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	<title>Wahied Wadhat-Hagh Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Islamistisches Charisma und totalitäre Herrschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2024 09:18:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Charisma]]></category>
		<category><![CDATA[Diktatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In den islamischen Ländern und besonders in den modernen islamistischen Diktaturen nimmt der charismatische Führer eine Sonderstellung ein. Er ist nicht nur Regierungschef oder Staatsoberhaupt, sondern meist auch oberste religiöse Instanz. Die Macht dieser Führer ist beträchtlich, wobei sie ihren Einfluss in der Regel weniger institutionell als personal behaupten. Charisma ist damit eines der zentralen [weiterlesen]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In den islamischen Ländern und besonders in den modernen islamistischen Diktaturen nimmt der charismatische Führer eine Sonderstellung ein. Er ist nicht nur Regierungschef oder Staatsoberhaupt, sondern meist auch oberste religiöse Instanz. Die Macht dieser Führer ist beträchtlich, wobei sie ihren Einfluss in der Regel weniger institutionell als personal behaupten. Charisma ist damit eines der zentralen Herrschaftsmittel der islamischen Diktatur (Wandat-Hagh 1999). Der charismatische Führer in seiner islamischen, antiimperialistischen, antiwestlichen Variante ist seinem Selbstverständnis nach eine revolutionäre Gegenkraft zur modernen rationalen Herrschaft, wie sie in der westlichen Welt dominiert. Sie soll hier am Beispiel der Funktion des charismatischen Führerprinzips in der „Islamischen Republik Iran“ näher beleuchtet werden.</p>
<p>Im Iran steht der charismatische religiöse Führer an der Spitze des iranischen Gottesstaates und versteht sich ideologisch als in der Tradition des Propheten und der zwölf schiitischen Imame als Stellvertreter Gottes auf Erden stehend. Der Inbegriff der so konstituierten und abgesicherten „charismatischen Autorität“ (Kimmel/Tavakol 1986: 109) ist der verstorbene Revolutionsführer Khomeini. Der gegenwärtig herrschende religiöse Führer, Khamenei, besitzt zwar nicht die Integrationskraft Khomeinis, bildet aber gemeinsam mit seinem vermeintlichen Gegenspieler Mohammad Khatami im Schattenboxen um die Macht die charismatische Autorität. Die Effizienz der von den religiösen Führern ausgeübten personalen Herrschaft kann durch Rückgriff auf Webersche Kategorien erklärt werden.</p>
<p>Folgt man Weber, wird die Gesellschaft durch Herrschaftsbeziehungen zusammengehalten. Diese werden durch unterschiedliche normative und ethische Systeme legitimiert. Charismatische Herrschaft ist im Gegensatz zu rationalen Formen bürokratischen Herrschens historisch und daher temporal. Michael S. Kimmel unterscheidet daher unter Rückgriff auf Weber die charismatische Herrschaft von der traditionalen Herrschaft (Kimmel 1980: 124). Weber schreibt: „Die traditionale Herrschaft ist gebunden an die Präzedenzien der Vergangenheit und insoweit […] regelhaft orientiert, die charismatische stürzt (innerhalb ihres Bereichs) die Vergangenheit um und ist in diesem Sinn spezifisch revolutionär.“ (Weber 1980: 141) Ihm zufolge besitzt die genuine Form der charismatischen Herrschaft einen außeralltäglichen Charakter. „Der Träger des Charisma ergreift die ihm angemessene Aufgabe und verlangt Gehorsam und Gefolgschaft kraft seiner Sendung. Ob er sie findet, entscheidet der Erfolg. […] Auch ein genialer Seeräuber kann ja eine ,charismatische&#8216; Herrschaft im hier gemeinten wertfreien Sinn üben, und die charismatischen politischen Helden suchen Beute und darunter vor allem gerade: Geld.“ (ebd.: 655)</p>
<p>Entscheidend erscheint aber vor allem die Tatsache, dass charismatische Herrschaft vielfach als Gegenreaktion auf gesellschaftliche Modernisierung auftritt und damit als gangbare Alternative zum modernen Regieren erscheint. So mobilisierte Khomeini die Frustrationen derjenigen Muslime, die Verlierer des Modernisierungsprozesses in Persien waren. Die islamische Religion diente vor allem dazu, das Charisma zu legitimieren; der „Führer“ instrumentalisierte die Religion für seine politischen Ziele. Diese im Iran erfolgte Reinterpretation der Religion diente zur Legitimation seiner charismatischen Qualitäten (Kimmel 1989: 503). Tatsächlich wurde Khomeini von Islamisten, von religiösen Nationalisten und von orthodoxen Teilen der kommunistischen Bewegung gleichermaßen als legitimer Führer der Revolution von 1979 betrachtet.</p>
<h3 class="">Das &bdquo;Crisis Charisma&ldquo; Khomeinis</h3>
<p>Für die Betrachtung der Rolle von Charisma im islamischen Iran spielen vor allem die Analysen von Ahmad Ashraf eine wichtige Rolle, erlauben sie doch einen tiefen Einblick in die Rolle Khomeinis, dessen Ausstrahlung Ashraf als „multiples Charisma“ (Ashraf 1990: 113) bezeichnete. Der religiöse Führer hat demnach sowohl ein emotionales wie ein traditionelles religiös-amtliches Charisma. Khomeini führte eine theokratische Institution ein, die sich auf den verborgenen Imam beruft, übernahm selbst die Position des <em>Supreme leader</em> und eignete sich den Titel des Imam an.</p>
<p>Ashraf spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „crisis charisma“ (Ashraf 1994: 142): Charismatische Führer bilden sich demnach in Krisenzeiten heraus, wenn die grundlegenden Orientierungswerte, die Institutionen und die Legitimation der etablierten Ordnung sowie die dominanten Klassen von Intellektuellen und der Masse in Frage gestellt werden. Khomeinis Charisma war ein „dramatisches Phänomen“, das im Kontext der symbolischen Repräsentation der schiitischen Gemeinschaft entstand (ebd.: 145). Das Charisma kennt keine ökonomische Rationalität, um materielle Interessen zu verteidigen. Daher läuft das Charisma nach Ashraf stündlich seinem Ende entgegen (ebd.: 150). Um dem vorzubeugen, bedurfte es der Institutionalisierung der „charismatischen Herrschaft“ (Sansarian 1995:190). Diese äußert sich in der Beziehung des „Führers“ zu seinen Anhängern, aber auch im Verhältnis zu den Andersdenkenden. Der islamistische Führungsstil zeichnet sich durch eine institutionelle Erneuerung und die Durchsetzung der Kontinuität der klerikalen Herrschaft aus. Die Institutionalisierung der Herrschaft verfolgt das Ziel der Durchsetzung einer permanenten charismatischen Herrschaft. Gezielt wurden Institutionen wie eine Partei der Islamisch Republikanischen Partei (IRP) zunächst eingeführt, um diese im Juni 1987 abzuschaffen, als sie nicht mehr gebraucht wurde. Insbesondere im Bereich der Justiz wurden neue Institutionen geschaffen, die die Macht des religiösen Führers absichern sollen (ebd.: 198).</p>
<p>Die revolutionäre Funktion der schiitischen Ideologie bezieht ihre Impulse aus den herrschenden Mythologien, die tief in dem kollektiven Gedächtnis der Iraner verwurzelt sind. Diese Mythologien dienen den Massen als Glaubensersatz und dem Führer und der herrschenden Elite als ideologisches Herrschaftsinstrument zur Unterdrückung der Gläubigen. Die totalitäre islamistische Pseudo- und Anti-Religion strebt die Formung der Massen nach der staatlich monopolisierten religiös begründeten Ideologie an. Totalitäre Bewegungen legitimieren sich ideologisch wie Religionen. Auf existentiellen Gebieten, wie Geburt, Hochzeit und Tod betreiben totalitäre wie religiöse Bewegungen Riten. In der „Islamischen Republik Iran“ ist gerade in diesem Bereich eine Überlappung der religiösen Rituale der Frommen mit den politischen Zielen der Führungskaste festzustellen.</p>
<p>Ziel all dieser Maßnahmen ist es, die ursprünglich rein personale charismatische Herrschaft auf ein dauerhaftes Fundament totalitärer Herrschaft zu stellen und damit auch einen Wechsel des Führers bzw. eine Art Imagetransfer vom ursprünglichen revolutionären Führer zu seinen Nachfolgern sicher zu stellen. Der weitestgehend reibungslos verlaufene Übergang von Khomeini zu Ali Khameneis Führerherrschaft hat gezeigt, dass diese Strategie unter diktatorischer Zwangsherrschaft aufgeht.</p>
<h3 class="">Literatur</h3>
<p><em>Ashraf, Ahmad</em> 1990: Theocracy and Charisma: New Men of Power in Iran; in: <em>Vidich Arthur J. u.a. </em>(Hg.): International Journal of Politics, Culture and Society, Vol. 4, No. 1, S. 113-152</p>
<p><em>Ashraf, Ahmad</em> 1994: Charisma, Theocracy, and Men of Power in Postrevolutionary Iran; in:<em> Weiner, Myron/Banuazizi, Ali</em> (Hg.): The Politics of Social Transformation in Afghanistan, Iran, and Pakistan, Syracuse</p>
<p><em>Kimmel, Michael</em> 1989: &#8222;New Prophets&#8220; and &#8222;Old Ideals&#8220;: Charisma and Tradition in the Iranian Revolution; in: <em>Social Compass</em>, Vol. 36, No.4, S.493-510</p>
<p><em>Kimmel, Michael/Tavakol, Rahmat</em> 1986: Against Satan, Charisma and Tradition in Iran; in: <em>Glassmann, Roland M./Swatos, William H</em>. (Hgg.): Charisma, History and Social Structure, Westport (Conn.)</p>
<p><em>Sanasarian, Eliz</em> 1995: Ajatollah Khomeini and the Institutionalization of Charismatic Rule in Iran, 1979-1989; in: <em>Journal of Developing Societies,</em> Volume XI, S.189-205</p>
<p><em>Wandat-Hagh, Wahied</em> i.E.: Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus: Die Islamische Republik Iran (Dissertation, Frühjahr 2003)</p>
<p><em>Wandat-Hagh, Wahied</em> 1999: Die Herrschaft des politischen Islam als eine Form des Totalitarismus, in: PROKLA 115, S. 317-342</p>
<p><em>Weber, Max</em> 1980 [1921/22]: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen</p>
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		<title>Islamistische Herrschaft als eine Form des Totalitarismus</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/173-vorgaenge/publikation/islamistische-herrschaft-als-eine-form-des-totalitarismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Mar 2006 10:10:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Symbiose von Religion und Diktatur im Iran, aus: vorg&#228;nge Nr. 173 (Heft 1/2006), S. 45-53 Mit dem neu gew&#228;hlten iranischen Pr&#228;sidenten Mahmud Ahmadinejad ist der Iran in eine neue Phase der Stabilisierung der khomeinistischen Diktatur eingetreten. Hashemi Rafsanjani hatte dies w&#228;hrend seiner Pr&#228;sidentschaft 1989-1997 durch die St&#228;rkung der iranischen Wirtschaft mittels begrenzter Markt&#246;ffnung f&#252;r [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/173-vorgaenge/publikation/islamistische-herrschaft-als-eine-form-des-totalitarismus/">Islamistische Herrschaft als eine Form des Totalitarismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Symbiose von Religion und Diktatur im Iran,</p>
<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 173 (Heft 1/2006), S. 45-53</p>
<p><b>Mit dem neu gew&auml;hlten iranischen Pr&auml;sidenten Mahmud Ahmadinejad ist der Iran in eine neue Phase der Stabilisierung der khomeinistischen Diktatur eingetreten. Hashemi Rafsanjani hatte dies w&auml;hrend seiner Pr&auml;sidentschaft 1989-1997 durch die St&auml;rkung der iranischen Wirtschaft mittels begrenzter Markt&ouml;ffnung f&uuml;r ausl&auml;ndische Investitionen zu erreichen versucht, was als wirtschaftliche Liberalisierung gefeiert wurde (F&uuml;rtig 1996: 9). Der als &bdquo;Reformer&ldquo; geltende Mohammad Khatami setzte dann die ideologische Waffe der &bdquo;islamischen Zivilgesellschaft&ldquo; und der &bdquo;islamischen Demokratie&ldquo; ein, um die Demokratieforderungen aus der Gesellschaft zu neutralisieren, indem er die Begriffe Demokratie, Zivilgesellschaft, Menschenrechte, Gleichberechtigung islamisierte und inhaltlich aush&ouml;hlte. Khatami wollte einerseits durch die wirtschaftliche &Ouml;ffnung nach Europa die Diktatur stabilisieren und gleichzeitig mit zivilgesellschaftlichen Parolen den demokratischen Willen der Bev&ouml;lkerung nach Freiheit neutralisieren. Auch er galt als Hoffnungsschimmer der Nation (Kermani 2001: 226). Aber schon bei der Wahl Khatamis 1997 waren alle totalit&auml;ren Strukturen der staatlichen Macht intakt. Daher l&auml;sst sich die reformislamistische Strategie der Modernisierung der Diktatur lediglich als ideologische Stabilisierung der vorhandenen Machtstrukturen analysieren (Wahdat-Hagh 2003: 380f.).<br />Die neue Regierung von Ahmadinejad ist ideologisch revolution&auml;r und militaristisch (vgl. Memri 28. Juni 2005). W&auml;hrend Khatami von st&auml;dtischen Mittelschichten und wohlhabenden Teilen des Basars getragen wurde, wurde Ahmadinejad wieder von den Massen der Armen gew&auml;hlt. Tats&auml;chlich sind die sozialen Probleme des Landes heute gr&ouml;&szlig;er denn je: Massenarbeitslosigkeit, Drogen, Prostitution wachsen stetig. Khatami bezog sich auf Khomeinis Parolen von Demokratie und Zivilgesellschaft &ndash; doch eben diese lassen sich im Rahmen einer Diktatur nicht verwirklichen. <br />Ralf Dahrendorf hat j&uuml;ngst festgestellt, dass &bdquo;neue Fundamentalismen islamisch sein [k&ouml;nnen], aber auch protestantisch und sogar von einem Marktfundamentalismus sprechen manche nicht zu unrecht.&ldquo; (Dahrendorf 2005: 13) Im Folgenden geht es aber weniger um die Herausarbeitung der globalen Zusammenh&auml;nge der Totalitarismen, sondern um eine neue Spielart der totalit&auml;ren Diktatur, die sich religi&ouml;s verbr&auml;mt und legitimiert. W&auml;hrend beispielsweise die nationalsozialistische Weltanschauung von einem biologischen Lebenskampf von Rassen und V&ouml;lkern ausging, strebten Anh&auml;nger eines kommunistischen Messianismus eine utopische Humanisierung der sozial-&ouml;konomischen Probleme der Moderne an. Um es vorwegzunehmen: Die khomeinistische Diktatur zeichnet sich durch einen politischen eliminatorischen Antizionismus aus und schlie&szlig;t alle Nicht-Islamisten aus ihrem Herrschaftsbereich aus.<br />Folgende Kriterien gelten in der Totalitarismustheorie als ausschlaggebend f&uuml;r eine totalit&auml;re Herrschaft: Massenmobilisierung, staatliche &Uuml;berwachungsorgane, F&uuml;hrerideologie, staatlicher Terror nach innen und nach au&szlig;en und eine apodiktische Staatsideologie (vgl. Maier 1996, 1997, 2003; Eisenstadt 1998, 2000). All dies sind Faktoren, die auch die neue totalit&auml;re Herrschaft, die sich im islamischen Gottesstaat religi&ouml;s legitimiert, determinieren.</b></p>
<h2 class="auto-created">Khomei&shy;nis&shy;ti&shy;sche Bewegung und Mobili&shy;sie&shy;rung der Masse</h2>
<p>Der iranische Klerus war nicht nur beim Sturz der Pahlavi-Dynastie 1979 erfolgreich. Nach der Machtergreifung begann zudem eine Geschichte der staatlich organisierten Mobilisierung der Massen, die bis heute die Bev&ouml;lkerung zur Partizipation an dem Herrschaftssystem bewegen soll (Wahdat-Hagh 1999: 330ff.). Schon in der Etablierungsphase des Regimes waren die Islamisten in ihrem Kampf gegen das &bdquo;westliche&ldquo; Schahregime aktiv (vgl. Backes/Jesse 2002: 17). Sie nutzten den politischen Druck aus, den der damalige US-Pr&auml;sident Carter auf den Iran aus&uuml;bte, damit Iran seine Menschenrechtssituation verbessert. In Abgrenzung zum Westen und dessen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten mobilisierten die Islamisten die Massen, um eine islamische Herrschaft zu errichten. <br />Im September 1977 hielt Khomeini eine Rede im irakischen Exil und sprach von &bdquo;M&ouml;glichkeiten eines Protestes&ldquo;, die sich neu er&ouml;ffnet h&auml;tten (Kurzman 2004: 21). Er forderte den Klerus auf, sich der Kritik, die aus dem Lager des rudiment&auml;r vorhandenen liberalen B&uuml;rgertums erwuchs, anzuschlie&szlig;en.<br />In Moscheen wurde immer lauter der Sturz des Regimes und die R&uuml;ckkehr Khomeinis, der von einigen als Messias gepriesen wurde, gefordert. Die religi&ouml;sen Rituale wandelten sich im Dezember 1977 zum politischen Protest. Dazu wurden schon im Januar 1978 gewaltt&auml;tige Demonstrationen durchgef&uuml;hrt. Ab 1978 gewann die Massenbewegung &uuml;ber die Organisation der Moschee Netzwerke eine organisierte Gestalt. Diese Netzwerke sollten die Infrastruktur f&uuml;r die Proteste der Jahre 1978 bilden. Die Moscheen und die religi&ouml;sen Zentren wurden t&auml;glich aktiver und mobilisierten die Massen. Die revolution&auml;re islamische Bewegung argumentierte islamisch und schiitisch, wobei die kulturellen Elemente vollkommen modifiziert wurden: Die revolution&auml;re Ungeduld Khomeinis warf die schiitische Vorstellung des Wartens auf den verschwundenen Imam &uuml;ber Bord. Er forderte die Mobilisierung der Massen zur sofortigen Gr&uuml;ndung des islamischen Staates. <br />Heute k&ouml;nnen nicht nur die Pseudo-Wahlen als weiteres Beispiel f&uuml;r die staatliche Mobilisierungsstrategie angef&uuml;hrt werden, sondern auch die Mobilisierung f&uuml;r die &bdquo;Bassiji-Woche&ldquo;, in der der minderj&auml;hrigen K&auml;mpfer, die gegen den Irak in den Krieg zogen, gedacht wird, oder f&uuml;r den Al-Quds-Tag, an dem j&auml;hrlich zur Zerst&ouml;rung Israels aufgerufen wird (vgl. Memri 20. Dezember 2005, 2. November 2004). Immerhin demonstrierten Ende November 2005 landesweit ca. neun Millionen Menschen f&uuml;r Ahmadinejad und das iranische Atomprogramm.</p>
<h2 class="auto-created">Totalit&auml;re Insti&shy;tu&shy;ti&shy;onen im Iran</h2>
<p>Der W&auml;chterrat, der Rat zur Erkenntnis der Staatsinteressen und der Expertenrat sind Beispiele f&uuml;r totalit&auml;re Organe, die die Macht des religi&ouml;sen F&uuml;hrers st&auml;rken. <br />Der aus sechs Kleriker und sechs Juristen bestehende W&auml;chterrat ist eine so genannte ewige Einrichtung; nur die Mitglieder werden f&uuml;r einen begrenzten Zeitraum von sechs Jahren gew&auml;hlt. W&auml;hrend das Majless, das Pseudo-Parlament, zu dem nur Khomeinisten zugelassen sind, f&uuml;r vier Jahre gew&auml;hlt wird, wird der Expertenrat, der den religi&ouml;sen F&uuml;hrer w&auml;hlt, f&uuml;r acht Jahre gew&auml;hlt. Der W&auml;chterrat w&auml;hlt den Expertenrat. Dieser den F&uuml;hrer. Und der F&uuml;hrer w&auml;hlt wieder den W&auml;chterrat. Dabei kontrolliert der W&auml;chterrat das Majless. So entsteht eine Karussel der Macht; sie klont sich selbst. Alle sich zur Wahl stellenden Kandidaten werden durch den W&auml;chterrat abgesegnet oder ausgeschlossen (Wahdat-Hagh 2003: 287). Dadurch bekommt das Majless eher den Charakter einer Ersatz-Staatspartei als den eines Parlaments, zumal die verschiedenen islamistischen Splittergruppen keine frei gew&auml;hlten Parteien darstellen (Wahdat-Hagh 1999a: 325ff.; Ders.: 2003: 325-407).<br />Majmae Tashkhisse Masslehate Nesam (MTMN), wegen seiner urspr&uuml;nglichen Aufgabe der Schlichtung von Konflikten zwischen dem W&auml;chterrat und dem Majless auch Schlichtungsrat genannt, ist ein weiteres totalit&auml;res Organ des khomeinistischen Gottesstaates. Der religi&ouml;se F&uuml;hrer des Iran, Ali Khamenei, hat Anfang Oktober 2005 wichtige Teile seiner politischen Verantwortlichkeiten an MTMN &uuml;bergeben. Zwar beh&auml;lt Khamenei die F&uuml;hrungsbefugnisse, seine Position wird aber nun durch ein neues Kontrollorgan gest&uuml;tzt. Vorsitzender des Schlichtungsrates bleibt Hashemi Rafsanjani und damit weiterhin der zweitm&auml;chtigste Mann im iranischen Gottesstaat. Auch Ex-Pr&auml;sident Mohammad Khatami und Hassan Rohani, der ehemalige Unterh&auml;ndler in Atomfragen, arbeiten mittlerweile unter Rafsanjani in der Forschungsabteilung f&uuml;r strategische Fragen des MTMN (vgl. Memri 22. November 2005, 7. November 2005).</p>
<h2 class="auto-created">Das Verh&auml;ltnis von F&uuml;hrer, Gott und Volk</h2>
<p>Im Iran gibt es keine Souver&auml;nit&auml;t des Volkes, denn die Umma ist das Volk Gottes und hat Gott und seinem Vertreter zu gehorchen (Wahdat-Hagh 1999a: 336). Im Artikel 107 der iranischen Verfassung wurde festgelegt, dass der Expertenrat den religi&ouml;sen F&uuml;hrer w&auml;hlt. Der religi&ouml;se F&uuml;hrer wird vom Expertenrat per Akklamation (Entessabi) gew&auml;hlt. Tats&auml;chlich gibt es eine innerislamistische Auseinandersetzung &uuml;ber die Frage, ob &bdquo;rationale Vernunft&ldquo; oder nur eine g&ouml;ttliche Vorbestimmung die Wahl des religi&ouml;sen F&uuml;hrers ausmache. F&uuml;r Ayatollah Amoli, f&uuml;hrender Kleriker und Verfasser theoretischer Schriften &uuml;ber den Staat, spielt die von Gott gef&uuml;hrte Vernunft des Expertenrates bei der Wahl des religi&ouml;sen F&uuml;hrers eine relevante Rolle. Eine andere Position, die sich davon in Nuancen unterscheidet, vertritt Ayatollah Mesbahe Yasdi, der ideologische Mentor des Pr&auml;sidenten Ahmadinejad: &bdquo;Die Legitimit&auml;t der Regierung in der Zeit der Abwesenheit des 12. Imam ist von Gott bestimmt. Die Legitimit&auml;t wird nicht durch die Wahl der Bev&ouml;lkerung, sondern durch ein g&ouml;ttliches Urteil definiert. [..] Wahlen haben lediglich die Funktion den F&uuml;hrer zu entdecken, verleihen ihm jedoch keine Legitimit&auml;t.&ldquo; (zit. n. Feirahi 2003: 275) Die Legitimit&auml;t des politischen Systems werde wiederum vom religi&ouml;sen F&uuml;hrer bestimmt. Und alle Aufgaben der drei Gewalten, der Judikative, der Legislative und der Exekutive, werden ebenfalls ihre G&uuml;ltigkeit erlangen, wenn diese vom religi&ouml;sen F&uuml;hrer, der als Stellvertreter des verschwundenen Imam verstanden wird, abgesegnet werden. Mesbahe Yasdi geht davon aus, dass die Kleriker des Expertenrates den religi&ouml;sen F&uuml;hrer lediglich entdecken. Tats&auml;chlich w&auml;hle der verschwundene Imam seinen Stellvertreter und da die Menschen ihn nicht kennen, m&uuml;ssten die Experten ihn entdecken (vgl. Feirahi 2003: 278).<br />Mesbahe Yasdi zufolge bestimmt einerseits Artikel 110 die Aufgaben des religi&ouml;sen F&uuml;hrers, andererseits hat aber der religi&ouml;se F&uuml;hrer eine &bdquo;absolute&ldquo; Position, denn er ist Velayate Motlaqeye Faqih, d.h. er ist in der Position eines &bdquo;absoluten klerikalen Herrschers&ldquo;. Der F&uuml;hrer werde von Gott legitimiert, schreibt der islamistische Politikwissenschaftler Feirahi, dessen Buch vom iranischen Au&szlig;enministerium herausgegeben worden ist (Feirahi 2003: 297). Die Logik der Diktatur ist so eindimensional wie zynisch: Der religi&ouml;se F&uuml;hrer wird von Gott ausgesucht. Dem Volk bleibt die Entscheidung &uuml;berlassen, ob es sich f&uuml;r die g&ouml;ttliche Vorbestimmung entscheidet oder nicht.</p>
<h2 class="auto-created">Staatlicher Terror nach innen und nach au&szlig;en</h2>
<p>Anti-Bahaismus und eine neue Form des eliminatorischen Anti-Zionismus geh&ouml;ren zu den weiteren totalit&auml;ren Merkmalen der staatlichen Diskriminierung und Verfolgung im Iran. Aber auch die geschlechtsspezifische Apartheidpolitik gegen&uuml;ber den Frauen und der Jugend geh&ouml;ren zu den diskriminierenden Spezifika der Diktatur (Ahmadi 2006).<br />Seitdem die islamische Regierung an die Macht gekommen ist, sind &uuml;ber 200 Bahai ermordet worden. Hunderte wurden ins Gef&auml;ngnis gesteckt, die Besitzt&uuml;mer von Tausenden wurden konfisziert. Die heiligen St&auml;tte der Bahai wurden zerst&ouml;rt und ihre administrativen Gemeindestrukturen aufgehoben. Die Bahai besitzen kein Recht, h&ouml;here Schulen und Universit&auml;ten zu besuchen. Es liegt auf der Hand, dass die Regierung die iranische Bahai-Gemeinde ausl&ouml;schen will.<br />Zudem propagiert der Iran seit 27 Jahren einen eliminatorischen Antizionismus.</p>
<p>Der iranisch-islamistische Antisemitismus ist nicht rassisch bedingt und daher nicht mit der Geschichte des europ&auml;ischen Antisemitismus zu verwechseln. Dennoch gibt es einen iranisch-islamistischen Antisemitismus, der sich politisch artikuliert. Die neue Form des Antisemitismus wird vom Mutterland des Islamismus, von der &bdquo;Islamischen Republik Iran&ldquo; gesch&uuml;rt und fordert die Vernichtung Israels, betrachtet gar den einzigen demokratischen Staat im Nahen und Mittleren Osten als ein &bdquo;Krebsgeschw&uuml;r&ldquo;, das notfalls milit&auml;risch eliminiert werden muss. Das Existenzrecht Israels wird nicht anerkannt. Der khomeinistische Antisemitismus fordert die Zerst&ouml;rung eines legitimen Staates, der nach der Barbarei des Nationalsozialismus eine Heimst&auml;tte f&uuml;r alle Juden der Welt darstellt. Der khomeinistische Antisemitismus ist daher auch eine neue Form des eliminatorischen Antisemitismus. Vor dem Grund der iranischen Aufr&uuml;stungspolitik und der iranischen Mittelstreckenwaffen, die Israel l&auml;ngst erreichen k&ouml;nnen, bekommt diese Form des Antisemitismus einen besonderen politischen Stellenwert.<br />Die Glorifizierung des Terrorismus geh&ouml;rt auch zur staatlichen Ideologie und zur Realit&auml;t des iranischen Revolutionsexports, also dem Staatsterrorismus. Tats&auml;chlich rief Khomeini schon im August 1979 zur Vernichtung Israels auf. Die islamische Revolution sollte als Modell f&uuml;r die gesamte islamische Welt dienen. Khomeini forderte die Gr&uuml;ndung einer Partei, der Hesbollah, die die Einheit aller Muslime in der islamischen Welt verwirklichen sollte. Seitdem marschieren iranische Reformislamisten und Hardliner am letzten Freitag des Monats Ramasan, also am Ende der Fastenzeit, &uuml;berall in Teheran, aber auch in London und in Berlin und rufen zur Zerst&ouml;rung Israels auf (vgl. Memri 12. November 2004, 26. Oktober 2005). Insofern geh&ouml;ren die j&uuml;ngsten antisemitischen Forderungen des iranischen Pr&auml;sidenten und dessen Holocaustleugnung zum traditionellen Ton der iranischen Regierung. <br />Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die libanesische Hesbollah von einem iranischen Reformislamisten gegr&uuml;ndet worden ist und Jihade Eslami eine proiranische Terrorbewegung ist. Auch zur Hamas verf&uuml;gt der Iran &uuml;ber gute Kontakte. Der iranische F&uuml;hrer traf sich am 13. Dezember 2005 mit Khaled Mashal, dem Repr&auml;sentanten der Hamas in Teheran und versprach ihm seine volle Unterst&uuml;tzung. <br />Den Grundstein f&uuml;r diese Entwicklungen legte schon Khomeini: Laut Feirahi m&uuml;sse der Iran seine internationale Politik so gestalten, dass die aktiven politischen Akteure kein Interesse an der milit&auml;rischen Feindschaft mit dem Iran finden. In diesem Zusammenhang zitiert er Khomeini: &bdquo;Unser Krieg, ist ein Krieg der &Uuml;berzeugungen. Dieser Krieg kennt keine Geographie und Grenzen. Wir m&uuml;ssen in unserem Kampf der &Uuml;berzeugungen muslimische Soldaten weltweit mobilisieren.&ldquo; (Feirahi 2003: 264) Und tats&auml;chlich sind die Iraner auch aktiv beim Aufbau von freiwilligen paramilit&auml;rischen Einheiten (Memri 6. Juli 2005, 18. August 2005, 7. November 2005). Khomeini schrieb schon damals, dass der Iran sich zu einer &bdquo;unangreifbaren milit&auml;rischen Bastion entwickeln&ldquo; m&uuml;sse, &bdquo;in der die muslimischen Soldaten ideologisch und religi&ouml;s ausgebildet werden m&uuml;ssen. Sie m&uuml;ssten in Methoden und Prinzipien des Kampfes gegen ungl&auml;ubigen Systeme ausgebildet werden.&ldquo; Khomeini betonte, dass die Muslime &bdquo;gegen die Ausbeuter bis zu ihrer Vernichtung k&auml;mpfen werden. Entweder werden wir alle frei sein oder wir werden in einem h&ouml;heren Sinne, des M&auml;rtyrertodes frei sein.&ldquo; (zit. n. Feirahi 2003: 264) &Auml;hnlich &auml;u&szlig;erte sich nun auch Ahmadinejad.</p>
<h2 class="auto-created">Ideologie und Propaganda: die Herrschaft des Klerus</h2>
<p>Nach Hannah Arendt setzen totalit&auml;re Diktaturen ihre ideologischen &bdquo;Doktrinen und die aus ihnen folgenden praktischen L&uuml;gen mit Gewalt in die Wirklichkeit&ldquo; um (Arendt: 1986: 546). Die herrschende Ideologie im Iran geht von der Legitimit&auml;t einer Herrschaft des Klerus aus. Dank eines gewaltigen Propagandaapparates, unz&auml;hliger Internetportale, die jedoch keine systemfremden Informationen vermitteln, Fernsehsendungen f&uuml;r In und Ausland und einer gleichgeschalteten Presse sowie der erfolgreichen Arbeit des Repressionsapparates konsolidiert sich die Mullah-Herrschaft. Zwar konnte sich im Verlauf des 20. Jahrhundert nirgendwo der totalit&auml;re Anspruch der Diktatur in einer Gesellschaft g&auml;nzlich durchsetzen. Das ist heute nicht anders: Die iranische Gesellschaft ist so gespalten wie nie zuvor &#8211; zwischen der vom Westen gesteuerten Informationstechnologie und der staatlichen Propaganda. Dennoch unterliegt die Gesellschaft dem permanenten totalit&auml;ren Anspruch und seiner Ideologie.<br />Der Kern der khomeinistischen-iranischen Idee ist die klerikale Herrschaft, die einhergeht mit der Vorstellung einer messianischen Gesellschaft, die durchaus als Parallele zu einer &bdquo;gerechten&ldquo; kommunistischen Gesellschaft zu verstehen ist (vgl. Memri 29. August 2005). Sie st&uuml;tzt sich direkt auf die Idee der Herrschaft des Klerus als Stellvertreter Gottes, bis der Messias erscheint.<br />Tats&auml;chlich ist der innerislamische Streit &uuml;ber die Frage nach der Form der islamischen Herrschaft im Iran mindestens 100 Jahre alt. Feirahi erkl&auml;rt, dass schon um die Wende zum 20. Jahrhundert der religi&ouml;se Gelehrte Haji Mirsa Hussein Naini eine islamische Herrschaft in Form eines Konstitutionalismus gefordert habe (Feirahi 2003: 242). Er schloss die Herrschaft eines K&ouml;nigs ein. Eine reine klerikale Herrschaft sei nur dann erlaubt, wenn der verschwundene 12. Imam, der im schiitischen Islam als Messias gilt, wiedergekommen sei. Khomeini widersprach Naini in seiner Staatslehre. <br />In seinem Hauptwerk Hokumate Eslami pochte Khomeini auf die &bdquo;Herrschaft des Klerus&ldquo; und war der Meinung, dass lediglich die soziale Lage der Muslime und des Klerus ihnen nicht erlaube, eine islamische Herrschaftsform zu errichten. Die Kleriker, die sich als Vertreter des verschwundenen Imam verstehen, m&uuml;ssten jetzt schon die politische Macht aus&uuml;ben. Nach der khomeinistischen Lehre geht es in der islamischen Herrschaft um die &bdquo;Herrschaft des g&ouml;ttlichen Gesetzes&ldquo;. <br />Feirahi zufolge gibt es im Iran, unter Islamisten wohlgemerkt, drei Vorstellungen, wie eine islamische Herrschaft auszusehen hat. W&auml;hrend Nationalreligi&ouml;se (Wahdat-Hagh 1999b: 25) der Meinung sind, dass, solange der von Schiiten erwartete Messias nicht erschienen sei, die Regierung sich eher um nationale Ziele k&uuml;mmern sollte, g&auml;be es eine zweite Gruppe, die den Revolutionsexport als erste Pflicht der islamischen Regierung ansehe. Dazu z&auml;hlen traditionell linksislamistische Str&ouml;mungen. Die dritte Str&ouml;mung, die von Mohammad Javad Larijani gef&uuml;hrt werde, geht ideologisch einen Schritt weiter und betrachtet die islamische Welt als eine einzige Ummat, also als vermeintliche islamische Nation, die unter die F&uuml;hrung der Velayate Faqih, also unter die Herrschaft des Klerus gebracht werden m&uuml;sse. Dies ist prinzipiell das erkl&auml;rte Ziel der iranischen Politik und wird heute mehr diskutiert als je zuvor. Feirahi zufolge ist die Bedingung f&uuml;r eine solche F&uuml;hrung eine aktive Einflussnahme des Mutterlandes auf die islamistischen Bewegungen. Iran sei heute technologisch in der Lage, seine nationalen Strategien global umzusetzen. Khomeini jedenfalls habe den Kurs vorgegeben, als er den iranischen Staatsklerus verpflichtete, die F&uuml;hrung der Ummat zu &uuml;bernehmen. In diesem dialektischen Verh&auml;ltnis sei die gesamte Ummat verpflichtet, die iranische F&uuml;hrung zu verteidigen (Feirahi 2003: 261)</p>
<h2 class="auto-created">Die totalit&auml;re Identit&auml;t</h2>
<p>Der Machtanspruch des Staates und dessen Wille zur Beherrschung der gesamten Gesellschaft ist totalit&auml;r. Totalit&auml;re Herrscher versuchen eine gemeinsame Identit&auml;t mit den Beherrschten herzustellen. Ein solcher Voluntarismus der Macht ist zwar von den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts nicht realisiert worden. Der islamisch verbr&auml;mte Staat bleibt ungeachtet dessen entschlossen, alle staatlichen Organe zu instrumentalisieren, um seine Macht durchzusetzen. Auch wenn es bislang keinen Staat gab, der auf Dauer seine Allmacht der Gesellschaft aufzwingen konnte, reichen die beschriebenen totalit&auml;ren Anspr&uuml;che aus, um im Falle des Iran von einer dritten Spielart totalit&auml;rer Herrschaftsformen zu sprechen.<br />W&auml;hrend die nazistische Ideologie teilweise mit sozialistischem Vokabular arbeitete, versuchen islamistische Ideologen demokratische und sozialistische Versatzst&uuml;cke in ihre Dogmatik einzubauen. Dies kann hier nicht n&auml;her analysiert werden; ein Hinweis auf das Paradebeispiel der Wahlen soll hier gen&uuml;gen. F&uuml;r Islamisten aller Schattierungen ist die Islamische Republik Iran das beste politische System in der Welt. Und die Wahlen im Iran gelten ihnen prinzipiell als demokratisch. Beispielsweise gratulierte Ex-Pr&auml;sident Khatami den neuen Pr&auml;sidenten Ahmadinejad und betonte in seinen Kommentaren, dass man akzeptieren m&uuml;sse, dass Ahmadinejad nun mal demokratisch gew&auml;hlt worden sei. Zwar unterstellte beispielsweise der unterlegene Pr&auml;sidentschaftskandidat Karrubi Wahlmanipulation. Dennoch zweifeln die Islamisten prinzipiell nicht an der herrschende Demokratie im Iran, auch wenn dann und wann M&auml;ngel eingestanden werden. Dabei waren die vom W&auml;chterrat kontrollierten und diktierten Pseudo-Wahlen in der &bdquo;Islamischen Republik&ldquo; von Anbeginn eine Parodie von demokratischen Wahlen. Denn nur islamistische Kandidaten k&ouml;nnen gew&auml;hlt werden (Wahdat-Hagh 2003: 302). Der Justizchef Ayatollah Mahmud Haschemi-Schahroudi hatte bei den letzten Pr&auml;sidentschaftswahlen im Juni 2005 die iranischen W&auml;hler sogar vor einem Wahlboykott gewarnt. Dies k&auml;me einem Staatsverrat gleich. Tats&auml;chlich hatten sich alle islamistischen Str&ouml;mungen, vom religi&ouml;sen F&uuml;hrer bis zu den Reformislamisten, f&uuml;r die Teilnahme an den &bdquo;Wahlen&ldquo; ausgesprochen.<br />Der unbedingte Wille, der alle Islamisten verschiedener Schattierungen zusammenh&auml;lt, ist die Sicherung der Macht des totalit&auml;ren Staates. Die Khomeinisten bedienen sich rigider Methoden, wenn es eine Machtverteilung zu verhindern gilt, wenn es um die Sicherung der religi&ouml;s verbr&auml;mten, vermeintlich von Gott gegebenen Macht geht. Beide islamistische Fraktionen, sowohl die Reformislamisten als auch die sogenannten Hardliner, haben dieselbe antipluralistische Weltanschauung. Beide Fraktionen schlie&szlig;en konsequent andere Ideologien aus, denn sie pochen auf die khomeinistische Verfassung, die den Ausschluss des &bdquo;Anderen&ldquo; garantiert. Wie alle Totalitarismen bek&auml;mpfen auch die Islamisten den Liberalismus. Auch Khomeinisten verfolgen prinzipiell in ihrer Bewegung und nach der staatlichen Machtergreifung das Ziel der radikalen Umw&auml;lzung und Umgestaltung der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen. <br />Der moderne Machtapparat des khomeinistischen Staates wird zur Mobilisierung der Masse eingesetzt, um eine scheinbare Einheit zwischen dem F&uuml;hrer, seinen Machtorganen und dem vermeintlichen Volk herzustellen. Die neue totalit&auml;re Identit&auml;t wird durch die Aufhebung einer vielf&auml;ltigen pluralistischen Identit&auml;t der Gesellschaft versucht herzustellen. In der Praxis der Diktatur gibt es dann den Versuch, die politischen und kulturellen &bdquo;Feinde&ldquo; der Massendiktatur zu eliminieren. Auch der islamistische Staatsklerus versucht Ideen in die Tat umsetzen, die propagandistisch dem Volk Sicherheit geben, eine vermeintlich von Gott sakralisierte Sicherheit. Totalit&auml;re Ideologien geben ihren Anh&auml;ngern eine quasi-religi&ouml;se Orientierung, die dem Menschen eine &uuml;berh&ouml;hte Gewissheit gibt.<br />Die Machtorgane sollen das politische System der Diktatur in jeglicher Hinsicht stabilisieren. Dies erfordert eine technologische Modernisierung der Wirtschaft und des Milit&auml;rs und der gesamten staatlichen Strukturen. Vor dem Hintergrund des iranischen Raketenprogramms und des Atomprogramms wird die dritte Spielart des Totalitarismus, trotz aller Wirtschaftsinteressen im gewinnbringenden iranischen Markt, somit auch ein Problem f&uuml;r Europa. <br />&nbsp;<br />Literatur&nbsp;&nbsp; <br />Ahmadi, Jale 2005: Die iranische Gesellschaft und die &bdquo;islamische&ldquo; Geschlechtermaskerade; in:&nbsp;&nbsp; Bad Boller Skripte H. 6, S.33-41&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br />Arendt, Hannah 1986, Elemente und Urspr&uuml;nge totaler Herrschaft, M&uuml;nchen<br />Backes, Uwe/Jesse Eckhard (Hg.) 2002: Jahrbuch Rechtsextremismus &amp; Demokratie Baden-Baden<br />Dahrendorf, Ralf 2005: Versuchungen der Unfreiheit, Erasmus-Intellektuelle im Zeitalter des Totalitarismus, WZB-Vorlesungen, Berlin<br />Ders. 1988:&nbsp; The Modern Social Conflict, London<br />Eisenstadt, S.N. 1998: Antinomien der Moderne, Frankfurt/Main<br />Ders. 2000: Die Vielfalt der Moderne, Frankfurt/Main<br />Feirahi, Dawud 2003: Nesame Siasiye wa Dowlat dar Eslam (Politisches System&nbsp; und Staat im Islam), Teheran<br />F&uuml;rtig, Henner 1996: Liberalisierung als Herausforderung: Wie stabil ist die Islamische Republik Iran? Berlin<br />Kermani, Navid 2001: Iran, Die Revolution der Kinder, M&uuml;nchen<br />Kurzman, Charles 2004: The Unthinkable Revolution in Iran, Cambridge<br />Maier, Hans (Hg.)&nbsp; 1996, 1997, 2004: Politische Religionen, Band I, II, III, M&uuml;nchen<br />Memri: <a href="http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/index_iran.html" target="_blank" rel="noopener">http://www.memri.de/uebersetzungen_analysen/index_iran.html</a><br />Pfahl-Traughber, Armin 2004: Kritische Totalitarismuskonzepte auf dem Pr&uuml;fstand; in: Jahrbuch Extremismus &amp; Demokratie, Baden-Baden<br />Wahdat-Hagh, Wahied 1999a: Die Herrschaft des politischen Islam als eine Form des Totalitarismus, &bdquo;Die Islamische Republik Iran&ldquo;; in: PROKLA, H. 115, S. 317-342<br />Ders. 1999b: Die zynische Diktatur im Iran; in: vorg&auml;nge, 38. Jg., H. 3, S. 22-26<br />Ders. 2002: Islamistisches Charisma und totalit&auml;re Herrschaft; in: vorg&auml;nge, 41. Jg., H. 4, S. 56-58<br />Ders. 2003: &bdquo;Die Islamische Republik Iran&ldquo;. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus, Berlin<br />Ders. 2006: Europ&auml;ische Diplomatie in der Sackgasse; in: Internationale Politik, H. 3, S. 67-73&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/173-vorgaenge/publikation/islamistische-herrschaft-als-eine-form-des-totalitarismus/">Islamistische Herrschaft als eine Form des Totalitarismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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