{"id":14681,"date":"1970-01-01T13:00:00","date_gmt":"1970-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/aufruf-zur-gruendung-einer-humanistischen-union\/"},"modified":"2021-08-22T19:22:32","modified_gmt":"2021-08-22T17:22:32","slug":"aufruf-zur-gruendung-einer-humanistischen-union","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/ueber-uns\/verein\/geschichte\/aufruf-zur-gruendung-einer-humanistischen-union\/","title":{"rendered":"Aufruf zur Gr\u00fcndung einer Humanistischen Union"},"content":{"rendered":"<p>vom 6. Juni 1961<\/p>\n<p>Sechzehn Jahre nach dem Ende der nazistischen und mitten in der Auseinandersetzung mit der bolschewistischen Gewaltherrschaft m\u00fcssen wir die Erfahrung machen, da\u00df auch ein Staat, in dem die Spielregeln der Demokratie G\u00fcltigkeit haben, die Vielgestaltigkeit der Einheitlichkeit, die Toleranz der Parteilichkeit und die Wahrhaftigkeit der Bequemlichkeit opfern kann. Wir sind zu Mitl\u00e4ufern einer Verschw\u00f6rung geworden, die unsere Entm\u00fcndung und Gleichschaltung diesmal im Namen der christlichen Heilslehre verlangt.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht die Rede vom Recht des gl\u00e4ubigen Christen, sich um die Verbreitung seines Glaubens zu bem\u00fchen. Es ist die Rede von dem immer unverh\u00fcllter und anma\u00dfender zu Tage tretenden Versuch, eine Gesellschaft, die nur zu einem Teil aus gl\u00e4ubigen Christen besteht, dem totalen Machtanspruch einer christlichen Sprach-, Denk- und Verhaltensregelung zu unterwerfen. Die im Grundgesetz der deutschen Bundesrepublik verankerten Rechte der freien Pers\u00f6nlichkeitsentfaltung, der Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit, der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung, Information und Forschung sind l\u00e4ngst durch eine christlich-konfessionalistische Regierungspraxis ausgeh\u00f6hlt, wenn nicht au\u00dfer Kraft gesetzt. Wo es nicht gelingt, die Aufsicht der Kirchen durch die Konfessionalisierung staatlicher und kommunaler Einrichtungen sicherzustellen, spielt man konfessionellen Verb\u00e4nden oder konfessionell gebundenen Pers\u00f6nlichkeiten die Macht zu.<\/p>\n<p>Die demokratischen Parteien, die die religi\u00f6s-weltanschauliche und kirchliche Unabh\u00e4ngigkeit unseres Staates zu h\u00fcten berufen sind, haben sich entweder ausdr\u00fccklich in den Dienst des christlichen Totalitarismus gestellt oder sind Gefangene einer \u00f6ffentlichen Meinung, die alles verdr\u00e4ngt und unterdr\u00fcckt, was am &#8222;prinzipiell christlichen&#8220; Charakter der Bundesrepublik Zweifel aufkommen lassen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es ist gut und richtig, da\u00df wir den Wert einer religi\u00f6sen Lebenseinstellung wiederentdeckt haben und bescheidener von den M\u00f6glichkeiten einer nur vernunftgem\u00e4\u00dfen Deutung und Gestaltung der Welt denken. Aber es ist verblendet und sch\u00e4ndlich, wenn uns diese Bescheidung dazu verleitet, nunmehr den Ausverkauf aller Errungenschaften in die Wege zu leiten, die die Neuzeit vom Mittelalter trennen. Die Erl\u00f6sung des Denkens aus der Vormundschaft der Theologie, die Befreiung des Menschen aus den Fesseln obrigkeitsstaatlicher und klerikaler Bindungen, die Verk\u00fcndung der Menschenrechte und Menschenpflichten, der Ausbau von Erziehungs-, Bildungs-, und F\u00fcrsorgeeinrichtungen, die allen B\u00fcrgern offenstehen, die Entfaltung einer freien Wissenschaft, Presse, Literatur und Kunst &#8211; dies alles sind nicht Entartungen, sondern Grundbedingungen des Lebens in einer zivilisierten Gesellschaft. Was unsere Vorstellung von den Absichten faschistischer und bolschewistischer Systeme auch dann noch unterscheidet, wenn diese die Geheime Staatspolizei und die Konzentrationslager abgeschafft haben, ist nicht der Wunsch, uns einem anderen &#8222;ganzheitlichen System&#8220; einzuordnen, sondern ist die \u00dcberzeugung, da\u00df nur die Freiheit, zwischen sehr verschiedenen Weltdeutungen und Existenzweisen w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, ein menschenw\u00fcrdiges Dasein m\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Diese offene Gesellschaft aber ist als Gemeinwesen nur lebensf\u00e4hig, wenn die Pluralit\u00e4t der Prinzipien von der Solidarit\u00e4t der Personen getragen wird. Es mu\u00df diesseits des vielfarbigen Spektrums voneinander abweichender Glaubens\u00fcberzeugungen ein festgegr\u00fcndetes Fundament von allgemeinverbindlichen Werten und Einrichtungen geben, die den sozialen und sittlichen Zusammenhalt der Gesellschaft verb\u00fcrgen. Zu diesen Werten z\u00e4hlen Tugenden wie Rechtlichkeit und Redlichkeit, Duldsamkeit und Fairne\u00df, Offenheit und Sachlichkeit, Verst\u00e4ndigungs- und Hilfsbereitschaft, und zu diesen Einrichtungen geh\u00f6ren Universit\u00e4ten und Grundschulen ebenso wie Kinderheime und Krankenh\u00e4user, Bibliotheken und Sportpl\u00e4tze, Fernsehprogramme und Lehrerbildungsanstalten. In der Bundesrepublik beginnt sich diese Basis humanen Miteinanderlebens, Miteinandersprechens und Miteinanderwirkens aufzul\u00f6sen. Der Ausschlie\u00dflichkeitsanspruch der ecclesia militans strebt ganz offen danach, den katholischen Volksteil aus der s\u00e4kularisierten Gesellschaft herauszubrechen und zu isolieren. Der Konfessionalismus der evangelischen Kirche ist zwar nur ein schwaches Echo des katholischen Integralismus, aber autorit\u00e4re staats- und volkskirchliche Vorstellungen kennzeichnen bis heute die Haltung des deutschen Protestantismus. Die Organe der gesetzgebenden, vollziehenden und richterlichen Gewalt widerstreben nicht etwa der drohenden Pakistanisierung, sondern sind eifrig bem\u00fcht, alle Hindernisse zu beseitigen, die der s\u00e4uberlichen Sonderung von katholischen, evangelischen und &#8222;ungl\u00e4ubigen&#8220; Deutschen etwa noch im Wege stehen sollten. Wer es sich einfallen l\u00e4\u00dft, die im Grundgesetz festgelegte Trennung von Staat und Kirche ernst zu nehmen, und beispielsweise f\u00fcr die bekenntnisfreie Gemeinschaftsschule einzutreten, setzt sich dem Verdacht aus, politisch und moralisch anr\u00fcchige Irrlehren zu verbreiten. W\u00e4hrend die Programme der traditionellen deutschen Weltanschauungs-Parteien nach 1945 eine wohltuende Versachlichung erfahren haben, hielten es katholische und evangelische Politiker f\u00fcr angebracht, nunmehr aus dem Christentum eine parteipolitische Doktrin zu machen. Das pers\u00f6nliche Recht des Christen, von seinem Glauben her zu politischen Fragen Stellung zu nehmen, ist unbestritten. Eine Partei jedoch, die das Bekenntnis zum Christentum f\u00fcr den Katalog ihrer gesellschaftlichen Forderungen aufnimmt, verneint damit jene Verfassungsgrunds\u00e4tze, die die ungeschm\u00e4lerte Bekundung auch einer nicht-christlichen Auffassung garantieren. Die blo\u00dfe Existenz &#8222;christlicher&#8220; Parteien, die als Volks- und Regierungsparteien im Namen aller B\u00fcrger der Bundesrepublik zu sprechen und zu handeln vorgeben, erzeugt jenes fatale Klima der Heuchelei und des Obskurantismus, der opportunistischen Willf\u00e4hrigkeit und Oberfl\u00e4chlichkeit, in dem zu leben wir gezwungen sind. Die Kirchen beklagen zu Recht die N\u00f6te, denen sich der gl\u00e4ubige Christ im marxistisch-leninistischen Weltanschauungen der DDR ausgesetzt sieht; sollte ihnen entgangen sein, da\u00df die Bundesrepublik nur noch wenige demokratische Skrupel zu \u00fcberwinden hat, um sich als perfekten christlichen Weltanschauungsstaat zu pr\u00e4sentieren?<\/p>\n<p>Mit Ermahnungen und Protesten ist dieser Lauf der Dinge nicht mehr aufzuhalten. Bernhard Hannsler, geistlicher Direktor beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, hat festgestellt, da\u00df eine Gruppe, die sich nicht zu organisieren versteht, gesellschaftlich nicht vorhanden ist. Er hat recht, und wir sollten ihm den Gefallen, nicht vorhanden zu sein, nicht l\u00e4nger tun. Nur wenn es gelingt, wenigstens einen gr\u00f6\u00dferen Teil jener Menschen, die nicht bereit sind, sich neuerdings entm\u00fcndigen und gleichschalten zu lassen, organisatorisch zu vereinen, k\u00f6nnte der Entwicklung noch Einhalt geboten werden.<\/p>\n<p>Ich mache daher den Vorschlag, eine &#8222;Humanistische Union&#8220; zu gr\u00fcnden. Diese &#8222;Humanistische Union&#8220; sollte eine Vereinigung sein, die die Solidarit\u00e4t unseres menschlich b\u00fcrgerlichen Lebens ebenso entschieden pflegt und f\u00f6rdert wie die Pluralit\u00e4t unseres individuellen Daseins und Glaubens; sie h\u00e4tte \u00fcber das Bekenntnis zu einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaftsordnung hinaus weder ein bestimmtes politisches noch ein bestimmtes weltanschauliches Programm zu vertreten. Auch wenn sich ihr Kampf vor allem gegen die Bestrebungen gewisser christlicher Gruppen richten wird, sollte sie in allen Christen, die die Ideologisierung und Politisierung ihres Glaubens f\u00fcr eine unheilvolle Sache halten, ihre Verb\u00fcndeten sehen. Es w\u00e4re die Aufgabe der &#8222;Humanistischen Union&#8220;, f\u00fcr die Wahrung oder Wiederherstellung unserer Grundrechte zu sorgen, die gemeinschaftlichen Werte und Einrichtungen unseres Staates zu verteidigen, f\u00fcr eine freie und weltoffene Erziehung, Bildung und Forschung einzutreten und alles zu tun, was geeignet ist, die wahre Struktur und St\u00e4rke der religi\u00f6sen, philosophischen, weltanschaulichen, k\u00fcnstlerischen und existentiellen Str\u00f6mungen in unserer Gesellschaft zum Vorschein und zur Geltung zu bringen.<\/p>\n<p>Einen Verein zu gr\u00fcnden oder ihm beizutreten, ist ein Unternehmen, das Verlegenheit und Unlust bedeutet. Aber es gibt Situationen, in denen der Entschlu\u00df, sich nur auf sich selbst zu verlassen, das Zustandekommen gerade jenes Gleichgewichts der gesellschaftlichen Kr\u00e4fte und Gruppierungen verhindert, das die erstrebte Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung des einzelnen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht. Jeder sollte also sehr gewissenhaft pr\u00fcfen, ob es ihm unter den gegebenen Umst\u00e4nden noch vertretbar erscheint, auf ein gemeinsames in-Erscheinung-Treten und Handeln zu verzichten.<\/p>\n<p>Dieser Vorschlag wird in Form eines offenen Briefes etwa 200 Pers\u00f6nlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens unterbreitet und wendet sich im \u00fcbrigen an alle, die ihn zu Gesicht bekommen.<\/p>\n<p>M\u00fcnchen, den 6. Juni 1961<br \/>gez. Dr. Gerhard Szczesny<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>vom 6. 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