtig zu einem erheblichen Teil au&szlig;erschulisch und damit herkunftsabh&auml;ngig erwerben.</p>
<p>[1] Dies impliziert in Hinblick auf Chancengleichheit auch, dass Risiken des sozialen Abstiegs demokratisiert werden, sofern nicht von einer allgemeinen Verbesserung der Lebensbedingungen ausgegangen werden kann. Das ist einer der Hintergr&uuml;nde, warum Debatten um die Verteilung von Bildungschancen mit hoher Wahrscheinlichkeit soziale Konflikte provozieren.</p>
<p>[2] Mindestens ein vierter wichtiger theoretischer Anker in der Debatte um die herkunftsbedingten Bildungsungleichheiten w&auml;re zu benennen: Ans&auml;tze, die den Zusammenhang von Bildung mit Modernisierung bzw. kapitalistischer Vergesellschaftung in den Blick nehmen, kommen zu einer radikalen Kritik gegenw&auml;rtiger Beschulungspraktiken. Das Spektrum reicht dabei von bildungstheoretischen Konzepten eines Hartmut von Hentig &uuml;ber die radikale Schulkritik von Ivan Illich bis hin zur Herausarbeitung von Zusammenh&auml;ngen zwischen kapitalistischer Vergesellschaftung und Halbbildung bei Theodor W. Adorno. Dieser Argumentationsstrang liegt u.E. aber weitgehend brach und sollte kritisch wieder angeeignet werden. (Vgl. auch Scherr 2005 und 2008; Bauer/Bittlingmayer 2005).</p>
<p>[3] Auf Grundlage der Ergebnisse der internationalen Bildungsforschung l&auml;sst sich zeigen, dass Nationalstaaten ganz unterschiedlich erfolgreich sind beim Ausbalancieren von Individualf&ouml;rderung, dem Zulassen von Heterogenit&auml;t und der Verringerung von Selektivit&auml;t. Mittlerweile gilt etwa das finnische Bildungssystem wegen seiner niedrigen Herkunftsselektivit&auml;t allgemein als vorbildlich. Auch in Deutschland existiert eine erhebliche Variabilit&auml;t zwischen den Bundesl&auml;ndern. Die Frage, welches Bundesland aus der Perspektive der Reduktion von Bildungsungleichheiten zu bevorzugen ist, ist allerdings nicht leicht zu beantworten. Wenn es darum gehen soll, dass im Sinne von Chancengleichheit m&ouml;glichst viele Jugendliche zum Abitur gef&uuml;hrt werden sollen, dann sind Bundesl&auml;nder wie Berlin, Hamburg oder Bremen vergleichsweise vorbildlich. Wenn es aber darum gehen soll, Jugendlichen auf der Grundlage ihrer Bildungsabschl&uuml;sse Erfahrungen von Arbeits- und Ausbildungsplatzlosigkeit m&ouml;glichst zu ersparen, dann erzielen Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern die besten Ergebnisse.</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/188-vorgaenge/publikation/warum-chancengleichheit-nicht-genuegt/">Warum Chancengleichheit nicht genügt</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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