{"id":10572,"date":"2006-03-01T09:50:00","date_gmt":"2006-03-01T08:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-tourist-verlangt-der-pilger-dankt\/"},"modified":"2006-03-01T12:00:00","modified_gmt":"2006-03-01T11:00:00","slug":"der-tourist-verlangt-der-pilger-dankt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/der-tourist-verlangt-der-pilger-dankt\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Tourist verlangt, der Pilger dankt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Jakobsweg: Tagebuch einer Pilgerwanderung,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 97-105<\/p>\n<p><i>Freitag, 1. April 2005<\/i><\/p>\n<p>Ich bin in Oloron St. Marie, einem kleinen franz\u00f6sischen St\u00e4dtchen am Rande der Pyren\u00e4en. Zum franz\u00f6sisch-spanischen Grenzpass Puerto de Somport ist es nicht mehr weit. Dort beginnt morgen meine Reise nach Santiago de Compostela. \u00dcber 700 km Fu\u00dfmarsch liegen vor mir. Ich bin aufgeregt. [&#8230;]<br \/>Alle wollen wissen, warum ich allein nach Santiago pilgere. Ehrlich gesagt, nervt die Frage. Ich wei\u00df nicht warum. Ich laufe einfach. Habe mir aber 3 wohlklingende Antworten \u00fcberlegt, wie z.B. dass ich mein materielles und geistiges Leben ins Gleichgewicht bringen will, meine Religion neu entdecken m\u00f6chte, dass ich wissen will, wo meine Grenzen liegen bzw. dass ich herausfinden m\u00f6chte, mit wie wenig ich im Leben auskomme. Aber wie gesagt, ich wei\u00df es nicht. [&#8230;]<br \/>Auskommen muss ich mit dem was ich auf dem R\u00fccken und am K\u00f6rper trage:<\/p>\n<p>3 Unterhosen<br \/>2 Unterhemden<br \/>3 Paar Socken<br \/>2 Hemden<br \/>2 Hosen (Beine abtrennbar)<br \/>1 leichten Fleecepulli<br \/>1 w\u00e4rmere Fleecejacke<br \/>1 leichte Wanderjacke (alles Funktionskleidung!)<br \/>1 Schlafsack<br \/>1 kl. Isomatte<br \/>2 Wanderst\u00f6cke<br \/>1 Paar Handschuhe<br \/>1 M\u00fctze<br \/>1 Halstuch<br \/>1 leichte Dioden-Kopflampe<br \/>10 Ohropax<br \/>1 Zahnb\u00fcrste<br \/>1 halbleere Tube Zahnpasta<br \/>1 kl. halbleere Dose Nivea<br \/>1 kl. Fl. Shampoo-Konzentrat von Rosanna<br \/>1 kl. Fl. Duschgel<br \/>1 Rasierschaum und Rasierer<br \/>1 Waschlappen<br \/>20 Blasenpflaster<br \/>5 Pflaster<br \/>Desinfizierungszeug<br \/>1 Taschenmesser <br \/>1 D\u00f6schen Haarwachs (einziger Luxus f\u00fcr den eitlen Philipp!)<br \/>2 Jakobswegf\u00fchrer<br \/>2 B\u00fccher<br \/>rosa (!) Flip-Flops<br \/>1 Paar Wanderschuhe<br \/>2 Packungen Tempos<br \/>1 Kreditkarte, 1 EC-Karte<br \/>1Hande<br \/>3 Meter d\u00fcnnes Seil zum Aufh\u00e4ngen der W\u00e4sche<br \/>1 Rei in der Tube (halb voll)<br \/>3 Sicherheitsnadeln<br \/>1 N\u00e4hzeug aus Hotel<br \/>1 Stift<br \/>dieses Moleskine-Buch<br \/>3 M\u00fclls\u00e4cke zum Extra-Schutz dieser Sachen vor Regen<br \/>Tinas Rucksack<br \/>1 Rucksack-Regenschutz<br \/>Rucksackgewicht 9,5 kg, ohne Wasser und Verpflegung.<\/p>\n<p><i>Samstag, 2. April, Puerto de Somport &#150; Jaca, 32 km<\/i><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Heute w\u00e4re meine Mutter Renate 65 geworden und irgendwie wandere ich auch f\u00fcr sie! Jedenfalls bin ich den ganzen Tag in Gedanken bei ihr. <br \/>Mein Weg beginnt am Somport-Pass. Es ist 10.00 h. Es ist kalt, st\u00fcrmisch. \u00dcberall liegt Schnee. Der Weg f\u00fchrt zun\u00e4chst \u00fcber vereinzelte Schneefelder. Dank gro\u00dfem Enthusiasmus gleite, springe ich fast dar\u00fcber hinweg. Ich gehe schnell, der Abstieg ist gut zu bew\u00e4ltigen. Nach zun\u00e4chst kleinen Bergschluchten und Wasserf\u00e4llen gehe ich nun durch Almen und Wiesen. Wundersch\u00f6n. [&#8230;]<br \/>Nach ca. 23 km tut mir wirklich alles weh. Es ist anstrengend. Mein Gott. Um halb sechs bin ich endlich in Jaca. <br \/>Um 20.00 h Messe f\u00fcr Pilger. Vorher hole ich noch meinen Pilgerpass im Kirchenb\u00fcro ab. Ich f\u00fchle mich besonders. Gl\u00fccklich. Ich bin den Tr\u00e4nen nahe. Die gro\u00dfe Kirche ist voll. Zum Abschluss der Messe werden die Pilger durch Priester und Gemeinde gesegnet. Alle Pilger werden nach vorne zum Altar gerufen. Alle bin ich. Und da stehe ich nun. Als Pilger. [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Montag, 4. April, Arr\u00e9s &#150; Undu\u00e9s de Lerda, 40 km<\/i><\/p>\n<p>8.10 h Abmarsch in Arr\u00e9s. Wundersch\u00f6ner Abstieg (ca. 100 &#150; 200 H\u00f6henmeter) mit tollen Blicken zur\u00fcck auf Arr\u00e9s. Ich wandere alleine. Die Strecke verl\u00e4uft auf einem H\u00f6henweg mit etlichen kleineren Auf- und Abstiegen. Ich blicke ins gr\u00fcne Tal des Rio Aragon. Rechts und links die Ausl\u00e4ufer der Pyren\u00e4en. [&#8230;]<br \/>Bald sehe ich von Ferne mein heutiges Ziel: Undu\u00e9s de Lerda: Ein kleines sonniges Dorf. Ankunft dort um ca. 18.00 h. Der\/die &#132;Hogar social&#147;, das ist der vom Dorf selbst betriebene Laden, in dem es die Schl\u00fcssel zur Herberge gibt, macht gerade zu, als ich ankomme. Gl\u00fcck gehabt. Es gibt ein Bett f\u00fcr mich, aber kein Abendessen. Aber ich bekomme ein paar Fr\u00fcchte, habe auch noch 1\/2 Boccadillo vom Mittag. Ich kaufe noch 1 Coke, 1 Aquarius und 1 Bier. [&#8230;]<br \/>Ich bin der einzige Pilger hier, habe ein tolles Zimmer mit Sonnenuntergangs-Aussicht. Telefoniere 2x mit Tina. Wasche meine W\u00e4sche. Morgen geht es bis Izco. <br \/>Ein wenig Hunger habe ich doch noch. [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Mittwoch, 6. April, Izco &#150; Puente la Reina, 38 km<\/i><\/p>\n<p>Ich plane ein ausgedehntes Fr\u00fchst\u00fcck in Monreal, der n\u00e4chsten kl. Stadt. Abmarsch aus Izco um 7.15 h. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es wird langsam hell. Etwas frisch. Herrlich zu laufen. Ich komme gut voran. [&#8230;] <br \/>Ca. 9.15 h Ankunft in Monreal. Alles zu, kein Laden hat auf, die Herberge ist geschlossen. Ich bin sauer auf den Ort, ich habe Hunger, mir knurrt der Magen. Ich esse wieder Schokolade und Kekse, die ich noch habe, aber nicht mehr sehen kann. Einen Brunnen finde ich auch erst nach einiger Zeit hinter der Herberge. Ca. 9.30 h weiter Richtung Puente de Reina. Ich finde den Weg nicht raus aus der Stadt und \u00e4rgere mich doppelt. Ich frage auch niemanden, weil sich hier ja eh alle gegen mich verschworen haben. <br \/>Kurz vor 13.00 h umrunde ich einen Steinbruch und erreiche kurz darauf Tienda. Ich bin hungrig, denn bis auf die T\u00fcten-Bolognese in Izco habe ich seit 2 1\/2 Tagen nicht warm gegessen. Ein Erlebnis der anderen Art: Im Restaurant muss ich meinen Rucksack im Nebenzimmer abstellen, damit ihn niemand sieht. Die Kellnerin muss ihren Chef fragen, ob ich mich auch allein irgendwo hinsetzen darf. Das ganze Ding ist leer!!! Aber egal, denn das was kommt, ist ein Fest: Vorspeise: Ein Riesenteller Spagetti, Hauptspeise: Mind. 20 Chicken Wings, dazu 1 l Wasser, Apfel. 10 Euro Men\u00fc, dazu ein Cafe solo. Nach und nach (im 30-Sekunden-Takt) f\u00fcllt sich das Restaurant. Die Arbeiter der Steinbr\u00fcche r\u00fccken an. Das Haus ist voll, nur ich sitze noch alleine an einem 4er-Tisch. [&#8230;] <br \/>Gegen 17.00 h bei der wundersch\u00f6nen Kirche Eunate treffe ich auf die ersten deutschen Pilger-Trupps (= kombinierte Fu\u00df- und PKW-Wanderungen aus dem Katalog. Erkennungszeichen: Gro\u00dfe Jakobsmuschel demonstrativ um den Hals getragen. Selbstbild: &#132;Frag&#146; mich was zum Jakobsweg, ich wei\u00df alles!&#147; Dumm: K\u00f6nnen gutes nicht von schlechtem Brunnenwasser unterscheiden). B\u00f6se, b\u00f6se, aber so ist es. [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Freitag, 8. April, Villamayor &#150; Logro\u00f1o, 40 km<\/i><\/p>\n<p>Abmarsch um 7.45 h, 10.00 h in Los Arcos. Kaufe meine Jakobsmuschel. Das Radio &#150; im ganzen Ort zu h\u00f6ren &#150; berichtet von der Suche nach einem neuen Papst. Meine F\u00fc\u00dfe und Beine schmerzen zu sehr, um weiter zu schreiben. Morgen vielleicht. <br \/>Nachtrag zum 8. April (notiert am 10. April)<br \/>Ich f\u00fchle mich schlecht, wie bisher noch nie auf meiner Tour. Nicht k\u00f6rperlich, obwohl die langen Touren der letzten Tage ihre Spuren hinterlassen haben, sondern emotional. Obwohl ich in Logro\u00f1o in einer Herberge mit rund 50 anderen Pilgern \u00fcbernachte und ich mit 10 anderen noch Essen gehe, f\u00fchle ich mich unter all den Menschen einsam. Das Gef\u00fchl hatte ich lange nicht mehr. [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Montag, 11. April, San Vicente de la Barquera &#150; Quintanilla de Lamason, 26 km <\/i><\/p>\n<p>Die k\u00f6rperlichen Anstrengungen der ersten Tage lassen nach. Ich habe das allt\u00e4gliche Leben (Hygiene, Waschen, Essen) im Griff. Mein Kopf ist frei, klar. Meine Wahrnehmung liegt bei 150%. Ich h\u00f6re jeden Vogel. Ich habe das Gef\u00fchl, alles zu h\u00f6ren, zu sehen. Ich bin unendlich wach. Ich verstehe: Jeder geht (im Leben) seinen Weg. Doch gibt es einen &#132;richtigen&#147; Weg? Wer beurteilt das? [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Donnerstag, 14. April, Cangas de On\u00eds &#150; Villaviciosa, 44 km<\/i><\/p>\n<p>What a day! Abenteuer pur. Alle Emotionen. Freude, Frust, Anspannung, Schmerz, Gl\u00fcck. Heute war durchhalten, stark sein, diszipliniert sein angesagt. Abmarsch in Cangas de On\u00eds um 7.45 h. 7.46 h f\u00e4ngt es an zu regnen. Es geht auf kleinen Wegen und Landstra\u00dfen hinaus in die Berge. Liebliche und trotz Regen wundersch\u00f6ne Landschaft. Tolle erste 10 km durch bergiges Gel\u00e4nde. Trotzdem: Es ist nass. Nur hin- und wieder rei\u00dft der Himmel auf. Nach einigem auf und ab steht der erste Anstieg nach Sorribes an. Nur, ich wei\u00df nicht, wie lange er dauern wird. Doch die Sonne kommt raus und \u00fcber gut zwei Stunden geht es langsam aber sicher bergan. Ich strotze gerade auf den ersten 10 km nur so vor Kraft und Selbstbewusstsein. Ich singe. Vor mir liegen noch \u00fcber 30 km. Aber ich f\u00fchle mich stark! Recht steiler Abstieg von Sorribes. Im F\u00fchrer steht: Bei Regen kann es matschig werden. Es ist matschig! Und wie. Auf ca. 1 km geht es steil bergab in einer einzigen Schlammgrube. Der Weg hat sich im Regen aufgel\u00f6st, ich versinke in bis zu 30 cm tiefem Matsch. <br \/>Vor dem Mittagessen beginnt der zweite Anstieg nach Anayo. Es gie\u00dft mittlerweile in Str\u00f6men. Der Anstieg ist steil und geht \u00fcber kleine Betonwege hin- und wieder unertr\u00e4glich steil bergauf. Ich st\u00f6hne, schwitze, fluche. Auf einem unbewohnten, aber bewirtschafteten Hof frage ich nach dem Weg. Ein alter Mann schickt mich offensichtlich in die falsche Richtung. Was soll&#146;s, ich finde den Weg dennoch. Es wird immer steiler, windiger, regnerischer, die Wolken dunkler. Jetzt geht es auf Landstra\u00dfen bergauf zum Kamm. Und was sehe ich: Eine Bar mit 3-4 Autos davor und es gibt Essen deluxe: Pasta mit Chorizo, gebratenen Fisch, Flan im Joghurt-Becher, Milchkaffee und zwei Coke. <br \/>Das sollte der &#132;anstrengende&#147; Teil der heutigen Tour sein. Doch was jetzt kommt, schl\u00e4gt alles. Durch steile, rutschige Wege geht es bergab. Ich schlage mich f\u00f6rmlich durch 3 m hohes Dornengestr\u00fcpp, das den Weg zugewuchert hat, ziehe mir trotz Regen meine Jacke aus, um sie vor den Dornen zu sch\u00fctzen, muss aber doch aufgeben, zur\u00fcck gehen und abseits des Weges \u00fcber Wiesen ausweichen. Es geht weiter auf einem Steinweg. Es ist rutschig auf den gro\u00dfen Platten. Ich stolpere, doch meine St\u00f6cke st\u00fctzen mich. Doch dann st\u00fcrze ich. Kopf\u00fcber nach vorne, mit dem Rucksack habe ich keine Chance, mich zu fangen. Recht gro\u00dfe Platzwunde am rechten Handballen. Ich verbinde und desinfiziere die Wunde notd\u00fcrftig in der n\u00e4chsten Kapelle. <br \/>Mittlerweile bin ich von innen und au\u00dfen komplett durchn\u00e4sst. Selbst meine &#132;wasserdichten&#147; Schuhe stehen voll Wasser. Es ist schrecklich kalt. Das letzte St\u00fcck geht an einem Fluss entlang. Der Weg daneben ist leider auch zum Fluss geworden. Das gibt mir den Rest. Weil die n\u00e4chste Pilgerherberge erst in 5 km kommt, weiche ich ins nahe Villaviciosa aus. Gute Entscheidung: Es f\u00e4ngt bald sintflutartig an zu sch\u00fctten. Ich &#132;rette&#147; mich f\u00f6rmlich ins Hotel** Neptuno. Neptuno! Das Zimmer ist klein und nicht wirklich freundlich, aber ich bin fix und fertig, wasche meine W\u00e4sche und schlafe ein. <br \/>Was geht mir durch den Kopf? Nichts, au\u00dfer trockener W\u00e4sche und Essen.<\/p>\n<p><i>Mittwoch, 20. April, Ponferrada &#150; Villafranca, 24 km<\/i><\/p>\n<p>8.30 h, sp\u00e4t losgegangen, zusammen mit Andr\u00e9, Kerstin, Cassia und Nicole. Wir laufen langsam. Es ist Andr\u00e9s erster Tag. Er kommt aus Brasilien und verehrt nat\u00fcrlich Paolo Coelho, der ebenfalls nach Santiago gepilgert ist. Er m\u00f6chte andauernd meditieren und bleibt deswegen immer wieder stehen. Aber das gibt sich schon noch. Und auch wir werden uns an ihn gew\u00f6hnen. [&#8230;]<br \/>In Villafranca gibt es zwei Herbergen. Wir entscheiden uns gegen die staatliche und f\u00fcr die &#132;alternative, gem\u00fctliche&#147; Privat-Herberge. Doch die Stimmung dort ist komisch, angespannt. Die R\u00e4ume dreckig, die Toiletten ekelig. Doch wir bleiben. Pl\u00f6tzlich werden wir angeschrieen, weil wir unsere Schuhe im Schlafraum anhaben. Was sollen wir auch anderes tun, wir haben nur ein Paar und es ist kalt und klamm hier unterm Dach. Aber wir werden die Schuhe ausziehen, sagen das auch.<br \/>Dann will ich einkaufen. Aber als ich &#150; mit Schuhen &#150; die Herberge verlassen will, beschimpfen mich 4 Menschen gleichzeitig. Ich w\u00e4re kein Pilger, ich w\u00fcrde den Hausherren nicht respektieren, w\u00fcrde meine Schuhe nicht ausziehen und solle doch lieber in ein ClubMed gehen. Was soll das denn? Ich gehe lieber in die staatliche Herberge. Die Kanadierinnen und Andr\u00e9 kommen mit. Kerstin aus M\u00fcnchen bleibt kommentarlos zur\u00fcck. Unter gro\u00dfen Beschimpfungen und Drohungen mit einem Stock holen wir unsere Sachen und fl\u00fcchten regelrecht. <br \/>Beim Herausgehen erhasche ich ein Blick auf ein (deutschsprachiges) Schild: &#132;Der Tourist verlangt, der Pilger dankt&#147;. [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Freitag, 22. April, O Cebreiro &#150; Triacastela, 21 km<\/i><\/p>\n<p>&#132;Dann bist Du vielleicht auf dem falschen Camino!&#147; Mann, was f\u00fcr eine Ansage so fr\u00fch am Morgen. Danke, Kerstin, aber wer bist Du, so ein Urteil zu f\u00e4llen? Und sie will Richterin werden! <br \/>Bleibt nat\u00fcrlich die Frage, was Pilgerschaft bedeutet. Paul, den ich schon so oft auf diesem Weg um Rat gefragt habe, sagt klar: Jeder entscheidet das f\u00fcr sich selbst. Und das stimmt. F\u00fcr seinen Weg ist jeder selbst verantwortlich. Jeder hat individuelle Anspr\u00fcche\/Kriterien f\u00fcr sich formuliert, gegen die jeder selbst sein Handeln pr\u00fcfen kann und muss. Jeder ist sein eigener &#132;Schiedsrichter&#147;. [&#8230;] <br \/>In Triacastela finde ich in der Kirche folgenden Text, den ich abschreibe:<\/p>\n<p>Der Camino nach Santiago &#150; seine menschliche und spirituelle Dimension<br \/>[&#8230;] <br \/>Die Leute, die sich \u00fcber das Wesen des Caminos den Kopf zerbrechen, k\u00f6nnen kein richtiges Urteil \u00fcber den Weg nach Santiago finden. Dieser Weg ist nicht dazu da, um sich den Kopf zu zerbrechen, er muss erlebt werden. <br \/>Bedeutet er Kultur? Gewiss dr\u00fcckt sich deutlich der Glaube in den Kunstwerken aus, die es auf diesem Weg gibt. Sie finden auf dem Weg ihre Vollendung, der Weg ist Ausdruck des Glaubens.<br \/>Was Wanderlust und das Verlangen nach Sehensw\u00fcrdigkeiten betrifft so kann man nicht leugnen, dass so mancher Wanderer am Anfang sich nicht real bewusst ist, was er da tut: Aber am Ende kommt er zur Erkenntnis seiner selbst und zur Erkenntnis Jesu. Wanderlust ist nicht an sich mit dem Weg nach Santiago verbunden. Das Wandern darf nicht von vorne hinein als ein Suchen nach Sehensw\u00fcrdigkeiten betrachtet werden. <br \/>Freizeitbesch\u00e4ftigung oder Urlaub? Das kann sich ergeben, aber das ist nicht der Sinn dieses Wanderns. F\u00fcr uns Menschen gibt es keinen Urlaub vom geistlichen Leben. Hier m\u00fcssen wir stets unterwegs auf der Suche sein.<br \/>Der Weg nach Santiago bedeutet: Gemeinschaft aller V\u00f6lker, die v\u00f6lkische \u00dcberheblichkeit ausschlie\u00dft. Wir f\u00fchlen uns hier alle als eine gro\u00dfe Gemeinschaft und jeder einzelne f\u00fchlt sich als Glied dieser wandernden Gemeinschaft, Geschwisterlichkeit, Zusammenleben&#8230;<br \/>Der Camino ist:<br \/>1) Ein Finden zu sich selbst<br \/>2) Ein Sich-\u00d6ffnen zu den Mitmenschen<br \/>3) Ein Zugang zu unserem eigenen Inneren, damit wir unsere F\u00e4higkeit zur Hingabe an die Mitmenschen entdecken<br \/>4) Ein Suchen und ein Finden: Ein Suchen nach dem eigenen Ich, denn wir sind uns oft selbst ganz Unbekannte. Ein Finden, denn wir finden Jesus von Nazareth<br \/>5) Ein Aufstellen einer Werte-Skala, da die wirklichen Werte des Daseins sich im Zug des Lebens im letzten Wagen befinden<br \/>6) Ein Schmieden von Pl\u00e4nen, die wirklichkeitsnah und durchf\u00fchrbar sind, damit wir uns durch das Leben nicht \u00fcberlastet f\u00fchlen <br \/>7) Ein Gl\u00e4ubigsein aus Liebe, nicht aus Furcht und Angst<br \/>8) Ein Zeuge-Sein f\u00fcr den Jesu der Geschichte und den Jesus des Glaubens<br \/>9) Eine Zeit, unsere Fehler und Irrt\u00fcmer einzusehen und auszumerzen<br \/>10) Ein Angebot, um sich als Verb\u00fcndeter der Frohen Botschaft zu f\u00fchlen in einer Welt, die von Bewusstsein der eigenen S\u00fcndhaftigkeit zu einem zu laxen Gewissen herabgesunken ist, das alles f\u00fcr erlaubt h\u00e4lt<br \/>Habt keine Angst vor dem Leben, Vorw\u00e4rts! Christus erwartet Euch mit offenen Armen. Er will uns alle haben, um diese Welt zu ver\u00e4ndern, wobei wir freilich bei uns selbst anfangen m\u00fcssen. Es ist nie zu sp\u00e4t.<br \/>(Parroquia de Santiago o Perregrino de Triacastela, Galizia)<\/p>\n<p><i>Sonntag, 24. April, Sarria &#150; Palas do Rei, 45 km<\/i><\/p>\n<p>Befreiungsschlag. Nach dem wir heute alle 8.00 h\/8.30 h aufgebrochen sind aus Sarria, muss ich mich heute &#150; das stand schon gestern fest &#150; von der Gruppe l\u00f6sen, meinen eigenen Weg gehen. Zu sehr orientieren sich alle immer an den anderen. So gut es mir getan hat, eine Woche wirklich unter Menschen zu sein, mich auszutauschen, so sehr f\u00fchle ich mich jetzt eingeengt, abh\u00e4ngig, unfrei. Ich muss jetzt meinen Weg gehen. So schnell, so weit, wie ich will. Das tun, was ich mir vorgenommen habe. [&#8230;]<\/p>\n<p>\u00a0<br \/><i>Montag, 25. April, Palas de Rei &#150; Ribadiso, 25 km<\/i><\/p>\n<p>Heute ist ein besonderer Tag. F\u00fcr mich.<br \/>Morgens ist noch alles klamm und feucht. Schuhe noch pitschnass. Nicht ekelhaft, nicht doof, sondern schmerzhaft kalt. Schei\u00dfe. Das ist wirklich ein Alptraum. Gott sei dank geht es nur bis Ribadiso und es soll besseres Wetter werden. Ilona und Michael warten auf mich, obwohl ich wei\u00df, dass sie eigentlich sehr fr\u00fch los wollten. Da ich beide gestern zum Bier eingeladen hatte, laden sie mich zum Fr\u00fchst\u00fcck ein. Dar\u00fcber freue ich mich. Trotz K\u00e4lte f\u00fchle ich mich deswegen sehr wohl. [&#8230;]<br \/>Nach Melide rei\u00dft der Himmel auf. Mir wird klar, warum ich diesen Weg gehe: Nachdem ich gestern noch mit Paul \u00fcber meine \u00c4ngste, manche Unentschlossenheit und Unsicherheiten gesprochen habe, ist mir heute bewusst geworden, dass ich keine Angst haben muss. Ich hatte oft Angst. Angst nicht gut genug zu sein. Schlecht dazustehen. Angst hintergangen zu werden. Zu oft war Angst der entscheidende Antrieb das eine oder andere zu tun. Aber ich habe meine Angst verloren. Zwar wei\u00df ich noch immer, dass ich auch scheitern kann, aber ich bin voller Vertrauen und Zuversicht. <br \/>Denn meine Schutzengel, Gott und Jesus Christus stehen mir bei. Ich h\u00f6re sie f\u00f6rmlich w\u00e4hrend ich laufe: F\u00fcrchte Dich nicht, denn ich bin bei Dir! F\u00fcrchte Dich nicht! Mein Gott, ich habe keine Angst, ich f\u00fcrchte mich nicht! Vor nichts! <br \/>Ich habe mit Gott gesprochen. Ich bin zu Gott gelaufen. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so erf\u00fcllt gef\u00fchlt. H\u00e4tte ich noch nie geglaubt, heute glaube ich. F\u00fcrchte Dich nicht sagt er, denn ich bin bei Dir! Ich bin dankbar. Voller Gl\u00fcck. Fast fassungslos. Voller Liebe. <br \/>Ein paar Stunden (?) sp\u00e4ter stoppe ich an einem Jakobsweg-Pfeiler am Rande eines Gartens, um zu trinken. Da h\u00f6re ich einen Mann aus dem Garten nach mir rufen, als ich gerade dabei bin, weiter zu gehen. Er rennt 50, 100 m zu mir und deutet, ich solle doch bitte stehen bleiben. Am Zaun angekommen, nimmt er ein Messer und schneidet mir ein St\u00fcck Kuchenrolle (mit viel Sahne-Creme) von einem Teller ab, gibt es mir, freut sich und verschwindet wieder. [&#8230;]<\/p>\n<p><i>Dienstag, 26. April, Ribadiso &#150; Santiago de Compostela, 45 km <\/i><\/p>\n<p>Santiago! Die letzte Etappe. 45km. Zum letzten Mal den Rucksack packen. Nach dem &#132;System&#147;, das mir so in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist: Schlafsack, Waschzeug, Klamotten, Lebensmittel, Flip-Flops &#8230; Es ist, wie wenn man einen Lebensabschnitt bald beendet. <br \/>Nach ein paar Keksen zum Fr\u00fchst\u00fcck geht es los. Die sch\u00f6ne Herberge verschwindet schnell hinter dem n\u00e4chsten H\u00fcgel, beim Blick zur\u00fcck ist sie nicht mehr zu sehen. Bleibt der Blick nach vorne. Santiago! Doch noch trennen mich gute 45 km vom Apostelgrab! [&#8230;]<br \/>Den ganzen Vormittag singend erreiche ich mittags fast ohne Pause Pedrouzo\/Arca. Gott geht es mir gut. [&#8230;] <br \/>Nachmittags bin ich traurig und gl\u00fccklich zugleich. Ich heule ganz sch\u00f6n viel. Insbesondere denke ich an meine Mutter.<\/p>\n<p>Sie w\u00e4re stolz auf mich. Sie fehlt mir sehr. Ich vermisse sie sehr. Ich bete, danke Gott, das er mich bis hierhin gef\u00fchrt hat und bitte f\u00fcr meine Liebsten, Tina, Papa, Hilde und alle meine Freunde, Verwandten und andere mir wichtige Menschen &#150; auch meine lieben Mit-Pilger, die ich ins Herz geschlossen habe.<br \/>Die Ortschaften ziehen vorbei, ich esse noch einmal Schokolade und Kekse zu Mittag [&#8230;] und bald schon stehe ich am Ortsschild von Santiago. Santiago.<br \/>1 Std. braucht man noch bis zur Kathedrale, zum Apostelgrab. Die vielen Touristen dort nerven, aber ich versuche, bei mir zu bleiben. Gehe in beide der &#132;ruhigeren Kapellen&#147; der Kathedrale und komme langsam an. Ich muss heulen, kein Taschentuch, egal. Ich flenne einfach so vor mich hin. Das tut gut, es befreit. Ich bete noch einmal. Zum Apostelgrab gehe ich morgen. <br \/>Ich gehe zum Pilgerb\u00fcro, Urkunde abholen. Schnell eine sch\u00f6ne Pension gefunden. Wie immer wasche ich noch schnell alles, bzw. weiche alles ein.<br \/>Telefonisch ist zuhause nat\u00fcrlich niemand zu erreichen. Papa nicht, Tina nicht, Omi Hilde nicht. &#132;Zum Piepen&#147;, h\u00e4tte meine Mutter gesagt.<br \/>Mit anderen Pilgern, die ich in Santiago bzw. schon auf dem Weg getroffen habe, ziehe ich abends los. Um 3 Uhr wanke ich zur\u00fcck in meine Pension. Und da ist noch die eingeweichte W\u00e4sche! Oh je, aber was soll ich machen. Schnell alles gewaschen und ab ins Bett!<br \/>\u00a0<br \/>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1782],"publikationen":[1082],"class_list":["post-10572","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-philipp-schwoerbel","publikationen-173-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Der Tourist verlangt, der Pilger dankt&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/der-tourist-verlangt-der-pilger-dankt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Der Tourist verlangt, der Pilger dankt&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Jakobsweg: Tagebuch einer Pilgerwanderung, aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 97-105 Freitag, 1. 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