{"id":10574,"date":"2016-04-18T13:30:00","date_gmt":"2016-04-18T11:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-heute-kaum-mehr-nachvollziehbare-verbloedung-und-brutalisierung-der-deutschen\/"},"modified":"2016-04-18T12:00:00","modified_gmt":"2016-04-18T10:00:00","slug":"die-heute-kaum-mehr-nachvollziehbare-verbloedung-und-brutalisierung-der-deutschen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/213\/publikation\/die-heute-kaum-mehr-nachvollziehbare-verbloedung-und-brutalisierung-der-deutschen\/","title":{"rendered":"&#8222;Die heute kaum mehr nachvollziehbare Verbl\u00f6dung und Brutalisierung der Deutschen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 213 (Heft 1\/2016), S. 133-135.<\/p>\n<p><i>Hermann Glaser: Adolf Hitlers Hetzschrift &#130;Mein Kampf&#146;. Ein Beitrag zur Mentalit\u00e4tsgeschichte des Nationalsozialismus, 343 S., M\u00fcnchen 2014.<\/i><\/p>\n<p>Seit 1. Januar 2016 sind die Urheberrechte an Hitlers &#132;Mein Kampf&#147; erloschen. Bereits im Vorfeld dieses Datums gab es erhebliche Meinungsverschiedenheiten in der Frage, wie mit der grunds\u00e4tzlichen Druckfreigabe dieses verh\u00e4ngnisvollen Buches umzugehen ist. Sollte in einer von Pegida und &#132;Alternative f\u00fcr Deutschland&#147; angeheizten Situation mit allen Merkmalen von Fremdenfeindlichkeit und rechtem Populismus &#132;Mein Kampf&#147; nun frei zug\u00e4nglich sein? Ein Ergebnis dieses Diskurses ist die vom Institut f\u00fcr Zeitgeschichte in M\u00fcnchen k\u00fcrzlich herausgegebene, in zwei gro\u00dfformatigen B\u00e4nden erschienene Ausgabe unter dem Titel &#132;Mein Kampf. Eine kritische Edition&#147;. Das Mammutwerk mit einem Umfang von 1.969 Seiten und 3.700 inhaltlichen Anmerkungen wurden von vielen als aufkl\u00e4rerischer Beitrag zum Umgang mit Hitlers h\u00e4sslichem Machwerk gewertet, aber auch total verrissen, so z.B. von Jeremy Adler.1 Daneben gab es auch den Wunsch G\u00f6tz Alys, &#132;auf der Grundlage der jetzt gedruckten Edition bald eine gute und lesbare Kurzfassung&#147;2 zu erarbeiten.<\/p>\n<p>Eine gute und lesbare Kurzfassung von &#132;Mein Kampf&#147; liegt bereits seit 2014 vor. Es ist das Buch von Hermann Glaser, Schul- und Kulturdezernent der Stadt N\u00fcrnberg von 1964 bis1990 und Honorarprofessor an der TU Berlin: &#132;Adolf Hitlers Hetzschrift &#130;Mein Kampf&#146;. Ein Beitrag zur Mentalit\u00e4tsgeschichte des Nationalsozialismus&#147;. In elf Kapiteln, die jeweils kursiv gesetzte, mehrere Seiten lange Ausschnitte aus &#132;Mein Kampf&#147; abdrucken, wird beschrieben, wie die Mutation des Bildungsb\u00fcrgers zum servilen Untertan und schlie\u00dflich zum brutalen und gewissenlosen Volksgenossen ablief und im &#132;Zivilisationsbruch&#147; (S.\u00a07) endete. \u00dcber allem steht die Frage, wie es zu dem kommen konnte, was Franz Grillparzer 1849 mit d\u00fcsterem Zukunftsblick als deutschen geschichtlichen Weg voraussah: Er werde von der &#132;Humanit\u00e4t durch Nationalit\u00e4t zur Bestialit\u00e4t&#147; f\u00fchren.<\/p>\n<p>Es erscheint zun\u00e4chst simplifizierend und befremdlich, dass Hitler die &#132;Inkarnation bourgoiser Durchschnittlichkeit&#147; und nicht ein raffinierter Verf\u00fchrer gewesen sein soll, sondern &#150; und daf\u00fcr stehe vor allem seine Schrift &#132;Mein Kampf&#147; &#150; als der &#132;deutsche abgr\u00fcndige Spiesser&#147; zu gelten habe &#150; als der in seiner Abgr\u00fcndigkeit nicht erkannte oder verharmloste Kleinb\u00fcrger (S.\u00a08). Ansto\u00df zur Arbeit an diesen Aspekten des Nationalsozialismus waren u.a. Gespr\u00e4che, die Hermann Glaser in den 1950er und 1960er Jahren mit ehemaligen Emigranten und Wissenschaftlern gef\u00fchrt hat. Sie betonten die Notwendigkeit von Mentalit\u00e4tsgeschichte und Psychohistorie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Entstehen, Entwicklung und Erfolg des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Mord an den Juden und die Vernichtung ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen durch die Nationalsozialisten bietet die Forschung Erkl\u00e4rungsformeln wie Propaganda, Ideologie und Gewalt oder auch anonyme Systemdynamiken. Wenn Glaser den Spie\u00dferbegriff bei der Spurensuche nach der Mentalit\u00e4tsgeschichte der Deutschen ins Zentrum r\u00fcckt, ist er sich der kategorialen Unsch\u00e4rfe des Begriffs durchaus bewusst. Allerdings machen die von Glaser in elf Kapiteln zu Hitlers &#132;Mein Kampf&#147; aufgeschl\u00fcsselten Zusammenh\u00e4nge und deren ideengeschichtliche Herkunft vielleicht st\u00e4rker als manche historiografische Arbeit nachvollziehbar, wieso das &#132;Dritte Reich&#147; zur &#132;Zustimmungsdiktatur&#147; werden konnte und damit weit mehr war als das in der Nachkriegszeit in der Forschung lange tradierte Narrativ von &#132;Terror und Propaganda&#147;.<\/p>\n<p>Wie Milit\u00e4r, Verwaltung, Universit\u00e4t, Kirchen, Parteien, Organisationen, Vereine, Verb\u00e4nde und das Erziehungswesen &#150; kurz die &#132;Agenturen&#147; des Staates und der Gesellschaft &#150; lange vor 1933 Kultur und Geistesleben toxisch und letztlich menschenverachtend machten, belegen die zus\u00e4tzlich zu den Original-Zitaten aus &#132;Mein Kampf&#147; von Glaser herangezogenen Quellen und Personen. Besonders anschaulich erfolgt dies in den Kapiteln &#132;Erziehungsdressur&#147; (III), &#132;Krieg als Lebenserf\u00fcllung&#147; (V), &#132;Rassenwahn und Blutmystik&#147; (VI), &#132;Bestialisierung&#147; (VII) und &#132;Judenhass&#147; (VIII). Nach Hermann Glaser bedurfte es keiner volumin\u00f6sen &#132;Kritischen Edition&#147;, die &#132;Mein Kampf&#147; als Ganzes kommentiert, denn ein Kommentar sei &#132;die Erl\u00e4uterung einer wissenschaftlichen Abhandlung, einer Dichtung oder eines Gesetzestextes, immer eines Druckwerks, das solche Er\u00f6rterungen verdient.&#147; (S.\u00a0311) Hitlers &#132;Mein Kampf&#147; sei nichts von alledem, es sei &#132;zum einen eine Ansammlung von w\u00fcsten Schimpftiraden, zum anderen eine tr\u00fcbe Suada, die ihre Elemente aus dem zerst\u00f6rten deutschen Geist vorwiegend des 19. Jahrhunderts bezieht &#8230; Ausz\u00fcge zur Entlarvung des Pamphlets gen\u00fcgen, da Hitler seine wenigen Ideologeme st\u00e4ndig inhaltlich wiederholt.&#147;<\/p>\n<p>Nicht nur in der &#132;Kritischen Edition&#147; gibt es einen gewaltigen Anmerkungsapparat; auch Hermann Glaser betrachtet den Anmerkungsteil in seiner Mentalit\u00e4tsgeschichte als &#132;zweites Buch im Buch&#147;, es ist das Fundament des eigentlichen Buches. Zum Anmerkungsteil geh\u00f6ren mehrseitige \u00dcberblicke wie z.B. der &#132;Exkurs zur Situation des Films im &#130;Dritten Reich&#146;&#147; oder der &#132;Exkurs zur Situation der Journalisten im &#130;Dritten Reich&#147; sowie der &#132;Exkurs zur Vorgeschichte des kirchlichen Versagens im &#130;Dritten Reich&#146;&#147;. Wertvoll auch, dass einige der in der &#132;Kritischen Edition&#147; unverst\u00e4ndlicherweise nicht genannten Titel bei Glaser aufgef\u00fchrt sind: u.a. Hannah Ahrendts &#132;Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft&#147; (1955), Franz Neumanns &#132;Behemoth&#147; (1942) oder auch etliche Titel von Joseph Wulf, der sich schon fr\u00fch mit der Verstrickung des Ausw\u00e4rtigen Amtes in die Naziverbrechen befasst hatte.<\/p>\n<p>&#132;Mein Kampf&#147; wurde ca. 12 Millionen mal gedruckt. Fragt man, wie sehr es gelesen wurde, antwortet Glaser mit einer zun\u00e4chst paradox klingenden These: &#132;Das Buch war so erfolgreich, weil es \u00fcberhaupt nicht mehr gelesen werden mu\u00dfte. Lebensgef\u00fchl und Weltanschauung eines Gro\u00dfteils der deutschen Bev\u00f6lkerung stimmten mit dem \u00fcberein, was in &#132;Mein Kampf&#147; dargeboten und propagiert wurde.&#147; (S.\u00a08) Wie es dazu kommen konnte und wie der &#132;kulturelle Degenerationsprozess des Bildungsb\u00fcrgers die Deutschen f\u00fcr den Hitlerismus pr\u00e4destinierte&#147;, hat Glaser in seiner &#132;Mentalit\u00e4sgeschichte des Nationalsozialismus&#147; anhand bedr\u00fcckender Belege hergeleitet. Glaser verleiht seinem Befund besonderen Nachdruck, wenn er sich durch den Geburtsjahrgang 1928 legitimiert f\u00fchlt, &#132;als Zeitzeuge zu sprechen, der die heute kaum mehr nachvollziehbare Verbl\u00f6dung und Brutalisierung (Bestialisierung) der Deutschen erlebt hat.&#147; (S.\u00a0313)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[133],"publikationen":[1084],"class_list":["post-10574","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-1084"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Die heute kaum mehr nachvollziehbare Verbl\u00f6dung und Brutalisierung der Deutschen&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/213\/publikation\/die-heute-kaum-mehr-nachvollziehbare-verbloedung-und-brutalisierung-der-deutschen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Die heute kaum mehr nachvollziehbare Verbl\u00f6dung und Brutalisierung der Deutschen&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 213 (Heft 1\/2016), S. 133-135. 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