{"id":76,"count":0,"description":"Referat von Prof. Dr. Horst Herrmann\n\nIn den letzten Wochen habe ich Gelegenheit gehabt, in Interviews sowie auf Vortragsveranstaltungen zu erfahren, wie Menschen in der Bundesrepublik auf das Thema \"Die Kirche und unser Geld\" reagieren. Zum einen sind wesentlich mehr B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger f&uuml;r das Problem sensibel, als das in den fr&uuml;hen siebziger Jahren der Fall gewesen ist (als mein Buch \"Ein unmoralisches Verh&auml;ltnis. Zur Lage von Staat und Kirche in der BRD\" erschien). Zum anderen ist noch keineswegs jene \"kritische Masse\" erreicht, die - wie in Fragen Abr&uuml;stung oder Umweltschutz - an politischen Konsequenzen interessiert w&auml;re. Diesen Zustand schreibe ich unter anderem der Tatsache zu, da&szlig; die einen Interessierten bereits aus der Kirche ausgetreten sind und meinen, damit das gesellschaftliche Problem gel&ouml;st zu haben, w&auml;hrend die anderen Interessierten vor der Gr&ouml;&szlig;e der Aufgabe resignieren: Ein &uuml;ber Jahrhunderte gefestigtes und wasserdicht gemachtes \"Verh&auml;ltnis von Staat und Kirche\" l&auml;&szlig;t sich nicht von heute auf morgen &auml;ndern, sagen sie - und tun fortan nichts, zumal sie sich - wie unter jungen Menschen h&auml;ufig zu h&ouml;ren ist - \"wichtigeren Aufgaben\" zuwenden wollen. Um es gleich zu sagen: Auch ich meine, es gebe andere Themen, zumal die Kirche f&uuml;r mich kein Problem mehr ist. Aber ich erfahre ebenso, da&szlig; eine solche theologisch begr&uuml;ndete Meinung nur individuelles Gl&uuml;ck mit sich bringt: Das bundesdeutsche Problem l&ouml;st sie nicht, Kirche und Staat bleiben noch immer Problemf&auml;lle des allgemeinen Bewu&szlig;tseins.\n\nDas k&uuml;nftige Verh&auml;ltnis von Staat und Kirche wird meiner Meinung nach ein \"Verh&auml;ltnis auf Zeit\" sein; je mehr sich die Kirche aus den bisher besetzten Handlungsfeldern zur&uuml;ckziehen mu&szlig;, weil ihr Themen und Menschen weglaufen, desto weniger Einflu&szlig; wird sie auf eventuell weitere Verfassungen der Deutschen haben. Schon die heute noch g&uuml;ltigen Gesetze, die die Kirche wie keine andere Gruppe im weltanschaulich neutralen Staat privilegieren, w&auml;ren unter den gegenw&auml;rtigen Umst&auml;nden nicht mehr durchzusetzen. Sie lassen sich, da sie nun einmal da sind, nur noch weiterschleppen. K&uuml;nftige Verfassungen werden jedoch grundlegend anders aussehen: Ich spreche mich beispielsweise f&uuml;r eine prinzipiell s&auml;kulare Neuordnung des \"karitativen\" Sektors, f&uuml;r eine Verabschiedung der Kirchen aus Schule und Hochschule oder f&uuml;r die - vom Grundgesetz geforderte und noch immer nicht eingel&ouml;ste - endg&uuml;ltige Abl&ouml;sung der sogenannten Staatsleistungen aus.\n\nAber Absichtserkl&auml;rungen bewegen noch nichts. Politisch etwas zu &auml;ndern, gar - wie im vorliegenden Fall - eine verfassungs&auml;ndernde Mehrheit zustandezubringen, ist nicht leicht. Unter den Verh&auml;ltnissen der BRD, die keine nennenswerte Kultur des Widerstandes kennt, ist es besonders schwierig. Statt die Kirchen endlich einmal ihr eigenes - auf der Welt einmaliges - Finanzierungssystem demokratisch diskutieren und legitimieren zu lassen, ist der Kritiker eben dieses Systems dazu gen&ouml;tigt, seinerseits Gr&uuml;nde zusammenzutragen, um eine entsprechende &Auml;nderung wenigstens \"anzuregen\". Dabei brauchen sich die kritischen bis ablehnenden Argumente bestimmt nicht zu verstecken; auch ist die Zahl der in der BRD bereits Kirchenfreien mittlerweile auf gut 17 Millionen angestiegen, so da&szlig; es einen nur noch wundem kann, warum diese potentiellen und entsprechend zu aktivierenden W&auml;hlerstimmen noch immer nur so wenig Eindruck auf die Parteien machen.\n\nDoch das herrschende Bewu&szlig;tsein ist eben nicht aufgeweckt. Von daher gesehen, betrachte ich den Versuch der GR&Uuml;NEN, sich dem Thema zu widmen, bisher nur als ein Experiment des guten Willens. Meine Erfahrungen mit einer - st&auml;ndig in der Regierung vertretenen und auf das christliche wie das sozialdemokratische Lager einflu&szlig;reichen - Partei wie der F.D.P. und ihrem \"Kirchenpapier\" lassen mich f&uuml;rs erste daran zweifeln, da&szlig; sich die Phase der Sandkastenspiele abl&ouml;sen l&auml;&szlig;t und ein wirklicher Umbruch erfolgen kann. Offensichtlich sind \"Kirche\" im Allgemeinen und \"Geld der Kirche\" im Besonderen eines der wirklichen Tabuthemen der BRD, und das europ&auml;ische Ausland denkt sich seinen Teil. Da&szlig; hierzulande allein das Wort von der \"Trennung von Staat und Kirche\" &Auml;ngste und Abwehrreaktionen ausl&ouml;st, spricht f&uuml;r sich. Kaum jemand k&auml;me auf die Idee, da&szlig; das Grundgesetz eine gewisse \"Trennung\" schon fordert. Offensichtlich sind die beiden \"M&auml;chte\" nach Auffassung vieler Deutscher untrennbar verbunden. Das wohlfeile Gerede von der \"Partnerschaft\" zwischen Kirche und Staat tut ein &Uuml;briges, um diesen Eindruck zu verfestigen. Aus Zeitgr&uuml;nden kann ich nur auf meine Ver&ouml;ffentlichungen zu diesem Thema verweisen.\n\nJuristisch ausgerichtete Diskussionen nach dem Motto \"Die Verfassung gebietet es bereits heute\" sind zwar in sich stimmig (das Grundgesetz sagt manches wirklich), doch erbringen sie keine &Auml;nderung, weil sie nur Experten ansprechen und bestenfalls die Rechtsprechung beeinflussen (was freilich nicht wenig w&auml;re). Da unser Volk nicht nur aus Rechtskundigen besteht, m&uuml;ssen die Schwerpunkte anders gesetzt werden, \"pragmatischer\", \"politischer\": Was ist wirklich allen zu vermitteln, was ist eines Tages wirklich mit Bundestagsmehrheiten zu &auml;ndern? Meines Erachtens handelt es sich um zwei gro&szlig;e Themenkomplexe. F&uuml;r sie k&ouml;nnte sich, da es Themen sind, die in der Luft liegen und reizen, schon jetzt eine breitere Diskussionsgrundlage ergeben, die auch &uuml;ber Parteigrenzen hinwegreichte. Ich meine das griffige Thema \"Reichskonkordat\" und das noch griffigere Thema \"Kirchensteuer\". Hierin liegen bestimmte Chancen, wenn auch nach wie vor relativ geringe. Das Hitlerkonkordat von 1933 ist l&auml;ngst zur Abl&ouml;sung f&auml;llig; mit ihm fielen auch die entsprechenden Detailregelungen (z.B. etliche Grundlagen f&uuml;r die sog. Milit&auml;rseelsorge oder den Religionsunterricht). Eine entsprechende &ouml;ffentliche Diskussion gerade dieses Themas br&auml;chte viel von dem zum Vorschein, was historische Schuld und aktuelle Reuelosigkeit ausmacht. Ich kann mir mit guten Gr&uuml;nden denken, da&szlig; auch Kirchengebundene eine entsprechende Diskussion nicht zu f&uuml;rchten brauchen - und vergleichsweise schnell f&uuml;r eine Abl&ouml;sung des Schandvertrages zu gewinnen w&auml;ren. Setzt die Diskussion den Hebel bei diesem Konkordat an, sind andere Themen des Staat-Kirchen-Verh&auml;ltnisses nicht unschwer mitzubedienen. Vielleicht greift in diesem Fall sogar die \"Domino-Theorie\".\n\nIn Sachen Kirchensteuer verweise ich grunds&auml;tzlich auf das von mir schon 1972 vorgeschlagene Modell einer \"Solidarabgabe\", welches - modifiziert im Rahmen neuer Konkordate - in Italien und Spanien bereits eingef&uuml;hrt, in der BRD aber noch nicht einmal hinreichend diskutiert worden ist. Gleichwohl erfahre ich \"unterwegs\", wie sehr es vielen W&uuml;nschen entgegenkommt: Zum einen ist es geeignet, die verbreitete Angst der Kirchengebundenen vor dem Tag X, dem Tag der ersatzlosen Streichung der Kirchensteuer, zu nehmen, zum anderen entwickelt es eine neue Art von \"Steuer\", die nicht mehr nur obrigkeitliche Aufgabe ist, sondern, obgleich verpflichtend, von den Steuerpflichtigen nach eigenem Willen \"verteilt\" und (bei Unzufriedenheit mit einem Verwendungszweck umgeschichtet) werden kann.\n\nIch pl&auml;diere f&uuml;r kleine Schritte, die allerdings weit in die Zukunft f&uuml;hren. Das Modell einer Solidarabgabe, dem sogar der Vatikan in den beiden erw&auml;hnten Konkordaten zugestimmt hat, erscheint mir selbst in der Bundesrepublik durchf&uuml;hrbar - und auch politisch mit der Zeit m&ouml;glich. Es stellt die Kirchen nicht einfach vor vollendete Tatsachen, es nimmt ihnen nicht von heute auf morgen alle Kirchensteuergelder; es ist vergleichsweise entgegenkommend und sogar \"freundlich\", aber bestimmt. Es stellt, entsprechend diskutiert und unter Umst&auml;nden modifiziert, eine praktikable Alternative zum Status quo dar. Ich habe daf&uuml;r auch unter evangelischen Bisch&ouml;fen Zustimmung geh&ouml;rt. Mit vielen Christen l&auml;&szlig;t sich zumindest dar&uuml;ber sprechen. Inwiefern eine solche Form der Kirchenfinanzierung sich mit den Erfordernissen des europ&auml;ischen Binnenmarktes vertr&auml;gt, wird relativ leicht zu kl&auml;ren sein. Dasselbe gilt f&uuml;r die Frage nach den \"&Uuml;bergangszeitr&auml;umen'. Nicht zu &uuml;bersehen sind dabei die inzwischen verst&auml;rkten Anstrengungen der Kirchenoberen, das bisherige \"Modell Deutschland\" nicht nur f&uuml;r sich selbst zu retten, sondern es sich auch gesamteurop&auml;isch garantieren zu lassen (\"Welt am Sonntag\" vom 11. 11. 1990, S. 41 f.) oder gar zum Export vorzuschlagen.","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/","name":"Referat Herrmann","slug":"referat-herrmann","taxonomy":"category","parent":19,"meta":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Referat Herrmann Archive - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Referat Herrmann Archive - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Referat von Prof. Dr. Horst Herrmann In den letzten Wochen habe ich Gelegenheit gehabt, in Interviews sowie auf Vortragsveranstaltungen zu erfahren, wie Menschen in der Bundesrepublik auf das Thema &#8222;Die Kirche und unser Geld&#8220; reagieren. 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Aber ich erfahre ebenso, da&szlig; eine solche theologisch begr&uuml;ndete Meinung nur individuelles Gl&uuml;ck mit sich bringt: Das bundesdeutsche Problem l&ouml;st sie nicht, Kirche und Staat bleiben noch immer Problemf&auml;lle des allgemeinen Bewu&szlig;tseins. Das k&uuml;nftige Verh&auml;ltnis von Staat und Kirche wird meiner Meinung nach ein &#8222;Verh&auml;ltnis auf Zeit&#8220; sein; je mehr sich die Kirche aus den bisher besetzten Handlungsfeldern zur&uuml;ckziehen mu&szlig;, weil ihr Themen und Menschen weglaufen, desto weniger Einflu&szlig; wird sie auf eventuell weitere Verfassungen der Deutschen haben. Schon die heute noch g&uuml;ltigen Gesetze, die die Kirche wie keine andere Gruppe im weltanschaulich neutralen Staat privilegieren, w&auml;ren unter den gegenw&auml;rtigen Umst&auml;nden nicht mehr durchzusetzen. Sie lassen sich, da sie nun einmal da sind, nur noch weiterschleppen. 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Meine Erfahrungen mit einer &#8211; st&auml;ndig in der Regierung vertretenen und auf das christliche wie das sozialdemokratische Lager einflu&szlig;reichen &#8211; Partei wie der F.D.P. und ihrem &#8222;Kirchenpapier&#8220; lassen mich f&uuml;rs erste daran zweifeln, da&szlig; sich die Phase der Sandkastenspiele abl&ouml;sen l&auml;&szlig;t und ein wirklicher Umbruch erfolgen kann. Offensichtlich sind &#8222;Kirche&#8220; im Allgemeinen und &#8222;Geld der Kirche&#8220; im Besonderen eines der wirklichen Tabuthemen der BRD, und das europ&auml;ische Ausland denkt sich seinen Teil. Da&szlig; hierzulande allein das Wort von der &#8222;Trennung von Staat und Kirche&#8220; &Auml;ngste und Abwehrreaktionen ausl&ouml;st, spricht f&uuml;r sich. Kaum jemand k&auml;me auf die Idee, da&szlig; das Grundgesetz eine gewisse &#8222;Trennung&#8220; schon fordert. Offensichtlich sind die beiden &#8222;M&auml;chte&#8220; nach Auffassung vieler Deutscher untrennbar verbunden. Das wohlfeile Gerede von der &#8222;Partnerschaft&#8220; zwischen Kirche und Staat tut ein &Uuml;briges, um diesen Eindruck zu verfestigen. Aus Zeitgr&uuml;nden kann ich nur auf meine Ver&ouml;ffentlichungen zu diesem Thema verweisen. Juristisch ausgerichtete Diskussionen nach dem Motto &#8222;Die Verfassung gebietet es bereits heute&#8220; sind zwar in sich stimmig (das Grundgesetz sagt manches wirklich), doch erbringen sie keine &Auml;nderung, weil sie nur Experten ansprechen und bestenfalls die Rechtsprechung beeinflussen (was freilich nicht wenig w&auml;re). Da unser Volk nicht nur aus Rechtskundigen besteht, m&uuml;ssen die Schwerpunkte anders gesetzt werden, &#8222;pragmatischer&#8220;, &#8222;politischer&#8220;: Was ist wirklich allen zu vermitteln, was ist eines Tages wirklich mit Bundestagsmehrheiten zu &auml;ndern? Meines Erachtens handelt es sich um zwei gro&szlig;e Themenkomplexe. F&uuml;r sie k&ouml;nnte sich, da es Themen sind, die in der Luft liegen und reizen, schon jetzt eine breitere Diskussionsgrundlage ergeben, die auch &uuml;ber Parteigrenzen hinwegreichte. Ich meine das griffige Thema &#8222;Reichskonkordat&#8220; und das noch griffigere Thema &#8222;Kirchensteuer&#8220;. Hierin liegen bestimmte Chancen, wenn auch nach wie vor relativ geringe. Das Hitlerkonkordat von 1933 ist l&auml;ngst zur Abl&ouml;sung f&auml;llig; mit ihm fielen auch die entsprechenden Detailregelungen (z.B. etliche Grundlagen f&uuml;r die sog. Milit&auml;rseelsorge oder den Religionsunterricht). Eine entsprechende &ouml;ffentliche Diskussion gerade dieses Themas br&auml;chte viel von dem zum Vorschein, was historische Schuld und aktuelle Reuelosigkeit ausmacht. Ich kann mir mit guten Gr&uuml;nden denken, da&szlig; auch Kirchengebundene eine entsprechende Diskussion nicht zu f&uuml;rchten brauchen &#8211; und vergleichsweise schnell f&uuml;r eine Abl&ouml;sung des Schandvertrages zu gewinnen w&auml;ren. Setzt die Diskussion den Hebel bei diesem Konkordat an, sind andere Themen des Staat-Kirchen-Verh&auml;ltnisses nicht unschwer mitzubedienen. Vielleicht greift in diesem Fall sogar die &#8222;Domino-Theorie&#8220;. In Sachen Kirchensteuer verweise ich grunds&auml;tzlich auf das von mir schon 1972 vorgeschlagene Modell einer &#8222;Solidarabgabe&#8220;, welches &#8211; modifiziert im Rahmen neuer Konkordate &#8211; in Italien und Spanien bereits eingef&uuml;hrt, in der BRD aber noch nicht einmal hinreichend diskutiert worden ist. 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Es stellt die Kirchen nicht einfach vor vollendete Tatsachen, es nimmt ihnen nicht von heute auf morgen alle Kirchensteuergelder; es ist vergleichsweise entgegenkommend und sogar &#8222;freundlich&#8220;, aber bestimmt. Es stellt, entsprechend diskutiert und unter Umst&auml;nden modifiziert, eine praktikable Alternative zum Status quo dar. Ich habe daf&uuml;r auch unter evangelischen Bisch&ouml;fen Zustimmung geh&ouml;rt. Mit vielen Christen l&auml;&szlig;t sich zumindest dar&uuml;ber sprechen. Inwiefern eine solche Form der Kirchenfinanzierung sich mit den Erfordernissen des europ&auml;ischen Binnenmarktes vertr&auml;gt, wird relativ leicht zu kl&auml;ren sein. Dasselbe gilt f&uuml;r die Frage nach den &#8222;&Uuml;bergangszeitr&auml;umen&#8216;. 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Diesen Zustand schreibe ich unter anderem der Tatsache zu, da&szlig; die einen Interessierten bereits aus der Kirche ausgetreten sind und meinen, damit das gesellschaftliche Problem gel&ouml;st zu haben, w&auml;hrend die anderen Interessierten vor der Gr&ouml;&szlig;e der Aufgabe resignieren: Ein &uuml;ber Jahrhunderte gefestigtes und wasserdicht gemachtes &#8222;Verh&auml;ltnis von Staat und Kirche&#8220; l&auml;&szlig;t sich nicht von heute auf morgen &auml;ndern, sagen sie &#8211; und tun fortan nichts, zumal sie sich &#8211; wie unter jungen Menschen h&auml;ufig zu h&ouml;ren ist &#8211; &#8222;wichtigeren Aufgaben&#8220; zuwenden wollen. Um es gleich zu sagen: Auch ich meine, es gebe andere Themen, zumal die Kirche f&uuml;r mich kein Problem mehr ist. 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K&uuml;nftige Verfassungen werden jedoch grundlegend anders aussehen: Ich spreche mich beispielsweise f&uuml;r eine prinzipiell s&auml;kulare Neuordnung des &#8222;karitativen&#8220; Sektors, f&uuml;r eine Verabschiedung der Kirchen aus Schule und Hochschule oder f&uuml;r die &#8211; vom Grundgesetz geforderte und noch immer nicht eingel&ouml;ste &#8211; endg&uuml;ltige Abl&ouml;sung der sogenannten Staatsleistungen aus. Aber Absichtserkl&auml;rungen bewegen noch nichts. Politisch etwas zu &auml;ndern, gar &#8211; wie im vorliegenden Fall &#8211; eine verfassungs&auml;ndernde Mehrheit zustandezubringen, ist nicht leicht. Unter den Verh&auml;ltnissen der BRD, die keine nennenswerte Kultur des Widerstandes kennt, ist es besonders schwierig. Statt die Kirchen endlich einmal ihr eigenes &#8211; auf der Welt einmaliges &#8211; Finanzierungssystem demokratisch diskutieren und legitimieren zu lassen, ist der Kritiker eben dieses Systems dazu gen&ouml;tigt, seinerseits Gr&uuml;nde zusammenzutragen, um eine entsprechende &Auml;nderung wenigstens &#8222;anzuregen&#8220;. Dabei brauchen sich die kritischen bis ablehnenden Argumente bestimmt nicht zu verstecken; auch ist die Zahl der in der BRD bereits Kirchenfreien mittlerweile auf gut 17 Millionen angestiegen, so da&szlig; es einen nur noch wundem kann, warum diese potentiellen und entsprechend zu aktivierenden W&auml;hlerstimmen noch immer nur so wenig Eindruck auf die Parteien machen. Doch das herrschende Bewu&szlig;tsein ist eben nicht aufgeweckt. Von daher gesehen, betrachte ich den Versuch der GR&Uuml;NEN, sich dem Thema zu widmen, bisher nur als ein Experiment des guten Willens. Meine Erfahrungen mit einer &#8211; st&auml;ndig in der Regierung vertretenen und auf das christliche wie das sozialdemokratische Lager einflu&szlig;reichen &#8211; Partei wie der F.D.P. und ihrem &#8222;Kirchenpapier&#8220; lassen mich f&uuml;rs erste daran zweifeln, da&szlig; sich die Phase der Sandkastenspiele abl&ouml;sen l&auml;&szlig;t und ein wirklicher Umbruch erfolgen kann. Offensichtlich sind &#8222;Kirche&#8220; im Allgemeinen und &#8222;Geld der Kirche&#8220; im Besonderen eines der wirklichen Tabuthemen der BRD, und das europ&auml;ische Ausland denkt sich seinen Teil. Da&szlig; hierzulande allein das Wort von der &#8222;Trennung von Staat und Kirche&#8220; &Auml;ngste und Abwehrreaktionen ausl&ouml;st, spricht f&uuml;r sich. Kaum jemand k&auml;me auf die Idee, da&szlig; das Grundgesetz eine gewisse &#8222;Trennung&#8220; schon fordert. Offensichtlich sind die beiden &#8222;M&auml;chte&#8220; nach Auffassung vieler Deutscher untrennbar verbunden. Das wohlfeile Gerede von der &#8222;Partnerschaft&#8220; zwischen Kirche und Staat tut ein &Uuml;briges, um diesen Eindruck zu verfestigen. Aus Zeitgr&uuml;nden kann ich nur auf meine Ver&ouml;ffentlichungen zu diesem Thema verweisen. Juristisch ausgerichtete Diskussionen nach dem Motto &#8222;Die Verfassung gebietet es bereits heute&#8220; sind zwar in sich stimmig (das Grundgesetz sagt manches wirklich), doch erbringen sie keine &Auml;nderung, weil sie nur Experten ansprechen und bestenfalls die Rechtsprechung beeinflussen (was freilich nicht wenig w&auml;re). Da unser Volk nicht nur aus Rechtskundigen besteht, m&uuml;ssen die Schwerpunkte anders gesetzt werden, &#8222;pragmatischer&#8220;, &#8222;politischer&#8220;: Was ist wirklich allen zu vermitteln, was ist eines Tages wirklich mit Bundestagsmehrheiten zu &auml;ndern? Meines Erachtens handelt es sich um zwei gro&szlig;e Themenkomplexe. F&uuml;r sie k&ouml;nnte sich, da es Themen sind, die in der Luft liegen und reizen, schon jetzt eine breitere Diskussionsgrundlage ergeben, die auch &uuml;ber Parteigrenzen hinwegreichte. Ich meine das griffige Thema &#8222;Reichskonkordat&#8220; und das noch griffigere Thema &#8222;Kirchensteuer&#8220;. Hierin liegen bestimmte Chancen, wenn auch nach wie vor relativ geringe. Das Hitlerkonkordat von 1933 ist l&auml;ngst zur Abl&ouml;sung f&auml;llig; mit ihm fielen auch die entsprechenden Detailregelungen (z.B. etliche Grundlagen f&uuml;r die sog. Milit&auml;rseelsorge oder den Religionsunterricht). Eine entsprechende &ouml;ffentliche Diskussion gerade dieses Themas br&auml;chte viel von dem zum Vorschein, was historische Schuld und aktuelle Reuelosigkeit ausmacht. Ich kann mir mit guten Gr&uuml;nden denken, da&szlig; auch Kirchengebundene eine entsprechende Diskussion nicht zu f&uuml;rchten brauchen &#8211; und vergleichsweise schnell f&uuml;r eine Abl&ouml;sung des Schandvertrages zu gewinnen w&auml;ren. Setzt die Diskussion den Hebel bei diesem Konkordat an, sind andere Themen des Staat-Kirchen-Verh&auml;ltnisses nicht unschwer mitzubedienen. Vielleicht greift in diesem Fall sogar die &#8222;Domino-Theorie&#8220;. In Sachen Kirchensteuer verweise ich grunds&auml;tzlich auf das von mir schon 1972 vorgeschlagene Modell einer &#8222;Solidarabgabe&#8220;, welches &#8211; modifiziert im Rahmen neuer Konkordate &#8211; in Italien und Spanien bereits eingef&uuml;hrt, in der BRD aber noch nicht einmal hinreichend diskutiert worden ist. Gleichwohl erfahre ich &#8222;unterwegs&#8220;, wie sehr es vielen W&uuml;nschen entgegenkommt: Zum einen ist es geeignet, die verbreitete Angst der Kirchengebundenen vor dem Tag X, dem Tag der ersatzlosen Streichung der Kirchensteuer, zu nehmen, zum anderen entwickelt es eine neue Art von &#8222;Steuer&#8220;, die nicht mehr nur obrigkeitliche Aufgabe ist, sondern, obgleich verpflichtend, von den Steuerpflichtigen nach eigenem Willen &#8222;verteilt&#8220; und (bei Unzufriedenheit mit einem Verwendungszweck umgeschichtet) werden kann. Ich pl&auml;diere f&uuml;r kleine Schritte, die allerdings weit in die Zukunft f&uuml;hren. Das Modell einer Solidarabgabe, dem sogar der Vatikan in den beiden erw&auml;hnten Konkordaten zugestimmt hat, erscheint mir selbst in der Bundesrepublik durchf&uuml;hrbar &#8211; und auch politisch mit der Zeit m&ouml;glich. Es stellt die Kirchen nicht einfach vor vollendete Tatsachen, es nimmt ihnen nicht von heute auf morgen alle Kirchensteuergelder; es ist vergleichsweise entgegenkommend und sogar &#8222;freundlich&#8220;, aber bestimmt. Es stellt, entsprechend diskutiert und unter Umst&auml;nden modifiziert, eine praktikable Alternative zum Status quo dar. Ich habe daf&uuml;r auch unter evangelischen Bisch&ouml;fen Zustimmung geh&ouml;rt. Mit vielen Christen l&auml;&szlig;t sich zumindest dar&uuml;ber sprechen. Inwiefern eine solche Form der Kirchenfinanzierung sich mit den Erfordernissen des europ&auml;ischen Binnenmarktes vertr&auml;gt, wird relativ leicht zu kl&auml;ren sein. Dasselbe gilt f&uuml;r die Frage nach den &#8222;&Uuml;bergangszeitr&auml;umen&#8216;. Nicht zu &uuml;bersehen sind dabei die inzwischen verst&auml;rkten Anstrengungen der Kirchenoberen, das bisherige &#8222;Modell Deutschland&#8220; nicht nur f&uuml;r sich selbst zu retten, sondern es sich auch gesamteurop&auml;isch garantieren zu lassen (&#8222;Welt am Sonntag&#8220; vom 11. 11. 1990, S. 41 f.) oder gar zum Export vorzuschlagen.","og_url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/","og_site_name":"Humanistische Union","twitter_card":"summary_large_image","twitter_site":"@humunion","schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"CollectionPage","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/","name":"Referat Herrmann Archive - Humanistische Union","isPartOf":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website"},"breadcrumb":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/#breadcrumb"},"inLanguage":"de"},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/referat-herrmann\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Staat \/ Religion \/ Weltanschauung","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Was ist uns die Kirche wert","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/staat-religion-weltanschauung\/was-ist-uns-die-kirche-wert\/"},{"@type":"ListItem","position":3,"name":"Referat Herrmann"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","name":"Humanistische Union","description":"","publisher":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization"},"potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"de"},{"@type":"Organization","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization","name":"Humanistische Union e.V.","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","logo":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"de","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","contentUrl":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","width":1000,"height":536,"caption":"Humanistische Union e.V."},"image":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/"},"sameAs":["https:\/\/x.com\/humunion","https:\/\/mastodon.social\/@humunion","https:\/\/bsky.app\/profile\/humanistischeunion.bsky.social"]}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/categories\/76","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/categories"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/taxonomies\/category"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/categories\/19"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/presse?categories=76"},{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/termin?categories=76"},{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/publikation?categories=76"},{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/thema?categories=76"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}