{"id":10593,"date":"2018-05-17T12:55:00","date_gmt":"2018-05-17T10:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/hessen-gutachten-kritisiert-gesetzentwurf-ueber-die-neuausrichtung-des-landesverfassungsschutzes\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:47","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:47","slug":"hessen-gutachten-kritisiert-gesetzentwurf-ueber-die-neuausrichtung-des-landesverfassungsschutzes","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/221-222\/publikation\/hessen-gutachten-kritisiert-gesetzentwurf-ueber-die-neuausrichtung-des-landesverfassungsschutzes\/","title":{"rendered":"Hessen: Gutachten kritisiert Gesetzentwurf \u00fcber die Neuausrichtung des Landesverfassungsschutzes"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 221\/222 (1-2\/2018), S. 123-125<\/p>\n<p>Die schwarz-gr&uuml;ne Koalition in Hessen hat den Entwurf eines Gesetzes zur Neuausrichtung des Landesverfassungsschutzes vorgelegt (Drs. 19\/5412). Dem Verfassungsschutz werden darin neue &Uuml;berwachungsbefugnisse (v.a. die Quellen-Telekommunikations&uuml;berwachung sowie der verdeckte Zugriff auf IT-Systeme) einger&auml;umt, zudem wird der Einsatz von Verdeckten Ermittlern und V-Leuten (analog den 2015 f&uuml;r das Bundesamt erlassenen Regeln) gesetzlich geregelt. Die parlamentarische Kontrolle des Verfassungsschutzes wird in ein separates Gesetz nach dem Vorbild des Bundesgesetz &uuml;ber das Parlamentarische Kontrollgremium ausgelagert. Von der Reform verspricht sich die Koalition eine bessere Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit anderen Sicherheitsbeh&ouml;rden. Zudem sollen zahlreiche Anforderungen aus der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, insbesondere aus den Entscheidungen zur Antiterrordatei (vom 24.4.2013) sowie zum BKA-Gesetz (vom 20.4.2016), umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Der Innenausschuss des Hessischen Landtags veranstaltete am 8. Februar 2018 eine Sachverst&auml;ndigenanh&ouml;rung zu dem Gesetzespaket. Daran nahm Dr. Till M&uuml;ller-Heidelberg f&uuml;r die Humanistische Union teil. In seiner schriftlichen Stellungnahme konzentrierte er sich auf die Aufgabenbestimmung des Landesamtes und den Regelungsverzicht bei der Kernaufgabe des Amtes (a), auf die unzureichenden Vorgaben f&uuml;r den Einsatz von Verdeckten Ermittlern und V-Leuten (b), die Datenspeicherung bei Unbeteiligten und Minderj&auml;hrigen (c) sowie die geplante Wiedereinf&uuml;hrung einer Regelanfrage zur &#8222;Verfassungstreue&#8220; f&uuml;r alle Bewerber\/innen des &Ouml;ffentlichen Dienstes (d).<\/p>\n<p>(a) Der Gesetzentwurf suggeriert, dass die Aufgabe des Verfassungsschutzes in der Abwehr terroristischer Gefahren sowie der Abwehr extremistischer Positionen best&uuml;nde &#8211; beides ist aber falsch. Weder ist der Verfassungsschutz eine Gefahrenabwehrbeh&ouml;rde, noch darf der Staat extremistische Positionen bek&auml;mpfen &#8211; was als extremistisch gilt, ist eine politische Beurteilung, die (solange die Positionen gewaltfrei vertreten werden) der Meinungsfreiheit unterliegen. Auch die Bek&auml;mpfung der &#8222;Organisierten Kriminalit&auml;t&#8220; (OK) falle nicht in den Aufgabenbereich des Verfassungsschutzes; bei der OK handle es sich schlicht um Straftatbest&auml;nde, f&uuml;r die die Polizeibeh&ouml;rden zust&auml;ndig sind. Eine Doppelzust&auml;ndigkeit des Verfassungsschutzes w&auml;re nicht nur verfassungswidrig (wie der S&auml;chsische Verfassungsgerichtshof bereits 2005 entschieden hat), dem Land Hessen fehle auch die Gesetzgebungskompetenz f&uuml;r das Thema (Strafrecht und Strafverfolgungsrecht sind Angelegenheiten des Bundes). <br \/>Die zentrale Aufgabe des Verfassungsschutzes &#8211; das Sammeln und Auswerten von Informationen &uuml;ber verfassungsfeindliche Bestrebungen &#8211; bleibe im vorliegenden Entwurf (wie in den meisten VS-Gesetzen) dagegen &auml;u&szlig;erst unbestimmt. Weder wird geregelt, was solche Bestrebungen zum Beobachtungsobjekt der Beh&ouml;rde qualifiziere, noch gibt es Vorgaben f&uuml;r die Verdachtsgewinnung, die Beobachtungszeitr&auml;ume etc. Die Stellungnahme verweist hier auf die Regelungen in den &sect;&sect;&nbsp;6 bis 8 des nieders&auml;chsischen Verfassungsschutzgesetzes, in dem sich bundesweit erstmals gesetzliche Vorgaben zum &#8222;Kerngesch&auml;ft&#8220; des Verfassungsschutzes finden (s.S. 3f.).<\/p>\n<p>(b) Die gesetzlichen Vorgaben zum Einsatz von Verdeckten Ermittlern und V-Leuten orientieren sich an den Regelungen des Bundesverfassungsschutzgesetzes und sind damit &auml;hnlich wirkungslos wie jenes:[9] So wird den Ermittlern gestattet, selbst Straftaten von erheblicher Bedeutung zu begehen, wenn dies f&uuml;r den Zugang zur &uuml;berwachten Szene notwendig sei und die Beh&ouml;rdenleitung dies f&uuml;r angemessen h&auml;lt. Die Beh&ouml;rde sch&uuml;tzt sie dabei auch vor Strafverfolgung. Die Vorschriften, wer als V-Person nicht angeworben werden darf (z.B. verurteilte Straft&auml;ter) und wie hoch die Bezahlung der V-Leute ausfallen darf, sind bei n&auml;herer Betrachtung ebenfalls wirkungslos. Ausgeschlossen wird lediglich, dass die Entlohnung der V-Leute deren &#8222;alleinige Lebensgrundlage&#8220; bildet, und mit Zustimmung der Beh&ouml;rdenleitung d&uuml;rfen selbst Schwerverbrecher als V-Leute eingesetzt werden.<\/p>\n<p>(c) Dass die Verfassungsschutzbeh&ouml;rden l&auml;ngst nicht nur vermeintliche Extremisten und Gef&auml;hrder, sondern auch viele &#8222;unbescholtene&#8220; B&uuml;rger_innen erfassen und &uuml;berwachen, wurde schon mehrfach nachgewiesen.[10] Dabei handelt es sich nicht um versehentliche Fehler &#8211; die Erfassung &#8222;Unbeteiligter&#8220; ist durchaus beabsichtigt, wie die Befugnis in &sect;&nbsp;4 Abs.&nbsp;8 des Gesetzentwurfs zeigt. Dies kritisiert die Stellungnahme ebenso (s.S.&nbsp;5) wie die geplante Speicherung der Daten Minderj&auml;hriger unter 14 Jahren.<\/p>\n<p>(d) Schlie&szlig;lich sieht der Gesetzentwurf in &sect;&nbsp;21 Abs.&nbsp;1 Ziff.&nbsp;2c vor, dass die Beh&ouml;rde Informationen bzw. Bewertungen zur &#8222;<i>Verfassungstreue von Personen, sie sich um Einstellung in den &ouml;ffentlichen Dienst bewerben<\/i>&#8220; an &ouml;ffentliche Stellen abgeben darf. Damit wird eine in den 1970er Jahren praktizierte Form der Gesinnungspr&uuml;fung neu aufgelegt, auf der einst zahlreiche Berufsverbote beruhten. Besonders problematisch an diesen Verrufserkl&auml;rungen des Verfassungsschutzes: die vorgebrachten Einw&auml;nde beruhen oft auf ungesicherten Informationen (z.B. vom H&ouml;rensagen), ihre Quellen werden nicht offen gelegt und ihre tendenzi&ouml;sen Bewertungen entziehen sich oft einer gerichtlichen &Uuml;berpr&uuml;fung. M&uuml;ller-Heidelberg verweist auf die bereits 1995 ergangene Entscheidung des Europ&auml;ischen Gerichtshofes f&uuml;r Menschenrechte[11], der diese Praxis als Versto&szlig; gegen die europ&auml;ische Menschenrechtskonvention verwarf; die Regelung sei daher eindeutig verfassungswidrig.<\/p>\n<p>Ob es im weiteren Verlauf des Gesetzgebungsverfahrens noch zu nennenswerten &Auml;nderungen am Gesetzentwurf kommt, ist derzeit offen. Nachdem der Entwurf bei der Anh&ouml;rung des Landtags Kritik von mehreren Seiten erfuhr, k&uuml;ndigten Vertreter der gr&uuml;nen Landtagsfraktion Gespr&auml;chsbedarf mit ihrem Koalitionspartner an.<\/p>\n<p><i>Till M&uuml;ller-Heidelberg: Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes zur Neuausrichtung des Verfassungsschutzes in Hessen vom 14.11.2017 (Drs. 19\/5412) vom 16.1.2018, abrufbar unter <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Mueller-Heidelberg2018-01-16_VS-Hessen_korr-2.pdf\"><i>https:\/\/www.humanistische-union.de\/fileadmin\/hu_upload\/doku\/2018\/Mueller-Heidelberg2018-01-16_VS-Hessen_korr.pdf<\/i><\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[768,667],"autoren":[139],"publikationen":[1090],"class_list":["post-10593","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-geheimdienste-lfv","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-221-222"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Hessen: Gutachten kritisiert Gesetzentwurf \u00fcber die Neuausrichtung des Landesverfassungsschutzes - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/221-222\/publikation\/hessen-gutachten-kritisiert-gesetzentwurf-ueber-die-neuausrichtung-des-landesverfassungsschutzes\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Hessen: Gutachten kritisiert Gesetzentwurf \u00fcber die Neuausrichtung des Landesverfassungsschutzes - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 221\/222 (1-2\/2018), S. 123-125 Die schwarz-gr&uuml;ne Koalition in Hessen hat den Entwurf eines Gesetzes zur Neuausrichtung des Landesverfassungsschutzes vorgelegt (Drs. 19\/5412). 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