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	<title>Wolfram Wette Archive - Humanistische Union</title>
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		<title>Der vermeidbare Ukraine-Krieg und die politischen Interessen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[humanistischeunion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Jul 2023 13:56:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa / Internationales]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gustav Heinemann hat der Friedensforschung einst empfohlen, sich verstärkt auf Kriegsvermeidung zu konzentrieren. Wolfram Wette greift diese Empfehlung im folgenden Beitrag auf und stellt die Frage, ob und wie der Ukraine-Krieg hätte verhindert werden können. Kriege als Menschenwerk zu begreifen heißt, dass sie grundsätzlich vermeidbar sind. Der Frieden muss aber politisch gewollt sein. In dieser [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/239-240-vorgaenge/publikation/der-vermeidbare-ukraine-krieg-und-die-politischen-interessen/">Der vermeidbare Ukraine-Krieg und die politischen Interessen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="v-teaser-western"><em>Gustav Heinemann hat der Friedensforschung einst empfohlen, sich verstärkt auf Kriegsvermeidung zu konzentrieren. Wolfram Wette greift diese Empfehlung im folgenden Beitrag auf und stellt die Frage, ob und wie der Ukraine-Krieg hätte verhindert werden können. Kriege als Menschenwerk zu begreifen heißt, dass sie grundsätzlich vermeidbar sind. Der Frieden muss aber politisch gewollt sein. In dieser Hinsicht sieht der Autor eine Reihe von Versäumnissen auf Seiten des Westens. Insofern schließt er sich der Einschätzung Klaus v. Dohnanyis an: </em>„Putin ist der Aggressor, aber die Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, lag beim Westen.“<em> Perspektivisch plädiert Wette für eine Wiederaufnahme der Vision vom „Gemeinsamen Haus Europa“ – verbunden mit der Idee der „Gemeinsamen Sicherheit.“</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Vorbemerkung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die deutsche Bundesregierung hat sich klar positioniert: Gegen den russischen Aggressor und für die angegriffene Ukraine. Die Unterstützung geschieht auf vielfältige Weise, von humanitärer Hilfe – für inzwischen mehr als einer Million ukrainischer Flüchtlinge – über Zuschüsse für den Unterhalt der staatlichen Struktur der Ukraine bis hin zu Waffenlieferungen, schwere Waffen eingeschlossen. Letztere sind wegen ihrer potentiell eskalierenden Wirkung höchst problematisch und daher umstritten. Denn wer kann ausschließen, dass diese Waffen der anderen Seite als Rechtfertigung für einen Krieg unter Einschluss von Atomwaffen dienen könnten?</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Obwohl dieser Krieg weit entfernt stattfindet, belastet er uns psychisch. Wir fühlen mit der ukrainischen Zivilbevölkerung, mit den ukrainischen Soldaten. Gleichermaßen fühlen wir – das gilt zumindest für mich – mit den russischen Soldaten, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in diesen Krieg geführt wurden und die durch Propaganda ihrer Regierung noch immer irregeführt werden, Stichwort „<i>militärische Spezialoperation</i>“. Viele Informationen tragen den Stempel der Kriegspropaganda, sind also an Feindbildern orientiert. Unsere Medien berichten und kommentieren in ihrer großen Mehrheit in den Bahnen des transatlantischen Mainstreams.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a> Andere Sehweisen bleiben unterbelichtet. Sie haben es schwer, sich Gehör zu verschaffen. Was können wir glauben? Wem können wir glauben? Viele Kriegslügen werden erst in Jahrzehnten durch Historiker nach dem Studium der geheimen Akten geklärt werden können. Über die Kriegsschuld von 1914 wird noch heute gestritten.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Gustav W. Heinemann: Friedens&shy;for&shy;schung zur Kriegs&shy;ver&shy;h&uuml;&shy;tung</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Mein persönlicher Zugang zu unserem Thema ist von der bundesdeutschen Friedens-und Konfliktforschung geprägt. Der vormalige Bundespräsident Gustav W. Heinemann richtete im Jahre 1970 an die damals aufstrebende, neue Wissenschaftsrichtung die folgende Erwartung und Mahnung: „<i>Unendlicher Fleiß ist seit erdenklichen Zeiten von Geschichtsschreibern darauf verwandt worden, den Verlauf von Schlachten und Kriegen darzustellen. Auch den vordergründigen Ursachen von Kriegen wurde nachgespürt. Aber nur wenig Kraft, Energie und Mühe wurden in der Regel darauf verwandt, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sie hätte vermeiden können.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>ii</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Heinemanns Ideen wurden für mich zu einer Richtschnur meines wissenschaftlichen Arbeitens in der Historischen Friedensforschung und in der Militärgeschichtsforschung. Auch im Hinblick auf den Ukraine-Krieg sind wir aufgefordert, uns nicht mit der Feststellung der Tatsache zu begnügen, dass er durch eine völkerrechtswidrige russische Aggression ausgelöst wurde. Das ist unstrittig! Wir müssen uns auch bemühen, den langfristigen Ursachen dieses Krieges nachzuspüren. Sie ist stets verknüpft mit der Antizipation von Zukunft. Denn wir wollen wissen, wer die zum Kriege treibenden Kräfte waren. Wir wollen wissen, ob und wie dieser Krieg hätte verhindert werden können. Wir wollen wissen, wie Frieden als Ernstfall wieder eine Chance hat.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Martin Kimani &uuml;ber die Glut toter Imperien</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Ein komprimiertes historisches Lehrstück über die Vermeidbarkeit kriegerischer Geopolitik präsentierte ein afrikanischer Diplomat namens Martin Kimani, seines Zeichens Ständiger Vertreter Kenias bei den Vereinten Nationen. Am 22. Februar 2022, zwei Tage vor der russischen Aggression gegen die Ukraine, als die russische Regierung nahe der ukrainischen Grenze 150.000 Soldaten zusammenzog und in Stellung brachte, sprach Kimani im UNO-Sicherheitsrat. Seine Rede dauerte nur ein paar Minuten. Aber sie hinterließ einen bleibenden Eindruck und wurde alsbald über den ganzen Globus verbreitet.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Kimani schlug einen Bogen vom Umgang Afrikas mit seinem kolonialen Erbe zur heutigen Situation in der Ukraine und zur russischen Außenpolitik. Afrika, führte er aus, habe die Grenzen der Kolonialherren geerbt, ungerechte Grenzen, die viele unserer Nationen zerschnitt. Dann gab der Diplomat folgendes zu bedenken: Hätten wir nach der Unabhängigkeit in unseren Staaten „<i>nach der Einheit von Ethnie, Rasse und Religion gestrebt – wir würden noch immer blutige Kriege führen, auch jetzt, viele Jahrzehnte später. Stattdessen haben wir eingewilligt, uns mit den Grenzen abzufinden, die wir geerbt haben. […] Wir müssen uns von der Glut toter Imperien abwenden, ohne in neue Formen der Herrschaft und Unterdrückung zurückzufallen.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>iii</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Mit der „<i>Glut toter Imperien</i>“ spielte der Afrikaner auf die Vision Putins von der Wiederherstellung des untergegangenen Zarenreiches beziehungsweise der 1991 kollabierten Sowjetunion an, die nur mit dem Mittel kriegerischer Gewalt möglich sein würde.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Kriegs&shy;me&shy;ta&shy;physik im Dienste der Kriegs&shy;pro&shy;pa&shy;ganda</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">An dieser Stelle möchte ich eine generelle Bemerkung zum Thema Kriegsursachen anschließen: Als ich in den 1960er Jahren an meiner Dissertation schrieb, entdeckte ich, dass die meisten Autoren, die sich mit der Thematik von Krieg und Frieden auseinandersetzten – zumeist entstammten sie dem Denkmilieu des Militarismus –, die Ursache von Kriegen in eine metaphysische Sphäre verlagerten. Damit wurden sie dem menschlichen Einfluss entzogen. Das empfand ich als höchst unbefriedigend. Doch nach und nach begriff ich: Kriege sind kein Naturereignis wie etwa ein Vulkanausbruch oder ein Tsunami. Kriege sind auch kein unabwendbares Schicksal, das man nur mittels metaphysischer Kategorien erfassen kann. Sie sind kein Gottesgericht und ebenso wenig „<i>der Vater aller Dinge</i>“.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Vielmehr muss begriffen werden, dass Kriegsmetaphysik schon immer im Dienste der Kriegspropaganda stand. Erstens soll sie die Wirklichkeit verschleiern. Zweitens soll sie bei den Menschen eine fatalistische Haltung hervorrufen und Widerstand gegen Kriege als sinnlos erscheinen lassen. Wenn Kriege Menschenwerk sind, heißt das auch: Sie sind grundsätzlich vermeidbar, und Frieden ist machbar. Dies allerdings unter einer Bedingung: Wenn er politisch gewollt wird. Entscheidend ist der Wille zum Frieden, oder eben der Wille zum Krieg.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Egon Bahr &ndash; Stratege der deutschen Entspan&shy;nungs&shy;po&shy;litik</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges hören wir aus dem Mund auch deutscher Politikerinnen und Politiker viel von Werten, von Wertegemeinschaft, von Völkerrecht, von Menschenrechten und Demokratie. Hier gilt es, einen klaren Kopf zu behalten und auf einen erfahrenen Außenpolitiker zu hören. Egon Bahr, vormals strategischer Kopf der deutschen Entspannungspolitik der 1970er Jahre und enger Vertrauter von Willy Brandt, erteilte Heidelberger Schülerinnen und Schülern im Dezember 2013 die folgende lebensnahe Lektion: „<i>In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt!</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>iv</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Zu erproben wäre diese Lektion beispielhaft an einem Satz aus der Regierungserklärung des US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Jahre 2001, der sich auch auf die Ukraine bezieht: „<i>Alle neuen europäischen Demokratien vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer sollten dieselben Chancen auf Sicherheit und Freiheit bekommen, und die Gelegenheit, den Institutionen Europas beizutreten.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>v</sup></a> Bush formulierte damit die Leitlinie für die amerikanische Europapolitik der folgenden beiden Jahrzehnte, nämlich für das Projekt einer Osterweiterung der Nato.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Der russische Angriffs&shy;krieg in globaler Perspektive</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Unsere Medien berichteten über eine Dringlichkeitssitzung der UNO-Vollversammlung am 1. März 2022, die sich mit der russischen Aggression befasste. Wir nahmen wahr: Die große Mehrheit von 141 Ländern (von insgesamt 193 Mitgliedsstaaten) stimmte für eine Verurteilung der völkerrechtswidrigen Aggression Russlands. Lediglich 35 enthielten sich und 5 stimmten dagegen.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>vi</sup></a> Dieses Votum, so wurde geschlussfolgert, habe die internationale Isolation Russlands sichtbar gemacht.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Leider beleuchteten unsere Medien nicht hinreichend die politischen Machtverhältnisse, die hinter dieser Abstimmung standen. Die Wochenzeitung DIE ZEIT analysierte den Vorgang genauer und erklärte ihren Leserinnen und Lesern: „<i>Der Westen möchte Russland wegen des Ukraine-Krieges diplomatisch isolieren. Doch viele Länder denken überhaupt nicht daran, dabei mitzumachen.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote7sym" name="sdendnote7anc"><sup>vii</sup></a> Die ablehnenden oder nicht zustimmenden Regierungen – unter ihnen China, Indien und Indonesien – repräsentieren nämlich mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung. Ihre Regierungen „<i>geben sich neutral oder zeigen Verständnis für die russische Aggression</i>“.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote8sym" name="sdendnote8anc"><sup>viii</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Das müssen wir zur Kenntnis nehmen, um die globalen Kräfteverhältnisse genauer einschätzen zu können. Also: Die Repräsentanten einer Mehrheit der Weltbevölkerung lehnten es ab, der Kriegslogik der Nato zu folgen, und dies trotz des allgemeinen Gewaltverbots in der UNO-Satzung, das sie durch ihre Mitgliedschaft anerkannt hatten.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote9sym" name="sdendnote9anc"><sup>ix</sup></a> Es besteht also eine Diskrepanz zwischen der zentralen Norm der Vereinten Nationen und dem konkreten Abstimmungsverhalten über die russische Aggression vom 24. Februar 2022. Wie ist sie zu erklären?</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Autoren der ZEIT versuchten es folgendermaßen: In den Diskussionen im globalen Süden, schreiben sie, schwinge mitunter „<i>auch Genugtuung mit über den Krieg in Europa: Jahrzehntelang habe der Westen Stellvertreterkonflikte im Rest der Welt geführt, ohne die Kosten tragen zu müssen […]. Nun sei die Gewalt wie ein Bumerang zurückgekehrt.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote10sym" name="sdendnote10anc"><sup>x</sup></a> In den ehemaligen Kolonien der europäischen Mächte habe man den Verdacht, „<i>dass der Westen in der Ukraine nicht in erster Linie die Freiheit eines souveränen Staates bedroht sieht, sondern seine eigene Vormachtstellung</i>“. Im globalen Süden geht es auch um eine Rebellion gegen Doppelstandards und Doppelmoral in der Politik des Westens. Hier fragt man: „<i>Wer brach das Völkerrecht 2003 mit dem Einmarsch in den Irak? Wenn die Ukrainer ihr Land nicht aufgeben – warum sollten die Palästinenser es tun?</i>“ Der Vorwurf lautet, der Westen würde unterschiedliche Maßstäbe anlegen.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote11sym" name="sdendnote11anc"><sup>xi</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Fazit: Von einer global einhelligen Verurteilung der russischen Aggression kann keine Rede sein. Russland ist weit weniger isoliert, als man uns hierzulande glauben machen will. In vielen Ländern gibt es eine Opposition gegen die Dominanz der reichen westlichen Industrienationen, die mit den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges – den Sanktionen und Embargos – leichter fertig werden als die armen Länder.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">War der Ukrai&shy;ne-&shy;Krieg vermeidbar?</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">In den westlichen Ländern – und ebenso bei uns in Deutschland – führte das Faktum der russischen Aggression dazu, dass sämtliche Informationen über diesen Krieg – auch die jetzt ausgegrabenen Berichte über die Vorgeschichte – entlang der offensichtlichen Kriegsschuld Putin-Russlands sortiert und bewertet wurden. Das – leicht begreifbare – Freund-Feind-Schema strukturierte nun die öffentliche Meinung und bald auch die politischen Entscheidungen. Differenziertes Denken war weniger gefragt und stand in der Gefahr, als Parteiergreifen für die falsche Seite denunziert und attackiert zu werden.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Papst Franziskus hat dieses Problem schon früh erkannt. Die am 19. Mai 2022 zu einer Audienz in Rom versammelten Chefredakteure der europäischen Kulturzeitschriften der Gesellschaft Jesu (SJ) forderte er auf, sich nicht vom Freund-Feind-Denken leiten zu lassen: Wir müssen „<i>uns von dem üblichen Schema des ‚Rotkäppchens‘ lösen: Rotkäppchen war gut, und der Wolf war der Bösewicht. Hier gibt es keine metaphysischen Guten und Bösen auf abstrakte Art und Weise.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote12sym" name="sdendnote12anc"><sup>xii</sup></a></p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Blick in die Vorge&shy;schichte</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Nur wenige Menschen waren in der von Feinbildern geprägten Landschaft bereit, eine vorurteilslose, differenzierte Analyse vorzunehmen. Nur wenige stellten sich den Fragen: Stellte die Fokussierung auf die russische Aggression womöglich eine verkürzte Sichtweise dar, die nur einen Teil des Ganzen erfasste? Hat nicht jeder Konflikt eine Vorgeschichte? Wie auch an jeder Ehescheidung zwei Parteien beteiligt sind?</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Was heißt das in Bezug auf die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen im frühen 21. Jahrhundert? Ich kann hier nur einige Stichworte geben: Nach einer Phase der Kooperation seit den 1970er Jahren verschlechterten sich die Beziehungen beider Länder insbesondere in den Jahren der Nato-Osterweiterung nach 1999.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote13sym" name="sdendnote13anc"><sup>xiii</sup></a> Es ist die Geschichte einer neuen Konfrontation.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote14sym" name="sdendnote14anc"><sup>xiv</sup></a> Während die westliche Seite (die Nato) jeweils das Recht eines jeden europäischen Staates auf Selbstbestimmung bekräftigte, machte die russische Seite über Jahre hinweg immer wieder geltend, die westliche Ausdehnung nach Osten stelle aus ihrer Sicht eine Bedrohung Russlands dar. Der Westen drohe hier eine „rote Linie“ zu überschreiten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Gleichzeitig demonstrierten die Großmächte USA und Russland, dass sie jederzeit bereit waren, ihre Interessen im vormaligen Machtbereich oder in anderen Teilen der Welt notfalls auch mit kriegerischer Gewalt zu vertreten. Russland bombardierte Tschetschenien und Georgien, annektierte die Krim, führte Krieg in Syrien und unterstützte den Bürgerkrieg in der Ostukraine. Die USA führten u.a. Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen (2011). Der amerikanische Krieg gegen den Irak (2003-2011) soll eine Million Menschenleben gekostet haben, darunter 500.000 Kinder.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Vers&auml;um&shy;nisse des Westens</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Schon bald nach dem russischen Angriff am 24. Februar 2022 wiesen Analytiker aus verschiedenen Ländern auf zwei Versäumnisse des Westens hin. Erstens habe er in den 1990er Jahren das Projekt eines „<i>Gemeinsamen Hauses Europa</i>“ unter Einbeziehung Russlands nicht weiterverfolgt. Stattdessen habe er – entgegen den Absprachen nach dem Ende des Kalten Krieges – die Nato-Osterweiterung betrieben, und zwar ohne umfängliche diplomatische Konsultationen der USA mit Russland. Hier trafen sich die Interessen osteuropäischer Länder, die aus dem Verbund der vormaligen Sowjetunion ausgeschieden waren und sich nun dem Westen zuwandten, mit den Interessen der westlichen Vormacht USA. Diese sahen eine Ausdehnung des eigenen Machtbereichs in Richtung russische Grenze (gegen den geostrategischen Rivalen Russland) als vorteilhaft für die eigene Weltmachtposition an.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote15sym" name="sdendnote15anc"><sup>xv</sup></a> Damit ist das machtpolitische Interesse angesprochen, das sich hinter der zitierten Passage aus der Regierungserklärung von George W. Bush von 2001 verbarg.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Chance der Kriegs&shy;ver&shy;hin&shy;de&shy;rung: Mearsheimer, v. Dohnanyi und Papst Franziskus</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Auf russische Bedenken wegen der Nato-Osterweiterung wurde nicht gehört, auch nicht auf das Argument, dass dort aufgestellte Raketen ohne große Vorwarnzeiten in Minutenschnelle russische Städte erreichen können. Ein Sich-Hineinversetzen in die Lage des anderen – an sich das kleine Einmaleins der Diplomatie – wurde insbesondere in den USA – für überflüssig gehalten. Genauer gesagt: Es passte nicht zur amerikanischen Interessenlage. Verhandlungen mit Russland über die Zukunft der Ukraine lehnte die amerikanische Regierung mehrfach strikt ab. Präsident Joe Biden weigerte sich in den Wintermonaten 2021/22 auch persönlich, solche Verhandlungen aufzunehmen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler John M. Mearsheimer von der Universität Chicago, ein Vertreter der konservativen neo-realistischen Schule der Disziplin „Internationale Beziehungen“, hat die außenpolitische Strategie der USA in einem Vortrag über „<i>Ursachen und Folgen des Ukraine-Krieges</i>“ systematisch aufgearbeitet. Nach seiner Überzeugung trägt die Strategie Washingtons die Hauptverantwortung für den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote16sym" name="sdendnote16anc"><sup>xvi</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der vielleicht prominenteste unter den deutschen Analytikern, der sich einen eigenen Kopf bewahrt hat, ist der heute 93-jährige SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi, vormals u.a. Staatsminister im Auswärtigen Amt. Er publizierte im Jahre 2022 ein Buch mit dem Titel „<i>Nationale Interessen</i>“, das es nach Beginn des Ukraine-Kriegs rasch auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote17sym" name="sdendnote17anc"><sup>xvii</sup></a> Dohnanyi bestätigt, dass der Westen – insbesondere US-Präsident Biden – noch Anfang 2022 nicht bereit war, mit den Russen über das Problem einer Nato-Zugehörigkeit der Ukraine auch nur zu reden, obwohl Putin darum gebeten hatte. Danach hat sich Russland für den Krieg entschieden. Dohnanyis zentrale These, der ich mich anschließe<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote18sym" name="sdendnote18anc"><sup>xviii</sup></a>, lautet: „<i>Putin ist der Aggressor, aber die Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, lag beim Westen.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote19sym" name="sdendnote19anc"><sup>xix</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Auch Papst Franziskus hat sich in dieser Weise geäußert. In dem schon zitierten Gespräch mit Chefredakteuren der europäischen Jesuitenzeitungen im Juni 2022 machte er die meines Erachtens sensationelle Aussage: „<i>Aber die Gefahr ist, dass wir nur das sehen, was ungeheuerlich ist</i> [gemeint ist die russische Aggression, W.W.], <i>und nicht das ganze Drama sehen, das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in gewisser Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde</i>“.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote20sym" name="sdendnote20anc"><sup>xx</sup></a> Gleichzeitig lehnte Franziskus noch einmal das pauschalierende Feindbilddenken ab: „<i>Ich bin einfach dagegen, die Komplexität auf die Unterscheidung zwischen Guten und Bösen zu reduzieren, ohne über die Wurzeln und Interessen nachzudenken, die sehr komplex sind.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote21sym" name="sdendnote21anc"><sup>xxi</sup></a> Die Passage, dass der Ukraine-Krieg „<i>vielleicht in gewisser Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde</i>“ erregte international großes Aufsehen und wurde auch von den Medien unseres Landes stark beachtet.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Kriegsziele der Haupt&shy;ak&shy;teure Russland und Ukraine</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Kriegsziele werden generell nicht auf dem offenen Markt ausposaunt. Auch hier greift die Kriegslogik. Das heißt: Es wird getarnt und getäuscht. Die Informationspolitik ist im Kriege eine Waffe wie andere auch. Was wir erkennen können, ist das Folgende:</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die <b>russische Kriegspolitik</b>, angeführt von Putin, hat eine visionäre Ebene. Diese zielt auf eine schrittweise Wiederherstellung der russischen Großmachtstellung wie zu Zeiten des Zarenreiches oder der Sowjetunion ab. Putin hat immer wieder öffentlich ausgesprochen, dass für ihn der Zerfall der Sowjetunion die größte politische Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen sei.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote22sym" name="sdendnote22anc"><sup>xxii</sup></a> Die zweite Ebene betrifft das strategische Nahziel, nämlich einen Nato-Beitritt der Ukraine zu verhindern, sie zu neutralisieren – oder das Land insgesamt oder die besetzten Teile von ihm gewaltsam in das russische Herrschaftssystem einzugliedern. Aktuell betreibt der russische Aggressor die systematische Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, um die ukrainische Verteidigung zu schwächen. Darüber hinaus richtet sich diese Kriegführung auch gegen die ukrainische Identität und souveräne Staatlichkeit. Wenn wir heute die Frage stellen, ob Russland derzeit eine Kriegsbeendigung, einen Waffenstillstand, will, so lautet die Antwort, soweit erkennbar: Nein!</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die <b>ukrainische Kriegspolitik </b>wird völkerrechtlich und moralisch gerechtfertigt als legitime Landesverteidigung gegen einen völkerrechtswidrigen Angriff. Das erklärt die hohe Kampfmotivation der ukrainischen Soldaten. Präsident Selenski will die russischen Streitkräfte außer Landes treiben und den Status quo ante, also vor dem 24. Februar 2022, wiederherstellen. Militärische Erfolge erzielt das Land derzeit mit gesteigerter westlicher Waffenhilfe und anderen kriegswichtigen Unterstützungsleistungen. Wenn wir fragen, ob die Ukraine derzeit eine Kriegsbeendigung, einen Waffenstillstand, will, so lautet die Antwort wiederum: Nein!</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Die US-ame&shy;ri&shy;ka&shy;ni&shy;sche Kriegs&shy;po&shy;litik</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Der dritte große Akteur des russisch-ukrainischen Krieges sind die USA. Sie sehen sich als Sieger im Kalten Krieg und – nach der Selbstauflösung des Warschauer Paktes und des Vielvölkerstaates Sowjetunion in der Umbruchszeit 1989-1991 – als <i>„einzig verbliebene Weltmacht</i>“. Trotz anderslautender mündlicher Versprechungen der Amerikaner – nachweislich auch der deutschen Bundesregierung<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote23sym" name="sdendnote23anc"><sup>xxiii</sup></a> – im Jahr 1991 stellte die Nato-Osterweiterung ein selbstverständliches Ziel amerikanischer Machtpolitik dar. Sie wurde in dem Zeitraum 1999 bis 2020 in mehreren Etappen weitgehend realisiert.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Schon beim Nato-Gipfel in Bukarest im Jahre 2008 forderte US-Präsident George W. Bush die umgehende Aufnahme der Ukraine und Georgiens in der Nato. Das war „<i>ein Rückfall in den Triumphalismus früherer Tage</i>“, urteilt der USA-Experte Bernd Greiner.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote24sym" name="sdendnote24anc"><sup>xxiv</sup></a> Ein entsprechender Beschluss der Nato wurde damals ausgebremst von den deutschen und französischen Regierungschefs (Merkel, Sarkozy) und anderen westeuropäischen Politikern, die Russland nicht provozieren wollten.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die USA unterstützten 2013/14 die Kiewer Majdan-Revolution im Geheimen mit dem Ziel, die Ukraine dem russischen Einfluss zu entziehen und sie in die Nato hereinzuholen.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote25sym" name="sdendnote25anc"><sup>xxv</sup></a> Nach dem Scheitern des Majdan wählten die USA den Weg, die Ukraine heimlich militärisch aufzurüsten. Das überraschende Standhalten der ukrainischen Armee gegenüber der russischen Aggression ist ohne diese Aufrüstung mit modernen amerikanischen, britischen und türkischen Waffen nicht zu erklären. Bis Mai 2023 sollen die USA Waffen und andere Militärhilfe im Wert von etwa 35,7 Milliarden US-Dollar an die Ukraine geliefert haben, während Deutschland Waffen und Militärhilfe im Wert von rund 3,4 Milliarden Euro an die Ukraine leistete.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote26sym" name="sdendnote26anc"><sup>xxvi</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Der amerikanische Verteidigungsminister Lloyd Austin verkündete Anfang Mai 2022 ein weit über die Ukraine hinausgehendes Ziel. Die Ukraine müsse den Krieg gewinnen. Und: „<i>Wir wollen Russland in einem Maße geschwächt sehen, dass es dem Land unmöglich macht, zu tun, was es in der Ukraine mit der Invasion getan hat.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote27sym" name="sdendnote27anc"><sup>xxvii</sup></a> Auch hier ist zu fragen: Wollen die USA derzeit einen Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen. Die Antwort lautet wiederum eindeutig: Nein!</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Hoffnung von uns Deutschen, dass das Töten, Sterben und Zerstören in der Ukraine ein rasches Ende nimmt, kann also derzeit nicht auf greifbare Vorschläge der Hauptakteure verweisen. Die unterschiedlichen Interessenlagen von Russland, der Ukraine und der USA lassen eher eine Fortsetzung des Krieges auf unbestimmte Zeit erwarten. Keine guten Aussichten!</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Russisch-u&shy;k&shy;rai&shy;ni&shy;sche Friedens&shy;ge&shy;spr&auml;che im M&auml;rz/April 2022</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Nach dem Beginn des Krieges sind die USA nicht durch diplomatische Vorstöße zu einem Waffenstillstand oder Friedensschluss hervorgetreten. Sie haben sich auf der internationalen Bühne erstaunlich bedeckt gehalten. Was hinter den Kulissen an Diplomatie gelaufen sein mag, entzieht sich unserer Kenntnis.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Manchmal sickert dann doch etwas durch. Über gescheiterte geheime Friedensverhandlungen im April 2022 zwischen Russland und der Ukraine berichtete der ehemalige Vier-Sterne-General Harald Kujat, vormals Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender der obersten militärischen Instanz der Nato, dem Militärausschuss. Unter Berufung auf die Putin-Rede zur Teilmobilmachung sowie auf mehrere amerikanische Quellen<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote28sym" name="sdendnote28anc"><sup>xxviii</sup></a> informierte Kujat die Öffentlichkeit darüber, „<i>dass es bereits Anfang April [2022] eine Vereinbarung zwischen der Ukraine und Russland über ein Ende der Kampfhandlungen und eine Friedenslösung gegeben habe</i>“. Danach sollte sich Russland aus allen seit dem 24. Februar 2022 eroberten Gebieten zurückziehen und im Gegenzug die Ukraine auf einen Nato-Beitritt verzichten, dafür Sicherheitsgarantien von verschiedenen Seiten erhalten. „<i>Damit hätte der Krieg bereits im Frühjahr beendet werden können! Doch er ist nicht beendet worden, weil zu diesem Zeitpunkt, präzise am 9. April, der damalige britische Premier Johnson nach Kiew reiste und veranlasste, dass der ukrainische Präsident Selenskij dieses Abkommen nicht unterzeichnete und die Gespräche mit Russland abbrach.</i>“ Kujat sieht diese Fakten bestätigt durch Beiträge in der US-Zeitschrift „<i>Foreign Affairs</i>“ (Fiona Hill) und der Washingtoner Denkfabrik „<i>Responsible Statecraft</i>“. Letztere stellte fest, der Westen sei zu diesem Zeitpunkt nicht zu einer Kriegsbeendigung bereit gewesen. Die Schlussfolgerung Kujats lautet: „<i>Dieser 9. April 2022 war tatsächlich ein Wendepunkt, weil der Krieg hätte beendet werden können. Doch haben Erwägungen, den geopolitischen Rivalen Russland unerwartet schwächen zu können, dies verhindert.</i>“ Später hatte Kujat die Gelegenheit, sein Wissen über diese gescheiterten Friedensverhandlungen auch in einem Interview mit dem TV-Sender ntv öffentlich zu machen.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote29sym" name="sdendnote29anc"><sup>xxix</sup></a> Ins öffentliche Bewusstsein ist es gleichwohl bislang nicht eingedrungen, weil der Mainstream das zu verhindern weiß.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Konflikt&shy;thema Waffen&shy;lie&shy;fe&shy;run&shy;gen: Die &bdquo;Hau-drauf-Frak&shy;tion&ldquo;</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Von Beginn des Krieges an entwickelte sich die Frage der Waffenlieferungen zum eigentlichen Konfliktthema der deutschen Ukraine-Politik und der öffentlichen Diskussion. Nicht selten wurden die Debatten in einer vergifteten Atmosphäre geführt.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote30sym" name="sdendnote30anc"><sup>xxx</sup></a> Zwei Meinungen standen und stehen noch gegeneinander. Die eine Seite befürwortet nahezu jede Form deutscher Rüstungslieferungen an die Ukraine und drängt auf das Tempo. Ich nenne sie einmal – etwas polemisch – die „Hau-drauf-Fraktion“. Sie verkörpert den Mainstream. Ihre Anhänger sind davon überzeugt, dass Putin-Russland nur die Sprache der Gewalt versteht, also militärisch bekämpft und besiegt werden müsse, damit es nicht weitere Aggressionen begehen könne.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Diese Bellizisten argumentieren, jede weitere Aufrüstung diene dem Ziel, mit einem Sieg der Ukraine den Krieg zu verkürzen und damit Menschenleben zu retten. Ob das auch erreichbar ist, können sie natürlich nicht wissen. General Kujat ist anderer Meinung: „<i>Waffenlieferungen töten russische Soldaten, töten ukrainische Soldaten und töten die ukrainische Zivilbevölkerung. Nur ein Waffenstillstand, nur ein Ende der Kampfhandlungen schützt ja die Zivilbevölkerung in der Ukraine, nicht Waffenlieferungen.</i>“<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote31sym" name="sdendnote31anc"><sup>xxxi</sup></a></p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Ohne eine Niederlage Russlands ist nach Ansicht der Bellizisten die Ukraine als selbstständiger Nationalstaat nicht zu retten. Zögerlichkeiten der Bundesregierung bei den Waffenlieferungen begegnen sie mit Unverständnis und Kritik. Sie befürchten, hinter ihnen könnte sich die Option einer Kapitulation der Ukraine verbergen, die unter allen Umständen vermieden werden müsse. Die „Hau drauf-Fraktion“ argumentiert in rein machtpolitischen Kategorien, in der Kriegslogik.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Das Dilemma der Gem&auml;&szlig;igten</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Die Kritiker der Bellizisten glauben nicht an den Zusammenhang von schweren Waffen und raschem Kriegsende durch Sieg. Sie geben zu bedenken, dass ständig gesteigerte Waffenlieferungen der Ukraine zwar temporäre Erfolge bescheren könnten. Aber sie würden auch den Krieg verlängern und zu immer mehr Kriegstoten und Zerstörungen führen. Überdies könne dieser Krieg nicht durch einen Sieg der Ukraine beendet werden, sondern nur durch Verhandlungen. Etwas Anderes sei weder realistisch noch wünschenswert.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Die Gemäßigten in unserem Land befinden sich in einem klassischen Dilemma. Einerseits sind sie grundsätzlich gegen diesen Krieg und wollen via Verhandlungen schnellstmöglich einen Waffenstillstand erreichen. Sie können dieses Ziel allerdings machtpolitisch nicht durchsetzen, da die entsprechenden Fäden in Moskau und Washington gezogen werden und nicht in Berlin. Andererseits sehen sich die Gemäßigten gezwungen, ihrerseits zumindest temporär in die Kriegslogik einzuschwenken und der Ukraine in ihrer legitimen Landesverteidigung mit Waffenlieferungen und vielen anderen Unterstützungsleistungen zu helfen<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote32sym" name="sdendnote32anc"><sup>xxxii</sup></a>, um sie vor Unterwerfung und Vernichtung zu bewahren. Diese Politik im Dilemma ist ein stetiger Balanceakt und mancherlei Kritik ausgesetzt. Auch die Gemäßigten liefern Waffen, aber nicht mit dem Ziel eines „<i>Siegfriedens</i>“ – wie man das 1916-1918 in Deutschland nannte – , sondern sie hoffen stets auf die Möglichkeit einer schleunigen Beendigung des Krieges. Sie setzen auf Situationen, in denen Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit Friedensperspektive möglich werden.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Blick in die Zukunft. Die erneuerte Vision Gemeinsamer Sicherheit</h3>
<p class="v-absatz-ohne-western">Ein halbes Jahrhundert lang, auch in der Zeit des Kalten Krieges, gab es in Europa ein wachsendes Minimum an politischem Vertrauen. Dadurch wurde ein regelbasiertes, am Völkerrecht, an Verträgen und an einem regen Austausch orientiertes Zusammenleben ermöglicht. Dieser Vertrauensbasis ist nun durch den russischen Krieg die Grundlage entzogen worden. Vorläufig ist nicht abzusehen, ob und wie neues Vertrauen wieder entstehen und wachsen kann. Ohne ein Minimum an Vertrauen aber hat der Frieden keine Chance.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Wenn wir nach Friedensmöglichkeiten Ausschau halten, sind wir gut beraten, uns an die Vorgeschichte dieses Krieges zu erinnern, in der die USA eine wichtige Rolle spielten, was der breiten Öffentlichkeit weitgehend verborgen blieb. Mit ihren umfangreichen Waffenlieferungen und anderen Unterstützungsleistungen sind die USA auch der entscheidende Akteur für den Verlauf und die Beendigung des Krieges.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western"><a name="_GoBack"></a>Wie auch immer dieser Krieg ausgehen mag, so stehen doch einige Fakten fest: Die USA sind weit weg. Ihr aktuelles globales Interesse ist derzeit stärker auf China und Asien gerichtet als auf Europa. Für Deutschland bleibt Russland der große, indirekte Nachbar auf dem europäischen Kontinent. Das bedeutet, dass wir uns bemühen sollten, diesen Krieg auch von seinem möglichen Ende her zu denken – und darüber hinaus.</p>
<p class="v-absatz-einzug-western">Vermutlich werden wir Europäer nach der Beendigung des Ukraine-Krieges vor der folgenden Alternative stehen: Entweder ein neuer Kalter Krieg mit Waffengeklirr, Aufrüstung, Feindbildern, dem Kappen aller Beziehungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg mühevoll geknüpft worden sind, ständige Kriegsgefahr. Oder die Suche nach einer neuen Koexistenz bei Anerkennung der Unterschiede. Das bedeutet: Wiederanknüpfung an die Vision vom „<i>Gemeinsamen Haus Europa</i>“, verbunden mit der grundlegenden Idee der „<i>Gemeinsamen Sicherheit</i>“.<a class="sdendnoteanc" href="#sdendnote33sym" name="sdendnote33anc"><sup>xxxiii</sup></a> Für sie mit Geduld und Zähigkeit zu werben und kämpfen, halte ich für die vordringliche friedenspolitische Aufgabe. In der aktuellen Lage bedeutet das: Volles Engagement der deutschen Politik für eine schleunige diplomatische Beendigung des Ukraine-Krieges.</p>
<p class="v-autoreninfo-western"><strong class="western">Wolfram Wette</strong> Prof. i.R., Dr. phil., geb. 1940, Historiker, 1971-1995 Militärgeschichtliches Forschungsamt, dann Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; Mitbegründer der Historischen Friedensforschung; Mitherausgeber der Reihen „Geschichte und Frieden“ und „Frieden und Krieg“; Ehrenprofessor der russischen Universität Lipezk. Jüngste Veröffentlichung zum Friedensthema: Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914. Bremen 2017.</p>
<h3 class="v-zwischen&uuml;berschrift-2-western ">Anmerkungen:</h3>
<div id="sdendnote1">
<p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">i</a> Siehe Richard David Precht/Harald Welzer: Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. Frankfurt/M. 3. Aufl. 2022.</p>
</div>
<div id="sdendnote2">
<p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">ii</a> Gustav W. Heinemann: Aufgabe und Bedeutung der Friedensforschung. Ansprache bei der Gründungsversammlung der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung, Bonn, 28. Oktober 1970. In: ebda.,S. 122-124, Zitat S. 124.</p>
</div>
<div id="sdendnote3">
<p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">iii</a> Martin Kimani: Die Glut von toten Imperien. Rede im UNO-Sicherheitsrat am 22.2.2022. Übersetzung von Oliver Fuchs ins Deutsche, nachzulesen in: <span lang="zxx"><a href="https://www.republik.ch/2022/02/22/die-glut-von-toten-imperien-eine-rede-zur-ukraine">https://www.republik.ch/2022/02/22/die-glut-von-toten-imperien-eine-rede-zur-ukraine</a></span>.</p>
</div>
<div id="sdendnote4">
<p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">iv</a> Zitiert in Leo Ensels Rezension des Buches von Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Siehe: <a href="https://globalbridge.ch/klaus-von-dohnanyis-nationale-interessen-oder-dynamit-vom-elder-statesman/" target="_blank" rel="noopener">https://globalbridge.ch/klaus-von-dohnanyis-nationale-interessen-oder-dynamit-vom-elder-statesman/</a></p>
</div>
<div id="sdendnote5">
<p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">v</a> George W. Bush verkündete am Beginn seiner Präsidentschaft 2001: „Alle neuen europäischen Demokratien vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer sollten dieselben Chancen auf Sicherheit und Freiheit bekommen, und die Gelegenheit, den Institutionen Europas beizutreten.“ Zit. nach Kornelius, Gipfeltreffen (SZ 11.5.2010).</p>
</div>
<div id="sdendnote6">
<p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">vi</a> <span lang="zxx"><a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-vollversammlung-ukraine-103.html">https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/un-vollversammlung-ukraine-103.html</a></span>.</p>
</div>
<div id="sdendnote7">
<p><a href="#sdendnote7anc" name="sdendnote7sym">vii</a> So lautet der Untertitel des nachfolgend zitierten Beitrages von Frehse und Yang.</p>
</div>
<div id="sdendnote8">
<p><a href="#sdendnote8anc" name="sdendnote8sym">viii</a> Lea Frehse und Xifan Yang: Putin? Gar nicht so übel! In: DIE ZEIT Nr. 22, 25.5.2022, S. 6.</p>
</div>
<div id="sdendnote9">
<p><a href="#sdendnote9anc" name="sdendnote9sym">ix</a> Dort heißt es: Die Mitgliedsstaaten ist in ihren internationalen Beziehungen jede Androhung oder Anwendung von Gewalt verboten, die gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtet ist.“</p>
</div>
<div id="sdendnote10">
<p><a href="#sdendnote10anc" name="sdendnote10sym">x</a> Frehse/Yang, ebd.</p>
</div>
<div id="sdendnote11">
<p><a href="#sdendnote11anc" name="sdendnote11sym">xi</a> Ebd.</p>
</div>
<div id="sdendnote12">
<p><a href="#sdendnote12anc" name="sdendnote12sym">xii</a> Papst Franziskus im Gespräch mit den europäischen Kulturzeitschriften der Jesuiten am 19.5.2022. Im Wortlaut veröffentlicht in: Stimmen der Zeit (Herder-Verlag, Freiburg). Im Internet abrufbar: <a href="https://www.herder.de/stz/online/papst-franziskus-im-gespraech-mit-den-europaeischen-kulturzeitschriften-der-jesuiten/">https://www.herder.de/stz/online/papst-franziskus-im-gespraech-mit-den-europaeischen-kulturzeitschriften-der-jesuiten/</a></p>
</div>
<div id="sdendnote13">
<p><a href="#sdendnote13anc" name="sdendnote13sym">xiii</a> Zur Geschichte der Nato-Osterweiterung (1999-2020) siehe den gut informierten Eintrag in Wikipedia: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung">https://de.wikipedia.org/wiki/NATO-Osterweiterung</a></p>
</div>
<div id="sdendnote14">
<p><a href="#sdendnote14anc" name="sdendnote14sym">xiv</a> Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München: Beck 4. Aufl. 2022, S. 220-224.</p>
</div>
<div id="sdendnote15">
<p><a href="#sdendnote15anc" name="sdendnote15sym">xv</a> Zu dieser Konfliktkonstellation siehe Bernd Greiner: „Alleintäter Russland“. Wie man Feuer mit Benzin löscht. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 3/22, S. 49-52.</p>
</div>
<div id="sdendnote16">
<p><a href="#sdendnote16anc" name="sdendnote16sym">xvi</a> John J. Mearsheimer: Die Ursachen und Folgen der Ukraine-Krise. Vortrag am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz am 16.6.2022, S. 7-9, siehe: <a href="https://nationalinterest.org/feature/causes-and-consequences-ukraine-crisis-203182"><span lang="zxx">https://nationalinterest.org/feature/causes-and-consequences-ukraine-crisis-203182 </span></a><span lang="zxx">bzw. </span>Video: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=qciVozNtCDM&amp;t=125s">https://www.youtube.com/watch?v=qciVozNtCDM&amp;t=125s</a></p>
</div>
<div id="sdendnote17">
<p><a href="#sdendnote17anc" name="sdendnote17sym">xvii</a> Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche. Siedler Verlag, München 2022</p>
</div>
<div id="sdendnote18">
<p><a href="#sdendnote18anc" name="sdendnote18sym">xviii</a> Siehe dazu mein Interview mit der Zeitung „Kontext“ (Oliver Stenzel) unter dem Titel: „Ukrainekrieg und Militarismus. Diesen Krieg hätte man verhindern können“ &#8211; Ausgabe 572, 16.3.2022. Im Internet: <a href="https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/572/diesen-krieg-haette-man-verhindern-koennen-8076.html">https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/572/diesen-krieg-haette-man-verhindern-koennen-8076.html</a></p>
</div>
<div id="sdendnote19">
<p><a href="#sdendnote19anc" name="sdendnote19sym">xix</a> So Dohnanyi im Polit-Talk mit Mavbrit Illner im ZDF am 10.3.2022. Siehe: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=_X3J2B5jsb4">https://www.youtube.com/watch?v=_X3J2B5jsb4</a></p>
</div>
<div id="sdendnote20">
<p><a href="#sdendnote20anc" name="sdendnote20sym">xx</a> Papst Franziskus, Im Gespräch (wie Anm. 12).</p>
</div>
<div id="sdendnote21">
<p><a href="#sdendnote21anc" name="sdendnote21sym">xxi</a> Ebd.</p>
</div>
<div id="sdendnote22">
<p><a href="#sdendnote22anc" name="sdendnote22sym">xxii</a> So auch in seinen Gesprächen mit der vormaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Siehe das Interview mit Merkel am 8. Juni 2022 und den Bericht von Nico Fried/Boris Herrmann: Kuck mal, wer da spricht. In: Süddeutsche Zeitung, 9.6.222, S. 3</p>
</div>
<div id="sdendnote23">
<p><a href="#sdendnote23anc" name="sdendnote23sym">xxiii</a> S. Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1991. 2 Bde. München: Oldenburg 2002. Dazu die Buchgeschichte von Klaus Wiegrefe: „In vertraulichen Gesprächen ausgeredet“. Neu freigegebene Akten des Auswärtigen Amtes zeigen: Die Regierung Helmut Kohl wollte 1991 eine Nato-Osterweiterung und die Unabhängigkeit der Ukraine verhindern. In: Der Spiegel Nr. 18, 30.4.2022, S. 28-30.</p>
</div>
<div id="sdendnote24">
<p><a href="#sdendnote24anc" name="sdendnote24sym">xxiv</a> Bernd Greiner: „Alleintäter Russland“. Wie man Feuer mit Benzin löscht. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 3&#8217;22, S. 49-52. Siehe auch das Buch von Bernd Greiner: Made in Washington. Was die USA seit 1945 in der Welt angerichtet haben. München 2021.</p>
</div>
<div id="sdendnote25">
<p><a href="#sdendnote25anc" name="sdendnote25sym">xxv</a> <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/209820/die-majdan-revolution-und-das-bewaffnete-eingreifen-russlands/">https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/info-aktuell/209820/die-majdan-revolution-und-das-bewaffnete-eingreifen-russlands/</a></p>
</div>
<div id="sdendnote26">
<p><a href="#sdendnote26anc" name="sdendnote26sym">xxvi</a> Für die USA s. René Muschter: Ukraine-Krieg: Lieferungen und Zusagen von militärischem Material durch die USA an die Ukraine in den Jahren 2022 und 2023, statista.de v. 8.5.2023, <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1367857/umfrage/militaerische-unterstuetzungsleistungen-der-usa-an-die-ukraine">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1367857/umfrage/militaerische-unterstuetzungsleistungen-der-usa-an-die-ukraine</a>; für Deutschland s. Bundesregierung: Liste der militärischen Unterstützungsleistungen unter <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/schwerpunkte/krieg-in-der-ukraine/lieferungen-ukraine-2054514">https://www.bundesregierung.de/breg-de/schwerpunkte/krieg-in-der-ukraine/lieferungen-ukraine-2054514</a> (Stand: 24.4.2023).</p>
</div>
<div id="sdendnote27">
<p><a href="#sdendnote27anc" name="sdendnote27sym">xxvii</a> Bericht n-tv am 7.5.2022: Bundesregierung skeptisch. Das neue Kriegsziel heißt „Sieg der Ukraine“. Siehe: <a href="https://www.n-tv.de/politik/Das-neue-Kriegsziel-heisst-Sieg-der-Ukraine-article23316842.html">https://www.n-tv.de/politik/Das-neue-Kriegsziel-heisst-Sieg-der-Ukraine-article23316842.html</a></p>
</div>
<div id="sdendnote28">
<p><a href="#sdendnote28anc" name="sdendnote28sym">xxviii</a> Das Interview mit Kujat wurde am 5.10.2022 geführt von René Nehring von der reaktionären Wochenzeitung „Preußische Allgemeine“ u.d.T.: „Das Risiko, dass der Krieg auf Deutschland übergreift, ist sehr real“, s. <a href="https://paz.de/artikel/das-risiko-dass-der-krieg-auf-deutschland-uebergreift-ist-sehr-real-a7598.html">https://paz.de/artikel/das-risiko-dass-der-krieg-auf-deutschland-uebergreift-ist-sehr-real-a7598.html</a>. Hier zitiert nach Arnold Schölzel: Der wirkliche Wendepunkt. In: junge Welt, 8.10.2022, S. 3 (Wochenendbeilage).</p>
</div>
<div id="sdendnote29">
<p><a href="#sdendnote29anc" name="sdendnote29sym">xxix</a> Kujat: Keine Offensivwaffen an die Ukraine, ntv 12.10.22, Transkript abrufbar unter<br />
<a href="https://www.youtube.com/watch?v=quCj5vXLcQ0&amp;t=527s">https://www.youtube.com/watch?v=quCj5vXLcQ0&amp;t=527s</a></p>
</div>
<div id="sdendnote30">
<p><a href="#sdendnote30anc" name="sdendnote30sym">xxx</a> Vorschläge zur Überwindung der gegenseitigen Verächtlichmachung der Kontrahenten bietet der Kommunikationssoziologe Friedemann Schulz von Thun an: Gedanken zum Ukraine-Krieg und der Kommunikation im Dilemma. In: Gegen Vergessen – Für Demokratie, Heft 112/2022, S. 20-22</p>
</div>
<div id="sdendnote31">
<p><a href="#sdendnote31anc" name="sdendnote31sym">xxxi</a> Kujat in ntv v. 12.10.22 (s. Anm. 28).</p>
</div>
<div id="sdendnote32">
<p><a href="#sdendnote32anc" name="sdendnote32sym">xxxii</a> U.a. Sanktionen, Geld, Flüchtlingshilfe, diplomatische Unterstützung.</p>
</div>
<div id="sdendnote33">
<p><a href="#sdendnote33anc" name="sdendnote33sym">xxxiii</a> Umrisse einer neuen Friedensordnung und internationale Sicherheitsstruktur nach Beendigung des Krieges in der Ukraine entwirft der Friedensforscher Egbert Jahn in seinem Vortrag vom 25.4.2022: Friedenspolitik im Schatten des Krieges in der Ukraine einschließlich der geringen Möglichkeiten gewaltfreier Politik (= Frankfurter Montags-Vorlesungen. Politische Streitfragen in zeitgeschichtlicher Perspektive). Abrufbar unter: <a href="https://olat-ce.server.uni-frankfurt.de/olat/auth/RepositoryEntry/6946521099/CourseNode/99477924475631">https://olat-ce.server.uni-frankfurt.de/olat/auth/RepositoryEntry/6946521099/CourseNode/99477924475631</a>.</p>
</div>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/239-240-vorgaenge/publikation/der-vermeidbare-ukraine-krieg-und-die-politischen-interessen/">Der vermeidbare Ukraine-Krieg und die politischen Interessen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rechtsradikale in der Bundeswehr  im Geiste der Freikorps*</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/221-222/publikation/rechtsradikale-in-der-bundeswehr-im-geiste-der-freikorps/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 May 2018 07:30:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[vorgänge: Artikel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.humanistische-union.de/publikationen/publikation/rechtsradikale-in-der-bundeswehr-im-geiste-der-freikorps/</guid>

					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 197-211 Soldaten mit rechtsradikalen Einstellungen sind weder ein Einzelfall, noch ein neues Problem der Bundeswehr. Wolfram Wette zeichnet im folgenden Beitrag die Geschichte rechter Haltungen in deutschen Armeen von den Freikorps und der Wehrmacht bis zu aktuellen Vorf&#228;llen der Bundeswehr nach. Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945. Was ist das? [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/221-222/publikation/rechtsradikale-in-der-bundeswehr-im-geiste-der-freikorps/">Rechtsradikale in der Bundeswehr  im Geiste der Freikorps*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 221/222 (1-2/2018), S. 197-211</p>
<p><i>Soldaten mit rechtsradikalen Einstellungen sind weder ein Einzelfall, noch ein neues Problem der Bundeswehr. Wolfram Wette zeichnet im folgenden Beitrag die Geschichte rechter Haltungen in deutschen Armeen von den Freikorps und der Wehrmacht bis zu aktuellen Vorf&auml;llen der Bundeswehr nach. </i></p>
<p><b>Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945. Was ist das?</b></p>
<p>Gibt es in der Bundeswehr Rechtsradikalismus? Ist er wom&ouml;glich stark verbreitet? Oder tritt er nur in Einzelf&auml;llen hervor? Alte Streitfragen, die bekanntlich sehr unterschiedlich beantwortet werden! Wenn wir unser Thema ernsthaft und ohne vordergr&uuml;ndige Polemik behandeln wollen, so m&uuml;ssen wir mit der Frage beginnen: Welche Kriterien stehen uns zur Verf&uuml;gung, um Rechtsradikalismus in der Bundeswehr erkennen und beschreiben zu k&ouml;nnen?1</p>
<p>Eine allgemein verbindliche Definition von Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus gibt es nicht.2 Im allgemeinen Sprachgebrauch werden beide Begriffe synonym verwendet zur Kennzeichnung der Gesinnung, der Methoden und der Ziele der &auml;u&szlig;ersten Rechten. Im Folgenden verzichte ich auf eine weitergehende politikwissenschaftliche oder gar juristische Definition der Begriffe: Rechte, Rechtsnationale, Rechtspopulisten, Rechtsradikale, Rechtsextremisten und Neonazis unter Hinweis darauf, dass die Grenzen flie&szlig;end sind. Stattdessen m&ouml;chte ich inhaltliche Positionen der Rechtsextremisten benennen, um hernach rechtsradikales Denken im Milit&auml;r zu beleuchten, das einige Besonderheiten aufweist, die mit dem spezifischen Milieu zu tun haben. Dem milit&auml;rischen Rechtsradikalismus werde ich mich mit dem Blick des Historikers n&auml;hern, indem ich dem politischen Ort nachsp&uuml;re, den das Milit&auml;r in verschiedenen Phasen der j&uuml;ngeren deutschen Geschichte eingenommen hat.</p>
<p>In der Bundesrepublik Deutschland bildete sich nach dem Kriegsende 1945 schrittweise eine neue, demokratische Kultur heraus.3 Ihr wichtigstes Kennzeichen bestand darin, dass die Nazi-Zeit &#8211; aus demokratischer Sicht &#8211; gleichsam als Negativfolie f&uuml;r die Gestaltung einer demokratischen Gegenwart und Zukunft galt.4 Immer mehr Menschen in unserem Land waren bereit, diesen Wandel mitzutragen5, weshalb Historiker sp&auml;ter feststellten, diesmal sei die deutsche Demokratie &#8222;gegl&uuml;ckt&#8220;.6</p>
<p>Die zivilen Rechtsradikalen erkannte man daran, dass sie den Weg in die Demokratie nicht mitgingen, sondern stattdessen &#8211; ganz oder teilweise &#8211; in den Denkstrukturen der Nazi-Zeit verharrten. Als rechtsradikal galt infolgedessen in der Bonner Republik ein aggressiver Nationalismus und Antikommunismus, ein elit&auml;res, rassistisch gepr&auml;gtes Sendungsbewusstsein, die Idee eines politischen &#8222;F&uuml;hrertums&#8220;, das identisch war mit der Ablehnung der&nbsp; Demokratie sowie der Feindschaft gegen Ausl&auml;nder, Minderheiten, fremde V&ouml;lker und Staaten, aber auch gegen Andersdenkende in der Innenpolitik. Als rechtsradikal galten weiterhin der Antisemitismus und der v&ouml;lkische Rassismus, der sozialdarwinistisch hergeleitete Glaube an das Recht des St&auml;rkeren, schlie&szlig;lich die Bereitschaft zur Durchsetzung der erstrebten Ziele mittels Gewalt. Der deutsche Rechtsradikalismus gab sich auch durch die Relativierung oder Leugnung der Verbrechen und die anhaltende Verherrlichung des NS-Staates zu erkennen.7 Viele seiner Vertreter wollten zudem eine deutsche Kriegsschuld nicht anerkennen. Sie sahen im 8. Mai 1945 nicht &#8211; wie Richard v. Weizs&auml;cker &#8211; den Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, sondern beklagten ihn als Tag der Niederlage und des Zusammenbruchs.</p>
<p>Der milit&auml;rische Rechtsradikalismus teilte diese Sichtweisen und pflegte dar&uuml;ber hinaus das wahrheitswidrige Bild von einer &#8222;sauber&#8220; gebliebenen Wehrmacht. Die Rechtsradikalen in Uniform leugneten eine Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust, ebenso die Verantwortung der Wehrmacht f&uuml;r das Massensterben von sowjetischen Kriegsgefangenen und die Ermordung von Millionen ziviler Sowjetb&uuml;rger. Schlie&szlig;lich rechtfertigten sie die Kollaboration, also jene politischen Kr&auml;fte in Europa, die mit Hitler-Deutschland zusammengearbeitet hatten.8 Damit wird erkennbar: Der Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945 definierte sich in starkem Ma&szlig;e durch seine N&auml;he zum Nationalsozialismus, zu den demokratiefeindlichen Traditionen und zum militaristischen Gewaltkult.</p>
<h5>Der Ort des Milit&auml;rs in der j&uuml;ngeren deutschen Geschichte</h5>
<p>In welchen milit&auml;rischen Traditionen steht die Bundeswehr? Ein Blick auf die j&uuml;ngere Geschichte des deutschen Milit&auml;rs vermag uns dar&uuml;ber Aufschluss zu geben. Der bekannte amerikanische Historiker Gordon A. Craig, der sich ein ganzes Wissenschaftlerleben lang mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt hat, traf einmal die aufschlussreiche Feststellung, &#8222;dass der Besitz einer Armee f&uuml;r Deutschland in seiner neueren Geschichte nicht zum Guten gewesen war und dass das Milit&auml;r [&#8230;] dazu tendiert hatte, ein Staat im Staate zu sein, der den sozialen Fortschritt und die Entwicklung liberaler und demokratischer Institutionen verhinderte&#8220;.9 Der franz&ouml;sische Staatsmann Mirabeau soll die Rolle des Milit&auml;rs in Preu&szlig;en so auf den Punkt gebracht haben: &#8222;Andere Staaten besitzen eine Armee, Preu&szlig;en ist eine Armee, die einen Staat besitzt.&#8220;10</p>
<p>In der Revolution von 1848/49 war aus dem Preu&szlig;ischen Kriegsministerium der Schlachtruf zu h&ouml;ren: &#8222;Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!&#8220; Die von Craig angesprochene, gegen Demokratie und sozialen Fortschritt gerichtete Tendenz des preu&szlig;isch-deutschen Milit&auml;rs gab es nicht nur im alten Preu&szlig;en und im kaiserlichen Deutschland, sondern auch in der Weimarer Republik und schlie&szlig;lich in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit anderen Worten, das Milit&auml;r stand in Deutschland schon immer rechts. Nach seinem Selbstverst&auml;ndnis war das Offizierskorps nicht nur die bewaffnete St&uuml;tze des Staates. Das Credo der Offiziere lautete vielmehr: Wir sind der Staat! Wenn das Milit&auml;r in Staat und Gesellschaft tonangebend ist, sprechen wir von Militarismus.11</p>
<p>Auf den Ersten Weltkrieg folgten die Revolutionszeit 1918/19 und die unruhigen Nachkriegsjahre, die zugleich die fr&uuml;hen, gef&auml;hrdeten Jahre der Weimarer Republik waren. In dieser Zeit des Umbruchs verk&ouml;rperte das Milit&auml;r in idealtypischer Weise einerseits die r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Reaktion und andererseits den nach vorne blickenden politischen Rechtsradikalismus. Milit&auml;rs bek&auml;mpften die Revolution, die demokratischen Parteien und die junge Republik, sie b&auml;umten sich auf gegen die Abr&uuml;stungsbestimmungen des Versailler Friedensvertrages und sie griffen immer wieder in die Politik ein. In den Jahren 1919/20 waren es die sogenannten Freikorps, die reichsweit im Auftrag Gustav Noskes alle revolution&auml;ren Regungen zusammenschossen, was mehr als 3000 Menschen das Leben kostete. Bei den Freikorps handelte es sich um milit&auml;rische Freiwilligenverb&auml;nde. Freiwillig meldeten sich damals haupts&auml;chlich jene Weltkrieg-I-Soldaten, die nicht ins zivile Leben zur&uuml;ckfanden. Jemand hat einmal behauptet, sie h&auml;tten der Idee angehangen: &#8222;Es lebe der Krieg, denn der Frieden wird f&uuml;rchterlich!&#8220; Die jahrelang im Krieg nach au&szlig;en praktizierte Gewalt wurde nun also in die deutsche Innenpolitik hineingetragen.</p>
<p>Junge rechtsradikale Freikorpsoffiziere unternahmen es seinerzeit, aus eigener Machtvollkommenheit in die politischen Geschehnisse einzugreifen, indem sie das taten, was sie im Krieg gelernt hatten, n&auml;mlich bewaffnete Gewalt auszu&uuml;ben, zu schie&szlig;en. Von einem aggressiven Nationalismus angetrieben, ermordeten sie prominente Politiker, die in ihren Augen &#8222;innere Feinde&#8220; waren. Insgesamt wurden 354 Menschen Opfer der Morde &#8222;von rechts&#8220;.12 Ein rechtsradikaler Offizier ermordete den bayerischen Ministerpr&auml;sidenten Kurt Eisner (USPD), weil er ein Linker und ein Pazifist war und sich f&uuml;r die Anerkennung der deutschen Kriegsschuld ausgesprochen hatte. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden Opfer rechter Offiziere, weil sie vor und w&auml;hrend des Weltkriegs als Gegner des V&ouml;lkermordens hervorgetreten waren. Matthias Erzberger (Zentrumspartei) hassten sie, weil er einer der Initiatoren der Friedensresolution des Reichstages von 1917 gewesen war und weil er im Auftrag der Regierung den Waffenstillstand von Compi&egrave;gne unterschrieben hatte. Er wurde, nachdem er in der Republik zum Reichsfinanzminister aufgestiegen war, von Angeh&ouml;rigen der rechtsextremistischen Organisation Consul ebenso umgebracht wie der wegen seiner j&uuml;dischen Herkunft verfolgte Politiker Walter Rathenau, seines Zeichens Reichsau&szlig;enminister. Attentatsversuche gab es gegen die sozialdemokratischen Spitzenpolitiker Hugo Haase und Philipp Scheidemann. Ermordet wurde auch Kapit&auml;nleutnant der kaiserlichen Kriegsmarine, Hans Paasche, Sohn eines vormaligen Reichstagvizepr&auml;sidenten, weil er zum Pazifismus konvertiert war.</p>
<p>Wenn die Freikorps-Offiziere vom &#8222;j&uuml;dischen Bolschewismus&#8220; redeten, meinten sie gar nicht in erster Linie Kommunisten, sondern Kriegsgegner, Demokraten, Pazifisten, Verst&auml;ndigungspolitiker &#8211; und nat&uuml;rlich die Juden, also pauschal jene Deutschen, die Hitler sp&auml;ter als &#8222;Novemberverbrecher&#8220; verunglimpfen sollte. Die Freikorps-Offiziere selbst stilisierten sich zu Vork&auml;mpfern einer Neuauflage kriegerischer deutscher Machtpolitik.</p>
<p>Der Kapp-L&uuml;ttwitz-Putsch vom M&auml;rz 1920 war im Kern ein Milit&auml;rputsch gegen die junge Republik. In der Stunde der Gefahr f&uuml;r die legale Reichsregierung weigerte sich die F&uuml;hrung der Reichswehr, gegen den eidbr&uuml;chigen General Walther Freiherr v. L&uuml;ttwitz und die Putschtruppen vorzugehen und die Regierung des sozialdemokratischen Reichskanzlers Gustav Bauer zu sch&uuml;tzen. &#8222;Reichswehr schie&szlig;t nicht auf Reichswehr!&#8220; lie&szlig; Generaloberst Hans v. Seeckt verlauten, der Chef der Heeresleitung (1920-1926) und damals rangh&ouml;chste deutsche Soldat. Aus demokratischer Sicht stellte seine folgenschwere Weigerung, seine Pflicht zu tun, eine republikfeindliche Handlung dar. Sie war geeignet, den Bestand der Republik zu bedrohen. Die Reichswehr, der &#8222;Staat im Staate&#8220;, bestimmte selbst, was im Falle eines Milit&auml;rputschs zu tun war.</p>
<p>Das bedeutet: Es gab in der Weimarer Republik nicht nur den individuellen Rechtsterrorismus der Freikorps-Leute, sondern auch einen institutionalisierten Rechtsextremismus der Reichswehr. Diese hatte Verb&uuml;ndete in der politischen Justiz sowie in Teilen der Wirtschaft, der B&uuml;rokratie und einigen Massenorganisationen, also in jenem nationalistisch eingestellten Teil der deutschen Gesellschaft, der sich selbst als &#8222;Mitte&#8220; verstand. Seit 1924 betrieb die Reichswehrf&uuml;hrung &#8211; hinter dem R&uuml;cken der Politik &#8211; R&uuml;stungsplanungen, die als Vorbereitungen f&uuml;r einen Zukunftskrieg angesehen werden m&uuml;ssen. Sie unterst&uuml;tzte au&szlig;erdem geheime, rechtswidrige R&uuml;stungen. Gleichzeitig bek&auml;mpfte sie nach Kr&auml;ften die Verst&auml;ndigungspolitik der republikanischen Regierungen &#8211; so wie ihre Gesinnungsgenossen sp&auml;ter, in den 1970er Jahren, die Friedens- und Entspannungspolitik der sozial-liberalen Koalition bek&auml;mpfen sollten. <br />Nach den Reichstagswahlen von 1930 wurde die NSDAP zum Sammelbecken f&uuml;r die Feinde der Republik. Jetzt gingen die Nazis mit den Deutschnationalen, den Rechtsliberalen, mit Teilen der Wirtschaft, mit dem Frontsoldatenbund &#8222;Stahlhelm&#8220; und mit der Reichswehr zusammen. Man nannte sich &#8222;Harzburger Front&#8220;. Was die F&uuml;hrer und Mitglieder dieser Organisationen verband, waren ein &uuml;bersteigerter Nationalismus, die Republikfeindschaft und die Idee einer neuen Machtpolitik mit kriegerischen Mitteln. Man sang &#8222;Deutschland, Deutschland &uuml;ber alles in der Welt&#8220; und bekundete den gemeinsamen politischen Willen, die &#8222;Ketten von Versailles&#8220; notfalls mit Gewalt zu sprengen. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 waren die Rechtsradikalen an der Macht. Jetzt befand sich die deutsche Regierung in den H&auml;nden des organisierten deutschen Rechtsradikalismus. Die NSDAP nutzte ihre Macht zur Abschaffung der Demokratie und zur Gleichschaltung des politischen und gesellschaftlichen Lebens, zum Aufbau einer Diktatur, zur neuerlichen Militarisierung der Gesellschaft und zu einer systematischen Kriegsvorbereitung, weiterhin zur Schaffung einer deutschen &#8222;Volksgemeinschaft&#8220;, die rassistisch definiert war und deren wichtigstes Kennzeichen in der Ausgrenzung und sp&auml;teren Ermordung von rassisch definierten Minderheiten wie den Juden bestand. Welches Unheil der in den Besitz der Staatsmacht gelangte deutsche Rechtsextremismus in den Jahren 1939 bis 1945 mit Krieg und Holocaust &uuml;ber Europa, die Welt und nicht zuletzt auch &uuml;ber Deutschland brachte, ist bekannt.</p>
<h5>Von der Wehrmacht zur Bundeswehr &ndash; personelle Konti&shy;nu&shy;i&shy;t&auml;ten</h5>
<p>Nach 1945 wurde angeblich alles anders, besonders in der Milit&auml;rpolitik. Tats&auml;chlich kam Westdeutschland in dem Jahrzehnt zwischen 1945 und 1955 ganz ohne Milit&auml;r aus. Aber bereits seit 1949 gab es in der Bundesrepublik unter der Regierung Konrad Adenauer (CDU) &Uuml;berlegungen und Planungen f&uuml;r den Aufbau neuer Streitkr&auml;fte, der dann 1955 offiziell begann. Tats&auml;chlich stellten die verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Festlegungen zum Einbau des Milit&auml;rs in den demokratischen Staat ein Novum in der deutschen Milit&auml;rgeschichte dar.</p>
<p>Aber gleichzeitig ging damals das Wort von der &#8222;neuen Wehrmacht&#8220; um, woran sich ablesen l&auml;sst, wie selbstverst&auml;ndlich die Kontinuit&auml;tslinie zur alten Wehrmacht gezogen wurde. Bei der Auswahl des Personals f&uuml;r die &#8222;neue Wehrmacht&#8220; half, was die oberen R&auml;nge von Obristen und Gener&auml;len betraf, ein von der Bundesregierung eingesetzter &#8222;Personalgutachterausschuss&#8220;.13 Parallel dazu bearbeitete eine Annahmeorganisation des Verteidigungsministeriums die R&auml;nge bis hinauf zum Oberstleutnant. Wie nicht anders zu erwarten war, stammten s&auml;mtliche Unteroffiziere und Offiziere, die f&uuml;r den Aufbau der &#8222;neuen Wehrmacht&#8220; ausgew&auml;hlt wurden, aus der alten Wehrmacht und &#8211; nicht zu vergessen &#8211; aus der Waffen-SS. Sie sorgten daf&uuml;r, dass der &#8222;alte Geist&#8220; auch unter den neuen demokratischen Rahmenbedingungen stets pr&auml;sent blieb.14</p>
<p>Einer, der ihn von der Vergangenheit in die Gegenwart transportierte, war der erste Generalinspekteur der Bundeswehr, General Adolf Heusinger. Seine Vita spricht f&uuml;r sich: Heusinger hatte vor seiner Karriere in der Bundeswehr&nbsp; ein bewegtes Leben im deutschen Milit&auml;r hinter sich, n&auml;mlich in den Streitkr&auml;ften der Kaiserzeit, in der Reichswehr der Weimarer Republik, in der Wehrmacht des NS-Staates und jetzt in der Bundeswehr. In den Jahren 1940-1944 hatte er im Oberkommando des Heeres (OKH) die Aufgabe eines Chefs der Operationsabteilung inne. Praktisch hie&szlig; das, dass er in dieser Zeit neben Hitler am Kartentisch stand und sich an der Leitung des Vernichtungskrieges im Osten beteiligte. Jetzt war er der oberste Soldat der zweiten deutschen Republik. Bis heute gibt es &uuml;brigens in Hammelburg eine General-Heusinger-Kaserne.</p>
<h5>Kaser&shy;nen&shy;be&shy;nen&shy;nungen im Geiste der Wehrmacht</h5>
<p>Wie die Offiziere der neu gegr&uuml;ndeten Bundeswehr politisch und milit&auml;risch dachten, l&auml;sst sich eindr&uuml;cklich an den Kasernenbenennungen in den sp&auml;ten 1950er und fr&uuml;hen 1960er Jahren ablesen. Dazu muss man wissen, dass die Namen nicht von der milit&auml;rischen Spitze verf&uuml;gt wurden, sondern dezentral in den Standorten ausgew&auml;hlt werden konnten. Die Kommandeure und Kasernenkommandanten griffen daf&uuml;r auf eine Liste von Namen zur&uuml;ck, die 1937/38 auf Weisung Hitlers zusammengestellt worden war. Auf ihr befanden sich die Namen von Schlachten und Helden des &#8222;Gro&szlig;en Krieges&#8220; von 1914-1918. In der Traditionsoffensive von 1964/65 w&auml;hlten sie von dieser Liste die Kriegshelden der Wehrmacht als Namensgeber f&uuml;r ihre jeweiligen milit&auml;rischen Liegenschaften aus. Auf diese Weise kamen nun langfristig Wehrmachtsoffiziere zu Ehren, unter denen sich bekennende Nationalsozialisten der ersten Stunde und Kriegsverbrecher befanden, zum Beispiel General Werner Freiherr v. Fritsch, Oberst Werner M&ouml;lders, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, Generalmajor Adalbert Schulz, General Hasso von Manteuffel, Generaloberst Eduard Dietl und General Ludwig K&uuml;bler.15 Mit diesen Namensgebungen wurde ein Traditionsstrang zur Wehrmacht gezogen, der ganze Generationen von Bundeswehrsoldaten pr&auml;gen sollte.</p>
<p>Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Anst&ouml;&szlig;e aus der Zivilgesellschaft dazu f&uuml;hrten, dass zumindest einige dieser Namen wieder getilgt wurden. Aber bis heute haben sich einige problematische Namen erhalten, trotz des fortschrittlichen Traditionserlasses von Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) aus dem Jahre 1982, dessen zentrale Aussage lautete, ein Unrechtsregime wie das Dritte Reich k&ouml;nne Tradition nicht begr&uuml;nden. Damit sollte zugleich gesagt werden, dass auch die Wehrmacht keine traditionsstiftende Rolle f&uuml;r die demokratische Armee der Republik spielen k&ouml;nne.16 Der Erlass wurde damals von den Traditionalisten massiv angefeindet. Minister Manfred W&ouml;rner (CDU) wollte ihn kippen, scheitere jedoch mit seinem Vorhaben. Teile der Truppe haben sich an die Ministerweisung von 1982, die sp&auml;ter mehrfach bekr&auml;ftigt wurde (unter anderem von Minister Volker R&uuml;he, CDU), einfach nicht gehalten. Ein durchaus bemerkenswerter Vorgang in einer hierarchisch aufgebauten Organisation!</p>
<h5>Pers&ouml;nliche Erfahrungen mit Rechts&shy;ra&shy;di&shy;ka&shy;lismus in der Bundeswehr </h5>
<p>Es gab zahlreiche rechtsradikale Aff&auml;ren in der Bundeswehr. Sie sind verbunden mit den Namen Trettner, Panitzki, Franke, Schnez, den Hauptleuten von Unna, Rudel, Grashey, Budde und etlichen anderen. Was sie verband, war erstens die Frontstellung gegen das demokratische Konzept der &#8222;Inneren F&uuml;hrung&#8220; mit seinem Kernelement, dass es Aufgabe des Milit&auml;rs sei, dem politischen Ziel der Kriegsverh&uuml;tung zu dienen.17 Zweitens propagierten diese traditionalistisch eingestellten Offiziere das soldatische K&auml;mpfer- und Heldentum, aus dem sie den Anspruch able&iacute;teten, im Machtgef&uuml;ge des Staates eine herausgehobene Stellung einzunehmen (sui generis-Ideologie). Ich kann besagte F&auml;lle hier nicht im Einzelnen ausbreiten. Interessierte k&ouml;nnen sie unschwer nachlesen in dem empfehlenswerten Taschenbuch meines Kollegen Detlef Bald.18</p>
<p>Stattdessen m&ouml;chte ich ein paar pers&ouml;nliche Erfahrungen einf&uuml;gen, die geeignet sind, die Pr&auml;senz rechtsradikaler Einstellungen in dem Milieu Bundeswehr zu belegen. Sie leuchten in die Grauzone zwischen dem eher seltenen Rechtsextremismus und dem sehr viel h&auml;ufigeren Rechtsnationalismus hinein.</p>
<p>In meiner Zeit als Historiker im Freiburger Milit&auml;rgeschichtlichen Forschungsamt (1971-1995) konnte ich rechtsradikales Denken bei einigen der dort t&auml;tigen Historikerkollegen kennenlernen. Sie lehnten es beispielsweise ab, die deutschen Angriffskriege gegen die europ&auml;ischen Nachbarl&auml;nder als gro&szlig;e Verbrechen anzusehen. Speziell den deutschen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion betrachteten sie nicht als einen v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskrieg, sondern rechtfertigten ihn als einen Pr&auml;ventivkrieg. So hatte es die Nazi-Propaganda schon 1941 dargestellt. Sie behaupteten wider besseres Wissen, dass es in der Wehrmacht keinen Kommissar-Befehl gegeben habe, und wenn es ihn gegeben habe, dann sei er nicht befolgt worden. Sie bestritten oder relativierten die Existenz von verbrecherischen Befehlen des Oberkommandos der Wehrmacht und des Oberkommandos des Heeres. Sie bestritten die Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust oder spielten sie zu einzelnen Entgleisungen herunter. Sie hielten an der Legende von der &#8222;sauber&#8220; gebliebenen Wehrmacht auch dann noch fest, als sie wissenschaftlich l&auml;ngst widerlegt war. Sie behaupteten, die Soldaten der Wehrmacht h&auml;tten unter schwersten Bedingungen tapfer und ritterlich gem&auml;&szlig; den gegebenen Befehlen gek&auml;mpft. Sie h&auml;tten sich nichts zu Schulden kommen lassen und daher sei ihnen auch nichts vorzuwerfen.</p>
<p>Au&szlig;erdem m&ouml;chte ich hier &uuml;ber zwei konkrete Erlebnisse berichten. Erstens: Irgendwann in den 1970er Jahren, nach einer dienstlichen Sportstunde beim Bier in einer Runde von einem halben Dutzend &#8222;Sportskameraden&#8220;, ging mich ein Major mit Doktortitel mit der Drohung an: &#8222;Solche Leute wie Sie muss man im Ernstfall sofort umlegen.&#8220; Aus seiner Sicht geh&ouml;rte ich wegen meiner Mitgliedschaft in der &#8222;Arbeitsgemeinschaft f&uuml;r Friedens- und Konfliktforschung&#8220; zu den &#8222;inneren Feinden&#8220;. Bei einer sp&auml;teren Anh&ouml;rung durch den Disziplinarvorgesetzten mochte sich keiner der Fu&szlig;ball-&#8222;Kameraden&#8220; an den Vorfall zu erinnern. Ihr Korpsgeist verhinderte, dass es zur Aufkl&auml;rung des Sachverhalts und einer disziplinarischen Ahndung des Vorfalls kam.</p>
<p>Zweiter Fall: Bei einem Mittagessen in einer Freiburger Kantine &#8211; Mitte der 1980er Jahre &#8211; berichtete ich aus meinen laufenden Forschungen &uuml;ber den sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske und &auml;u&szlig;erte mich in diesem Zusammenhang auch zu den politischen Morden an den Spartakus-F&uuml;hrern Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch Freikorps-Offiziere.19 Sagte ein am Tisch sitzender Major, ebenfalls promoviert, vormals Kommandeur eines Artilleriebataillons: &#8222;Was hei&szlig;t da politische Morde! Das war doch nur die Beseitigung von Umweltverschmutzung!&#8220; Der Offizier war der &Uuml;berzeugung, sich eine solche rechtsradikale &Auml;u&szlig;erung leisten zu k&ouml;nnen, und er rechnete wiederum mit dem Korpsgeist der Anwesenden. Generell gibt es in der Bundeswehr die ungeschriebene Regel, dass nichts nach au&szlig;en dringen darf, was etwa in den Offizierskasinos geredet wird. Zum Geheimnis wird gemacht, was sich nicht sehen lassen kann, darunter rechtsradikale Gesinnungen.</p>
<p>Die Badische Zeitung vom 23. August 2017 ver&ouml;ffentlichte einen aufschlussreichen Bericht &uuml;ber die politischen Ansichten der Belegschaft einer Mannschaftsstube der Bundeswehr im th&uuml;ringischen Gotha.20 Es handelte sich &#8211; infolge der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahre 2011 &#8211; durchweg um Freiwillige. Einblick in dieses Milieu gab ein bekennender Nazi namens Christian Wei&szlig;gerber. Er kam als Rekrut zur Bundeswehr, verheimlichte dort seine politische Einstellung in keiner Weise, stieg dann sp&auml;ter aus der rechtsradikalen Th&uuml;ringer Nazi-Szene aus und berichtete sp&auml;ter dem Journalisten Sebastian Leber &uuml;ber seine Erfahrungen: Seine Stube in Gotha habe er sich mit sieben M&auml;nnern geteilt. &#8222;<i>Einer von ihnen bezeichnete sich selbst als Nationalsozialist, einer geh&ouml;rte einem rechtskonservativen M&auml;nnerchor an. Ein Dritter riss rassistische Witze, ein Vierter war Antisemit. Die anderen seien &#8218;eher neutral eingestellt&#8216; gewesen. Sagt Wei&szlig;gerber. Das hei&szlig;t, sie blieben stumm, als die anderen die H&auml;nde &uuml;bereinanderlegten und scherzhaft einen Pakt schlossen. &#8218;Wir schworen uns gegenseitig, dass wir das Weltjudentum vernichten werden.</i>&#8220;21</p>
<p>Niemand vermag genau zu sagen, ob es sich bei den geschilderten Vorkommnissen um Einzelf&auml;lle handelt oder ob sie f&uuml;r einen Teil des milit&auml;rischen Milieus typisch sind. Viele Verfehlungen werden nicht gemeldet oder kommen schon gar nicht an die &Ouml;ffentlichkeit. Auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages erf&auml;hrt wohl nur ein Segment der Wirklichkeit.</p>
<h5>Die F&auml;lle Kaufhold, Franco A. und der natio&shy;nal&shy;so&shy;zi&shy;a&shy;lis&shy;ti&shy;sche Untergrund (NSU)</h5>
<p>Die aktuelle Debatte &uuml;ber Rechtsradikale in der Uniform der Bundeswehr ist mit dem Namen des Oberleutnants Franco A. verbunden.22 Die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) machte den Fall durch einen Alarmruf bekannt. Sie sagte &ouml;ffentlich, von Einzelf&auml;llen k&ouml;nne nun nicht mehr die Rede sein; die Probleme gingen tiefer; es gebe in der Truppe einen falsch verstandenen Korpsgeist und wom&ouml;glich ein rechtsradikales Netzwerk.</p>
<p>Der Hilferuf der Ministerin war mutig. Denn aus der deutschen Milit&auml;rgeschichte wei&szlig; man, dass sich die f&uuml;r das Milit&auml;r zust&auml;ndigen Minister h&auml;ufig als &#8222;Soldatenv&auml;ter&#8220; verstanden, die es als ihre vordringliche Aufgabe ansahen, das anerkennungss&uuml;chtige Milit&auml;r vor &ouml;ffentlicher Kritik zu sch&uuml;tzen. So agierten schon die Reichswehrminister der Weimarer Republik, Gustav Noske (SPD) undsein Nachfolger Otto Ge&szlig;ler (DDP). Auch in der Geschichte der Bundesrepublik verharrte so mancher Verteidigungsminister in dieser traditionellen Rolle. Man denke etwa an Georg Leber (SPD), der an dem Image des f&uuml;rsorglichen &#8222;&Uuml;bervaters&#8220; Gefallen fand. Aber es gab auch Minister, die sich nicht auf der Nase herumtanzen lie&szlig;en. Helmut Schmidt zum Beispiel feuerte einmal demonstrativ eine ganze Reihe von Gener&auml;len.</p>
<p>Bei Oberleutnant Franco A. haben wir es mit einem gewaltbereiten Mann von v&ouml;lkischer und rassistischer Gesinnung zu tun. Das wussten seine Vorgesetzten sp&auml;testens seit seiner Masterarbeit von 2013, die er an der franz&ouml;sischen Milit&auml;rakademie Saint-Cyr einreichte.23 Der franz&ouml;sische Schulkommandeur h&auml;tte ihn am Liebsten gefeuert. Vor diesem Hintergrund ist es besonders bemerkenswert, dass die deutschen Vorgesetzten hernach das Verfahren gegen Franco A. einstellten, weil er im milit&auml;rischen Bereich Bestnoten produzierte. Kein Rausschmiss, keine Bestrafung, kein Eintrag in die Personalakte, eine kleine Verwarnung &#8211; wenig sp&auml;ter, am 9. Juli 2015, Ernennung zum Berufssoldaten! Damit gibt die Karriere des jungen Offiziers einen tiefen Einblick in die spezielle &#8222;Normalit&auml;t&#8220; des milit&auml;rischen Milieus. Es lie&szlig; diesem v&ouml;lkisch und rassistisch tickenden Mann in der Folgezeit die Freir&auml;ume, die er nutze, um nach Aktionsm&ouml;glichkeiten gegen die von ihm ins Visier genommenen &#8222;inneren Feinde&#8220; Ausschau zu halten.</p>
<p>Gerade noch rechtzeitig wurde im April 2017 entdeckt, wie potenziell gef&auml;hrlich er und seine Gesinnungsgenossen waren. Es ist von einem rechtsradikalen Netzwerk in der Bundeswehr die Rede. Franco A. und Co. beschafften sich Waffen, Munition und interne Informationen &uuml;ber die deutsche Fl&uuml;chtlingsb&uuml;rokratie. Nach dem, was bis jetzt bekannt geworden ist, planten sie Anschl&auml;ge gegen fremdenfreundliche Politikerinnen und Politiker, die als Terrorakte von Fl&uuml;chtlingen verschleiert werden sollten. Die Staatsanwaltschaft wirft Franco A. die Planung und Vorbereitung einer &#8222;schweren staatsgef&auml;hrdenden Straftat&#8220; vor.24 Er hatte eine Liste m&ouml;glicher Anschlagsopfer angelegt, auf der sich die Namen des vormaligen Bundespr&auml;sidenten Joachim Gauck, des Bundesjustizministers Heiko Maas (SPD), der Gr&uuml;nen-Politikerin Claudia Roth, des th&uuml;ringischen Ministerpr&auml;sidenten Bodo Ramelow (Die Linke) und anderen finden. Auch der Zentralrat der Juden und der Zentralrat der Muslime stehen auf der Todesliste.</p>
<p>An dieser Stelle ist es sinnvoll, auf eine Parallele zum neonazistischen Mordtrio &#8222;Nationalsozialistischer Untergrund&#8220; (NSU) hinzuweisen. Uwe Mundlos, Uwe B&ouml;hnhardt und Beate Zsch&auml;pe wird vorgeworfen, zwischen 2001 und 2007 zehn willk&uuml;rlich ausgew&auml;hlte Ausl&auml;nder ermordet und 15 Raub&uuml;berf&auml;lle begangen zu haben.25 Nach den Worten von Bundesanwalt Helmut Diemer handelten sie aus einer &#8222;rechtsextremen Ideologie&#8220; heraus und waren in dem &#8222;Wahn von einem ausl&auml;nderfreien Land&#8220; gefangen.26 Ein anderer Staatsanwalt attestierte B&ouml;hnhardt und Mundlos einen &#8222;abgrundtiefen Hass gegen Staat und Gesellschaft, gegen Juden, Linke und in Deutschland lebende Migranten&#8220;. Mit der Ermordung der Ausl&auml;nder h&auml;tten sie &#8222;f&uuml;r die rassische Reinerhaltung des deutschen Volkes&#8220; gek&auml;mpft.27 &Uuml;ber Uwe Mundlos wissen wir, dass er in den 1990er Jahren in der Bundeswehr ganz unbehelligt gedient hatte, ohne seine rechtsradikale Einstellung zu verschweigen. Da Mundlos ein guter Soldat war, dr&uuml;ckte man die Augen zu, stellte ihm ein passables Zeugnis aus und wollte ihn sogar noch f&uuml;r den Milit&auml;rischen Abschirmdienst anwerben.28 &Auml;hnlich lief es bei Franco A.</p>
<p>Nationalistisch-v&ouml;lkisches Denken und rassistisch motivierte Fremdenfeindlichkeit sind sowohl bei den NSU-Terroristen als auch bei den potentiellen Bundeswehr-Terroristen um Franco A. festzustellen. Gemeinsam sind ihnen die Motive (Fremdenfeindlichkeit und Rassismus) wie auch das Mittel (terroristische T&ouml;tungsgewalt), um einen Politikwechsel zu erzwingen.</p>
<p>Sucht man in der deutschen Milit&auml;rgeschichte nach vergleichbaren, politisch motivierten Inidividual-Morden, so f&auml;llt der Blick unweigerlich auf die Freikorps-M&ouml;rder der fr&uuml;hen 1920er Jahre. Die Soldaten der Wehrmacht dagegen handelten nicht aus eigenem Antrieb. Sie wurden &#8222;von oben&#8220;, durch die milit&auml;rischen Befehle von OKW und OKH, auf die Linie des rassenideologischen Vernichtungskrieges eingeschworen. Gewaltt&auml;tiger Rassismus war sowohl in den Freikorps als auch in der Wehrmacht ein handlungsleitendes Motiv.</p>
<p>In der Bundeswehr gab es vor Jahren (2008) schon einmal Anlass, an die Geschichte des gewaltt&auml;tigen Rechtsterrorismus der Freikorps zu erinnern. Damals griff ein Bundeswehroffizier namens Daniel Kaufhold, seines Zeichens Hauptmann im Kommando Spezialstreitkr&auml;fte (KSK) in Calw, einen anderen Offizier massiv an, der ihn darauf hingewiesen hatte, dass sich anstelle von Milit&auml;reins&auml;tzen in der Regel auch zivile L&ouml;sungen anbieten.29 Kaufhold schrieb damals an seinen Kontrahenten, den Oberstleutnant J&uuml;rgen Rose: &#8222;<i>Ich beurteile Sie als Feind im Innern und werde mein Handeln danach ausrichten, diesen Feind im Schwerpunkt zu zerschlagen.</i>&#8220; Das entspricht exakt dem Ton der rechtsradikalen Freikorpsk&auml;mpfer aus den fr&uuml;hen Jahren der Weimarer Republik, die sp&auml;ter bei der NSDAP und bei der SS landeten. Kaufhold drohte seinem &#8222;Kameraden&#8220;: &#8222;<i>Sie werden beobachtet, nein nicht von impotenten instrumentalisierten Diensten [gemeint ist wohl der Milit&auml;rische Abschirmdienst MAD, W.W.], sondern von Offizieren einer neuen Generation, die handeln werden, wenn es die Zeit erforderlich macht.</i>&#8220; Umso mehr &uuml;berrascht es, dass die Vorgesetzten auch diesen Fall niedrig h&auml;ngten und den durchgeknallten Freikorps-Adepten mit einer geringf&uuml;gigen Disziplinarma&szlig;nahme mehr deckten als bestraften.</p>
<h5>Schule der Gewalt: Struk&shy;tu&shy;relle Unter&shy;schiede von Milit&auml;r und Zivil&shy;ge&shy;sell&shy;schaft</h5>
<p>Wer in der Vergangenheit die Frage stellte, ob die Bundeswehr ein Problem mit dem Rechtsradikalismus habe, erhielt seitens des Verteidigungsministeriums regelm&auml;&szlig;ig die Antwort, die Bundeswehr sei &#8222;ein Spiegelbild der Gesellschaft&#8220;. Hier wie dort g&auml;be es eben auch Rechtsradikale. Die Aussage &#8222;Spiegelbild&#8220; traf zwar nicht die Realit&auml;t, aber sie hatte in der Zeit der allgemeinen Wehrpflicht eine gewisse Plausibilit&auml;t. Seit deren Aussetzung im Jahre 2011 scheint die Bundeswehr f&uuml;r rechtsextrem eingestellte junge M&auml;nner noch attraktiver zu werden. Hierarchien, Waffen und Uniformen, so der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), z&ouml;gen manchen Bewerber an, den die Bundeswehr eigentlich gar nicht haben wolle. Daher habe die Bundeswehr heute st&auml;rker als andere Bereiche der Gesellschaft ein Problem mit Rechtsextremismus.30</p>
<p><i>Man wei&szlig; seit langem: Freiwillige Soldaten und Offiziere geh&ouml;ren &uuml;berwiegend zum national-konservativ denkenden Teil unserer Gesellschaft. Es handelt sich um Menschen, die sich leicht unterordnen k&ouml;nnen, denen es nicht schwer f&auml;llt, sich in das Befehl-Gehorsam-System einzuf&uuml;gen, die eine starke F&uuml;hrung w&uuml;nschen, um selbst Halt zu gewinnen, und die deshalb auch die &#8211; von oben verordnete &#8211; milit&auml;rische Kameradschaft als eine psychische St&uuml;tze dankbar wahrnehmen. Sekund&auml;rtugenden wie Ordnung, P&uuml;nktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin liegen ihnen n&auml;her als Individualit&auml;t, Mitbestimmung und Zivilcourage. Zur Bundeswehr geht jemand, der eine Affinit&auml;t zu Waffen hat, der sich vorstellen kann, zu schie&szlig;en, zu t&ouml;ten, f&uuml;r den also die Aus&uuml;bung von bewaffneter Gewalt nichts Ungew&ouml;hnliches ist, zumindest nichts ethisch Verwerfliches. Tats&auml;chlich ist die Bundeswehr &#8211; nicht anders als das Milit&auml;r anderer Staaten auch &#8211; eine Schule der Gewalt. In ihr wird effektives T&ouml;ten und Zerst&ouml;ren mit dem jeweils modernsten Kriegsger&auml;t gelernt. In der Ausbildung geht es nicht zuletzt darum, das &Uuml;berwinden von T&ouml;tungshemmungen einzu&uuml;ben.31 </i></p>
<p><i>Unter dem Zivilisten, dem demokratischen Staatsb&uuml;rger ohne Uniform, stellen wir uns das genaue Gegenteil des Soldaten vor. Idealiter lernt der junge Mensch in unserer Gesellschaft von Kindesbeinen an, Konflikte gewaltfrei und nach bestimmten Spielregeln auszutragen. Er sucht die Mitverantwortung und sch&auml;tzt die Freiheit, sich selbst entscheiden zu k&ouml;nnen. Es gibt also einen unaufl&ouml;sbaren Strukturunterschied zwischen ziviler Gesellschaft beziehungsweise dem demokratischem System und dem Milit&auml;r.</i></p>
<p><i>Dieser Unterschied wird auch von den Milit&auml;rs selbst so wahrgenommen und in ihrem sui-generis-Denken ideologisch &uuml;berh&ouml;ht. In der deutschen Milit&auml;rgeschichte k&ouml;nnen wir seit dem 19. Jahrhundert beobachten, dass die Offiziere einen besonderen gesellschaftlichen und politischen Status f&uuml;r sich beanspruchen, weil die Aus&uuml;bung des Soldatenberufs den Einsatz des eigenen Lebens erfordern kann. Zum sui-generis-Denken geh&ouml;rt die milit&auml;rtypische Distanz zum demokratischen Pluralismus. Der milit&auml;rische Apparat, so sagen sie, ticke anders, n&auml;mlich nach dem Befehlsprinzip. Der soldatische K&auml;mpfer werde durch pluralistisches politisches Denken nur verunsichert.</i></p>
<p>Den K&auml;mpferkult hat es in allen deutschen Streitkr&auml;ften gegeben, auch in der Bundeswehr der Bonner Republik. Allerdings hat er durch den Wandel der deutschen Au&szlig;en- und Milit&auml;rpolitik nach 1989/90 einen erheblichen Auftrieb erhalten. Gemeint ist der grundlegende Wandel von der Verteidigungsarmee zu einer Interventionsarmee mit&nbsp; &#8222;out of area&#8220;-Eins&auml;tzen. Was kaum bekannt ist: Dieser Wandel f&uuml;hrte dazu, dass nicht wenige Offiziere aus der Zeit der Bonner Republik, die sich der Idee der Landesverteidigung verpflichtet f&uuml;hlten und mit dem neuen Milit&auml;rinterventionismus nichts zu tun haben wollten, nach 1990 den Dienst quittierten.</p>
<p>Die Auslandseins&auml;tze selbst f&uuml;hrten zu einer Renaissance der K&auml;mpferideologie. Jetzt blies auch die milit&auml;rische Spitze in das reaktion&auml;re Horn. Kein Geringerer als der vormalige Inspekteur des deutschen Heeres, Generalmajor Hans-Otto Budde, exponierte sich &ouml;ffentlich als Verfechter eines neuen K&auml;mpferkults, als er im Jahre 2004 verk&uuml;ndete: &#8222;Wir brauchen den archaischen K&auml;mpfer und den, der den High-Tech-Krieg f&uuml;hren kann.&#8220;32 Bei einigen j&uuml;ngeren Offizieren der Kampftruppen, die bereits Einsatzerfahrungen haben, ist die Botschaft des Generals l&auml;ngst angekommen, wie man zwei neuen Publikationen entnehmen kann. Die eine tr&auml;gt den sprechenden Titel &#8222;Soldatentum. Auf der Suche nach Identit&auml;t und Berufung der Bundeswehr heute&#8220; (2013)33, die andere hei&szlig;t &#8222;Armee im Aufbruch. Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr&#8220; (2014).34 In diesen Wortmeldungen von jungen Offizieren, die sich ausdr&uuml;cklich als &#8222;Generation Einsatz&#8220; verstehen, wird als oberstes Ziel milit&auml;rische &#8222;Professionalit&auml;t&#8220; proklamiert, wohinter sich &#8211; bei n&auml;herem Hinsehen &#8211; nichts Anders versteckt als das alte &#8222;sui-generis&#8220;-Denken.</p>
<p><i>Mit der Verwandlung der Bundeswehr in eine &#8222;Armee im Einsatz&#8220; r&uuml;ckte die Wehrmacht verst&auml;rkt als ein m&ouml;gliches Vorbild in das Blickfeld von Bundeswehrsoldaten.35 Sie folgen der latent schon immer vorhandenen Versuchung, die Verbrechen der Wehrmacht abzuspalten und an die solcherma&szlig;en ges&auml;uberte Wehrmacht als einer vermeintlich honorigen Kampftruppe anzukn&uuml;pfen. Der Wehrmachtsoldat erscheint so als ein Vorbild, an dem sich die Bundeswehrsoldaten in ihren Kampfeins&auml;tzen &#8222;out of area&#8220; orientieren k&ouml;nnen. Diese Entwicklung brachte es mit sich, dass sich in den Streitkr&auml;ften eine neue Hierarchie des Ansehens herausbildete: Wer einen oder mehrere Auslandseins&auml;tze mitgemacht hat, genie&szlig;t &#8211; unabh&auml;ngig vom milit&auml;rischen Dienstgrad &#8211; hohes Ansehen. Ihm wird mehr Anerkennung zuteil als jenen, die &uuml;ber solche Erfahrungen nicht verf&uuml;gen. Gleichzeitig wird &uuml;ber die mangelnde Wertsch&auml;tzung der Soldaten durch die &#8222;postheroische&#8220; deutsche &Ouml;ffentlichkeit geklagt.</i></p>
<p><i>Nicht die Aussetzung der Wehrpflicht, sondern der Milit&auml;rinterventionismus der letzten 25 Jahre ist es, der in der Bundeswehr zu einer folgenschweren Bewusstseinsver&auml;nderung f&uuml;hrte. Wir k&ouml;nnen den Wandel am besten erfassen, wenn wir uns an das bekannte Diktum des fr&uuml;heren Bundespr&auml;sidenten Gustav W. Heinemann von 1969 erinnern: Nicht der Krieg, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bew&auml;hren haben.36 Das Baudissinsche Konzept der &#8222;Inneren F&uuml;hrung&#8220; korrespondierte mit diesem Satz, der eine der gr&ouml;&szlig;ten Errungenschaften der Bonner Republik auf den Punkt brachte. Die neue Konzeption der &#8222;Armee im Einsatz&#8220; ist geeignet, sowohl das Diktum Heinemanns als auch das Milit&auml;rkonzept Baudissins zu entwerten. In den Auslandseins&auml;tzen sind jetzt wieder die Kriegst&uuml;chtigkeit und der K&auml;mpferkult gefragt. Damit verlor auch der seit 1982 g&uuml;ltige Traditionserlass von Minister Hans Apel an Bindekraft. In der Truppenpraxis geht man ohnehin l&auml;ngst andere Wege.</i></p>
<h5>Was tun? Ein Fazit</h5>
<p>Was ist aus alledem zu lernen? Wie die meisten Armeen der Welt steht die Bundeswehr am rechten Rand des politischen Spektrums. Die gro&szlig;e Mehrheit der Offiziere denkt nationalkonservativ. Der Soldat akzeptiert die Armee als Schule der Gewalt. Er wei&szlig;, dass es ums K&auml;mpfen, T&ouml;ten, Zerst&ouml;ren und &#8211; schlimmstenfalls &#8211; auch ums Sterben geht. Das Milit&auml;r ist ein strukturell totalit&auml;res Gebilde, das anders tickt als die zivile Gesellschaft. Pluralistisches Denken wird als systemwidrig und effizienzmindernd angesehen.</p>
<p>Noch nie war die Bundeswehr ein wirkliches &#8222;Spiegelbild der Gesellschaft&#8220;. Mit dem Wandel zur &#8222;Armee im Kriegseinsatz&#8220; und der Aussetzung der Wehrpflicht ist die Bundeswehr noch ein St&uuml;ck weiter nach rechts ger&uuml;ckt. Rechtslastigkeit und Korpsgeist erkl&auml;ren auch das stillschweigende Gew&auml;hrenlassen von rechtsradikalen Soldaten, wie wir es an den F&auml;llen Kaufhold und Franco A. beobachten konnten. In der Grauzone der Beschwichtigung und Abwiegelung bewegen sich die vielen rechten Mitl&auml;ufer, ohne die der Rechtsradikalismus in der Bundeswehr gar nicht aufkommen k&ouml;nnte.</p>
<p>Was ist zu tun? Nat&uuml;rlich d&uuml;rfen rechtsradikale Vorkommnisse nicht ohne disziplinarische und ggf. strafrechtliche W&uuml;rdigung bleiben. Nat&uuml;rlich ist die lange vernachl&auml;ssigte historisch-politische Bildung der Soldaten zu verbessern. Nat&uuml;rlich muss der Traditionserlass aus dem Jahre 1982 aktualisiert werden. Ebenso darf man die &#8222;Innere F&uuml;hrung&#8220; nicht schleifen lassen. Doch die Erfolge der internen Bundeswehr-Reformen d&uuml;rften &uuml;berschaubar bleiben. Worauf es ankommt, sind die politischen Rahmenbedingungen. Solange die Politik die zweifellos gewachsene Verantwortung des geeinten Deutschlands in der Welt verst&auml;rkt in milit&auml;rischen Kategorien buchstabiert, muss sie sich nicht wundern, dass die rechten Traditionalisten Morgenluft wittern und dass in der Bundeswehr ein K&auml;mpfer- und Heldenkult um sich greift, der auch an fr&uuml;here Phasen der deutschen Milit&auml;rgeschichte ankn&uuml;pft.</p>
<p>Ich m&ouml;chte abschlie&szlig;end auf die Verantwortung der Politik verweisen. Ich tue dies mit den Worten eines Mannes, der ma&szlig;geblich dazu beigetragen hat, dass der Kalte Krieg beendet und die deutsche Einigung herbeigef&uuml;hrt werden konnte, mit den Worten von Michael Gorbatschow: &#8222;Politiker&#8220;, sagt er, &#8222;die meinen, Probleme und Streitigkeiten k&ouml;nnten durch Anwendung milit&auml;rischer Gewalt gel&ouml;st werden &#8211; und sei es auch nur als letztes Mittel &#8211; sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden, sie sollten die politische B&uuml;hne r&auml;umen.&#8220;37</p>
<p>Auf unser Thema angewendet, bedeutet das: Solange Politiker auf milit&auml;rische Gewalt setzen, werden wir es auch mit rechtsradikalen Tendenzen im Milit&auml;r zu tun haben. Die &#8222;Generation Einsatz&#8220; &#8211; speziell die jungen Offiziere &#8211; entwickeln mit ihrem K&auml;mpferkult ein neues Selbstverst&auml;ndnis. Es kn&uuml;pft an fr&uuml;here Phasen der deutschen Milit&auml;rgeschichte an und f&auml;llt hinter die friedenspolitischen Einsichten von Reformern wie Graf Baudissin oder Politikern wie Gustav W. Heinemann zur&uuml;ck, die den Frieden zum Ernstfall erkl&auml;rten und die Streitkr&auml;fte nur noch zur Kriegsverh&uuml;tung akzeptierten.</p>
<p><i>WOLFRAM WETTE&nbsp;&nbsp; Prof. i.R., Dr. phil., geb. 1940, Historiker, 1971-95 Milit&auml;rgeschichtliches Forschungsamt, dann Albert-Ludwigs-Universit&auml;t Freiburg, Mitbegr&uuml;nder der Historischen Friedensforschung (AHF); Mitherausgeber der Reihen &#8222;Geschichte und Frieden&#8220; und &#8222;Frieden und Krieg&#8220;, Ehrenprofessor der russischen Universit&auml;t Lipezk. J&uuml;ngste Ver&ouml;ffentlichung: Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914. Bremen 2017.</i></p>
<p><b>Anmerkungen:</b></p>
<p>* Der Artikel ist die &uuml;berarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Autor auf Einladung der Humanistischen Union Baden-W&uuml;rttemberg, des Instituts f&uuml;r Kriminologie und Wirtschaftsstrafrecht sowie des Arbeitskreises kritischer Jurist_innen am 11.1.2018 in Freiburg hielt.</p>
<p>1 F&uuml;r wertvolle Anregungen danke ich Helmut Donat (Bremen), Jakob Knab (Kaufbeuren) und J&uuml;rgen Rose (M&uuml;nchen).</p>
<p>2 Zur Einf&uuml;hrung Gabriele Nandlinger: Wann spricht man von Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus oder Neonazismus&#8230;?, s. <a href="http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41312/was-ist-rechtsextrem?p=all" target="_blank" rel="noopener">http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/41312/was-ist-rechtsextrem?p=all</a>; Wolfgang Benz (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Voraussetzungen, Zusammenh&auml;nge, Wirkungen. Frankfurt/M.. 1993 (besonders den Beitrag von W. Benz).</p>
<p>3 S. Wolfram Wette: Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914, Bremen 2017, besonders Kap. 17: Eine stille Revolution. Vom preu&szlig;isch-deutschen Militarismus zur zivilen Gesellschaft, S. 391-419.</p>
<p>4 Wolfram Wette: Perspektiven f&uuml;r eine Erinnerungskultur. Die NS-Zeit als Negativfolie f&uuml;r eine humane und friedliche Gesellschaft. In: Monika Rappenecker (Hrsg.), Nazi-Terror gegen Jugendliche. Verfolgung, Deportation und Gegenwehr in der Region Freiburg. Katalog zur Ausstellung. Heidelberg u.a. 2016, S. 13-23</p>
<p>5 Konrad Jarausch: Die Umkehr. Deutsche Wandungen 1945-1995. M&uuml;nchen 2004.</p>
<p>6 Edgar Wolfrum: Die gegl&uuml;ckte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anf&auml;ngen bis zur Gegenwart. Stuttgart 2006/Bonn (Bundeszentrale f&uuml;r politische Bildung) 2007.</p>
<p>7 In Anlehnung an Wolfgang Benz: Hintergr&uuml;nde und Umfeld rechtsextremen Denkens. In: Friedwart Maria Rudel (Hrsg.), Rechtsextremismus bek&auml;mpfen. Aufkl&auml;rung und Selbstvergewisserung. Essen 1995, S. 31-48, hier: S. 37.</p>
<p>8 Hinsichtlich der Themenschwerpunkte der sog. Revisionisten beziehe ich mich auf meine Untersuchung: Verbrechen des NS-Gewaltregimes. Relativierungen und Besch&ouml;nigungen durch die alte und die neue Rechte. In: Hans-Jochen Vogel/Rita S&uuml;ssmuth (Hrsg.), Mahnung und Erinnerung. M&uuml;nchen 1998 (= Jahrbuch des Vereins &#8222;Gegen Vergessen &#8211; F&uuml;r Demokratie&#8220;, Bd. 2), S. 9-25 (12 ff.)</p>
<p>9 Gordon A. Craig: &Uuml;ber die Deutschen. M&uuml;nchen 1983, Kap. 10: Milit&auml;r, hier: S. 273.</p>
<p>10 Die Autorenschaft ist strittig, die Aussage selbst wird jedoch immer wieder zitiert. Siehe:<br /><a href="https://de.wikiquote.org/wiki/Honor%C3%A9_Gabriel_de_Mirabeau" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikiquote.org/wiki/Honor%C3%A9_Gabriel_de_Mirabeau</a></p>
<p>11 Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. Frankfurt/M. 2002.</p>
<p>12 Der Mathematiker und Statistiker Emil Julius Gumbel, ein engagierter Pazifist, zog damals das erschreckende Fazit: W&auml;hrend die deutsche Justiz 354 rechtsradikale M&ouml;rder systematisch schonte<br />und laufen lie&szlig;, wurden 10 der 22 linksradikal eingestellten M&ouml;rder mit dem Tode bestraft. Weiterhin zeigte Gumbel auf, wie viele der M&ouml;rder damals ungeschoren blieben. Die Justiz war damals auf dem rechten Auge weitgehend blind. In seinem Buch &#8222;Vier Jahre politischer Mord&#8221; (Berlin 1922) pr&auml;sentierte Gumbel die folgende Statistik: &#8222;354 Morde von rechts; Gesamts&uuml;hne 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung,<br />730 Mark Geldstrafe und 1 lebensl&auml;ngliche Haft.&#8221; Demgegen&uuml;ber: &#8222;22 Morde von links, Gesamts&uuml;hne: 10 Erschie&szlig;ungen, 248 Jahre, 9 Monate Einsperrung, 3 lebensl&auml;ngliche Zuchthausstrafen.&#8220;; vgl. auch<br />Wette, Ernstfall Frieden (s. Anm. 3), S. 233-237.</p>
<p>13 S. dazu meinen Beitrag: Die Bundeswehr im Banne des Vorbildes Wehrmacht. In: Detlef Bald/ Johannes Klotz/ Wolfram Wette: Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege. Berlin 2001, S. 66-115, hier: S. 70 ff.</p>
<p>14 Vgl. auch Wolfram Wette: Neue Form, alter Geist. Die Gr&uuml;ndungsgeschichte der Bundeswehr erkl&auml;rt, warum es unserer Armee so schwer f&auml;llt, sich aus der Wehrmachtstradition zu l&ouml;sen. In: DIE ZEIT Nr. 12, 18. M&auml;rz 1999, S. 88.</p>
<p>15 Zu deren Biographien siehe Jakob Knab: Falsche Glorie. Das Traditionsverst&auml;ndnis der Bundeswehr. Berlin 1995, S. 72-93. Zur Vertiefung auch Ralph Giordano: Die Traditionsl&uuml;ge. Vom Kriegerkult in der Bundeswehr. K&ouml;ln 2000.</p>
<p>16 Die &#8222;Richtlinien zum Traditionsverst&auml;ndnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr&#8220; von 1982 (kurz. Traditionserlass) sind im Internet abrufbar unter: <a href="https://suche.t-online.de/fast-cgi/tsc?context=internet-tab&amp;dia=suche&amp;mandant=toi&amp;ptl=std&amp;q=Traditionserlass+1982&amp;sb=top&amp;tstmp=1516187554646" target="_blank" rel="noopener">https://suche.t-online.de/fast-cgi/tsc?q=Traditionserlass+1982&amp;tstmp=1516187554646&amp;mandant=toi&amp;dia=suche&amp;context=internet-tab&amp;ptl=std&amp;sb=top</a></p>
<p>17 S. dazu J&uuml;rgen Rose: Die Wiederkehr des Heldenkultus und das Ende der &#8218;Inneren F&uuml;hrung&#8216;. Anmerkungen zu Deutschlands neuer Wehrmacht. In: Neue Rheinische Zeitung v. 28.10.2015 / 4.11.2015.</p>
<p>18 Detlef Bald: Die Bundeswehr. Eine kritische Geschichte 1955-2005. M&uuml;nchen 2005.</p>
<p>19 Vgl. Wolfram Wette: Gustav Noske. Eine politische Biographie. D&uuml;sseldorf 2. Aufl. 1987.</p>
<p>20 Sebastian Leber: Unter Kameraden. Christian Wei&szlig;gerber war fr&uuml;her eine Gr&ouml;&szlig;e in der Th&uuml;ringer Nazi-Szene &#8211; und gleichzeitig Bundeswehrsoldat. Die Hakenkreuztattoos, sagt er, h&auml;tten keinen gest&ouml;rt. In: Badische Zeitung, 23.8.2017, S. 3.</p>
<p>21 Ebda.</p>
<p>22 Wolfram Wette: Bundeswehr: Franco A. und die anderen. In der Bundeswehr existiert ein strukturelles Problem mit rechtem Gedankengut. Die Pl&auml;ne von Franco A. erinnern an die Freikorps-Offiziere der Weimarer Republik. In: ZEIT Online 10.5.2017. S. <a href="http://www.zeit.de/kultur/2017-05/bundeswehr-franco-a-terrorgruppe-wehrmacht-weimarer-republik" target="_blank" rel="noopener">http://www.zeit.de/kultur/2017-05/bundeswehr-franco-a-terrorgruppe-wehrmacht-weimarer-republik</a>.</p>
<p>23 So das Gutachten des Milit&auml;rhistorikers J&ouml;rg Echternkamp, zit. nach dem Beitrag von Florian Flade: Die rassistische Masterarbeit. In: Die Welt kompakt, 4.5.2017, S. 2 und 3: Thema des Tages.</p>
<p>24 Zit. nach Christoph Hickmann: Ministerin kritisiert ihre Truppe. In: S&uuml;ddeutsche Zeitung Nr. 100, 2.5.2017, S. 5.</p>
<p>25 S. den Eintrag: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistischer_Untergrund</a>.</p>
<p>26 Zit. nach Annette Ramelsberger: Eine Frage der Logik. S&uuml;ddeutsche Zeitung Nr. 176, 2.8.2917, S. 3.</p>
<p>27 Staatsanwalt Weingarten im NSU-Prozess, ebd.</p>
<p>28 S. den Eintrag: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Mundlos" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Mundlos</a></p>
<p>29 S. Wolfram Wette: Der Feind im Innern. Ein KSK-Hauptmann schreibt einen Hetzbrief an einen Oberstleutnant der Bundeswehr und reiht sich damit in eine unselige Vergangenheit ein. Eine historische Einordnung. In: Frankfurter Rundschau 4.4.2008, S. 10 (&#8222;Dokumentation&#8220;); Nachdruck u.d.T.: Der Feind im Innern (mit reichhaltiger Bebilderung). In: Gegen Vergessen &#8211; F&uuml;r Demokratie<br />Nr. 54, Mai 2008, S. 10-15; sowie u.d.T: Der Hassbrief des KSK-Hauptmanns. Eine historische Einordnung f&uuml;r die Zukunft. In: FriedensForum. Zeitschrift der Friedensbewegung, 21. Jg., Nr. 3/2008 (Juni/Juli 2008), S. 21-22.</p>
<p>30 So Hans-Peter Bartels im Kontext des Falles Franco A. gegen&uuml;ber der &#8222;Welt am Sonntag&#8220;, zit. nach MDR 1.5.2017: Wehrbeauftragter: Bundeswehr attraktiv f&uuml;r Rechtsextremisten.</p>
<p>31 Unter Verwendung der Analyse von Helmut Prie&szlig;: Bundeswehr und Rechtsextremismus. Analyse, Bewertung und Ma&szlig;nahmen zur Bek&auml;mpfung. Positionspapier des &#8222;Darmst&auml;dter Signals&#8220; vom<br />April 1998. In: FriedensForum 3/1998.</p>
<p>32 Zit. nach J&uuml;rgen Rose: Hohelied auf den archaischen K&auml;mpfer. Der &#8222;Staatsb&uuml;rger in Uniform&#8220; hat ausgedient. In: Freitag Nr. 15, 2.4.2005, S. 4. Ausf&uuml;hrlicher ders., Die Wiederkehr des Heldenkultus und das Ende der &#8218;Inneren F&uuml;hrung&#8216;. Anmerkungen zu Deutschlands neuer Wehrmacht. In: Neue Rheinische Zeitung, 28.10.2015 und 4.11.2015.</p>
<p>33 Martin B&ouml;cker/Larsen Kempf/Felix Springer (Hrsg.): Soldatentum. Auf der Suche nach Identit&auml;t und Berufung der Bundeswehr heute. M&uuml;nchen 2013.</p>
<p>34 S. den Sammelband von Marcel Bohnert/Lukas J. Reitstetter (Hrsg.): Armee im Aufbruch. Zur Gedankenwelt junger Offiziere in den Kampftruppen der Bundeswehr. Berlin 2014. Kritisch dazu der Sprecher des &#8222;Darmst&auml;dter Signals&#8220;, Florian Kling: &#8222;Wenn niemand sich mehr traut, den Mund aufzumachen, ist die &#8218;Innere F&uuml;hrung&#8216; als Leitbild am Ende&#8220;. In: vorg&auml;nge 218. Zeitschrift f&uuml;r B&uuml;rgerrechte und Gesellschaftspolitik, Nr. 2/2017, S. 79 ff.</p>
<p>35 Vgl. Wolfram Wette: Wehrmachtstraditionen und Bundeswehr. Deutsche Machtphantasien im Zeichen der neuen Milit&auml;rpolitik und des Rechtsradikalismus. In: Johannes Klotz (Hrsg.), Vorbild Wehrmacht? Wehrmachtsverbrechen, Rechtsextremismus und Bundeswehr. K&ouml;ln 1998, S. 126-154.</p>
<p>36 Zum Kontext s. mein Buch: Ernstfall Frieden (s. Anm. 3).</p>
<p>37 Michael Gorbatschow: Kommt endlich zur Vernunft &#8211; Nie wieder Krieg!: Ein Appell von Michail Gorbatschow an die Welt, Hrsg. von Franz Alt. Salzburg/M&uuml;nchen 4. Aufl. 2017, S. 12 f.</p>
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		<title>Historische Kriegslügen*</title>
		<link>https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/218/publikation/historische-kriegsluegen-1/</link>
		
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		<pubDate>Thu, 17 Aug 2017 15:00:00 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>in: vorg&#228;nge Nr. 218 (Heft 2/2017), S. 5-16 Hindenburgs Behauptung, das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt geblieben, schuld an der Niederlage sei die Heimatbev&#246;lkerung, die der k&#228;mpfenden Truppe einen Dolch in den R&#252;cken gesto&#223;en habe, d&#252;rfte allgemein als wahrheitswidrig bekannt sein. Ebenso Hitlers Behauptung, seit 5.45 Uhr werde zur&#252;ckgeschossen, womit er Polen zum Ausl&#246;ser [weiterlesen]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/218/publikation/historische-kriegsluegen-1/">Historische Kriegslügen*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>in: vorg&auml;nge Nr. 218 (Heft 2/2017), S. 5-16</p>
<p><i>Hindenburgs Behauptung, das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt geblieben, schuld an der Niederlage sei die Heimatbev&ouml;lkerung, die der k&auml;mpfenden Truppe einen Dolch in den R&uuml;cken gesto&szlig;en habe, d&uuml;rfte allgemein als wahrheitswidrig bekannt sein. Ebenso Hitlers Behauptung, seit 5.45 Uhr werde zur&uuml;ckgeschossen, womit er Polen zum Ausl&ouml;ser des 2. Weltkriegs machen wollte. Aber dies sind nicht die einzigen Kriegsl&uuml;gen. Wolfgang Wette Autor zeigt anhand einer Reihe weiterer F&auml;lle, dass die Eliten eines kriegf&uuml;hrenden Landes ihr Handeln rechtfertigen und durch Kriegspropaganda untermauern. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die politischen Kriegsl&uuml;gen die Berufung auf den &#8222;gerechten Krieg&#8220; l&auml;ngst abgel&ouml;st haben und die Wahrheit bereits vor dem Beginn eines Krieges verf&auml;lscht wird, um die Legitimit&auml;t des eigenen Handels zu untermauern. </i></p>
<p>Aischylos (525-456), der griechische Dichter und Sch&ouml;pfer der griechischen Trag&ouml;die, erkannte den Zusammenhang bereits in voller Klarheit: &#8222;Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.&#8220;[1] Diese Erkenntnis ist seitdem in verschiedenen Varianten vieltausendfach wiederholt worden. Das kann kein Zufall sein. Es muss damit zusammenh&auml;ngen, dass die historische Wirklichkeit den Sachverhalt immer wieder best&auml;tigt hat.</p>
<p>Durch die leidvollen Erfahrungen in den Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts, jetzt auch schon des 21., sind wir allerdings mehr als einmal belehrt worden, dass die Weisheit des Aischylos einer Erweiterung bedarf: Die Wahrheit stirbt nicht erst &#8222;im Krieg&#8220;, sondern schon in der Entstehungsphase einer gewaltsamen Auseinandersetzung. W&auml;hrend eines Krieges waren die F&uuml;hrungseliten eines kriegf&uuml;hrenden Landes jeweils bestrebt, die Glaubw&uuml;rdigkeit ihrer Rechtfertigungsbehauptungen durch ihre Kriegspropaganda zu untermauern. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges &#8211; um diesen Fall zu nehmen[2] &#8211; kam dann nicht etwa die Wahrheit auf den Tisch, sondern die Verschleierung der Wahrheit respektive der Kampf um die Wahrheit setzte sich weiter fort. Der in Deutschland nach 1918 erbittert gef&uuml;hrte Meinungskampf &uuml;ber die Kriegsschuldfrage bietet daf&uuml;r ein reiches Anschauungsmaterial.[3]</p>
<h5>Kriegs&shy;me&shy;ta&shy;physik &ndash; eine tradi&shy;ti&shy;ons&shy;reiche Verschlei&shy;e&shy;rungs&shy;stra&shy;tegie</h5>
<p>Wenn der Begriff Kriegsl&uuml;ge f&auml;llt, denkt man gew&ouml;hnlich an einen Ausl&ouml;ser, einen konkreten Anlass wie zum Beispiel die Ermordung des &ouml;sterreichischen Thronfolgers im Juli 1914, der hernach zur Kriegsursache stilisiert wurde. Bei dieser Betrachtungsweise wird h&auml;ufig vergessen, dass es im damaligen zeitgen&ouml;ssischen Denken eine Weltsicht gab, die gleichsam als Humus diente, auf dem die aktuelle Kriegsl&uuml;ge erst gedeihen konnte. Gemeint ist ein bestimmtes Denken &uuml;ber &#8222;den&#8220; Krieg im Allgemeinen. Dieses Denken, das besonders im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts weit verbreitet war, bezeichne ich als Kriegsmetaphysik. Gemeint sind die Vorstellungen, &#8222;der&#8220; Krieg sei &#8222;der Vater aller Dinge&#8220; oder ein Naturereignis, das ausbreche wie ein Vulkan und das von Menschen nicht geb&auml;ndigt werden k&ouml;nne; oder der Krieg sei von Gott gewollt, wom&ouml;glich ein &#8222;Gottesgericht&#8220;; oder aber &#8211; als linke Variante &#8211; er sei ein gleichsam &#8222;naturnotwendiges&#8220; Produkt des Kapitalismus beziehungsweise des Imperialismus.[4]</p>
<p>In klassischer Weise formulierte zur Zeit des deutschen Kaiserreiches der preu&szlig;ische Generalstabschef Helmut von Moltke d. &Auml;. die zeitgen&ouml;ssische konservativ-militaristische Kriegsmetaphysik: &#8222;Der Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein sch&ouml;ner, und der Krieg ein Glied in Gottes Weltordnung. [&#8230;] Ohne den Krieg w&uuml;rde die Welt im Materialismus versumpfen.&#8220;[5] S&auml;tze wie dieser f&uuml;hrten bei den Menschen zu der fatalistischen Grundhaltung, dass Kriege offenbar immer wiederkehren und daher nicht verhindert werden k&ouml;nnten.</p>
<p>Sp&auml;testens seit der Einf&uuml;hrung der Allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert verfolgten Aggressoren das Ziel, die eigene Verantwortung f&uuml;r die Entfesselung kriegerischer Gewalt vor der eigenen Bev&ouml;lkerung zu verschleiern. Sie wussten, dass das eigene Lager nur durch eine Verteidigungsl&uuml;ge f&uuml;r den Krieg mobilisiert werden konnte. Der Krieg musste als eine gerechte Sache erscheinen, und als gerecht wurde nur die Verteidigung des eigenen Landes gegen einen Aggressor angesehen. Es galt also, das eigene Land als das angegriffene hinzustellen, den Feind ins Unrecht zu setzen und ihm die Kriegsschuld aufzub&uuml;rden. Wenn in der Regel alle kriegf&uuml;hrenden M&auml;chte die Menschen ihres Landes mit einer Verteidigungspropaganda mobilisierten, so bedeutete dies allerdings nicht, dass es sich dabei durchg&auml;ngig um Kriegsl&uuml;gen handelte. So befanden sich etwa die von Hitler-Deutschland &uuml;berfallenen L&auml;nder Europas zweifellos in einer Verteidigungssituation.</p>
<h5>Eine preu&szlig;ische Kriegsl&uuml;ge</h5>
<p>Friedrich II., K&ouml;nig von Preu&szlig;en, von seinen Bewunderern auch als &#8222;der Gro&szlig;e&#8220; bezeichnet, steht f&uuml;r den manipulativen Umgang mit der Lehre vom &#8222;gerechten Krieg&#8220;, anders ausgedr&uuml;ckt: f&uuml;r die Praxis der Kriegsl&uuml;gen im 18. Jahrhundert. Im Jahre 1740 gab er seiner Armee den Befehl zum Angriff auf Schlesien, das er, ganz der Machtpolitiker, dem preu&szlig;ischen Staat einverleiben wollte, bevor der Rivale &Ouml;sterreich zum Zuge kam. Das war der Beginn des sogenannten Ersten Schlesischen Krieges (1740-1742). W&auml;hrend die Angriffshandlungen bereits im Gange waren, schrieb Friedrich seinem Minister Heinrich Graf von Podewils: &#8222;Ich habe den Rubikon &uuml;berschritten, mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel.&#8220; Nun sei es Sache des Ministers, sich im Nachhinein eine &#8222;justa causa&#8220; auszudenken, also einen &#8222;gerechten Grund&#8220;, ein Rechtfertigungsmotiv.[6] Im Hinblick auf die internationale &Ouml;ffentlichkeit konstruierte der Minister nun einen erbschaftsrechtlichen Anspruch, der mit der herrschenden Lehre vom gerechten Krieg nicht zu kollidieren schien. So wurde versucht, die aggressive und rechtswidrige Politik des preu&szlig;ischen K&ouml;nigs zu kaschieren.[7]</p>
<h5>Deutsch-&shy;Fran&shy;z&ouml;&shy;si&shy;scher Krieg 1870/71</h5>
<p>Der preu&szlig;ische Ministerpr&auml;sident Otto von Bismarck manipulierte im Jahre 1870 die &#8222;Emser Depesche&#8220; in der Weise, dass der franz&ouml;sische Kaiser Napoleon III. dadurch in die Rolle des Aggressors gedr&auml;ngt wurde und Deutschland den Krieg erkl&auml;rte.[8] In den Augen der deutschen &Ouml;ffentlichkeit ergab sich dadurch die Lage, dass Bismarck die angegriffenen Deutschen verteidigte. Verborgen blieb, dass er selbst es gewesen war, der auf den deutsch-franz&ouml;sischen Krieg hingearbeitet hatte, weil er ihn als ein geeignetes Mittel zur Herstellung des preu&szlig;isch-deutschen Nationalstaats brauchte.</p>
<p>Wilhelm Liebknecht, neben August Bebel der bekannteste Sozialdemokrat seiner Zeit, zog in seinem Buch &uuml;ber die Emser Depesche (erschienen 1899) eine Verbindungslinie zwischen Friedrich II. und Bismarck: &#8222;Die V&ouml;lker sehen hier, wie Kriege gemacht werden. [&#8230;] Dass die Politik sich verbrecherischer Mittel bediente, das ist uralte Praxis. Dass sie der Verbrechen sich r&uuml;hmt [gemeint ist Bismarck, d. Verf.], das ist neu. Auch der &#8218;Alte Fritz&#8216; hat &Auml;hnliches verbrochen wie Bismarck. Allein er sch&auml;mte sich. [&#8230;] Bismarck ist stolz auf seine Verbrechen, er ist stolz auf die F&auml;lschung der Emser Depesche. [&#8230;] Jedes Mittel war ihm recht, das zum Ziel f&uuml;hrte; und er hat auch nicht, wie die Despoten des Altertums, seine Gegner mit Dolch und Gift auf dem Wege ger&auml;umt, so hat er sich nicht gescheut, Tausende und Hunderttausende von Menschen zu t&ouml;ten, wo es galt, seinem ma&szlig;losen Ehrgeiz Befriedigung zu sichern.&#8220;[9] Liebknechts Buch tr&auml;gt den Titel &#8222;Die Emser Depesche oder Wie Kriege gemacht werden&#8220;. Im Kontext des damals verbreiteten Denkens in den Kategorien einer Kriegsmetaphysik stellte es auch eine Aufforderung zu der Erkenntnis dar, dass Kriege von Menschen gemacht werden. Liebknecht, der Aufkl&auml;rer, nennt umstandslos &#8222;Ross und Reiter&#8220; und sagt in aller Klarheit, wer die Verantwortung f&uuml;r den Tod von Hunderttausenden von Menschen im deutsch-franz&ouml;sischen Krieg von 1870/71 trug.</p>
<h5>Erster Weltkrieg: &bdquo;Mitten im Frieden &uuml;berf&auml;llt uns der Feind&ldquo;</h5>
<p>Der Erste Weltkrieg begann in Deutschland wiederum mit einer Verteidigungsl&uuml;ge. Weil die Mehrheit der Menschen durchaus friedliebend war, musste die Regierung, die den Krieg wollte, bestrebt sein, ihre politischen Absichten m&ouml;glichst vollst&auml;ndig zu verschleiern. Sie wandte in der Julikrise 1914 ihr ganzes diplomatisches Geschick auf, um vor der Bev&ouml;lkerung des eigenen Landes als unschuldig dazustehen. Aus diesem Grunde sagte die deutsche Reichsleitung 1914 nicht die Wahrheit. Am 31. Juli 1914 verk&uuml;ndete Kaiser Wilhelm II. die Verteidigungsl&uuml;ge: &#8222;Man dr&uuml;ckt uns das Schwert in die Hand.&#8220;[10] In seinem &#8222;Aufruf an das deutsche Volk&#8220; vom 6. August wiederholte er diese Behauptung: &#8222;Es muss das Schwert nun entscheiden. Mitten im Frieden &uuml;berf&auml;llt uns der Feind. Darum auf, zu den Waffen! Jedes Schwanken und jedes Z&ouml;gern w&auml;re Verrat am Vaterlande. Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich.&#8220;[11] Zur Rechtfertigung des deutschen Krieges war damit die Legende von der &#8222;Vaterlandsverteidigung&#8220; in die Welt gesetzt. Sie sollte sich als &auml;u&szlig;erst wirksam und zugleich als &auml;u&szlig;erst z&auml;hlebig erweisen.</p>
<p>Der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verbreitete in der Julikrise von 1914 durch geschickte Regie den Eindruck, Deutschland bleibe nichts anderes &uuml;brig, als auf die russische Generalmobilmachung zu reagieren und sich zu verteidigen. Mit dieser Manipulation dr&auml;ngte er die z&ouml;gernde Sozialdemokratie, die noch kurz zuvor Friedenskonferenzen und Friedensdemonstrationen organisiert hatte[12], dazu, eine Verteidigungssituation anzunehmen.</p>
<p>Nicht nur die Konservativen, sondern auch die oppositionelle SPD-Reichstagsfraktion bewilligten daraufhin die Kriegskredite. Im Interesse der Landesverteidigung schloss die SPD einen sogenannten Burgfrieden mit dem Kaiser und seiner Regierung.[13] Der Chef des Marinekabinetts, Admiral Georg von M&uuml;ller, freute sich &uuml;ber den gelungenen Coup: &#8222;Stimmung gl&auml;nzend. Die Regierung hat eine gl&uuml;ckliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen.&#8220;[14]<br />General Erich v. Falckenhayn, 1914 preu&szlig;ischer Kriegsminister, war einer der st&auml;ndigen Kriegstreiber in der deutschen Milit&auml;rf&uuml;hrung[15] und in den letzten Julitagen &#8222;einer der entschiedensten Bef&uuml;rworter sofortigen Losschlagens&#8220;[16], obwohl er zumindest ahnte, dass Deutschland keineswegs mit einem raschen Sieg rechnen konnte. Am 4.&nbsp;August &auml;u&szlig;erte er eine Weltsicht, welche die zynische Geisteshaltung f&uuml;hrender deutscher Milit&auml;rs widerspiegelte und seine ganze &#8222;verbrecherische Verantwortungslosigkeit&#8220; offenbarte.[17] Er sagte: &#8222;Wenn wir auch dar&uuml;ber zugrunde gehen, sch&ouml;n war&#8216;s doch&#8220;.[18]</p>
<h5>Kriegsende 1918: Die verleugnete Niederlage</h5>
<p>Nach dem verlorenen Krieg behaupteten die milit&auml;rische und die politische F&uuml;hrung wahrheitswidrig, das deutsche Heer sei &#8222;im Felde unbesiegt&#8220; geblieben.[19] Am 12. November 1918 erlie&szlig; der Chef der Obersten Heeresleitung, Hindenburg, einen letzten Aufruf an die in die Heimat zur&uuml;ckflutende Armee. &#8222;Aufrecht und stolz&#8220;, lie&szlig; er die Soldaten wissen, &#8222;gehen wir aus dem Kampfe, den wir &uuml;ber vier Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden&#8220;.[20] Fortan galt die deutsche Armee als &#8222;im Felde unbesiegt&#8220;. Diese wahrheitswidrige Formel wurde nun landesweit bei der Heimkehr der Truppen von der Front wiederholt. Auch der Vorsitzende der Revolutionsregierung der Volksbeauftragten, der Sozialdemokrat Friedrich Ebert, benutzte sie sinngem&auml;&szlig; in seiner Ansprache an die heimkehrenden Truppen in Berlin am 11. Dezember 1918: &#8222;Kein Feind hat Euch &uuml;berwunden [&#8230;] Erst als die &Uuml;bermacht der Gegner an Menschen und Material immer dr&uuml;ckender wurde, haben wir den Kampf aufgegeben. [&#8230;] Erhobenen Hauptes d&uuml;rft ihr zur&uuml;ckkehren.&#8220;[21]</p>
<p>Bereits seit Herbst 1918 wurde das in der Obersten Heeresleitung erfundene Ger&uuml;cht verbreitet, schuld an der Niederlage sei die Heimatbev&ouml;lkerung. Sie habe die k&auml;mpfende Front nicht hinreichend unterst&uuml;tzt, sondern ihr vielmehr &#8222;den Dolch in den R&uuml;cken gesto&szlig;en&#8220;. Mit dieser Dolchsto&szlig;legende versuchten die f&uuml;hrenden deutschen Milit&auml;rs, den negativen Kriegsausgang auf jene Kr&auml;fte der deutschen Gesellschaft abzuw&auml;lzen, die sich seit 1917 f&uuml;r einen Verst&auml;ndigungsfrieden eingesetzt hatten.[22] Hindenburg pr&auml;sentierte sich am 18. November 1919 &#8211; ein Jahr nach Kriegsende &#8211; selbstherrlich vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der den Ursachen der Niederlage nachgehen sollte. Der ehemalige Generalfeldmarschall t&ouml;nte dort: Wir mussten unterliegen, &#8222;wenn nicht die gesamte Heimat f&uuml;r den Sieg auf dem Schlachtfelde eingestellt wurde und die moralischen Kr&auml;fte nicht dauernd aus der Heimat erneuert wurden&#8220;. Aber die Heimat habe versagt: &#8222;Ich wollte kraftvolle und freudige Mitarbeit, und bekam Versagen und Schw&auml;che.&#8220; Und dann folgte das b&ouml;se Wort vom Dolchsto&szlig;: &#8222;So mussten unsere Operationen misslingen, es musste der Zusammenbruch kommen. [&#8230;] Ein englischer General[23] sagte mit Recht: &#8218;Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden&#8216;. Den guten Kern des Heeres trifft keine Schuld.&#8220;[24]</p>
<p>Es handelte sich um eine mehrschichtige Nachkriegsl&uuml;ge: In den K&ouml;pfen der Deutschen sollte sich festsetzen, dass die deutsche Milit&auml;rf&uuml;hrung den Krieg erstens nicht gewollt, zweitens ihn keineswegs verantwortungslos und ineffizient gef&uuml;hrt und ihn drittens milit&auml;risch nicht verloren habe. Das war eine folgenschwere Realit&auml;tsverweigerung. In nationalistischen Kreisen n&auml;hrte sie die Vorstellung, dass dieser Krieg nicht beendet, sondern eigentlich nur unterbrochen sei.</p>
<p>Fortan benutzten die deutschen Nationalisten die von Hindenburgs Autorit&auml;t gedeckte Dolchsto&szlig;legende als innenpolitische Propagandawaffe gegen Sozialdemokraten, Juden und Pazifisten, die Hitler sp&auml;ter summarisch als &#8222;Novemberverbrecher&#8220; diffamieren sollte. Nach 1933 stellte die nationalistisch verf&auml;lschte Interpretation des Kriegsendes 1918 ein wichtiges Motiv f&uuml;r das Hitler-Regime dar, schon in den Jahren der Kriegsvorbereitung alle potentiellen Kriegsgegner aus dem politischen Leben gewaltsam auszuschalten. Als Reaktion auf die Kriegsniederlage von 1918 entfesselten das NS-Regime und die Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkrieges einen systematischen Terror gegen alle Deutschen, die des Def&auml;tismus verd&auml;chtig waren, und verhinderten so, dass sich ein Widerstand gegen den Krieg organisieren konnte.</p>
<h5>Zweiter Weltkrieg: Krieg gegen Polen</h5>
<p>Am 1. September 1939 er&ouml;ffnete das im Danziger Hafen liegende deutsche Linienschiff &#8222;Schleswig-Holstein&#8220; ohne jede Kriegserkl&auml;rung mit seinen schweren Gesch&uuml;tzen das Feuer auf die polnische Westerplatte. Gleichzeitig lie&szlig; Hitler einen Angriff polnischer Soldaten auf den oberschlesischen Sender Gleiwitz vort&auml;uschen. Deutsche Staatsb&uuml;rger in polnischen Uniformen griffen die Radiostation an, um den NS-Propagandisten Stoff f&uuml;r ihre Ablenkungspropaganda zu liefern. Hitler verk&uuml;ndete noch am selben Tag in einer Reichstagsrede seine Verteidigungsl&uuml;ge, deren Kerns&auml;tze lauteten: &#8222;Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch durch regul&auml;re Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zur&uuml;ckgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten.&#8220;[25]</p>
<p>Hitler hatte diesen Krieg von langer Hand geplant, seine Ziele aber vor der deutschen &Ouml;ffentlichkeit verborgen, indem er zwischen 1933 und 1938 &#8211; zur allgemeinen Irref&uuml;hrung &#8211; eine geschickte Friedenspropaganda betrieben hatte.[26] Der deutsche Angriff auf Polen ist das vielleicht bekannteste Beispiel f&uuml;r das sehr viel &auml;ltere Ablenkungsman&ouml;ver, durch das sich der eigentliche Angreifer zum Angegriffenen machen m&ouml;chte.</p>
<h5>&Uuml;berfall auf die Sowje&shy;t&shy;u&shy;nion: Pr&auml;ven&shy;tiv&shy;kriegs&shy;l&uuml;ge</h5>
<p>Am 22. Juni 1941 &uuml;berfiel die deutsche Wehrmacht in einer St&auml;rke von drei Millionen Mann die Sowjetunion, die sich aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 in Sicherheit wiegte. Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels pr&auml;sentierten an diesem Tage wiederum eine Verteidigungsl&uuml;ge. Die Sowjetunion, so behaupteten sie, habe eine aggressive Politik betrieben. Sie habe ihre Armeen an ihrer Westgrenze aufmarschieren lassen, habe damit die Abmachungen des Freundschaftsvertrages mit Deutschland gebrochen und &#8222;in erb&auml;rmlicher Weise verraten&#8220;. &#8222;Heute&#8220;, behauptete Hitler, &#8222;stehen rund 150 russische Divisionen an unserer Grenze. [&#8230;] Damit aber ist nunmehr die Stunde gekommen, in der es notwendig wird, diesem Komplott der j&uuml;disch-angels&auml;chsischen Kriegsanstifter und der ebenso j&uuml;dischen Machthaber der bolschewistischen Moskauer Zentrale entgegenzutreten.&#8220; Nun sei das Schicksal Europas, des Deutschen Reiches und des deutschen Volkes in die Hand der deutschen Soldaten gelegt. Damit war die Pr&auml;ventivkriegslegende geboren.[27] Glaubte man der NS-Propaganda, hatte Deutschland wieder einmal nur &#8222;zur&uuml;ckgeschossen&#8220;.</p>
<h5>Der ameri&shy;ka&shy;ni&shy;sche Vietnam&shy;krieg 1964-1975 </h5>
<p>Auch der amerikanische Vietnamkrieg von 1964 bis 1975 begann mit einer L&uuml;ge. Die amerikanische Administration unter dem demokratischen Pr&auml;sidenten Lyndon B. Johnson suchte und fand einen Vorwand, um in den Krieg gegen Nordvietnam einzutreten. Es handelte sich um den sogenannten Tonkin-Zwischenfall vom 2. und 4. August 1964. Angeblich hatten nordvietnamesische Kriegsschiffe im Golf von Tonkin (vor Nordvietnam) zwei US-Zerst&ouml;rer beschossen. Nun ordnete Pr&auml;sident Johnson sogenannte Vergeltungsbombardements gegen Ziele in Nordvietnam an. Hernach lie&szlig; er sich vom amerikanischen Kongress eine Generalvollmacht zur Ausweitung des Krieges geben. Dieser sollte bis 1975 dauern und mit einem Sieg Nordvietnams enden.[28] Die amerikanischen Soldaten mussten gedem&uuml;tigt und fluchtartig das Land verlassen.</p>
<h5>Der erste Golfkrieg 1980-89</h5>
<p>Der iranisch-irakische Krieg von 1980 bis 1988 wird als Erster Golfkrieg bezeichnet. In diesem Krieg unterst&uuml;tzten die Regierungen der westlichen L&auml;nder insgeheim den irakischen Diktator Saddam Hussein. Als die irakische Armee im Jahre 1990 in Kuwait einmarschierte, antworteten die USA und einige Verb&uuml;ndete mit dem Zweiten Golfkrieg. Um diesen Krieg vor der &Ouml;ffentlichkeit zu legitimieren und&nbsp; im eigenen Lager Kriegsbereitschaft zu mobilisieren, erfand die US-amerikanische Administration unter Pr&auml;sident George Bush sen. nun eine neue Sprachstrategie: die D&auml;monisierung des Gegners.[29] Der irakische Diktator und vormalige Verb&uuml;ndete Saddam Hussein wurde jetzt als &#8222;Hitler des Orients&#8220; bezeichnet. Pr&auml;sident Bush sen. selbst war der Stichwortgeber. In einer Rede vom 8. November 1990 sagte er, die irakischen Truppen h&auml;tten sich in Kuwait &#8222;ungeheuerliche Akte der Barbarei&#8220; zuschulden kommen lassen, &#8222;die nicht einmal Adolf Hitler begangen hat&#8220;.[30] Damit verschaffte Bush dem Saddam-Hitler-Vergleich eine weltweite Resonanz. In Deutschland f&uuml;hrte dieser Vergleich, der auf eine Gleichsetzung hinauslief, zu gro&szlig;en Irritationen.[31]</p>
<h5>Der Kosovo-&shy;Krieg 1999 und der &bdquo;Hufei&shy;sen&shy;plan&ldquo;</h5>
<p>54 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges k&auml;mpften erstmals wieder deutsche Soldaten im Ausland, n&auml;mlich gegen das serbische Rest-Jugoslawien. Dies geschah im Rahmen der Nato, aber ohne UNO-Mandat. Es handelte sich um einen Angriffskrieg, der weder vom V&ouml;lkerrecht noch vom Grundgesetz (Artikel 26) gedeckt war. Rest-Jugoslawien hatte Deutschland weder angegriffen noch ging von ihm eine Bedrohung aus. Der damalige Au&szlig;enminister Joschka Fischer (B&uuml;ndnis 90/Die Gr&uuml;nen), legitimierte den deutschen Milit&auml;reinsatz, der &#8211; in historischer Perspektive betrachtet &#8211; einen schwerwiegenden Tabubruch darstellte, mit Erfahrungen aus der NS-Zeit. Nur brachte er diese jetzt ganz anders als bislang &uuml;blich ins Spiel.[32] Er habe nicht nur gelernt &#8222;Nie wieder Krieg!&#8220;, argumentierte er im Deutschen Bundestag, sondern auch &#8222;Nie wieder Auschwitz!&#8220; Das war eine historisch unhaltbare, aber politisch wirkungsm&auml;chtige historische Analogie.[33] Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) pr&auml;sentierte der internationalen &Ouml;ffentlichkeit seinerzeit einen &#8222;Hufeisenplan&#8220;, wonach die serbische Regierung angeblich die Albaner systematisch aus dem Kosovo vertreiben wolle. Tats&auml;chlich war dieser Plan frei erfunden.[34] Es handelte sich also um eine der &uuml;blichen Kriegsl&uuml;gen.[35]</p>
<p>Diese Wende in der Kriegsbegr&uuml;ndung wurde sp&auml;ter als &#8222;Menschenrechts-Bellizismus&#8220; bezeichnet, als Krieg f&uuml;r die Menschenrechte. Aus dieser Erfahrung wurde dann die politische Strategie der &#8222;Schutzverantwortung&#8220; (Responsibility to Protect) entwickelt, die 2005 die Zustimmung fast aller Mitgliedsl&auml;nder der Vereinten Nationen fand.[36] Wegen der im internationalen Milit&auml;reinsatz gegen Libyen 2011 erwiesenen Missbrauchsgefahr hat sich diese Strategie jedoch bereits als problematisch erwiesen.</p>
<h5>Der Dritte Golfkrieg: Erlogene Massen&shy;ver&shy;nich&shy;tungs&shy;waffen</h5>
<p>Der Dritte Golfkrieg von 2003 wurde seitens der Regierung Bush jun. zun&auml;chst als milit&auml;rische Antwort auf den terroristischen Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 gerechtfertigt (&#8222;War on Terror&#8220;), obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hatte. Sp&auml;ter zog die amerikanische Regierung, wie schon 1990/91, die grausame Diktatur des irakischen Pr&auml;sidenten Saddam Hussein zur Begr&uuml;ndung heran. Pr&auml;sident George W. Bush f&uuml;hrte im Gefolge des Irak-Kriegs auch die Begriffe &#8222;Schurkenstaat&#8220; und &#8222;Achse des B&ouml;sen&#8220; ein. Damit machte er einmal mehr seine dichotomische Weltsicht deutlich: Hier die Guten und Willigen, dort die B&ouml;sen, die notfalls bekriegt werden m&uuml;ssen. Um die Gef&auml;hrlichkeit von Saddam Hussein weltweit zu verdeutlichen, r&uuml;ckte die US-Propaganda erneut Saddam-Hitler-Vergleiche in das Blickfeld der Welt&ouml;ffentlichkeit. Schlie&szlig;lich operierte die US-Propaganda mit der Behauptung, Saddam Hussein verf&uuml;ge &uuml;ber Massenvernichtungswaffen und sei daher eine Bedrohung f&uuml;r die ganze Welt. Auch diese Behauptung sollte sich sp&auml;ter als L&uuml;ge zum Zwecke der (pr&auml;ventiven) Kriegf&uuml;hrung entpuppen.</p>
<h5>Das syste&shy;ma&shy;ti&shy;sche Besch&ouml;nigen oder Totschweigen der Kriegs&shy;wirk&shy;lich&shy;keit</h5>
<p>Zum Komplex der Kriegsl&uuml;gen geh&ouml;rt seit jeher auch die Besch&ouml;nigung, Heroisierung oder Ausblendung der Kriegswirklichkeit in der Berichterstattung der Kriegf&uuml;hrenden wie auch in den meisten Feldpostbriefen der k&auml;mpfenden Soldaten.</p>
<p>Kriege sind eine extrem lebensfeindliche Angelegenheit. In ihnen f&uuml;gen sich Menschen, die sich nicht kennen, den denkbar schwersten Schaden zu. Sie nehmen sich &#8211; und vielen nicht k&auml;mpfenden Zivilisten &#8211; gewaltsam Leben und Gesundheit. Wer als Staatsmann oder Milit&auml;r eine kriegerische Auseinandersetzung plant oder in Kauf zu nehmen bereit ist, h&auml;lt die Darstellung der Kriegswirklichkeit f&uuml;r einen subversiven Akt. Das musste Erich Maria Remarques mit seinem Buch &#8222;Im Westen nichts Neues&#8220; ebenso erfahren wie der Hamburger Lehrer Wilhelm Lamszus mit seinem 1912 erschienenen Zukunftsroman &#8222;Das Menschenschlachthaus&#8220;.[37] Lamszus wurde von der reaktion&auml;ren Presse als &#8222;schlechter Deutscher&#8220; und als &#8222;vaterlandsloser Geselle&#8220; verunglimpft. Der Kronprinz verlangte seine Entlassung aus dem Schuldienst. Auf Remarque prasselten w&uuml;tende Reaktionen der nationalistischen Presse nieder. Der Kriegsschriftsteller Franz Schauwecker qualifizierte seinen Roman als &#8222;Kriegserlebnis eines Untermenschen&#8220; und dessen Gesinnungsgenosse Georg Friedrich J&uuml;nger meinte herablassend, der Roman ergehe sich &#8222;in schw&auml;chlichen Klagen gegen den Krieg&#8220;.[38]</p>
<p>Da sich die grausame Wirklichkeit des Krieges &ouml;ffentlich nicht sehen lassen kann, muss sie versteckt werden. Milit&auml;rs schotten ihr T&auml;tigkeitsfeld seit jeher mit einem fast undurchdringlichen Gestr&uuml;pp von Geheimhaltungsvorschriften ab. Sie behaupten, die Geheimhaltung sei eine &#8222;Kriegsnotwendigkeit&#8220;. Der Feind m&uuml;sse im Unklaren gelassen werden &uuml;ber die eigenen Absichten und M&ouml;glichkeiten. F&uuml;r die Mobilisierung und Aufrechterhaltung von Kriegsbereitschaft in der Bev&ouml;lkerung des eigenen Landes ist die Verschleierung der Kriegsrealit&auml;t von zumindest ebenso gro&szlig;er Bedeutung.</p>
<p>In den Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts &uuml;bernahm die Milit&auml;rzensur die Aufgabe, die Weitergabe kriegsrelevanter Informationen sowie die Berichterstattung &uuml;ber die Kriegsrealit&auml;t m&ouml;glichst vollst&auml;ndig zu unterbinden. So durften beispielsweise Bilder von get&ouml;teten deutschen Soldaten sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg nicht ver&ouml;ffentlicht werden.</p>
<h5>Die folgen&shy;schwere Ausnahme: Freie Bericht&shy;er&shy;stat&shy;tung im Vietnam&shy;krieg</h5>
<p>Im Hinblick auf die Verschleierung der Kriegsrealit&auml;t nimmt der amerikanische Vietnamkrieg (1964-1975) eine Sonderstellung ein. Er war der einzige Krieg, &uuml;ber den die westlichen Kriegsberichterstatter offen und unzensiert schreiben durften. Das hatte einen juristischen Hintergrund: Weil die US-Regierung keine f&ouml;rmliche Kriegserkl&auml;rung ausgesprochen hatte, trat auch das Gesetz &uuml;ber die Milit&auml;rzensur nicht in Kraft.[39] Daher konnte in diesem Krieg auch &uuml;ber die Verluste der amerikanischen Streitkr&auml;fte berichtet werden, unterst&uuml;tzt durch beeindruckende Filmszenen und Fotos. Diese Berichterstattung zerst&ouml;rte die Moral der amerikanischen Heimatfront. Ein Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung der USA entzog der Regierung schlie&szlig;lich ihre Unterst&uuml;tzung. So wurde dieser Krieg &#8211; bildlich gesprochen &#8211; in erster Linie in den amerikanischen Fernsehzimmern verloren. Seit den Erfahrungen des Vietnamkriegs gaben die Milit&auml;rs das Informationsmonopol nie mehr aus der Hand. Sie bestimmten nun wieder allein, was die Medien berichten und was die Bev&ouml;lkerung erfahren durfte wohl wissend, dass Berichte &uuml;ber das T&ouml;ten und die Todesangst von den Menschen ferngehalten werden m&uuml;ssen, wenn die Moral nicht zusammenbrechen soll.</p>
<h5>Kriegs&shy;ver&shy;h&uuml;&shy;tung durch &bdquo;gerechten Krieg&ldquo;?</h5>
<p>Zum &auml;ltesten Repertoire der politischen Kriegsrechtfertigungen geh&ouml;rt die Lehre vom gerechten Krieg. Sie entstand als kirchliche Theorie im 5. Jahrhundert n. Chr. (s. dazu den Beitrag von U. Frey in diesem Heft). Die Intention der damaligen Theologen war es, kriegerische Gewalt m&ouml;glichst einzud&auml;mmen, indem ihre Inanspruchnahme an ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden wurde. Tausend Jahre sp&auml;ter begann das entstehende V&ouml;lkerrecht, die kirchliche Lehre vom gerechten Krieg abzul&ouml;sen. In der ersten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Reihe v&ouml;lkerrechtlicher Vertr&auml;ge, die das Recht der Staaten auf Krieg umf&auml;nglich beschnitten. Nur das Recht der Selbstverteidigung gegen einen Angriff blieb als &#8222;nat&uuml;rliches&#8220; Recht unber&uuml;hrt.</p>
<p>Schon in den Jahrhunderten zuvor hatten es die Kriegsherren strikt vermieden, den Eindruck aufkommen zu lassen, als f&uuml;hrten sie einen &#8222;ungerechten&#8220; Krieg. Jetzt, seit dem Eintritt einer demokratischen &Ouml;ffentlichkeit in das politische Leben der europ&auml;ischen Nationen, bem&uuml;hte sich die politische Leitung kriegf&uuml;hrender Staaten jeweils darum, im Kriegsfall die eigene Nation als die Angegriffene erscheinen zu lassen. Keine kriegf&uuml;hrende Regierung gab jemals zu, einen &#8211; illegitimen &#8211; Angriffskrieg f&uuml;hren zu wollen oder gef&uuml;hrt zu haben. Die Kriegspropaganda verbreitete L&uuml;gengeschichten, die vom einzelnen B&uuml;rger oder Soldaten kaum zu durchschauen waren. Im Strudel der Legenden, die den Krieg der Aggressoren vertuschen oder rechtfertigen sollten, ging gelegentlich die &#8211; unbestreitbare &#8211; Tatsache unter, dass es auch echte Verteidigungsf&auml;lle gab. Denken wir nur an die Beispiele Belgien 1914, Polen 1939 und Sowjetunion 1941.</p>
<p>In der Propaganda kriegf&uuml;hrender Staaten ist die Berufung auf die Lehre vom &#8222;gerechten Krieg&#8220; l&auml;ngst abgel&ouml;st worden von den politischen Kriegsl&uuml;gen. Vor dem Hintergrund der j&uuml;ngeren Geschichte muss bef&uuml;rchtet werden, dass eine Revitalisierung dieser Lehre das F&uuml;hren von Kriegen eher beg&uuml;nstigen w&uuml;rde als dass sie zu ihrer Verh&uuml;tung beitragen k&ouml;nnte. Eine Politik der Kriegsverhinderung und der Deeskalation von Konflikten braucht keine Lehre vom gerechten Krieg.</p>
<p><b>WOLFRAM&nbsp;WETTE</b><i>&nbsp;&nbsp; Prof. i.R., Dr. phil., geb. 1940, Historiker, 1971-95 Milit&auml;rgeschichtliches Forschungsamt, dann Albert-Ludwigs-Universit&auml;t Freiburg, Mitbegr&uuml;nder der Historischen Friedensforschung (AHF); Mitherausgeber der Reihen &#8222;Geschichte und Frieden&#8220; und &#8222;Frieden und Krieg&#8220;, Ehrenprofessor der russischen Universit&auml;t Lipezk. J&uuml;ngste Ver&ouml;ffentlichung: Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914. Bremen: Donat 2017, mit dem einschl&auml;gigen Abschnitt: Weil sich die Wahrheit nicht sehen lassen kann: Das System der Kriegsl&uuml;gen, S. 293-356.</i></p>
<h5>Anmerkungen:</h5>
<p>* Beim vorliegenden Text handelt es sich um die erweiterte Fassung meines Aufsatzes &#8222;Historische Kriegsl&uuml;gen&#8220;, erschienen in: Wissenschaft &amp; Frieden, Heft 1/2013, Dossier Nr. 72, zum Thema &#8222;Nichts als die Wahrheit &#8211; &Uuml;ber die Kreativit&auml;t der Unwahrheit im Kontext von Krieg und Gewalt&#8220;, S. 3-5, <a href="http://www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?dossierID=076#b" target="_blank" rel="noopener">http://www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?dossierID=076#b</a></p>
<p>1 <a href="http://www.zitate.de/autor/Aischylos/" target="_blank" rel="noopener">http://www.zitate.de/autor/Aischylos/</a>.</p>
<p>2 Vgl. Hellmut von Gerlach: Die gro&szlig;e Zeit der L&uuml;ge. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Mentalit&auml;t (1871-1921). Bremen 1994.</p>
<p>3 Wolfram Wette: Seit hundert Jahren umk&auml;mpft: Die Kriegsschuldfrage. In: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, 59. Jg., Heft 9/2014, S. 91-101. S. auch: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsschuldfrage" target="_blank" rel="noopener">http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsschuldfrage</a>.</p>
<p>4 Vgl. Wolfram Wette: Kriegstheorien deutscher Sozialisten. Marx, Engels, Lassalle, Bernstein, Kautsky, Luxemburg. Stuttgart 1971.</p>
<p>5 Gesammelte Schriften und Denkw&uuml;rdigkeiten des General-Feldmarschalls Grafen Helmut v. Moltke. Berlin 1892/93, Bd. III, S. 154. Zum historischen Kontext, vgl. Wolfram Wette: Militarismus in Deutschland. Geschichte einer kriegerischen Kultur. Frankfurt/M. 2008, S. 102 f.</p>
<p>6 Vgl. Reiner Steinweg (Hrsg.): Der gerechte Krieg. Christentum, Islam, Marxismus. Frankfurt/M. 1980.</p>
<p>7 Theodor Schieder: Friedrich der Gro&szlig;e. Ein K&ouml;nigtum der Widerspr&uuml;che. Berlin 1983, S. 144 f.</p>
<p>8 S. im Einzelnen Eberhard Kolb: Der Kriegsausbruch 1870. Politische Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten in der Julikrise 1870. G&ouml;ttingen 1970.</p>
<p>9 Wilhelm Liebknecht: Die Emser Depesche oder Wie Kriege gemacht werden. Mit einem Nachtrag: Bismarck nackt. 1899. Zit. nach Wette, Ernstfall Krieg. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914. Bremen 2017, S. 297.</p>
<p>10 Ansprache Wilhelms II. vom 31.7.1914, in: Schulthess&acute; Europ&auml;ischer Geschichtskalender. Neue Folge. 30. Jg. 1914. Hrsg. v. Wilhelm Stahl. Erste H&auml;lfte. Berlin 1917, S. 370.</p>
<p>11 Aufruf Kaiser Wilhelms II. &#8222;An das deutsche Volk!&#8220; vom 6.8.1915. Text in: Schulthess&acute; Europ&auml;ischer Geschichtskalender. Neue Folge. 30. Jg. 1914, S. 388; Originalton in: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=_ientIq9uUI" target="_blank" rel="noopener">http://www.youtube.com/watch?v=_ientIq9uUI</a>.</p>
<p>12 Wolfram Wette: Ernstfall Krieg., Kap.: Der Weg der Sozialdemokratie von Basel 1912 bis zur Kriegskreditbewilligung 1914, S. 61-80.</p>
<p>13 Vgl. Susanne Miller: Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. D&uuml;sseldorf 1974 und Lothar Wieland: Die Verteidigungsl&uuml;ge. Pazifisten in der deutschen Sozialdemokratie 1914-1918. Bremen 1998.</p>
<p>14 Notiz Admiral v. M&uuml;llers vom 1.8.1914, zit. nach Dieter Groh: Negative Integration und revolution&auml;rer Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1973, S. 672.</p>
<p>15 Holger Afflerbach: Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich. M&uuml;nchen 1994.</p>
<p>16 Stig F&ouml;rster: Russische Pferde. Die deutsche Armeef&uuml;hrung und die Julikrise 1914. In: Das ist Milit&auml;rgeschichte! Probleme &#8211; Projekte &#8211; Perspektiven. Hrsg. v. Christian Th. M&uuml;ller u. Matthias Rogg. Paderborn u.a. 2013, S. 63-82 (S. 78 f.).</p>
<p>17 So Stig F&ouml;rster: Der deutsche Generalstab und die Illusion des kurzen Krieges, 1871-1914. Metakritik eines Mythos. In: Milit&auml;rgeschichtliche Mitteilungen 54 (1996), H. 1, S. 61-95, S. 95.</p>
<p>18 Kurt Riezler: Tageb&uuml;cher, Aufs&auml;tze, Dokumente. Hrsg. v. Karl Dietrich Erdmann. G&ouml;ttingen 1972, S. 228. Zit. nach F&ouml;rster, Russische Pferde (Anm. 16), S. 71, und ders., Illusion ( Anm. 17), S. 95.</p>
<p>19 Ulrich Heinemann: Die verdr&auml;ngte Niederlage. Politische &Ouml;ffentlichkeit und Kriegsschuldfrage in der Weimarer Republik. G&ouml;ttingen 1983; Thomas Flemming/Bernd Ulrich: Heimatfront. Zwischen Kriegsbegeisterung und Hungersnot &#8211; wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg erlebten, Epilog &#8211; &#8222;Dolchsto&szlig;-Legende&#8220;, S. 270-277. Siehe auch den gut informierten Eintrag zur Dolchsto&szlig;legende<br />in: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Dolchsto%C3%9Flegende" target="_blank" rel="noopener">http://de.wikipedia.org/wiki/Dolchsto%C3%9Flegende</a>.</p>
<p>20 Hindenburgs Aufruf an die Armee vom 12.11.1914, u.a. in: Gerd Krumeich: Die Dolchsto&szlig;-Legende. In: Etienne Francois/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1. M&uuml;nchen 2009, S. 585-599.</p>
<p>21 Rede Friedrich Eberts in Berlin vom 11.12.1918. In: Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Hrsg. von Herbert Michaelis u. Ernst Schraepler, Bd. 3, Berlin 1958, S. 504 f.; sowie in: Die deutsche Revolution 1918/19. Dokumente. Hrsg. Gerhard A. Ritter u. Susanne Miller. 2. Aufl. Frankfurt/M. 1983, S. 139-142.</p>
<p>22 Wolfram Wette: Die Dolchsto&szlig;legende &#8211; eine deutsche Kriegsl&uuml;ge von 1918/19 und ihre schwerwiegenden Folgen. In: Aachener Friedensmagazin, L&uuml;gengeschichte des Monats November 2014. <a href="http://aixpaix.de/muenchhausen/dolchstoss.html" target="_blank" rel="noopener">http://aixpaix.de/muenchhausen/dolchstoss.html</a>.</p>
<p>23 Gemeint war der englische General Frederik Maurice, den ein Schweizer Journalist bereits am 17.12.1918 in der &#8222;Neuen Z&uuml;rcher Zeitung&#8220; mit der &#8211; sp&auml;ter dementierten &#8211; Aussage zitierte, die deutsche Armee sei &#8222;von der Zivilbev&ouml;lkerung von hinten erdolcht&#8220; worden. Siehe Barth, Dolchsto&szlig;legenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914 &#8211; 1918. D&uuml;sseldorf 2003, S. 324.</p>
<p>24 Hindenburg am 18.11.1919. Zit. nach Boris Barth: Dolchsto&szlig;legenden (Anm. 23), S. 322.</p>
<p>25 Hitlers Rundfunkrede vom 1.9.1939. In: Max Domarus: Hitler. Reden 1932 bis 1945, Bd. II, Erster Halbband: 1939-1940, Wiesbaden 1973, S. 1315.</p>
<p>26 Vgl. meinen Beitrag: Die propagandistische Mobilmachung f&uuml;r den Krieg. In: Wilhelm Deist / Manfred Messerschmidt / Hans-Erich Volkmann / Wolfram Wette: Ursachen und Voraussetzungen der deutschen Kriegspolitik. Frankfurt/M. 1989, S. 117-161.</p>
<p>27 Vgl. Gerd R. Uebersch&auml;r/ Lev A. Bezymenskij (Hrsg.): Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Pr&auml;ventivkriegsthese. Darmstadt 1998; Bianka Pietrow-Ennker (Hrsg.): Pr&auml;ventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Frankfurt/M. 2011.</p>
<p>28 Bernd Greiner: Aus gegebenem Anlass. Ein Krieg, der mit einer L&uuml;ge begann und im Desaster enden musste. In: Mittelweg 36, 5/2007, S. 4 -16; ders.: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam, Hamburg 2007.</p>
<p>29 Wolfram Wette: Ein Hitler des Orients? NS-Vergleiche in der Kriegspropaganda von Demokratien. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, 4/2003, S. 231-242.</p>
<p>30 Zit. nach John R. MacArthur: Schlacht der L&uuml;gen. Wie die USA den Golfkrieg verkauften. M&uuml;nchen 1993, S. 83.</p>
<p>31 Vgl. Wette, Hitler des Orients? (Anm. 29), S. 234-236.</p>
<p>32 Vgl. Michael Schwab-Trapp: Kriegsdiskurse. Die politische Kultur des Krieges im Wandel 1991-1999. Opladen 2002; und ders.: Der Nationalsozialismus im &ouml;ffentlichen Diskurs &uuml;ber milit&auml;rische Gewalt. &Uuml;berlegungen zum Bedeutungswandel der deutschen Vergangenheit. In: Wolfgang Bergem (Hrsg.), Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen 2003, S. 171-185.</p>
<p>33 Vgl. dazu Egbert Jahn: Nie wieder Krieg! Nie wieder V&ouml;lkermord! Der Kosovo-Konflikt als europ&auml;isches Problem. Mannheim 1999.</p>
<p>34 Vgl. Heinz Loquai: Der Kosovo-Konflikt. Wege in einen vermeidbaren Krieg. Die Zeit von Ende November 1997 bis M&auml;rz 1999. Baden-Baden 2000.</p>
<p>35 S. die WDR-Dokumentation von Jo Angerer/Mathias Werth: Es begann mit einer L&uuml;ge. 2001.</p>
<p>36 S. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schutzverantwortung" target="_blank" rel="noopener">http://de.wikipedia.org/wiki/Schutzverantwortung</a>.</p>
<p>37 Wilhelm Lamszus: Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg. Hamburg, Berlin 1912.</p>
<p>38 Nachweise bei Wette, Ursachen (Anm. 26), S. 96.</p>
<p>39 Winfried Scharlau: Wie realistisch schildern Medien den Krieg, die T&auml;ter und die Opfer? In: Thomas K&uuml;hne/ Horst Gleichmann (Hrsg.), Massenhaftes T&ouml;ten. Krieg und Genocide im 20. Jahrhundert. Essen 2004, S. 383-393, S. 390.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.humanistische-union.de/publikationen/vorgaenge/218/publikation/historische-kriegsluegen-1/">Historische Kriegslügen*</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.humanistische-union.de">Humanistische Union</a>.</p>
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