{"id":10601,"date":"2018-05-17T10:00:00","date_gmt":"2018-05-17T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/defizite\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:48","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:48","slug":"defizite","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/221-222\/publikation\/defizite\/","title":{"rendered":"\u00dcbersch\u00fcsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerst\u00f6ren die Eurozone und gef\u00e4hrden die Europ\u00e4ische Union (II)"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 221\/222 (1-2\/2018), S. 179-195<\/p>\n<p><i>Im ersten Teil seines Beitrags (in Heft Nr. 220) erkl&auml;rte Rainer Land, welche &ouml;konomischen, gesellschaftlichen und &ouml;kologischen Probleme mit den &Uuml;bersch&uuml;ssen in Au&szlig;enhandelsbilanzen (und den notwendigen Defiziten anderer L&auml;nder) verbunden sind. Im zweiten Teil geht er auf die verschiedenen Ursachen f&uuml;r unterschiedliche Produktivit&auml;tsniveaus und die daraus entstehenden Differenzen in den Handelsbilanzen ein (etwa die Bev&ouml;lkerungsstruktur, regionalen Infrastruktur- und Synergiebedingungen). Solche Differenzen wurden fr&uuml;her durch variable Wechselkurse (weitgehend) ausgeglichen. Mit der Einf&uuml;hrung des Euros entf&auml;llt diese M&ouml;glichkeit des Ausgleichs f&uuml;r den europ&auml;ischen Wirtschaftsraum. Zugleich fehlt es an einer europ&auml;ischen L&ouml;sung, die eine ad&auml;quate Entwicklung der nationalen Lohnniveaus mit der Produktivit&auml;t in den einzelnen Mitgliedstaaten gew&auml;hrleisten k&ouml;nnte. Land zeigt, inwiefern die Wirtschafts- und W&auml;hrungskrisen im gegenw&auml;rtigen Zustand unvermeidbar sind &ndash; und benennt m&ouml;gliche Auswege. <\/i><\/p>\n<h5><span id=\"teil-ii-ueberschuesse-und-defizite-im-detail-ursachen-und-ausgleichsmechanismen\">Teil II: &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Detail &ndash; Ursachen und Ausgleichs&shy;me&shy;cha&shy;nismen<\/span><\/h5>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"4-warum-gibt-es-ueberschuesse-und-defizite\">4. Warum gibt es &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite?<\/span><\/h2>\n<p>Um zu verstehen, wie &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite zustande kommen, muss man sich mit drei Faktoren befassen: a) regionalen Unterschieden in der Produktivit&auml;t, b) regionalen Unterschieden in der Bev&ouml;lkerungszusammensetzung, vor allem dem Verh&auml;ltnis der Zahl der Erwerbst&auml;tigen zur Einwohnerzahl und c) mit der Funktionsweise der Ausgleichsmechanismen, insbesondere den Transfersystemen sowie den differenzierten Lohnniveaus und ihrer Anpassung, die Ver&auml;nderung von Wechselkursen eingeschlossen.<\/p>\n<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite gibt es zwischen Regionen innerhalb einer Volkswirtschaft sowie zwischen den Volkswirtschaften. Der Vergleich kann helfen, die Ursachen und die Funktionsweise der Ausgleichsmechanismen zu verstehen. Allerdings funktioniert der Ausgleich innerhalb einer Volkswirtschaft ganz anders als zwischen Volkswirtschaften.<\/p>\n<p><b>4.1. Produktivit&auml;tsdifferenzen <\/b>(8)<\/p>\n<p>Die Produktivit&auml;t in Ostdeutschland betrug 1989 etwa 44 Prozent der westdeutschen. Sie sank durch den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft zun&auml;chst (1991) auf 35 Prozent und stieg bis 2013 auf rund 76 Prozent der westdeutschen Produktivt&auml;t (Land 2015, Tabelle). Vieles weist darauf hin, dass sich dieser Abstand derzeit kaum verringert. Ein R&uuml;ckstand von 35 zu 100 l&auml;sst sich nur in einer au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Situation und mit besonderen Anstrengungen verkraften. Auch der heutige R&uuml;ckstand (75 bis 80 zu 100) ist nicht unproblematisch. <br \/>Zwischen eigenst&auml;ndigen Volkswirtschaften sind solche Differenzen hingegen nicht selten. So haben die Eurol&auml;nder Estland, Portugal, Griechenland im Vergleich zu Frankreich, einem gro&szlig;en Industrieland mit der h&ouml;chsten Produktivit&auml;t in der EU, eine Produktivit&auml;t von 25, 38 bzw. 44 Prozent, w&auml;hrend Deutschland 94 Prozent erreicht (s. Abbildung 4). (9)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/v221_Land04.jpg\" width=\"380\" height=\"169\" alt=\"\"><br \/><i>Abb. 4: Reale Arbeitsproduktivit&auml;t in Euro pro Arbeitsstunde zu konstanten Preisen (Quelle: Eurostat &copy;&nbsp;Europ&auml;ische Union, 1995-2017, eigene Grafik)<\/i><\/p>\n<p>Folgende Gr&uuml;nde spielen eine Rolle: Erstens sind regionale Unterschiede der Produktivit&auml;t durch die unterschiedliche Ressourcenausstattung, den Industrialisierungsgrad und die Wirtschaftsstruktur bedingt; sie spiegeln die pfadabh&auml;ngige Entwicklung und Industrialisierungsgeschichte der einzelnen Regionen wider. Solche Differenzen sind unvermeidlich. Nicht jeder Unterschied in Ressourcen und Wirtschaftsstruktur hat unterschiedliche Produktivit&auml;tsniveaus zur Folge. Eine Region, die starke Kapazit&auml;ten im Bereich der Elektronik hat, kann mit einer anderen Region, in der starke Medien- oder Umweltunternehmen entstanden sind, durchaus auf gleichem Produktivit&auml;tsniveau (Wertsch&ouml;pfung pro Arbeitsstunde) liegen.<\/p>\n<p>Bei der Produktion fern-handelbarer G&uuml;ter in modernen Industriegesellschaften, deren Preise weitgehend von &uuml;berregionalen M&auml;rkten bestimmt werden, sind die Produktivit&auml;tsunterschiede weniger auf einzelbetriebliche Differenzen, sondern eher auf Synergieeffekte in Clustern zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Der Produktivit&auml;tsr&uuml;ckstand in Ostdeutschland (76&nbsp;% im Jahr 2013) d&uuml;rfte weder auf technologische R&uuml;ckst&auml;nde noch auf mangelhafte Qualifikation oder Motivation zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sein. Ein einzelner Maschinenbaubetrieb in Mecklenburg k&ouml;nnte nicht &uuml;berleben, wenn er deutlich schlechtere Produkte oder mit viel h&ouml;heren Kosten produzieren w&uuml;rde. Die Angleichung des technologischen Niveaus f&uuml;hrt aber nicht automatisch zu einer gleichen regionalen Produktivit&auml;t. Ein High-Tech-Cluster aus vielen miteinander kooperierenden, aber auch im Wettbewerb stehenden Unternehmen (Forschung und Entwicklung, unternehmensbezogene Dienstleistungen und Infrastruktur eingeschlossen), wird viele innovative und hochpreisige Produkte herstellen und immer wieder neue entwickeln k&ouml;nnen. Im Ergebnis ist die Wertsch&ouml;pfung des Clusters pro Besch&auml;ftigten bzw. pro Arbeitsstunde h&ouml;her. Ein einzelner Maschinenbaubetrieb, wie etwa der Schiffsschraubenhersteller in Mecklenburg oder der Hersteller von sehr speziellen Operationstischen f&uuml;r Krankenh&auml;user in Th&uuml;ringen, ist f&uuml;r sich genommen wahrscheinlich nicht weniger produktiv als ein vergleichbarer Betrieb in Baden-W&uuml;rttemberg oder in Boston (Massachusetts). Aber in peripheren Regionen gibt es weniger solche Betriebe und der Anteil der Besch&auml;ftigten in prosperierenden Branchen ist geringer.<\/p>\n<p>In der Regel sind Regionen in verschiedenen wirtschaftlichen Entwicklungszyklen. Eine Region, in der neue und expandierende Wirtschaftszweige entstanden sind (Silicon Valley), ist in einer anderen Lage als eine altindustrielle Region (Ruhrgebiet, Lausitz), in der bestimmte Produktionszweige &uuml;berfl&uuml;ssig werden, schrumpfen oder ganz verschwinden und deren Produkte ausgesondert werden. Daher gibt es Regionen, die fr&uuml;her &Uuml;bersch&uuml;sse hatten, jetzt aber ein Produktionsdefizit aufweisen (z.B. die Lausitz, Teile des Ruhrgebiets, Schiffbaustandorte), und solche, die fr&uuml;her niedrige Einkommen hatten, jetzt aber prosperierende &Uuml;berschussregionen geworden sind (wie Teile von Bayern).<\/p>\n<p>Eine zweite Ursache sind Preisdifferenzen bei nicht fern-handelbaren, lokalen G&uuml;tern. Solche G&uuml;ter und Dienstleistungen sind ein betr&auml;chtlicher Teil des regionalen Umsatzes (30 bis 40 Prozent). Dazu geh&ouml;ren Bauleistungen, lokales Handwerk, personenbezogene und andere Dienstleistungen, ein Teil des Einzelhandels und des Gastgewerbes. Dabei sind regionale Preisdifferenzen f&uuml;r die Produktivit&auml;tsunterschiede relevant. Kostet eine Bauleistung in M&uuml;nchen das Vierfache im Vergleich zu Friedland (Mecklenburg), dann ist auch die Produktivit&auml;t (BIP pro Stunde) entsprechend h&ouml;her, selbst wenn es keine Unterschiede in der Technologie gibt. Ein Friseur, der zwei K&ouml;pfe pro Stunde frisiert, bekommt in M&uuml;nchen 50 Euro daf&uuml;r, in Putlitz hingegen nur 25. Der M&uuml;nchener Friseur ist &ndash; wirtschaftlich betrachtet &ndash; doppelt so produktiv, obwohl er technologisch (K&ouml;pfe pro Stunde) die gleiche Produktivit&auml;t hat (vgl. Anm. 8).<\/p>\n<p>Drittens ist die Zusammensetzung der Bev&ouml;lkerung von Bedeutung, zwar nicht f&uuml;r die Produktion pro Arbeitsstunde, aber pro Einwohner. Vergleichen wir zwei Regionen A und B mit je 5.000 Einwohnern, die dieselbe Arbeitsproduktivit&auml;t von 50 Euro pro Stunde haben sollen. In der Region A sind 2.000 Einwohner besch&auml;ftigt, in der Region B 3.000. In A betr&auml;gt die Wertsch&ouml;pfung pro Einwohner und Stunde dann 20 Euro, in der Region B 30 Euro pro Stunde, obwohl die Produktivit&auml;t pro Arbeitsstunde gleich ist. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Region B 50 Prozent produktiver. Die Bev&ouml;lkerungszusammensetzung beeinflusst die Produktivit&auml;t im Verh&auml;ltnis der Regionen zueinander. Je h&ouml;her der Anteil von nicht erwerbst&auml;tigen Personen (Rentnern, Kindern, Arbeitslosen), desto geringer ist die regionale Produktivit&auml;t bezogen auf die gesamte Einwohnerzahl.<\/p>\n<p>Auch im Verh&auml;ltnis zwischen Ost- und Westdeutschland spielt dies eine Rolle. Bezogen auf die Arbeitsstunde lag das ostdeutsche BIP bei 76 Prozent des westdeutschen (2013), bezogen auf die Einwohnerzahl aber nur bei 66 Prozent (vgl. Land 2015, Tabelle). Der Anteil der Erwerbst&auml;tigen an der Gesamtbev&ouml;lkerung war in Ostdeutschland wegen der Abwanderung seit 1990 deutlich geringer, die Produktivit&auml;t (bezogen auf die Einwohnerzahl) entsprechend niedriger. Diese Differenzen w&auml;ren noch h&ouml;her, wenn man periphere Regionen wie Vorpommern mit Jena oder Hamburg vergleichen w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Zusammengefasst: Produktivit&auml;tsdifferenzen ergeben sich a) aus Produktivit&auml;tsunterschieden bei der Herstellung &uuml;berregional handelbarer G&uuml;ter (Produktpalette, Ressourcenausstattung, Forschung und Entwicklung, Qualifikation, Clustereffekte), b) aus den Preisdifferenzen bei nicht handelbaren G&uuml;tern und c) aus der Relation der Erwerbst&auml;tigen zur Gesamtbev&ouml;lkerung.<\/p>\n<p>Die Ausgleichsmechanismen f&uuml;r Produktivit&auml;tsdifferenzen innerhalb einer Volkswirtschaft und zwischen Volkswirtschaften unterscheiden sich grunds&auml;tzlich. Innerhalb einer Volkswirtschaft sind Transfers entscheidend, Lohndifferenzen spielen eine nachgeordnete Rolle. Zwischen Volkswirtschaften spielen Transfers eine geringe Rolle, der Ausgleich erfolgt haupts&auml;chlich durch differente Lohnniveaus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"42-ausgleichsmechanismen-innerhalb-einer-volkswirtschaft\">4.2. Ausgleichs&shy;me&shy;cha&shy;nismen innerhalb einer Volks&shy;wirt&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>In einem geschlossenen Wirtschaftssystem &ndash; einer aus mehreren Regionen bestehenden Volkswirtschaft (vom Au&szlig;enhandel wird jetzt abgesehen) &ndash; muss immer genau so viel verbraucht, d.h. konsumiert plus investiert werden (real, d.h. in Form von G&uuml;tern und Leistungen), wie produziert wurde. Produziert eine Region innerhalb einer Volkswirtschaft mehr als sie verbraucht, hat sie einen &Uuml;berschuss, was aber nur m&ouml;glich ist, wenn eine andere Region mehr verbraucht, als sie produziert. Solche Differenzen sind innerhalb einer Volkswirtschaft normal. In Deutschland beispielsweise d&uuml;rften viele Regionen in Baden-W&uuml;rttemberg mehr produzieren als sie verbrauchen, w&auml;hrend im Ruhrgebiet oder in Sachsen-Anhalt Defizitregionen &uuml;berwiegen d&uuml;rften. In Mecklenburg-Vorpommern d&uuml;rfte Stavenhagen eine &Uuml;berschussregion sein, w&auml;hrend Friedland und Woldegk weniger produzieren, als sie verbrauchen.<\/p>\n<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite m&uuml;ssen sich ausgleichen: Waren, G&uuml;ter und Dienstleistungen wandern aus den &Uuml;berschuss- in die Defizitregionen, aber die Zahlungen daf&uuml;r bewegen sich in umgekehrte Richtung, denn die regional importierten Waren m&uuml;ssen nat&uuml;rlich bezahlt werden. Woher aber nehmen Defizitregionen das &bdquo;Geld&ldquo; (eigentlich: das Einkommen), um den Import aus den &Uuml;berschussregionen zu bezahlen? Die eigenen interregionalen Exporte reichen jedenfalls nicht. G&auml;be es keinen finanziellen Zufluss, m&uuml;ssten die Haushalte, die Regionalverwaltung und\/oder die Unternehmen ihre Ausgaben f&uuml;r L&ouml;hne, Investitionen und &ouml;ffentliche Ausgaben reduzieren &ndash; was teilweise aus rechtlichen Gr&uuml;nden nicht oder nur sehr eingeschr&auml;nkt m&ouml;glich ist (z.B. Renten, Sozialausgaben, Gesundheit, Schule) und zudem die Region in eine Abw&auml;rtsspirale ziehen w&uuml;rde (z. B. wenn die L&ouml;hne regional sinken, die Bev&ouml;lkerung daher st&auml;rker abwandert, die Wirtschaftsleistung weiter abnimmt usf.).<\/p>\n<p>Die Einnahmen aus dem G&uuml;terexport sind in der &Uuml;berschussregion laufend h&ouml;her als die Ausgaben, in der Defizitregion laufend geringer. Der Warenaustausch zwischen beiden ist nur m&ouml;glich, wenn die Differenz finanziell laufend ausgeglichen wird, und zwar durch Finanztransfers aus den &Uuml;berschuss- in die Defizitregionen. Die &Uuml;berschussregionen m&uuml;ssen ihren Warenexport in die Defizitregionen mittels Transfers irgendwie selbst bezahlen &ndash; aber wie? (10)<\/p>\n<p>Welche Transfers kommen in Frage? Zun&auml;chst private Transfers, z.B. von Pendlern, die in der &Uuml;berschussregion arbeiten, aber einen Teil des Einkommens am Familiensitz in der Defizitregion ausgeben oder an die Familie &bdquo;zu Hause&ldquo; &uuml;berweisen. Gro&szlig;e Bedeutung haben die Transfers der Sozialsysteme: In der &Uuml;berschussregion wird laufend mehr in die Sozialsysteme ein- als ausgezahlt, weil es hier relativ zur Gesamtbev&ouml;lkerung mehr gut verdienende sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigte gibt. Umgekehrt in der Defizitregion, weil es hier relativ mehr Rentenempf&auml;nger, Arbeitslose und Sozialleistungsempf&auml;nger gibt. Der dritte gro&szlig;e Block sind die laufenden Staatsausgaben, der Finanzausgleich zwischen Bund, L&auml;ndern, Regionen und Kommunen und schlie&szlig;lich die privaten und &ouml;ffentlichen Investitionen sowie die Wirtschaftsf&ouml;rderung. W&uuml;rden diese Transfers nicht die interregionalen Handelsbilanzsalden ausgleichen, k&auml;me der G&uuml;terverkehr zwischen den Regionen zum Erliegen, die &Uuml;bersch&uuml;sse k&ouml;nnten nicht abgesetzt werden. &Uuml;berschuss- wie Defizitregionen w&uuml;rden dabei verlieren: die &Uuml;berschussregion w&uuml;rde Einnahmen und Einkommen verlieren und die Defizitregion die ben&ouml;tigten Produkte nicht mehr bekommen; sie w&uuml;rden erodieren und verfallen. Ohne den Ausgleich regionaler &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite w&uuml;rde die Volkswirtschaft in kleinere Einheiten mit insgesamt deutlich niedrigerem Produktivit&auml;tsdurchschnitt und stark unterschiedlichen Einkommensniveaus zerfallen.<\/p>\n<p>Finanztransfers zwischen den Regionen sind eine unverzichtbare Voraussetzung f&uuml;r das Funktionieren einer gro&szlig;en Volkswirtschaft, in der es eine gemeinsame W&auml;hrung gibt und in der ann&auml;hernd gleiche Lebensbedingungen die Integration der Bev&ouml;lkerung zu einer Nation gew&auml;hrleisten. Innerhalb einer Volkswirtschaft k&ouml;nnen Lohnunterschiede die Produktivit&auml;tsdifferenzen nur eingeschr&auml;nkt kompensieren. W&uuml;rde man Produktivit&auml;tsniveaus von mehr als 20 oder 30 Prozent durch entsprechende Lohndifferenzen ausgleichen wollen, w&auml;ren weniger produktive Regionen bald entv&ouml;lkert. Zwar werden die Lohnniveaus in schw&auml;cheren Regionen in der Regel etwas niedriger sein, aber innerhalb einer Volkswirtschaft d&uuml;rfen die Abweichungen nicht sehr gro&szlig; werden. Relevant ist auch, ob diese Unterschiede zu- oder abnehmen, die Regionen also divergieren oder konvergieren. Werden die Unterschiede in Produktivit&auml;t, Einkommen, Besch&auml;ftigung und Infrastrukturausstattung gr&ouml;&szlig;er, dann m&uuml;ssen die Transfers wachsen, was zu andauernden Auseinandersetzungen um die Neujustierung insbesondere der staatlichen Transfers f&uuml;hrt &ndash; und zu wachsenden Pendlerstr&ouml;men sowie einer Abwanderung. Eine konvergente Entwicklung auf der Basis komplement&auml;rer Wirtschaftsstrukturen hingegen verringert die notwendigen Transfers.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"43-handel-zwischen-selbstaendigen-volkswirtschaften\">4.3. Handel zwischen selbst&auml;n&shy;digen Volks&shy;wirt&shy;schaften<\/span><\/h2>\n<p>Zwischen Volkswirtschaften gibt es in vielen F&auml;llen gr&ouml;&szlig;ere Produktivit&auml;tsdifferenzen als innerhalb einer Volkswirtschaft. Eine Produktivit&auml;tsdifferenz von 25, 40 oder 70 zu 100 (Estland, Spanien, Italien zu Frankreich) auszugleichen, w&uuml;rde Transfers in H&ouml;he von vielen Milliarden Euro pro Jahr ben&ouml;tigen. Ein Ausgleich durch Transfers in diesen Gr&ouml;&szlig;enordnungen w&auml;re unvorstellbar. Der deutsche Handelsbilanz&uuml;berschuss 2016 betrug 252 Mrd. EUR, Frankreich hatte ein Defizit von 71 Mrd. Euro. Man sieht: &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite h&auml;ngen nicht zwangsl&auml;ufig von den Produktivit&auml;tsdifferenzen ab. Warum sollte Frankreich zum Ausgleich des Handelsbilanzdefizits Transfers von Deutschland bekommen, obwohl es genauso produktiv ist (genau genommen: sogar etwas produktiver)?<\/p>\n<p>Ein Ausgleich durch Transfers ist aber auch nicht n&ouml;tig, denn zwischen verschiedenen Volkswirtschaften werden Produktivit&auml;tsdifferenzen nicht durch Transfers, sondern durch unterschiedliche Lohnniveaus ausgeglichen. Zwischen Volkswirtschaften gibt es kein einheitliches Lohnniveau, es gibt auch keine praktischen und rechtlichen Mechanismen (Lohnfindung, Sozialsysteme, Steuersysteme), die ein einheitliches oder angen&auml;hertes Lohnniveau herbeif&uuml;hren k&ouml;nnten. Weder die EU noch die Eurozone sind eine einheitliche Volkswirtschaft &ndash; und es ist m.E. auf absehbare Zeit auch nicht vorstellbar, dass sie es werden.<\/p>\n<p>Im Handel zwischen eigenst&auml;ndigen Volkswirtschaften aber gilt: Den Produktivit&auml;tsniveaus sollten die Lohnniveaus entsprechen. Ein Land mit der doppelten Produktivit&auml;t hat doppelt so hohe L&ouml;hne und damit auch eine Nachfrage, die der Produktion entspricht. Exportiert es einen Teil der Produktion, entsteht eine der H&ouml;he nach identische Nachfrage nach Importen.<\/p>\n<p>Dynamisch formuliert: W&auml;chst die Produktivit&auml;t um angenommen 3 Prozent, werden also 3 Prozent mehr G&uuml;ter und Leistungen hergestellt, m&uuml;ssen auch die L&ouml;hne um den gleichen Betrag wachsen, um die Nachfrage nach Konsumg&uuml;tern und ggf. nach Investitionsg&uuml;tern f&uuml;r neue Produkte auf gleichem Niveau zu halten. Nimmt dabei der Anteil an Exporten zu, wird im Normalfall entsprechend mehr importiert, nehmen Exporte ab, sinkt automatisch die Nachfrage nach Importen. <br \/>Entsprechen die Lohnniveaus strukturell und der Tendenz nach den Produktivit&auml;tsniveaus, gibt es keine &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Handel bzw. diese treten nur tempor&auml;r auf, wachsen nicht &uuml;ber die Jahre an. Die Handelsbilanzen gleichen sich mittelfristig aus.<\/p>\n<p>Das bedeutet allerdings in der Umkehrung: &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite k&ouml;nnen auch bei gleichen oder &auml;hnlichen Produktivit&auml;tsniveaus auftreten, und zwar dann, wenn die Lohnniveaus voneinander abweichen. Dies erkl&auml;rt die Handelsbilanzdifferenzen zwischen Deutschland und Frankreich: Das deutsche Lohnniveau ist im Verh&auml;ltnis zur Produktivit&auml;t ca. 25 Prozent zu niedrig, daher importiert Deutschland zu wenig.<\/p>\n<p>&Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Handel zwischen selbst&auml;ndigen Volkswirtschaften k&ouml;nnen spiegelbildlich zwei Ursachen haben: Produktivit&auml;tsdifferenzen, die nicht durch entsprechende Differenzen der Durchschnittsl&ouml;hne kompensiert werden, oder umgekehrt Lohndifferenzen, die nicht auf Produktivit&auml;tsdifferenzen basieren. Die Abweichung der Lohn- von den Produktivit&auml;tsdifferenzen ist die wichtigste Ursache der Eurokrise.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"44-ausgleich-durch-wechselkurse\">4.4. Ausgleich durch Wechsel&shy;kurse<\/span><\/h2>\n<p>Im &bdquo;klassischen&ldquo; Normalfall, der galt im Prinzip bis in die 1970er Jahre, k&ouml;nnen &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite zwischen verschiedenen Volkswirtschaften nicht sehr hoch werden, wenn sie autonome W&auml;hrungen haben und die Wechselkurse frei schwanken (floaten) oder in einem System fester Wechselkurse regelm&auml;&szlig;ig an die Preisentwicklung und die Leistungsbilanz angepasst werden.<\/p>\n<p>Die Ver&auml;nderungen des Wechselkurses gleichen normalerweise die Handelsbilanz so aus, dass nur kleine &Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite zwischen den Volkswirtschaften entstehen k&ouml;nnen. Angenommen, eine Volkswirtschaft erzielt Export&uuml;bersch&uuml;sse und hat mehr Einnahmen in fremder W&auml;hrung als Ausgaben f&uuml;r Importe. Auf dem Devisenmarkt w&uuml;rde dann mehr W&auml;hrung des Defizitlandes angeboten, w&auml;hrend es einen Nachfrage&uuml;berschuss der W&auml;hrung des &Uuml;berschusslandes g&auml;be. Die W&auml;hrung des Defizitlandes w&uuml;rde abwerten, die des &Uuml;berschusslandes aufwerten, d.h. die Preise der Exportg&uuml;ter steigen, die der Importg&uuml;ter sinken, der Export geht zur&uuml;ck, der Import steigt, solange, bis Export und Import ausgeglichen sind und es keine Differenz zwischen Angebot und Nachfrage der W&auml;hrungen mehr gibt. Dies geschieht nicht augenblicklich, aber in der Tendenz; allerdings nur dann, wenn der Kurs ganz &uuml;berwiegend von den Handelsstr&ouml;men realer G&uuml;ter und Dienstleistungen abh&auml;ngt und durch Kapitalmarktfl&uuml;sse, Interventionen und Spekulationen nicht erheblich modifiziert wird.<\/p>\n<p>&Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite entstehen, wenn die Wechselkurse von den Parit&auml;ten der Handelsbilanz abweichen. Dies geschieht, wenn die Nachfrage und das Angebot nach W&auml;hrungen auf den Devisenm&auml;rkten in erheblichem Ma&szlig;e von anderen Faktoren als dem Handel bestimmt werden. Dies kann im Prinzip drei Ursachen haben.<\/p>\n<p>Erstens intervenieren die Zentralbanken, um Kurse zu beeinflussen, z.B. einen Kurs in einem vereinbarten Fenster zu halten, wenn ein Land an einem System fester Wechselkurse teilnimmt. Die Zentralbank gleicht die Differenz zwischen Einnahmen aus Exporten und Ausgaben aus Importen laufend aus, indem sie W&auml;hrungsreserven auf den Markt wirft oder die Zinsen anhebt oder absenkt, um den Zustrom oder Abstrom von Devisen zu beeinflussen. Diese Interventionen sind kein Problem, wenn sich &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite mittelfristig ausgleichen, in einem Jahr also Devisen zuflie&szlig;en, im anderen abflie&szlig;en. Es wird aber sehr teuer, wenn die Differenzen hoch sind und l&auml;ngere Zeit anhalten. Dies hat in den W&auml;hrungssystemen von Bretton Woods und den Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystemen I und II immer wieder zu erheblichen Spannungen und schlie&szlig;lich zum Ende dieser Systeme gef&uuml;hrt (vgl. Varoufakis 2016 und Mitchell 2017).<\/p>\n<p>Zentralbanken intervenieren auch, um einen bestimmten Wechselkurs aus politischen Gr&uuml;nden zu beeinflussen, z.B. um die Exportwirtschaft durch Unterbewertung zu st&uuml;tzen oder Kapitalstr&ouml;me ins Land zu locken. Interventionen der Zentralbanken sind f&uuml;r &Uuml;berschussl&auml;nder leichter, denn sie k&ouml;nnen abwerten bzw. Aufwertungen entgegenwirken, indem sie die eigene W&auml;hrung auf den Markt werfen, also die W&auml;hrung, die sie unbegrenzt selbst sch&ouml;pfen k&ouml;nnen. &Uuml;berschussl&auml;nder haben bei Bedarf auch die Mittel f&uuml;r eine Aufwertung, da die Zentralbanken von &Uuml;berschussl&auml;ndern in der Regel hohe Best&auml;nde an Fremdw&auml;hrungsdevisen besitzen.<\/p>\n<p>Die Anpassungslast liegt bei den Defizitl&auml;ndern. Wenn diese nicht abwerten wollen, m&uuml;ssen sie Fremdw&auml;hrungen auf den Markt werfen und ihre eigene W&auml;hrung zur&uuml;ckkaufen. Interventionen in einer W&auml;hrung, die man nicht selbst emittierten kann, sind aber nur begrenzt m&ouml;glich und teuer, da die Defizitl&auml;nder in der Regel keine Gelegenheit hatten, Fremdw&auml;hrungen anzusammeln (dies setzt n&auml;mlich vorherige Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse voraus). In einem System fester Wechselkurse sind L&auml;nder mit Handelsbilanzdefiziten die Benachteiligten: sie m&uuml;ssen die Anpassungslast tragen, obwohl sie eigentlich die Schw&auml;cheren sind. (11)<\/p>\n<p>F&uuml;r Defizitl&auml;nder sind Abwertungen die wirtschaftlich bessere L&ouml;sung. Italien war wirtschaftlich erfolgreich (wenn man Erfolg nicht am Au&szlig;enhandels&uuml;berschuss, sondern am Besch&auml;ftigungs-, Einkommens- und Lebensniveau der Bev&ouml;lkerung misst), bis es sich dem Euro angeschlossen hat und seine Wettbewerbsf&auml;higkeit nicht mehr durch Abwertung erhalten konnte. Heute leidet es unter hoher Arbeitslosigkeit, sinkenden Einkommen und zunehmender Abh&auml;ngigkeit von den Finanzm&auml;rkten.<\/p>\n<p>Zweitens k&ouml;nnen Wechselkurse von den zum Ausgleich der Handelsbilanzen erforderlichen Parit&auml;ten abweichen, wenn es erhebliche Kapitalstr&ouml;me gibt. Das ist typisch f&uuml;r die USA, seit es ein wachsendes Handelsbilanzdefizit gibt (beginnend in den 1960er Jahren), das nicht durch eine entsprechende Abwertung des Dollars kompensiert wird. Das Handelsbilanzdefizit muss dann durch Verschuldung ausgeglichen werden, also durch einen Strom Finanztiteln aus dem Defizitland USA in die &Uuml;berschussl&auml;nder (China, Japan, Deutschland u.a.), d.h. durch die Zahlung von Dollar oder den Verkauf auf Dollar lautender Wertpapiere (vor allem Staatsanleihen). In den Bank&shy;systemen und bei den Anlegern der &Uuml;berschussl&auml;nder sammeln sich dann Dollar- und Wertpapierbest&auml;nde, denen US-Schulden entsprechen (und die in den Tresoren bzw. digitalen Datenbanken der &Uuml;berschussl&auml;nder auf ihre Abwertung warten, denn eine R&uuml;ckzahlung ist praktisch ausgeschlossen). Durch die Bedeutung des Dollars, der amerikanischen Finanzpl&auml;tze und der US-Staatsanleihen als weltweit wichtigster und sicherster Finanzanlage sowie durch ein vergleichsweise hohes Zinsniveau konnte seit den 1970er Jahren Jahr f&uuml;r Jahr genug Kapital in die USA gezogen werden, um deren Defizite in der Handelsbilanz und im Staatshaushalt zu finanzieren. Der Dollar war und ist die wichtigste Reservew&auml;hrung. Viele Regierungen, Unternehmen, Versicherungen und Banken ben&ouml;tigen und halten Dollarreserven oder kaufen auf Dollar lautende Wertpapiere, auch weil diese hohe Sicherheit und respektable Renditen versprechen (vgl. Varoufakis 2012).<\/p>\n<p>Drittens k&ouml;nnen Wechselkurse durch spekulative Kapitalbewegungen manipuliert werden, allerdings nicht anhaltend. Auch dabei k&ouml;nnen tempor&auml;r Wechselkurse entstehen, die von den Handelsparit&auml;ten erheblich abweichen und die zuweilen katastrophale W&auml;hrungskrisen ausl&ouml;sen. Untersuchungen zeigen, dass die Finanzm&auml;rkte auch unabh&auml;ngig von W&auml;hrungskrisen keine den Preisparit&auml;ten entsprechenden Kurse generieren, mal sind sie zu hoch, mal zu niedrig, also fast immer falsch f&uuml;r den aktuellen Handel und die Realwirtschaft. Dass dabei &uuml;ber mehrere Jahre durchschnittlich die richtigen Preisparit&auml;ten herauskommen, hilft wenig, denn der Handel orientiert sich an aktuellen Preisen, nicht an langfristigen Durchschnitten. Permanente Fehlallokationen sind im finanzmarktgesteuerten Kapitalismus normal: mal wird zu viel, mal zu wenig investiert, mal erscheint eine bestimmte Technologie rentabel, dann wieder nicht (vgl. Schulmeister 2012: 25ff, 51f).<\/p>\n<p>In der EU gab es nach dem Ende des internationalen W&auml;hrungssystems von Bretton Woods, in dem alle wichtigen W&auml;hrungen fest an den Dollar gebunden waren, mehrere Versuche, in Europa ein System fester, aber anpassbarer Wechselkurse einzurichten. Diese Systeme &ndash; W&auml;hrungsschlange, EWS I und EWS II &ndash; haben mal besser, mal schlechter funktioniert. Es gibt eine interessante wissenschaftliche Auseinandersetzung darum, ob die Vorteile oder die Nachteile dieses Systems im Vergleich zum Eurosystem &uuml;berwogen haben, worin die Ursachen der Funktionsdefizite bestanden. (H&ouml;pner\/Spielau 2015, H&ouml;pner 2013, H&ouml;pner\/Flassbeck 2016, Busch u.a. 2016b, Flassbeck 2016b)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"5-der-sonderfall-eurozone-unterschiedene-volkswirtschaften-haben-eine-gemeinsame-waehrung\">5. Der Sonderfall Eurozone: unter&shy;schie&shy;dene Volks&shy;wirt&shy;schaften haben eine gemeinsame W&auml;hrung<\/span><\/h2>\n<p>Mehrere verschiedene Volkswirtschaften, erhebliche Produktivit&auml;tsdifferenzen, unterschiedliche Sozialsysteme &ndash; mit einer gemeinsamen W&auml;hrung? Kann das funktionieren? Zweifel gab es von Anfang an.<\/p>\n<p>Innerhalb der Eurozone gilt eine gemeinsame W&auml;hrung, trotzdem handelt es sich nicht um eine einheitliche Volkswirtschaft. Die Unterschiede sind nicht regionaler, sondern nationaler Art. Der Grund sind zun&auml;chst (1) die erheblichen Differenzen in den Lohnniveaus, vor allem aber, dass es keinen &uuml;bergreifenden gemeinsamen Mechanismus der Regulierung der L&ouml;hne und Einkommen gibt: Arbeitsrecht, Lohnabschl&uuml;sse, Tarifvertr&auml;ge und Sozialsysteme werden in den Nationalstaaten geregelt. Die Lohnniveaus ergeben sich als Folge nationaler Lohnfindung, in Deutschland durch Aushandlung der Tarifpartner in einem rechtlich geregelten Rahmen. (2) Ein einheitliches Lohnniveau setzt den freien Fluss von Arbeitskr&auml;ften ohne relevante politische, rechtliche, aber auch sprachliche Barrieren voraus.(12) (3) Fehlen die politischen, rechtlichen, kulturellen Voraussetzungen f&uuml;r einen umfassenden Transfermechanismus, wie er zum Ausgleich von &Uuml;bersch&uuml;ssen und Defiziten innerhalb einer Volkswirtschaft ben&ouml;tigt wird (4), w&auml;ren die Gr&ouml;&szlig;enordnungen der ben&ouml;tigten Transfers (mehrere hundert Milliarden pro Jahr) viel zu hoch.<\/p>\n<p>Statische Betrachtung: Zwischen Volkswirtschaften werden volkswirtschaftliche Produktivit&auml;tsdifferenzen (vgl. Anm.&nbsp;8) durch Lohn- und Einkommensdifferenzen kompensiert. Der Ausgleich w&auml;re vollst&auml;ndig, wenn sich die Lohnniveaus wie die Produktivit&auml;tsniveaus verhalten. Ist die volkswirtschaftliche Produktivit&auml;t in Staat A doppelt so hoch wie in B, dann sollten auch die L&ouml;hne und die davon abh&auml;ngigen Masseneinkommen (Renten vor allem) doppelt so hoch sein. Auch die Gewinne w&auml;ren doppelt so hoch, Lohnquote und volkswirtschaftliche Gewinnraten hingegen etwa gleich. Dann w&uuml;rden keine gr&ouml;&szlig;eren &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite im Au&szlig;enhandel entstehen k&ouml;nnen (mal wieder unterstellt, die Einfl&uuml;sse der Finanzm&auml;rkte und der Spekulationen w&auml;ren klein bzw. k&ouml;nnten hinreichend klein gehalten werden).<\/p>\n<p>Das Verh&auml;ltnis von Lohn (Bruttoentgelt pro Arbeitsstunde) und Produktivit&auml;t (BIP pro Arbeitsstunde) wird in den Lohnst&uuml;ckkosten gemessen: <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/v221_Land04b.jpg\" width=\"380\" height=\"79\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Wenn in zwei L&auml;ndern die Proportionen zwischen Stundenlohn und Produktivit&auml;t gleich sind, z.B.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" hspace=\"0\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/v221_Land04c.jpg\" width=\"190\" height=\"74\" alt=\"\"><\/p>\n<p>sind auch die Lohnst&uuml;ckkosten gleich, d.h. die beiden Volkswirtschaften w&auml;ren preislich gleich wettbewerbsf&auml;hig. Dynamisch betrachtet: Steigen die L&ouml;hne so wie die Produktivit&auml;t, bleibt die Wettbewerbsf&auml;higkeit auch bei unterschiedlichen Produktivit&auml;tstendenzen erhalten. Steigen die L&ouml;hne etwas mehr als die Produktivit&auml;t, angenommen um zus&auml;tzlich 1,9 Prozent, dann steigen auch die Lohnst&uuml;ckkosten um 1,9 Prozent und alle Preise w&uuml;rden im Mittel um diesen Betrag steigen. Das ist die sogenannte goldene Lohnregel: die L&ouml;hne sollen so steigen wie die Produktivit&auml;t plus der Zielinflationsrate, die in der Eurozone 1,9 Prozent betragen soll. Wenn alle L&auml;nder die L&ouml;hne um die jeweils nationale Produktivit&auml;t plus die gemeinsame Zielinflationsrate der Eurozone steigerten, w&uuml;rde sich die Wettbewerbsf&auml;higkeit der L&auml;nder relativ zueinander nicht &auml;ndern, man w&uuml;rde relativ zueinander keine Marktanteile verlieren oder gewinnen, jedenfalls nicht wegen unterschiedlicher Lohnst&uuml;ckkosten. Ein gleichgewichtiger Handel erfordert, dass die L&auml;nder etwa gleiche Lohnst&uuml;ckkosten haben. Das bezieht sich auf den Durchschnitt, nicht auf die einzelnen Produkte. Vielmehr wird jedes Land bestimmte Produkte g&uuml;nstiger und\/oder in besserer Qualit&auml;t herstellen k&ouml;nnen und exportieren, jedoch die Dinge und Leistungen importieren, die anderswo g&uuml;nstiger hergestellt werden. Genau dann lohnt sich Handel f&uuml;r beide.<\/p>\n<p>Dynamische Betrachtung: Steigen die L&ouml;hne so wie die Produktivit&auml;t, steigt auch die Nachfrage nach G&uuml;tern und Leistungen in gleichem Ma&szlig;e. Steigt die Produktivit&auml;t um angenommen 2 Prozent, die Preise um 1,9 Prozent, dann w&uuml;rde das BIP nominal um 3,9 Prozent wachsen. Steigen auch die L&ouml;hne um nominal 3,9 Prozent, w&uuml;rde die Nachfrageentwicklung genau der gestiegenen Produktion entsprechen, es g&auml;be weder ein Nachfragedefizit noch eine Produktionsl&uuml;cke. Export und Import stiegen dann ebenfalls proportional. Stiege der Export &uuml;berproportional, w&uuml;rde das Angebot auf dem Binnenmarkt sinken, die Nachfrage nach Importen daf&uuml;r steigen, so dass die Import-Export-Handelsbilanz ausgeglichen bliebe.<\/p>\n<p>Nur wenn die Lohnentwicklung von der Produktivit&auml;tsentwicklung abweicht, entstehen Export- oder Import&uuml;bersch&uuml;sse: Steigen die L&ouml;hne mehr als die Produktivit&auml;t, muss die zus&auml;tzliche Nachfrage durch mehr Importe ausgeglichen werden &ndash; Defizit. Steigen die L&ouml;hne geringer als die Produktivit&auml;t, muss ein Teil der Produktion exportiert werden &ndash; &Uuml;berschuss. Oder die Mehrproduktion k&ouml;nnte nicht verkauft werden, was folgend zu einer Reduzierung der Produktion und, wenn es nicht korrigiert w&uuml;rde, in eine Abw&auml;rtsspirale aus sinkenden L&ouml;hnen, sinkender Produktion und steigender Arbeitslosigkeit f&uuml;hren w&uuml;rde.<br \/>Betrachten wir die Daten der Eurozone. Die Abbildungen 5 und 6 zeigen, dass die Lohnst&uuml;ckkosten erheblich differieren, wobei die Differenzen seit Gr&uuml;ndung der Eurozone bis zur Krise 2009 immer gr&ouml;&szlig;er geworden sind. Abb. 5 zeigt die Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung Deutschlands, Frankreichs und Italiens im Verh&auml;ltnis zum Inflationsziel. Die deutsche Lohnentwicklung bleibt dramatisch hinter dem Inflationsziel zur&uuml;ck, Deutschland hat ca. 20 bis 30 Prozent zu geringe Lohnst&uuml;ckkosten, in der EWU ohne Deutschland (Griechenland, Spanien und Italien) waren die Lohnst&uuml;ckkosten zu hoch. Seit 2012 w&auml;chst der Abstand zwar nicht mehr, aber er wird auch nicht geringer.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/v221_Land05.jpg\" width=\"380\" height=\"210\" alt=\"\"><br \/><i>Abb. 5: Lohnst&uuml;ckkosten Deutschland und EWU in nationaler W&auml;hrung in Relation zum Inflationsziel der EZB (Grafik: Makroskop)<\/i><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/v221_Land06.jpg\" width=\"380\" height=\"205\" alt=\"\"><br \/><i>Abb. 6: Lohnst&uuml;ckkosten in Italien, Frankreich, Deutschland in Relation zum Inflationsziel der EZB (Grafik: Makroskop)<\/i><\/p>\n<p>Die Lohnentwicklung in Frankreich entsprach bis 2013 fast ideal dem Inflationsziel von 1,9 Prozent, danach weicht sie nach unten ab &ndash; eine Folge der zunehmenden Arbeitslosigkeit (Abb. 6). In Italien sind die L&ouml;hne bis zur Krise zu stark gestiegen, seither n&auml;hern sich die Lohnst&uuml;ckkosten der Zielinflationsrate an. Allerdings k&ouml;nnen die Handelsbilanzdefizite der Eurozone nicht allein durch Lohnanpassungen in den Defizitl&auml;ndern nach unten abgebaut werden. Nur wenn Deutschland die &Uuml;bersch&uuml;sse abbaut, also L&ouml;hne erh&ouml;ht und mehr importiert, haben die anderen Eurol&auml;nder eine Chance.<\/p>\n<p>Die franz&ouml;sische Lohnentwicklung entsprach der goldenen Lohnregel; das Leistungsbilanzdefizit ist nicht durch &uuml;berh&ouml;hte franz&ouml;sische Lohnabschl&uuml;sse verursacht, sondern die Kehrseite des deutschen &Uuml;berschusses. Daher w&auml;re es falsch, das franz&ouml;sische Leistungsbilanzdefizit durch Lohnsenkungen abzubauen, wie es derzeit mit &bdquo;Flexibilisierung&ldquo; und &bdquo;Strukturanpassung&ldquo; von Frankreich verlangt und von Pr&auml;sident Macron angestrebt wird. Das franz&ouml;sische Defizit muss durch Anpassung der deutschen L&ouml;hne nach oben abgebaut werden. Eine Anpassung der franz&ouml;sischen L&ouml;hne nach unten, also auf ein Niveau unterhalb der Produktivit&auml;tsentwicklung, w&uuml;rde die Eurozone insgesamt in eine deflation&auml;re s&auml;kulare Stagnation zwingen (oder sollte man sagen: in der schon gegebenen Krise festhalten).<\/p>\n<p>Dass Deutschland mit einer Politik der &Uuml;bersch&uuml;sse durch Lohnzur&uuml;ckhaltung erfolgreich war, bedeutet nicht, dass dies f&uuml;r die gesamte EU funktionieren k&ouml;nnte. Der &bdquo;Erfolg&ldquo; hatte einen Grund, der sich nicht auf die Eurozone &uuml;bertragen l&auml;sst: Die wichtigsten Handelspartner und Importeure deutscher Waren &ndash; Frankreich, Italien und andere Eurol&auml;nder &ndash; konnten sich nicht durch Abwertung ihrer W&auml;hrungen wehren, weil sie in der Euro-W&auml;hrungsunion gefangen waren. Und sie hatten auch keine eigene Zentralbank, die der deutschen Deflation durch Geldpolitik gegensteuern konnte. China und die USA werden aber eine Ausweitung des deutschen Modells der Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse auf die gesamte EU nicht widerstandslos hinnehmen. Entweder werten sie auch ab &ndash; womit sich &uuml;brigens ein Teil der &bdquo;ersparten&ldquo; deutschen Finanzanlagen durch Wertverlust verfl&uuml;chtigen w&uuml;rde &ndash; oder sie werden mit politischen Mitteln gegen wachsende Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse der &bdquo;deutschen&ldquo; EU vorgehen. Werden die geplanten &bdquo;Reformen&ldquo; zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch die derzeitige franz&ouml;sische Pr&auml;sidentschaft erfolgreich umgesetzt, d&uuml;rfte sich die Abweichung von der Zielinflationsrate nach unten weiter verst&auml;rken. Wenn beide gro&szlig;en Volkswirtschaften der Eurozone versuchen, &uuml;ber eine Strategie der Lohnmoderation zu &Uuml;bersch&uuml;ssen zu kommen, werden die Probleme der anderen Eurol&auml;nder noch gr&ouml;&szlig;er &ndash; und nat&uuml;rlich der Widerstand der anderen L&auml;nder der Weltwirtschaft, vor allem der USA.<\/p>\n<p>Abbildung 7 zeigt die Leistungsbilanzsalden. In Korrespondenz mit Abbildung 6 erkennt man den Zusammenhang zu den Lohnst&uuml;ckkosten: Deutschland mit Lohnst&uuml;ckkosten deutlich unter der Zielinflationsrate hat &Uuml;bersch&uuml;sse, die L&auml;nder mit Lohnst&uuml;ckkosten, die der Zielinflationsrate entsprechen (Frankreich) oder dar&uuml;ber liegen (Italien, Spanien, Griechenland) haben Defizite. Die Korrektur der L&ouml;hne in der Krise f&uuml;hrt ab 2011 zu sinkenden Defiziten, ab 2012 haben Italien und Spanien wieder &Uuml;bersch&uuml;sse, weil die Importe drastisch sanken (vgl. auch Abb. 2 in Teil I).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/v221_Land07.jpg\" width=\"380\" height=\"221\" alt=\"\"><br \/><i>Abb. 7: Leistungsbilanzsalden Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien (Grafik: Makroskop)<\/i><\/p>\n<p>Von 1991 bis etwa 2000 waren die &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite moderat im Bereich von plus minus 2 bis maximal 4 Prozent des BIP; nicht gerade problemlos, aber ertr&auml;glich. Nach der Einf&uuml;hrung des Euros als gemeinsamer W&auml;hrung begannen die Leistungsbilanzsalden auseinander zu laufen. Der deutsche &Uuml;berschuss (13) stieg fast stetig auf inzwischen &uuml;ber 8 Prozent des BIP. Die Leistungsbilanzsalden der anderen Eurol&auml;nder sanken bis zur gro&szlig;en Finanzkrise auf Defizite von 4 und mehr, in Spanien auf &uuml;ber 8 Prozent. Seit 2009 gehen die Defizite zur&uuml;ck, und zwar auf Grund drastischer Einschr&auml;nkung der Importe, was Ausdruck sinkender Einkommen und steigender Arbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise ist. Die Tatsache, dass die Leistungsbilanzdefizite Spaniens, Italiens und Frankreichs sinken, der deutsche &Uuml;berschuss aber bislang nicht zur&uuml;ckgeht, zeigt, dass es noch keine hinreichende Korrektur der Lohnentwicklung in Deutschland gegeben hat. Zum anderen zeigt diese Entwicklung, dass die EU insgesamt auf dem Weg zu Handelsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen gegen&uuml;ber nicht-Euro-L&auml;ndern ist &ndash; sichtbar in Abbildung 3 (s. Teil I).<\/p>\n<p>Die oben gezeigten Grafiken dokumentieren, dass es in der Eurozone keine funktionierende Anpassung der Lohnniveaus an das Produktivit&auml;tsniveau gibt. Insbesondere erm&ouml;glichen die Regeln der Eurozone, dass eine Volkswirtschaft sich &uuml;ber hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckbleibenden L&ouml;hne einen Wettbewerbsvorteil gegen&uuml;ber den anderen Mitgliedern der W&auml;hrungsunion verschafft. Nur weil die anderen Eurol&auml;nder h&ouml;here, aber im Fall Frankreichs &ouml;konomisch richtige Lohnst&uuml;ckkosten haben, kann dies funktionieren. Ebenso wenig sind die Regeln umgekehrt geeignet, Abweichungen der L&ouml;hne nach oben rechtzeitig einzuschr&auml;nken. Erst 10 Jahre nach Einf&uuml;hrung des Euro wurde klar, dass einige L&auml;nder (konkret: Griechenland, Spanien und Italien) zu hohe L&ouml;hne hatten.<\/p>\n<p>Einer der Grundfehler ist die fehlende Regulation der Lohnniveaus. Der andere Grundfehler ist, dass zwar das Schuldenmachen zur Finanzierung der Handelsbilanzdefizite begrenzt wird, aber die Kumulation von Finanzanlagen (das Gegenst&uuml;ck zu den Defiziten, der finanzielle Ausdruck der &Uuml;bersch&uuml;sse) unbegrenzt ist und sogar als Erfolgsausweis betrachtet wird. Dieser Fehler setzt sich auch formal fort: Der Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakt sanktioniert Defizite ab 4 Prozent, &Uuml;bersch&uuml;sse aber erst ab 6 Prozent, obwohl beides Ausdruck ein und desselben Vorgangs ist. Die &ouml;konomische Fehlkonstruktion setzt sich in der Rechtskonstruktion fort. Damit wird die Anpassungslast falsch auf die Defizitl&auml;nder gelegt. Diejenigen, die keine Mittel zur Intervention haben, sollen sich durch Schrumpfen anpassen; diejenigen, die die Mittel h&auml;tten um L&ouml;hne, Ausgaben und Investitionen zu erh&ouml;hen, also ihren sachlichen Reichtum statt des Geldverm&ouml;gens zu vergr&ouml;&szlig;ern, sind nicht dazu angehalten.<\/p>\n<p>Halten wir fest: Verschiedene Volkswirtschaften haben unterschiedliche Produktivit&auml;ts-, aber auch unterschiedliche Lohnniveaus. Zwischen Handel treibenden Volkswirtschaften gleichen sich Produktivit&auml;tsunterschiede normalerweise durch die Anpassung der Lohnniveaus aus. Wenn die L&ouml;hne der goldenen Lohnregel entsprechen, dann entstehen keine gr&ouml;&szlig;eren &Uuml;bersch&uuml;sse oder Defizite.<\/p>\n<p>Der oben beschriebene Wechselkursmechanismus entspricht in seiner Wirkungsweise dem Ausgleich durch Anpassung der Lohnniveaus, denn die Ver&auml;nderung der nominalen Wechselkurse &auml;ndert die realen Wechselkurse so, dass die Reallohndifferenzen den Produktivit&auml;tsdifferenzen entsprechen. In dem Land, das aufwertet, steigen die Lohnst&uuml;ckkosten und die Reall&ouml;hne, in dem Land das abwertet sinken sie. Dadurch werden Abweichungen der L&ouml;hne von der Produktivit&auml;t korrigiert und &Uuml;bersch&uuml;sse bzw. Defizite in den Handelsbilanzen gehen zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Da es in der Eurozone keinen Wechselkursmechanismus gibt, k&ouml;nnen divergente Entwicklungen der Lohnst&uuml;ckkosten nur vermieden werden, wenn die L&ouml;hne von vornherein der Produktivit&auml;tsentwicklung &ndash; der goldenen Lohnregel &ndash; entsprechen. Dies muss nicht in jedem Jahr und sehr genau geschehen, sollte sich aber &uuml;ber einen Zeitraum von einigen Jahren immer wieder ausgleichen. Abweichungen d&uuml;rften sich nicht kumulativ verst&auml;rken, was aber seit 1998 der Fall war.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass es eine Abstimmung der Regierungen und der Tarifpartner &uuml;ber die Lohnentwicklung geben m&uuml;sste &ndash; und eine politische Notfall-Interventionsm&ouml;glichkeit, wenn sich erhebliche Divergenzen in der Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung zeigten. Wenn die Tarifpartner keine Vereinbarungen erreichen, die eine den jeweiligen nationalen Produktivit&auml;tsentwicklungen entsprechende Entwicklung der nationalen Lohnniveaus gew&auml;hrleisten, m&uuml;ssen politische Vorgaben und Eingriffe m&ouml;glich sein. Dabei gilt es nicht nur, &uuml;berschie&szlig;ende, zu hohe Lohnabschl&uuml;sse zu verhindern, sondern genauso, hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckbleibende L&ouml;hne anzuheben. Ein wichtiger Punkt: Deutschland m&uuml;sste &uuml;ber mehrere Jahre &uuml;berproportionale Lohnsteigerungen akzeptieren, damit die anderen L&auml;nder die Chance haben, den Verlust an Wettbewerbsf&auml;higkeit wieder aufzuholen und sich in der Eurozone insgesamt wieder eine konvergente Lohnst&uuml;ckkostenentwicklung entlang der Zielinflationsrate einpendeln kann.<\/p>\n<p>Die Regulation der Lohnentwicklung hat drei m&auml;chtige Gegner: die deutsche Exportwirtschaft, die den Wettbewerbsvorteil durch den R&uuml;ckstand der L&ouml;hne und m&ouml;glichst weiter hinter der Produktivit&auml;t zur&uuml;ckbleibende L&ouml;hne nicht aufgeben will; die Finanzm&auml;rkte, die Gesch&auml;fte mit der Finanzierung von &Uuml;bersch&uuml;ssen und Defiziten machen; und die Regierung, die am G&auml;ngelband der Export- und Finanzwirtschaft und der neoliberalen Wirtschaftsberater h&auml;ngt &ndash; unterst&uuml;tzt von den Medien, die mehrheitlich ebenfalls den neoliberalen Diskurs st&uuml;tzen. Sie alle propagieren Lohnzur&uuml;ckhaltung und Austerit&auml;t als die Mittel der Wahl und wollen die Eurozone gesund schrumpfen statt sie durch steigende L&ouml;hne und Investitionen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Deshalb stehen die Chancen nicht besonders gut f&uuml;r eine Lohnregulierung, die mit den Funktionsbedingungen einer W&auml;hrungsunion kompatibel w&auml;re. Keine Partei in Deutschland verfolgt eine derartige Strategie.<\/p>\n<p><i>RAINER LAND&nbsp;&nbsp; Dr. sc. oec. (Jg. 1952), studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin. Seit 1992 ist er Redakteur der Zeitschrift Berliner Debatte Initial. Seit den 1980er Jahren arbeitet er an &raquo;Bausteinen zu einer evolutorischen Theorie der Moderne&laquo;. Seit 2000 ist er in diversen empirischen und theoretischen Projekten am selbst gegr&uuml;ndeten Th&uuml;nen-Institut e.V. in Bollewick t&auml;tig.<br \/><\/i><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Das Literaturverzeichnis finden sich in Teil I des Beitrags in vorg&auml;nge Nr. 220, S. 63 ff.<\/p>\n<p><b>Datenquellen <\/b><\/p>\n<p>Abb. 4: Daten von Eurostat, <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/de\/data\/database\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/de\/data\/database<\/a> (zugegriffen 31. Oktober 2017), eigene Grafiken<\/p>\n<p>Abb. 5, 6 und 7: Daten von Statista 2017, <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.statista.com\/<\/a>; Grafik Makroskop<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h2>\n<p>8 Sicherheitshalber merke ich an, dass es sich hier um die gesamtwirtschaftliche Produktivit&auml;t einer Volkswirtschaft oder einer Region handelt, gemessen in Produktionswert bzw. Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Arbeitsstunde oder pro Besch&auml;ftigten, in einigen F&auml;llen auch pro Einwohner. Dies ist zu unterscheiden von technischen Produktivit&auml;tskennziffern (Menge an Produkten in St&uuml;ck pro Arbeitsstunde), betriebswirtschaftlichen oder branchenbezogenen (Produktionswert pro Stunde in einem Unternehmen oder einer Branche). In jeder modernen Volkswirtschaft steigt die technologische<br \/>Produktivit&auml;t notwendigerweise in einigen Branchen &uuml;berdurchschnittlich (innovative neue Industrien), in einigen unterdurchschnittlich (alte, traditionelle oder lokale Industrien mit geringem Innovationspotenzial) und in einigen sachbedingt gar nicht (Lehrer, &Auml;rzte, viele personenbezogene Dienstleistungen. Ein Arzt, Lehrer, Friseur oder Wahrsager kann die Zahl seiner Klienten pro Stunde nicht wesentlich erh&ouml;hen, ohne die Qualit&auml;t seiner Dienstleistung zu mindern). Damit diese Branchen an der durchschnittlichen Produktivit&auml;ts- und Einkommensentwicklung der Volkswirtschaft teilhaben, m&uuml;ssen die Preise f&uuml;r die Produkte und Leistungen in Branchen mit unterdurchschnittlicher Produktivit&auml;tsentwicklung &uuml;berdurchschnittlich steigen, w&auml;hrend sie in innovativen Branchen sinken oder unterdurchschnittlich steigen. Durch diesen systemischen Mechanismus werden die unvermeidbaren technischen Produktivit&auml;tsdifferenzen zwischen Branchen ausgeglichen, so dass bei einem funktionierenden System der Preis- und Lohnregulation theoretisch alle in gleichem Ma&szlig;e an der volkswirtschaftlichen Produktivit&auml;tsentwicklung teilhaben. Eine Konsequenz dieses marktwirtschaftlichen Ausgleichs ist, dass die Inflationsrate in der Regel nicht Null sein kann, sondern in der N&auml;he der durchschnittlichen Produktivit&auml;tssteigerung liegen sollte.<\/p>\n<p>9 Wir sehen von Sonderkonstellationen wie Irland oder Luxemburg ab.<\/p>\n<p>10 Die Alternative zu Transfers w&auml;re, dass sich die Haushalte der Defizitregionen zunehmend verschulden, w&auml;hrend die der &Uuml;berschussregionen Geldverm&ouml;gen anh&auml;ufen &ndash; eine Alternative, die innerhalb einer Volkswirtschaft nur sehr eingeschr&auml;nkt besteht, weil eine Region nicht &uuml;ber das Mittel der Kreditsch&ouml;pfung verf&uuml;gt, keine eigene W&auml;hrung hat. Auch regionale Banken werden Kunden in Defizitregionen keine hohen und unbefristeten Kredite gew&auml;hren, weil sie nicht damit rechnen k&ouml;nnen, dass diese die Kredite zur&uuml;ckzahlen k&ouml;nnen. Um Kredite zu tilgen und zu verzinsen, ben&ouml;tigt man n&auml;mlich &Uuml;bersch&uuml;sse.<\/p>\n<p>11 Keynes Vorschlag sah eine andere Verteilung der Anpassungslasten vor &ndash; hier sollten die prosperierenden &Uuml;berschussl&auml;nder in einen Fonds einzahlen, mit dem W&auml;hrungsinterventionen auf multinationaler Ebene erm&ouml;glicht wurden. Der Vorschlag wurde aber von den USA abgelehnt. &bdquo;Wie Keynes 1941 sagte, trifft bei festen Wechselkursen &sbquo;&hellip; die Last der Anpassung das Land, das in der internationalen Zahlungsbilanz in der Position des Schuldners ist &ndash; das hei&szlig;t, das (in diesem Zusammenhang) das schw&auml;chere und dazu auch noch das kleinere ist im Vergleich zur Gegenseite, die (in dem Fall) der Rest der Welt ist.&lsquo; [Keynes 1980: 279]&ldquo;. Zit nach Varoufakis 2016 Kindle Pos. 5699-5702, Fu&szlig;note 22. Vgl. auch Pos 428, 499, 548, 2265, 5022, 5298.<\/p>\n<p>12 Zwar gibt es innerhalb der EU Arbeitnehmerfreiz&uuml;gigkeit, aber abgesehen vom Billiglohnsektor und einigen speziellen Branchen ist die Arbeitsmigration schwach und bei Weitem nicht hinreichend, um die Lohn- und Einkommensniveaus anzugleichen. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede verhindern Wanderung in Gr&ouml;&szlig;enordnungen, wie sie z.B. f&uuml;r die USA typisch sind. Man darf angesichts der &ouml;kologischen Zukunftsfragen auch bezweifeln, ob die mit der Herstellung eines einheitlichen europ&auml;ischen Arbeitsmarkts verbundene Mobilit&auml;t von Portugal bis Bulgarien und Sizilien bis Norwegen wirklich wirtschaftlich w&uuml;nschenswert und lebensweltlich sinnvoll ist.<\/p>\n<p>13 Der Exportanteil betr&auml;gt 46 Prozent des BIP (2016), das w&auml;re kein Problem, wenn der Importanteil genauso hoch w&auml;re. Der betr&auml;gt aber nur 38 Prozent des BIP.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":15041,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1787],"publikationen":[1090],"class_list":["post-10601","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-rainer-land","publikationen-221-222"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u00dcbersch\u00fcsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerst\u00f6ren die Eurozone und gef\u00e4hrden die Europ\u00e4ische Union (II) - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/221-222\/publikation\/defizite\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u00dcbersch\u00fcsse und Defizite in den Handelsbilanzen zerst\u00f6ren die Eurozone und gef\u00e4hrden die Europ\u00e4ische Union (II) - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 221\/222 (1-2\/2018), S. 179-195 Im ersten Teil seines Beitrags (in Heft Nr. 220) erkl&auml;rte Rainer Land, welche &ouml;konomischen, gesellschaftlichen und &ouml;kologischen Probleme mit den &Uuml;bersch&uuml;ssen in Au&szlig;enhandelsbilanzen (und den notwendigen Defiziten anderer L&auml;nder) verbunden sind. 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