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	<title>Uwe Hunger Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Die Plätze in der letzten Reihe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 17:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur schulischen Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund; aus: vorg&#228;nge Nr. 188, Heft 4/2009, S. 104-115 I. Einleitung &#8222;In der Wissensgesellschaft der Zukunft entscheiden nicht mehr Besitz, Klassen- oder Schichtenzugeh&#246;rigkeit [&#8230;] &#252;ber die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung des Einzelnen, sondern seine Bildung&#8220;, schreiben die &#214;konomen Michael H&#252;ther und Thomas Straubhaar in ihrem neuen Buch [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/188-vorgaenge/publikation/die-plaetze-in-der-letzten-reihe/">Die Plätze in der letzten Reihe</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur schulischen Situation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund;</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 188, Heft 4/2009, S. 104-115</p>
<h2 class="auto-created">I. Einleitung </h2>
<p>&#8222;In der Wissensgesellschaft der Zukunft entscheiden nicht mehr Besitz, Klassen- oder Schichtenzugeh&ouml;rigkeit [&#8230;] &uuml;ber die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung des Einzelnen, sondern seine Bildung&#8220;, schreiben die &Ouml;konomen Michael H&uuml;ther und Thomas Straubhaar in ihrem neuen Buch &#8222;Die gef&uuml;hlte Ungerechtigkeit&#8220;. Was ist aber, wenn Besitz und Schichtenzugeh&ouml;rigkeit &uuml;ber den Bildungserwerb des Einzelnen entscheiden?</p>
<p>Die Frage nach der Chancengleichheit im Bildungsbereich und nach dem Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und den Bildungskarrieren in Deutschland wurde bereits in den sechziger und siebziger Jahren u. a. im Rahmen der schichtspezifischen Sozialisationsforschung ausf&uuml;hrlich behandelt. Das Thema hat die bildungspolitischen Debatten dieser Zeit gepr&auml;gt und eine Bildungsexpansion mit ins Leben gerufen. Der &#8222;PISA-Schock&#8220; im Jahr 2000 lie&szlig; die wissenschaftlichen, politischen und &ouml;ffentlichen Diskussionen um den Einfluss sozio&ouml;konomischer Faktoren auf den Bildungserfolg, die Effizienz der bestehenden Schulsysteme und die Effektivit&auml;t der Bildungspolitik in Deutschland mit einer neuen Wucht aufkommen. Es wurde deutlich, dass in der &#8211; nun allseits anerkannten &#8211; Einwanderungsgesellschaft neben der sozialen auch die ethnische Zugeh&ouml;rigkeit bzw. der sog. Migrationshintergrund ein wesentliches Merkmal ist, das &uuml;ber die Bildungschancen der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in Deutschland entscheidet. Durch Migration werden das politische und gesellschaftliche Engagement und die politische Gestaltungskraft im Bildungsbereich aufs Neue herausgefordert. Dieser Beitrag versucht, die aktuelle Situation von Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem zu beleuchten und einige Erkl&auml;rungsans&auml;tze daf&uuml;r zu liefern.</p>
<h2 class="auto-created">II. Zur Lage von Kindern mit Migra&shy;ti&shy;ons&shy;hin&shy;ter&shy;grund im Schulsystem </h2>
<p>Etwa 20 Prozent der Sch&uuml;lerschaft an den deutschen Schulen stammen heute aus Migrantenfamilien (BAMF 2008: 16).[1] Die empirische Forschung der letzten drei Jahrzehnte hat gezeigt, dass f&uuml;r diese Kinder und Jugendlichen das Merkmal &#8222;Migrationshintergrund&#8220; mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit eine benachteiligte Stellung im deutschen Schulsystem bedeutet (vgl. z. B. Hopf 1981, Alba/ Handl/ M&uuml;ller 1994, Nauk/ Diefenbach 1997, Hunger/Thr&auml;nhardt 2001, Esser 2006, Diefenbach 2007 u. a. m.). Sowohl hinsichtlich der Bildungsbeteiligung an den verschiedenen Schulformen als auch hinsichtlich der Schulleistungen und der erreichten Bildungserfolge in Form von Bildungsabschl&uuml;ssen schneiden Kinder mit Migrationshintergrund deutlich schlechter ab als ihre Mitsch&uuml;ler ohne Migrationshintergrund.</p>
<p>So werden Kinder mit ausl&auml;ndischer Staatsangeh&ouml;rigkeit z.B. doppelt so h&auml;ufig vor der Einschulung zur&uuml;ckgestellt wie deutsche Kinder (vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006: 151). Nach dem &Uuml;bergang in die Sekundarstufe sind Sch&uuml;ler mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil h&auml;ufiger an Hauptschulen und seltener auf weiterf&uuml;hrenden Schulen anzutreffen (ebd.). Zwischen 1985 und 2006 wechselten zwei Drittel der Sch&uuml;ler mit ausl&auml;ndischem Pass von der Grund- auf die Hauptschule und nur 9 Prozent auf das Gymnasium &#8211; unter den deutschen Kindern waren es entsprechend 42 und 30 Prozent (vgl. Gei&szlig;ler/ Weber-Menges 2008: 16). Im Schuljahr 2008/09 machten ausl&auml;ndische Kinder gut 14 Prozent der Sch&uuml;lerschaft von Sonder- und F&ouml;rderschulen, fast 20 Prozent der Hauptsch&uuml;ler und nur 8 Prozent der Realsch&uuml;ler sowie 4,5 Prozent der Gymnasiasten aus (vgl. IWD 43/2009: 3).</p>
<p>Kinder aus Migrantenfamilien haben nicht nur Schwierigkeiten, auf eine weiterf&uuml;hrende Schule zu kommen, sondern auch, sich an einer solcher Schule zu halten: 20 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund steigen im Verlauf der Sekundarstufe I auf eine Hauptschule ab &#8211; bei Sch&uuml;lern ohne Migrationshintergrund sind es 10 Prozent. Aufgrund von Zur&uuml;ckstellungen und Klassenwiederholungen brauchen Migrantenkinder au&szlig;erdem l&auml;nger, um das Schulsystem zu durchlaufen (vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006: 152). Eine gro&szlig;e Diskrepanz zwischen deutschen und ausl&auml;ndischen Kindern besteht zudem hinsichtlich der erreichten bzw. ausgebliebenen Bildungsabschl&uuml;sse: &Uuml;ber Jahre hinweg bleibt der Anteil der ausl&auml;ndischen Jugendlichen, die das Schulsystem ohne jeden Abschluss verlassen, bei 20 Prozent &#8211; bei deutschen Jugendlichen liegt dieser Anteil bei 7-8 Prozent (vgl. Diefenbach 2007: 70 ff.)</p>
<p>Schlie&szlig;lich haben die internationalen Studien PISA und IGLU auch gezeigt, dass in Deutschland Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund im Vergleich zu den Kindern ohne Migrationshintergrund erhebliche Defizite in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften aufweisen (vgl. Deutsches PISA-Konsortium 2005). Zwar wurden in allen wichtigen Einwanderungsl&auml;ndern der OECD Unterschiede zwischen den Leistungen von Migrantenkindern und Einheimischen festgestellt. In Deutschland war die Kluft zwischen den beiden Gruppen aber besonders gro&szlig;: Der Vorsprung von &uuml;ber 90 Punkten in Lesen und Mathematik, den Einheimische gegen&uuml;ber den Migrantenkindern zweiter Generation aufweisen, entspricht in etwa dem Vorsprung, den ein durchschnittlicher Gymnasiast gegen&uuml;ber einem durchschnittlichen Realsch&uuml;ler hat (Gei&szlig;ler/ Weber-Menges 2008: 18).</p>
<p>Die Autoren der einschl&auml;gigen Publikationen werden nicht m&uuml;de zu betonen, dass Kinder mit Migrationshintergrund hinsichtlich ihrer Bildungsbeteiligung und ihres Bildungserfolges keine homogene Gruppe darstellen. Sch&uuml;ler verschiedener Nationalit&auml;ten sind unterschiedlich gut oder schlecht im deutschen Schulsystem positioniert. So sind etwa Sch&uuml;ler italienischer und t&uuml;rkischer Herkunft sowie serbische und mazedonische Kinder am wenigsten erfolgreich, w&auml;hrend Spanier, Griechen, Kroaten und Slowenen, aber auch Vietnamesen und Ukrainer besonders gute Ergebnisse erzielen. Aussiedlerkinder[2] und Kinder portugiesischer Einwanderer besetzen das Mittelfeld (vgl. BMBF: Mehrere Jahrg&auml;nge). Gleichzeitig zeigen Migrantenkinder in verschiedenen Bundesl&auml;ndern unterschiedliche Leistungen (ausf&uuml;hrlich hierzu Hunger/Thr&auml;nhardt 2006). So erreichen ausl&auml;ndische Sch&uuml;ler in den s&uuml;ddeutschen Bundesl&auml;ndern Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern deutlich schlechtere Schulabschl&uuml;sse (trotz besserer Kompetenzwerte bei PISA) als in den n&ouml;rdlicheren Bundesl&auml;ndern Nordrhein-Westfalen und Hessen.[3]</p>
<p>Schon diese knappe Darstellung einiger Daten und Forschungsergebnisse zeigt die Schieflage und die Komplexit&auml;t der Situation von Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem. Welche Faktoren sind f&uuml;r die benachteiligte Platzierung der Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem ausschlaggebend? Sind diese Faktoren auf der Ebene des Einzelnen, der Gruppe oder auf der Ebene des Schulsystems zu suchen? Warum ist die eine Zuwanderungsgruppe besser als die andere? Wie lassen sich die Unterschiede zwischen den Bildungserfolgen von Migrantenkindern in einzelnen Bundesl&auml;ndern erkl&auml;ren? Schlie&szlig;lich, welche Mechanismen sorgen f&uuml;r Interdependenzen zwischen Herkunft und Bildungschancen und welche M&ouml;glichkeiten hat und nutzt die Politik, um diese Zusammenh&auml;nge zu regulieren? Im Folgenden wollen wir versuchen, einige Antworten auf diese Fragen zu geben, und zwar zun&auml;chst mit Blick auf die Mikro-Ebene (Merkmale des Einzelnen), dann mit Blick auf die Meso-Ebene (Bedeutung der Gruppe) und schlie&szlig;lich mit Blick auf die Makro-Ebene (Bedeutung des Schulsystems).</p>
<h2 class="auto-created">III. Erkl&auml;rungen auf der Mikro-E&shy;bene: Hohe Kosten der Migration </h2>
<p>Nach wie vor richten viele Ans&auml;tze, die den mangelnden Schulerfolg der Migrantenkinder zu erkl&auml;ren versuchen, ihr Augenmerk auf die individuellen Eigenschaften der Kinder und Jugendlichen oder deren Eltern (zum Forschungsstand vgl. Hunger 2003, Diefenbach 2007). Dabei geht es zum einen um Besonderheiten, die sich aus dem Migrationsereignis und der Migrationssituation der Familien ergeben. Zum anderen werden Besonderheiten betrachtet, die mit der schichtspezifischen Zugeh&ouml;rigkeit der Migranten verbunden sind.</p>
<p>Werden die durch die Migration bedingten Merkmale der Sch&uuml;ler und deren Eltern in den Vordergrund ger&uuml;ckt, so wird der Einfluss von Variablen zur kulturellen Herkunft, der Beherrschung der deutschen Sprache, der Dauer des Aufenthaltes in Deutschland und der Ziele der Migranten in Bezug auf die Aufnahmegesellschaft analysiert (vgl. Alba u.a. 1994, Leenen 1990, Nauck/Diefenbach 1997).</p>
<p>Die kulturelle Andersartigkeit impliziert, so die Annahme der einschl&auml;gigen Erkl&auml;rungsans&auml;tze, eine im Vergleich zu den einheimischen Kindern andere, defizit&auml;re &#8222;Grundausstattung&#8220; des Schulkindes mit Migrationshintergrund mit Kenntnissen, F&auml;higkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen. Da das deutsche Schulsystem aber an einem Durchschnittssch&uuml;ler orientiert ist, der in einer deutschen Familie und in einem b&uuml;rgerlichen Milieu mit einem entsprechenden Habitus sozialisiert wird, besitzen Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund aufgrund ihrer &#8222;kulturellen Defizite&#8220; Nachteile, die das System Schule nur unzureichend ausgleicht (vgl. hierzu auch weiter unten Punkt 5 &#8222;Makro-Ebene&#8220;).</p>
<p>Die Zugeh&ouml;rigkeit zu einem fremden Kulturkreis kann aber auch die Orientierung an anderen Werten und Normen u. a. im Bildungsbereich und eine andere Lernkultur mit sich bringen. So wird t&uuml;rkischen Migranten und Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion zum Beispiel eine &#8222;traditionelle&#8220;, &#8222;autoritativ-sachgebundene&#8220; Haltung der Schule und dem Lernen gegen&uuml;ber zugeschrieben, die eine Ablehnung der deutschen Schulrealit&auml;t nach sich zieht (vgl. Leenen/ Grosch/ Kreidt 1990: 760 ff., Vogelgesang 2008: 75 f.). Ein Ausgleich dieses &#8222;Defizits&#8220; kann aus dieser Perspektive nur durch kulturelle Assimilation der Familie oder, wenn diese dazu nicht bereit ist, der Jugendlichen selbst erfolgen, dann oftmals im</p>
<p>Konflikt mit der Familie (vgl. Leenen/ Grosch/ Kreidt 1990: 765). <br />Ein f&uuml;r die Integration von Migranten im Allgemeinen und den Bildungserfolg von Migrantenkindern im Besonderen ausschlaggebender Aspekt der Kultur ist die Sprache. Der Zusammenhang zwischen den Kompetenzen der Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund in der deutschen Sprache und ihrem Bildungserfolg wurde durch mehrere Studien und Analysen nachgewiesen. Auch die Bedeutung solcher Hintergrundvariablen wie der Sprachkenntnisse der Eltern, der in der Familie gesprochenen Sprache, des sprachlichen Selbstvertrauens oder der Bilingualit&auml;t ist Gegenstand der einschl&auml;gigen Forschungsarbeiten (zum Forschungsstand vgl. Esser 2006: 285ff.). In das &ouml;ffentliche Bewusstsein und ins Zentrum der politischen Debatten ist der Zusammenhang von Sprache und Bildungserfolg dennoch erst nach der Ver&ouml;ffentlichung der Daten aus den PISA-Studien ger&uuml;ckt.</p>
<p>Ferner sind auf der Ebene der Individuen die Dauer des Aufenthaltes in Deutschland und die damit verbundene Kontinuit&auml;t der Schulkarriere f&uuml;r die Bildungschancen der Migrantenkinder relevant. Folglich werden bei den Kindern der zweiten und dritten Generation bessere Schulerfolge erwartet als bei Zuwanderern der ersten Generation. So vermuteten Alba u.a. bereits in den neunziger Jahren, dass &#8222;eine zunehmend gr&ouml;&szlig;er werdende zweite Generation verbesserte Bildungsergebnisse f&uuml;r die Einwanderergruppen mit sich bringt&#8220; (Alba u. a. 1994: 221), auch wenn &#8222;innerhalb dieser Generation zwischen ausl&auml;ndischen und deutschen Sch&uuml;lern deutliche Unterschiede bestehen [bleiben]&#8220; (ebd.). Die PISA-Studie zeigte allerdings das Gegenteil. In vielen Bereichen schnitten Sch&uuml;ler der zweiten Generation schlechter ab als neu zugewanderte Sch&uuml;ler (vgl. Deutsches PISA-Konsortium 2005).</p>
<p>Schlie&szlig;lich wird auch der Grad der Orientierung an der Aufnahmegesellschaft bzw. die R&uuml;ckkehrabsichten von Migranten f&uuml;r den Bildungserfolg ihrer Kinder als ausschlaggebend angenommen. Je ausgepr&auml;gter der Wunsch sei, ins Herkunftsland zur&uuml;ckzukehren, desto geringer sind die Bildungsaspirationen und die Bildungsinvestitionen der Familie. Hiermit wurde z.B. lange Zeit die schlechte Schulsituation italienischer Sch&uuml;ler in Deutschland erkl&auml;rt.</p>
<p>Neben der Analyse der migrationbedingten Faktoren ist die Auseinandersetzung mit den schichtspezifischen Determinanten des Bildungserfolges von Migrantenkindern ein weiterer Forschungsstrang. Es wird davon ausgegangen, dass &#8222;der sozio&ouml;konomischer Status der Migrantenfamilien tendenziell niedriger ist als derjenige der Einheimischen&#8220; (Gei&szlig;ler/ Weber-Menges 2008: 18). Die deutsche Gesellschaft werde daher durch Migranten tendenziell &#8222;untergeschichtet&#8220; (ebd., vgl. auch Baker/ Lenhardt 1988). Der niedrige sozio&ouml;konomische Status der Migranten in Deutschland ist vor allem Folge der Anwerbepolitik von gering- und unqualifizierten Arbeitern in der zweiten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch bei hoch qualifizierten Zuwanderern kann es zu einem Verlust von sozialen Statuspositionen kommen, wenn die im Heimatland erworbenen beruflichen Qualifikationen und F&auml;higkeiten nicht anerkannt werden und die Migranten deswegen im Bereich einer niedrigen Entlohnung und eines geringen gesellschaftlichen Ansehens &#8222;landen&#8220; und &#8222;somit die unterste Schicht der Aufnahmegesellschaft [bilden]&#8220; (Han 2005: 228). Dadurch sind Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem genauso benachteiligt wie deutsche Kinder aus schwachen sozialen Schichten, die durch eine mangelhafte Ausstattung mit kulturellem Kapital, geringen &ouml;konomischen Ressourcen und eine distanzierte Haltung zur Bildung gekennzeichnet sind.</p>
<p>&Auml;hnlich wie Sch&uuml;ler aus einer anderen Herkunftskultur werden Sch&uuml;ler aus schw&auml;cheren sozialen Schichten aufgrund ihrer bildungsfernen Kultur als &#8222;defizit&auml;r&#8220; angesehen, zum Beispiel im Hinblick auf sprachliche Kompetenzen. Die entscheidende Rolle kommt in beiden F&auml;llen der Ausstattung der Familie mit kulturellem Kapital, d. h. dem nicht-formalisierten und dem formalisierten Bildungsniveau der Eltern, zu (vgl. Bourdieu 1983: 185 ff.). Mit einem niedrigen Bildungsabschluss der Eltern sinkt die Wahrscheinlichkeit h&ouml;herer Abschl&uuml;sse der Kinder. Die &ouml;konomischen und die zeitlichen Ressourcen der Familie, die Haushaltsgr&ouml;&szlig;e und die Wohnverh&auml;ltnisse sind weitere Determinanten des Schulerfolges. Bei Familien mit Migrationsgeschichte kumulieren diese &#8222;Defizite&#8220;, was ihr schlechtes Abschneiden im Bildungssystem erkl&auml;rt bzw. erkl&auml;ren soll. Denn die Analyse der migrationbedingten und der schichtspezifischen Effekte des Schulerfolges l&auml;sst viele Fragen offen. So bleiben auch nach der Kontrolle der sozio&ouml;konomischen Herkunft der Kinder Unterschiede zwischen Migrantenkindern und den einheimischen Kindern bestehen (vgl. Alba u. a. 1994). Au&szlig;erdem bestehen zwischen den ethnischen Gruppen, die hinsichtlich ihrer Charakteristika wie Migrationstatus, sozio&ouml;konomische Herkunft oder Aufenthaltsdauer in der Bundesrepublik viele Gemeinsamkeiten aufweisen, dennoch gro&szlig;e Unterschiede im Hinblick auf die Bildungserfolge der Kinder. So haben italienische und spanische Kinder &auml;hnliche bzw. die italienischen Kinder etwas bessere Voraussetzungen, da ihre Eltern l&auml;nger in der Bundesrepublik leben und ihre Humankapitalausstattung zum Zeitpunkt der Einwanderung sogar besser war als die der Spanier (vgl. Hunger 2003). Dennoch erzielen italienische Sch&uuml;ler neben den t&uuml;rkischen kontinuierlich die schlechtesten Bildungsergebnisse, w&auml;hrend spanische und griechische Kinder viel bessere Erfolge im Bildungsbereich zeigen. Daher muss nach weiteren Erkl&auml;rungsans&auml;tzen gesucht werden.</p>
<h2 class="auto-created">IV. Erkl&auml;rungen auf der Meso-Ebene: Rendite aus dem Sozial&shy;ka&shy;pital </h2>
<p>Ein ertragreicher, bis dato aber relativ wenig verbreiteter Ansatz analysiert die Rolle des Sozialkapitals f&uuml;r die Bildungschancen von Migrantenkindern. Unter Sozialkapital werden Ressourcen verstanden, die &#8222;auf der Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Gruppe beruhen&#8220; und dem Einzelnen zur Verf&uuml;gung stehen. Diese Ressourcen ergeben sich aus einem dauerhaften Netz &#8222;von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens&#8220; (Bourdieu 1983:190 f.). Eine Gruppe, die &uuml;ber einen hohen Grad an Vernetzung verf&uuml;gt, welche auch dauerhaft durch Institutionalisierung gesichert ist, hat eine hohe Selbsthilfekraft, wodurch Defizite von einzelnen Gruppenangeh&ouml;rigen ausgeglichen und Interessen nach au&szlig;en effektiv vertreten werden k&ouml;nnen.</p>
<p>Das Beispiel f&uuml;r den Einfluss des Sozialkapitals auf Bildungschancen von Migrantenkindern sind in Deutschland spanische Elternvereine und die Bildungserfolge spanischer Kinder. &Uuml;ber die Gr&uuml;ndungen von Elternvereinen auf der lokalen Ebene gelang es spanischen Eltern, sich effektiv f&uuml;r die Interessen ihrer Schulkinder gegen&uuml;ber den deutschen Schulbeh&ouml;rden einzusetzen (z.B. durch die Durchsetzung der Beschulung in deutschen Regelklassen, was bis dahin nicht vorgesehen war) und bestehende &#8222;Defizite&#8220; bei ihren Kindern (z.B. durch die Organisation von Hausaufgabenhilfe und Beratungen f&uuml;r die Eltern) auszugleichen. Besonders entscheidend war es wohl, in Zeiten der &#8222;Ausl&auml;nderklassen&#8220; einen integrativen Unterricht f&uuml;r die spanischen Kinder zu erreichen (vgl. Thr&auml;nhardt 2000, Hunger/Thr&auml;nhardt 2001). Italienische Elternvereine existieren dagegen kaum, was den mangelnden Erfolg dieser Gruppe auch miterkl&auml;ren k&ouml;nnte.</p>
<p>Der Sozialkapitalansatz ist mit der Mikro-Ebene eng verbunden. Im Rahmen von spanischen und auch griechischen Elternvereinen werden die Nachteile, die sich aus der sozio&ouml;konomischer Situation oder aus dem Migrantenstatus der Familienmitglieder ergeben, effektiv ausgeglichen und die Kinder vorangebracht: Mit dem Sozialkapital wird das Humankapital der Folgegeneration mit geformt. Die Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Gruppe kann sich f&uuml;r Kinder mit Migrationshintergrund aber auch als Nachteil erweisen. Eine starke Einbindung in die ethnischen Milieus kann z.B. die negativen Effekte der ethnischen und der Schichtzugeh&ouml;rigkeit verst&auml;rken. Auch im Zusammenhang mit den schulspezifischen Lernmilieus wird vermutet, dass die Konzentration von Migrantenkindern in einer Schule oder in einer Klasse die Bildungschancen des einzelnen Kindes beeintr&auml;chtigt (vgl. Kristen 2002). Eine vollst&auml;ndige Kl&auml;rung der Bedingungen f&uuml;r den Schulerfolg bzw. -misserfolg von Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund l&auml;sst sich mit diesem Ansatz aber auch nicht herbeif&uuml;hren. Entscheidend ist auch die Gestaltung des Schulsystems auf der Makro-Ebene.</p>
<h2 class="auto-created">V. Erkl&auml;rungen auf der Makro&shy;-E&shy;bene: Insti&shy;tu&shy;ti&shy;o&shy;nelle Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung </h2>
<p>In den letzten Jahren sind viele Studien erschienen, die in dem deutschen Schulsystem Mechanismen &#8222;institutionalisierter&#8220; bzw. &#8222;institutioneller Diskriminierung&#8220; aufdecken und analysieren (Baker/Lenhardt 1988, Bommes/ Radkte 1993; Gomolla/ Radtke 2000, Gomolla 2003). Dabei geht es um institutionelle Vereinbarungen und organisatorisches Handeln, infolge deren Kinder mit Migrationshintergrund unterschiedlich behandelt werden. Wie bereits angemerkt wurde, ist das System Schule in Deutschland auf den Durchschnittssch&uuml;ler aus einer deutschen bzw. deutschsprachigen Familie aus dem b&uuml;rgerlichen Milieu ausgerichtet. Dementsprechend impliziert das Schulsystem, dass die Unterrichtssprache Deutsch ist, und setzt stillschweigend voraus, dass Sch&uuml;ler au&szlig;erhalb der Institution Schule Hilfe bei den Hausaufgaben erhalten, die von den Eltern geleistet bzw. organisiert wird. Wer diese Voraussetzungen nicht erf&uuml;llt, wird von dem System Schule (z.B. durch schlechte Noten und der daraus resultierenden Hauptschulempfehlung) &#8222;bestraft&#8220;. Bei diesem Mechanismus spricht man von indirekter bzw. impliziter institutionalisierter Diskriminierung.</p>
<p>So zeigt Gomolla (2003), dass bereits beim Eintritt in die Grundschule sowie beim &Uuml;bergang in die Sekundarstufe verschiedene Formen direkter und indirekter &#8222;institutionalisierter Diskriminierung&#8220; wirksam werden, wie z.B. die Tendenz, Kinder mit Migrationshintergrund von der Einschulung zur&uuml;ckzustellen, sie auf F&ouml;rderklassen zu verweisen, die nur an Hauptschulen bestehen, oder sie pauschal an die Gesamtschule als der &#8222;Hauptbeschulungsform&#8220; f&uuml;r Ausl&auml;nder zu vermitteln. Diese Praxis kann insofern eine &#8222;institutionalisierte Diskriminierung&#8220; implizieren, als dass viele Gesamtschulen aufgrund der gro&szlig;en Anmeldezahlen ihre Bewerber nach ethnischen, sozialen und geschlechtsspezifischen Quotierungsregeln ausw&auml;hlen. Die abgelehnten, auf Grund der oben genannten Quotierungsregeln &uuml;berwiegend ausl&auml;ndischen Bewerber werden dann in den meisten F&auml;llen an Hauptschulen weiter verwiesen. Diese Beispiele zeigen, wie direkte und indirekte institutionalisierte Diskriminierungsmechanismen in der Organisation Schule wirksam werden, die nicht unbedingt von den handelnden Akteuren (z. B. Beratungslehrern) intendiert sind, sondern sich verselbst&auml;ndigt haben und die unterschiedliche Verteilung von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund auf die vorhandenen Schultypen ma&szlig;geblich mitbestimmen.</p>
<p>Sehr viel deutlicher und empirisch leichter nachzuweisen ist der unterschiedliche institutionelle Umgang mit ausl&auml;ndischen Sch&uuml;lern im Schulrecht auf Bundesl&auml;nderebene (vgl. Hunger 2001). Hier gab und gibt es noch immer deutliche Unterschiede im Hinblick auf die Beschulung ausl&auml;ndischer Sch&uuml;ler im deutschen Regelklassensystem. So wurden ausl&auml;ndische Sch&uuml;ler in fast allen Bundesl&auml;ndern &uuml;ber lange Zeit in speziellen (rein ausl&auml;ndischen) Klassen unterrichtet, die vor allem an Grund- und Hauptschulen angesiedelt waren.[4] Insbesondere Bayern hat das System der sog. zweisprachigen Klassen sehr lange aufrechterhalten und erst sehr sp&auml;t aufgegeben. Noch zu Beginn der neunziger Jahre waren &uuml;ber 20 Prozent der ausl&auml;ndischen Sch&uuml;ler in den zweisprachigen Klassen untergebracht. Erst im Schuljahr 1994/95 sank der Prozentsatz der Sch&uuml;ler, die in zweisprachigen Klassen beschult wurden, zum ersten Mal unter 10 Prozent (Bayerisches Staatsministerium f&uuml;r Unterricht und Kultus 1999). Hierdurch wurden viele ausl&auml;ndische Sch&uuml;ler auf einen Schulzweig festgelegt, der keinen weiterf&uuml;hrenden Abschluss vorsah. Zudem haben fehlende Kenntnisse der deutschen Sprache den &Uuml;bergang auf weiterf&uuml;hrende Schulen erschwert. Andere Bundesl&auml;nder, wie Nordrhein-Westfalen und Hessen, sind weitaus fr&uuml;her als Bayern von diesem Beschulungssystem abgegangen.[5] Die unterschiedliche Behandlung von Ausl&auml;ndern im Schulrecht der Bundesl&auml;nder resultierte in unterschiedlichen Bildungserfolgen. So waren und sind z.B. italienische Sch&uuml;ler sehr stark in s&uuml;ddeutschen Bundesl&auml;ndern (vor allem in Baden-W&uuml;rttemberg) angesiedelt, was auch ihre schlechteren Schulabschl&uuml;sse (mit) erkl&auml;ren k&ouml;nnte. Gerade dieses Beispiel zeigt, dass auch der institutionelle Umgang mit Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund sehr entscheidend ist (vgl. hierzu Hunger 2000, Hunger 2003).</p>
<h2 class="auto-created">VI. Fazit: Politische Gestal&shy;tungs&shy;m&ouml;g&shy;lich&shy;keiten und -versuche</h2>
<p>Die auf allen drei Ebenen ansetzenden Erkl&auml;rungsversuche verf&uuml;gen jeweils &uuml;ber ein Potenzial, den Einfluss von verschiedenen Faktoren auf die Bildungschancen der Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland aufzudecken. Gleichzeitig ist aber keiner der Ans&auml;tze, wie wir zeigen wollten, alleine ausreichend, um die Mechanismen der Benachteiligung dieser Kinder im deutschen Schulsystem zu erkl&auml;ren. Die individuellen (migrationbedingten und schichtspezifischen), gruppenbezogenen und strukturellen Merkmale wirken sich, so unsere These, kumulativ auf den Schulerfolg der Einwandererkinder in Deutschland aus. Entsprechend greift es auch zu kurz, Reformen zur Verbesserung der Situation von Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund nur auf einer Ebene ansetzen zu lassen. So kann zwar z.B. die Notwendigkeit einer Sprachf&ouml;rderung f&uuml;r Kinder mit Migrationshintergrund zum Ausgleich von sprachlichen &#8222;Defiziten&#8220; kaum in Frage gestellt werden. Ausreichend sind solche Ma&szlig;nahmen jedoch nicht.[6] Vielmehr kommt es darauf an, die Interdependenzen der einzelnen Ebene zu erkennen und darauf abgestimmt entsprechende Ma&szlig;nahmen zu ergreifen.</p>
<p>Entscheidend scheint es zu sein, sich &uuml;ber die Verteilung von privater (individueller) und &ouml;ffentlicher (gemeinschaftlicher) Verantwortung f&uuml;r den Schulerfolg einig zu werden. Bisher ist es so, dass die &ouml;ffentliche Schule einen ganz geh&ouml;rigen Anteil der zu erbringenden Leistungen dem privaten Sektor (d.h. der Familie) zuschreibt. K&ouml;nnen diese Leistungen nicht erbracht werden, fallen die Sch&uuml;ler durch das &#8222;Leistungsrost&#8220;. Dies ist bei Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund ganz besonders evident. Ihre Familien k&ouml;nnen den &#8222;privat&#8220; zu leistenden Anteil zumeist sowohl aus schichtspezifischen Gr&uuml;nden als auch migrationsspezifischen Gr&uuml;nden (d.h. oft sprachlichen Gr&uuml;nden) nicht erbringen. Teilweise kann dies durch Gruppenanstrengungen wie bei den spanischen Elternvereinen kompensiert werden. Gelingt dies aber nicht, sind extrem schlechte Schulerfolgsquoten wie bei italienischen Sch&uuml;lern in Baden-W&uuml;rttemberg (mit Sonderschulquoten von italienischen Sch&uuml;lern von bis zu 20 Prozent) die Folge. Eine L&ouml;sung des bildungspolitischen Problems muss also beide Seiten ber&uuml;cksichtigen. Es l&auml;uft fast auf eine einfache Dichotomie hinaus: Entweder &uuml;bernimmt die &ouml;ffentliche Seite (Schule) eine gr&ouml;&szlig;ere Verantwortung f&uuml;r den Schulerfolg oder die privaten Schultern werden gest&auml;rkt, um den Anforderungen des deutschen Schulsystems auf dieser Seite entsprechen zu k&ouml;nnen.</p>
<p>Der Ausbau der Ganztagsschulen ist ein Thema, das die beschriebenen Effekte der Mikro- und Makroebene verbindet. Die Ausweitung von Nachmittagsangeboten in der Schule, von der Hausaufgabenbetreuung bis zu den Sportangeboten, w&uuml;rden bedeuten, dass die Leistungsanforderungen an die Familien zur&uuml;ckgeschraubt w&uuml;rden und die migrations-und schichtbedingten &#8222;Defizite&#8220; des Elternhauses nicht mehr so stark ins Gewicht fielen. Die Schaffung solcher Angebote setzt aber, neben hohen Ausgaben, den Einsatz des entsprechend ausgebildeten Personals voraus. Von Kritikern der Ganztagsschule wird au&szlig;erdem das Argument ins Feld gef&uuml;hrt, dass dadurch die Verantwortung der Familie f&uuml;r die Erziehung und F&ouml;rderung des Schulerfolges eingeschr&auml;nkt werde. Hier scheint aber mit Blick auf Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund des Pudels Kern zu liegen.[7]</p>
<p>Angesichts der leeren Kassen der &ouml;ffentlichen Haushalte ist es aber unwahrscheinlich, dass der Trend in Richtung Verantwortungsausweitung der &ouml;ffentlichen Schule geht und damit die private Seite entlastet wird. Dies w&uuml;rde bedeuten, dass das Problem nur gel&ouml;st werden k&ouml;nnte, wenn Familien, die dann weiterhin in der bildungspolitischen Verantwortung st&uuml;nden, (massiv) gest&auml;rkt w&uuml;rden. Eine realistische Option scheint hier der Weg &uuml;ber Selbsthilfegruppen und -vereine zu sein. Schlie&szlig;lich hat die Auseinandersetzung mit den Effekten des Sozialkapitals gezeigt, welches Potenzial in den Netzwerkstrukturen der einzelnen Gruppen verborgen ist. An diese Erkenntnis kann die Bildungspolitik der L&auml;nder und Kommunen ankn&uuml;pfen und bereits existierende und entstehende Netzwerke innerhalb von Gruppen, aber auch zwischen verschiedenen Akteuren auf der kommunalen Ebene unterst&uuml;tzen. Dieser Weg wird bereits beschritten. So wurden z.B. im sog. &#8222;Integrationsplan&#8220; der Bundesregierung die Bedeutung von Elternvereinen f&uuml;r den Schulerfolg von Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund erw&auml;hnt und entsprechende F&ouml;rderungsma&szlig;nahmen empfohlen.</p>
<p>Ob aber diese Ma&szlig;nahmen ausreichen, um die bestehenden Defizite auszugleichen, darf angezweifelt werden. Im Endeffekt muss wahrscheinlich beides gemacht werden: Die Ausweitung des Verantwortungsbereichs der &ouml;ffentlichen Schule und die St&auml;rkung der Familien, damit einzelne Gruppen nicht mehr durch das &#8222;Leistungsrost Schule&#8220; fallen. In der globalisierten und technologisierten Welt sollte die Frage nach der sozialen und der ethnischen Herkunft ihrer Bewohner zunehmend an Bedeutung verlieren. Jede Art von Kapital, sei es das Humankapital des Einzelnen, das Sozialkapital der Gruppe oder das &ouml;konomische Kapital des Staates, soll genutzt werden, um der heranwachsenden Generation faire Chancen zu geben, unter diesen Bedingungen ihren Platz zu finden.</p>
<p>[1] Die Daten zur &#8222;Bev&ouml;lkerung mit Migrationshintergrund&#8220; wurden in Deutschland zum erst Mal im Mikrozensus 2005 erhoben. Davor wurde in der amtlichen deutschen Statistik nur die Staatsangeh&ouml;rigkeit erfasst. Aussiedler und eingeb&uuml;rgerte Ausl&auml;nder wurden folglich der Gruppe der Deutschen zugeordnet. In den amtlichen Schulstatistiken werden Sch&uuml;ler weiterhin nach Staatsangeh&ouml;rigkeit unterschieden. Die internationalen Leistungsstudien PISA und IGLU arbeiten dagegen seit 2000 mit dem Konzept &#8222;Migrationsintergrund&#8220;, in dessen Rahmen die Herkunft der Eltern mit ber&uuml;cksichtigt wird. Die Identifizierung der Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem ist somit nach wie vor erschwert, da die Erhebung der entsprechenden Daten noch nicht fl&auml;chendeckend erfolgt ist. Auch in dieser Darstellung muss deswegen sowohl auf Daten zu den &#8222;ausl&auml;ndischen Kindern&#8220; als auch zu den &#8222;Kindern mit Migrationshintergrund&#8220; zur&uuml;ckgegriffen werden.</p>
<p>[2] Zu der Bildungsbeteiligung und den Bildungserfolgen von Aussiedlern liegen bisher keine umfassenden Daten vor. In den Schulstatistiken sind Aussiedlerkindern nur in einigen Bundesl&auml;ndern, z.B. in NRW, erfasst.</p>
<p>[3] Die Daten der PISA-Studie und der amtlichen Bildungsstatistiken sind in diesem Zusammenhang &auml;u&szlig;erst widerspr&uuml;chlich. W&auml;hrend laut PISA-Studien 2000 und 2003 Migrantenkinder in Bayern, Baden-W&uuml;rttemberg und Rheinland-Pfalz besonders gute Kompetenzen aufweisen, bilden diese L&auml;nder hinsichtlich der Bildungsbeteiligung ausl&auml;ndischer Kinder eher das Schlusslicht. In NRW, das laut PISA im Mittelfeld liegt, haben Kinder ausl&auml;ndischer Staatsangeh&ouml;rigkeit dagegen die besten Chancen, einen weiterf&uuml;hrenden Abschluss zu erreichen, und verlassen die Schule besonders selten ohne Abschluss. Mehr dazu vgl. Hunger/Thr&auml;nhardt 2006.</p>
<p>[4] Lange Zeit bestand das Hauptkonzept in der getrennten Beschulung von Einwandererkindern. Als erste Ma&szlig;nahme, die in den 1960er und 70er Jahren in den westdeutschen L&auml;ndern den neu zugewanderten Kindern im Schulalter galt, wurden f&uuml;r Aussiedlerkinder und Kinder einzelner Nationalit&auml;ten eigene Klassen eingerichtet, z.B. &#8222;Nationale &Uuml;bergangsklassen&#8220; in Hamburg, &#8222;Vorbereitungsklassen in Langform&#8220; in Nordrhein-Westfalen, &#8222;Zweisprachige Klassen&#8220; in Bayern. In diesen Klassen wurden Kinder derselben Nationalit&auml;t mehrere Jahre lang (bzw. in Bayern &uuml;ber die gesamte Schulzeit) getrennt von den deutschen und anderen ausl&auml;ndischen Kindern unterrichtet. Der Fachunterricht wurde in der Herkunftssprache der Sch&uuml;ler gegeben, dar&uuml;ber hinaus wurde das Erlernen der deutschen Sprache forciert. Dies sollte die sp&auml;tere Eingliederung in die Regelklassen erm&ouml;glichen (vgl. Bund-L&auml;nder-Kommission 2003: 65 ff.).</p>
<p>[5] Elemente einer tempor&auml;ren Trennung in Form von Vorbereitungs- oder &Uuml;bergangsklassen mit einer gemischten nationalen Zusammensetzung finden sich allerdings immer noch in den Schulsystemen der Bundesl&auml;nder. In Bayern wurden z. B. die so genannten Sprachlernklassen f&uuml;r Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen eingerichtet, die in ein bis zwei Jahren auf den Besuch der Regelklasse vorbereiten sollen (vgl. Bund-L&auml;nder-Kommission 2003).</p>
<p>[6] Die Herausforderung besteht zudem darin, effektive Formen einer solchen F&ouml;rderung zu finden. Die negativen Effekte der &#8222;Migrantenklassen&#8220; k&ouml;nnen z. B. durch gr&ouml;&szlig;ere Anteile des integrativen, d. h. mit den deutschen Kindern gemeinsamen, Unterrichts ausgeglichen werden. Eine Verschiebung der Akzente weg von der getrennten Beschulung hin zum Regelunterricht, der durch zus&auml;tzliche (sprachliche) F&ouml;rderung erg&auml;nzt wird, hat bereits stattgefunden. In den Schulgesetzen aller Bundesl&auml;nder ist F&ouml;rderunterricht f&uuml;r Migrantenkinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen vorgesehen. Gemeinsam von Bund und L&auml;ndern wurde f&uuml;r den Zeitraum von 2004-2009 das Programm &#8222;F&ouml;rderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund&#8220; (F&ouml;rMig) aufgelegt und mit 12,8 Millionen Euro ausgestattet. Im Rahmen von Einzelprojekten in zehn teilnehmenden Bundesl&auml;ndern sollten &#8222;innovative Ans&auml;tze entwickelt, erprobt und &uuml;berpr&uuml;ft [werden], die sich f&uuml;r die Bildung der sprachlichen F&auml;higkeiten von Kindern und Jugendlichen, die in zwei oder mehr Sprachen leben, m&ouml;glichst optimal eignen&#8220; (Universit&auml;t Hamburg 2009). Das Programm F&ouml;rMig soll dazu beitragen, bestehende M&auml;ngel des sprachlichen F&ouml;rderunterrichts, z. B. das Fehlen der geeigneten didaktischen Konzepte oder die unzureichende Qualifikation der Lehrkr&auml;fte, zu beheben. Ein wichtiger Bereich ist die Weiterentwicklung der Verfahren der Sprachdiagnostik. Kritisiert wird das Programm u. a. wegen eines seiner zentralen Punkte &#8211; des systematischen Einbezugs der Mehrsprachigkeit von Migrantenkindern (vgl. Esser 2009).</p>
<p>[7] Diese Diskussion findet sich auch im Hinblick auf die vorschulische Erziehung. Aus der Praxis und aus der Forschung h&auml;ufen sich Hinweise auf die Bedeutung der fr&uuml;hkindlichen Phase f&uuml;r die sp&auml;teren Bildungschancen (vgl. Esser 2009). In Anbetracht der Tatsache, dass unter den Kindern, die j&uuml;nger als sechs Jahre sind, heute bereits 38 Prozent einen Migrationshintergrund aufweisen, wird dieses Segment des Bildungs- und Betreuungssystems in Zukunft noch st&auml;rker in den Blickwinkel des politischen Interesses r&uuml;cken (Laschet 2009).</p>
<h2 class="auto-created">Literatur </h2>
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<p><i>Vogelgesang, W. </i>(2008): Jugendliche Aussiedler. Zwischen Entwurzelung, Ausgrenzung und Integration, Weimar und M&uuml;nchen: Juventa.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/188-vorgaenge/publikation/die-plaetze-in-der-letzten-reihe/">Die Plätze in der letzten Reihe</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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