{"id":14694,"date":"2008-04-17T13:30:00","date_gmt":"2008-04-17T11:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/humanismus-als-weltanschauung\/"},"modified":"2021-09-02T12:33:15","modified_gmt":"2021-09-02T10:33:15","slug":"humanismus-als-weltanschauung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/ueber-uns\/verein\/geschichte\/humanismus-als-weltanschauung\/","title":{"rendered":"Humanismus als Weltanschauung?"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 200, Seite 16\/17<\/p>\n<p><i>Vorbemerkung der Redaktion: Am 12. Januar 2008 beging der Humanistische Verband Deutschlands sein 15-j\u00e4hriges Bestehen. Die Vorsitzende der Humanistischen Union, Prof. Dr. Rosemarie Will, hielt dazu eine historisch angelegte Festrede, die sich vor allem der Frage widmete, ob Humanismus \u00fcberhaupt als eine Weltanschauung gefasst werden k\u00f6nne. Die verschiedenen Antworten auf diese Frage bezeichnen den Unterschied zwischen Humanistischer Union und Humanistischem Verband, zwei Organisationen, die in der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4ufig miteinander verwechselt werden. Wir drucken die Festrede hier in Ausz\u00fcgen ab.<\/i><\/p>\n<p>Die Humanistische Union ist nach ihrem Selbstverst\u00e4ndnis und ihrer Satzung nicht Weltanschauungsgemeinschaft, sondern eine unabh\u00e4ngige B\u00fcrgerrechtsorganisation. Dabei steht f\u00fcr uns die Achtung der Menschenw\u00fcrde im Mittelpunkt, von daher tragen wir unseren Namen als Humanistische Union zu Recht. Wir engagieren uns f\u00fcr das Recht der freien Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit und wenden uns gegen jede unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Einschr\u00e4nkung dieses Rechts durch Staat, Wirtschaft und Kirchen. Dazu geh\u00f6rt auch die Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt in weltanschaulicher und\u00a0 religi\u00f6ser Hinsicht.<\/p>\n<p>Anders der Humanistische Verband. Er versteht sich als Weltanschauungsgemeinschaft, als s\u00e4kularer Verband in Abgrenzung zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften mit ihren transzendentalen Bez\u00fcgen. Der Humanistische Verband hat seine historischen Wurzeln in den freireligi\u00f6sen Gemeinden und in den Freidenkerverb\u00e4nden, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen. Diese lehnen religi\u00f6se Begr\u00fcndungen der von ihnen vertretenen sozialen und moralischen Vorstellungen ab. M\u00f6glich machte dies die seit 1847 in Preu\u00dfen bestehende staatliche Erlaubnis zum Kirchenaustritt. Ist aber die sich damit entwickelnde Bewegung, die konsequent von der autonomen Selbstbestimmung des Menschen ausgeht, eine Weltanschauung?<\/p>\n<p>Kant hat in der Kritik der Urteilskraft den Begriff der Weltanschauung in der philosophischen Diskussion eingef\u00fchrt. Danach bezeichnet Weltanschauung die pers\u00f6nliche Zusammenfassung der Unendlichkeit der durch die Sinne erfassten Welt. Heute dient der Begriff der Weltanschauung als Sammelbezeichnung f\u00fcr alle religi\u00f6sen, ideologischen, national-\u00f6konomischen und politischen Leitauffassungen vom Leben und von der Welt als einem Sinnganzen sowie zur Deutung des pers\u00f6nlichen und gemeinschaftlichen Standorts f\u00fcr das individuelle Lebensverst\u00e4ndnis. Dabei sind Weltanschauungen keine wissenschaftlichen Systeme, sondern Deutungsauffassungen in der Form pers\u00f6nlicher \u00dcberzeugungen von der Grundstruktur, Modalit\u00e4t und Funktion des Weltganzen. Sofern Weltanschauungen Vollst\u00e4ndigkeit anstreben, geh\u00f6ren dazu Menschen- und Weltbilder, Wert-, Lebens- und Moralanschauungen. Dem Einzelnen gibt Weltanschauung geistige Geborgenheit vermittels weltanschaulicher Erkl\u00e4rungen, durch Hilfestellungen und Beistand in der Lebensbew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>Die heute vorzufindende Pluralit\u00e4t von Weltanschauungen ist das Ergebnis der historischen Trennung von Staat und Kirche, mithin eine Folge der S\u00e4kularisation. Die S\u00e4kularisierung hat sich &#8211; grob gesprochen &#8211; in drei Schritten vollzogen. Den ersten markiert der Investiturstreit, zwischen Kaiser und Papst: Indem der Papst den Kaiser zum Gang nach Canossa zwang, setzte er die kirchliche Suprematie gegen\u00fcber der weltlichen Gewalt durch. Der Preis dieses Erfolgs war die Konkurrenz und der Konflikt zwischen beiden, der ihrerseits auch die M\u00f6glichkeit eines Sieges der weltlichen Suprematie \u00fcber die kirchliche er\u00f6ffnete.<\/p>\n<p>Diese M\u00f6glichkeit wurde im zweiten S\u00e4kularisationsschritt im Gefolge der religi\u00f6s-konfessionellen B\u00fcrgerkriege des 16. und 17. Jahrhunderts verwirklicht. Im religi\u00f6sen Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken musste die weltliche Gewalt, mussten die K\u00f6nige und F\u00fcrsten den Primat der Politik gegen\u00fcber der Religion zur Geltung bringen. Der Theoretiker dieser Emanzipation, Thomas Hobbes, weist dem Staat dann auch die Entscheidung \u00fcber das religi\u00f6se Bekenntnis zu.<\/p>\n<p>Den dritten S\u00e4kularisationsschritt markiert die Franz\u00f6sische Revolution. Der Staat h\u00f6rt auf, Religion und Kirche zu seiner Sache zu machen: Religion wird Privatsache, zugleich wird die b\u00fcrgerliche Verkehrs- und Erwerbsgesellschaft freigesetzt. Wie das Religi\u00f6se, so \u00fcberl\u00e4sst der Staat auch das \u00d6konomische seiner Eigengesetzlichkeit und zieht sich aus der Wohlfahrtspflege auf die Vorsorge f\u00fcr Sicherheit und Ordnung zur\u00fcck. Der Staat wird Verfassungsstaat, der Menschrechte und Gewaltenteilung garantiert.<\/p>\n<p>Damit f\u00fcgt sich S\u00e4kularisation in einen umfassenden gesellschaftlichen Entwicklungsprozess ein, dessen Ausgangspunkt die mittelalterliche Gesellschaft war und an deren Ende sie aufgel\u00f6st wird. Der Humanismus lieferte die wichtigsten Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der geistig-politischen Ordnung des Mittelalters mit ihrer Einordnung der Menschen in religi\u00f6s-kirchlich gepr\u00e4gten Denk- und Handlungsstrukturen und der Unterordnung der weltlichen unter die geistige Macht. In den Worten Jacob Burckhardts &#8222;erwacht&#8220; in den italienischen Stadtstaaten im Ausgang des Mittelalters &#8222;<i>eine objektive Betrachtung und Behandlung des Staates und der s\u00e4mtlichen Dinge dieser Welt \u00fcberhaupt &#8230;<\/i>&#8220; [1] Die Macht des Subjektiven wird erkannt, der Mensch erkennt sich als geistiges Individuum. Aus dem Individualit\u00e4tsverst\u00e4ndnis des Menschen folgt die Idee der Selbstvervollkommnung aus eigener Kraft als Aufgabe wie auch als Chance. Neben den humanistischen Idealvorstellungen des sich selbst schaffenden, freien Menschen galten ebenso die politischen Institutionen als Werk von Menschen, wie generell das gesellschaftliche Leben als grunds\u00e4tzlich berechen- und planbar angesehen wurde.\u00a0<\/p>\n<p>In der italienischen Kultur der Renaissance war diese Tendenz am weitesten gediehen. Dabei waren &#8211; wie die Ringparabel zeigt &#8211; diese Ideen nicht darauf aus, eine neue Religion zu schaffen, sondern sie zielten auf eine Entkirchlichung und Entdogmatisierung des religi\u00f6sen Lebens \u00fcberhaupt. Die Ringparabel ist Ausdruck eines durch friedliche Koexistenz gepr\u00e4gten Verh\u00e4ltnisses der Religionen zueinander. Eines der wichtigsten Dokumente einer allumfassenden philosophisch religi\u00f6sen Synthese sind die 1485-86 von Giovanni Pico della Mirandola entwickelten 900 Thesen. Darin will er zeigen, dass alle philosophischen und theologischen Thesen im Kern \u00fcbereinstimmen. In der Er\u00f6ffnungsrede zur Diskussion seiner Thesen entwickelt Mirandola sein Verst\u00e4ndnis der menschlichen W\u00fcrde sowie ein universales Vers\u00f6hnungsprogramm. Nach Mirandola ist f\u00fcr das humanistische Verst\u00e4ndnis die W\u00fcrde des Menschen als Mittelpunkt der Sch\u00f6pfung charakteristisch. Er wird damit zum Erfinder des Menschenw\u00fcrde-Gedankens \u00fcberhaupt, mit dem er zugleich die Universalit\u00e4t von Menschenrechten begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Es ist dieser Universalit\u00e4tsgedanke, der die Menschenrechte hervorbringt und dabei Weltanschauungen und Religionen auf diese Universalit\u00e4t verpflichten will. Das scheint mir der Kern humanistischen Denkens zu sein. Deshalb findet sich beim angesehensten Humanisten, Erasmus von Rotterdam, die f\u00fcr den Humanismus charakteristische Begr\u00fcndung von Toleranz. Seine zwar noch christlich gepr\u00e4gte, aber im Kern humanistische Toleranzbegr\u00fcndung formuliert das Ideal einer nicht-dogmatischen Religiosit\u00e4t. Beim Humanisten Macciavelli zeigt sich dann, wie auch der Staat als Menschenwerk verstanden wird. Dabei braucht der Staat als Menschenwerk eine entsprechende Kunst und Tugend, doch wird diese Tugend vollst\u00e4ndig aus der religi\u00f6sen Ethik des christlichen Humanismus gel\u00f6st und in eigenen Begriffen normativ gefasst.<\/p>\n<p>Es fragt sich aber, ob die von Pico della Mirandola, Erasmus und Macciavelli\u00a0 entwickelten Thesen den Kern f\u00fcr eine neue Weltanschauung ergeben? Nat\u00fcrlich ver\u00e4ndert sich das Bild von Menschen in der Gesellschaft mit den Thesen des Humanismus ganz grundlegend. Indem aber diese Thesen mit dem Verfassungsstaat zur gesellschaftlichen Wirklichkeit werden, werden alle Mitglieder der Gesellschaft auch darauf verpflichtet. Der Verfassungsstaat lebt von der Anerkennung der Universalit\u00e4t der Menschenrechte durch die Rechtsunterworfenen. M\u00fcssen deshalb alle Mitglieder der Gesellschaft Humanisten sein und eine humanistische Weltanschauung haben?<\/p>\n<p>Die durch die S\u00e4kularisierung bewirkte Trennung von Staat und Gesellschaft insgesamt und nicht nur von Staat und Religion ist f\u00fcr die moderne Gesellschaft lebensnotwendig. Mit der Durchsetzung des Verfassungsstaats stellt sich die Frage nach dessen Legitimationsgrundlage. Schon bei Kant soll das Recht Sittlichkeit erm\u00f6glichen, nicht selbst sittlich sein. Die ethische Verpflichtung zur Rechtsbefolgung ergibt sich bei Kant aus der Funktion des Rechts, die gleiche Freiheit aller zu sichern, nicht materiell aus bestimmten moralischen Inhalten der Rechtss\u00e4tze. Dementsprechend unterschied Kant scharf zwischen Rechts- und, wie er sagte, Tugendpflichten. Rechtspflichten betreffen ausschlie\u00dflich die \u00e4u\u00dferen Beziehungen zwischen Personen. Die Tugendpflichten dagegen regulieren die Innenseite menschlichen Handelns, werden allein durch die innere &#8222;ethische&#8220; Einsicht in das Vernunftnotwendige erzeugt und durch Selbstzwang sanktioniert, k\u00f6nnen deswegen also unm\u00f6glich Gegenstand positiver Gesetzgebung und des Rechtszwanges sein. Der politische Sinn dieser staatsphilosophisch-normativen Version einer strengen Trennung von Recht und Moral ist klar: Es geht darum, dass der Staat den Menschen nicht vorschreiben darf, nach welchen Zielen und Maximen sie zu leben haben. Das sittlich gute Leben der klassischen ethischen Tradition ist kein m\u00f6glicher Gegenstand rechtsstaatlicher Gesetzgebung. Andererseits h\u00e4ngt die Geltung der Rechtspflichten nach Kant nicht an den h\u00f6chst individuellen Gewissensentscheidungen der Einzelnen.<\/p>\n<p>Was die Sache kompliziert, darauf hat Hasso Hofmann vielfach hingewiesen, ist der Umstand, dass diese scharfe Trennung im Interesse der Freiheit selbst auf moralischen Grunds\u00e4tzen beruht, n\u00e4mlich &#8222;<i>auf denen der Selbstbestimmung, der wechselseitigen Anerkennung und der Toleranz, also auf einer weltanschaulich sozusagen abger\u00fcsteten Moral. In dieser Form aber bildet sie den tragenden Grund. Deshalb kommt der Rechtsstaat in Schwierigkeiten, wenn eine Gruppe dessen rechtliche Freiheiten in Anspruch nimmt, ohne die Moral ihrer Voraussetzungen zu akzeptieren.<\/i>&#8220; [2]<\/p>\n<p>Wenn es aber das Angewiesensein des demokratischen Rechtsstaates auf die von allen getragene Moral der Selbstbestimmung und der wechselseitigen Toleranz gibt, kann dann der Humanismus eine selbst\u00e4ndige Weltanschauung sein? Ich denke ja und nein zugleich. Um Weltanschauung zu sein, muss der Humanismus einen Richtigkeitsanspruch gegen\u00fcber anderen Religionen und Weltanschauungen erheben. Zugleich setzt Selbstbestimmung als Weltanschauung aber die wechselseitige Anerkennung und Toleranz gegen\u00fcber anderen Weltanschauungen und Religionen voraus. Der Tr\u00e4ger einer humanistischen Weltanschauung wird gleichsam auf eine rechtsstaatliche Demokratie verpflichtet. Damit wird aber die humanistische Weltanschauungsgemeinschaft zutiefst politisch und insoweit kaum noch von einer politische Partei oder Bewegung unterscheidbar. Weil dem so ist, gibt es auch politisch eine Menge Gemeinsamkeiten und Ber\u00fchrungspunkte von Humanisten in der Humanistischen Union als B\u00fcrger und Humanisten im Humanistischen Verband als Verfechter einer humanistischen Weltanschauung.<\/p>\n<p><i>Prof. Dr. Rosemarie Will <br \/>lehrt \u00f6ffentliches Recht an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin <br \/>und ist Bundesvorsitzende der Humanistischen Union.<\/i><\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>[1] Jacob Burckhardt (1976): Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Stuttgart, S. 123<\/p>\n<p>[2] Hasso Hofmann (2003): Recht, Politik und Religion. Er\u00f6ffnungsrede zum Juristentag in Berlin. In: Juristen-Zeitung Jg. 58 (Heft 8), S. 377ff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 200, Seite 16\/17 Vorbemerkung der Redaktion: Am 12. Januar 2008 beging der Humanistische Verband Deutschlands sein 15-j\u00e4hriges Bestehen. 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